Seltsame Käuze

Part 9

Chapter 93,869 wordsPublic domain

Juli war es, und ein besonders heißer Tag dazu. Die Sonne sengte und strahlte, sie kochte den Honig aus den letzten Blüten der Linde im Garten, so daß der süße Duft mit dem leisen Lufthauch davonzog. Ein paar Fliegen saßen plattgedrückt im Weinlaube und ließen sich die Hitze gut sein, unter der Fetthenne am Boden dehnte eine grüne Zauneidechse den Leib im Sonnenschein, träge flog ein Kohlweißling durch den Garten und setzte sein Eihäufchen an ein Kohlrabiblatt. Sonst war von Lebewesen fast nichts zu entdecken. Nur ab und zu klang die plärrende Stimme junger Stare aus den Höhlungen der Linde, verträumt drang der Laut durch die heiße Stille.

Ein leises, fernes Summen klingt in der zitternden Luft, ganz fein vertönt’s, wie wenn die Kirchenglocke summt, die ein fallendes Sandkorn anschlug. Was ist es? Täuscht nur der hämmernde Pulsschlag das ferne Summen ins Ohr? Doch nein, es wird stärker und lauter. Ist es der Wind, den die weiße Wetterwolke am Westhimmel ausschickt, der so drohende Töne erzeugt? Doch es regt sich kein Blatt am Baume, kein Windhauch stört die winzigen Mücken, die als flimmernde Punkte einen verschlungenen Reigen tanzen. Näher und drohender braust es, wie wenn fern hinter dem Berge prasselnde Schloßenschauer herniederstürzten, und doch ist der Himmel blau und die weiße Wetterwolke fern.

Und nun zieht unter Summen und Brummen eine Wolke über den Garten, jetzt langsam, jetzt rasch, jetzt hoch und dann niedrig, eben war sie rund, nun ist sie lang und schmal. Apis, die +Bienenkönigin+, und ihr Volk brummt über den Garten. Sie fliegt in weitem Bogen um die Linde herum, ihre Getreuen tun’s ihr nach, sie stürzt sich zehn Meter hinab, und ohne Kommando folgen ihre Vasallen, sie schwärmt im Zickzackfluge, und hinter ihr wogt der Schwarm, wie von Geisterhand geleitet. Am Hausgiebel zieht die Königin langsam hinauf bis zum First und dann wieder hinab bis zum Dachrand, und mit ihr steigen die Bienen und senken sich.

Apis sucht einen Ruheplatz, doch das Haus dünkt ihr unpassend, drum geht es hinüber zur Linde. Ein glatter Ast kommt aus dem dicken Lindenstamme dort, wo er sich zum ersten Male teilt. Fast wagrecht ragt der Ast in die Luft, nur seine Zweige hängen etwas nach unten. Hier gefällt es Frau Apis, die Sonne brennt nicht zu heiß hierher, aber der Schatten ist auch nicht zu dicht. Die Königin setzt sich auf den erwählten Platz, sofort haben sich neben ihr eine Schar Getreue niedergelassen, neue kommen dazu und krallen sich mit ihren sechs Beinchen an die glatte Rinde, die nächsten setzen sich auf die Rücken ihrer Schwestern, um wieder andern als Ruhesitz zu dienen. Größer und größer wird die Traube aus Bienenleibern, immer weniger Insekten schwärmen noch umher, bis schließlich fast alle Platz gefunden haben.

Doch dauernd ist natürlich die Ruhe beim Bienenvölkchen nicht. Da löst sich ein faustgroßer Ballen vom Schwarme, entwirrt sich im Fallen, und die emsigen Honigsucher fliegen hinauf zur Bienentraube, die sich schon wieder abgerundet hat, und setzen sich darauf nieder. Der Abend kommt, und über den Wiesen braut der Nebel, die Bienen summen, fallen nieder und steigen auf; die kühle Nacht senkt sich auf die Erde, und das Käuzchen schreit in den Weiden an der Mühle, der Bienenschwarm summt immer noch. Der Morgenhimmel rötet sich, und die Sonne guckt mit rotverschlafenem Auge aus dem Wolkenbette, die Bienen brummen noch immer rastlos am Lindenast.

