Semper der Jüngling

Chapter 15

Chapter 153,694 wordsPublic domain

Gleich am ersten Tage sah Asmus etwas, was ihn geradezu erschreckte. Kinder während der Schulpause – das war ihm immer ein Bild befreiter, sprudelnder Jugendlust gewesen. Es war ihm gar nicht der Gedanke gekommen, daß das anders aussehen könne. Und hier sah er die Kinder, zu Vieren geordnet, langsam hintereinander hertappen, wie Gefangene, die man gerade so viel lüftet, wie zur Erzielung einer guten Gesundheitsstatistik unbedingt erforderlich ist. Und in der Mitte des Schulhofs ging ein Lehrer auf und ab, der darauf achten mußte, daß keiner aus der Reihe trat. Nun bemerkte Asmus freilich bald, daß der größere Teil des Kollegiums die Verfügung des Chefs nicht mehr sonderlich ernst nahm; die Herren ließen denn auch den spazierenden Kindern die Zügel leidlich locker. Dann freilich tauchte gelegentlich Herr Drögemüller auf und verwies laut scheltend die zuchtlosen Elemente in ihre Reihen zurück, um dem Aufseher zu demonstrieren, daß er seine Pflicht verletze. Die Herren, meistens ältere, wohlverdiente und zum Teil ihrem Chef bei weitem überlegene Männer, aßen ihr Frühstück ruhig weiter und taten nach wie vor, was sie für gut hielten. Aber jetzt waren drei junge Herren ins Kollegium gekommen, und die wollte Herr Drögemüller gleich richtig an die Kandare nehmen, damit sie ihm nicht über den Kopf wüchsen.

Als Asmus zum erstenmal die Aufsicht führte, freute er sich über jeden, der die Ordnung der Sektionen verließ. Aber siehe, schon war Herr Drögemüller da und heulte durch die Nase und trieb die Schwarmgeister an ihren Platz.

»Das geht aber nicht, Herr Semper; achten Sie bitte strenge darauf, daß die Schüler zu vieren gehen.«

»Ja, da kann dann freilich von Erholung nicht mehr die Rede sein,« bemerkte Asmus.

»Ooh, das wollen wir doch nicht sagen!«

»Ja, für siebzigjährige Spittelleute mag das ja eine genügende Erholung sein; aber junge Körper, wenn sie stundenlang in der Bank gesessen haben, wollen sich gehörig tummeln und die Lungen reinpumpen.«

»Herr Semper, wenn wir das einreißen ließen, dann würden wir jeden Tag blutige Nasen und gebrochene Gliedmaßen und hinterher die Klagen der Eltern haben.«

»Herr Drögemüller, wir haben uns als Jungen auf dem Schulhof geschlagen wie Hunnen und Nibelungen, und blutige Nasen habe ich mehr als eine davongetragen; ich habe aber Blut genug übrig behalten, vielleicht noch zuviel. Nach Ihren Grundsätzen müßte man den Kindern das Spiel überhaupt verbieten; denn Unfälle, sogar tödliche, sind freilich niemals ausgeschlossen.«

»Was anderswo passiert, ist mir einerlei, in _meiner_ Schule soll aber so etwas nicht vorkommen, und darum muß ich darauf dringen, daß meine Anordnungen befolgt werden.«

In Asmus wirbelte etwas empor; aber der Vorgesetzte hatte bereits den Rücken gewandt und war gegangen.

XXXVIII. Kapitel.

Schon wieder gibt es einen Zusammenstoß.

