Chapter 10
Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen.
XXV. Kapitel.
Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast bekam.
Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen waren und also der Berg des Ãrgernisses bis zum Gipfel überwunden war, pflegte man das »Bergfest« zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor und alle Lehrer dazu geladen werden.
Vor der nächsten psychologischen Stunde hub der Herr Direktor also an: »ân Bergfest wollân Se feiern. Ich habe erst jar nicht verstanden, was das sein soll. Ich habe jedacht: wieso wollân denn Seminaristen des Flachlandes ân »Bergfest« feiern! SchlieÃlich hab ich mirâs erklären lassen. Das heiÃt: »Jott sei Dank, nu sind wir überân Berg!« Ick will Ihnen mal wat sagen: Freuân Se sich, wenn Se noch Zeit und Jelegenheit haben, wat zu lernen; später wirdâs anders! Wenn Se Ihr Examen jemacht haben, feiern Se meinetwegen Feste, aber _den_ Unsinn machâ ick nich mit!«
Er fing immer ziemlich hochdeutsch an, aber je länger er sprach, desto berlinerischer wurde er und desto mehr würzte er seinen Vortrag mit Berliner Anekdoten. Wenn er mit einem Vortrag über Zeit und Raum begonnen hatte, so war er nach einer Viertelstunde bei Bismarck oder Moltke oder bei seinen Lehrern Lazarus und Steinthal (»der Steinthal is man soân janz kleenes Männeken mitân Zahntuch umân Kopp â wenn manân auf der StraÃe sieht, möchtâ man ihm ân Jroschen schenken« â und dann pries er ihn in begeisterten Erinnerungen) oder er kam auf die Berliner Schutzleute oder auf Eugen Richter.
»Wenn man den Richter nachts aufweckt und sagt: Richter, halt mal âne Rede! denn kann erâs, un wenn man sagt: Richter, nu halt mal eine dajegen! denn kann erâs ooch. Aber ân janzer Kerl is er doch!«
Das Bergfest wurde also ohne Direktor und ohne Lehrer, nichtsdestoweniger aber mit Glanz gefeiert. Niemand rührte mit Wort oder Miene an das Vergangene; Schäflein und Wölfe benahmen sich gleich taktvoll; nur Morieux zog einmal Sempern auf die Seite und flüsterte erregt:
»Du muÃt eine Rede halten!«
»Ich? Worüber?«
»Na â zum Dank für die Einladung!«
Asmus brach in ein schallendes Gelächter aus.
»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, ich bin sehr vergnügt und feire das Fest ohne jeden Hintergedanken â aber auch noch »danke« sagen â? Das mach du nur selber! Das heiÃt, wenn duâs tust, erschlage ich dich!« fügte er schnell hinzu.
Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes gehörte es, daà der erste Trinkspruch, den der Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig behandelt; aber sie liebten ihn alle; denn er hatte das eine, für das die Jugend ein so besonders feines und lebhaftes Empfinden besitzt: Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt sich mit dem strengsten Zuchtmeister, wenn er gerecht ist, und sie verachtet, sie haÃt den willfährigsten Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie wuÃten es alle: dieser #Dr.# Korn hatte ein Rückgrat nach oben und nach unten, und wenn es in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler zu entscheiden galt, so waren sie ihm nicht Lehrer und Schüler, sondern Menschen. In aller Gedächtnis strahlte mit unauslöschlichem Glanze ein Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer hatte mit allerlei verfänglichen Fragen einen verdächtigen Jüngling auf seine Rechtgläubigkeit untersucht. Der Jüngling beschwerte sich bei dem Direktor über diese Belästigungen, und Korn, als er beide Parteien gehört hatte, sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller Jewissensfragen zu enthalten. Wir sind hier tolerant.«
Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende Einfluà der Geistlichkeit noch nicht überall war und die oberen Stellen nicht mit den Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen Minervens besetzt wurden.
