Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin
Part 7
Sonst liegt er die ganze Nacht still in seinem Körbchen, und jetzt läuft er ruhelos umher und heult zuweilen so seltsam schauerlich. Ich glaube, ich fürchte mich.
Aber wovor?
Ich wünschte, ich wäre anders geartet; wäre gleichgültiger, dann könnte ich ruhig schlafen und säße nicht um vier Uhr morgens am Fenster meines Schlafzimmers und starrte mit brennenden, übernächtigen Augen in den langsam heraufsteigenden Tag. --
Mein Traum, mein Traum; sollte das seine Lösung sein? Stehe ich jetzt vielleicht vor der endlosen Wasserwüste, die mir mein Alles verschlungen hat? --
Ich fürchte, ich bin krank, sonst würde ich mich nicht so entsetzlich ängstigen -- um ein Nichts vielleicht.
Mein Mann ist wohl längst wieder gesund, und wenn ich ihm meine Sorgen erzähle, wird er mich schelten, daß ich so wenig Seemannsfrau bin. Ich werde versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. -- --
* * * * *
Wenn ich oft noch im Zweifel war, ob ich Werner wirklich liebte, so wie man sich Gattenliebe untereinander vorstellt, so sind diese Zweifel jetzt geschwunden.
Wäre es nur Dankbarkeit gewesen, ich würde nicht so um sein Leben zittern.
Werner, Werner, mein Lieb, mein Alles, wo bist du? Wie lange hörte ich nichts von dir! Bist du noch krank? Rufe mich, und ich eile zu dir, um dich zu pflegen, und wenn ich durch Welten von dir getrennt wäre. -- Ich muß Gewißheit haben, ich ertrage keine Nacht mehr wie die vergangene. --
Und doch, was kann ein Weib tun in meiner Lage! Was kann sie tun? Ein Telegramm wird mir Erlösung und Gewißheit bringen. --
* * * * *
Nun habe ich Gewißheit. Entsetzliche Gewißheit!
Nun liegt es wieder vor mir, das Leben, unnütz und von niemand gewollt. Was soll ich damit?
Wem frommt es?
Nun er _tot_ ist!
Tot, der einzige Mensch, der mich geliebt, der an mich geglaubt, der mich dem Schlamm entrissen hat.
Ach Mutter, Mutter, warum hast du mich geboren? Wo bist du, um dein Kind zu schützen?
Gib ihn mir wieder, Gott, aus deinem Himmel oder nimm auch mich zu dir!
Ich kann nicht mehr -- würde ich doch krank -- könnte ich sterben --.
* * * * *
Heute habe ich die Sachen meines Mannes bekommen. --
Gestern kam sein Schiff zurück -- ohne ihn -- ohne ihn!
Nur die paar armseligen Sachen bezeugen mir, daß er gewesen. --
Ein kleiner Kasten mit seinen intimen, kleinen Sachen: Briefe -- sein Taschenbuch -- seine Brieftasche -- eine Photographie -- meine eigene.
Bin ich das wirklich? Dies unschuldige Gesichtchen mit den großen, fragenden Augen? Nein, ich bin es nicht.
Seine Börse, das alte, abgegriffene Ding, von dem er sich nicht trennen mochte. Sonst nichts, nichts!
Kein letzter Gruß, kein Zeichen, daß er mein gedacht in seiner letzten Stunde.
In seinem Taschenbuch nichts. Aufzeichnungen, mir unverständlich. --
Ist das alles? Ist das das Ende? Es ist unmöglich!
Ein Wort, ein letztes Wort!
Laß mich wissen, ob du noch immer in Liebe mein gedacht.
Der Gedanke läßt mich nicht los, foltert mich bis zu körperlicher Pein, daß du freiwillig gingst.
Jene Begegnung im Café -- war sie dir so furchtbar?
Konntest du die Verachtung nicht ertragen, die dein Weib traf?
Erbarme dich, du Unbarmherziger da oben, und gib mir Gewißheit. --
Ah, ein Brief!
