Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse

Part 5

Chapter 53,473 wordsPublic domain

Die häufigsten Krankheiten, denen der Europäer wie der Creole unterworfen ist, und die unter Buschnegern und Indianern gleich stark grassiren, sind Wechselfieber, welche, wenn der Patient nicht gleich in geschickte Hände kommt, Monate und Jahre lang anhalten. Es ist gewöhnlich die erste Krankheit der Neuangekommenen oder das Aklimatisationsfieber. Gallenfieber sind ebenfalls häufig und machen ganz kurzen Prozess. Eine andere häufige Krankheit höchst beschwerlicher Art ist der sogenannte Kuk oder Kuchen, eine Anschwellung der Milz. Man fühlt sich dabei immer ermattet, hat kurzen Athem, unruhigen Schlaf und ist ausserordentlich reizbar. Dieses Unwohlsein dauert manchmal Jahre lang. Meistens befolgt man dagegen den Rath eines inländischen Quacksalbers, der stark abführende Mittel gibt. Die Wassersucht ist ebenfalls nicht selten, zeigt sich aber meist nur bei Individuen, welche dem Trunke ergeben sind.

Die Hauptkrankheit, die fürchterlichste von allen, weil sie zugleich die anstrengendste ist, ist die Lepra. Bei den von ihr Befallenen zeigen sich zuerst weissfarbige Flecken auf der Haut. Die Ohren, Nasen, Augenlieder u. s. w. schwellen auf; es zeigen sich Beulen im Gesichte und am Körper, welche manchmal aufbrechen; Finger, Zehen, Ohren, Nase oder einzelne Glieder fallen ohne Schmerzen ab; das Gesicht verzerrt sich aufs Scheusslichste und verräth nichts Menschliches mehr. Die meisten Kranken sind dabei innerlich gesund, können arbeiten und dabei selbst alt werden, während bei anderen die Krankheit schnellere Fortschritte macht.

Die damit Behafteten, seyen sie Freie oder Sclaven, werden, sobald die Behörde davon unterrichtet ist, nach einem, dem Lande gehörigen und eigens dazu bestimmten Etablissement, Batavia, abgesandt, wo sie, entfernt von der übrigen Welt, auf Kosten des Landes so lange verpflegt werden, bis der Tod sie von ihren Leiden erlöst. Noch nie ist ein Kranker von dieser Qual befreit worden, obgleich man neuerdings in Para in Brasilien Versuche mit dem Safte der Hura crepitans machte, die befriedigend ausgefallen seyn sollen. Leute von Vermögen oder höheren Ranges, welche davon befallen werden, leben einsam in ihren Häusern, oder reisen nach Europa, wo ihnen aber ebenfalls nicht geholfen werden kann.

Das Etablissement _Batavia_, das am Copenamstrom liegt, ist der Leitung des katholischen Präfecten anvertraut, hat eine hübsche Kirche und einen Priester, der die Kranken tröstet und lehrt, wobei er sich jeglicher Gefahr aussetzt. Die Zahl dieser Unglücklichen beläuft sich dort auf circa 700[12].

In Paramaribo befinden sich heimlich viele Leprosen, die von ihren Familien versteckt gehalten werden, wodurch diese entsetzliche Krankheit immer mehr verbreitet wird, was auch in der Nachbar-Colonie Cayenne der Fall ist, wo viel weniger auf Absonderung gesehen wird. Eine andere Krankheit, genau mit dieser verwandt, aber nicht ansteckend, ist die Elephantiasis. Es schwellen dabei die Beine, oder oft nur ein Fuss auf fürchterliche Weise an, und erhalten ganz das Aussehen von Elephantenfüssen. Häufig kommen noch Auswüchse und Knollen dazu, und eine rauhe, chagrinartige Haut überzieht das Ganze. Die Zahl der davon Angesteckten ist sehr gross, und besonders bei der Sclavenbevölkerung, die sich nicht so gut bekleiden kann, ins Auge fallend. Man sieht häufig Kinder von zehn Jahren mit solchen Klumpfüssen, die meistens bis zum Knie eine unförmliche Dicke haben. Auch dagegen hat man kein Mittel.

Ausser den angeführten ist noch eine andere Hautkrankheit nicht selten, die Jaws, eine Art Krätze, bei welcher sich einzelne runde Flecken auf dem Leibe zeigen, die aufbrechen. Auch sie ist eine langwierige, ansteckende Krankheit, zu deren Heilung Monate erfordert werden.