Von der orthodoxen Theologie war der Mann allerdings weit entfernt; er war Philolog und Philosoph und liebte das Zeitalter der Aufklärung und der Enzyklopädisten, das er mit sprühendem Geist, lebendig und groà darzustellen wuÃte, so groÃ, daà Asmus, wenn ihm später der banale Aufkläricht in seiner ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den kleinen Köpfen, groà gewesen in den groÃen. Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er es genau nach der Dogmatik vor, ohne Kritik und ohne Polemik, und wenn er fertig war, sagte er aufatmend:
»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon jlauben wollen, steht bei Ihnen.«
Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder Richtung. Der Gläubige atmete unter ihm so frei wie der Zweifler.
Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-PreuÃische sonst nicht liebte, â die Schleswig-Holsteiner sind keine KommiÃnaturen, â so sagte er sich doch, daà der Geist dieses Mannes das Beste am ganzen Seminar, ja, daà er beinahe das einzige Gute an dieser Anstalt war. Sein goldener Präparandentraum vom reich besetzten Tisch der Wissenschaften und Künste hatte einer groÃen Ernüchterung Platz gemacht; aus der Hochzeit des Kamacho, wo die Rinder, Hammel und Hasen und die Schläuche Weines nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des Harpagon geworden. Von einem, der studieren will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu wissen, ein feines Wort. In drei oder vier Jahren kann man nicht viel studieren; aber man kann studieren _lernen_, und das ist viel mehr. Bei Korn lernte man studieren. Nach seinen Vorträgen rief es in Asmus mit tausend Begierden: Mehr! mehr! und ihm war, als müÃte er mit Armen des Geistes das ganze Firmament der Gedanken umspannen und in seine Brust herabziehen. Nach den Stunden der andern hatte man immer genug, und wuÃte doch, daà es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das schnell satt macht, oder sie gaben Steine statt des Brotes, oder sie gaben nicht einmal Steine. Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie der gute Mister Belly, und wenigstens auf solche Art die Jugendlust lebendig erhielten.
XXVI. Kapitel.
Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann.
Mister Bellys Stunden waren freilich in einer gewissen Hinsicht lauter Feste. Mister Belly war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in England geboren sind, und das war sein Hauptverdienst. Zu diesem Englisch hatte er nur noch zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer Aussprache und Betonung und ein für einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. Es ist nie ans Licht gekommen, ob er von Goethe, Schiller und Lessing irgend etwas kannte; das aber stand fest, daà er von der nachgoethischen Literatur nur den »Königsleutnant« von Gutzkow kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen ganz kaltblütig ein und hält es für NationalbewuÃtsein. Von Zeit zu Zeit fragten ihn die Seminaristen:
»Mister Belly, wie heiÃt noch das deutsche Drama, das Sie kennen?« und dann antwortete er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt:
»Also mal »The Kingâs Lieutenant«, denn er leitete jeden Satz mit den Worten »also mal« ein.
Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut deutsch sprach, so sprachen es die deutschen Seminaristen doch besser, und als Lehrer ohne imponierende Kräfte unter übermütige Kinder einer fremden Sprache versetzt sein, das ist gerade so schön, wie als Taubstummer unter Kannibalen geraten. Da beim englischen Unterricht eine Grammatik von Gurcke gebraucht wurde, so sagte der unglückliche Belly eines Tages: »Bringen Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und an solchen und ähnlichen Gurken hatte der Gute natürlich lange zu kauen. Unter der gütigen Leitung Mr. Bellys muÃte unser Asmus etwa hundertmal die Geschichte von Robin Hood lesen (Mr. Belly wollte auf solche Weise bei seinen Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber dennoch brachte jede Stunde eine Abwechslung. Heute war es ein Hampelmann, der hinter Mr. Belly an der Wand hing und durch einen dünnen, bei dem Seminaristen Stelling endigenden Faden dirigiert wurde, morgen war es ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt wurde und dort während der Stunde gespenstische Geräusche hervorbringen muÃte, übermorgen ein Seminarist, der aus Turnjacken, Turnhosen, Turnschuhen und einer Mütze hergestellt, dann in ein kleines Kabinett gesetzt und für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daà Mr. Belly hinging, um ihn zu wecken, und so mit und ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäÃig zu einer ganzen komischen Oper; denn natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem Gerassel wieder herab, und je mehr hilfreiche Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. Der eigentliche Belly-Spezialist aber war jener Stelling.
