Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse

Part 6

Chapter 63,484 wordsPublic domain

Vom Posten Oranje bis zur Mündung der Motkreek, einem Arme der Cottica, rechnet man vier Stunden und von da bis zu den Ausflüssen des Matappica-Canals ebenfalls vier. Eine Stunde weiter mündet ein anderer Arm der Matappica, die Warappa-Kreek, in die See. Von letzterer Kreek bis an die Mündung des Surinam sieht man keine Spur von Cultur. Uebereinandergestürzte Bäume, durch die Kraft der Brandung ausgerissen, bedecken den Seestrand, und aus dem sumpfigen Innern ragen trockene, halbverkohlte Bäume hervor, die traurigen Ueberreste früherer, durch das Feuer verzehrter Wälder.

An der sechs Stunden von der Warappa-Kreek entfernten Mündung des Surinam, Braamspunt genannt, verliert sich der sandige Seestrand in grossen Schlammbänken, und die Ufer dieses Stromes werden durch Waldungen von Mangrovebäumen, deren zahllose Wurzeln und Schösslinge ein beinahe undurchdringliches Bollwerk bilden, gegen die Gewalt der Brandung geschützt.

Der Ausfluss des Surinam ist etwa eine halbe Stunde breit. Das Fahrwasser in denselben wird den Schiffen durch drei an den Ecken der Bänke liegende eiserne Buien angewiesen. Eine grosse Kreek, die Jonkermans-Kreek, mündet sich eine Stunde von der Mündung auf dem östlichen Ufer, und etwas weiter liegt die schöne und fruchtbare Zuckerpflanzung Resolutie. Zwei Stunden von Braamspunt verbindet sich die von Osten her kommende Comewyne, ein stattlicher, beinahe ebenso breiter Fluss, mit dem Surinam. Auf der südlichen Ecke, wo beide Ströme zusammenfliessen, liegt das stark befestigte Fort New-Amsterdam, das mit seinen Geschützen beide Ströme bestreichen kann. Zwei kleine Redouten, Purmerend und Leyden, die gegenüber dem Forte auf dem westlichen Ufer des Surinam und dem nördlichen der Comewyne lagen, sind jetzt verlassen.

Auf beiden Seiten der prächtigen Comewyne, die ohne bedeutende Buchten bis zu dem fünf Stunden von Forteress-Amsterdam entfernt liegenden Posten Sommelsdyk in östlicher Richtung ausläuft, liegen die schönsten und reichsten Zucker- und Caffeepflanzungen der Colonie. Die freundlichen, weissen Gebäude der Pflanzungen, die Zuckermühlen mit ihren hohen Schornsteinen, die Alleen von Palmen, Tamarinden- und anderen südlichen Obstbäumen, an welche grosse Zuckerrohr-Felder grenzen, oder die unter dem Schutze der Bananen versteckten Caffeebäume mit ihren saftigen, dunkelgrünen Blättern, dabei die hohen, dunkeln Wälder des Hintergrundes gewähren einen prachtvollen Anblick. Ehe man das Fort Sommelsdyk erreicht, ergiesst sich auf dem rechten Ufer die Matappica-Kreek in den Fluss. Sie theilt sich in mehrere Arme, und in zwei in die See mündende Canäle, die kleine Matappica und die Warappa-Kreek. Zucker-, Caffee- und Baumwollen-Pflanzungen liegen hier so nahe beieinander, dass aller Wald ausgerottet ist: man würde in einer reichen Gegend Hollands zu reisen glauben, wenn nicht die tropischen Gewächse und die nackten Neger die Illusion stören würden.

Bei Sommelsdyk theilt sich der Fluss; der südöstlich auslaufende heisst die obere Comewyne; man fährt sie in vielen Krümmungen etwa 15 Stunden weit aufwärts, wo sie sich nahe bei dem verlassenen Posten Oranjebo in vier bedeutende Kreeken, Peninica, Tampati, Mapana und Comewyne vertheilt. Das Befahren dieser Gewässer, an denen früher viele bedeutende Pflanzungen lagen, ist sehr mühsam, da übereinander gefallene Bäume und Felsen den Weg versperren. Das Land ist hier hügelig, auf seiner westlichen Seite unterbrochen durch grosse Sandsavannen, die von hier an sich bis an den Essequibo im brittischen Guyana erstrecken, und den Scheidegürtel machen zwischen dem ebenen bewaldeten Küstenlande und den bergigen Waldungen des Innern.

