Seeteufel: Abenteuer aus meinem Leben

Part 15

Chapter 153,569 wordsPublic domain

Jetzt durfte man den Salon und alle Kammern wohnlich herrichten, die schönen Teppiche, Bilder, Sessel wurden ans Licht gebracht. Was hatte die Werft brav vorgesorgt; alles hatten wir an Bord bis zu Meyers Konversationslexikon, das uns besonders wertvoll war, denn es sagte uns jeden Fisch und war Schiedsrichter in den gelehrten Streitfragen, die menschlicher Fürwitz bei so langem Bordleben aufwirft. An Deck und in den Räumen wurde überall gemalt, das Teakholz außen gescheuert, damit man sich wieder auf einem deutschen Kriegsschiff fühlte. Das Schmuddelige wurde hinausgebracht und das Schöne, Saubere, Glänzende, das mußte heran. Jetzt fühlte man sich, wenn die »Plumböm«, so nannten wir die Masten, sich unter den Segeln bogen. Alles war froh und frei und ohne Sorgen auf unserem Schiff. Wir hatten Weisung, nur Segelschiffe anzugreifen. Segler gegen Dampfer, das geht doch nicht! Vielleicht war auch dies der Grund, weshalb man uns so schlechte Armierung mitgegeben hatte. Von unseren zwei Kanonen konnte natürlich immer nur eine in Aktion gegen den Feind treten; mit einer Kanone konnte man kein Trommelfeuer machen. Über das Wenige, was wir hatten, wollten wir aber vollkommen Herr sein. Die Geschützmannschaft exerzierte aus eigener Lust an der Sache und war so eingeschult, daß kein Schiff eine bessere hatte. Durch Drill und Präzision waren wir ein nicht zu verachtender Gegner. Unsere Armierung war und blieb freilich schwach, und strategische Regeln und normale Kriegskunst zur See konnten ein Segelschiff nicht zu erfolgreichem Krieg befähigen, so daß das geringe Vertrauen in unsere noch nie erprobte Sache am Ende nicht so unbegreiflich war. Aber wir verließen uns auf Treue, Willen und deutschen Geist, der, wenn er frisch ist, allen über ist. Dazu die Kriegslist. Bluff und Schneid sollten unsere eigentliche, aber unsichtbare Armierung sein.

Wir hatten zwei Ausguckposten. Eine Ausgucktonne mit einem bequemen Sitz darin befand sich hoch oben im Mast. Nur ein Mann, der gemütlich und geschützt sitzt, paßt auch gut auf. Zweitens saß im Vormast einer von den Unteroffizieren. Derjenige, der zuerst ein Schiff meldete, bekam eine Flasche Champagner. So war da stets ein Wettgucken, denn einer gönnte dem andern die Meldung nicht. Überall arbeiteten die Augen umher, jeder hatte das Bedürfnis, die Pulle Schum zu sehen.

Es erwies sich, daß wir ein vorzügliches seemännisches Personal an Bord hatten, biedere Leute, denen keine seemännische Arbeit zu viel war und die Hand anlegen konnten, wo es galt.

In der Höhe der Straße von Gibraltar wurde am 11. Januar ein Dampfer an Backbord gemeldet. Das Jungfernschiff! Welche Aufregung. Einen Dampfer sollten wir doch nicht angreifen. Ja, man kann vieles versprechen, aber wenn vom Schiffsjungen bis zum Kommandanten ein frischer Geist weht, dann hält man es nicht.

Wir heißen das Signal: »=Bitte um Chronometerzeit!=«

Ein Segelschiff ist meist knapp mit Uhrzeit, wenn es lange von Land fern war.

Wir zeigten uns zunächst als Norweger; der Zivilmantel, der immer im Kartenhaus hing, wurde angezogen. Der Teil der Besatzung, der Waffen trug, lag hinter der Reeling an Deck.

Der Dampfer kam auf uns zu, zeigte das Verstanden-Signal, den Antwortwimpel. Er kam von luvwärts, da konnten wir nicht hin. Ist es ein Engländer? Er hat keinen Namen. Dann ist es aber sicher einer, denn die sind namenlos geworden im Krieg! Auch der Bau sah nach England aus.