Stelling war ein glänzend begabter Bursche, der aber am Unterricht eigentlich nur als wohlwollender Zuhörer teilnahm und eine unüberwindliche Abneigung gegen Bücher und Hefte hegte. Was er an solchen Dingen mit sich führte, beschränkte sich für gewöhnlich auf ein kleines Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des Buchstaben zu zeigen, zusammengerollt in der hinteren Hosentasche trug. Kraft seiner vorzüglichen Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich auf dem Laufenden; nur in der »Charakterbildung« schien er sich auf der Stufe des »groÃen Jungen« so wohl zu fühlen, daà er an einen Fortschritt nicht dachte.
Eines drückend heiÃen Sommertages brachte der nämliche Stelling einen Hammer mit in die Klasse, und gerade las ein Schüler mit halb entschlummerter Stimme die erschütternden Verse:
#»Here underneath this little stone Lies Robert Earl of Huntingdone; Neâer archer was as he so good, And people called him Robin Hood ...#
als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches Klopfen ertönte.
»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly.
Stelling trat an das offene Fenster, neben dem er saÃ, und sagte trocken:
»Das ist also mal ein Zimmermann, Mr. Belly.«
»Also mal: ist gut, setzen Sie sich,« sagte Belly, dem schon schwül wurde, wenn Stelling sich einer Sache annahm.
Stelling setzte sich und klopfte.
»Das ist aber doch sehr störend!« rief jetzt der Nachbar Stellings mit einem abgefeimten Lerneifer im Gesicht.
»Soll ich den Mann also mal bitten, daà er also mal aufhört?« fragte Stelling bescheiden.
Belly, der der suggestiven Frechheit dieses Jünglings nicht gewachsen war, sagte: »Also mal: bitte, wenn Sie durchaus wollen â?«
Stelling trat wieder ans Fenster und rief mit der Stimme eines versoffenen Feldwebels: »Hören Sie auf!!!«
»Also mal bitte, was ist das für ein Ton!« rief Mr. Belly erschrocken; »also seien Sie mal höflich, nicht wahr?«
»Ganz, wie Sie wünschen, Herr Belly,« erwiderte Stelling und begann zu singen:
»Wackrer Zimmermann, Hast ja Freude dran,
aber uns stört es; möchten Sie nicht die Gewogenheit zeitigen, mit diesem frevelhaften Geballer aufzuhören? â Wie meinen Sie?«
Stelling wandte sich wieder ins Zimmer zurück und sagte mit dem ruhigsten Gesicht:
»Er antwortet: âPett di man keen Hoor inân Foot!â«
»Also mal, das ist Plattdeutsch,« bemerkte Belly sehr richtig, »was heiÃt das?«
»Das heiÃt: #Donât run a hair into your foot!#«
»Also mal: Das verstehâ ich nicht.«
»Das verstehen Sie also mal nicht? Das ist eine Beleidigung! â Wie heiÃen Sie?!« schrie Stelling zum Fenster hinaus mit zornrotem Gesicht.
»Also mal bitte: seien Sie nicht so erregt!« rief Belly ängstlich.
»Er sagt, er heiÃt Hummel!«[3] berichtete Stelling. »Was soll ich ihm sagen?« Natürlich wollte die Klasse sterben vor Lachen.
[FuÃnote 3: Name eines in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Hamburg verstorbenen komischen Originals. Die Hamburger pflegen auf den Zuruf »Hummel« mit einem sehr derben Ausruf zu antworten.]
Mr. Belly erhob sich endlich, um selbst mit dem Manne zu sprechen.
