Chapter 16
Das tat Asmus. Der »studierte Mediziner« legte einen Verband an, und in zwei Tagen war die Sehne geheilt.
Im übrigen schied er von dieser Zeit mit unvergleichlich freundlicheren Gefühlen, als er sie beim Eintritt empfunden hatte. Freilich, das Leben in der Kaserne hatte er nur sehr flüchtig kennen gelernt und wenn er sich vorstellte: drei Jahre in der schrecklichen Banalität dieser Räume, in der erdrosselnden Prosa dieses »inneren Dienstes« verbringen â dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Aber wenn er gerecht sein wollte, dann muÃte er bekennen, daà in _seiner_ Erfahrung die guten und heilsamen Eindrücke überwogen. Nicht wenig trug zu dieser Stimmung ein gehobenes Gesundheitsgefühl bei. Er war immer ein gesunder Mensch gewesen; aber jetzt ward ihm seine Gesundheit förmlich bewuÃt; er fühlte wie in einem Rausch seine Adern strotzen und seine Muskeln schwellen. Von trüben Seminarzeiten abgesehen, hatte er auch immer einen gesegneten Appetit bekundet; aber nie hatte er solche Wonnen verzehrender Andacht empfunden, wie nach strammem Dienste vor den Würsten und Bierflaschen der Kantine. Wenn er nach vierstündigem Marsche solch eine Literflasche voll Braunbier an den Mund hob â denn der Soldat hat nicht immer ein Glas zur Hand â und minutenlang nicht wieder absetzte, dann schloà er fromm die Augen, und auch das war ein brünstiges Dankgebet an die Macht, die ihn gesund erschaffen und solcher Freuden fähig gemacht hatte. Ãberhaupt waren diese sechs Wochen ein Leben im Fleische; ihn interessierte nur Körperliches, und wenn er an sein Bücherbrett trat und auf den Rücken der Bände Namen wie »Lessing«, »Comenius« und »Euripides« las, dann kamen ihm diese Zivilisten wie Leute vor, von denen er in längst vergangenen Zeiten einmal hatte reden hören; der Gedanke, ein Buch herauszunehmen und zu lesen, erschien ihm vollkommen absurd. Der Körper lieà dem Geiste nur so viel Kraft übrig, als zu einer sanften Verblödung unbedingt nötig war: Asmus vegetierte in diesen sechs Wochen, und daran änderte selbst das geistige Moment des Dienstes, die Instruktionsstunden über Gewehrputzen, Rangverhältnisse und Kriegsartikel nichts Wesentliches, so schön sie auch manchmal sein mochten. Sergeant Greifenberg, der Lehrer von die Lehrers, wuÃte selbst die einfachsten Dinge für die gescheitesten Köpfe unklar zu machen, und wenn er über das Schloà des Infanteriegewehres Modell 71 instruierte, dann hätte der Erfinder des Schlosses, wenn er zugehört hätte, seine eigene Erfindung nicht mehr verstanden. Herr von Birkenfeld hingegen betrieb die subtilsten logischen Sonderungen, besonders wenn er Kognak geladen hatte.
»Was ist Mut und was ist Tapferkeit?« fragte er eines Tages den Musketier Semper.
Asmus muÃte sich einen Augenblick besinnen und sagte dann: »Mut und Tapferkeit sind wohl im wesentlichen dasselbe; eine Gemütsstimmung, die sich durch eine erkannte Gefahr nicht schrecken läÃt. Man könnte sagen, daà der Mut mehr eine Sache persönlicher Veranlagung und mehr impulsiver Natur ist, während die Tapferkeit ein pflichtbewuÃtes Ausdauern in der Gefahr in sich schlieÃt .....!«
»Nee, nee, das is nichts,« rief Herr von Birkenfeld abwinkend. »Gemütsstimmung, was Gemütsstimmung! Der Soldat hat keine Gemütsstimmungen! Wenn es heiÃt: die Mauer da muà hinuntergesprungen werden, dann springt er, und das ist _Mut_. Tapferkeit is hingegen ganz was andres. _Tapferkeit_ zeigt der Soldat den feindlichen Kugeln und Bajonetten gegenüber!«
Von solchen Stunden kam Asmus immer sehr vergnügt nach Hause, und wenn dann seine Brüder Reinhold und Adalbert dastanden und Front machten, dann dankte er ganz von oben herunter, etwa wie ein alleroberster Kriegsherr oder wie der Assistenzarzt Rheinland, wenn man ihm eine Achillesferse zeigte. Dann schrien Reinhold und Adalbert: »Seht den Hanswurst, er spielt sich auf!« Und dann zog Asmus das Seitengewehr und rief: »Bei Angriffen auf seine Soldatenehre darf der Soldat von der Waffe Gebrauch machen!« und nahm Aufstellung zum Brudermord.