Sempern erfüllte ein seltsam unbehagliches Gefühl. Sollte ein Lehrer sich wie ein Handlanger traktieren lassen? Sein aufbrausendes Blut, das sich schnell über jedes Unrecht empörte, wollte ihn zu offener Auflehnung fortreißen. Dazu kam, daß seine Jugend, wenn auch nicht von revolutionärem Sinn, so doch von revolutionären Gedanken genährt war. Er hielt es noch immer mit den Tyrannenmördern und Volksbefreiern. Aber andrerseits hatte er zu viel klaren Verstand, um an eine Welt ohne Regierung und Gesetz zu glauben. Jeder mußte sich unterordnen, das wußte er wohl. Und wenn ein Vorgesetzter schwach war, – die, die ihn eingesetzt hatten, waren Menschen und dem Irrtum unterworfen wie er selbst. Aber wenn die Obrigkeit in der Wahl der Oberen gar zu töricht oder gewissenlos war, dann war Auflehnung so natürlich und notwendig wie sonst die Unterordnung, dann war Widerstand Pflicht, vor allem der Kinder wegen. Aus diesem Zwiespalt kam er nicht heraus.

Andere Skrupel und Sorgen kamen hinzu. Er mußte den Kleinen Religionsunterricht geben. Waren nun diese biblischen Geschichten geoffenbartes Gotteswort, dessen Wahrheit sich auch dem kaum erwachten kindlichen Geiste auf wunderbar intuitiven Wegen erschloß? Nein, das glaubte er nicht, konnte er also auch nicht lehren. Sollte er also die Geschichte der Juden und das Leben Jesu kritisch, rationalistisch, liberal-theologisch behandeln? Der Hamburgische Staat nahm es im Gegensatz zu andern deutschen Staaten mit der Gewissensfreiheit leidlich ernst und schrieb seinen Lehrern nicht vor, wie sie die Bibel zu behandeln hätten. Aber wenn dies alles nicht zweifellose, der kindlichen Seele ohne weiteres zugängliche göttliche Wahrheit war – dann war es ja heller Unsinn, diese Materien mit sechs- bis siebenjährigen Kindern zu behandeln, dann waren es Materien für reife Jünglinge und Männer. Diese religiösen Bedenken verfitzten sich mit pädagogischen und künstlerischen. Die biblischen Historien mit den Worten der Bibel erzählen, das hieß nach seiner Meinung, die armen kleinen Kerle mit unverständlichen Worten und Begriffen quälen und war also unmöglich. Die alten Berichte aber mit eigenen, modernen Worten erzählen, dagegen sträubte sich alles in ihm, das schien ihm eine unerhörte vandalische Versündigung gegen die erhabene, ehrwürdige Kraft und Schönheit dieser Mythen. Man konnte ja auch den »Faust« mit anderen Worten erzählen; aber war das der »Faust«?

Aber das Allerschlimmste war doch, daß diese Geschichten unzweifelhaft einen persönlichen Gott annahmen und von einem Jesus berichteten, der Wunder tat, vom Tode auferstand und gen Himmel fuhr. Sich mit leeren Worten um diese Fragen herumdrücken, war unwürdig, war ihm unmöglich. Freilich, er konnte es machen wie #Dr.# Korn; er konnte den Kindern sagen: So berichtet die Bibel; was ihr glauben wollt, ist eure Sache. Aber das konnte man vor Jünglingen tun, nicht vor sechs- bis siebenjährigen Knäblein. Die konnten noch nicht sondern und wählen; die hingen mit dem treuen Blick des Glaubens an seinem Munde; die glaubten alles, was er sagte, und ahnten noch nicht, daß ein Lehrer etwas sagen könne, was er selbst nicht glaube.

Endlich blieb noch der Ausweg, sich als »Beamten« zu fühlen, der ein Amt und keine Meinung habe. Er konnte diese Dinge einfach nach der orthodoxen Dogmatik behandeln und zum Beispiel die Stelle von der Schlange, die »denselbigen in die Ferse stechen werde«, als messianische Weissagung hinstellen, am Ende des Monats sein Gehalt einstreichen und die Verantwortung denen überlassen, die den Religionsunterricht verlangten, das war das sicherste. Aber diese handwerkerliche Auffassung von seinem Beruf konnte er sich eben nicht angewöhnen, so selbstverständlich sie auch Herrn Drögemüller schien. Denn diese sechzig Kinder wurden einmal sechzig Menschen, und was er als winziges Körnchen in ihre Seele warf, war vielleicht nach zwanzig Jahren ein Baum, ein nährender Fruchtbaum oder ein Giftbaum oder ein leeres Gestrüpp. Der Arzt, der nach bestem Wissen und Können in einen lebendigen Menschen hineinschnitt, konnte auch nicht zur Verantwortung gezogen werden; aber es war doch ein verteufeltes Gefühl, einen Menschen unter dem Messer zu haben.