Ich kann ihn kaum öffnen, so zittern mir die Finger. Ein Brief von ihm, mit zitternder Hand geschrieben:
»Gott schütze Dich, Liebling! Ich fürchte, ich bin sehr krank. -- Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten? -- Lotti, mein süßes Weib, ich habe Dich sehr geliebt. Bleibe gut, wenn ich von Dir gehen sollte. Du bist ein seltenes Geschöpf, laß Dich nicht zerbrechen, laß den Gedanken an mich Dein Leitstern sein, damit Du nicht wieder untergehst. Möchtest Du nicht doch zu Deinen Großeltern gehen? --
Lottchen, Liebling, seit ich erwachsen bin, habe ich nicht oft an meinen Gott gedacht -- ich hatte ihn fast vergessen; heut' ist er mir nah, darum bin ich gefaßt. Er wird auch Dich beschützen. Was er tut, ist gut. Ich umarme Dich im Geiste und küsse Deinen süßen, warmen Mund und Deine strahlenden Augen.
Gott schütze Dich! Dein Werner.«
Ist das das Ende von meinem Paradies? Es ist ja nicht möglich -- nicht möglich!
Er kann mich nicht verlassen haben!
Ist all das warme pulsierende Leben tot? Hinweggeweht?
Wo ist es? Wo ist sein lieber Körper? Wo ist das, was von ihm übrig blieb? -- Ich will zu ihm. Wenn ich sonst nichts kann, so will ich an seinem Grabe knien und will ihm mein Leid klagen.
Zu ihm, zu ihm! Das soll jetzt meine Aufgabe sein! --
* * * * *
Ich bin matt bis zum Sterben, und doch ist eine Zentnerlast von mir genommen. --
Er ging nicht freiwillig; eine bösartige Mandelentzündung hat ihn dahingerafft. --
Die besten Menschen sterben früh, heißt es. An ihm hat es sich bewahrheitet.
Er war der Besten einer. -- --
Ich nehme sein Kopfkissen, so wie ich es bekommen, und lege mein müdes Haupt darauf. Ich will darauf schlafen heute nacht. Vielleicht kommt er zu mir und hält geheime Zwiesprache mit mir.
Ich werde inbrünstig flehen, daß er zu mir kommt.
Ich grabe meinen Kopf in das Kissen, auf welchem er geruht, und denke an ihn und seine große Liebe, und er wird kommen und wird mir raten, wohin ich mein Lebensschifflein steuern soll. -- Zur Großmutter gehe ich nicht; weiß ich doch nicht einmal, ob sie noch lebt. -- --
* * * * *
Er ist nicht gekommen. All mein Bitten, all mein Flehen war umsonst. Niemand kommt wieder, der in jene geheimnisvollen Fernen ging. --
Ich bin allein mit meinem Gram und meiner Liebe.
Er ist tot, und ich habe ihn verloren.
Ich habe oft darüber gelächelt, wenn ich hörte, daß es Leute gibt, die vermeinen, sich mit ihren toten Lieben in Verbindung setzen zu können, jetzt verstehe ich sie. Auch dieser Wahn ist ein Trost. -- Nur zu mir kommt niemand, weder die Mutter noch er.
Und doch wird er unvergessen sein. Er soll leben in meiner Erinnerung und in meinem Herzen.
-- Der Tote ist tot und nur der Lebende hat Rechte, sagt man ja wohl. Bei mir soll auch der Tote sein Recht behalten. -- --
* * * * *
Ich bin so fremd hier geblieben, und das rächt sich jetzt. Kein Mensch kommt zu mir, niemand sagt mir ein liebes, tröstendes Wort.
In solchen Zeiten merkt man doch, daß es gut ist, wenn der Mensch zum Menschen geht.
Nur vom Kontor kommt ab und zu ein Herr zu mir. Er hat mir auch Werners noch ausstehendes Gehalt gebracht und zudem eine kleine Summe, die jede Witwe beim Tode ihres Mannes von der Gesellschaft erhält.
Ich bin also nicht ganz mittellos, für einige Monate hätte ich zu leben. Aber was dann?
Die Frage wird immer dringender. Das Leben ist brutal in seinen Forderungen.