Und noch an einem der letzten Nachmittage seiner Dienstzeit machte Asmus eine höchst sympathische Bekanntschaft. Ein Leutnant der Reserve erläuterte Plan und Idee der am Morgen unternommenen Felddienstübung, und er machte das so fein, so frisch und so klar, daà Asmussens Schulmeisterherz vor Freuden hüpfte. »Wenn das kein Schulmeister ist, so will ich Erzbischof sein,« dachte Asmus, und als die Entladung aus dem Dienste in der Kantine mit einem gemeinsamen Trunk gefeiert wurde, kam Asmus in die Nachbarschaft desselben Leutnants, der sich bald als Gymnasiallehrer #Dr.# Rumolt zu erkennen gab.
Man sang das gefühl- und weihevolle Lied:
»Nach so viel Kreuz und ausgestandenen Leiden, ja! Erwarten euch die himmlischen Freuden, ja!«
»Ja, ja, die himmlischen Freuden!« sagte Rumolt. »Jetzt gehtâs wieder in die Schulstube.«
»Ja!« versetzte Asmus mit Fröhlichkeit.
»Freuen Sie sich darauf?«
»O ja!«
»Dann sind Sie ein glücklicher Mensch.«
»Sind Sie nicht gern Lehrer?«
»O,« machte Rumolt, »ich wüÃte nichts Schöneres als Lehrer sein â wenn man es nur sein könnte.«
»Wie meinen Sie das?« fragte Asmus begierig, und nun kamen sie in ein Gespräch über moderne Erziehung, und Asmus machte in diesem Manne einen Fund, der ihm in den kommenden Kämpfen mit dem System Drögemüller ein Labsal werden sollte.
XLI. Kapitel.
Die Schule am Wiesenhang.
Und die Kämpfe mit diesem System nahmen bald wieder ihren frisch-fröhlichen Anfang, und in Asmussen stiegen lebhafte Zweifel darüber auf, ob es sich angenehmer unter dem Korporalstock oder unter dem Federhalter eines Bureaukraten lebe. Es war gar nicht zu leugnen, Drögemüller hatte meistens den Buchstaben des Gesetzes für sich, und es gab viele Gesetze mit vielen Buchstaben. Diese Gesetze konnten erträglich sein in der Hand eines Mannes, der den Geist vom Buchstaben zu sondern wuÃte; er aber verschärfte diese Gesetze noch durch seine Persönlichkeit. Wenn man ihm klarzumachen suchte, daà der Lehrer ein Künstler sei, der zu seinem Werk der freien Bewegung, der guten Laune und einer schaffensfröhlichen Stimmung bedürfe, den man deshalb mit Liberalität und mit Achtung vor seiner Eigenart behandeln müsse, dann zeigte Drögemüllers Angesicht ein irres, aber überlegenes Lächeln, als spräche man Chinesisch zu ihm und als verstünde er das Chinesische besser. Wenn die Verordnung vier schriftliche Hausarbeiten in der Woche vorschrieb und nur drei gemacht waren, dann kümmerte es Drögemüller nicht, daà der Verbrecher mit aufopfernder Begeisterung und treustem Eifer zu arbeiten pflegte und seine Klasse so weit fortgeschritten war wie irgendeine â er kannte keine Scham vor dem Geiste und bestand auf seinem Schein. Nicht das Geschaffene zu würdigen und zu mehren, sondern auf Ãbertretungen zu fahnden â darin erkannte er seinen göttlichen Beruf. Zu diesem Zwecke schlich er überall mit seinem Notizbuch umher, zu diesem Zwecke horchte er sogar an den Türen, und es verbesserte seine Stimmung gegen Asmussen nicht, als dieser eines Tages eine Tür, hinter der er Herrn Drögemüller ahnte, mit groÃer Kraft öffnete und dabei den spitzesten Ellbogen des Vorgesetzten traf.
