Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse

Part 9

Chapter 93,606 wordsPublic domain

Die Nächte sind kühl, die Tage aber drückend heiss, weil die vielen Felsen eine grosse Hitze zurückwerfen. Ich besuchte den eine Viertelstunde vom Posten entfernten, in der ganzen Colonie seiner Grösse wegen bekannten Mama- oder Cattantreebaum (Bombax ceiba), den grossen Abgott der Aucaner-Buschneger, zu welchem ein durch den Wald gehauener Weg führte. Der etwa 80' hohe Stamm dieses prächtigen Baumes hat gegen 8' Durchmesser, und bildet mit seinen Ausläufern oder Sprossen, die bis zu einer Höhe von 10' gehen, grosse Kammern, worin sich verschiedene Personen verbergen können. Er ist ganz mit stumpfen Stacheln bedeckt. Das Eigenthümliche dieser Bäume ist, dass sie nicht alle Jahre blühen und in der Blüthezeit keine Blätter haben. Die Frucht ist von der Grösse eines Gänseeies und enthält eine Menge der feinsten, hellbraunen Seide, die, in die Hülle dicht gepresst, viele schwarze Samenkörner umgibt. Blätterlos, nur mit seinen Früchten behangen, steht der Baum des Abends da; knallend öffnen sich die Früchte meistens in Einer Nacht, zerstreuen ihren Inhalt in grossen Flocken, und des Morgens steht dieser Riese des Pflanzenreichs in einem seidenen Mantel, der von allen Zweigen niederhängt und einen wundervollen Anblick gewährt. Die Colibris machen hauptsächlich mit dieser Seide ihre Nester. Sind die Früchte abgefallen, so kommen die Blätter zum Vorschein. Das Holz ist weich und schwammig und desshalb nicht brauchbar.

Dieser Baum also wurde von den Aucaner-Buschnegern verehrt. Wenn sie von ihren Dörfern kamen, so opferten sie Fleisch und Fische; kamen sie dagegen von Paramaribo, so wurde er mit Wein oder Dram tractirt. Die Soldaten des Postens halfen gleich nach dem Abgange der Neger dem Gott von seinen Eiern und Getränken; Flaschen, Teller und Brabis (Buschnegerschüsseln von gebranntem Thon) aber lagen haufenweise in den Kammern des Baumes, und drei, ebenfalls enorme Cottontrees standen in einiger Entfernung.

Ausser diesem Abgotte, der seinen bleibenden Tempel hier hatte, zeigte sich zuweilen auf Armina eine Göttin höchsten Ranges, die sogenannte Wassermama. Man hatte sie einigemale auf dem Felsen sitzen sehen, doch konnte ich auch von denen, die sie gesehen haben wollten, nichts über ihre Gestalt und Farbe hören.

Man glaubt, dass der Manati die Veranlassung zur Fabel von Meermenschen gebe; doch hier wenigstens kann diess nicht der Fall seyn, da ein so schwerfälliges Thier nicht bis an die Klippen des obern Marowyne kommen kann.

Merkwürdig ist die Menge von Fledermäusen, die sich in den Häusern des Postens aufhalten. Gegen Sonnenuntergang sieht man Wolken derselben aus ihren Schlupfwinkeln nach der französischen Seite ziehen, und die Soldaten sind genöthigt, die ganze Nacht hindurch Licht zu brennen, um nicht gebissen zu werden. Diess ist die einzige Plage, welcher man hier ausgesetzt ist.

Den dritten Tag nach unserer Ankunft verliessen wir Armina wieder. Mein Jagdgewehr hatte ich verkauft. Statt desselben hingen zwei Käfige (Koerikoeri) aus Varimbo, einer Art indianischen Rohrs, mit einem sehr zahmen Pfefferfrass und einem Papagey nebst einem Affen an meinem Ränzel festgebunden. Letzterer schrie immerwährend und erfasste jeden Zweig, den er bekommen konnte. Der Tucan, dessen langer Schnabel in dem kleinen Käfige nicht Platz genug hatte, starb nach ein paar Stunden.