In meinen Schmerz und in meine Trauer drängt sich gewaltsam die Sorge ums tägliche Brot. --
* * * * *
Als ich heute Herrn Rehm meinen Wunsch andeutete, daß ich so gern nach drüben an das Grab meines Gatten möchte, macht er mir einen Vorschlag, der mir zuerst ganz ungeheuerlich, bei längerem Nachdenken aber gar nicht so übel erscheint.
Er meint, ich solle bei der Kompanie als Stewardeß fahren. --
Ein verlockender Vorschlag.
Ich komme umsonst an das Ziel meiner Wünsche, und wenn es mir auf dem Schiff nicht gefällt, so kann ich zu jeder Zeit wieder abgehen; eine passende Stelle wird sich finden.
Ein unangenehmes Gefühl beschleicht mich zwar, wenn ich an New York denke, doch die Verlockung ist zu groß. Und bin ich jetzt nicht gefeit gegen alles?
Ein Fall wie der im vergangenen Jahre bei meiner Ausreise kann mir nicht wieder passieren. -- --
Nur meine Jugend! Werde ich einem so verantwortungsvollen Posten gewachsen sein? -- --
* * * * *
Die Würfel sind gefallen. Ich komme auf einen neugebauten Dampfer, der noch im Herbst seine erste Reise macht. --
Nun habe ich wieder alle möglichen neuen Sorgen.
Die Wohnung aufgeben, ein Zimmer mieten, was nicht so leicht sein wird, denn ich will meinen kleinen Pit behalten, und muß mir Leute aussuchen, die gut zu ihm sind.
Er ist so klug; alles versteht er. Und wenn ich ihm erzähle, daß Frauchen ausgehen muß, dann weint er wie ein Kind. Er kuschelt sich in meinem Schoß wie ein Igel zusammen. Es ist doch etwas Lebendes, das ich um mich habe. Hoffentlich finde ich gute Pflege für ihn. Es gibt mir wirklich ein wenig das Gefühl des Gehobenseins, wenn ich mir sage, ich habe für etwas zu sorgen, ich muß Geld verdienen -- und wenn es auch nur ein Hund ist.
Nur ein Hund -- man sagt das so -- und welch ein Trost war er mir! Wenigstens ein Geschöpf, das mich lieb hatte, das mein war und nicht mit unbarmherzigem Forschen nach meiner Vergangenheit fragte.
Oft sind Tiere besser als Menschen.
V.
Als Stewardeß.
Eine neue Phase meines Lebens.
Seit drei Tagen bin ich auf der »Nirwana« als Stewardeß. --
Noch kann ich nicht viel sagen, es wäre verfrüht, schon jetzt über irgend etwas urteilen zu wollen.
Der Dienst ist nicht so schwer wie ich gedacht. Kranke Damen bedienen, ihnen etwas zu essen bringen und sonstige intimere Hilfeleistungen, bei denen sie keine männliche Bedienung brauchen können, ab und zu ein Bad fertig machen und den Damensalon in Ordnung halten, das wären so bis jetzt meine Pflichten. Ob noch andere dazu kommen, muß ich abwarten.
Das einfache schwarze Kleid, das ich trage, habe ich durch einen weißen Kragen etwas freundlicher gestalten müssen.
Ich gebe zu, daß das nötig war, man muß doch leicht kenntlich sein zwischen den vielen Passagieren, aber es hat so was Zofenmäßiges an sich, und das mag ich nicht. --
Meine Kollegin, mit der ich die Kabine teile, ist eine ältere Frau, die Witwe eines früheren I. Offiziers der Gesellschaft. Sie hat vier Kinder großzuziehen, und da sie bei dem Tode ihres Mannes vollständig ohne Mittel zurückgeblieben ist, so hat sie die günstige Gelegenheit benutzt. Sie hat recht, was soll eine Frau anfangen, die nichts weiter gelernt hat als einen Haushalt zu führen, wenn sie in eine derartige Situation gerät? Die Beschäftigung hier kommt der häuslichen am nächsten. --
Und von den weißen Häubchen kann man auch eine andere Auffassung haben. Auch Krankenschwestern tragen Häubchen. --
Ja, ja, Frau Marie hat ganz recht, alles hat seine zwei Seiten. --
* * * * *
Alles hat seine zwei Seiten, das merke ich auch im Dienst.