Die Kreeken und Sümpfe des obern Comewyne sind sehr fischreich, und der köstliche Haimura kommt hier in Menge vor.

Die Cottica läuft in grossen Krümmungen stets parallel mit der Seeküste, und hat auf eine Länge von acht Stunden Zucker- und Caffeepflanzungen. Das umliegende Land ist niedrig, ja bedeutend unter dem Niveau des höchsten Wassers, und nur gute Dämme und Schleussen halten das unruhige Element im Zaume. Auch in sie münden bedeutende Kreeken: von Süden die Perica, an der viele und bedeutende Pflanzungen liegen, und die früher durch einen Canal, die Bottelskreek, mit der oberen Comewyne sich verband.

Von Norden fliesst die Motkreek in die Cottica, an der nur noch zwei Baumwollen-Pflanzungen liegen; sie mündet durch einen Canal in die See.

Nach einem mit der Küste parallelen Laufe von 16 Stunden wendet die Cottica sich südlich, und verliert sich in Sümpfen in der Nähe der oberen Comewyne. An der Stelle, wo sie ihren Lauf verändert, fliesst eine schöne und grosse Kreek, die Courmotibo, aus Südosten in sie, und mit dieser vereinigt sich zehn Stunden aufwärts die Wanekreek, oder der Ausfluss der Sümpfe, die ihr Wasser nach dem Surinam und der Marowyne senden.

Die Ufer der Cottica und Courmotibo sind meistens nieder, mit Mauritien- und andern Palmen bewachsen, nur im obern Lande werden die Ufer hügelig. Ein Theil der Aucaner-Buschneger bewohnt beide Flüsse; sie bearbeiten das Holz der umliegenden Wälder, und verkaufen es in der Colonie. Der Surinam kann, obwohl er an Grösse der Marowyne und dem Correntin nachsteht, wegen den vielen Pflanzungen, die an ihm liegen, als der Hauptfluss des Landes angesehen werden.

Seine Ländereien, schon seit so vielen Jahren bebaut, stehen aber an Fruchtbarkeit denen des Comewyne und besonders der Nickerie-Distrikte nach.

Von Forteress-Amsterdam aus zieht er sich in einem Halbzirkel nach der Bucht, an welche die Stadt Paramaribo gebaut ist. Sein Lauf zieht sich unter vielen bedeutenden Krümmungen südlich. Eine Stunde von Paramaribo empfängt er die aus Südwesten strömende Parakreek, an der drei Zuckerpflanzungen und verschiedene Holzgründe liegen. Dieser gegenüber mündet sich am östlichen Ufer die Pauluskreek, deren Pflanzungen jetzt bis auf eine verlassen sind. Zehn Stunden von der Stadt liegt ebenfalls auf dem östlichen Ufer das Dorf »Juden-Savanne«. Die Ufer werden von hier an bergig, sind mit dem herrlichsten Urwalde bedeckt, während landeinwärts grosse Savannen sich ausdehnen. Die Pflanzungen, meist verarmte Holzgründe, zeigen sich sparsamer, und die wilde Natur behält die Oberhand.

Fünf Stunden oberhalb des Judendorfes fliesst von der westlichen Seite die bedeutende Mareschalls-Kreek in den Surinam, deren viele Holzgründe schon längst verlassen sind. Durch diese Kreek kann man in die obere Saramacca gelangen, was übrigens, da sich in der Umgegend viele weggelaufene Sclaven aufhalten, noch Niemand unternommen hat. Vier Stunden weiter liegt der ansehnliche Holzgrund Bergen-Daal am Fusse eines etwa 200 Fuss hohen nackten Gebirges. In den Trockenzeiten ist der Strom sehr seicht, und manchmal stellenweise nicht über zwei Fuss tief, so dass die Verbindung mit Paramaribo sehr schwierig ist.

