Seelenverkäufer: Das Schicksal einer Deutsch-Amerikanerin
Part 13
Doch ich will nicht ungerecht sein; es ist wohl wenigen beschieden, nur Rosen im Garten des Lebens zu pflücken. --
Als ich vor sechs Jahren am Sterbebette der Großmutter stand -- und sie mir sagte: »Du hast alles wieder gut gemacht, mein Kind,« da habe ich mich sehr gefreut. Die Anerkennung aus diesem Munde tat mir wohl.
* * * * *
Auch ich selbst habe das Bewußtsein, daß ich vor dem strengsten Richter bestehen könnte, wenn die Abrechnung kommt. --
Ich wohne nun in New York und widme mich ganz meinen schon lange gehegten Lieblingsplänen, der Bekämpfung des Mädchenhandels. --
Wo fände sich ein dankbareres Feld als gerade hier?
Und doch, es ist schwer zu arbeiten: bei so wenig Entgegenkommen von Seiten der Behörden, besonders der Polizei. --
Ich weiß nicht, wie schlimm es in anderen Großstädten ist, ich weiß nur, daß es hier sehr schlimm ist.
Ich habe jetzt gelernt, daß da, wo ich einst war, noch der Himmel unter diesen Höllen ist.
Ein Gang durch die Bowery, Hell's Kitchen, the Stovepipe und wie diese entsetzlichen Orte alle heißen, hat mir gezeigt, wie schlimm ich es hätte treffen können.
Fürchterliche Zustände herrschen auch in den sogenannten Teehäusern des Chinesenviertels. Das sind die Orte, wo mit Vorliebe halbwüchsige Kinder hinverschleppt werden.
Ein Wesen, das dahinein kommt, findet wohl nie wieder den Weg zurück. --
Mit einem zuverlässigen Detektiv als Führer, in einen Herrenmantel gehüllt, habe ich selbst es gewagt, in ein solches Haus zu gehen, in dem kein Mensch ohne das bestimmte Paßwort Einlaß findet.
Durch einen engen Torweg gelangten wir in einen engen, schmutzigen Hof. Am Ende des Hofes stiegen wir eine steile Treppe hinan und kamen in einen schmalen, niedrigen Gang, der fast ganz dunkel war; nur am Ende brannte eine gedämpfte rote Ampel.
Am Ende des Ganges, da wo die rote Ampel brannte, mußten wir um eine Ecke biegen und anscheinend denselben Weg zurückgehen. Dann, nach einer kleinen Biegung nach rechts, standen wir vor einer schweren eichenen Tür.
In ungefähr Kopfhöhe war eine kleine Klappe in der Tür, nicht größer als zwanzig Zentimeter im Geviert. --
Ich klopfte und wartete.
Da öffnete sich geräuschlos die Klappe, ein verwittertes Gesicht mit scharfen, stechenden Augen wurde einen Augenblick sichtbar, dann, ehe ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sich die Öffnung schon wieder geschlossen.
»Lassen Sie mich einmal klopfen,« flüsterte mein Begleiter, »dieser Tsung Lee ist vorsichtig. Er hat sofort gemerkt, daß Sie ein Fremder sind.«
Ich trat zurück und ließ ihn vortreten.
Ein kurzes, dreimal wiederholtes Klopfen wurde hörbar, die Klappe flog auf, einige leise geflüsterte Worte trafen mein Ohr, dann bewegte sich die schwere Tür lautlos in ihren Angeln und wir traten ein. Wir standen in einem Raum, in dem ich im ersten Augenblick gar nichts unterscheiden konnte. Ein ungewisses Dämmer herrschte, und ich hörte nirgends einen Laut. --
»Sie scheinen uns noch nicht recht zu trauen,« flüsterte mein Begleiter. »Man ist hier sehr vorsichtig. Dafür bieten diese Häuser aber auch, was man an keinem Platze der Welt schöner haben kann. Hier findet jeder seine Rechnung. Sogar der -- --«
Ein Geräusch ließ ihn verstummen. Wir drehten uns nach der Seite, ein blaßgrüner Vorhang ging auseinander, und dahinter, auf schwellendem Diwan, wie aus der Erde gestiegen, lag, von rosigem Licht umflossen ein Weib, vielmehr ein Kind noch, und streckte die Arme nach uns aus. Ich wollte darauf zutreten um mit dem Kinde zu sprechen, mein Begleiter hielt mich zurück.