Er beschloß bei sich, diesen Unterricht so bald wie möglich abzugeben, und fand, daß der Modus seines ehemaligen Direktors noch der redlichste und erträglichste sei. Er trug den Kindern die Bibel vor, wie sie war, und enthielt sich jeder kritischen Beleuchtung. Nur sagte er dann nicht: Ihr könnt’s glauben, könnt’s auch lassen, sondern getröstete sich der Hoffnung, daß sie sich bei wachsender Reife in der Stille ihres Herzens wohl selbst mit diesen Dingen abfinden würden.

Ein herzlicher Unterricht konnte das freilich nur in solchen Augenblicken werden, wo die Naivität der biblischen Geschichten mit der Naivität der Kindesseele zusammenfiel; und in solchen Augenblicken atmete das Herz des jungen Schulmeisters erleichtert und beglückt. Und eine Fülle der Freuden quoll fast aus allen andern Stunden. Nur stampfte ihm Herr Drögemüller eines Tages auch in den Leseunterricht hinein. Herr Drögemüller dachte es sich wunderschön, wenn alle drei neuangestellten Lehrer den Leseunterricht auf völlig gleiche Weise erteilen würden, und zwar auf ebendieselbe Weise, die er vor 25 Jahren auf dem Seminar erlernt habe. In seiner Schule sollte alles ordentlich hergehen: alle sollten auf Schuhen kommen, alle sollten Schulgeld zahlen, alle denselben Glauben haben und auf dieselbe Weise »gebildet« werden.

Einer der neuen Herren tat ihm auch den Gefallen; Asmus aber und der andere gingen ihre eigenen Wege. Herr Drögemüller bemerkte das mit Mißfallen.

»Machen Sie es nicht so, wie ich es Ihnen neulich gezeigt habe, Herr Semper?« fragte er.

»Nein,« lautete die ebenso kurze wie unzweideutige Antwort.

»Warum denn nicht?«

»Weil ich meine Weise für richtiger halte.«

»Aber Herr Semper – Sie werden wohl zugeben, daß ich mehr Erfahrung habe als Sie –.«

»Das mag sein; aber ich muß meine Methode selber finden, und nur nach der Methode, die meiner Überzeugung entspringt, kann ich unterrichten. Wenn es die Jungen immer machen müßten wie die Alten, dann könnten Sie und ich überhaupt noch nicht lesen.«

»Das ist ja wohl sehr geistreich, Herr Semper; aber gleichwohl muß ich Sie bitten, meine Wünsche zu respektieren.«

»Mit Recht sagen Sie »Wünsche«, Herr Drögemüller, und nicht »Befehle«. Denn »Befehle« gibt es hier nicht. Ich bin nur verpflichtet, meine Schüler zu fördern. Welche Methoden ich dabei anwende, ist ganz allein meine Sache.«

Drögemüller war bleigrau im Gesicht geworden und schnappte, als wenn er Luft für einen längeren Satz einnehme; er entschied sich dann aber nur für ein: »Na, wenn Sie meinen –« und ging mit rachsüchtig geschwungenen Beinen hinaus. Als er draußen war, stenographierte er etwas sehr Langes in sein Notizbuch. Die Methode ist frei, dachte Drögemüller, darin hat er recht; aber ich werde schon andere Pfeifen schnitzen, nach denen er tanzen soll.

Zunächst indessen sollte Asmus ein wenig nach den Pfeifen des Exerzierplatzes tanzen. Bei der Generalmusterung im Sommer war er endgültig »gezogen« worden, und nun war die Order gekommen, daß er sich am 1. Oktober auf dem Altenberger Kasernenhofe einzufinden habe.

