Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse

Part 7

Chapter 73,609 wordsPublic domain

Der Posten und die Wohnung des Kommandanten liegen im Thale am Strom. In einer Schlucht des Hügels entspringt eine Wasserquelle dem Felsen, welche einen Sumpf bildet, der mit der üppigsten Vegetation bedeckt ist. Baumfarnen, viele Arten Melastomen und Aroideen, durchschlungen von schönen, blühenden Lianen, wachsen an den Felsen herauf, während am Rande der Savanne zahllose Bromeliaceen undurchdringliche Büsche bilden. Der blendend weisse Sand der Savannen bildet einen mächtigen Contrast mit den dunkeln Wäldern, die sie umsäumen, und schmerzt das Auge ebensosehr, als er durch seine Hitze dem Wanderer beschwerlich ist, der an schwülen Tagen darin marschiren muss.

Oben auf dem Hügel sieht man in südwestlicher Richtung ein hohes, blaues Gebirge sich über den dunkeln Waldungen ausdehnen. Eine Insel im Flusse verbirgt zur Hälfte einen kleinen Wachposten, der an der jenseitigen Seite sich befindet. Einige Caraibendörfer lagen zerstreut in den benachbarten Savannen.

Ich und ein anderer Soldat waren nach dem Hauptposten Mauritzburg bestimmt, und wir mussten, ohne auf Gelderland verweilen zu dürfen, dahin abgehen[1].

Der rechte Flügel des Cordonwegs, der in einer achtstündigen Entfernung von den Ufern des Surinam nach dem obern Comowyne sich hinzieht, wurde um das Jahr 1770 desswegen angelegt, um die Colonie vor den Einfällen der Buschneger zu bewahren, und dem Weglaufen der Sklaven vorzubeugen. Mehrere grosse Posten und viele kleine Pikete zogen sich längs desselben hin, und waren mit vielen Truppen besetzt. Die meisten sind übrigens eingegangen, und bloss Gelderland am Surinam, Mauritzburg am Casawinika und Imotappie am obern Comowyne bestanden noch und waren unter dem Commando von Officieren.

Zwei kleine dazwischen gelegene Posten dienten zur Beförderung von Briefen.

Der Weg geht grossentheils durch Savannen, in welchen man alles Schattens beraubt ist und eine erstickende Hitze herrscht; nur in Niederungen, wo Bäche und Wasser sich sammeln, ist Hochwald und üppige Vegetation. Die Savannen gewähren einen wunderbaren Anblick. Grosse, stundenlange Flächen sind mit niederem Strauchwerk und falbem Grase bedeckt, und gestatten dem Auge eine ungeheure Uebersicht. Einzeln und gruppenweis stehende Mauritzenpalmen geben durch ihr mattes Grün und ihre welken Blätter einen melancholischen Anblick. Der Saum der Savannen besteht fast ganz aus diesen Bäumen, in denen Schwärme von Raben und Papageyen nisten.

Die Mauritza (Mauritia flexuosa) ist die höchste der surinamischen Palmen und besonders auf Savannen und sandigen, feuchten Plätzen in ungeheurer Anzahl zu finden. Etwa ein Dutzend Blätter, die sich am Ende des Stiels fächerförmig ausbreiten, und gegen 18' lang sind, zieren ihren Gipfel. Ihre Höhe beträgt manchmal über 100'. Sie liefert den Indianern viele Dinge zu ihrem Lebensunterhalt: die Blätter werden gespalten und zu Tauen und Bindfäden verarbeitet; das Mark der Stiele reihenweise mit den aus Blattfasern gedrehten Schnüren zusammengebunden, gibt leichte und sehr zweckmässige Segel.

Ehe die Blüthentrosse sich öffnet, läuft aus einem, zu diesem Zweck unten in den Baum gemachten Einschnitt eine Menge süssen Saftes, welchen die Arowaken wie Wein trinken. Wenn der Stamm umgehauen und ein, etwa 4' langes Loch hinein gemacht ist, wird das Mark desselben von den Larven eines grossen Rüsselkäfers (Curculio palmarum), welche Cabbiswürmer genannt und für eine grosse Leckerei gehalten werden, zernagt gefunden. Sie sind fingerslang, daumendick, nankinfarbig, fühlen sich fett an, und haben einen braunglänzenden harten Kopf. In Butter gebacken und mit Pfeffer bestreut gehören sie gewiss zu den feinsten Delicatessen Surinams.