»Warten,« flüsterte er, »es kommt noch besser.«
Und es kam besser. --
Die armen Wesen! Ich bin gewiß, nicht ein einziges von all den armen Kindern hat gewußt, was man mit ihm vorhatte, wohin man es bringen würde. Das alte Lied, das alte Leid. --
Wir verließen das Haus auf einem anderen Wege, nicht ohne vorher fünfzig Dollars für den Besuch bezahlt zu haben.
Die ganze Einrichtung dieser Häuser läßt unschwer erkennen, daß es vollständig ausgeschlossen ist für jemand, der wider seinen Willen darin festgehalten wird, zu entkommen.
Auch die Polizei würde nie etwas anderes finden, wenn sie wirklich suchen würde, als eine harmlose Teestube im unteren Stock.
Alles, was nicht gesehen werden soll, wird über die Leiter entfernt.
Aber der Polizei ist all dies bekannt!
Es ist ihr bekannt, daß gerade diese Pesthöhlen in Chinatown das Schlimmste sind, was es in diesem Genre geben kann. Und doch werden sie geduldet.
* * * * *
Ich habe die Aufzeichnungen in meinem Tagebuch noch einmal durchgelesen und, obgleich mein Blut jetzt ruhiger und schwerer durch die Adern fließt, stimme ich auch jetzt noch meinen damaligen Ausführungen zu: Daß ein Hauptteil der Schuld an den unseligen Verhältnissen auf dem Gebiete der Prostitution auf Seiten des Mannes liegt. -- Die Konjunktur richtet sich hier, wie überall, nach Angebot und Nachfrage.
Hier allein liegt der Kern des Übels. Würden die Männer jene Häuser nicht so frequentieren, so wäre ihre Existenzmöglichkeit stark beschränkt. Der Mädchenhandel, diese Pestbeule unserer Kultur, müßte naturgemäß von selbst aufhören. --
Nun habe ich so oft die Entgegnung hören müssen: der Mann kann nicht anders, er muß in diese Häuser gehen, will er nicht seine Gesundheit arg gefährden.
Zugegeben, dem wäre so, warum heiratet er nicht, wenn er nicht ohne geschlechtlichen Verkehr leben kann?
Und ist es anderseits nicht wieder eine sehr einseitige Auffassung der Herren, daß auf Kosten ihres Wohlbefindens, auf Kosten ihrer Genußsucht, die andere Hälfte der Menschheit Opfer bringen muß? Wer fragt die unverheiratete Frau danach, ob sie geschlechtlichen Verkehr nötig hat?
Im Gegenteil, sie ist verfemt, ausgestoßen aus der Gesellschaft, wenn sie ihren Sinnen gehorcht.
Und hat doch nur dasselbe getan, wozu der Mann volle Berechtigung hat. --
Aber angenommen, man könnte wirklich nicht ohne öffentliche Häuser auskommen -- was ich, wie gesagt, bestreite -- so wäre es immerhin das Beste und meiner Meinung nach einzig Richtige, wenn sie verstaatlicht würden.
Man komme nicht mit Einwänden, daß es nicht geht. Es geht alles! Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. --
Natürlich müßten internationale Abkommen getroffen werden, deren wir ja auf allen anderen Gebieten übergenug haben.
Nur auf diesem Gebiet, wo es sich um die Frau handelt, um die eigentliche Trägerin der Zukunft, da ist man lässig.