XXXIX. Kapitel.

Ist teilweise im Kasernenstil geschrieben und belehrt uns durch die Güte des Herrn Schieß-Unteroffiziers, was für ein Mensch dieser Asmus Semper eigentlich ist.

Was ihm an diesen Musterungs- und Gestellungsbefehlen aufgefallen war, das war die Ängstlichkeit, mit der auch der leiseste Verdacht einer höflichen Gesinnung vermieden war. Er fand, daß dieselben Befehle mit derselben Entschiedenheit in einer Form gegeben werden könnten, die mehr nach menschlicher Gesellschaft klang. Sie berührten ihn, als wären sie mit Absicht so schroff wie möglich formuliert, um das persönliche Selbstbewußtsein von vornherein auf den Nullpunkt zurückzutreiben. Überhaupt begann er diese sechs Wochen, die er als »Schulamtskandidat« unter Waffen zubringen sollte, nicht mit gehobenen Gefühlen. Ludwig Semper freilich sprach noch immer von seinen Soldaten- und Kriegsjahren als von einer frischen, fröhlichen Zeit; aber »beim Preußen« war’s anders, und die vielen und abscheulichen Soldatenmißhandlungen, von denen die Zeitungen berichteten, hatten Asmussen immer mit Zorn und Entsetzen erfüllt. Frau Rebekka schwankte zwischen Stolz und Bangen. Sie war stolz, daß man ihren Sohn für tauglich befunden hatte, und sie bangte, daß man ihn mißhandeln und überanstrengen könne.

Und gleich der ganze erste Tag war eine Mißhandlung, aber keine böswillige. Die Herren Schulamtskandidaten standen nämlich mit kleinen Unterbrechungen von morgens acht bis abends sieben Uhr auf dem Kasernenhof und warteten. Einmal erschien ein Feldwebel und rief ihre Namen auf, und dann warteten sie wieder sechs Stunden. Einmal beobachtete Asmus einen Haufen Offiziere, und ein sehr temperamentvoller Herr unter ihnen schrie: »Denken Sie, der Seckendorff läßt sich wegen Krankheit beurlauben und verzehrt ein großes Beefsteak mit Spiegeleiern.« Asmus fand dies merkwürdig, aber für einen Tag war es nicht Unterhaltung genug. Er gehörte sonst zu den Menschen, die man wohl langweilen kann, die sich aber niemals selbst langweilen, weil die Gedankenmühle von selber geht wie ein #perpetuum mobile#. Aber so auf einem Fleck stehend und immer wartend, konnte man weder Gedichte machen, noch Gedankenspiele treiben; er litt Höllenqualen der Langenweile. Endlich, um sieben Uhr abends erschien ein Sergeant und erklärte ihnen, sie könnten nach Hause gehen. Denn die Schulamtskandidaten durften zu Hause schlafen und essen.

Am andern Morgen ging es endlich los. Der Sergeant Greifenberg trat vor die Front von Asmussens Abteilung und hielt eine Rede.

»Meine Herren,« sagte er, »ick hoffe, dat Sie als jebildete Herren mir meine Arbeit so leicht wie möglich machen wer’n. Ick werde Se nu mal ausbild’n. Wenn Se ooch noch so jelehrt sind, hier müssen Se doch noch wat zulernen. Sie sind Lehrers; aber ick bin der Lehrer von die Lehrers. Schtilljeschtanden!«

»Un denn merken Se sick jleich,« sagte Herr Greifenberg, indem er auf einen der Kandidaten losging, »jelacht wird nich im Jliede. Wat ick sage, is nich zum Lachen; de Sache is sehr ernst.«

Und nun begannen die Übungen; aber Herr Greifenberg stellte keine unmenschlichen Anforderungen, und Herr von Birkenfeld, der ausbildende Leutnant, noch weniger. Furchtsame Gemüter konnte freilich Herr von Birkenfeld zunächst abschrecken; denn er markierte den rauhen Kriegsmann, der weder Teufel noch Kognak fürchtet und »Sauerei« und »Schweinekram« für verblümte Redensarten hält. Wenn ihm die Richtung eines Gliedes nicht gefiel, so sagte er, in einem milden, väterlichen Tone beginnend:

»Ei, ei, ei, das Glied steht ja schweinemäßig! Der rechte Flügelmann, nehmen Sie den Bauch herein, ins drei Deubels Namen! Der Kerl taugt zum Flügelmann wie der Igel zum Schnupftuch!« Er sagte aber nicht »Schnupftuch«, sondern ganz etwas anderes, und wenn er von den unteren menschlichen Extremitäten sprach, so gebrauchte er eine Bezeichnung, die man nur unter Männern wiederholen kann, wenn keine Theologen zugegen sind. Im übrigen hatte er mit dem Flügelmann nicht unrecht. Der Schulamtskandidat Plambeck war der längste und dickste von allen; aber als er ein Gewehr mit einer Platzpatrone darin abdrücken sollte, da versagte er.

»Warum drücken Sie nicht ab?« rief Herr von Birkenfeld.

Plambeck hob den Kolben wieder an die bleiche Wange und setzte wieder ab.

»Na, wollen Sie jetzt vielleicht die Liebenswürdigkeit haben, abzudrücken?« schrie der Leutnant.

Plambeck hob schlotternd das Gewehr und ließ es abermals sinken.

Jetzt trat Birkenfeld nahe an Plambeck heran und sagte ruhig:

»Sagen Sie, fürchten Sie sich?«

»Ja,« versetzte Plambeck ehrlich.

»Na, Sie sehen doch, die andern haben auch geschossen und sind auch ganz geblieben. Ich werde jetzt kommandieren und Sie werden schießen. Legt an! – Feuer!«

I, keine Spur von Feuer.

»Heiliges Astloch!« schrie Birkenfeld. »So was ist mir denn doch noch nicht vorgekommen! Sagen Sie mal, wie denken Sie sich das eigentlich, ’n Soldat, der nich schießt! ’n Soldat, der sich vor seiner Knarre fürchtet! Was wollen Se denn eigentlich machen, wenn –«

»Bums!« Plambeck hatte abgedrückt und lächelte stolz.

»Himmel, Schnaps und Wolkenbruch! Jetzt schießt mir der Kerl gleich in die Visage!« schrie Birkenfeld. »Herrrr, ich werde Sie ins Loch stecken, Herrrr!«

Aber er steckte niemanden ins Loch, nicht einmal Büsing, der es doch einigermaßen verdient hatte. Büsing hatte morgens bei der Schießübung zu viel »Zielwasser« getrunken; die Kneipe lag in allzu verlockender Nähe des Schießstandes. Herr von Birkenfeld, der eine verständnisvolle Leber besaß, hatte gesagt: »Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus.« Das hatte Büsing so gründlich besorgt, daß er nachmittags eine Stunde zu spät zum Dienst gekommen war. Büsing war das aber noch immer nicht des Frevels genug gewesen; er hatte sich lächelnden Mundes bei dem Herrn Leutnant gemeldet mit den Worten:

»Vom Ausschlafen zurück!«

Da hatte ihm Birkenfeld zwar drei Tage aufgebrummt; aber er hatte sie ihm noch am selben Tage erlassen. Wenn er fluchend und wetternd und mit gezücktem Degen den Parademarsch abnahm und sein breiter blonder Bart im Winde wehte, dann sah er aus wie ein Eisenfresser, und doch war er ein vom Grund des Herzens humaner Mann, für den die Worte »gutes, kameradschaftliches Verhalten« nicht nur auf dem Papier standen und der im gemeinen Soldaten den gleichwertigen Menschen und Waffengenossen sah. Einmal hatte er aber doch etwas zu saftig geschimpft. Als der Schulamtskandidat Thölemann, der wie ein künftiger Pastor aussah, sprach und fühlte, gleich einer nassen Unterhose am Reck hing und ebensowenig wie dieses Kleidungsstück einen Klimmzug zu machen imstande war, da schrie Birkenfeld:

»Herrrr, sei’n Se nich so schlapp, Herrrr! Deubel noch’n mal! Kerl hat natürlich die ganze Nacht bei Wachtmann ’rumgeh–t!«

»Wachtmann« war ein ziemlich unethisches Tanz- und Nachtlokal, und das wollte sich Thölemann nicht bieten lassen. Er wollte sich über Birkenfeld beschweren. Und es war das beste Zeugnis für diesen Leutnant, daß die Kameraden Thölemannen abrieten, weil man die Schimpfreden Birkenfelds nicht tragisch nehmen dürfe, und nicht am wenigsten trat Asmus für den Beleidiger ein. Er liebte solche Menschen, die sich von Temperament und Leidenschaft fortreißen ließen und es im Grunde des Herzens doch gut meinten; er fühlte sich ihnen verwandt. Übrigens überlegte sich Birkenfeld seine Diagnose noch einmal, bat Thölemann um Entschuldigung, und die Sache war erledigt.

Daß Schimpfen und Schimpfen zweierlei ist, das bewies Asmussen Seine Exzellenz der Herr Schießunteroffizier. Asmus hatte durch irgendeinen Zufall keine Exerzierpatronen erhalten und sollte sie sich vom Schießunteroffizier holen. Er suchte den Herrn auf, nahm die vorschriftsmäßige Haltung ein und sagte:

»Darf ich bitten um meine Exerzierpatronen?«

Da sah der Herr Schießunteroffizier Asmus Sempern mit einem langen Blick sprachloser Entrüstung an. Endlich aber fand er Worte und sprach den gewichtigen Satz:

»Mensch, Sie sind doch ebenso dumm wie frech!«

Die grenzenlose Dummheit und Frechheit Asmussens lag nämlich darin, daß er annahm, der Herr Schießunteroffizier werde jetzt, außerhalb der Empfangszeit, Lust haben, ihm die Patronen zu geben.

Asmus, der über die erfahrene Beschimpfung bis hinter die Ohren errötet war, sah dem Manne scharf in die Augen und sagte nur:

»Der Herr Leutnant schickt mich.«

Keineswegs behauptete jetzt der Herr Unteroffizier, daß der Leutnant ebenso dumm wie frech sei; er beeilte sich vielmehr, Sempern die Patronen zu verabfolgen. Es war derselbe avancierte Bauernbursche, der einen Schulamtskandidaten darüber belehrt hatte, daß es nicht »Serschant«, sondern »Schersant« und nicht »Premjé-Leutnant«, sondern »Premihr-Leutnant« heiße.

Als Asmus mit seinen Patronen auf den Kasernenhof zurückkehrte und sich die empfangene Charakteristik wiederholte, da mußte er laut auflachen über die Komik der Situation. Aber als er der Physiognomie dieses Menschen gegenübergestanden hatte, da war es ihm doch heiß ins Gehirn geschossen, dem Lümmel hinter die Ohren zu schlagen; denn aus diesen kaltfrechen Augen hatte ihn die machttrunkene Brutalität der emporgekommenen Roheit, hatte ihn der Typus des Soldatenschinders angestarrt.

Und doch war der Schießunteroffizier noch lieb im Vergleich zu dem Assistenzarzt Dr. Rheinland.

XL. Kapitel.

Was? Hinkt der Kerl auf einem Fuß? Asmus lernt einen dummen und einen klugen Doktor kennen.

