Part 10
Und gar so langweilig ist das nicht, wie es immer erscheinen mag, zumal für einen Forstschutzbeamten. Was kann man nicht alles beobachten, wenn man in einem guten Versteck sitzt, von dem niemand weiß, daß es besetzt ist. Da schreitet der Windmüller auf der Landstraße, und sein Dackel ist dabei. Sonst tun die beiden immer so harmlos, als wenn sie nicht wüßten, was ein Hase oder ein Reh ist, heute springt der Dackel von Steinbrücke zu Steinbrücke und prüft mit der Nase, ob es sich lohnt, hindurchzukriechen. Jetzt springt sein Herr in den Graben und steht ein Weilchen ruhig da, dann bückt er sich und hebt etwas auf. Aha, denkt der Förster, ein Kaninchen. -- Der Dackel ist mit Passion eingefahren in den Durchschlupf, sein Herr hat auf der andern Seite eiligst den Ausweg mit seinen Beinen versperrt, und dann hat der Hund das Wild erfaßt und zu des Müllers Füßen totgebissen. -- Jetzt durchsucht der Müller seine Taschen. „Der sucht ein Sackband“, denkt der Förster, und hat recht. Der Müller bindet das Band an die Hinterläufe des Kaninchens und schnürt sich dann den Nager um den Leib. „Na warte, Krause, ich treffe dich schon einmal, wenn du einen dicken Magen hast, vielleicht ist es dann ein Hase“, knurrt der Förster und stopft sich eine neue Pfeife.
Lange Zeit ist nichts zu sehen, und das Schmauchen der Pfeife und das Pappen der Lippen das einzige Geräusch. Da tönt es wieder „Arr, arr, kräh, kräh“, und ein paar Krähen stoßen wie rasend auf den Uhu. Der Stimme nach könnten es Rabenkrähen sein, die Saatkrähen haben tiefere Laute, aber die graue Weste, die die Vögel tragen, verrät die Nebelkrähen. Die bäumen oft auf, das weiß der Förster, und deshalb spart er zunächst seine Patrone. Nicht lange dauert es, dann läßt die Wut nach, und mit den Flügeln balancierend sitzt eine auf der Birke. Eine zweite, dann dritte macht es nach, und bald schaukeln alle fünf auf den schwanken Zweigen. Sorgsam zielt der Förster, diesmal muß er die böse Schlappe wieder auswetzen, zwei müssen mindestens fallen auf den ersten Schuß, und vielleicht bringt auch der zweite noch einen Treffer. Bumms, kracht der Schuß, wirres Flattern und Stürzen folgt, und ehe es möglich war, noch einmal Dampf zu machen, sind die Überlebenden aus dem Schußfeld entschwunden. Zwei Nebelkrähen liegen tot am Boden, und da läuft wahrhaftig noch eine dritte mit zerschossenem Flügel; die darf Dine holen.
Aber nun ist wieder Ruhe. Nirgends eine Krähe oder ein Raubvogel zu sehen. Gedankenlos raucht der Förster seine Pfeife und blickt dem Rauche nach. Dann tritt er wieder einmal von einem Beine auf das andre und macht einige trippelnde Schritte am Orte, um warme Füße zu bekommen. Dann guckt und starrt er wieder in die Ferne. Plötzlich fährt er vom Schußloch zurück und greift nach seinem Gewehr. Aber er kann sich bücken und drehen und durch alle Luken spähen, einen Raubvogel sieht er nirgends. Wieder tritt er ans Schußloch, und wieder hat er die Empfindung, als wäre oben grade noch sichtbar ein Vogel vorübergezogen. Und nun merkt er auch, daß es eine Mücke ist, die ihren Winterschlaf in der Hütte des ungewohnten Lichtes wegen unterbrochen hat und am Schußloche auf und niedertanzt und hin und her. Wie oft hat sich der Förster schon täuschen lassen, auch früher schon, als seine Augen auch für die Nähe gut waren. Aber klug geworden ist er nicht, immer wieder fällt er auf den gleichen Scherz hinein, mag nun eine Fliege an seinen Augen vorüberfliegen, oder eine Spinne sich an einem Faden schaukeln.