Dritter Abschnitt.

Geschichtliche Bemerkungen im Allgemeinen. Ursache des Verfalles des Wohlstandes der Colonie Surinam. Beschreibung des Landes. Gränzen. Ströme: Marowyne, Comewyne, Cottica, Surinam, Saramacca, Coppename, Correntin.

Für Manchen wird es nun von Interesse seyn, hier eine kurze Geschichte der Colonie Surinam zu finden. Ich hatte zwar im Sinne, dieselbe zu übergehen, weil ich mich nicht mündlicher Ueberlieferungen oder Auszüge aus früheren Schriften bedienen, sondern mich blos auf die Erzählung meiner Erlebnisse beschränken wollte; allein ich halte nun doch für nöthig, eine oberflächliche historische Skizze des Landes zu geben, damit ich in der Folge ohne weitere Erläuterungen bei der Beschreibung meiner ferneren Abentheuer verweilen kann.

Es ist hinlänglich bekannt, dass bei der Entdeckung von America _Guyana_ und die umliegenden Länder von verschiedenen Indianerstämmen bewohnt waren, unter denen sich die _Caraïben_ durch ihre Menge und ihren kühnen Charakter besonders auszeichneten.

Gegen die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, nachdem man das Innere des Landes fruchtlos nach Gold durchforscht hatte, setzten sich europäische Pflanzer an dem Küstenlande fest, um diejenigen Produkte anzubauen, die man auf gefährlichem Wege nur allein aus Ostindien hatte beziehen können. Durch die Fruchtbarkeit des Bodens und die leichte Fahrt ermuthigt, zogen viele unternehmende Europäer nach dem neuen Lande, und im Laufe weniger Jahrzehnte bildeten sich französische, englische und holländische Niederlassungen.

Da die Indianer zur Arbeit nicht kräftig genug waren, so entstand der Sclavenhandel, indem von den Regierungen ermächtigte Schiffe bei den kleinen Fürsten in Afrika, die in immerwährenden Zwisten miteinander lebten, für Tauschartikel die gegenseitig gemachten Kriegsgefangenen kauften und dieselben nach Amerika brachten, wo man sie zur Feldarbeit verwendete. Da der Ankauf eines Sklaven nicht viel kostete, und man sich mit dieser Waare immer versehen konnte, so lockte der Gewinn manchen unternehmenden Mann nach dem heissen und feuchten Küstenstriche, und es bildeten sich Vereinigungen (Maatschappye) von beträchtlichem Kapital, um den Unternehmern, die ihr Leben dabei wagten, kräftig beizustehen.

_Surinam_ selbst wurde zuerst von den Engländern in Besitz genommen, die sich am Surinamstrom festsetzten und die Stadt Paramaribo anlegten. Erst im Jahre 1667 wurde die Colonie durch Vertrag an die Holländer abgetreten[1].

Bei dem Fleisse dieser Ansiedler und der grossen Fruchtbarkeit des Bodens hätte Surinam gewiss der Maatschappy grosse Vortheile abgeworfen, wenn die noch im Werden begriffene Colonie zweckmässig organisirt und gegen Eingriffe von Aussen beschützt gewesen wäre. Die vielen Kriege der Franzosen und Engländer mit den Generalstaaten, in welchen von ersteren die Colonien der Holländer überfallen, und mit kaum zu erschwingenden Contributionen beschwert wurden, so wie die Wegnahme der mit den Erzeugnissen der Kolonie geladenen Schiffe machte, dass, ungeachtet aller Bemühungen, die Vortheile des Mutterlandes sehr unbedeutend waren. Erst nach beendigten Kriegen erhob sich Surinam; sein Reichthum übertraf den jeder andern Colonie, und unterlag keinem innerlichen Zwiespalt, und keinem Aufruhr rebellischer Sclaven, wie viele Kosten auch die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts geführten Feldzüge gegen jene verursachten. Den empfindlichsten Stoss erhielt der Wohlstand durch das Verbot der Einfuhr von Sclaven im Jahre 1824. Durch die Verminderung der Arbeitskräfte, die von Aussen nicht mehr ersetzt werden können, eilt die Colonie mit raschen Schritten ihrem Untergange entgegen. Viele einst so blühende Pflanzungen sind verlassen; ihre Zucker- und Caffeefelder, einst mit so vieler Mühe bepflanzt und unterhalten, sind jetzt mit baumhohem Gesträuche bedeckt; die schönen Alleen von Königspalmen oder hohen Tamarindenbäumen, die nach den Wohnhäusern der Pflanzungen leiteten, ragen jetzt einsam aus dem Gebüsche wildwachsender Pflanzen hervor, und der Landungsplatz, wo schön gefärbte Barken an- und abfuhren, liegt öde und verlassen.