Er kommt näher heran und will dem alten verschlafenen Norweger die erbetene Chronometerzeit geben. »Wollen wir ihn angreifen?« frage ich die Mannschaft, die sich durch die Speigatten den Feind anguckt. »Jo, sicher, wi gripen em, he is 'n Engländer.« »Klar Schiff zum Gefecht!« Die Trommel rührt an, die Pforte fällt herunter, denn das Geschütz stand so, daß ein Teil der Reeling heruntergeklappt werden konnte. Kriegsflagge hoch, Signal herunter, und dann: Schuß vor den Bug! Endlich der erste Schuß auf den Feind.

Was ist denn das? Er reagiert gar nicht, heißt aber die englische Flagge. Noch ein Schuß, bumssssss ... da auf einmal dreht er ab. Halloh, jetzt will er ausreißen. Noch ein Schuß über den Schornstein hinweg, dann noch einen über den Bug, und nun dreht er bei. Ehe wir's uns versehen, hatte er sein Boot zu Wasser, und Kapitän Chewn von der »Gladys Royal«, der mit 5000 Tonnen Kohle von Cardiff nach Buenos Aires unterwegs war, kam herüber, was eigentlich unsere Aufgabe war.

Der alte, schneeweiße Mann bittet mich: »Lassen Sie doch mein altes Schiff, ich fahre nach einem neutralen Hafen, =ich= habe Frau und Kinder daheim.«

»Glauben Sie, Mister Chewn, daß ein deutsches Schiff, das hier gefunden würde, Schonung erführe?«, fragte ich ihn.

Es erklärte sich jetzt, warum er auf den ersten Schuß nicht reagiert hatte. Er war der Meinung gewesen, wir schössen mit einem Böller, um nach altmodischer Art Uhrvergleich zu machen. Deswegen hatte er die britische Flagge geheißt; diese und nicht der Böllerschuß sollte die Uhrzeit angeben, wenn sie wieder herabgeholt würde. Beim zweiten Schuß hatte sein Koch eine Granate einschlagen sehen und ein U-Boot gemeldet, daher die Flucht. Erst beim dritten Schuß hatten sie unser Mündungsfeuer gesehen und dann auch die Kriegsflagge beachtet. »_By Jove, that's the best catch I ever saw._« (Beim Himmel, das ist die beste Falle, die ich je sah.«)

Ich schickte den Kapitän wieder an Bord seines Schiffes. Dann wurde von ihm, seinen Leuten und unserer Prisenbesatzung unter Leutnant Pries alles Wünschenswerte zusammengepackt und herübergeholt, insbesondere der feine Proviant, den ich ja für unsere neuen Gäste brauchte. Dann wurden die 26 Engländer und Farbigen bei uns einlogiert; der Dampfer, der unserem »Admiralsschiff« Seeadler im Kielwasser gefolgt war, rasch noch photographiert. Der war ja mehr wert, als der ganze »Seeadler«, und unsere Fahrt begann sich zu lohnen. Als der Abend heraufdunkelte, wurde die Sprengbombe angelegt, denn wir mußten damit rechnen, daß Kreuzer in der Nähe wären.

Nach zehn Minuten ging der Bug unter Wasser. Das Heck trotzte eine ziemliche Weile. Wie es noch herausschaut, nähert sich ein Dampfer, den wir nach seinen Seitenlichtern für einen neutralen hielten, der »Unfallstelle«. Es war ein Zeitraum höchster Spannung. Aber gerade noch zur rechten Zeit gibt es eine zweite Explosion, der Luftdruck reißt das Heck auseinander, eine Wasserfontäne springt auf, das Schiff verschwindet in der Tiefe und steuert seinen letzten Kurs. Eine Menge Hölzer und Bretter zeigt die Versenkstelle an, und wir fahren als harmloses Segelschiff weiter und wissen von nichts. Neutrale oder für neutral zu haltende Schiffe bedeuten für uns eine große Ungelegenheit. Hielten wir sie an und untersuchten sie, dann konnten sie uns nachher, nachdem wir sie freigegeben hatten, verraten; denn unsere Stärke bestand ja vor allem darin, daß der Feind keine Ahnung von einem Segelschiff als Hilfskreuzer hatte.