Die Früchte dieser Palmen sind von der Grösse eines mittelmässigen Apfels, braun von Farbe, zierlich wie ein noch nicht reifer Tannenzapfen geformt, und sitzen zu Hunderten an der Blüthentrosse. Sie wachsen manchmal in solcher Menge am Stamm, dass ich das Gewicht mancher Rispe zu 400 Pfund schätze. Die Indianer essen diese Früchte, obwohl sie nicht besonders gut schmecken.

In den Savannen sind viele Termitennester, die in kleinen, spitzigen Kegeln aus der Erde steigen, jedoch nie über 4' hoch sind. Hier nennt man diese kleinen, den Ameisen ähnlichen Insekten, deren Hinterleib weisslich und weich, der Kopf aber mit scharfen Zangen bewaffnet ist, Holzläuse. Sie leben gesellig wie die Ameisen und in solcher Anzahl, dass sie dieselben an Menge noch zu übertreffen scheinen. In den Wäldern findet man ihre Nester beinahe an jedem Baum und zuweilen so gross, dass alte Bäume unter ihrer Last erliegen. In alten Häusern, wo sie ihre centnerschweren Nester, welche oft zwei bis drei Fuss im Durchmesser haben, ans Gebälke bauen, sind sie eine grosse Plage. Die Nester bestehen aus zernagtem Holz oder Erde; das Material hiezu wird manchmal weit hergeholt. Nichts ist vor ihnen sicher, und man hat Beispiele davon, dass Kleidungsstücke, welche in einem verschlossenen Koffer waren, in einer Nacht total aufgefressen wurden. Man bekommt sie aber nie zu sehen, weil sie bei ihren Raubzügen von zernagtem Holze oder Erde einen Gang bilden, der nach bestimmten Orten hinleitet. Bäume, Balken und dergleichen werden auch nur von innen ausgefressen, so dass man von aussen nichts bemerkt, obwohl diess bis zur Dicke eines Kartenblatts geschieht. Sie sind immer thätig und arbeiten Tag und Nacht an ihren Nestern, in welche, wenn sie verlassen werden, die Sabacarra (eine grosse Eidechse) häufig ihre Eier legen. Hühner werden von ihnen fett.

Tiger, Ameisenfresser und Hirsche sind die Bewohner der Savannen, und in den sie begrenzenden Wäldern sind Armadille und Kaninchen, sowie hühnerartige Vögel, als Powisen und Agamis, sehr häufig.

An manchen Stellen, wiewohl selten, findet man die Agave americana mit ihren manchmal 30' hohen Blüthenstengeln. Man macht von dieser nützlichen Pflanze keinen Gebrauch; nur Buschneger und Sklaven gebrauchen zuweilen ihre dicken Blätter als Seife, wesshalb man sie hier Ingisopo nennt.

Auf dem 2½ Stunden von Gelderland entfernten kleinen Posten Frederiksdorp blieben wir während der grössten Hitze des Tages. Drei Soldaten, zwei weisse und ein schwarzer, sind die ganze Besatzung. Sie müssen wechselweise die von Mauritzburg und Gelderland kommenden Briefe nach beiden Posten besorgen und ihren Lebensunterhalt von ersterem Posten auf dem Rücken herbeitragen; sonst lebt jeder nach seiner Weise. Manchmal passirt in 14 Tagen kein Mensch diesen Posten.

Das Land ist unfruchtbar und bringt nichts hervor; dennoch hielten diese Menschen wohl 100 Hühner auf dem Posten, die sich beinahe allein von Termiten und Heuschrecken nährten.