Abends assen wir ein Fricassee von einem Leguan, den ich von Armina mitgenommen hatte.

Hier hörte ich im Kampe die Stimme eines Vogels, der, wie ich mehrere Jahre nachher sah, von der Grösse einer Taube und braunroth ist, und einen nackten kahlen Kopf hat. Ich kann sie nur mit dem Tone einer verstimmten Posaune vergleichen; sie ist auch so laut, dass sie am jüngsten Gericht leicht die Todten erwecken könnte. Die Indianer nennen ihn Kwau (Gymnocephalus calvus); er gehört in das Geschlecht der Fliegenschnapper.

Den zweiten Tag waren wir so nahe bei Oranjebo, dass wir sehr leicht noch vor Nacht hätten den Posten erreichen können; diess wollten übrigens die Guiden nicht, welche nicht gerne mehr thaten, als ihnen vorgeschrieben war.

Am vierten Tag war ich wieder auf meinem Posten zurück. Die Sümpfe verminderten sich in der Umgegend von Tag zu Tag, und es war nicht möglich, die Fische, welche ich in meinen Maschoas fing, aufzuessen. Täglich bekam ich Besuche von Kameraden anderer Posten, welche hier Fische fangen und essen wollten. Diese hatten sich aus dem Walde, wo Alles eingetrocknet war, in die Gräben, welche längs des Cordons hinliefen, zurückgezogen. Sie verbargen sich hier unter den Blättern von Wasserlilien, oder im Schlamme. Mit scharfen Hauern (Säbeln) wateten wir in die Gräben und schlugen die Stöcke und Blätter ab, um die darunter befindlichen Fische zu treffen. Jeder hatte seinen eigenen Distrikt, damit wir uns nicht gegenseitig verwundeten.

War alles klein gehauen, so durchsuchte man mit den Händen den Graben, und warf die verwundeten Fische ans Ufer. Ein alter Soldat, der mich besuchte, zog auf diese Weise eine etwa 3' lange Schlange hervor, die er für einen Aal hielt, und auch seinen Irrthum nicht bälder bemerkte, bis sie ihn in den Arm gebissen hatte. Glücklicherweise war auch Brokkodjokko hier, der in seiner Jagdtasche stets seine Zaubermittel mit sich führte, und jetzt mit wichtiger Miene sein schwarzes Pulver in die Wunde rieb. Der Biss hatte keine Folgen, vielleicht weil er unterm Wasser geschah[4].

Im Oktober und November fingen wir eine unglaubliche Menge der köstlichsten Fische. Alle Kreeken waren eingetrocknet, und ihre Bewohner zogen sich nach den Plätzen oder Löchern hin, wo noch etwas Wasser stehen geblieben war. Hier sah man sie manchmal zu Tausenden ihre Köpfe aus dem Wasser strecken, dabei sich so viel wie möglich sortenweise abgesondert halten, so dass man, wie in einem Fischhause, von jeder Art die schönsten und besten aussuchen konnte. Doch war diess ein schlimmes Geschäft, welches man nackt verrichten musste, und nach welchem man ein paar Stunden zur Reinigung brauchte. Der üble Geruch faulender Fische, welche schuhhoch längs der Gräben lagen, war unausstehlich, und Schaaren von Aasvögeln hielten hier immerwährend Mahlzeiten.

Hier sah ich unter den gemeinen Geyern einige Dutzende sogenannter Geyerkönige (Vultur papa), die sich durch ihre Schönheit vor den andern auszeichnen, auch im Fressen den Vorrang haben. Nie sah ich diese Vögel in solcher Anzahl, da sie sonst selten und nur einzeln gesehen werden.

Wir hatten 11 grosse Barbacats (von hölzernen Stäben verfertigte Roste) auf dem Posten errichtet, über welchen über 1000 Fische zum Räuchern lagen, obgleich wir kleine und schlechte nicht genommen hatten.

In dieser Zeit des Ueberflusses thaten auch die Zimmerneger ihr Möglichstes, um Fische zu fangen, und liessen Axt und Säge so lange ruhen. So kam es, dass erst in der Mitte Novembers ein Haus fertig wurde, das vier europäische Zimmerleute in drei Wochen, dazu noch besser und solider, aufgeführt hätten, als diese eilf Schlingel in vier Monaten.