Jetzt merkt der Förster auch, daß er Hunger hat, mit Pfeifenrauch läßt sich sein Magen nicht besänftigen. Da packt er denn seine Sachen zusammen. Er steckt die Krähen bis auf eine in den Rucksack, um sie an der Fasanenfütterung als abschreckendes Beispiel aufzuhängen, holt den Uhu herein und pflockt ihn in der Hütte an, nimmt sein Gewehr und geht.
Am Nachmittage will er noch einmal sein Heil versuchen, Krähen hat er zwar genug, und die stoßen auch nachmittags schlecht, aber Raubvögel will er schießen, vielleicht kommt der Wanderfalke wieder.
* * * * *
„Ach was, lumpige Krähen, einen Wanderfalken will ich schießen, Frau! Ich bin ja warm angezogen, und Jockel friert auch nicht. Rasch noch eine Tasse Kaffee!“
Wieder wandert der Förster an der Fasanerie entlang über die Wiese nach der Hütte. Der Himmel hat sich umzogen, und der Südwest weht kalt und feucht, lange wird es nicht mehr dauern, dann setzt es Schnee. Der Hüttenjäger ist noch nicht ganz bis zur Krähenhütte gekommen, da tanzen schon einige weiße Flocken zur Erde nieder, wirbeln wieder hoch und senken sich, bis sie schließlich als nasse Tropfen am Grase hängen. So ein Schneegestöber stört nicht sehr bei der Hüttenjagd. Auch der alte Grünrock läßt sich durch die fallenden Schneesterne nicht beirren, er holt den Uhu aus der Hütte und setzt ihn auf die Jule (Sitzholz für den Uhu vor der Krähenhütte). Dann macht er sich zum warmen Empfang der gefiederten Räuber fertig.
Zwei Uhr schlägt es vom Dorfe her. Es ist nichts zu sehen als fallende Flocken, nichts zu hören als das leise Tropfen von Tauwasser, das vom Hüttendache ins Stroh hinabfällt. Dann wieder tönt das Knallen einer Peitsche von der Landstraße herüber, der Pfiff des Dampfwagens unterbricht einmal die Stille, das ist alles.
Aber eintönig ist das Warten für den Förster nicht, Langweile kennt er überhaupt nicht. Jetzt kann er ja ganz ungestört die wundervollsten Jagden in seiner Phantasie mitmachen, Jagden, auf denen er keinen Fehlschuß tut, wo seine Hunde den Neid aller Mitjäger erwecken und wo der dicke Bäckermeister Schulze durch ganze Serien von Fehlschüssen die Spottlust der Jäger herausfordert. -- Oder er geht pürschen im Geiste. Am Bachufer schreitet er hin und schaut bald da, bald dort hinaus aus den Büschen auf die Wiese und den Klee nach dem roten Rehbock. Da sieht er ihn stehen mit den hohen dicken Stangen, er sieht ihre weißen Enden blitzen und den Dampf vor dem feuchten Geäse des Bockes. Dann malt er sich die Wirkung seines abgezirkelten Blattschusses aus, wie der Bock aufspringt in einer jähen Flucht und dann verendend zusammenbricht.
Drei Uhr schlägt es vom Dorfe herüber. Das Schneewetter hat nachgelassen, die Bäume der Landstraße werden durch die spärlicher fallenden Flocken hindurch sichtbar. Wie ein riesiges, weißgeflecktes Fell liegt die Erde da, der Himmel spannt sich grau und grießelig darüber aus. Jockel schüttelt sich die Flocken aus den Federn und tritt ein wenig auf dem Sitzholze hin und her, um dann wieder das eine Auge halb zu schließen und zu duseln und träumen, wie sein Herr.