Der grosse Landstrich, der umschlungen von den zwei grössten Flüssen Amerika's, dem Amazonenfluss und dem Orinoko, vom 0. Grade südlicher bis 9° nördlicher Breite und vom 49. bis 67° westlicher Länge von Greenwich sich ausbreitet, dessen Ost- und Nordküste der atlantische Ocean ist, der im Süden durch Brasilien, im Westen aber durch die Republik Columbia begrenzt wird, und dessen Küstenländer schon seit zwei Jahrhunderten Europa die köstlichen Erzeugnisse ihres milden Bodens zusenden, wird ins englische, holländische, französische und portugiesische Guyana eingetheilt.

Durchschnitten von grossen, schiffbaren Strömen und zahllosen, natürlichen Canälen, die untereinander in Verbindung stehen, macht es seine geographische Lage und ausserordentliche Fruchtbarkeit des Bodens zum wahren Eldorado, das seine Schätze über der Erde und mit weniger Gefahr bietet, als das in seinem Innern geträumte Goldland.

Auf seiner 7000 Quadratmeilen grossen Oberfläche leben sparsam verbreitet die Ueberreste mehrerer indianischer Stämme, die, roh und wild, die Bildung nicht mehr besitzen, die ihre Vorfahren gehabt zu haben scheinen. Viele dieser Stämme, so wie der grösste Theil des Innern, sind uns noch unbekannt, und nur durch Aussagen anderer und befreundeter Indianer, die das Binnenland bereisen, oder der Buschneger, welche mit jenen Stämmen Handelsverbindungen unterhalten, wissen wir, wie ungeräumt auch die Berichte über sie seyn mögen, dass sie existiren.

Wie schwierig und mit wie vielen Gefahren verknüpft Reisen ins Innere eines so wenig bevölkerten Landes auch sein mögen, so bleiben sie doch noch ausführbar, wenn blos Hindernisse zu besiegen sind, die die Natur in den Weg legt; wenn aber hiemit noch die Unwilligkeit und der Widerstand roher Völker sich verbindet, die den wissenschaftlichen Zweck solcher Reisen nicht verstehen, durch abergläubische Vorurtheile sich feindlich zeigen, oder ihre Handelsverbindungen mit den Völkern des Inlandes beeinträchtigt glauben, so kann man begreifen, dass, während die Welt in allen Richtungen durchreist wird, das Innere von Guyana noch grösstentheils eine terra incognita ist. Die bestbebaute, älteste und blühendste seiner Colonien, Surinam, ist in wissenschaftlicher Beziehung noch die unbekannteste. Ob nun dieses dem Materialismus, der blos die Speicher der Amsterdamer Kaufleute füllt, zuzuschreiben, oder in andern Verhältnissen zu suchen sey, wage ich nicht auseinander zu setzen.

Die Colonie Surinam liegt zwischen dem 3. und 6. Grade nördlicher Breite, und 53. bis 56° westlicher Länge von Greenwich. Im Osten grenzt es an das französische Guyana, von dem es durch den Maroni oder Marowyne getrennt ist, im Westen scheidet es der Correntin von der früheren holländischen, jetzt englischen Besitzung Berbice, im Süden, wo dessen Grenze noch nicht einmal richtig bestimmt ist, stösst es an die gebirgigen Savannen, die die Wasserscheide der in den Amazonenstrom fliessenden Flüsse und der nach Norden zu mündenden Gewässer ausmacht. Im Norden bespült der atlantische Ocean seine Küste.

Die Hauptströme sind der Maroni, Surinam, Saramacca, Coppename und Correntin, wiewohl noch eine Menge anderer Flüsse das Land bewässern, und in allen Richtungen durchschneiden.

Alle diese Flüsse stehen durch natürliche Kanäle, hier Kreeks genannt, mit einander in Verbindung, so dass man aus dem Correntin in den, 56 Stunden (in gerader Linie) östlicher gelegenen, Maroni kommen kann, ohne sich den Beschwerlichkeiten einer Seereise aussetzen zu müssen.