Vier Stunden weiter ist die unbedeutende Pflanzung und der Posten Victoria. Der Strom, durch ein hohes Ufer eingezwängt, ist höchstens 200 Fuss breit und voll Klippen und Sandbänken. Dicht bewaldete Hügel und Berge umgeben ihn an beiden Seiten; nach weiteren drei Stunden fliesst aus Osten die bedeutende Sarakreek in den Surinam, der jetzt wieder breit und ausgedehnt mit Klippen, Inseln und Sandbänken bedeckt ist. Der Charakter der Umgegend ist ganz der der obern Marowyne, wiewohl der Fluss bedeutend kleiner, und die Scene desshalb nicht so grossartig ist. An der Sarakreek und in der Nähe derselben haben sich ebenfalls Aucaner niedergelassen. Diese Kreek läuft südöstlich weit landeinwärts, und die Buschneger kommen durch dieselbe nach acht Tagen, nachdem sie aber einige Tage über Land reisen, an die Dörfer ihres Stammes am obern Tapanahoni.

Vier Tagreisen über Victoria und zwischen dem dritten und vierten Grade liegen die Dörfer der Saramaccaner Buschneger. Wie in der obern Marowyne, so hindern in der Trockenzeit eine Menge Klippen und Bänke die Fahrt. Dagegen ist im Innern der Wasserstand stellenweise in grossen Regenzeiten bei 50 Fuss höher, als in der trockenen Jahreszeit, und die Schnelligkeit der Strömungen ausserordentlich. Fallen heftige Regen im obern Lande, so kann in einer Nacht das Wasser um acht Fuss anschwellen, wie ich es selbst auf dem Posten Victoria gesehen habe. Das letzte Dorf der Saramaccaner-Buschneger, Mongo (Berg), kann 40 bis 50 Stunden von Victoria, und der Höhe der Wasserfälle nach zu urtheilen, 500 Fuss höher als Victoria liegen. Auch sie haben über die bewaldeten Gebirge einen Weg zu den Aucanern am Tapanahoni, so wie eine andere Verbindung mit den Matuari- und Becu-Musiuga-Buschnegern, die den obern Saramacca bewohnen. Auf alten Karten findet man die Lage eines Salzberges angegeben, der aber wahrscheinlich blos in der Phantasie existirt, weil die Buschneger mit vieler Mühe ihr Salz von Paramaribo holen, und in Ermanglung desselben die Asche der Pinapalme auslaugen, welche Soda ähnliche Substanz ihnen das Salz ersetzen muss.

Sieben Stunden westlich von Surinam ergiessen sich die Saramacca und Coppename in die See. Beide machen durch weit auslaufende Schlammbänke die Einfahrt mühsam. Ihre Wandungen sind nieder und mit Gesträuch bewachsen. Die Saramacca wurde erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts angebaut und steht durch den bei Paramaribo mündenden vier Stunden langen Wanicakanal mit dem Surinam in Verbindung. Die Erzeugnisse der Pflanzungen an der Saramacca, meist Zucker und Kaffee, werden auf diesem Wege nach Paramaribo gebracht, wiewohl kleinere nicht tiefgehende Schiffe ihre Ladung manchmal selbst in Saramacca einnehmen.

Wenig kleiner als der Surinam läuft die Saramacca in den langweiligsten Krümmungen südlich; diese hat oberhalb des Wanicakanals nur wenige unbedeutende Holzgründe an ihren Ufern. Eine Menge Kreeken, die ihren Ursprung in den Savannen nehmen, fliessen von beiden Seiten in den Fluss. Der letzte bewohnte Platz, ein früherer Militärposten, Saron, und in alten Zeiten eine Station der Herrnhuter Missionäre, liegt etwa 18 Stunden von der See ab, was aber durch die bedeutenden Krümmungen wohl eine Reise von 30 Stunden erfordert.

