Chapter 17
»Haha« â Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist der Fortschritt verhaÃter, nirgends werden neue Ideen feindseliger befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daà es ein Unsinn sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daà es ein Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entschloà die Schule sich wirklich, diesen einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daà man nichts Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist _vor_ dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein Buch erscheinen lassen âDas Recht des Schülersâ â«
»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daà es so groÃen Anklang gefunden hat.«
»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und durchdachter Widerspruch ist. Aber was muà ich erleben? Kaum ein Tag vergeht, daà ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige FuÃtritte, bei denen die Schüler sich zuraunen: âDas geht auf Rumolt.â Die Herren glauben, daà ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daà es ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr, und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.«
»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich. Ich gestehe Ihnen offen, daà auch ich gegen Ihre Schrift manches einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches â es ist noch nicht vollkommen â aber kommt alle herbei, es zu hegen und zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen, daà es groà und stark werde?«
»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daà mein Direktor mich seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist, obwohl er ganz genau weiÃ, daà ich meine Pflicht tue. Er will mir zu Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir. âSuchet, so werdet Ihr finden,â sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. âGebt mir zwei Worte von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.â LaÃt einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben Effekt. âSie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.â â âSie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen lassen.â â âSie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstandâ usw. usw. Es stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewià und vielleicht überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes schaffen. Nach meinen Ideen _darf_ ich nicht arbeiten, und nach den alten _kann_ ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.«
»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich, wahrhaftig seien â«
»Vielleicht tat er das im stillen â ich sah ihn freilich keine Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt. âRumolt soll stranguliert werden,â flüsterten sich die Schüler zu. Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.«
Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen.
Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saà Drögemüller schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief:
»Juten Tag, Herr Semper. Setzen Sie sich.«
»Herr Drögemüller,« begann alsdann der Schulrat, »hat allerlei Klagen jegen Sie vorjebracht. Meistens handelt es sich um Kleinigkeiten, die ich nich berühren will. Aber Herr Drögemüller beschuldigt Sie der fortgesetzten Renitenz; was haben Sie dazu zu sagen.«
»Herr Schulrat,« sagte Asmus, »ich kann Sie ja selbst als Zeugen darüber anrufen, ob ich in den vierundeinhalb Jahren, da ich Ihr Schüler war, eine renitente Veranlagung bekundet habe â«
»Det haben Se _nich_,« sagte Korn mit Nachdruck.
»Ich bin auch nicht so töricht, zu meinen, daà ein Hauptlehrer lauter vortreffliche Anordnungen treffen müsse und daà ein Lehrer berechtigt sei, sich gegen jede Verfügung, die ihm verfehlt erscheint, aufzulehnen. Ich füge mich gern, soweit es möglich ist, wenn man mir mit Vertrauen begegnet und wenn man mich nicht in meinen besten Kräften lahmlegt. Das tut aber Herr Drögemüller. Gleich zu Anfang schon verlangte Herr Drögemüller von uns drei neuangestellten Lehrern, daà wir alle auf dieselbe Weise den Leseunterricht erteilen sollten, und zwar auf die von ihm vorgeschriebene Weise â«
»Aber Herr Semper,« lachte Korn, »det müssen Se miÃverstanden haben; sonst müÃte ja Herr Drögemüller (er deutete auf seine Stirn) hier nich janz richtig sein!«
Drögemüller erblaÃte sehr tief. »Ich habe es keineswegs befohlen,« stammelte er, »ich habe es nur gewünscht â«
»Warum?« fragte Korn.
»Weil â weil es doch wünschenswert ist, daà der Unterricht an einer Schule gleichmäÃig erteilt wird.«
»Warum?« fragte Korn.
»Nun â es ist dann doch â alles â übersichtlicher â.« Drögemüller machte eine vage Handbewegung.
»Wieso?« forschte der grausame Korn.