Zwei kleine Stunden weiter befindet sich der Posten Mauritzburg, an welchem wir Abends 5 Uhr ankamen. Dieser liegt in einer weiten, sumpfigen Savanne, und besteht eigentlich aus drei Plätzen, von welchen der erstere Wohnort des kommandirenden Officiers ist und Gouverneurslust heisst. Durch Citronenhecken ist er von dem andern, einem nahe gelegenen einzelstehenden Haus, »Markette«, abgesondert, in welchem die weissen Verbrecher der Colonie aufgehoben werden. Der dritte, eine Viertelstunde davon abgelegene heisst Mauritzburg, wo sich die Kaserne und Bäckerei, das Hospital und die Magazine befinden. In der Mitte des Weges führt eine Brücke über die Casiwinika, welche aus nahe gelegenen Sümpfen entsteht und in die obere Comowyne sich ergiesst. Unterhalb des Postens liegen an ihr zwei armselige Holzgründe, und auf den Savannen zwei Arowakendörfer. Etliche zwanzig Kühe waiden auf den Savannen und versehen die Haushaltung des Commandanten mit Milch. Ein Pferd ist zu seinem Dienste, und ein, von drei Mauleseln gezogener Wagen zum Transport der Kranken bestimmt, welche von den andern Posten, wo sich keine Aerzte befinden, abgeholt, und bei erlangter Gesundheit wieder zurückgebracht werden. Ein zweckwidrigerer Transport lässt sich nicht leicht auffinden; denn das Gerüttel auf den manchmal abscheulichen Wegen ist selbst für Gesunde unausstehlich, und für Kranke entweder eine Parforcecur, oder wenigstes ein Mittel, um sie noch kränker zu machen. Im Blockhause werden sowohl Civil- als Militärverbrecher verwahrt und zur Unterhaltung der Wege und Posten angehalten. Doch wird ihr Loos durch gutes Betragen sehr erleichtert.

Ich wurde schnell mit der Umgegend bekannt. Der Dienst war leicht und angenehm und alles lebte im Frieden, weil der allgemeine Friedensstörer, der Branntwein, nicht zu bekommen war.

Doch schon nach 14 Tagen wurde ich nach dem zwei kleine Stunden entfernt liegenden Posten Nepheusburg detachirt, um einen der zwei blanken (weissen) Soldaten, der nach der Stadt musste, abzulösen.

Dieser kleine, nur von zwei Weissen und einem Schwarzen besetzte Posten hat denselben Zweck, wie der, an der andern Seite sich befindliche (Frederiksdorp), und liegt in einer morastigen Gegend mitten im Walde. Ein grosses Haus, das einzustürzen drohte, war unsere Wohnung, und in den Regenzeiten schwammen Buschfische beinahe vor die Thüre.

Vor Gras und Strauchwerk sah man den Posten erst, wenn man sich ihm auf 15 Schritte genähert hatte. Früher, als die Besatzung stärker war, wurden bedeutende Gärten und Aecker unterhalten, und davon die andern Posten mit Gemüse versehen; denn der Boden ist sehr fruchtbar und ergiebig.

Apfelsinen-, Orangen-, Citronen- und Sauersackbäume waren hier in Menge. Ich, mein weisser und schwarzer Kamerad hatten gleichviel zu sagen, und es brachte desshalb jeder den Tag nach seiner Weise zu.

So angenehm auch das Nichtsthun Jedem war, waren es doch ein paar Dinge, die zu diesem Schlaraffenleben gerade nicht passen wollten, z. B. das Uebertragen der Briefe, welches von uns wechselweise, oft mitten in der Nacht, oder beim heftigsten Regen besorgt werden musste. Ferner war man genöthigt, die Lebensmittel in Mauritzburg zu holen, was jede Woche zweimal geschah. Hiezu bedienten wir uns eines aus Palmblättern geflochtenen Tragkorbs, Balatta genannt, den ich gar oft, mit zwei Boschen Bananen und zwölf Pfund Brod befrachtet, durch Dick und Dünn trug, oder bei brennender Hitze nach Hause schleppte. Unsere Kleidung war daher auch diesem Geschäfte angemessen. Schuhe wurden beinahe nie gebraucht, da sie leicht im Koth stecken blieben, und die Hosen wurden durch das Schneidgras so zerfetzt, dass sie wie mit Spitzen besetzt aussahen. Das Hemd zog ich blos an, wenn ich mich dem Posten Mauritzburg näherte, oder wenn wir Besuch erhielten, was jedoch wenig der Fall war. Daher sah auch meine Haut so braun aus, wie die eines Mulatten. Doch hatten diese Beschwerden auch ihre guten Seiten.