Ich bin in Trauer um meinen Mann, der kaum zehn Wochen tot ist, aber das hält die Männer nicht ab, mich mit begehrlichen Blicken zu verfolgen.
Ich tue doch nun gewiß nichts, um sie zu ermuntern, aber auch gar nichts. Ich war so ruhig, so zufrieden. Mein schwarzes Kleid schien mir Schutz genug zu sein.
Oft muß ich denken, ob ich wohl etwas Besonderes an mir habe, das die Männer reizt? Ich bin doch nicht anders in meinem Auftreten als andere Frauen auch.
Haben die Männer eine besonders feine Nase für gewisse Dinge? Es ist doch beinahe ein Jahr, daß ich aus jener Atmosphäre heraus bin. --
Aber nein, ich brauche keine Angst zu haben, niemand weiß etwas, niemand kann etwas wissen. --
* * * * *
Ich habe meiner Kollegin meine Not geklagt. Sie sagt, das mache meine Jugend und Schönheit. --
Also muß ich wirklich schön sein, wenn sogar die Geschlechtsgenossinnen es unumwunden zugeben.
Ich könnte stolz darauf sein, denn Schönheit ist bekanntlich die größte Macht eines Weibes. Aber Schönheit ist auch eine Gefahr, und für mich war sie die letztere. --
Gewiß, wer klug ist und seine Waffen und Mittel zu gebrauchen versteht, aber ich war bislang eben nicht klug. -- Doch werde ich mir jetzt Mühe geben, es zu sein.
Ich bin jetzt alt genug, habe genug durchgemacht, und wenn ich wirklich noch etwas Gutes und Nützliches aus meinem Leben zimmern will, so ist es Zeit. --
Ich muß für mich selbst denken und handeln, ich muß das Andenken meines Mannes ehren.
Mittwoch sind wir in New York, an seinem Grabe werde ich beten. Nicht zu Gott, dem Unsichtbaren, der mich bisher immer verlassen, nein, zu ihm, zu Werner, zu meinem Retter. -- --
* * * * *
Gestern war ich endlich bei ihm.
Sie haben ihn schön gebettet, und noch waren die Schleifen und Kränze nicht zerstört, die man ihm von allen Seiten dargebracht hatte.
Lange habe ich an seinem Grabe gekniet und leise Zwiesprache mit ihm gehalten. Er hat mich gehört und verstanden.
Mir war ganz anders zu Sinn, so froh, so voller Zuversicht ging ich auf den Weg.
Er wird mir beistehen, sein Geist wird um mich sein. -- --
* * * * *
Wir haben nicht viel Passagiere, ich bin also nicht sehr beschäftigt. Ich bin froh, daß die Tage in New York vorüber sind, ich hatte doch immer noch etwas Furcht, obgleich es ja Unsinn ist. --
Und wenn mich wirklich jemand erkannt hätte, was wollten sie mir tun? Überhaupt, wo drüben die Frauen so viel Rechte haben -- das heißt -- wenn sie frei sind und Gebrauch davon machen können; denn ich habe damals sehr wenig davon bemerkt. --
Ich habe mich schon ganz nett eingearbeitet. Der Kapitän ist ein vornehmer alter Herr, der mir immer sehr freundlich zunickt, wenn er mir mal begegnet.
Auch der Obersteward, mein direkter Vorgesetzter, ist ganz nett. Sie haben alle Mitleid mit mir, weil ich nach so kurzer Ehe und so jung schon auf mich selbst angewiesen bin.