»Pardon,« sagte Asmus, »ich konnte nicht ahnen, daà Sie hinter der Tür ständen.«
Wenn sich nun auch Asmus bewuÃt war, daà er alles leistete, was eine menschliche Behörde von ihm verlangen konnte, so verdarb ihm doch diese Aufpasserei einen Teil seiner besten Kraft. Ihm war dabei zumute wie dem Reisenden, der eine geweihte Stätte besucht und der aus allen Winkeln trinkgeldsaugende Blicke auf sich gerichtet sieht; eine groÃe, freie Bewegung des Herzens konnte nicht aufkommen. So war es denn Trost und Erquickung, mit #Dr.# Rumolt, seinem neuen Freunde, in freien Abendstunden von der Schule der Zukunft wenigstens reden zu können.
Sie waren die Flottbeker Chaussee, die lieblichste LandstraÃe der Welt, hinuntergewandert, waren in einen zum FluÃufer hinabführenden Engpaà eingebogen und hatten sich auf einer Bank in halber Höhe des Weges niedergelassen. Vor ihnen breitete sich ein beblümter Wiesenhang, von Gebüsch umkränzt, und über die Büsche hinweg sah man den groÃen, stillen, majestätischen Strom. Die Wiese gehörte zu einem Mühlengehöft, und die alte Mühle drehte schläfrig ihre Flügel.
»Sehen Sie,« sagte Rumolt, »das wärâ eine Schulstube, gelt? Was meinen Sie: auf dieser Wiese mit seinen Jungens oder Mädels liegen und von Gras und Blumen sprechen, von Frosch und Schmetterling, von Busch und Baum, von Rind und Schaf, von Müller und Mühle, von Schiff und Seefahrt, von den Flotten der Hansa und von Störtebekers Räuberfahrten, und dann mit Jungen oder Mädchen hinunterrudern oder -segeln und ihnen zeigen, wo die Helden der Gudrunsage auf dem Wulpensande kämpften und wo Hettel von Hegelingen gewohnt. Meinen Sie nicht, daà ihnen da eine andere Welt aufgehen würde als die, die ihnen zwischen vier Mauern als »Welt« vorgetäuscht wird?«
»Das meine ich allerdings.«
»Hinaus ins Freie! â Das ist das ganze Geheimnis der Pädagogik. Die Welt anschauen und anfassen, das ist alles. Sie nennen es bei Gott Anschauung, wenn sie Bilder und Präparate im Zimmer vorzeigen. Das ist, wie wenn jemand einen Vortrag übers Meer halten und zur Veranschaulichung ein paar Tropfen Seewasser in einem Probiergläschen vorzeigen wollte. Sie zeigen ein paar Tropfen vom Meere des Lebens. â Sehen Sie hier, diese Wiese, dieses Gehöft, dieser Strom, so weit wir ihn sehen, dieser Himmel, sie umschlieÃen nahezu alles menschliche Wissen und Erkennen. Auf diesem Fleckchen könnte man eigentlich alles lernen, was der Mensch wissen und brauchen kann.«
»Aber auf die Dauer würde es Ihren Schülern langweilig werden.«
»GewiÃ, wir wollen ja auch von Ort zu Ort wandern. Ich will ja nur zeigen, daà die Natur überall Millionen Anknüpfungspunkte bietet, die in der Schulstube nur in der Einbildung vorhanden sind. Denn das Wissen der Schule ist gar kein Wissen. Wissen ist Können; nur was man kann, das weià man auch. Selbst handeln, selbst schaffen muà das Kind, wenn es lernen soll. Wenn ich frei in meinem Beruf wäre, so müÃten meine Schüler ohne Ausnahme Ackerbau treiben. Nicht, daà sie alle Landleute würden, bewahre; viele würden ja gar kein Talent dazu haben â aber der Ackerbau umfaÃt nahezu den ganzen Kreis des menschlichen Wissens und Könnens, und er lehrt dieses Wissen und Können durch _Tat_!«