Höher und höher steigt das Tageslicht, seine warmen Strahlen trinken durstig die glitzernden Tauperlen von Blatt und Gras. Nun werden die Bienen noch lebhafter. Eine nach der andern löst sich von der Traube los und summt tanzend auf und nieder, schwärmt hin und her und fliegt dann weiter herum im Garten und Dorfe. Bald hier am Hausgiebel, bald dort am hohlen Apfelbaume sieht man sie suchend umherirren, hineinfliegen in Baumlöcher und dann wieder weiter eilen. Die größte Zahl ist aber an der Linde geblieben und untersucht die zahlreichen Höhlungen ihres Stammes.

Zu zweien, dreien fliegen sie ein und aus, bis schließlich die große Höhle am Stamme, die halb unter Efeuranken versteckt liegt, von vielen umflogen wird. Hin und her geht es zwischen dem Schwarm und dem Loch im Stamme, bis schließlich alles nur ein Hin- und Herfluten ist. Und dann zieht Bienlein auf Bienlein unter lautem Summen hinein in den hohlen Stamm; wie wenn rieselnde Erbsen aus dem Sack ins Maß rollen, so ist’s anzusehen. Apis und ihr Volk haben eine Wohnung gefunden, sie bleiben in der Linde.

Schimpfend sehen die Sperlinge, wie die schöne, große Höhle von den kleinen Summern bezogen wird, aber eine dunkle Ahnung sagt ihnen, daß hier Zanken und Beißen nichts hilft, und Star und Rotschwanz, die vom Schelten der erbosten Gassenvögel angelockt werden, wissen auch nur den einen Rat, sich mit den Kleinen nicht zu verfeinden. So wird es denn weiter getragen von Schnabel zu Schnabel, was für Gäste jetzt in der Linde wohnen, und auch die Menschen sehen es und sprechen einige Tage darüber; dann ist die Sache nichts Neues mehr.

Doch beim halbvergessenen Bienenvolke wird gearbeitet mit Bienenemsigkeit, und gar mannigfach ist die Arbeit, die zu tun ist. Da sitzt eine Schar aus dem Volke der Apis dicht geknäult. Sie sind gut genährt, und man könnte glauben, sie täten nichts, als ein Mittagschläfchen halten. Doch haben sie eine wichtige Beschäftigung, sie -- schwitzen. Eine wärmt sich an der andern, so daß zwischen den Ringen ihres verschnürten Körpers Wachs hervorquillt. Spurwenig ist es natürlich, was eine Biene täglich an Wachs hervorbringen kann, und doch sieht man an den Waben, die aus dem Wachse gebaut werden, daß die Gesamtmasse gar nicht so gering ist.

Und wenn die einen schwitzen, dann kommen andre, putzen ihnen das Wachs ab, kauen es mit kräftigen Kiefern und kleben den winzigen Ballen an das Bauwerk, das andre begonnen haben, noch andre fertig machen werden. Keine fragt, was nun zu tun ist, jede weiß es von selbst. Mit den geknickten Fühlern messen und tasten sie, kneten und kleben mit den Kiefern, und bald reiht sich eine sechseckige Zelle an die andre. Und in der ganzen Wabe ist ein Kämmerchen so groß wie das andre, alle sind gleich hoch und breit, alle haben die gleiche Tiefe.