Mister Chewn war sehr erstaunt, daß ihm eine so nette Kajüte vorgesetzt wurde, noch mehr aber darüber, daß er darin der erste war. »_Only me?_«, fragte er recht unglücklich. Wir versprachen ihm, möglichst bald für Gesellschaft zu sorgen. Bootsmann Dreyer freute sich am meisten, Feinde an Bord zu haben; endlich waren Arbeitshände genug da, um das Zwischendeck und die große Mannschaftsküche einzurichten.

Wir vermuteten in einer »guten« Gegend zu sein und steuerten weiter auf Madeira zu. Am nächsten Mittag wurde ein Dampfer gesichtet, der quer zu unserem Kurse fuhr. Auf unsere Signale reagiert er nicht. Der Motor wird klar gemacht, die Schraube eingekuppelt. Wir fahren auf den Dampfer zu, bis unsere Kurse sich beinahe kreuzen. Ausweichen konnten wir nicht mehr, nur das Schiff durchdrehen und im Winde schießen lassen. Wir werden dazu gezwungen, da der Dampfer seinerseits nichts veranlaßte, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, obwohl nach dem Straßenrecht auf See ein Dampfer jedem Segelschiff ausweichen muß. Wir erkennen in ihm einen Engländer; er passiert dicht bei 300 Meter Entfernung. Alle Segel werden aufgegeit, Kriegsflagge geheißt und sofort geschossen. Er geht mit äußerster Kraft weiter. Wieder ein Schuß. Er dreht sein Schiff in den Wind, weil er ganz richtig glaubt, ein Segelschiff kann gegen den Wind nicht folgen. Wir fangen an rücksichtslos zu schießen, um zu treffen, sehen auch wiederholt Einschläge am Schiff, bis endlich ein Treffer an Deck einschlägt. Man sieht die Menschen an Bord hin- und herlaufen, hört die Dampfpfeife heulen. Die Schraube stoppt. Wir fahren näher, und weil der Kapitän das Leben seiner Mannschaft so kalt gefährdet hatte, setzten wir kein Boot aus, sondern ließen sie zur Strafe selbst herüberkommen.

Es war die »Lundy Island«, ein schöner großer Dampfer, offenkundig auf der Heimreise, denn die Deckmalerei war schon überall fertig.

Die Ruderkette des Dampfers war von der Granate getroffen, er gehorchte dem Steuer nicht mehr. Schon nach dem ersten Schuß war der schneidige Kapitän gezwungen gewesen, selbst ans Ruder zu gehen, weil alles davonlief. Nachdem dann alle seine Leute planlos ihre Boote zu Wasser gelassen hatten, war er allein an Bord zurückgeblieben und lief mit seiner Handtasche auf der Brücke hin und her.

Die feindliche Mannschaft ruderte so schlecht, daß wir Erbarmen fühlten und schließlich ein eigenes Boot aussetzten.

Im letzten Boot kommt der Kapitän an, ich lasse ihn nach Achterdeck bitten und halte ihm seinen Leichtsinn vor. Weshalb er sich nur so benommen hätte?

In diesem Augenblick kommt unser Schiffsarzt, Dr. Pietsch, der schon auf »Möwe« eine Kaperfahrt mitgemacht hatte.

Die beiden stutzen und sehen sich an.

»Hallo, Kapitän!«

»Hallo, Doktor!«

Kapitän Barton hatte schon einmal durch die »Möwe« sein Schiff verloren und befand sich nun wieder auf seiner ersten Ausfahrt nach der Freilassung von der »Möwe.« Er hatte sich eingebildet, wir würden ihn hängen, weil er bei seiner ersten Gefangennahme einen Revers unterschrieben hatte, sich nicht mehr im Kriege zu betätigen. Aus diesem Grund hatte er alles daran gesetzt, zu entkommen. Er fühlte sich erleichtert, als ich ihm sagte, der Revers bezöge sich nur auf kriegerische Handlungen, auf einem Dampfer könnte er ruhig fahren. Sein tapferes Verhalten fand überall Anerkennung.