Die Stimmen von Kleinvögeln ertönen aus der Luft, und der Förster sieht nach der Birke hinaus. Ein Flug Feldsperlinge läßt sich eben nieder. Hell und silbern klingt ihr Schilpen, und terrerrerr zetern sie dazwischen. Prachtvoll rotbraun glänzt ihr Scheitel, und schmuck sehen die weißen, schwarz gesäumten Backenflecken aus, weiß strahlt auch der Halsring. Eilig sucht der Förster eine Patrone mit feinen Schroten. Die Frettchen haben ihre Semmelmilch und Tag für Tag nichts als Semmelmilch satt, denen kann einmal etwas zartes Vogelfleisch nichts schaden. Wie ein Spreuhaufen stieben die kleinen Kerle auseinander beim Knall des Schusses, wie fallende Blätter stürzen viele aus der dichtgedrängten Schar zu Boden. Scharf guckt der Förster nach dem Fuß der Birke, immer und immer wieder nimmt er jeden der gefallenen Spatzen in Augenschein. Endlich hat er sich überzeugt, daß keiner mehr lebt, daß kein angeschossener sich aus dem Staube machen kann, um elend und qualvoll umzukommen. Dann lacht der Förster auf. Einen Wanderfalken wollte er schießen, und nun ist er befriedigt, wenn er sechs oder sieben armselige Spatzen mit einem Schusse erlegt.
Wieder guckt er zum Schußloch hinaus. Halb vier muß es schon sein, und nicht ein einziger Raubvogel hat sich sehen lassen. Zwar kann jeder Tag ein Jagdtag sein, ein Fangtag ist er deshalb noch lange nicht, sagt eine alte Jägerweisheit. „Ich glaube, das meiste habe ich,“ knurrt der Alte. Da huscht ihm ein Schatten über die Augen. Mücke oder Raubvogel? Er weiß es nicht und guckt zunächst nach der Mücke. Doch nein, diesmal war’s wirklich ein Räuber, mit elegantem Schwunge stößt er auf den gehaßten Uhu. Doch der Jäger läßt sein Gewehr in Ruhe. Schon an der Art des Angriffs und am gellenden Kampfrufe „ki ki ki“ hat er den Turmfalken erkannt. Er hat seine Freude an dem munteren Falken. Ein Männchen ist es, denn Blaugrau ziert Kopf und Schwanz und Bürzel. Mit angelegten Flügeln saust es in jähem Schwunge über die Eule hinweg, wendet kurz und im Nu stößt es wieder. Dann schwenkt es ab, rüttelt, als wenn es ganz genau zielen wollte und neckt den Feind aufs neue. Vielemale erneuert es seinen Angriff, aber schließlich verliert es doch seinen Reiz für den Falken, der Uhu kennt den Spaß von früher und tut nicht, als wenn ihm das Necken lästig wäre. Fälkchen schwenkt deshalb ab und setzt sich auf die Birke, um von oben aus die Welt zu besehen. Zunächst gilt seine Aufmerksamkeit noch dem Uhu, dann aber beginnt es, in den Federn zu nesteln und sich zu putzen. Auf einmal hört es mit seiner Tätigkeit auf, dreht das runde Köpfchen nach unten und guckt mit den dunkelbraunen Augen nach den Sperlingen. Dann schwenkt es um die Baumzweige herum und greift mit seinen weit ausgestreckten gelben Fängen einen der kleinen Spatzen, dann braucht es wieder die braunen Flügel und eilt davon mit seiner Beute, um sie in Ruhe zu verzehren.
Freudig und neidlos hat der Förster dem kleinen Diebe zugesehen, das seltene Schauspiel, einen Räuber so nahe und so ungestört beobachten zu können, hat ihn gar nicht daran denken lassen, daß seine Frettchen nun mit einem Sperling weniger sich begnügen müssen. Für ihn hätte es des gesetzlichen Schutzes nicht bedurft, die Turmfalken waren seine Lieblinge von je, und drei Pärchen durften unter seiner Aufsicht in diesem Sommer ihre zahlreichen Jungen auffüttern.