Zwischen den bauenden Bienen läuft die Königin umher, als wollte sie sich überzeugen, daß ordentlich gearbeitet wird. Doch das scheint nur so, sie versteht ja von der Arbeit herzlich wenig und läßt ihr Volk tun und treiben, was es will. Doch wenn eine Anzahl neuer Kammern fertig ist, dann legt sie ein Ei in jede Zelle. Das ist ihre einzige Arbeit, aber man darf nicht denken, es wäre eine leichte Aufgabe, mehr als dreitausend kann sie an einem einzigen Tage legen. Dafür wird sie aber auch von ihrem Volke gepflegt und beschützt, gefüttert und gewärmt, jede Biene ist bemüht, ihr den leisesten Wunsch an den Fühlern abzulesen. Und während die einen kleben und bauen, andre die Königin geleiten und bedienen, summt die größte Zahl der Bienen im Freien umher. Geschäftig eilen sie von Blüte zu Blüte, stecken den Rüssel ganz tief hinein zwischen Staubfäden und Griffel und schlecken und trinken das winzige Tröpfchen Nektar, das dort geboten wird. Und dabei stäuben und pudern die Staubfäden die emsigen Insekten über und über mit gelbem Pollen ein, der zwischen dem Pelz hängen bleibt. Ein kleiner Teil wird davon in den nächsten Blüten wieder abgestreift, bleibt an den Blütenblättern hängen, um zugrunde zu gehen, oder an der Narbe des Griffels, um seinen Zweck zu erfüllen und die Eizellen zu befruchten. Doch in jeder neuen Blüte kommt neuer Staub in den Pelz der Biene und macht ihr das Fliegen schwer. Darum setzt sie sich auf ein Blatt und kämmt und bürstet den gelben Puder von Rücken und Bauch und packt ihn in das Haarkörbchen am Hinterbein, bis sie dicke falsche Waden hat wie ein Hochtourist.

Ist dann das Kröpfchen voll von süßem Nektar, sind die gelben Höschen so dick, daß nichts mehr hineingeht in das Körbchen, dann summt das Bienlein in schwerem Fluge zum Stock zurück. Es wandert über die Waben dahin, und wo eine junge Bienenlarve steckt, dort stopft die Arbeiterin etwas von ihren Vorräten in die Zelle, Blütenstaub und etwas Nektar wird der Brut als Nahrung angeboten.

Wenn dann die weißen Madenlarven erwachsen sind und sich verpuppen wollen, dann decken die Bienen einen Wachsdeckel auf ihre Zelle; sie machen das kleine Kämmerlein zu, damit die weiße Mumie ungestört ihrer Auferstehung als fertige Biene entgegenschlummern kann. Wenn dann zwanzig Tage seit der Ablage des Eies verflossen sind, dann regt sichs unter dem Deckel und die junge Arbeiterin schlüpft aus. Noch ist sie in ein weißes, weiches Morgenkleid gehüllt, aber das wird bald hart und färbt sich dunkel, und dann fängt die junge Biene an, sich an den Arbeiten am Stock zu beteiligen, als hätte sie schon monatelang gelernt. Gleich weiß sie überall Bescheid, weiß wie Zellen gebaut, wie Honig gesammelt, der Stock rein gehalten wird. Woher weiß sie das? Sie hat ihre Kenntnisse geerbt von ihrer Mutter, der Königin, obgleich die wieder ganz andre Instinkte besitzt als die Arbeiter, von Arbeiten nichts versteht, nur Eier legt und sich von ihren Töchtern füttern und pflegen läßt. Ein Wunder ist es, wer vermag es zu +erklären+, nicht nur zu +beschreiben+?

Der Herbst kommt heran, der Bienenschwarm wird stiller von Tag zu Tag. Nur wenige Brutwaben hängen im Stocke, die meisten sind angefüllt mit goldklarem, süßem Honig, dem Wintervorrat. Kälter werden die Tage. Die Bienen kleben das Flugloch unter der Efeuranke enger, sie kriechen dicht zusammen und wärmen sich, verschlafen gehen sie, um etwas Honig zu naschen, nur leises Knistern, kein Brummen und Summen tönt aus dem Lindenstamme. So träumen und dämmern die Bienen den ganzen Winter hindurch.

Doch wenn im März die Sonne warm ans Flugloch scheint, dann kommt Bienlein auf Bienlein herausgekrochen ans warme Licht. Sie putzen sich und streichen sich über die Fühler, wischen über die großen Netzaugen, reiben die drei Punktaugen auf der Stirn und fliegen ein Stückchen umher, um die Glieder zu üben und um einem monatelang unterdrückten Geschäft obzuliegen. Und nach dem ersten, dem Reinigungsausflug, beginnt die Arbeit dort, wo sie im Vorjahre liegen gelassen wurde. Die Königin legt Eier, die Arbeiter reinigen den Stock, tragen die Leichen der im Winter Verstorbenen aus dem Stocke und fliegen umher, zu sehen, ob Blauveilchen schon das Wirtshaus offen hat und die Weide den Honig in Strömen fließen läßt.