»Da â eben geht er ins Haus!« rief Stelling. »Vor Ihnen hat er natürlich Angst.«
Als Mr. Belly an sein Pult zurückgekehrt war und das Klopfen von neuem anhub, sprang Stelling auf und schritt nach der Tür: »Ich werde also mal hinuntergehen und mit dem Mann sprechen.«
»Also mal: Stelling, bleiben Sie also mal hier,« sagte Mr. Belly.
»Ja aber, Herr Belly, soll man sich denn das gefallen lassen?«
»Also mal: wollen Sie sich jetzt setzen?«
»#Yes, mister#« sagte Stelling und ging an seinen Platz.
»Also mal: Sie sagen: »#Yes, mister!#« HeiÃt es so?«
»#Yes, gentleman!#«
»Also mal: Sie _wollen_ es nicht richtig sagen! Sie sind also ein Heuchler!«
»Herr Belly,« sagte Stelling kaltblütig, »ich nehme an, daà Sie die wahre Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen, sonst würde ich Sie fordern.«
»Aber, Herr Belly,« riefen jetzt viele durcheinander, »wie konnten Sie so etwas sagen: das ist ja eine tödliche Beleidigung!«
»Also mal: ich habe Sie nicht beleidigen wollen,« lenkte Belly ein, es heiÃt also mal: #Yes, Sir!#«
»Na ja, wenn einem das in Güte und Freundlichkeit gesagt wird ....«
Inzwischen war aber in Mr. Bellys Kopfe etwas wie Morgendämmerung angebrochen, und als das Klopfen wieder ertönte, belauerte er den Ãbeltäter und sah ihn schnell etwas unter den Tisch legen.
Nun ging er ruhigen Schrittes auf Stellings Platz zu, klappte den Tischdeckel hoch, nahm den Hammer, ging damit wieder nach vorn, legte ihn aufâs Pult und sagte: »Lesen Sie weiter, Müller.« Er tat das alles ohne jedes Zeichen der Erregung, nur mit dem Ausdruck einer stoischen Geringschätzung, ja, einer leisen Verachtung im Gesicht. Und diese Art, dergleichen Bubenstreiche abzutun wie Dinge, die an die Würde eines Gentleman nicht heranreichen, diese Art, die der guten englischen Erziehungsregel: #Be a gentleman!# entspringt, nahm Asmus doch immer wieder für ihn ein. Man sah es dem guten Belly an, daà solche Ruchlosigkeiten ihm weh taten, daà sie ihm aber zu kindisch waren für seinen Zorn, und das ging nicht nur Asmus, es ging schlieÃlich auch anderen Jünglingen zu Herzen. In einer Pause fand eine feierliche Beratung statt mit dem Ergebnis: Da Mr. Belly nicht imstande sei, Disziplin zu halten, so müsse man selbst für Disziplin sorgen, und von nun an wolle man sich vernünftig benehmen. Das ging auch einige Stunden ganz gut. Als aber ein Seminarist einen Stiefel ausgezogen hatte, weil er ihn drückte, und sein Nachbar diesen Stiefel mit einem kräftigen Stoà nach vorn befördert hatte, Mr. Belly den Stiefel als #corpus delicti# konfiszierte und damit die Klasse verlieÃ, der Einstiefler, der von Natur eine rote Nase hatte, ihm protestierend nachhumpelte und Mr. Belly endlich sagte: »Also mal: Sie verfolgen mich: Sie haben eine rote Nase, also Sie sind ein Nihilist!« da brachen ob dieser rätselhaften Ideenverbindung alle Dämme der guten Zucht zusammen, und der jugendliche Ãbermut nahm wieder freien Lauf.
XXVII. Kapitel.
Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys.
Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den Religionsunterricht erteilte.
Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich Strauà und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wuÃte. Er plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch so geschwinde Fangball spielen, daà man nicht mehr weiÃ, was Teller, was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daà man beschloÃ, sich einen Spaà zu machen und auf die Fragen des Mannes immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«.