Die »Lundy Island« hatte 4500 Tonnen Zucker aus Madagaskar. Da sehr rauhes Wetter war, wurde das Schiff nicht durch Sprengbomben, sondern durch Granatfeuer versenkt. Wer sich außer uns am meisten über den Gästezuwachs freute, war Kapitän Chewn. Auch die Mannschaften fanden Bekannte untereinander. Wir hatten nun schon verschiedene Rassen an Bord, Weiße, Schwarze und Malayen. Die Leute äußerten weit weniger Kummer über die versenkten Schiffe als vermutlich die französische Regierung empfand, für welche der Zucker bestimmt gewesen war.

Eines Morgens tauchte im Nordostpassat ein Schiff mit vollen Segeln auf und kam schnell näher. Wir erkannten eine große Bark, die, wie sie uns sah, stolz die Trikolore heißte, und das Signal: »Was gibt es Neues vom Krieg?« Wir steuern dicht heran, heißen Kriegsflagge und das Signal: »Drehen Sie bei.« Er gehorcht sofort. Das Prisenboot setzt hinüber; nachdem die feindliche Besatzung all ihr Hab und Gut gepackt, wird sie zu uns herübergenommen.

Man muß den Franzosen kennen: Es ist ihm stets besonders schmerzlich, sein Schiff zu verlassen, mit dem ihn eine besondere Heimatsliebe verbindet. Kein französischer Matrose fährt auf einem fremden Schiff und kein Nichtfranzose auf einem französischen, während bei den anderen Nationen die Schiffsmannschaft bunt durcheinander geht. Auch hat der Franzose ein anderes Seemannsgesetz; das Desertieren ist bei ihm ein außerordentlich schweres Vergehen, während es auf manchem anderen Schiff höchstens mit zwanzig Mark gebüßt wird.

Es war die »Charles Gounod«, die mit Mais von Durban kam. Ich habe ein sehr bescheidenes Musikverständnis, aber mein Lieblingslied ist Gounods »Liebchen komm' mit in das duftige Grün«. Nun muß ich also gerade meinen Lieblingskomponisten versenken! Der Kapitän imponierte mir außerordentlich, nicht nur durch seine hohe Bildung, sondern vor allem durch die Aufrichtigkeit, mit welcher er zu verstehen gab, daß er unser Feind sei. Er verhielt sich peinlich korrekt, respektvoll gegen den Feind, aber vermied den leisesten Hauch einer Annäherung.

Es erfolgte nun die Übernahme des Proviantes. Viel Rotwein und drei große fette Schweine wurden herübergebracht. »Piperle« war wieder der erste mit im Boot gewesen. Sobald ein Schiff in Sicht kam, wich er nicht von der Stelle, wo das Boot ins Wasser gelassen wurde. Kläffend raste er dann an Bord des gekaperten Schiffes umher, ob nicht ein Kollege zu finden wäre. Piperle war ein Original von Tier, der Liebling von Freund und Feind an Bord. Es war ein Hund, der nie das Gefühl hatte, »das ist mein Herr«, sondern »alle sind meine Freunde«. Er kannte jeden einzelnen. Morgens war sein erster Weg durch das Schiff, um jeden zu begrüßen und wieder von jedem begrüßt zu werden. Selbst an die Uhrzeiten hatte er sich gewöhnt. Besonders, wenn Proviantausgabe ist, wird er nie fehlen, um mit dem Proviantmeister in den Proviantraum zu gehen, wo allerlei Leckerbissen für ihn abfallen. Von hier hat er's bereits wieder eilig, dem »Schnäuzchen« guten Tag zu sagen; trotzdem sie ihn immer, sowie er die Kajüte betritt, als neidischer Teckel anknurrt, bleibt er stets der alte, brave, entgegenkommende Kerl. Lange hält er sich nicht auf; eine kurze Visitenkartenabgabe an die Portiere, zum Zeichen, daß er da war, und er verschwindet wieder, ob sich nicht mittlerweile an Deck etwas ereignet hat, wo er dabei sein muß. Da steht er dann, hier und dort mal über Bord und mit der Nase in der Luft schnüffelnd, ob er nicht auch einmal ein Schiff entdecken und melden kann.