Dann geht es ans Ausbessern der alten und an das Bauen neuer Waben, doch dann, wenn es wärmer wird, dann scheint es, als ob die Bienen mitunter das rechte Maß für die Wabenzellen vergessen hätten. Mitten zwischen den gleichmäßigen Sechsecken der normalen Kämmerchen bauen sie große Zimmer ein und am Rande der Brutwabe lassen sie noch größere Zellen entstehen. Und die Königin kommt und legt in die gewöhnlichen Kämmerchen Eier und in die größeren dann auch.

Doch die bevorzugten Larven in den großen Kinderstuben müssen etwas besonderes vorstellen, sie werden viel reichlicher und besser gefüttert als ihre Schwestern in den engen Kammern. Und wirklich, ganz dicke, rundköpfige Bienen mit breiten Hinterleibern schlüpfen aus den Kammern. Sie arbeiten nicht, stehen immer im Wege, betteln fortwährend um Honig, kurz, recht unnütze Geschöpfe sind es. Wenn die Sonne recht warm scheint, dann spielen sie unter lautem Gebrumm vor dem Flugloch, aber die erste trübe Wolke jagt sie wieder in den Stock. Bienenmänner, Drohnen sind es.

Wieder vergehen einige Tage, da regt sich’s und bewegt sich’s in einer der großen Zellen am Rande der Brutwabe. Ein heißer, sonniger Tag ist’s, und die Bienen sind aufgeregt und stechlustig wie nie. Wie eine Wolke tanzen sie vor dem Flugloche auf und nieder, immer mehr kommen dazu, keine denkt an Arbeit, keine an Honigsammeln. Da kommt Apis aus dem Stocke, tastet mit den Fühlern, brummt mit den Flügeln und fliegt dann auf und davon. Und hinter ihr brummt und summt ihr Bienenvolk. Die Bienen schwärmen; sie ziehen aus, denn im Stocke will eine junge Königin herrschen.

Aus der dicken Zelle am Wabenrande, der Weiselwiege, schlüpft am nächsten Tage eine schöne große, schlanke Biene. Kaum sind ihre Flügel fest und die Ringe ihres Leibes verhärtet, da fliegt sie hinaus zum Flugloch, schwingt sich hoch in weicher, warmer Luft, und hinter ihr brummt und summt ein wildes Heer stürmischer Freier. Hoch oben im Äther wird Hochzeit gehalten. Nach kurzem Liebestaumel stirbt der Prinzgemahl, die junge Königin kehrt zurück zum Stock.

Zwar soll sie künftigen Generationen das Leben geben, doch ihr erstes Werk ist Mord. Sie läuft von Weiselwiege zu Weiselwiege und tötet ihre königlichen Geschwister, sich so die Herrschaft über alle Arbeiterinnen sichernd. Und die Bienen setzen das Blutbad fort, das die Königin begonnen. Sie stürzen sich auf die dicken Fresser, die unnützen Schmarotzer, die Drohnen, stechen und beißen sie im Stocke oder vor dem Flugloche, so daß sie todkrank zu Boden taumeln, eine leichte Beute für Rotschwanz und Fliegenschnäpper.

Unnütz sind die Bienenmänner, sobald die Königin ihren Hochzeitsausflug gemacht hat; nur einmal im Leben begattet sie sich, um dann Tausende von Eiern zu legen, befruchtete in die Arbeiterzellen und Weiselwiegen, unbefruchtete in die Drohnenkammern. Man hat beobachtet, daß sich die unbefruchteten Eier trotz reichlicher Nahrung sehr langsam entwickeln, es fehlt ihnen ja der männliche Teil Zeugungsmaterial, vierundzwanzig Tage vergehen während der Entwicklung. Die Weiseleier brauchen dagegen nur sechszehn Tage, während die Kümmerweibchen, die Arbeiterinnen, bei ihrer geringen Nahrung zwanzig Tage nach Ablage des Eies ausschlüpfen.