Mit dem Stoßen des Turmfalken scheint überhaupt das Erscheinen von Raubvögeln begonnen zu haben. Über der Fasanerie kreist ein Räuber. Fast ohne Flügelschlag zieht er seine Kreise, schwebt hin und her an dem Wäldchen und blockt schließlich auf der Spitze einer Eiche. „Na ja, sitze nur, bis es finster ist, Lump, feiger!“ schimpft der Förster, aber er tut dem Vogel unrecht. „Hiäh, hiäh“ pfeift er und dann kommt er. Bald kräftig mit den Flügeln schlagend, bald schwimmend in der Luft nähert sich der Räuber, dann -- schwenkt er ab und kehrt nach dem Walde zurück. Aber auf dem Wege dahin überlegt er sich’s wieder anders und kommt wieder näher. So geht es hin und her, hinauf und herunter, gerade als sollte der Jäger zum Narren gehalten werden. Dann fängt der Mäusebussard an zu kreisen, schraubt sich hoch und höher und fliegt schließlich aufs freie Feld, um Mäuse zu fangen.
Zwar ist der Bussard vom Gesetz als nützlicher Vogel geschont, aber der Förster hat einen Groll auf seine Sippe, weil einer ihm mal einen eben geschossenen Fasan vor der Nase weggenommen hatte. Das war in dem mäusearmen Jahre 18.. gewesen, und der arme Mausfänger hatte gewiß nur in der höchsten Not nach dem bunten Vogel gegriffen, denn Hunger tut weh. Er brachte damals sein Leben in Sicherheit. Ehe der Förster sich von seiner Verblüffung erholt hatte, war er längst außer Schußweite gewesen. Nun aber muß jeder Bussard sterben, der dem Grünrock nahe genug kommt; denn es könnte doch vielleicht der Fasanendieb sein. Auch der, der sich jetzt nicht an den Uhu herantraut, hat gewiß schon einmal Feuer bekommen, sonst würde er wohl die gehaßte Eule nicht ungeneckt lassen.
Aufmerksam guckt der Förster bald hier, bald da hinaus, um ja keinen nahenden Raubvogel zu verpassen. Wenn auch gewöhnlich Jockel, der Uhu, durch sonderbare Bücklinge und Grimassen das Nahen eines Räubers angezeigt, manchmal sitzt er auch stockstill, wenn einer seiner Quälgeister vorüberfliegt. Jetzt blickt er scharf nach einem Punkte des Horizonts, wackelt eigenartig mit dem Kopfe und zieht die Flügelbuge hoch. Kein Zweifel, seine scharfen Augen haben einen Feind entdeckt. Nun sieht ihn der Jäger auch. Er hat erst an einer falschen Stelle gesucht, sonst hätten seine weitsichtigen Augen den schwarzen Punkt am Himmel nicht übersehen. Langsam wird der Vogel größer, und bald ist er nahe genug, so daß der Förster mit dem Glase den Vogel ansprechen kann. Die Flügel sind spitz, also ist es ein Falke. Der Stoß (Schwanz) ist kurz. Der Vogel fliegt sehr rasch und fast in gerader Linie, er scheint auch bedeutend größer zu sein als ein Turmfalke. Des Jägers Herz klopft rascher und das Gefühl, das er als Knabe hatte, als er heimlich seinen ersten Sperling schoß, beschleicht ihn, denn nun ist kein Zweifel mehr, der Wanderfalke, das Hochwild des Hüttenjägers, zieht heran.
Wird er auf den Uhu stoßen, wird er gut genug kommen, daß der Schuß aus dem engen Loch auf den vorbeisausenden Räuber auch nicht fehlgeht? Die Spannung, die Erwartung und Ungewißheit, dazu der Anblick des nahenden Vogels und des schnabelknappenden Uhus, das alles wirkt mächtig auf die Nerven. Der höchste Genuß des Weidmanns ist dieser Reiz, das Jagdfieber vor dem Schusse. Mag mancher auch noch so oft diese Aufregung verwünscht haben, wenn die Büchse wankte in seiner Hand und das Ziel zu verschwimmen begann, er muß doch zugeben, daß ein Schuß ohne Spannung und Erwartung viel reizloser ist, wie der Schuß auf eine Scheibe beinahe.