»Man kann doch dann die Fortschritte besser kontrollieren.«
»So. Na, dann weià ich schon Bescheid. Wat wollân Sie sagen, Herr Semper?«
»Herr Drögemüller hat allerdings die Form des Wunsches, aber den Ton des Befehls gewählt, und da ich diesen Wünschen nicht nachkomme, verfolgt er mich mit Aufpassereien, die mich ärgern und kränken müssen und die mir die Lust an der Arbeit vernichten.«
»Na ja, zum Aufpassen ist Herr Drögemüller ja da,« sagte Korn, der das Gefühl hatte, daà er den zusammengesunkenen Drögemüller ein wenig wieder aufrichten müsse; »es gibt leider auch faule und unfähige Lehrer, die einen Aufpasser brauchen. _Aber schikaniert wird hier keiner_«, fuhr er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf den Ankläger fort. »_Wenn ein Lehrer was kann und was will, dann soll er jede mögliche Freiheit jenieÃen und nicht mit Quisquilien behelligt werden._ Aber verjessen Se nich, Herr Semper, dat Se Beamter sind, den Rat jebe ich Ihnen. â Sie können jehen, Herr Drögemüller. Sie bleiben noch, Herr Semper.«
»Soll ick Sie an die Seminarschule versetzen?« fragte Korn, als sie allein waren.
Das war sozusagen eine Beförderung; denn es stand fest, daà die Lehrer an der Seminarschule schneller avancierten als die anderen. Mit dieser Kenntnis hatte Asmus immer die Vorstellung von Karrierenluft verbunden, und diese bloÃe Vorstellung genügte, ihn zurückzuschrecken. Es muÃte ja Aufpasser geben in der Welt; aber er mochte keiner sein. Und wo man Karriere machte, da paÃten gar die Strebenden einer auf den andern! Er fand es ungleich schöner, immer in unmittelbarer Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Konnte man sich Pestalozzi als inspizierenden Oberlehrer denken? Asmus sah ihn immer nur unter Kindern.
»Ich danke Ihnen sehr, Herr Schulrat,« sagte Asmus, »aber ich möchte die Kinder, die ich nun einigermaÃen kenne, noch einige Jahre weiterführen. Und dann habâ ich in meinem Kollegium so liebe Freunde gefunden, daà ich mich ungern von ihnen trennen würde â«
»Na, wenn Se nich wollen â« rief Korn in halber Verstimmung, »denn sehn Se zu, wie Sie sich mit dem Drögemüller vertragen. Mitâm Kopp durch die Wand kann keiner, und jefallen lassen müssen wir uns alle was. Ich auch. Adieu!«
»Adieu, Herr Schulrat. Herzlichen Dank!«
Asmus verlieà das Gebäude der Oberschulbehörde mit dem frohen Gefühl, daà es Männer gebe, denen alle hierarchische Rangordnung nichts gelte, wenn es sich um Recht und Billigkeit handle. Er war fest überzeugt, daà die Welt überhaupt so eingerichtet sei, und daà man, wenn man sich nur nicht beim Unrecht beruhige, immer zuletzt den Ort finden müsse, wo das Recht in smaragdener Schale ausgehoben und gehütet sei wie das heilige Blut der Welt. So blickte er gläubig und heiter in den schönen Frühlingstag, während zu Hause auf seinem Tische das Schicksal lag und lauerte, um ihm die Krallen ins Fleisch zu schlagen.
XLIV. Kapitel.
Zwei Briefe, und jeder ein Schlag.
Er hatte seinen Eltern nichts von der Vorladung vor den Schulrat gesagt, um sie nicht zu beunruhigen; er sagte ihnen auch nichts von dem Ausgange; denn seine Mutter würde doch Bemerkungen über seinen »Hitzkopf« gemacht haben. Eben weil sie so hitzköpfig war, verurteilte sie alle Hitzköpfigkeit.
»Drinnen aufâm Tisch liegen zwei Briefe für dich,« sagte Frau Rebekka.
Eilig ging er hinein, öffnete den einen der Briefe und las:
Hilde Chavonne Hermann Kiefer Verlobte.
Hamburg, den â â â â â
Das Blatt war seinen Händen entfallen.
Er sah nach der Tür â sie war noch offen â schnell ging er hin und drückte sie ins SchloÃ. Nur allein sein. Dann lieà er sich auf einen Stuhl fallen.
Merkwürdig, wie ihn das traf. War es denn nicht selbstverständlich, daà Hilde Chavonne sich einmal verlobte? Und hatte er denn je geglaubt, sie werde sich mit ihm verloben? Nein, nicht einmal im Traum hatte er das gehofft. Darum hatte er ja auch nie die geringste Anstrengung gemacht, sie zu gewinnen. Er war ihr während des letzten Jahres fast völlig ferngeblieben, nicht eigentlich mit Absicht; aber da es sich so gefügt hatte, daà sie sich nur selten und flüchtig sahen, war es ihm recht gewesen. Vor einem Vierteljahr hatte er sie zuletzt gesehen, an einem Festabend der »Treue von 1880«, als er mit einem hübschen Mädchen zusammen ein Duett gesungen hatte. Das Fräulein Chavonne war an jenem Abend sehr still, sehr ernst, und obwohl freundlich, doch sehr zurückhaltend gewesen.