Auf den Wegen nach beiden Posten fing ich manches schöne Insekt, und beim Nachhausekommen fand ich stets eine Schüssel Bananen, welche von meinen Kameraden gekocht waren, und wobei mir das Herz im Leib lachte. Besonders schlecht war der Weg nach dem Posten Imotappie. An beiden Seiten desselben, der etwa 50' breit ist, sind zwei tiefe Gräben, in denen sich die Waldwasser sammeln, die bei anhaltendem Regen austreten und den Weg überschwemmen. Breites, schneidendes Gras, das bei der üppigen Vegetation wohl 12' hoch wächst, bedeckt den ganzen Weg so dicht, dass man kaum einen Schritt voraussehen kann. Es ist überhaupt nicht möglich, die Mühseligkeiten dieser, obwohl nur zwei Stunden langen Strecke zu beschreiben; oft watet man bis um die Kniee im Morast; beinahe jeden Augenblick wird man ins Gesicht, in die Füsse oder Hände geschnitten; dabei erfrischt kein Windzug in dieser drückenden Schwüle. Der ganze Cordonweg wird alljährlich durch Plantagen-Neger, welche das Gouvernement bezahlt, abgemäht und ausgebessert; aber dennoch kann man die Einflüsse der Witterung nicht unterdrücken.

Einige Tage nach meiner Ankunft bereitete mein Kamerad einen mir noch unbekannten Trank aus einer Palmenart, den ich zwar noch nicht gekostet, aber schon oft hatte rühmen hören; man nennt ihn Cumu.

Eine, etwa 60' hohe Palme (Oenocarpus Comon. Aube), welche der Königspalme ähnlich ist und in sandigen Wäldern wächst, treibt eine über 3' lange Traube in Gestalt eines Pferdschweifes, an deren Stielen oder Schnüren Tausende von Beeren sitzen, welche so gross wie eine Flintenkugel und von dunkelbrauner Farbe sind. Die Frucht ist eigentlich nur ein runder, harter, von einer fleischigen Haut überzogener Stein. Sie wird von Vögeln und Affen sehr gerne gefressen, und ist ein vortreffliches Futter für die Schweine.

Die Beeren werden in warmem Wasser eingeweicht, und dadurch wird in einer Viertelstunde das Fleisch so weich, dass es sich vom Stein durch Drücken abschälen lässt. Durch fortwährendes Drücken der Steine im Wasser wird dasselbe dick, chocoladfarbig, und man lässt es, wenn kein Fleisch mehr an den Steinen sitzt, durch ein indianisches Sieb, Menari, laufen, wodurch Haut und Steine zurückbleiben. Mit etwas Zucker vermischt ist der Trank fertig, gesund, nahrhaft, und mit dem Rahm der Milch zu vergleichen. Die breiartige, von den Steinen abgeriebene Masse wird von den Indianern ausgepresst, worauf sich auf der Oberfläche der erhaltenen Brühe ein klares, gelbes Oel zeigt, das gereinigt gut zum Bereiten der Speisen dienen könnte, von den Indianern aber zum Einschmieren der Haare verwendet wird.

Um die Frucht zu bekommen, wird der Baum umgehauen; die meisten haben bloss eine, manche zwei, aber selten drei Trossen und vom December bis Junius Frucht. Sie wachsen, wie alle Palmen, schnell, haben aussen hartes Holz, innen eine markige Substanz, die schnell voll Cabbiswürmern, essbaren Larven, ist.

Den Werth dieses Trankes lernte ich erst schätzen, als einmal auf Mauritzburg die Bananen unglücklicher Weise fehlten, und die dortige Besatzung von Reis, Mais und Maniok leben musste.