Hundert Schritt etwa mag der Wanderfalke noch entfernt sein, noch immer kümmert er sich nicht um den Uhu, geradeswegs auf die Fasanerie steuert er zu. Doch jetzt biegt er ab und saust schnurgerade auf den schnabelknappenden Jockel zu. Dicht über den Kopf der Eule stößt er hinweg und biegt steil nach oben ab. Dann wendet er, um seinen Angriff zu erneuern. Wieder schwingt er sich nach oben und verschwindet schon beinahe am Rande des Schußlochs, da dröhnt der Schuß. -- Da liegt er nun, der stolze Räuber der Lüfte, der die Taube einholte im rasenden Fluge und der die streichende Ente fing, noch ehe sie sich ins schützende Schilf werfen konnte. Krampfhaft schließt er die mächtigen Fänge mit den nadelspitzen Krallen, einmal noch schlägt er mit den blaugrauen Schwingen, dann sinkt sein Kopf zurück, der Beherrscher der Lüfte ist verendet.
Stolz und mit freudestrahlenden Augen tritt der glückliche Schütze an seine Beute heran. Tastend fährt seine Hand über den dunkeln Scheitel des prachtvoll ausgefärbten Wanderfalken. Freudig betrachtet er den schwarzen Bartstreifen unter dem dunkelbraunen Auge, das Weiß auf Wangen, Kehle und Hals, die Brust, die auf rostfarbenem Grunde schwarze Querbänder zeigt, die zartgrauen, dunkelgewellten „Hosen“. Prüfend versucht er die Schärfe der Krallen an den gelben Fängen, dann breitet er die Schwingen aus, einen Meter etwa klaftern sie.
Bei einem berühmten Meister will der Förster seine Trophäe präparieren lassen, in möglichst lebendiger und naturgetreuer Stellung. Auf dem vorteilhaftesten Platze in der guten Stube soll sie prangen, für gewöhnlich verhüllt von einem Schutzmantel aus Glaspapier. Nur wenn Ehrengäste kommen, soll der Wanderfalke frei in seiner ganzen Schönheit an der Wand prangen. Dann können fünfzig und mehr Jahre vergehen, ehe Staub und Licht das Präparat unscheinbar gemacht haben.
Kühn stößt unterdessen ein Turmfälkchen auf den Uhu. Zornig ertönt sein Schrei, und heftig sind seine Angriffe. Voll Wohlgefallen betrachtet der Förster das Flugbild, die Gewandtheit und Lebendigkeit des kleinen Räubers. Dabei muß er an den Wanderfalken denken, der noch mutiger, noch gewandter und kühner war. -- Und dabei kommt ein ungeahntes Gefühl in seine Brust. Fast ist es ihm leid, daß er das Ziel seiner jahrelangen Sehnsucht erreicht hat. Gewiß wird er mit Freude auf seinen Wanderfalken blicken jederzeit, aber immer wird er den leisen Vorwurf in sich spüren, daß er doch die ganze Schönheit dieses Vogels beinahe völlig zerstört hat. Denn was bedeutet die armselige Trophäe an der Wand gegen das Schauspiel, das ein Wanderfalke im Leben bietet. Wie kann der Verlust von einigen Rebhühnern oder Tauben überhaupt in Frage kommen, wenn man das herrliche Schauspiel eines jagenden Falken damit erkauft.
Die Freude an der Hüttenjagd ist dem Graubart mit einem Male verleidet. Lange wird es zwar nicht dauern, dann sitzt er doch wieder draußen mit dem Uhu, um Raubvögel zu erlegen, aber er nimmt sich fest vor, seltene Vögel zu schonen. Dann packt er den Uhu in seinen Korb, nimmt sein Gewehr und seine Beute und wandert heimwärts.