»Der Unterricht, wie Sie sich ihn denken,« sagte Asmus, »würde allerdings eine wesentlich kleinere Schülerzahl voraussetzen.«
»GewiÃ,« fuhr Rumolt fort. »Ich denke, ein Lehrer kann nur so viele Kinder wirklich erziehen, wie ein Vater allenfalls erziehen kann, und zwölf, die ehrwürdige Patriarchenzahl, erscheint mir da als das äuÃerste MaÃ.«
»Da brauchen wir viele Lehrer, und zwar Männer von auÃerordentlich vielseitiger Bildung.«
»Daà unsere Lehrer eine bessere Bildung empfangen könnten, als sie auf Seminaren und Universitäten meistens finden, daà sie ihre beste Kraft in einem öden Datenwissen verzehren und verzetteln müssen, das wissen Sie so gut wie ich. Im übrigen aber dürfen Sie sich meinen Lehrer nicht wie einen allwissenden Magister von heute vorstellen. Er wird sich nicht schämen, ein Lernender mit Lernenden zu sein, und wird keinen Augenblick zaudern, zu sagen: âDas weià ich nicht, ich werde mich zu unterrichten suchenâ, oder âForscht selber nach, und wer es gefunden hat, der sag es unsâ.«
»Der banalste Einwand ist der gewichtigste,« meinte Asmus, »das Geld. Der Staat müÃte sich einen ganz andern Schulsäckel zulegen als den heutigen.«
»Ja â hahahaha â das müÃte er,« lachte Rumolt. »Er müÃte sich an den eigentlich doch recht naheliegenden Gedanken gewöhnen, daà er keine höhere Aufgabe hat als die Erziehung seiner Bürger, daà er gar nicht besser für seinen eigenen Bestand sorgen kann als durch die Erziehung seiner Bürger, und daà er darum kein gröÃeres Budget haben sollte als sein Erziehungsbudget.«
»Statt dessen macht er das Einjährigen-Zeugnis zum Erziehungsideal,« bemerkte Asmus.
»Ja!« Rumolt schlug ihm lachend aufs Knie. »Ist eigentlich eine ärgere Posse denkbar? Eine militärische Vergünstigung als Speck in der Seelenfalle! Und nach diesem Zeugnis müssen sie nun alle ohne Unterschied streben â die das Geld dazu haben, natürlich â und alle, die im Leben »etwas Besseres« werden wollen, müssen dasselbe famose Abiturium machen. Da schimpfen sie auf die Gleichmacherei der Kommunisten und Sozialdemokraten â aber gibt es eigentlich eine schlimmere Gleichmacherei als unsere Prüfungsvorschriften? Da hab ich einen Burschen in der Untersekunda, einen Prachtbengel, vorzüglich begabt in der Mathematik und allen Naturwissenschaften, von merkwürdigem Geschick in allem Technischen â was er anfaÃt, gelingt ihm, und obendrein noch hochmusikalisch. Aber auf dem Kriegsfuà mit allem, was fremde Sprachen heiÃt. Nun sitzt er das zweite Jahr in meiner Klasse, und wenn seine fremdsprachlichen Leistungen nicht besser werden â und dazu ist keine Hoffnung â dann bleibt er zu Ostern wieder sitzen und erreicht nicht einmal das Einjährigen-Zeugnis. Und ich halt es für sehr wohl möglich, daà er nach sieben Jahren der Angst und Mühe hingeht und sich erschieÃt. Nun frage ich Sie: warum soll dieser Mensch _nicht_ auf die Universität gehen und Naturwissenschaften studieren, warum soll er _nicht_ aufs Polytechnikum gehen und Ingenieur werden dürfen? Wäre nicht denkbar, daà er einmal von seinem Laboratorium aus die Welt aus den Angeln höbe, ohne den Beistand der Herren Xenophon, Ovid und Victor Hugo? Doch â« Rumolt zeigte nach Westen â