Von Saron führt ein Weg von acht Stunden durch Savannen und Wälder nach der Pflanzung Berlin am obern Para, von wo ein anderer Communicationsweg von 13 Stunden bis nach Paramaribo geht.

Etwa fünf Stunden über Saron liegt am Flusse ein göttlich verehrter Hügel, den die Buschneger im Vorbeifahren mit Flaggen und bunten Tüchern schmücken, und dabei nie versäumen, ihre Opfer darzubringen. Etwas weiter findet man die Mindrinetti- (Mitternacht-) Kreek, die durch die Mareschalls-Kreek den Surinam mit der Saramacca verbindet.

Fünf Tagreisen von Saron wohnen die Becu-Musinga- und Matuari-Neger, 5-600 an der Zahl. Ihren Aussagen nach müssen die Gebirge und Wasserfälle um vieles höher, als die der andern Flüsse, und die Savannen des Inlandes nicht so entfernt seyn. Die Coppenami, welche mit der Saramacca in die See fliesst, kommt ebenfalls aus dem Süden, und hat an ihren reichen und schönen Ufern blos das Leprosen-Etablissement Batavia, das etwa zwei Stunden von der See entfernt ist. Sechs Stunden weiter liegt die dem Gouvernement gehörende Holzsägerei Andresen, wo durch Sclaven feine Bau- und Möbelhölzer bearbeitet und nach den Antillen verkauft werden. Bei Batavia fliesst die grosse und sehr fischreiche Cusuwini-Kreek, die beinahe parallel mit der Saramacca in den wunderlichsten Krümmungen von Süden kommt, in die Coppenami. Mehrere grosse Kreeken, theilweise von Indianern bewohnt, münden in den Coppenami, dessen weiterer Lauf und Ursprung nicht bekannt ist.

Die Seeküste zwischen dem Coppenami und dem westlichen Gränzfluss Correntin wird in zwei Distrikte eingetheilt: Ober- und Nieder-Nickerie. Das niedrige Land ist dem Anbau der Baumwolle besonders günstig, und erst im Anfang dieses Jahrhunderts in Cultur gebracht. Der Oberdistrikt fängt etwa sechs Stunden westlich von der Coppenami an, und besteht aus einer Anzahl Pflanzungen, die längs der Seeküste liegen, und durch einen vier Stunden langen Fahrweg mit einander verbunden sind. Die Erzeugnisse werden mit Küstenfahrzeugen abgeholt und zum Weiterversenden nach der Stadt gebracht, was sehr schwierig ist. Der Boden ist ungemein fruchtbar, nur leidet dieser District, da er an keiner Kreek gelegen ist, in den Trockenzeiten manchmal grossen Mangel an Trinkwasser, das man aus den weiter abgelegenen Sümpfen manchmal 2-3 Stunden weit auf dem Kopfe herbeischleppen muss. Neun Stunden westlich vom Oberdistrikt und von diesem durch grosse Sümpfe abgeschieden, fängt der Niederdistrikt an, an dessen Seeküste sich ebenfalls verschiedene Baumwollen-Pflanzungen befinden. Auf der Landspitze, die durch die Mündung der Nickerie-Kreek gebildet wird, ist ein bedeutender Militärposten der Sitz des Landdrostes und verschiedener Kaufleute und Handwerker. Dieses kleine Dörfchen, das aus zwei Strassen besteht, führt den Namen New-Rotterdam. An der Nickerie-Kreek, die durch die Waiambo mit der Coppenami in Verbindung steht, liegen verschiedene Zucker- und einige Kaffeepflanzungen, deren Erzeugnisse durch holländische oder amerikanische Schiffe direct abgeholt werden.

Die letzte Pflanzung Krabbehoek ist ungefähr sechs Stunden von der Mündung entfernt, und die ganze bedeutende Kreek, so wie die in sie mündende Maratacca nur spärlich von Indianern bewohnt.