Vom Aal
Oktober ist es. Warm scheint noch die Sonne am Tage, den letzten Äpfeln rote Bäckchen zu malen. Kalt sind die Morgen, daß das Laub zittert und locker wird am Gezweig und rote und gelbe Sterbegewänder anlegt. Das vergilbende Schilf am Teiche rauscht und lispelt. Aber aus dem Teiche plätschern ihm die Wellen nicht Antwort. Trüb und schlammig steht noch ein wenig Wasser an der tiefsten Stelle, gurgelnd drängt sich ein schlammig trübes Bächlein unter dem Schützen hindurch. Der Teich ist abgelassen zum Fischen.
Mit dicken runden Rücken furchen die Karpfen die Lache, Hechte plätschern, und Barsche arbeiten heftig mit den Kiemen, um etwas von dem spärlichen Sauerstoff der Schlammflut für sich zu haben. Am Abend flackern mächtige Holzfeuer auf und beleuchten die zappelnden Fische, einige Männer stehen dabei und wachen. Sie schließen bald den Schützen, um das Wasser wieder anzustauen, damit die Fische nicht ganz trocken liegen, bald lassen sie wieder etwas ab, damit am Morgen das Wasser nicht mehr zu tief ist. Vor allem aber geben sie Obacht, daß nicht Diebe hier leichte Ernte halten.
Endlich brennen die Feuer bleicher, der Himmel rötet sich, der Fangtag bricht an. Große Fässer mit frischem Wasser werden bereit gestellt, und auf schlittenartigen Fahrzeugen ziehen Pferde Wasserbütten über den knirschenden Sand zum Teiche. Dann kommen Männer mit hohen Wasserstiefeln und Lederschürzen. Sonderbare Netze mit zwei Handgriffen und Weidenkörbe tragen sie. Dann waten sie hinein in den gurgelnden und schmatzenden Schlamm, fangen die Fische und legen sie in die Körbe. Wohl zucken und schnellen die schuppigen Karpfen, wohl springen die glatten Hechte hin und wieder aus dem Korbe. Aber immer wieder werden sie eingefangen und schließlich in die Butten geschüttet und fortgefahren. Am Forsthause werden sie wieder ausgeladen, gezählt und in die Heller geworfen, in deren klaren, schlammfreien Fluten sie einige Zeit bleiben, bis sie den Schlammgeruch verloren haben und wirklich schmackhaft geworden sind.
Weniger und weniger wird das Zappeln und Springen im Teiche. Die Karpfen sind schließlich eingefangen, noch einige Hechte werden aus dem Schlamm gezogen, dann ist das eigentliche Fischen beendet. Die Nachfischerei beginnt. Alles, was nun gefangen wird, ist Eigentum der Arbeiter, die beim Fischen geholfen haben. Meist sind es Barsche, die noch im Wasser zappeln, aber auch kleine Schleien und Hechte werden gefunden, denn jetzt wird noch gründlicher gesucht als vorher. Ein wahres Wunder muß man es fast nennen, wenn ein Krebs oder ein noch genießbares Fischchen übersehen wird.
Aber einer hat es doch verstanden, sich zu verbergen. Wohl eine Spanne tief hat er sich in den Schlamm eingewühlt mit seinem langen, schlangenähnlichen Körper, kein Wunder, daß der +Aal+ nicht aufgefunden wird. Ganz ruhig liegt er da und regt sich nicht. Erst am Abend, wenn alles ruhig ist, dann schlängelt er sich hervor und wühlt sich durch den Schlamm, der tiefsten Stelle zu. Unruhig durchfurcht er das Wasser, das von den Leichen der abgestorbenen und zertretenen Kleinfische verdorben ist und sucht nach einem Ausweg. Schließlich findet er den Abfluß und untersucht gewissenhaft die Weite des Gitters an allen Stellen. Schon ist seine spitze Schnauze beinahe wund, da endlich findet er eine Stelle, wo die spülenden Wasser einen kleinen Stein losgearbeitet haben. Weit ist die Öffnung nicht, ein starker Männerdaumen würde gerade hindurchgehen, aber ein Aal hat eine schlanke Figur, und so zwingt und drängt er seinen schwärzlichen Körper durch die Öffnung und ist frei.