»Doch laà uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern! â Sie rückt, sie weicht, der Tag ist überlebt!«
Was denken Sie, wenn man bei solchem Anblick mit seinen Schülern von der Sonne spräche, nicht von ihrer chemischen Zusammensetzung und ihrem Kubikinhalt â das würdâ ich am Tage tun â, aber von den Ländern, denen sie jetzt das erste Licht bringt, von der Sonne als Gottheit und Symbol, von Karl Moors Wehmut: âSo stirbt ein Heldâ und von Faustens Sehnsucht, ihr zu folgen? MüÃten da nicht in den Seelen der Kinder und Jünglinge wie von selbst die Ewigkeitsgedanken erwachen?«
XLII. Kapitel.
Der Skat und die Metaphysik, das Billard und Emilia Galotti, Herr Strecker und die deutsche Treue, Herr Drögemüller und ein Krach.
Erholung und Stütze fand Asmus auch bei den Herren seiner Schule, und es hatte nicht lange gewährt, bis er, einen einzigen ausgenommen, zu allen in das beste kollegiale Verhältnis kam. Wie natürlich, hatte aber sein Herz unter diesen Männern eine engere Wahl getroffen und am besten hatten ihm zwei gefallen, Fritz Goers, ein wohlbeleibter, jovialer Riese, der Asmussens Vater sein konnte, und Klaus Heide, ein sehniger, knorriger Dithmarscher. Und wenn es nun in den Konferenzen etwas Gutes und Neues durchzusetzen galt, zogen diese Triumvirn an _einem_ Strang.
Aber sie zogen nicht nur an einem Strang, sie sogen auch oft an _einem_ Trank, der bei Herrn Kuhlmann besonders kühl und frisch verzapft wurde. Herr Kuhlmann hieà Akademos, und sein Garten wurde die Akademie genannt. Es war für Asmus zunächst eine Skat- und Billard-Akademie. Dem Skat vermochte er keinen Geschmack abzugewinnen; er gewann es nicht über sich, diese Kunst mit dem strengen, sittlichen Ernste zu üben, den sie verlangte; er dachte immer an irgend etwas andres, »wimmelte« Aà und Zehn in die Stiche des Gegners hinein und hatte auÃer fortgesetzten Verweisen wegen Unaufmerksamkeit nichts davon als die Ehre, bezahlen zu dürfen. Dagegen entwickelte er unter Goehrs, des Riesen mildväterlicher Führung das Billardspiel zur Leidenschaft. Um Mitternacht begann dann die pädagogisch-ästhetisch-philosophische Sitzung, die Heide gewöhnlich durch irgendein wildes Paradoxon eröffnete, welches Paradoxon dem Asmus Semper alsbald wie eine Rakete durch den Leib fuhr. Damit es an Meinungen und Temperament nicht fehle, kam gewöhnlich noch Heides Freund, der kleine Stockelsdorf hinzu, und in der Regel endeten diese schweren Verhandlungen morgens um sechs Uhr unter einer StraÃenlaterne, mit einem Streit über die Frage, ob Raum und Zeit Anschauungen #a posteriori# oder #a priori# seien, oder über ähnliche Bagatellfragen, und die vorübergehenden Milch- und Brotleute pflegten sich über die Erregung der Herren baà zu verwundern. Eines herbstlichen Abends aber, als sie auf dem Hamburger Gänsemarkt, dem Lessing-Denkmal gegenüber, in einem Café saÃen, ward Asmus plötzlich stumm.
»Was hast du?« fragte Heide, der Dithmarscher.