Überhaupt finde ich, die Männer können unter Umständen ganz nett sein, wenn sie nur nicht immer gleich das Weibchen in der Frau suchen würden. -- --
* * * * *
Unter den Passagieren ist ein Rechtsanwalt aus Patterson; schon am dritten Tage machte er mir einen regelrechten Heiratsantrag. Er will meinetwegen wieder mit der »Nirwana« zurück, dann will er mich auf einen Tag abholen, will mir sein Haus zeigen usw. Ich sage zu allem ja. Er kann lange warten; lieber gehe ich nach der Reise gar nicht an Land. --
Gebranntes Kind scheut's Feuer. --
Auf Steuerbordseite in Nr. 65 wohnt ein berühmter Sänger mit seiner Frau. Er ist in Amerika auf einer Gastspieltournee gewesen.
Gestern hatten wir etwas hohe See, da war seine Frau krank, und ich mußte verschiedene Male zu ihr ins Zimmer.
Gegen Abend traf ich auch den berühmten Mann. Er war sehr freundlich und sagte dann zu seiner Frau: ich sei viel zu schade für dieses Leben hier, ob ich kein Talent hätte, um zur Bühne zu gehen. Ich hätte eine wundervolle elegante Figur und sei sehr schön. --
Seine Frau schalt ihn aus und sagte, er solle mir keine Dummheiten in den Kopf setzen. --
Eifersüchtig scheint sie aber nicht zu sein.
Sie hat mich dann gefragt, wie es komme, daß ich so jung schon einen solchen Platz einnehme, da habe ich ihr von meiner kurzen Ehe und von meinem Verlust erzählt; das, was vorherging, habe ich verschwiegen.
Sie sagte, ich sei sehr tapfer. Ob ich gar keine Angehörigen mehr habe? Ich sagte: Nein.
Wozu soll ich mehr sagen? Ich muß lernen, Herz und Zunge im Zaume zu halten. -- --
* * * * *
Ich habe mir in der Bibliothek etwas zu lesen geholt. Die Abende sind so lang, wenn man nicht genug zu tun hat, und für Handarbeiten war ich nie.
Es ist ein englisches Buch und heißt: Wenn die Liebe stirbt.
Eigentlich schrecklich, dieses langsame gegenseitige Erkalten zwischen zwei Menschen, die sich einst so heiß geliebt.
Ist das immer so? Und muß das sein?
Dann müßte ich ja glücklich sein, daß Werner von mir gegangen ist. Unsere Liebe war neu, groß, noch täglich im Wachsen.
Sie war wie ein Sonnenaufgang.
Zuerst war ich noch furchtsam und glaubte nicht an mein Glück, bis es dann strahlend wie das Sonnenwunder vor mir stand.
Aber doch -- etwas länger hätte es schon währen dürfen. -- --
* * * * *
Wieder zu Hause. Ich habe mich so über meinen kleinen Pit gefreut, daß ich wohl geweint habe. Wie war das Tier glücklich! Es konnte mir gar nicht genug seine Freude und Liebe zeigen; den ganzen Abend ist es nicht von meinem Schoß gegangen. Und fein war Pit! Frau Meyer hatte ihm extra ein blaues Schleifchen umgebunden. -- --
Ich könnte nun eigentlich ganz zufrieden sein; verdient habe ich auch ganz schön -- aber trotzdem, bleiben werde ich nicht in dieser Stellung. Ich betrachte sie nur als Übergang.
Ich werde mir etwas Geld sparen, da ich meine Kost an Bord habe, brauche ich ja wenig, und ich will mich offenen Auges umsehen, um vor allen Dingen einige Bekanntschaften zu machen. --
Wenn ich mit einer älteren Dame aus der ersten Kajüte gehen könnte, wäre es das beste.
Ich muß doch wieder drüben bleiben, so böse mir auch das erste Mal die Neue Welt mitgespielt hat. Nur drüben ist die Möglichkeit für mich, hoch zu kommen.
Man wird doch nicht so sehr nach dem Woher und Wohin gefragt wie in Deutschland. --
* * * * *
Weihnacht auf See.
Es war wunderschön. In jedem Salon war ein Baum auch im Zwischendeck und in den Mannschaftsräumen.
Im ersten Salon ging der Baum bis hinauf durch das große Skylight.
Die Musik spielte überall den Weihnachtschoral, der Kapitän hielt eine kleine Ansprache, es war wirklich wunderschön.