Unser Kurs führte uns zunächst nach unserem Piratenrevier, das sich auf 5 Grad nördlich vom Äquator und 30 Grad westlicher Länge befand. Es war insofern hier unser günstigstes Gebiet, als alle Segelschiffe, die aus dem Südostpassat kommen und nach Norden steuern, die Gegend dieser Längen- und Breitengrade schneiden müssen. Da hier ein steter gleichmäßiger Passat weht, kein schlechtes Wetter vorkommt und die Luft weithin sichtig ist, so hatten wir die Möglichkeit, von unseren hohen Masten 30 Seemeilen nach jeder Seite zu übersehen.

Auch ein Kapitän, der sich gerade auf der Hochzeitsreise befand, lief dem gemütlich zwinkernden Seeteufel in die Arme. Wir sahen einen Dreimastschoner und glaubten zunächst, es sei ein Amerikaner, weil die Yankees diesen Schonertyp bevorzugen. Es konnte möglicherweise aber auch ein kanadischer Schoner sein. Da wir uns damals noch nicht mit Amerika im Krieg befanden, hielten wir es für richtig, um unerkannt zu bleiben, ihn nicht anzugreifen, sondern heißten nur die norwegische Flagge, um ihn zu veranlassen, auch die seinige zu zeigen. Der Kapitän auf dem Schoner antwortete nicht mit derselben Höflichkeit, sondern mochte bei sich denken: »Was geht mich der Norweger an?« Wir holten die Flagge zum Gruß herunter und heißten sie wieder auf. Seine junge Frau, die das sah, warf ihrem Manne vor, daß er doch reichlich unhöflich sei, und forderte ihn auf, wenigstens seine Flagge zu zeigen. Wir selbst dachten schon bei uns: »Laß den Flegel laufen,« da ruft plötzlich der Ausguck: »Das ist kein Amerikaner, die englische Flagge geht hoch!« Hart Steuerbord! Er war ziemlich weit ab. Kriegsflagge hoch, Schuß vorn Bug! Es erfolgt nichts: noch einen Schuß! Der Schoner dreht bei. Es war der kanadische Schoner »Percé«.

Der Kapitän hatte anfangs geglaubt, als die Granate auf 500 bis 600 Meter vor ihm einschlug, es sei ein Walfisch, und hatte deshalb keine Notiz genommen. Durch unsere Gläser erkennen wir, daß ein weibliches Wesen sehr nervös an Deck hin- und herläuft. Das Prisenboot wird ausgesetzt, und unser höflicher Prisenoffizier, der es außerordentlich versteht, durch sein korrektes Verhalten, seine riesige, imposante Erscheinung und sein ruhiges Wesen aufgeregte Gemüter zu beruhigen, tröstet ritterlich die junge Frau. Obwohl wir anfangs nicht sehr angenehm berührt waren, bei unserm rauhen Handwerk zartes Geschlecht an Bord zu bekommen, so hat uns doch diese junge Frau mit ihrem sonnigen Wesen manche Abwechslung gebracht. Sie wurde auch sehr verwöhnt und genoß jede Bequemlichkeit, und sie selbst war in keiner Weise verzagt, sondern betrachtete auch dieses Flitterwochenereignis vom sportlichen Standpunkt. Den »Percé« zu versenken, war schwierig, da er Klippfisch geladen hatte; wir schossen ihn leck und ließen ihn treiben; er muß dann durch Vollsaugen mit Wasser schließlich weggesunken sein.