»Ich betrachte schon eine ganze Zeit lang dies wunderbare Licht da auf dem Scheitel des Lessing,« sagte Asmus, »und kann mir nicht erklären, woher dieser rötliche Schein kommt. Diese Erscheinung hat für mich etwas Ergreifendes.«
Die andern bestätigten seine Beobachtung und zerbrachen sich den Kopf, wo dieses magische Licht seinen Ursprung haben möge.
»Das ist die Sonne,« sagte der Kellner, der eben eine Runde Grog brachte.
»Wieso Sonne?« rief Asmus. »Die Mitternachtssonne, was?«
»Es ist sechs Uhr,« sagte der Kellner.
Die vier zogen gleichzeitig die Uhr. Es war sechs. Sie hatten in ihrer Unschuld gemeint, es sei ein biÃchen nach Mitternacht.
Jetzt tranken sie ihren Grog aus, traten auf den Markt hinaus und hatten vor dem Lessing-Denkmal noch einen dreiviertelstündigen Streit darüber, ob Emilia Galotti den Prinzen liebe oder nicht; dann schlenderten sie in die Vorstadt hinaus und befriedigten auf dem Wege unaufhörlich metaphysische Bedürfnisse.
»Wie kann ein Volk wie das französische ohne Metaphysik leben!« krähte Stockelsdorf um die Wette mit einem Hahn, der aus einem nahen Stalle seinen Weckruf erschallen lieÃ.
Und Asmus, der nicht ohne Metaphysik leben konnte, bewies Stockelsdorfen, daà man sehr gut ohne Metaphysik leben könne; denn es war in diesem Kreise stillschweigendes Gesetz, daà keine Behauptung unwiderlegt bleiben dürfe. Das war eine gute Ãbung; denn was sie dabei an Unsinn produziert hatten, das fiel ihnen am andern Tage von selbst ein und war eine wohltätige Verschärfung ihres Katers.
Trotz dieser auÃerordentlichen Anstrengungen schnitt Asmussens Klasse bei der Osterprüfung vortrefflich ab, und ein angesehener Spezialist des Rechenunterrichts sagte: »Die Klasse rechnet besser als die meine.« Auch Herr Drögemüller fand nicht das geringste zu erinnern; aber Frieden konnte er darum doch nicht halten. Der Bund der Triumvirn war ihm ein Pfahl im Fleische; denn die Festigkeit der Dreie steifte auch andern Herren den Nacken. Freilich hatte er einen gewissen Trost und eine stille Freude an Herrn Strecker. Herr Strecker war ein Mann, der wiederholt nicht nur vor dem ökonomischen, sondern vor allen möglichen anderen Bankrotten gestanden hatte. Als es am schlimmsten um ihn stand, hatte er BuÃâ und Reuâ in sich erweckt; fromme Hände, die gewöhnlich mächtig sind, hatten ihm unter die Arme gegriffen und ihn vor der Katastrophe bewahrt, und nun suchte er den oberen Stellen seine Schönheit zu beweisen durch strotzende Religiosität, heftigen Patriotismus mit gelegentlicher Denunziation von Majestätsbeleidigern und durch lackierte Pflichterfüllung. Seine Schüler sprangen wie ein Mann auf die FüÃe, wenn der Herr Hauptlehrer eintrat, gingen auf dem Hofe immer genau zu Vieren, und jeden Morgen eröffnete er mit Gebet und Choral. Zwar kam er manchmal zu spät; aber seine Schüler konnten ihn schon von weitem die StraÃe heraufkommen sehen, und wenn er dann den Schirm hob, setzten sie sofort ein mit
»Dich sehâ ich wieder, Morgenlicht! â«
so vorzüglich waren sie geschult. Seine Hefte waren immer richtig korrigiert; er hatte aber auch für die Korrektur der Hefte, die gröÃte Plage des Lehrers, ein ingeniöses, zeit- und nervensparendes Verfahren erfunden. Der Präparand nämlich, der bei ihm hospitieren und die Kunst des Unterrichtens erlauschen sollte, stand hinter einer geöffneten Schranktür, hatte im Schrank die Hefte und die rote Tinte vor sich und korrigierte. Wenn dann Herr Drögemüller zur Tür hereintrat, rief Herr Strecker:
»Rieffelstahl! Sitz gerade!« oder
»Rieffelstahl! Schau hierher!«
und »Rieffelstahl!« war immer das Zeichen, daà der Präparand die Schranktür unauffällig schlieÃen und mit einem sittlich reinen Angesichte hervortreten solle. Solche Mannen wie Strecker â »ich bin ein deutscher Mann«, pflegte er zu sagen, â sind nun freilich keine starken Helfer im offenen Streit; aber er trug seinem Hauptlehrer manche schätzenswerte Nachricht über seine Kollegen zu; auch er führte ein Notizbuch. Und so berichtete er Herrn Drögemüller unter anderem, daà Herr Semper im Zeichenunterricht allerlei Allotria treibe, die gar nicht im Lehrplan dieses Unterrichts stünden.