Noch ehe ich meine neue Wohnung bezog, wurde ich, was anderswo noch nie geschehen war, von einer Fledermaus gebissen. Ich wachte Nachts auf und fühlte, dass ich über und über nass war. Um die Ursache zu entdecken, machte ich Licht und fand zu meinem grössten Erstaunen, dass Hemd und Hängematte von Blut trieften. Dieses rann mir, ohne dass ich den mindesten Schmerz fühlte, aus der Nasenspitze, wo ein linsengrosses Stückchen abgebissen war. Man hatte sonst nie Vampyrs auf Nepheusburg bemerkt, und wahrscheinlich wurden sie durch die Ausdünstung der Neger herbeigezogen. Meine Hühner wurden in der Folge jede Nacht gebissen, und wie sorgfältig ich auch ihren Stall schloss, fand ich doch jeden Morgen neues Blut, das aus Hals, Füssen und Kamm tropfte. Sie wurden dadurch so geschwächt, dass sie nicht mehr auf ihren Stöcken sitzen konnten. Aniswiriwiri, Blätter einer nach Anis riechenden Staude, zum Geschlecht des Pipers gehörend, halfen auch nicht, wiewohl die Fledermäuse deren Geruch nicht ertragen können.

Auf vielen Pflanzungen werden Pferde und Vieh so von Fledermäusen gebissen, dass sie mager werden und sterben. Der Geruch eines Bocks, den man im Pferdestall hält, soll sie ebenfalls verscheuchen. Zur kleinsten Oeffnung kriechen diese Thiere hinein, und wo ihnen der Raum nicht zu fliegen gestattet, da kriechen sie.

Das Haus war endlich fertig und stund mitten auf dem Wege, gewährte daher die Aussicht nach beiden Seiten des Cordons, und war desshalb viel zweckmässiger, als das frühere.

Der Zimmermeister mit seinen Gesellen hatte uns verlassen, und an die Stelle lärmender Arbeit traten wieder Einsamkeit und Stille.

Um diese Zeit ging eine Buschpatrouille aus der obern Comewyne-Division in die Sümpfe und Wälder an der Tampati und dem Peninika-Kreek, wo, wie man erfahren hatte, ein Dorf von weggelaufenen Sclaven bestand. Alles ward geheim gehalten, und ausser dem Commandanten der Patrouille wusste Niemand, wohin es gehen sollte.

Einige Tage nach deren Zurückkunft sass ich gegen 8 Uhr Abends in meiner Kammer und las, als ich Brokkodjokko, der Bananen röstete, laut »Wer da?« rufen hörte. Neugierig zu wissen, wer so spät noch ankäme, öffnete ich den Laden und sah etwa 50 Schritte vom Hause entfernt eine in Weiss gekleidete Person. Unbeweglich stand dieselbe, und auf meine Aufforderung, sich erkennen zu geben, folgte keine Antwort.

Brokkodjokko hatte indessen geladen und schoss, worauf diese räthselhafte Erscheinung verschwand.

Zugleich hörten wir von verschiedenen Seiten des Waldes Negersignale, ein lautes Hoh, um sich einander zu erkennen zu geben. Ich dachte sogleich an die Patrouille und schloss, dass es durch sie verjagte Wegläufer wären, die des Weges unkundig den Posten passiren wollten. Wir luden unsere Gewehre, verschlossen das Haus und wachten die ganze Nacht; doch liess sich nichts sehen noch hören. Des Morgens berichtete ich den Vorfall dem Commandanten, worauf der Posten um einen Mann verstärkt wurde. Doch nicht lange mehr durfte ich mich der nun grösseren Sicherheit erfreuen, denn gegen das Ende des Jahrs kündete mir Brokkodjokko, der Lebensmittel von Mauritzburg brachte, mit Freudengeschrei an, dass ich zum Vicecorporal ernannt wäre. So stand ich endlich auf der Leiter zur höchsten Macht!