Forscher haben genau nachgeprüft, welche Umstände die Königin veranlassen, immer die richtige Art Eier in die Zellen zu legen, welche Sinneseindrücke die Bienen zum Suchen von Honig, zum Pflegen der Brut veranlassen; man hat die Nervenapparate der Bienen ins feinste untersucht und ist beim Lösen alter Fragen auf immer noch neue gestoßen. Der Mensch kann ja nicht über die Grenzen seiner Erkenntnis hinaus, er ist schon stolz, wenn er sie um ein Kleines weiter geschoben hat.

Hüttenjagd

Mit einem Sack voll Mais und Weizenspreu auf dem Rücken geht der alte Förster hinaus in die Fasanerie, um die bunten Vögel aus Kleinasien zu füttern, damit sie nicht in Nachbarreviere auswandern auf der Suche nach Nahrung. Treff, der Hühnerhund, durfte nicht mit, um die Fasanen nicht zu stören, sogar die Doppelflinte blieb zu Haus, weil das Körnerfutter gerade schwer genug zu tragen war. Vornübergebeugt unter der Last schreitet der alte Graubart durch den Mischwald, wo die Bäume weitläufig stehen, um dem Unterholze Licht genug zu üppigem Wachstum zukommen zu lassen. Nun nähert er sich der langgezogenen Fichtendickung, dem Futterplatze. Da ertönt ein tiefer, rauher Warnlaut, und eine Schar Krähen schwingt sich eiligst aus der dichten Deckung, um unter lautem Gekrächz das Weite zu suchen. Sie haben sich gütlich getan an dem Getreide, das die Fasanen übrig gelassen haben. „Na warte“, knurrt der Förster, „euch will ich’s zeigen, daß der Mais nicht für euch bestimmt ist. Hundert Fasanen durch den Winter füttern und auch noch Hunderte fremder, ungeladener Gäste, das wird zu teuer. Gleich morgen will ich mit dem Uhu einmal mein Glück versuchen und euch schwarzem Gesindel das Handwerk legen.“

Noch vor Tagesanbruch zieht er denn auch wirklich hinaus mit Jockel, dem Uhu. Langsam schreitet er vorwärts, um nicht warm zu werden in der dicken Kleidung, wie sie für den langen Ansitz nötig ist. „Trüb und neblig, dabei Südwestwind; sollte mich wundern, wenn ich heute keine Geschäfte machen würde“, murmelt er. Die braungetigerte Dine umkreist in weiten Sätzen ihren Herrn und freut sich, daß sie auch einmal mit ins Revier genommen wird. Wenn sie wüßte, daß sie heute Stillsitzen lernen soll, wenn’s knallt, und dann die unangenehm riechenden Krähen artig herbeibringen muß, würde doch vielleicht ihr jugendlicher Übermut bedeutend gedämpft werden. Jetzt macht der Herr schon Halt und schließt die Türe zur Erdhütte auf. Dann nimmt er den Jockel aus seinem Korbe und bindet die Leine, die an den dicken Fängen (Beinen) des Uhu befestigt ist, an eine Sitzstange, die etwa zwanzig Schritt von der Hütte für die große Eule errichtet ist. So, nun ist alles fertig, der Förster geht in die Hütte und ruft auch den Hund herein, der auf einer Schütte Stroh kuschen muß. Dann öffnet er das Schußloch, durch das man stehend das Sitzholz des Uhus gerade noch sehen kann, und das hoch genug ist, um einen Schuß steil nach oben zu gestatten. Auch die kleine Klappe, die seitlich angebracht ist und auf eine Birke hinausgeht, wird geöffnet, falls sie etwa klemmen oder nur unter lautem Kreischen sich bewegen lassen sollte. Dann lädt der Förster sein Gewehr und stopft sich eine Pfeife.