Asmussens Schüler hatten nämlich schweigend, aber deutlich gezeigt, daà sie die unaufhörliche Fabrikation von senkrechten, wagerechten und schrägen Strichen, von Vierecken, Dreiecken, Sechsecken und ähnlichen schönen Figuren betäubend langweilig fänden, und Asmus hatte ihnen darin von Herzen zugestimmt. Er lieà sie darum im letzten Teil der Stunde allerlei Dinge zeichnen, die ihnen Vergnügen machten und die sie mit Feuereifer nachzubilden suchten. Er verfolgte damit ein Prinzip, von dem ihm schien, daà jeder vernünftige Unterricht es zum Ausgang nehmen solle. Da kam Herr Drögemüller in die Stunde, ging zwischen den Bänken umher und entbot dann Herrn Semper für die nächste Pause in sein Kontor.
»Herr Semper, ich muà Sie abermals ersuchen, sich in Ihren Stunden durchaus an den Lehrplan zu halten.«
Asmus zwang sich zur Ruhe und versuchte, seinem Chef in höflichster Form seine Beweggründe mitzuteilen. Um gerade Striche machen zu lernen, sei es doch nicht nötig, daà man ununterbrochen gerade Striche nebeneinander setze; man könne das doch auch an Figuren lernen, die dem Leben entnommen seien: oberstes Gesetz sei doch, daà der Unterricht lebendig und interessant sei; Striche und Quadrate seien aber weder lebendig noch interessant für kleine Kinder ...
Aber das waren sozusagen Gedanken, und auf Gedanken lieà sich Drögemüller, um kein Präjudiz zu schaffen, niemals ein.
»O, Herr Semper,« rief er, »Quadrate sind wohl interessant, wenn Sie sie nur vorher mit den Kindern ausführlich besprechen, wie ich es Ihnen gezeigt habe.«
»Was Sie mir gezeigt haben, ist Geometrie und gehört â da Sie doch immer auf den Lehrplan pochen â in eine höhere Klasse. Das würde mich nun zwar nicht hindern; aber eine lange und breite Besprechung des Quadrats würde die Kinder schon deshalb öden, weil sie gar nicht begreifen würden, was ein Quadrat sie überhaupt angehe.«
Mit dem Hinweis auf den Lehrplan hatte dieser fatale Semper recht, und darum wurde Drögemüller jetzt ganz unangenehm.
»Herr Semper,« heulte er nach Art einer Schiffsirene, »ich frage Sie formell und dienstlich, ob Sie sich meinen Anordnungen fügen wollen oder nicht!«
»In diesem Falle nein,« versetzte Asmus.
»Gut. Dann werde ich dem Herrn Schulrat Bericht erstatten.«
»Ich auch,« sagte Asmus und ging.
Nach drei Tagen hatte er die Vorladung vor den Schulrat #Dr.# Korn.
XLIII. Kapitel.
Von zweierlei Schulräten.
Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die Vorladung und erzählte, was vorhergegangen.