Asmus vertrug sich mit seinem Dienste ausgezeichnet; der »langsame Schritt« und die Gewehrgriffe waren ja nicht brennend interessant und mit Rousseau- oder Kantlektüre nicht zu vergleichen; aber er sagte sich, das Leben kann nicht immer kurzweilig sein, und wenn er eine Arbeit anfaßte, so machte er sie so gut wie möglich. Er hatte denn auch die ausdrückliche Anerkennung des Herrn von Birkenfeld und des #magister magistorum# Greifenberg gefunden. Und die Marsch- und Felddienstübungen waren nun geradezu ein Vergnügen und eine Lust. Sie lehrten ihn seine körperliche Kraft und Ausdauer kennen, die er weit unterschätzt hatte. Wenn er sah, daß er es bei voller feldmarschmäßiger Belastung im Laufen und Springen hügelauf und hügelab den Längsten und Dicksten gleichtat, ja länger aushielt als mancher Schlagetot – denn die Größten sind nicht die Stärksten – dann hob seine Brust ein unaussprechliches Glücksgefühl, das Gefühl eines Siegers, der sich selbst überwand und seine ganze eigene Welt beherrscht. Oft klopfte ihm wild das Herz, und nicht immer ward es ihm leicht, dies Vorwärtsstürmen und Niederwerfen und Wiederaufspringen und Wiedervorwärtsstürmen; aber wie ein Rausch entzückte ihn das Gefühl, seine Kraft bis auf den letzten Rest und aus den verborgensten Quellen hervorzurufen und durch ein bloßes »Ich _will_« jede Schwierigkeit zu überwinden. Und zu allem hatte noch dies Kriegsspiel, dies Streifen durch Feld und Heide, dies auf Feldwache liegen und Patrouillengehen seine Schönheit, seinen Zauber, seine Poesie. Aber trotz alledem lahmte er eines Morgens; er hatte es mit dem langsamen Schritt und Parademarsch so gut gemeint, daß er sich eine Zerrung der Achillessehne am linken Fuße zugezogen hatte. Gleichwohl versuchte er regelrecht zu marschieren und den Schmerz zu verbeißen; aber er machte es damit nur schlimmer.

»Melden Sie sich revierkrank!« sagte Herr v. Birkenfeld.

Im Revier saß der Assistenzarzt Dr. Rheinland. Er würdigte die kranken Partien der Patienten kaum eines Blicks, im übrigen sah er sie überhaupt nicht an. Er kurierte ohne Ansehen der Person. Er drückte kräftig mit dem Finger auf die geschwollene Ferse des Musketiers Semper, und dieser zuckte zusammen.

»Was fällt Ihnen ein!« schnauzte der Herr Doktor. Asmus wußte noch nicht, daß ein Soldat niemals zuckt. Er wußte freilich auch nicht, wie der Arzt sonst von seinen Schmerzen erfahren sollte, da er weder fragte, noch sich irgendwie auf eine weitere Untersuchung einließ. Er erklärte Sempern für dienstfähig; denn er gehörte zu jenen Militärärzten, die die Krankheiten wegmachen, ehe sie sie erkannt haben. Man macht auf diese Weise einen schneidigen Eindruck, schreckt die Simulanten ab, erzielt eine gute Gesundheitsstatistik und reicht weiter mit seinen Kenntnissen.

Natürlich hinkte Asmus weiter.

»Semper, hol’ Sie der Deubel! Sie hinken ja noch immer!« schrie der Leutnant.

Asmus berichtete, wie es ihm ergangen.

»Treten Sie aus und gehen Sie morgen wieder hin!« entschied Birkenfeld.

Am andern Morgen erschien Asmus wieder im Revier. Diesmal drückte Herr Rheinland nicht einmal mit dem Finger; er warf einen verächtlichen Blick auf die gemeine Soldatenferse und schrieb, daß der Musketier Semper dienstfähig sei.

Beim Parademarsch exerzierte der Musketier Semper genau wie ein Musketier Hephästos oder Mephistopheles.

»Semper!« brüllte v. Birkenfeld. »Herr Semper, ich befehle Ihnen, daß Sie das Hinken lassen; ich verbiete Ihnen einfach das Hinken, Herrrr!«

Die Befehle des Herrn Leutnants waren aber der Achillessehne nicht maßgebend.

»Musketier Semper!« schrie Herr v. Birkenfeld. Asmus faßte das Gewehr an und lief hinkend zu seinem Vorgesetzten. »Was hat denn der Arzt gesagt?«

»Er hat mich ohne Untersuchung und ohne ein Wort zu sprechen, dienstfähig geschrieben.«

»Also geh’n Sie nach Hause, legen Sie sich aufs Sofa und fragen Sie ’n studierten Mediziner. Wegtreten!«