Schiff auf Schiff wurde so versenkt, viele tausend Tonnen lagen bereits auf dem Meeresboden, als der Ausguck eines Morgens wieder einmal »Dampfer achteraus« ruft. Man erkennt ein großes Schiff, das mit äußerster Kraft das Meer durchfurcht. Wir bleiben zunächst Segelschiff und bitten wie üblich um Chronometerzeit. Der Dampfer reagiert nicht darauf, er denkt sich erst, »laßt diesen Windjammer anderswo seine Uhrzeit herholen«. Aber wir hatten andere Mittel, unser Rauchapparat tritt in Tätigkeit. Schwarze Rauchwolken mit rotem Magnesiumfeuer steigen aus dem Schiff, so daß es den Eindruck erweckt: »Das Schiff brennt.« Der Dampfer reagiert, er kommt auf uns zu, wir vermindern den Rauch. Vorbereitung zu »Klar Schiff«, d. h. 30 meiner Jungs liegen mit Gewehren hinter der Bordwand, so daß sie von außen nicht zu sehen sind. Vier weitere stehen in Zivil an Deck. »Jeanette, mak di kloar!« In weißem Kleid und blonder Perücke, die hell in der Tropensonne leuchtet, wandelt sie an Deck. Oben, 50 Meter hoch auf der obersten Rahe, im Vor-, Groß- und Kreuzmast stehen diejenigen meiner Jungs, welche die kräftigste Stimme im Leibe hatten, ein Megaphon, ein weittönendes Sprachrohr zur Hand. Wir verhielten uns zunächst als neutrales Schiff, um den Dampfer nahe herankommen zu lassen, und auch festzustellen, ob es nicht unter Umständen ein feindlicher Hilfskreuzer wäre. Die alte Kanone war maskiert durch den Schweinestall.

Als der Dampfer quer ab ist, ruft der dicke Kapitän ganz nah herüber: »Was ist los mit euch?«

Keine Antwort. Wir drehen den Rauchaugust zu.

Die Offiziere und Mannschaften werfen Stielaugen auf die schöne Frau des Segelschiffskapitäns und denken bei sich: »Der hat einen feinen Geschmack.« Der Dampfer liegt günstig und dicht heran. Jetzt ist der Moment ihn zu fangen.

»Klar Schiff zum Gefecht.« Kriegsflagge und Kommandozeichen gehen hoch, der rotweiße Freibeuter wird geheißt. Wir waren das einzige Schiff des Weltkrieges, das unter Piratenwimpel fuhr. Es ist dies ein meterlanger, roter, schmaler Wimpel, der am Ende einen weißen Totenkopf führt. Fürchterlich! Jeanette reißt die Druckknöpfe ihres Kleides auf, steht im Nu als blauer Junge da und winkt mit der Perücke.

Ein Entsetzen! Auf dem Dampfer ruft alles »_Germans, Germans._« Die Heizer aus dem Heizraum und die Maschinisten aus dem Maschinenraum stürzen an Deck, alles rennt an die Rettungsboote, es entsteht ein Wirrwarr, denn wer hätte geahnt, daß dieser harmlose Segler ein Hilfskreuzer sei? Da plötzlich fällt ein Schuß. Unsere alte Kanone schießt und trifft die drahtlose Station; der Dampfer ist nicht mehr in der Lage, Notsignale zu geben. Der Kapitän arbeitet am Maschinentelegraph hin und her, um mit äußerster Kraft vorauszugehen, aber vergeblich, das Maschinenpersonal ist an Deck. Zu bewundern ist doch der Kapitän, der mit gewaltiger Kommandostimme seine Befehle durchdrückt. Wir sehen Leute nach hinten laufen und vermuten, daß es Geschützmannschaften sind, welche die Geschütze klar machen wollen. Die Gelegenheit durfte man ihnen nicht geben. Im selben Augenblick brüllen aus dem Mast drei kräftige Stimmen durchs Megaphon diesen Bullen von Dampfer an, daß der Schall wie ein lautes Echo zurückprallt:

»Klar bei Torpedos!!«

Vielstimmig ruft es zurück vom Dampfer »_No torpedos, no torpedos!_«, und jeder fühlt, daß im nächsten Moment drei Torpedos in den Schiffsbauch gejagt werden. Alles, was weiß an Bord ist, wird geschwenkt, Tischtücher, Handtücher, und der Koch wedelt mit seiner weißen Schürze.