Die Correntin strömt, an ihrer Mündung mit der Nickerie-Kreek vereinigt, hier in die See. Beider Breite beträgt vom Posten Nickerie bis an das linke Ufer des Correntin etwa drei Stunden. Auf der englischen Seite sind zwei Zuckerpflanzungen, Mary's-hope und Skeldon. Die holländische ist aber gänzlich unbewohnt. Die Maratacca soll nach Aussage der Indianer mit der Correntin in Verbindung stehen.

Der Ursprung dieses grossen Stromes ist ganz unbekannt, vermuthlich entspringt auch er in den waldigen Gebirgen am Aequator. _Richard Schomburgh_ hat diesen Strom befahren und hieroglyphenartige Schriftzeichen in den Felsen eingehauen entdeckt, woraus man schliessen kann, dass die Bewohner der Vorzeit den jetzigen an Bildung voraus waren. Im Correntin, bei den früheren Herrnhuterstationen Semira und Oreala, findet man einen weissen Thon, der der Kreide sehr ähnlich kommt, und im Flussbette einen rothen jaspisartigen Stein, der eine vortreffliche Politur annimmt, und den die Caraibenweiber zum Poliren ihrer Töpfe gebrauchen.

Vierter Abschnitt.

Beschäftigungen in Garnison. Abreise nach dem Posten Mauritzburg. Reiseabentheuer. Posten Gelderland und Dorf Judensavanne. Die Mauritienpalme. Termitennester. Posten Gouverneurslust. Markette. Mauritzburg. Kurzer Aufenthalt daselbst. Abmarsch nach Nepheusburg. Beschäftigungen. Die Cumupalme. Bienen. Ameisen. Thiere der Umgebung. Der Bananenvogel. Natürliche Abendconzerte. Brokkodjokko. Fund eines jungen Tigers. Bau des Hauses. Die Capasischlange. Affen. Urlaub und Abreise nach Armina. Der Posten Oranjebo. Fang des Haimurafisches. Leuchtkäfer. Kwattas. Posten Armina. Fruchtbarkeit desselben. Der Cottontree. Fledermäuse. Zurückkunft auf Nepheusburg. Ueberfluss an Fischen. Vampyre. Avancement.

So leicht der Garnisonsdienst auch war, und so viel freie Zeit wir auch hatten, um in der Stadt und Umgegend herumzuschwärmen, so sehnte ich mich doch recht herzlich nach noch grösserer Freiheit. Die Erzählungen meiner Kameraden von der Lebensweise auf den Militärposten, von Jagd und Fischerei, hatten meine Phantasie so sehr aufgeregt, dass ich das Ende des Jahres 1836, zu welcher Zeit die Posten abgelöst wurden, und nun auch die Reihe an mich kommen sollte, kaum erwarten konnte.

Das Maschinenmässige des Dienstes, so gliederpuppenartig es auch ist, hatte für mich bei weitem das Langweilige nicht, als für die meisten meiner Kameraden. Nie kam mir, wenn ich Schildwache war, Schlaf in die Augen; denn immer gab es etwas bei Tag oder bei Nacht, das meine Sinne beschäftigte. Bei Tage unterhielten mich die Colibris, die in den Tamarindenbäumen, unter denen ich mit meinem Gewehr hin- und herspazierte, pfeilschnell herumschwirrten, oder die Aasgeyer, welche vor der Küchenthüre lauerten, und, wenn der Koch nicht auf seiner Hut war, sich selbst ein Stück Fleisch vom Tisch nahmen und damit aufs Dach der Kaserne flüchteten; bei Nacht war es das Spiel Tausender von Feuerfliegen, die in allen Richtungen über die Savannen und Gärten flogen, oder die Musik unzähliger Kröten, welche in den Gräben sich aufhielten; oder das Schwirren enormer Fledermäuse, welche auf Insekten Jagd machten.