Die ganze Küste Surinams ist eben und angeschwemmtes Land, das, bedeckt mit Bäumen und niederem Gesträuche, mit jeder hohen Fluth unter Wasser kommt, und Veränderungen erleidet.

Durch diese niedrige Beschaffenheit des Bodens erstrecken sich die Bänke, die eigentlich blos eine Fortsetzung der Küste bilden, meilenweit in das Meer; sie bestehen aus einem weichen Schlamm, den Alluvionen der Flüsse, und sind also meist vegetabilischen Ursprungs.

Parallel mit der Seeküste ziehen sich Sandritzen oder Muschelbänke, die bisweilen sich bis an das Meer ausdehnen, und auf denen eine manchfaltige und üppige Vegetation, der des Inlandes ähnlich, herrscht. Sie sind höher, als der umliegende sumpfige Boden, von geringer Breite, aber manchmal bedeutender Länge, und scheinen die zurückgewichenen Meeresufer einer früheren Periode gewesen zu seyn. Diese Ritzen sind mit Hochwald bedeckt, in dem der Copalbaum (Hymenaea courbaril), die Weihrauchbäume, die Awara- und Cumu-Palmen und der indianische Pflaumenbaum (Spondias?) vorkommen.

Hinter diesen Ritzen dehnen sich grosse Süsswassersümpfe aus, die in den Regenzeiten beinahe undurchdringlich sind. Stundenlange Wälder der Mauritien-Palme (Mauritia flexuosa) und grosse Flächen des baumartigen Arons (Calladium arbor.) bedecken hier das Land; nur in heissen Sommern trocknen diese Sümpfe aus.

Der Seestrand selbst bietet dem Auge überall eine einförmige, traurige Scene dar: Tausende von abgestorbenen, entwurzelten und angeschwemmten Bäumen liegen in allen Richtungen umher; der Boden, ein weicher Schlamm, in dem man bis an die Kniee einsinkt, ist von Millionen Krabben durchlöchert, und in dem Gebüsche, mit welchem diese traurige Küste bewachsen ist, hausen Schwärme von Mosquittos und anderen stechenden Mücken. Schaaren von Wasservögeln aller Art finden zur Zeit der Ebbe in ungestörter Ruhe hier reichliche Nahrung, während bei der Fluthzeit Hai- und andere Raubfische in den von Wasser bedeckten Gebüschen umherirren. Eben so niedrig sind die Mündungen der Ströme, deren Ufer aber durch Waldungen von Mangrove-Bäumen, welche durch ihre Wurzeln und Schösslinge undurchdringliche Verschanzungen bilden, vor der Gewalt der Brandungen geschützt sind.

Je weiter man sich von der See entfernt, um so mehr verändert sich die Scene. Die Ufer schmücken sich mit anderen Gewächsen; grössere Bäume treten aus dem niedrigern Gebüsche hervor; die schlanke Pinapalme, das sichere Zeichen eines fruchtbaren Bodens, zeigt sich in Menge. Schling- und Schmarotzerpflanzen bedecken die Bäume und winden sich guirlandenartig von Zweig zu Zweig. Das Ufer, bewachsen mit stachlichten Papilionaceen, ist nicht sichtbar vor der Masse von Laubwerk, das bis weithinein ins Wasser hängt. Etwa 8-10 Stunden von der Meeresküste ab, da wo das Flusswasser rein, und nicht mehr vom Salze der See getrübt die schon höheren Ufer bespült, prangt der Grünhart mit seinen gelben Blumen. Die Heliconien entfalten ihre riesenartigen Blätter und die prächtige Maripapalme (Maximiliana regia) ragt aus dem dunkeln Laubgewölbe empor.

Doch ist Alles noch eben; nur selten unterbrechen kleine bewaldete Hügel die Fläche. Ueberall in allen Strömen herrscht dasselbe Bild der üppigsten Vegetation, und das klare, schwarze Wasser spiegelt die Landschaft herrlich zurück. -- Nur wo Hügel den Lauf der Flüsse bestimmen, wo Felsen und Klippen diesen einengen, und den Transport von Produkten gefährden würden, ist auch die Grenze der Cultur, und die Pforte zum unbekannten Lande.