Ich habe natürlich geweint, ganz furchtbar, ich mußte der beiden vergangenen Weihnachten gedenken. --
Als alles vorüber war, habe ich mir ein Tuch umgeworfen und bin noch für einige Augenblicke auf Deck gegangen.
Die Nacht war kalt und klar. Kein Wind und kein Schnee, hoch und rein wölbte sich der Himmel über der unendlichen Weite. --
Es sind meine schönsten Augenblicke, die ich mir auch beim schlechtesten Wetter nicht nehmen lasse.
Auf dem Bootsdeck ist ein wunderschönes Plätzchen zwischen dem Maschinenskylight und dem Rauchzimmer. Hier ist es stets geschützt, auch bei dem schlechtesten Wetter.
Hier kann ich Ich sein. Hier auf diesem stillen Plätzchen, um mich die Unendlichkeit, läßt es sich träumen. Mir ist dann, als ob meine Seele Schwingen bekäme und über die Wellen eilte, um gleichgestimmte Genossen zu suchen. --
Wenn schlechtes Wetter ist, schlinge ich den Arm um den eisernen Pfeiler und lasse mich von den Wellen hin und her wiegen.
Es ist ein Gefühl des Gehobenseins in mir. Losgelöst von aller Erdenschwere schwebe ich mit meiner Seele über die unendlichen Weiten. --
Heut' ist niemand auf den Decks. Was noch nicht schläft, sitzt in den Rauchzimmern und feiert Weihnachten. -- --
Auch ich feiere Weihnacht -- heimlich und still mit meinem Liebsten. Ob er wohl um mich ist heute? Und du, Mutter?
Ob die abgeschiedenen Seelen sich begegnen im unendlichen Raum?
Dann müßten jene beiden, die mir die liebsten waren auf dieser Welt, zusammen sein. --
Ich muß so viel an das denken, was hinter jenem undurchdringlichen Vorhang liegt, seit er von mir ging. Und doch werde ich auch mit all meinem Grübeln nichts erforschen.
Ist es nicht, als ob jemand auf mich zuschritte, als ob eine strahlende Gestalt auf dem hellen Streif stünde, der über dem Wasser liegt? -- Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Kinderglaube -- du bist so tröstlich. --
Ich bin müde, so müde! Ich will schlafen gehen. --
Ich weiß nicht -- ich war immer so gesund und stark. Hunger und Schlaf verließen mich auch in den schlimmsten Lagen meines Lebens nicht, und nun? Ich grüble und habe schlaflose Nächte.
Was ist mit mir?
* * * * *
Wir haben diese Reise einen Pfarrer an Bord, einen behäbigen Herrn in mittleren Jahren.
Leider widmet er meiner Person mehr Aufmerksamkeit als mir lieb ist. Er scheint zu glauben, daß die Pflichten einer Stewardeß, noch dazu wenn sie jung und hübsch ist, sich auch auf ein anderes Gebiet erstrecken.
Er ist strenger Temperenzler -- nur Champagner trinkt er ziemlich viel -- because the Doctor says so.
Gestern abend ist er mir auf Deck gefolgt und hat mir einen kleinen Vortrag über seine Gesundheit gehalten, und was ihm außer dem Champagner der Arzt noch verordnet hat.
Dann lud er mich zu einem Glase Sekt ein. Ich lehnte ab, auch sein anderes Angebot mußte ich leider ablehnen.
Ich fühlte ganz und gar kein Bedürfnis, bei dem geistlichen Herrn als Medizin zu fungieren. --
Aber natürlich ist mir mein Erholungsplätzchen für diese Reise verleidet. --
Wir legen auf -- vielmehr das Schiff legt auf --: vier Wochen. Ich könnte mich eigentlich auch ein wenig freuen und im Grunde meines Herzens tue ich es wirklich, denn es ist doch ganz schön, wenn man wieder einmal ganz sich selbst gehört, nur wird diese Auflegezeit wieder ein kleines Loch in meine Ersparnisse reißen.