Die Hälfte unseres Corps waren Deutsche; und man sah viele sehr gebildete Männer, die in bedeutend besseren Verhältnissen in ihrem Vaterland gelebt hatten, hier Schildwache stehen. Aber die meisten waren unerträgliche Trunkenbolde, die aus Verdruss oder Langeweile ihre Grillen im Schnapse ersäuften und jeden Cent, der ihnen beim sparsamen Solde übrig blieb, in die Kneipe trugen. Die Natur zog keinen an, für ihre Genüsse hatte keiner Gefühl. Desshalb war ich auf meinen Wanderungen auch immer allein, und die hier so ergiebige Insektenjagd hielt mich entfernt von Gesellschaften und lustigen Parthien, zu welchen ich nie Neigung fühlte. Da wir immer in weissen Hosen, in Uniform und bewaffnet ausgehen mussten, so führte ich im Tschako ein Kistchen und Hosen mit, auf dem Rücken stak unterm Wamms mein Schmetterlingsnetz, und auf der Brust trug ich eine alte Mütze. Ausserhalb der Stadt legte ich meine guten Kleider ab und gab sie in bekannten Häusern in Verwahrung; dann zog ich mit Netz und Säbel bewaffnet in den Wald. Es war eine glückliche Zeit; denn auf jeder Wanderung entdeckte ich neue, mir unbekannte Specien. Kam ich dann Abends mit meinem Fang nach Hause, so fand ich das delicate, für mich bewahrte Essen, und die kalten Bananen, mit 1/14 Pfund Speckfett übergossen, schmeckten vortrefflich.

Ich genoss stets der besten Gesundheit, wozu freilich mein diätes Leben viel beitrug.

Endlich, obwohl die Zeit mir schnell verging, wurde ich beordert, mich reisefertig zu halten, um nach den so gepriesenen Posten abzugehen.

Eine Pont vom Posten Gelderland, welche die Lebensmittel auf drei Monate abzuholen hatte, sollte mich mit fünf andern Soldaten mitnehmen. Wir kauften uns desshalb beim Sergeant-Major der Compagnie, welcher den Soldaten verkaufen durfte, was sie nöthig hatten, Seife, Speck, Hosenzeug, kurz dasjenige ein, was wir auf dem Posten nöthig zu haben glaubten.

Den Betrag dieser Gegenstände, die nicht sehr wohlfeil geliefert werden, zieht der Sergeant-Major von dem Solde ab, der den Soldaten jeden Monat nach den Posten geschickt wird.

Fast immer ist eine solche Abreise die Veranlassung zu einem Trinkgelage, das der Abreisende seinen Kameraden gibt. Fehlt es ihm, was beinahe immer der Fall ist, an Geld, um Branntwein zu kaufen, so werden die noch nicht bezahlten, theuren Waaren des Sergeant-Majors um Spottpreise verkauft und der Erlös vertrunken.

So treten denn die Meisten mit nacktem Leib, ohne Sold, arm und voll Schulden die Reise nach dem Bestimmungsorte an, um dort so lange Mangel zu leiden, bis sich der Sergeant-Major bezahlt gemacht hat. Diess war auch bei meinen Kameraden der Fall, von welchen zwei in die Pont getragen werden mussten. Sie war mit Kisten und Fässern so vollgepfropft, dass man beinahe keinen Fuss vorsetzen konnte.

Der Kommandant über uns und das Fahrzeug war ein Sergeant, der auf dem Hauptposten detachirt lag. Ausserdem machte die Frau eines Corporals, der auf dem Posten Gelderland eine Herberge hatte, die Reise mit. Sie hatte unter andern Dingen zwei Kisten Genever eingekauft, die ebenfalls im Fahrzeuge waren. Für uns Soldaten blieben blos zwei Plätze übrig, um zwei Hängematten zu hängen; denn der meiste Raum wurde von dem Sergeanten und der Frau eingenommen, welche die Nacht bequem in ihren Hängematten durchbrachten. Ich war seit einigen Wochen mit einem Hautausschlag, dem sogenannten rothen Hunde, so geplagt, dass mein Leib wie Eine Wunde aussah, und meine Kleider mir überall anklebten. Es war desshalb beim Liegen auf den Fässern an keinen Schlaf bei mir zu denken, und das Krähen der Hähne auf den Plantagen, an welchen wir vorbeifuhren, mir eine erwünschte Musik.