Bis jetzt hat der Uhu verdutzt am Boden gesessen, jetzt blickt er eine Weile sein Sitzholz starr an und fliegt schließlich hinauf. Dann schüttelt er sein Gefieder, plustert sich stark auf, schüttelt sich noch einmal, knappt mit dem Schnabel, reißt die feurigen Augen auf und gibt sich schließlich mit seiner Umgebung zufrieden. Nach einer Weile sperrt er seinen Schnabel weit auf, drückt die Augen krampfhaft zu, dreht und wendet den Kopf, als wenn ihm was im Halse stecken geblieben wäre, würgt und würgt, bis schließlich sein Gewöll (ein Ballen unverdaulicher Nahrungsüberreste, Haare von Kaninchen und Federn einer Krähe) ausgeworfen wird. Dann ist er sichtlich erleichtert und blinzelt in die eben aufgehende Sonne.

Auch der Förster steht am kleinen Guckloch in der Hüttentür und betrachtet das Erscheinen des Tagesgestirns. Ein schmaler, rotgoldener Streifen begrenzt die Wolkenwand, die den Horizont verhüllt. Langsam wird er breiter, färbt sich purpurn und bedeckt den östlichen Himmel. Der Wolkensaum beginnt kräftiger zu glühen und zu strahlen, und pechschwarz mit goldigen Rändern erscheinen die Umrisse der Eichen und Erlen gegen den Morgenhimmel. Jetzt blitzt es hell am Wolkenrande auf, langsam erscheint die feurige Scheibe. Im Nu sind alle Farben verändert, ein goldiger Schimmer liegt über dem Purpur der Wolken, und in reinem Blau erstrahlt der Himmel. Höher und höher rückt der rote Feuerball, blässer werden die Farben am Himmel, lebhafter die der Bäume und Saaten. Jetzt steht die Sonne frei und leuchtend über dem Horizont, und geblendet schließt der Förster seine Augen und wendet sich ab. Er sieht nach dem Uhu hinaus, aber seine Augen sind überreizt, ein blauer Sonnenball tanzt über dem Auf (Uhu). Eine Weile muß der Förster mit geschlossenen Augen sitzen, um die lästige Sehstörung zu überwinden.

Da tönt ein tiefes, rauhes „Ga, ga“ in der Luft über der Hütte, zögernd und ängstlich klingt es. Saatkrähen haben ihren Erbfeind erblickt und kreisen hoch in der Luft, als wollten sie Mut fassen zum Angriff auf die Eule. Immer mehr kommen dazu, dreißig mögen es schon sein, noch immer aber trauen sie sich nicht in die Nähe. Da mit einem Schlage fangen sie alle an zu schreien, krah, krah, zornig und angriffslustig, und nun saust eine in wildem Schwunge dicht am Kopfe des Uhu vorüber. Eine zweite und dritte macht es nach, und bald macht die ganze Schar gleichzeitig einen Angriff. Vorsichtig hat der alte Grünrock nach der Birke geguckt, aber Saatkrähen setzen sich selten, das weiß er. Noch einmal winkt er dem Hunde gebieterisch Ruhe zu, dann fliegt seine Doppelflinte an die Backe. Gerade im Schwenken ist der Krähenschwarm, da kracht der Schuß, und bumms, hat auch das zweite Rohr gesprochen. Zwei Krähen hat der erste Schuß zu Boden geworfen, und der andre hat noch einer dritten das Leben gekostet. Geschwind ist wieder geladen, und dann darf der Hund hinaus. Faß apporte, Dine! Gleich packt er die eine, die noch mit den Flügeln schlägt, und bringt sie herein und schon ist er wieder draußen, um eine zweite zu holen.

Stumm und hoch haben die Krähen gekreist, nachdem ihre Genossen gefallen; der Doppelschuß hat sie erschreckt, aber woher er gekommen ist, wissen sie nicht. Nun sehen sie den Hund ihre Freunde fassen, und wütend über den nicht gefürchteten Gehilfen des Menschen stoßen sie unter wildem Geschrei auf die verdutzte Dine. Darauf hatte der Förster gerechnet. Wiederum knallen zwei Schüsse, doch nur eine Krähe ist tödlich getroffen, die andre läßt beide Ständer (Beine) hängen und fliegt und fliegt mit langsamen, matten Flügelschlägen der Fasanerie zu. Dann schwebt sie im Bogen zur Erde nieder, schlägt auf und ist tot. Die Schrote hatten sie weidwund getroffen. Der Förster zieht ein grimmiges Gesicht. Daß die Krähe noch auf freiem Felde gefallen ist, paßt ihm gar nicht, sogar ein Fehlschuß wäre ihm lieber gewesen. Natürlich sammelt sich bald der Krähenschwarm um die gefallene Genossin, und krächzend stoßen die Krähen nach der toten Freundin. Wetternd muß sich schließlich der Förster bequemen, die „Schwarze“ herbeizuholen, sonst würde wahrscheinlich überhaupt keine wieder über den Uhu kommen.