Der östliche Grenzstrom der Colonie, die Marowyne, Maroni oder indianisch Marauni, ein grosser, an seiner Mündung eine Stunde breiter Strom, ist durch die Menge von Sandbänken beinahe nicht befahrbar. Es mag diese gefährliche Einfahrt die Ursache davon seyn, dass, obwohl seine Ufer höher und ebenso fruchtbar, ja gesünder als die des Surinam sind, sie gleichwohl noch ganz unbebaut sind, und nur in der Nähe der See von Indianern, und im Innern waldiger Gebirge von den Aucaner-Buschnegern bewohnt werden. Die Mündung desselben hat nicht die einförmigen Mangrovegebüsche, wie die andern Ströme, sondern hohe Sandritzen, auf denen eine überaus üppige Vegetation von Palmen, Cactus, Weihrauch- und Copalbäumen, und Caschu's (Anacardium occidentale L.) sich längs den Ufern der See hinzieht. Ein kleiner Militärposten auf der holländischen Seite liess beim Vorübersegeln von Schiffen die holländische Flagge wehen.

Ohne Bucht oder Krümmung zieht sich der stattliche Strom in gleicher Breite drei Stunden aufwärts, wo er sich bei einer Gruppe von fünf niedrigen, mit Palmen und andern Nutzhölzern dicht bewaldeten Inseln südwestlich wendet.

Das Land auf beiden Seiten des Flusses ist meist über dem Niveau der höchsten Meeresfluth gelegen, und ein mit schwarzer Erde vermischter Sand, der dem Anbau der Maniok-Wurzel (jatropha) besonders günstig ist. Etwa eine Stunde den Fluss aufwärts, vom Posten Prinz Willem Frederik, zieht sich ein Riff von sehr eisenhaltigen Felsen weit in das Flussbett. An der Ecke des sandigen Strandes, die die Mündung des Stromes auf dem rechten Ufer bildet, findet man häufig helle krystallartige, abgerundete Steine, die sehr hart, und geschliffen wasserhell und glänzend sind; man nennt sie Marowyne-Diamanten. Sie sind aber nichts als Topase, und selten wird einer gefunden, der von einigem Werthe wäre.

Von den ersten Inseln, die von Sandbänken umringt und von untiefen Canälen durchschnitten sind, schifft man den Fluss in einer wenigstens zehn Stunden langen Bucht südwestlich hinauf. Eine Menge Inseln, theils niedrig und mit Palmen bewachsen, theils hoch und steinig, und mit Hochwald bedeckt, bilden prächtige Gruppen auf der weiten Wasserfläche. Die Ufer sind höher, an manchen Stellen hügelig und dicht bewaldet, und malerisch erheben sich an steilen Stellen kleine Indianerdörfer, deren Hütten halb versteckt sind unter Bananen und Papaia- (Carica-) Bäumen und Baumwollensträuchern. Grosse Sandbänke ragen mitten aus dem Flusse, es zeigen sich Klippen und kleine Cascaden. Das Wasser ist besonders in den trockenen Jahreszeiten krystallhell, und man kann bei zwölf Fuss Tiefe die Steine des Bodens sehen. Aus der Ferne erblickt man die hohen Gebirge des Inlandes gleich blauen Wolken. So nähert man sich, indem man bei den unmerklichen Krümmungen des Stromes stets eine Fernsicht von drei bis vier Stunden vor sich hat, dem 16 Stunden von der Mündung entfernten Militärposten _Armina_.

Der Fluss, der plötzlich einen Halbzirkel von Südost nach Nordwest bildet, stürzt über zahllose Cascaden, Klippen und Sandbänke braussend herab. Ungeheure Granitblöcke liegen in seinem Bette; sie sind mit stachlichten Palmen und einer wohlriechenden Guiaba (Psidium aromaticum) bewachsen. Am französischen Ufer, das eine ununterbrochene Hügelkette bildet, ergiesst sich der kleine Fluss Armina, der dem holländischen Posten seinen Namen gab, in den Strom. In den Trockenzeiten steigt die Meeresfluth bis unterhalb der ersten Fälle, wo bei einer Länge von etwa 80 Fuss der Fluss 6 Fuss hoch herabstürzt. Bis unterhalb dieser Fälle kann man mit grossen Booten kommen, doch ist bei den starken Strömungen viel Vorsicht nöthig, um nicht auf die unter dem Wasser verborgenen Klippen zu stossen. Fahren in den Trockenzeiten Buschneger oder Indianer den Fluss hinauf, so laden sie unterhalb der Fälle ihre Canots aus, und tragen ihre sieben Sachen auf dem Kopfe über die Klippen. Die leeren Canots werden mit Tauen heraufgezogen, und oben wieder eingeladen.