Fünfter Abschnitt.

Versetzung nach Mauritzburg. Gürtelthiere. Arowak-Indianer, Vanille. Schlangen und Mittel gegen den Biss. Aberglauben. Gefangene Sträflinge. Abreise von Mauritzburg. Ueberschwemmung. Post L'Esperance. Gewitter. Ankunft in Paramaribo. Militärischer Dienst. Abreise nach Nickerie. Reisegenossen, Post Poelepantje, Bakramasango, Uitkyk, Groningen, projektirte Stadt Columbia, Nassau, de Hoop. Ein unglücklicher Doktor. Das Holzetablissement Andresen. Zitteraal. Bivouac. Besuch bei einer Arowakenfamilie im Waiambo. Post Maratacca. Ein zänkisches Weib. Pflanzung Botanybai. Der Posten Nickerie und seine Umgebung. Militärischer Dienst. Ein spekulativer Jude. Pflanzung the Nursery. Waterloo. Mangel an Trinkwasser. Ueberfluss an Fischen. Der Kwikwi, der Kaiman, die Beutelratte. Jagden auf Wasservögel. Wachtdienst auf dem Beschermer. Fertigkeit der Indianer im Schwimmen. Buschpatrouille nach der Nauwaykreek. Die Boa. Der Prediger. Reise nach den Savannendörfern des Maratacca. Eine leuchtende Pflanze. Die Savannen. Die Awara-Palme. Ein weggelaufener Neger. Abreise nach Paramaribo. Der Posten Alsimo.

Ich hatte dieses Avancement der Empfehlung des Kommandanten zu verdanken, dessen Gunst ich besass und der im Laufe meiner Dienstzeit, wie noch später, mir viele Beweise seines Wohlwollens gab. Sein uneigennütziger, männlicher Charakter flösste jedem Untergebenen die Achtung vor ihm ein, welche der Soldat seinem Vorgesetzten schuldig ist.

Dienst und Ordnung waren auf dem ihm untergebenen Posten die Hauptsache. Alle Völlerei wurde aufs Strengste bestraft, dagegen aber dem, der seinen Pflichten nachkam, so viel Freiheit und Vergünstigung, als nur möglich war, gewährt. Nie waren vor der Zeit seines Kommando's die Wege und Posten in so gutem Zustande; denn die Neger, welche das Gouvernement zu diesem Zweck auf den Posten hielt, wurden nur _dazu_ und nie zu seinem eigenen Vortheile verwendet.

Es befand sich weder ein Kaufladen, noch eine Herberge auf dem Posten, und der Soldat, der von da in die Garnison zurückkehrte, hatte Kleidung und Geld, und konnte während der magern Garnisonszeit sich damit gütlich thun.

Ich verliess Nepheusburg den 1. Januar 1838 und kam nun auf Mauritzburg zurück, wo ich unter den drei Korporalen der jüngste war.

Es fiel mir Anfangs schwer, mich in meine neue Lage zu schicken, die freilich von der freien, unordentlichen Lebensweise auf Nepheusburg sehr verschieden war. Meine Füsse, die so lange Zeit ans Barfussgehen gewöhnt waren, durfte ich jetzt nicht mehr ohne Schuhe sehen lassen, und ohne Hemd zu gehen wäre ein Criminalverbrechen gewesen.

Dessenungeachtet hatte ich überflüssig Zeit, um in den umliegenden Wäldern und Savannen nach Insekten zu jagen, und Bücher, welche mir der Commandant und der Doktor liehen, verscheuchten die Langeweile, wenn der Regen meine Wanderungen verhinderte. Einige Soldaten des Postens, die im Besitze eines zur Jagd von kleinem Wilde abgerichteten Hundes waren, brachten häufig Schildkröten, Armadille und Kaninchen nach Hause, die in den Waldungen der Umgegend sehr zahlreich sind. Von Armadillen, wovon das gemeine hier Capassi (Dasypus novemcinctus) genannt, häufig in sandigem Lande vorkommt, wo es sich in Höhlen unter der Erde aufhält, habe ich verschiedene Arten kennen lernen. Es sind dumme, nächtliche Thiere, die den Tag über wenig ihre Höhlen verlassen, und von Würmern und Insekten leben, die sie beim Wühlen finden.