In dieser Zeit des Mangels assen wir bloss all ander Tage, und in der Zwischenzeit wurde von Cumu gelebt; Mais assen wir bloss zweimal, weil viele süsse Bataten (Convolvula batata) auf dem Posten wuchsen, die zwar hart und faserig, aber doch besser als Gänsekost waren.

Mein Aufenthalt in dieser Einöde gab mir manchfache Gelegenheit, Naturmerkwürdigkeiten mancherlei Art zu beobachten.

Im Gemäuer, auf dem unser baufälliges Haus ruhte, befand sich ein Bienennest von inländischen sogenannten Honig-Waschiwaschis. Sie gleichen in der Gestalt ganz den Bienen, sind aber schwarz, nur halb so gross und stechen nicht. Sie leben meistens in hohlen Bäumen oder in den von Termiten verlassenen Nestern, manchmal in so grosser Menge, dass ein Nest zwei europäische Bienenkörbe übertrifft. Ihr Honig, der klar, säuerlich und von vortrefflichem Geschmack ist, befindet sich nicht in Waben, sondern in runden, aus Wachs verfertigten Blasen, welche klumpenweise zusammenhängen, während die Waben, welche aus einer gelben und schmierigen Substanz bestehen, und geschmolzen nicht die geringste Aehnlichkeit mit Wachs haben, zum Aufenthalt der Jungen dienen. In Savannen, wo viele Blumen wachsen, findet man sehr viele Bienen, welche auch vorzugsweise die Blüthe der Palmen lieben.

Das schwarze Wachs wird von den Indianern zum Verpichen ihrer Corjaalen und zu Wachslichtern gebraucht; den meisten Honig findet man um die Zeit des Vollmondes. Man findet dreierlei verschiedene Arten Bienen von gleicher Grösse, nämlich zwei schwarze und eine gelbliche. Ob sie sich in der Lebensart von einander unterscheiden, weiss ich nicht. Sie vertheidigen ihre Wohnungen sehr tapfer, setzen sich in Haare und Kleider und beissen wacker darauf los.

Um die verschiedenen Arten Ameisen, welche ich sah, richtig zu beschreiben, musste ich die Erfahrung vieler Jahre haben, da sowohl ihre Anzahl als ihre Verschiedenheit unbeschreiblich gross ist.

Die merkwürdigsten sind ohne Zweifel die Wander-Ameisen, die zu sehen ich nur einmal Gelegenheit hatte. Sie waren eines Morgens in ungeheurer Menge in der Kaserne in allen Löchern und Ritzen verbreitet; nicht ein Tausendfuss, Kackerlack oder Scorpion, wie flink sie auch sein mochten, entkam diesen mörderischen Insekten. Was sie einmal fassten, hielten sie so fest, dass sie sich lieber den Kopf abreissen liessen, als es loszulassen. Zu Zwanzigen hingen sie an einem Tausendfuss, und bissen ihm seine Füsse ab. Unter dem Dach hatten sie ihr Hauptquartier, wohin sie auf den Seitenbrettern der Treppe liefen und sich in einer Ecke an einen Balken wie ein Bienenschwarm anhingen, welcher Klumpen wohl 2' lang und 1' dick war. Die immer auf- und abmarschirenden Ameisen trugen übrigens nichts in ihr Nest, sondern frassen wahrscheinlich Alles gleich auf. Sie schienen viele Anführer zu haben, die sich durch ungeheuer dicke Köpfe und gewaltige Fresszangen auszeichneten. Der ganze Haufen blieb zwei Tage auf dem Posten und verschwand eben so schnell, als er gekommen war. Eine andere Art von derselben Grösse, doch braunrother Farbe, nennt man Cassave-Ameisen. So nützlich die vorigen sind, da sie die Häuser vom Ungeziefer reinigen, so schädlich sind diese, weil sie oft in einem Tage einen Acker total kahl fressen können. Sie leben gemeinschaftlich in Nestern unter der Erde. Man erkennt diese an kleinen Hügeln, welche manchmal bei einer Höhe von 6' oft 20 Schritte im Umkreise haben. Die einzelnen Nester sind von der Grösse eines Kopfes, und von einer aschfarbenen, leicht zu zerreibenden, blätterartig auf einander liegenden Substanz zusammengestellt. Junge und Eier sind nicht in den Waben, sondern in den unregelmässigen Zellen der Zwischenräume. In der Mitte findet man Blätter, Körner und Knospen, die sie zusammentragen, und in Ruhe zum Nahrungsbrei für die Jungen zernagen. Alle diese einzelnen Nester stehen durch Gänge mit einander in Verbindung, und es befinden sich manchmal 200 an der Zahl in verschiedener Tiefe, 1-6 Fuss unter dem Boden, so dass man tagelang arbeiten muss, um ein solches Nest auszurotten. Dabei vertheidigen sich die mit grossen, scharfen Zangen bewaffneten Ameisen aufs Hartnäckigste, beissen aufs Grimmigste in Hände und Füsse und lassen sich lieber den Kopf abreissen, ehe sie loslassen.