Das geschah denn auch und paÃte fast immer, und wenn es nicht paÃte, so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er:
»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer, tendenziöser Zusatz?«
»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert.
»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daà nur den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da undenkbar, daà die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein späterer Zusatz sein; sie ...«
»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!«
Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre Ãberzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und forschte. Er lieà einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte« noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die Sache humoristisch und lieà die Sermones des jungen Mannes über sich ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder »Die Liebe!!«
Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja, Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende Bewandtnis.
Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden hatten, regelmäÃig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er ordnete deshalb an, daà alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ãngstlichkeit, auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen Taschentüchern den TodesschweiÃ.
»Nu sehân Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind der Einzâche! Sie sind der einzâche ZuverläÃâche von der kanzen Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«
Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das is immer so: dieâs _nich_ nötâch haben, die kommen; aber dieâs nötâch haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper und sagte:
»Mein lieber Semper, klauben Sieâs mir: darauf kommtâs an im Leben: auf ZuverläÃâchkeit. Sie sind ä zuverläÃâcher Mensch.«
Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen natürlich vernommen hatte, daà Asmus Semper zu den Begabteren gehöre, so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der Antwort selbst zu geben, etwa so:
»Nun, Semper, welcher Ton muà also hier folchen? Gi â gi â?«
»Gis«, antwortete Asmus, und dann rief Meister Bruhn: »Der weià alles!«
Diese Meinung teilte Asmus nun freilich nicht; aber doch ward es ihm wohl und warm bei Meister Bruhn und seinen Sonnabendstunden, die im Winter bis in das Dunkel des Abends hineinreichten.
Dem »Musiksaale« gegenüber lag ein Haus mit einer Schneiderinnenstube, und die Seminaristen stellten sich gern ans Fenster, warfen schwärmende Blicke hinüber zu den Mädchen und strichen so gefühlvoll dazu die Saiten wie der Geiger von Gmünd vor dem Marienbilde. Und die fünf oder sechs Marien nickten so fleiÃig herüber, als hätten sie gern einen Schuh und mehr dahingegeben. Wenn Meister Bruhn das sah, dann lächelte er mild-ironisch und sagte: »Müller, sehn Se beim Spielen hierher; die nehmen doch lieber Keld als Muszik.« Und das ernüchterte.
XXVIII. Kapitel.
Ein Kapitel, in dem aber auch rein gar nichts geschieht und das der gewöhnliche Leser wütend überschlagen wird.
Asmus Semper hatte nicht das Geringste gegen hübsche Schneidermamsellen; aber ob sie hübsch waren, eben das konnte er nicht feststellen, weil seine Augen für eine so groÃe Entfernung nicht ausreichten. So schützte, wie es wohl öfter kommen mag, die Kurzsichtigkeit seine Tugend. Aber wenn er auch die Schneiderinnen deutlich hätte erkennen können, würde er wohl wenig nach ihnen ausgeschaut haben, weil es innerhalb des düsteren, kahlen Musiksaales weit Schöneres zu sehen gab. In diesem Musiksaal wurden alle Volkslieder gesungen und gegeigt, die je von deutschem Kindermund erklungen sind; denn was sie die Kinder lehren sollten, das muÃten die künftigen Lehrer selber spielen und singen können. Wenn er diese Lieder hörte, stützte Asmus den Ellenbogen aufs Knie und den Kopf in die Hand und sah in einen dunklen Winkel des Saales, und seine kurzsichtigen Augen wurden fernsichtig.
Da sah er hinein in jahrtausendtiefen Wald und hörte aus einem fernen Jahrhundert den dämmergrünen Grund herauf ein fröhliches Blasen:
Ein Jäger aus Kurpfalz, Der reitet durch den grünen Wald, Er schieÃt das Wild daher, Gleichwie es ihm gefallt. Ju ja, Ju ja gar lustig ist die Jägerei Allhier auf grüner Heidâ.
Aber das zweite »Ju ja« hallte leise aus wunderbaren Fernen her.