Sie werden sehr fett, und man findet sie häufig 25 Pfund schwer. Ihr Fleisch ist weiss und mürbe, hat aber einen starken Moschusgeruch, den man ihm benimmt, wenn man es über Nacht im Salz- und Citronenwasser stehen lässt. Es wird beinahe allgemein gegessen.

Die zweite, sehr seltene Art ist Dasypus unicinctus. Dieses Thier ist kleiner als das vorige, etwa 1' lang und ½' breit. Der bloss mit einer starken, warzigen Haut bedeckte Schwanz ist spärlich behaart, hat aber am letzten Drittel Hornblättchen und von der Wurzel an 9" Länge. Der 3" lange und 2" breite Kopf ist oben mit 36 hornigen Plättchen bepanzert. Es hat 1½" lange und ebenso breite Ohren, 5 Krallen an den Vorder- und Hinterfüssen, von welchen die mittelste der ersteren 2" lang ist. Im Ganzen gleicht es viel dem grossen Gürtelthier, dessen Lebensart es auch hat. Die Indianer nennen es Katuberu, essen es übrigens nicht.

Das dritte endlich ist das grosse oder Riesengürtelthier (Dasypus gigas), von den Indianern Manuraima genannt. Es ist sehr selten und hält sich, wie die andern, in Höhlen sandiger Wälder auf. Ich habe dieses Thier bloss einmal bekommen, vergass aber, es zu beschreiben. Es kann gegen 80 Pfund schwer und, den Schwanz mitgerechnet, bei 6' lang werden; die Höhe beträgt dann etwa 20". Es ist ausserordentlich stark und obgleich es nicht beisst, noch sich sonst vertheidigt, so gräbt es sich doch so schnell ein, und hat so viele Gänge unter dem Boden, dass es kaum möglich ist, ihm nachzukommen. Seine Nahrung besteht ebenfalls in Würmern; man sagt aber, dass es sich auch von Aas nähre. Sein Fleisch ist ungemein fett und gut zu essen, wenn man ihm den starken Moschusgeruch genommen hat. Der Nagel der mittelsten Vorderzehe ist bei 6" lang.

Die Indianer, welche sich in der Nähe des Postens angesiedelt hatten, waren bald meine Freunde, und ich begleitete sie häufig auf ihren Jagdzügen. Ihre Hütten waren auf einer grossen Savanne am Rande des Waldes, in dem ein kleiner Bach floss, der ihnen Wasser und Fische gab. Sie gehörten zum Stamme der Arowaken, waren sehr faul, und zogen, wenn ihr Vorrath von Dram und andern Plantage-Produkten zu Ende war, nach den Pflanzungen der Comowyne, wo sie neuen bettelten.

Auf diesen Savannen finden sich viele wilde Ananas und in den Gebüschen eine Menge Vanille, deren schöne, hellgrüne, lederartige Blätter guirlandenartig von den Bäumen herabhängen und sich so verbreiten, dass eine Pflanze manchmal 20 Bäume bedeckt. Die Ranke, deren Blätter abwechselnd stehen, ist rund, fleischig, etwa daumendick und klammert sich mit kleinen Häkchen am Stamme an.

Die Blätter dieser Vanille sind länglich, oval zugespitzt, 10" lang, 4" breit und 1/8" dick. Die Blüthen sind gross, gelb und ohne Geruch, fallen häufig ab, so dass von 100 kaum 20 Früchte geben. Die Frucht selbst ist eine 7-8" lange, 1" dicke, dreieckig abgerundete Schale. Sie gleicht viel einer jungen Banane und wird unreif abgenommen, um das Aufspringen zu verhüten, sie ist mit feinen, schwarzen Körnern angefüllt, welche die wohlriechende Substanz ausmachen. Obgleich diese Vanille an Geruch und Kraft die gebräuchliche übertrifft, so ist sie doch kein Handelsartikel, und da sie schwer zu bekommen ist, auch nirgends angepflanzt wird, so wird sie wahrscheinlich es auch nie werden.