Zu diesen gemeinschaftlichen Nestern führen über der Erde regelmässige, einen halben Fuss breite Wege von wenigstens einer Viertelstunde Länge nach dem Platze, wo sie ihre Verheerungen anrichten. Diese Wege sind von Gras und allen Blättchen gereinigt, damit die mit Raub beladenen Insekten nicht gehindert sind. Ihr Fleiss, sowie ihre bei der Arbeit beobachtete Ordnung und Ueberlegung sind bewundernswürdig.

Ein Baum wird bloss von einer Seite bestiegen, worauf sie sich in die Blätter vertheilen und mit ihren Zangen so grosse Stücke abschneiden, als sie zu tragen vermögen. Ist das Blättchen abgesägt, so wird es mit der Fresszange gehalten und mit den Vorderfüssen so gerückt, dass es aufrecht zu stehen kommt; hierauf wird schwankend unter der Last der Rückweg angetreten. Es kostet viele Mühe, den Baum hinabzukommen; sie lassen aber dessenungeachtet ihr Blättchen nicht fahren, und treten unverdrossen den manchmal eine Viertelstunde langen Rückweg an. Wenn der Weg übers Wasser geht, klettern sie an Bäumen hinauf, um durch die Zweige auf andere, an der Ueberseite sich befindliche Bäume zu kommen und ihren Weg fortsetzen zu können. Im Innern des Landes halten sie sich sehr häufig auf. Sie haben kein bestimmtes Futter, sondern tragen Mais, Cassaven, Orangen, Mangos und Blätter verschiedener wilder Bäume weg.

Im December fliegen die Weibchen in grosser Anzahl umher. Sie sind viel grösser, als die Männchen und haben einen dicken Leib. Ihre Flügel sind ihnen mehr zur Last als zur Hülfe gegeben, weil sie leicht abbrechen, und das nun hilflose Geschöpf von allerlei Vögeln aufgefressen wird. Die Buschneger fangen sie in Masse und essen den dicken Leib gebacken oder geröstet. Sie schmecken ungemein angenehm; doch braucht man viel, um satt zu werden.

Diese Ameisen sind eine furchtbare Plage für den Landbau; man umgibt desswegen im niedern Lande ihre Hügel mit Gräben, in welchen das Wasser sich sammelt und so die Nester durchdringt, im höhern aber ist Ausgraben schlechterdings nöthig.

Indianer und Neger glauben, dass sich die blinde Schlange, eine wurmförmige Eidechse (Coecilia --?) in den untersten Nestern aufhalte und von den Ameisen gefüttert werde.

Andere Ameisen erregen durch ihren Biss ein heftiges Brennen auf der Haut. Sie sind meistens so klein, dass man sie erst dann bemerkt, wenn man sie fühlt. Diese sind in den Häusern die lästigsten, weil sie an alle Esswaaren, sie seyen gesalzen oder süss, gehen, so dass man sie kaum vor diesen Thieren sichern kann.