»Bleibt so liegen, sonst bekommt ihr Torpedos!«

Keiner muckste mehr, und schnell war unser Boot mit Prisenoffizier und 15 Mann zu Wasser und ruderte nach dem Dampfer. Nun war er in unserer Gewalt. Der Offizier und die Mannschaften werden herüber geholt. Welch ein herrliches Schiff! Die eleganten Saloneinrichtungen, die wunderbaren Teppiche, die Klubsessel, alles rüber auf den Piraten. Ein Steinway-Flügel, ein Harmonium, warum sollten die Instrumente versenkt werden, da sie doch in unserer Abgeschlossenheit Freund und Feind erquicken konnten? Hatten wir nicht an Bord unter der Mannschaft einen der besten Violinspieler Bayerns?

Als wir die Landungspapiere nachsahen, fanden wir, daß der Dampfer eine Ladung von vielen Millionen beherbergte, unter anderm auch 2000 Kisten Champagner »_Veuve Cliquot_«, 500 Kisten Kognak »_Meukow_«. »An die Arbeit!« Auch dieser Riese wurde durch Sprengbombe versenkt und er steuerte seinen letzten Kurs rückwärts, den Bug aus dem Wasser in die Tiefe. Der Kapitän, der mittlerweile sich umgesehen hatte, tritt auf mich zu und fragt: »Kommandant, ist das alles, was Sie an Bord haben, die alte Kanone?«

»Jawohl!«

»Wo sind Ihre Torpedos?«

»Torpedos? Wir haben keine Torpedos, für euch genügten Lufttorpedos, die wir mit der Stimme rüberschießen.«

»_No Torpedos?_«

Sein Gesicht war zu rot, um blaß zu werden, es wurde blau, und seine Augen schauen mich entsetzt an: »_By Jove, Commander, don't report that, please._« (Melden Sie das, bitte, nicht.)

Weiter ging es nach Süden.

Es ist eine wundervolle Tropennacht. Die lustige Piratenschar sitzt infolge der herrlichen Beute froh zusammen. Vorn alles bei Sekt, hinten alles bei Sekt. Die Sternlein blinken uns an. Der Mond, das olle Gesicht, schmunzelt uns zufrieden zu, die Wellen murmeln um den Bug. Voll stehen die Segel. Mittschiffs spielt die Kapelle auf Cello, Violine, Harmonium und Steinway-Flügel das Lied »Ach, lieber Südwind blas«, während uns der Südwind anhaucht. Obwohl wir umringt sind von Feinden, ist die Natur um uns so versöhnt. Die Gefangenen stehen vor Ehrfurcht still, als von den Planken des Piratenschiffes die wunderbaren Melodien aufsteigen. Dazu um sie die zauberhafte Stimmung der Tropennacht. Hier hören sie die Instrumente, die bei ihnen nur zur Zierde standen, wie sie von Künstlerhand gerührt werden. Wir genossen die Nacht, denn wir wußten nicht, was uns die nächsten Tage bringen würden, ob wir nicht dann schon ein paar tausend Meter tiefer lägen, denn unsere Verteidigungswaffen waren so gering. Wir waren guter Dinge, denn unser Gewissen war frei. Zwar ist der Mensch dazu auf der Welt, andern wohlzutun, und wir raubten Schiffe. Wir waren Piraten gegen die Nationen, mit denen das Vaterland in schwerem Kampfe lag. Welch menschlicher Krieg aber war es, den wir führten, verglichen mit dem Hungerkrieg der Engländer gegen unsere Frauen und Kinder daheim! In diesem rauhen Zeitalter hielten wir die deutsche Ehre rein. Aus dieser frohen Daseinsstimmung werden wir plötzlich herausgerissen, als der Ausguck ruft: »Licht an Steuerbord«.