Eine andere Art von Vanille, mit breiteren, nicht so fleischigen Blättern, die an den Kreeken und Flüssen des höheren Landes wächst, liefert eine 7-8" lange und ½" breite, runde Schote von ebenfalls herrlichem Geruch.

Eine dritte endlich hat schon kleine, mehr herzförmige, fleischige Blätter und eine fingerslange, runde Schote.

Eine kleine halbe Stunde unterhalb des Postens liegt an der Cassawinika der kleine Holzgrund Copie, dessen Eigenthümer als Schlangenbeschwörer in der Umgegend bekannt war. Sie geniessen bei ihm zwar keinen Tanzunterricht, auch nimmt er sie nicht in die Hände, aber, was noch viel wunderbarer klingt, er pfeift sie stundenweit herbei. Gesehen habe ich diess zwar nicht, man führt aber so viele Thatsachen an, dass man es ungesehen glauben muss. Die Schlangen eilen auf den Pfiff herbei, was bei den meisten giftigen, die ein ziemlich bedeutendes Embonpoint haben, nicht sehr schnell gehen kann, und kommen, so sagt man, todtmatt zu des Meisters Füssen an. Man kann sie alsdann leicht tödten. Es wimmelt übrigens in der Umgegend von Schlangen und manche Ente wurde eine Beute derselben.

Ich halte Alles, was man von dergleichen Mysterien erzählt, für Fabel, und auch das Schneiden gegen Schlangenbiss, woran so allgemein geglaubt wird, ist gewiss nichts weiter als Charlatanerie.

Während der langen Zeit meines Aufenthaltes in Surinam habe ich hinlänglich Gelegenheit gehabt, die meisten Schlangenarten kennen zu lernen, und ich bin davon überzeugt, dass, zum Glück der Bewohner, unter allen Schlangen bloss höchstens zehn Procent giftig sind. Die ungiftigen halten sich entweder im Wasser oder auf Bäumen auf, sind lang und schlank, mit langem, geisselartigem Schwanz versehen, rasch in ihren Bewegungen und ergreifen sogleich die Flucht. Sie sind beinahe alle von lebhaften Farben; zuweilen, wie die Corallenschlange, prächtig roth, gelb oder blau oder grün, wie die Papageienschlange.

Beinahe alle lieben die Sonne und liegen in den Zweigen der Bäume. Häufig kommen sie in die Häuser, wo sie unter den Cingeln (Sokeln) nach Insekten, Fröschen und Eidechsen jagen.

Es sind überhaupt hübsche und reinliche Thiere, die in jeder Beziehung nützen. Die Aboma- oder Riesenschlangen sind eben so wenig giftig, werden aber dadurch schädlich, dass sie den Enten und anderem Federvieh nachstellen.

Man kennt zwei Arten derselben, wovon die erstere oben dunkelgrau, mit schwarzen, herzförmigen Flecken geziert ist; die untere Seite dagegen ist blassgelb und am After befinden sich zwei Haken. Sie lebt im Wasser, und man trifft sie meistens am Ufer der Flüsse, wo sie in den Zweigen der Bäume, zu Klumpen zusammengerollt, tagelang liegt. Diese Schlangen erreichen zuweilen eine furchtbare Länge, und es soll im Jahr 1834 auf Victoria eine von 44' Länge geschossen worden seyn, was ich jedoch nicht verbürgen kann.

Die andere Art ist die Hochlands-Aboma (Boa canina), hier Papaschlange genannt, ein Abgott vieler Neger. Es ist nicht leicht ein schöner und regelmässiger gezeichnetes Thier zu finden. Sechseckige, hellbraune Flecken laufen auf dem Rücken hin bis zum After, während auf den Seiten braunrothe, aschgraue, schwarze und weisse Flecken abwechseln. In der Sonne schillert alles in Regenbogenfarben. Ihre Länge beträgt etwa 12' und ihre Dicke kommt der eines starken Menschenschenkels gleich.