Würden alle, aber auch alle derartigen Pesthöhlen plötzlich aufgehoben, und diejenigen, die freiwillig ihren Körper den Lüsten des Mannes zur Verfügung stellen wollen, in staatlich verwaltete Häuser gesteckt, wo es keinen Sekt, sondern nur alkoholfreie Getränke geben dürfte, man würde staunen, wie sehr die Unsittlichkeit abnehmen würde.
Hier allein wäre der Weg für die Regierungen, um Abhilfe zu schaffen. Dem Mädchenhandel wäre damit ein für allemal der Nährboden entzogen.
Warum wird dieser Weg nicht beschritten?
* * * * *
Doktor Curtis, mein alter Freund, ist mir ein treuer Helfer in meinen Bestrebungen. Er findet da, wo die Frau nur verschlossene Türen finden würde, immer noch einen Weg.
Der größte Erfolg unserer Bestrebungen, die Aufhebung eines der schlimmsten Nester -- des sogenannten Katzenkellers in der unteren Bowery -- ist sein Werk.
Wenn die Mächtigen dieser Erde lässig sind, so müssen die Frauen sich selbst helfen, sie müssen kämpfen für diese Ärmsten der Frauen.
* * * * *
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Der sehnlichste Wunsch meiner Jugend hat sich erfüllt. Ich habe die Mittel und auch die Zeit, mich jenen Unglücklichen zu widmen.
Meine Kinder sind glücklich. Bei Konrad durfte ich im vergangenen Frühjahr das erste Enkelchen bei der Taufe halten, und auch mein Liebling, meine Lou, die eine prächtige deutsche Offiziersfrau ist, hat bereits einen Jungen und ein Mädchen. --
Aber sie alle brauchen mich nicht. Ich kann meine Kraft und meine Zeit ungehindert den Unglücklichen widmen, die mich nötig haben.
Wir leben in einer Zeit, in der man von Überkultur redet. Die Nordstaaten haben Millionen geopfert, um die Neger zu befreien. In den Augen der humanen Amerikaner war die geduldete Sklaverei eine Schande.
Was aber sind die allein hier in New York lebenden 35000 unglücklichen Geschöpfe anderes?
Der farbige Sklave hatte es tausendmal besser als sie.
Ich darf mich nicht allzu tief in diese Abgründe menschlicher Schwächen versenken. Mein ganzes Blut empört sich gegen das unheilvolle System. Nur das Weib kann dem Weibe helfen. Gemeinsam müssen sie vorgehen gegen diese Schurken, die sich in so unerhörter Weise gegen die heiligsten Güter der Menschheit versündigen. Die da Wucher treiben mit Körper und Seele ahnungsloser Geschöpfe. --
Denn sie gehören ja doch zu uns, diese Armen -- trotz alledem und alledem. -- --
_Ende._
Druck: Berliner Buch- und Kunstdruckerei, G. m. b. H., Berlin SW 48 -- Zossen (Mark)
F. FONTANE & Co., BERLIN/DAHLEM (Post Grunewald)
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Anmerkungen zur Transkription:
Mit _ umschlossene Texte sind im Original "gesperrt" gedruckt, Umschließungen mit = zeigen fett gedruckten Text an.
Offensichtliche Interpunktionsfehler wurden berichtigt.
Im Satz "Das ist mir einerlei, und wenn ich im Rauchzimmer auf dem Sopha schlafen soll" "Sopha" geändert zu "Sofa" (wie andernorts im gleichen Buch)
Im Satz "Ich soll, wenn ich jetzt nach Deutschland komme, meine überflüssigen Sachen verkaufen und als Passagier mit der »Nirvana« zurückkommen." "Nirvana" geändert zu "Nirwana" (wie andernorts im gleichen Buch)
Im Satz "weint und jammert er, kratzt an meinem Kleid und geberdet..." ist "geberdet" als früher verwendete Schreibweise erhalten geblieben.