Das frische Wasser des Abzugsgrabens umspült seine Kiemen und frischt seine Lebenslust auf, und munter schlängelnd wandert der Aal bachabwärts, bis aufs neue ein Eisengitter ihm den Weg versperrt. Doch er kennt nun schon die Weise, wie man um eiserne Rechen herumkommt, er benutzt die Fahrt der Wasserratte und badet bald seinen schlanken Leib in den weiten Fluten eines andern Teichs. Weicher, schwarzer Schlamm bildet den Boden, Erlen und Pappeln stehen am Ufer und bilden mit ihrem Wurzelwerke dunkle Verstecke, Schnecken und Würmer sind auch zur Genüge da, deshalb gefällt es dem Aale hier und er bleibt da.
Allabendlich beginnt er seinen Jagdzug und wandert an den Ufern entlang, um Genießbares zu finden, Bekanntschaften mit andern Fischen zu schließen und ein bißchen Unterhaltung zu suchen. Einige Barsche findet er wieder, die gleich ihm einen Ausweg aus dem abgelassenen Teiche gefunden haben, einige Hechte, die etwas kleiner sind als er und ihm deshalb nichts tun können. Aber die meisten Teichbewohner sind doch Karpfen, fette, träge Tiere, die keinen Verkehr mit ihm mögen, weil sie zu stolz oder zu dumm sind. Die neue Umgebung, die neuen Bekanntschaften lassen den Aal ganz vergessen, wie rasch die Tage vergehen, und nur am Nachlassen des Hungers und großer Müdigkeit und Schläfrigkeit merkt er, daß es kalt, daß es Winter geworden ist. Tag für Tag liegt er nun im Schlamme. Zu fressen gibt es nichts, und er mag auch nichts haben, er spürt keinen Hunger, er schläft und schläft. Endlich wird er wach und spürt, daß er jetzt einen Wurm nicht verschmähen würde oder eine Mückenlarve.
Gleich macht er am Abend einen kleinen Rundgang. Aber auf dem Schlammgrund findet er nichts und wendet sich deshalb dem schilfigen Ufer zu. Da kommt mit wilder Hast ein Fisch auf ihn losgeschwommen, stößt ihn mit der Schnauze und beißt gar nach seiner Schwanzflosse, so daß er sich eiligst davonschlängelt. Als seinen Freund, den Hecht, muß der Aal den ungeschliffenen Patron erkennen. Betrübt gleitet er durchs Wasser, den nächsten Barsch hält er an und fragt, was in den Hecht gefahren wäre. Der Gefragte zieht ein höhnisches Maul. „Das wißt Ihr nicht, die Hechte laichen doch jetzt, und das Männchen verjagt jeden, der in seine Nähe kommt!“ Aber Fortpflanzungsgeschäft, Eifersucht und was der Barsch noch alles nennt, das sind neue Ausdrücke für den Aal, er weiß nicht einmal, ob er Männchen oder Weibchen ist. Nicht die mindeste Lust hat er, Eier zu legen oder Männchen zu spielen, und er macht sich über das sonderbare Tun und Treiben lustig. Aber innerlich fühlt er sich doch unglücklich, daß er nicht einmal weiß, ob er zum Eierlegen oder Eierbefruchten geboren ist. Er fängt an zu grübeln und zu denken, ja, er wird ganz tiefsinnig dabei. Aber für seinen Leib zu sorgen vergißt er auch nicht, den ganzen Sommer über faßt er zu und schluckt, wenn er etwas Genießbares sieht. Aber je länger und feister er wird, desto unruhiger wird er. Was es ist, weiß er nicht, aber eine unwiderstehliche Macht juckt in seinem Körper und zuckt in jeder Faser. Unruhig schlängelt er sich in seinem Teiche umher, aber er findet keine Ruhe. Und eines Tages faßt er den Entschluß, auszuwandern.