Ein paar hundert Mark habe ich doch schon zusammen, zum Drübenbleiben langt es aber noch nicht. Und die Gelegenheit, mit einer Dame zu gehen, hat sich noch nicht geboten. --
Ich werde in diesen Wochen allerlei ordnen. Vor allen Dingen muß ich Werners Sachen einmal gut durchsehen. Ich muß mich über mich selbst wundern, daß ich so ruhig sein kann bei diesem Gedanken. Vor einigen Monaten hätte ich nichts anrühren können ohne vor Schmerz zu vergehen. Und nun! Sein liebes Bild rückt in immer weitere Fernen.
Die Zeit ist doch die beste Trösterin. Nie hätte ich geglaubt, als ich mein Haupt verzweiflungsvoll in sein Kissen grub, daß ich einmal wieder so ruhig an ihn denken könnte.
Oder bin ich gar nicht fähig, die rechte Liebe zu empfinden und Treue zu halten? Bald werde ich an mir selbst irre.
Ist ein Weib wirklich ein so sonderbares, unergründliches Geschöpf, wie die Buddhisten sagen?
Sind andere Frauen besser oder sind sie nur klüger?
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Es ist totenstill im Hause. Die Wirtsleute sind aus, und ich bin ganz allein. Pit liegt auf meinem Schoß, und ich freue mich der Nähe des kleinen, warmen Geschöpfes.
Soeben las ich in einem französischen Buche den Satz: Glücklich sein ist eine Kunst. -- Eine Kunst? Ich habe geglaubt, es sei ein Geschenk der Götter.
Ich bin leider kein Liebling der Götter! -- --
* * * * *
Ich werde aufatmen, wenn die Auflegezeit vorüber ist. Ich bin nicht geschaffen für ein stilles, ruhiges Leben ohne Zweck und Ziel. --
Als Werner noch lebte, drehte sich alles um ihn. Was ich tat, tat ich für ihn und freute mich immer, wenn alles recht schön bei seiner Heimkehr war.
Jetzt hab' ich niemand, für den ich sorge, nur meinen kleinen, süßen Pit, und der braucht so wenig.
* * * * *
Wieder auf der Fahrt. Ich bin froh, daß die einsamen Tage vorüber sind. Es geht auf das Frühjahr zu, und wie alle an Bord sagen, gibt es nun bald viel zu tun. Schon mit dieser Reise beginnt der Passagierandrang von drüben.
Mir ist es recht. Denn erstens habe ich dann keine Zeit zum Grübeln, und die Unruhe in mir wird durch die Arbeit zum Schweigen gebracht, und zweitens verdiene ich hoffentlich bald recht viel Geld und komme meinem Ziele immer näher. -- --
* * * * *
Seit Tagen fühle ich mich nicht recht wohl. Es ist eine Hitze im Schiff zum Ersticken, an Schlaf ist kaum zu denken.
Dazu diese Unruhe in mir! Ich fühle mich so unsicher, eine unbestimmte Sehnsucht quält mich, wonach? -- -- --
Ich will meinen Schlafrock überwerfen, um noch ein Stündchen auf Deck zu gehen. -- --
* * * * *
Das hilft immer. Es ist etwas Großes um diese unendliche Einsamkeit. Nur das Stampfen der mächtigen Riesen im Innern des Schiffes stört. Wie schön muß es auf einem Segler sein!
* * * * *
Ich bin in einer schrecklichen Stimmung in diesen Tagen.
Unzufriedenheit, Mitleid mit mir selbst und ein unbestimmtes Sehnen liegen mir wie eine Krankheit in den Gliedern.
Und habe ich nicht recht, Mitleid mit mir zu haben? Ist es nicht wirklich etwas Bedauernswertes, so ein einsames, verlassenes, junges Geschöpf, wie ich es bin?!
Ein wenig Liebe, ein wenig Güte und Selbstlosigkeit würden mir gut tun, aber wo sie finden?
Man sagt: die Jugend ist nur glücklich in der Erwartung all des Großen und Schönen, was das Leben bringen soll, und das Alter ist glücklich, daß alles vorüber ist. --
Ich habe nicht bemerkt, daß ich jung war, soll ich mir wünschen, alt zu sein? -- --