Die giftigen Schlangen sind besonders daran zu erkennen, dass sie meist kurz und dick sind, auch einen kurzen, runden Schwanz haben. Sie haben einen flachen, beinahe dreieckigen Kopf und eine dunkle, wenig ins Auge fallende, meist braune oder schwärzliche, schmutziggelbe oder schwarzgefleckte Farbe. Die meisten haben sogenannte Kielschuppen. Meist liegen sie träge in Löchern von Bäumen, an feuchten, dunklen Orten und lassen sich lange reizen, ja sogar treten und schlagen, ehe sie beissen. Ueberhaupt scheinen sie ihre tödtliche Waffe nicht gerne zu gebrauchen, und die ihnen nachgesagte Falschheit oder List sind Prädikate, welche man mit demselben Recht jedem anderen Thiere beilegen könnte. Hat nun einer, der gegen den Schlangenbiss geschnitten ist, die feste Ueberzeugung, dass ihn keine Schlange beisse, so ist es ihm gar leicht möglich, dieses träge Thier zu fassen, ohne gebissen zu werden. Diess könnte auch ein Jeder thun, ohne geschnitten zu seyn, und ich bezweifle, ob ein Geschnittener, wenn er gebissen wird, mit heiler Haut davonkommt.

Unter den weissen Gefangenen im Blockhause war einer, der, obgleich im Sklavenkittel, durch seine Unterhaltung mich für alle Gesellschaft meiner Kameraden entschädigte. Er hiess _Alexander Bariteaud_ und war ein geborner Franzose. Als Capitän unter _Napoleon_, hatte er den Dienst verlassen und war Befehlshaber einer Caper-Goelette im Dienst von Buenos Ayres geworden. An der Küste von Guinea nahm er ein grosses, zum Sklavenhandel ausgerüstetes, brasilianisches Schiff, dessen Equipage er, wie man sagte, in eine Schaluppe aussetzte und mit der Prise nach den Antillen segelte, wo er eine holländische Brigg traf, der er sich ergab, und die nun beide Schiffe nach Surinam brachte.

Nach langem Prozesse, in welchem die Landjustiz eine von der der Marine verschiedene Meinung äusserte, wurde er, wie seine zwei Offiziere, als Seeräuber behandelt und zu zwanzigjähriger Festungsarbeit verurtheilt. Die Equipage, welche aus etwa 40 Mann von allerlei Nationen bestand, wurde freigegeben. Der Schooner und die Prise wurden auf Rechnung des holländischen Gouvernements verkauft.

Schon sieben Jahre hatte er in der Gefangenschaft zugebracht, war auch von allen Kommandanten schonend behandelt worden. Obschon seine Haare bleichten, blieb doch sein Sinn fest und Unterwürfigkeit war ihm fremd.

Da er vielseitig gebildet war, so waren auch die Erzählungen seiner Abenteuer höchst interessant. Auch in Handarbeiten, als Nähen, Strohflechten, Formschneiden u. s. w. war er vollkommener Meister. Holländisch wollte er nie lernen; wir sprachen desshalb immer französisch, und zugleich unterrichtete er mich im Englischen, wozu Popes Homer-Lexicon und Dictionair diente.

Mein Aufenthalt auf Mauritzburg dauerte nur fünf Monate; denn Anfangs Juni wurde ich abgelöst, um in die Garnison zurückzukehren.

Diess war nun wieder nicht nach meinem Sinn; doch hatte ich lange genug auf Posten gelegen, um darüber nicht mit Recht unzufrieden seyn zu können. Ausser mir wurden auch ein Corporal und sieben Mann dazu bestimmt, mit mir nach Paramaribo zurückzukehren. Es war gerade in der grossen Regenzeit. In Folge der heftigen Regengüsse, welche verschiedene Tage lang andauerten, war die Cassawinika so angeschwollen, dass die ganze Ebene von Mauritzburg bis Gouverneurslust einem See glich. Der Cordonweg zwischen beiden Posten war 2' tief unter Wasser, und nur der obere Theil der Cassawinikabrücke ragte noch als erhabener Punkt hervor.