Kaum erhellte der anbrechende Tag das Chaos unseres Nachtlagers, als ein Zetergeschrei der Corporalsfrau uns Alle ermunterte.

In der Dunkelheit der Nacht hatte nämlich ein Durstiger einen ihr gehörenden Kelder (Kiste) Genever erbrochen und zwei Flaschen von diesem Lebenswasser gestohlen. Eine grosse Untersuchung ihrerseits und unser fürchterliches Raisonniren zauberten die fehlenden Flaschen nicht herbei. Ihr Verdacht fiel auf einen alten Soldaten, der schon seit ein paar Tagen nicht nüchtern geworden war und eben vom Boden der Pont aufstand, wo er die Nacht zugebracht hatte. Die Frau, welche schon seit 16 Jahren in Ostindien gedient hatte, und ihre Zunge zu gebrauchen wusste, beschuldigte unter argen Scheltworten den armen Kerl des Diebstahls. Da es ihm nun nicht möglich war, mit nüchternem Magen gegen eine solche Fluth von Ehrennamen, mit welchen sie ihn überhäufte, zu protestiren, so wirkten gekränktes Ehrgefühl, Alteration und Katzenjammer dermasen auf seine Sinne ein, dass ein Anfall von Epilepsie erfolgte, und wir kaum im Stande waren, ihn festzuhalten.

Heulend betheuerte er, als er sich ein wenig erholt hatte, seine Unschuld; er zerschlug sich die Brust, welche so haarig, als das Fell eines Bären war, und rief seine verstorbene Mutter zum Zeugen seiner Unschuld auf. Uns standen vor Rührung Thränen in den Augen.

Gegen Mittag, nachdem alle Geister beruhigt waren, hielten wir an einer Zuckerpflanzung, auf welcher der Sergeant und die Frau beim Director assen, während wir in der Mühle unser Essen bereiteten, zu welchem uns der Director einen Busch Bananen und eine Flasche Rum sandte. Da wir der Meinung waren, wir würden des andern Morgens auf Gelderland ankommen, und uns auf die Gastfreundschaft der dortigen Kameraden verliessen, so warfen wir unsere sämmtliche Ration an Fleisch und Speck in den Topf.

Mit anbrechender Nacht fuhren wir weiter, hatten aber am zweiten Mittag den Posten noch nicht erreicht. Die Ebbe trat ein, und an einem armseligen Holzgrunde mussten wir die Fluth erwarten.

Jetzt bereute man es, den Tag zuvor so flott gelebt zu haben. Mit vieler Mühe bekamen wir einen Busch Bananen, wozu die mitleidige Corporalsfrau einen Häring beifügte, an welchem sich keiner den Magen überlud, da wir ihn unter sechs theilen mussten. Endlich in der Frühe landeten wir am ersehnten Posten, wo unsere Kameraden, so wenig sie auch für sich hatten, doch ihr Essen mit uns theilten.

Der Posten Gelderland, oder richtiger die Judensavanne (zehn Stunden von Paramaribo entfernt), ist der erste Platz, wo sich das Land bedeutend erhöht und die Einförmigkeit der Ebenen durch Sandhügel unterbrochen wird. Auf einem, etwa 70-80' über den gewöhnlichen Wasserspiegel des Surinam erhabenen Hügel liegt ein sehr in Verfall gerathenes Dorf: der Portug, Judengemeinde, dessen aus Backsteinen gebaute Synagoge von früherem Wohlstand zeugt. Das Dorf war von mehr als 200 Familien bewohnt, jetzt aber leben nur noch einige in alten, halbverfallenen Häusern von den Wohlthaten ihrer Glaubensgenossen in Paramaribo, und dem Nutzen einiger Kühe, die in den dürren Savannen ein spärliches Futter finden. Das hohe Alter dieser Menschen, deren einige tief in den achtziger Jahren sind, ist eine Folge ihrer einfachen Lebensweise und der gesunden Lage ihres Orts.