Und jetzt â verlobt! â
Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht vorüber â es geht vorüber.
Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha â im selben Augenblick muÃte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf _ihn_? Hatte er ihr das geringste Zeichen gegeben, daà sie auf ihn warten solle? Hatte er überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daà es mit dem Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse aufgesogen.
Jetzt, jetzt mit einem Male wuÃte erâs: Nur an Hilde hatte er gedacht, wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib â nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in weinenden Odenstrophen â hatte er an sie gedacht. Jetzt wuÃte erâs, daà er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde â und er begriff nicht, daà er das nicht gewuÃt hatte, bevor er diesen Brief geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht bewuÃt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen.
So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen, ZurückgestoÃenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und erkennt, daà es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein Werdendes, das, zu groÃer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war.
Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn â er war von Rumolt â mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber nur die ersten.
»Mein lieber Freund!
Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie sind von festerem Stoff als ich und werden, das weià ich, den Kampf besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaÃt, will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler â ich glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen â einem Untersekundaner, der zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der Junge nachher selbst ausgeplaudert. So brachtâ die Sonnâ es an den Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wärâ er aus der Welt gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe.
Rumolt.«
Asmus hatte die letzten Zeilen mit fliegendem Atem gelesen; jetzt sprang er nach der Tür.
»Wo willst du hin?« rief Frau Rebekka, »dein Essen ist fertig!«
»Ich esse nichts â ich muàâ«
»Junge, du hast ja keinen Hut auf! Was ist denn los â?«
Er entrià ihr den dargebotenen Hut und stürmte mit dem Rufe: »Ich muà weg!« hinaus.
Ohne Besinnen stürzte er über Stock und Stein nach Rumolts Wohnung. Die Wirtin bestätigte ihm weinend das Schreckliche. Am Ufer des Kanals hatte man Rock und Hut gefunden, die Leiche war noch nicht gefunden worden.
Aber am nächsten Tage fand man auch sie. â
Das war eine denkwürdige Post gewesen. Zwei Briefe, und jeder ein Schlag. An einem Tage Freund und Geliebte verloren; denn von nun an war sie ihm Geliebte.
XLV. Kapitel.
Wennâs kommt, dann kommtâs in Haufen.
Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein heimatliches Sprichwort: »Wennât kummt, denn kummtât in Hupen.«
Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von auÃen, sondern ganz heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes.
Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch kaum bewuÃt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es anders, wird es schneller vorwärtsgehen â wie ein ungestümer Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könntâ ich aussteigen und nachschieben!
»Hättâ ich tausend Arme zu rühren! Könntâ ich brausend die Räder führen! Könntâ ich wehen durch die Haine! Könntâ ich drehen alle Steine!«
und wenn er sich auch sagt, daà vor und mit ihm Bessere und Stärkere wirken und gewirkt haben â er glaubt nicht, daà einer so viel Lust und Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daà einer so viel Glück gehabt, wie _er_ haben wird!
Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wuÃte ja freilich von früher her, daà Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward _nicht_ Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte er keine Ãnderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daà die Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daà die Klugen etwas begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel saÃen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und Ungerechtigkeit der Welt, daà die einen spielend und lachend erhaschten, was die andern mit Ãngsten und Mühen nicht erringen konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe, aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daà er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor, nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht floà zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön â aber wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloà es sich dem andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen rang und bohrte â er muÃte daran zweifeln, allen seinen Schülern den auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten verständlich zu machen.
Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daà er über den Schwachen die Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müÃte, wenn man ihm fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äuÃerlicher Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daà überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles anders angefaÃt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte sich, daà sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus betreiben muÃte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte â gab ihm das die Schule? #Non scholae sed vitae#! hatte es im Seminar geheiÃen. Leerer Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben muÃte, war nicht Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.
So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt in MiÃmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus tiefstem Lebensgrunde â nun schien sie dennoch versiegt.
Ãfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet aufblicken lieÃ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus. Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein mit einer Flasche in einem möglichst groÃen Saale sitzen und sinnen und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche Trinkgelder, daà einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh â lassen Sie doch â ich habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer.
XLVI. Kapitel.
Angetrunkene Einfälle, die bei jedem vernünftigen Menschen nur Kopfschütteln erregen können. Im übrigen ein Beweis, daà die Optimisten nicht immer Optimisten sind.