Und richtig, auch das hatte er vorausgesehen. Kaum hat er die Krähe aufgenommen und blickt nach der Hütte zurück, da sitzt ein Vogel auf der Birke. Er hat den Kopf nach vorn gebeugt und glotzt nach dem Uhu. Die kräftigen Flügel lassen den Vogel oben ziemlich breit erscheinen; wie ein Keil sitzt er auf dem dürren Wipfel. Daß ein Wanderfalke auf der Birke sitzt, das wird dem vogelkundigen Graubart bald klar. Es bleibt ihm nichts übrig, als das zu tun, was jeder Jäger in solchen Lagen tut, nämlich, einen kernigen Ausdruck zwischen den Zähnen zu murmeln und sich mit den unabänderlichen Tatsachen abzufinden.

Jahr für Jahr kommt nun der Falke in sein Revier, Jahr für Jahr liegt unter der großen Eiche auf der Wiese ein geschlagener Vogel, bald Rebhuhn, bald Fasan, Jahr für Jahr paßt der Förster auf den prächtigen Räuber, immer ohne Erfolg. Und heute verscherzt sich er alter Esel selber den kinderleichten Schuß, einiger lumpiger Krähen willen, da soll doch gleich ... Lange hat der Förster Zeit zu seinen Selbstgesprächen, wie angewachsen sitzt der Wanderfalke auf der Birke. Jetzt rückt er zusammen, und jetzt schwingt er sich abwärts nach dem Uhu, der zur dicken Kugel aufgeblasen seinen Angreifer erwartet. Dicht über den Kopf der zusammenfahrenden Eule hinweg streicht der Falke, dann eilt er mit hastig zuckenden Flügelschlägen davon, wird kleiner und kleiner, um schließlich als Punkt am Horizont zu verschwinden.

Na, der ist fort, denkt der Jäger und geht mißmutig zur Hütte. Immer starrt er nach jenem Punkte, wo der Wanderfalke verschwunden ist, immer regt sich noch die Hoffnung, er könnte vielleicht wiederkommen. Da geht es „krah, krah“, hell und zornig tönt der Schrei einer hassenden Krähe. „Krähen mag ich nun nicht mehr, es muß schon etwas Besseres kommen“, denkt der Förster, und ungehindert stoßen die Krähen auf den Uhu. Schließlich wird es dem Jäger aber doch zu bunt. Es sind Rabenkrähen, der Stimme nach, da ist es schade um jede verpaßte Gelegenheit, einer die Räuberseele auszutreiben. Jetzt setzt sich gar eine auf einen Maulwurfshaufen, so recht günstig in schönster Schußentfernung. „Bumm“ raus ist der Schuß und -- fort die Krähe. Der Schuß war so kinderleicht, Zielen erschien überflüssig, und deshalb ging der Schuß in den Acker. Ein Glück, daß der Förster allein in der Hütte ist. So wütend war er gewiß nie. Er ist sprachlos vor Zorn, und sinnend überlegt er genau, ob ihm nicht eine alte Frau über den Weg gelaufen sein könnte oder ob ihm jemand „viel Glück!“ nachgerufen hat. Denn mit rechten Dingen geht doch so ein Mordspech nicht zu. Am liebsten würde er heimgehen, einen tüchtigen Grog trinken und auf dem Sofa von glücklicherer Jagd träumen. Aber der Wanderfalke läßt ihm keine Ruh, der könnte doch vielleicht wiederkommen, und gerade zur rechten Zeit, daß er ihm beim Hereinholen des Uhu zugucken würde. Nein, das soll nicht vorkommen, lieber will er noch eine Stunde vergeblich sitzen.