Ausser Ameisen und Holzläusen hatten einige hundert Fledermäuse den Giebel in verjährtem Besitz, und belästigten uns durch den immerherabfallenden Unrath, noch mehr aber durch ihr unaufhörliches Gezwitscher, und so wenig Gesellschaft wir auch von Menschen hatten, um so mehr war unsere Einöde von Thieren aller Art belebt. Kaum graute der Morgen, als im nahen Busch die Wakagos (Ortalida paragua), hühnerartige, bräunliche Vögel mit langem Schwanze, ihr gellendes Geschrei anhoben. Raben und Papageien, die im Mauritzenwäldchen, das an's Haus stiess, nisteten, schrieen uns den ganzen Tag die Ohren voll.

In einer Citronenhecke hingen einige Dutzende, drei Fuss lange, sackförmige Nester von Bananenvögeln (Cassicus), die gar nicht wild sind und gern in der Nähe der Menschen wohnen. Diese Vögel, wahre Affen unter den Luftbewohnern, ahmen alle möglichen Stimmen nach; bald schreien sie wie Hühner, bald wie Affen, verdrehen dabei ihre Augen und machen tausenderlei Possen. Sie sind immer in Truppen beieinander, und bauen ihre Nester immer an's Ende von meist dornigen Zweigen, wobei sie diejenigen vorziehen, an welchen grosse Wespen sich angesiedelt haben. Es herrscht zwischen beiden so ungleichen Thierarten eine merkwürdige Freundschaft; denn ich habe häufig bemerkt, dass, wenn die Vögel beim Durchfliegen ihre Nester auch berührten, sich diese Insekten nicht darum bekümmern, es aber einen Menschen, der diess zu thun wagen würde, schwer büssen lassen würden.

Der Bananenvogel hat die Grösse einer Amsel; er ist schwarz, hat jedoch einen goldgelben Schwanz und Rücken, einen weissen Schnabel und hellblaue Augen.

Eine andere Art derselben Grösse ist statt gelb brennendroth, lebt aber ebenso. Die Nester sind sehr merkwürdig und bilden einen zwei bis drei Fuss langen Sack, dessen Oeffnung aber wie ein Backofen überwölbt ist; sie sind netzartig, mit einer Art Gras überflochten und elastisch. Pfefferfrasse sind ebenfalls sehr häufig; sie sitzen gegen Abend auf den höchsten Bäumen, wo sie sich bald nach dieser, bald nach jener Seite wenden und ihre gellende Stimme erschallen lassen.

Doch all diess Geschrei ist nichts gegen das Concert, das in der Regenzeit des Nachts ertönt, und keine Feder ist im Stande, davon eine richtige Idee zu geben.

Kaum ist die Sonne untergegangen, so ertönen in den, den Posten umgebenden Orangen- und Sauersackbäumen grässlich schnarrende Töne von grossen Laubfröschen, accompagnirt von dem tiefen Bass einer ungeheuren Kröte, die auch im Sumpfe sich ihres Lebens freut und ihren feierlichen Gesang durch ein schallendes Gelächter oder Pausen endigt. Kleine Kröten, die in den Gräben zu Hunderten sitzen, quacken unaufhörlich im höchsten Diskant, und Legionen Scheerenschleifer (Cicaden), die im Wald herumschwärmen und die man ¼ Stunde weit hören kann, ersetzen den Chor. Von Zeit zu Zeit ertönt aus der Ferne der melancholische Gesang einer Nachtschwalbe (Caprimulgus lud.), der sechs Töne der abwärts gehenden Scala umfasst, oder der kleinen Eule, »Urukuku«, nach ihrem Rufe so genannt. Zählt man noch hiezu die lieblichen Stimmen von einigen Brüllaffen, deren Geschrei selbst das Gebrüll eines Löwen übertönt, so ist ein Orchester besetzt, wie man kein zweites in der Welt finden wird.

Ich bin später noch auf andern Posten gelegen und habe viele Plätze besucht, aber den Lärm von Nepheusburg habe ich nie wieder gefunden; denn seine niedrige, ganz von Gebüsch umgebene Lage begünstigt diese Schreier.