In den Regenzeiten aber, wo der Strom durch den ungeheuren Wasserzuwachs aus dem Innern angeschwollen ist, sind beinahe alle Klippen unter Wasser, und die Boote werden aus Leibeskräften gegen die Strömungen gerudert.

Der Unterschied zwischen dem hohen Wasserstande der Regen- und dem niedrigsten der Trockenzeit mag bei Armina wohl 20 Fuss betragen, wird aber, je höher man den Fluss hinaufsteigt, um so beträchtlicher.

Aus beiden Ufern vermehren beträchtliche Kreeken oder kleine Flüsse, die meist aus den Sümpfen des Inlandes entstehen, die Wassermasse des Flusses bedeutend. Auf der französischen Seite findet man nahe an der Mündung die grosse Waragama, oder Seekuhkreek; weiter aufwärts die Maipuribi oder Tapirkreek. Ihnen folgt die Balete; vier Stunden unterhalb Armina fliesst der Siparawinifluss in den Strom. Dieser, den man in den Regenzeiten Tage lang aufwärts fahren kann, kommt aus dem Südosten, und scheint in geringer Entfernung von der Lava zu entspringen. Indianer haben mich versichert, diesen Fluss vier Tagereisen aufwärts gefahren zu seyn, und bei Nacht in südlicher Richtung ganz deutlich den Klang von Negertrommeln und Schiessen gehört zu haben. Man kann daraus abnehmen, dass diese Indianer sich in der Nähe des Aufenthaltes von Boninegern befanden, welche die Ufer der Lava etwa unter dem dritten Breitegrad bewohnen. Auf die Siparawini folgt, unterhalb Armina, die Ruarua und auf diese die Armina. Auf der holländischen Seite sind bis Armina die Kreeken weniger bedeutend, weil das, zwischen der Marowyne und dem Cottica gelegene Land sich nach Westen zu mehr abflacht, wesswegen auch die Waldwasser und Entleerungen der Sümpfe nach Westen zu fliessen.

Drei Stunden von der Mündung der Marowyne ist am holländischen Ufer die kaum bemerkbare Wanekreek, die in einem Sumpfe entspringt, der sein Wasser gleichzeitig nach der Marowyne und dem Courmotibo sendet; da dieser in die Cottica fliesst, und diese wieder in die Comewyne mündet, so kann man in den Regenzeiten, wo die Sümpfe 4-5 Fuss Wasser haben, mit kleineren Fahrzeugen in fünf bis sechs Tagen Paramaribo erreichen. In der Trockenzeit aber sind diese Moräste ausgetrocknet, und es besteht dann keine andere Verbindung als über See. Die weiteren bedeutenderen Kreeken sind die Aramatta, Maturi und Aroarica, die man aber blos einige Stunden aufwärts fahren kann.

Die Marowyne, die durch Hügel eingeengt bei Armina blos ¼ Stunde breit ist, dehnt sich oberhalb dieses Postens bedeutend aus. Ihr Bett, mit Klippen, Sandbänken und Inseln erfüllt, zieht sich mit wenig Buchten beinahe südlich. 4-500 Fuss hohe, stark bewaldete Hügel liegen dicht am Strome. Vier Tagreisen oberhalb Armina, unter 3° 40' nördl. Breite, und etwa 25 Stunden oberhalb dieses Postens theilt sich die Marowyne, nachdem sie mehrere bedeutende Wasserfälle bildete, in zwei Arme, deren einer aus Südosten strömt und Lava heisst, während der andere, aus dem Süden kommende, Tapanahoni genannt wird. Auf der Ecke, welche durch die Vereinigung beider Ströme entsteht, wohnen die Nachkommen der im Jahre 1806 von verschiedenen Militärposten weggelaufenen Guides (Negersoldaten), die, nachdem sie zuvor ihre Officiere ermordet hatten, nach diesem unzugänglichen Felsenneste flüchteten, und mit Mädchen der Boni- und Aucaner-Buschneger sich verbanden. An diesem Platze, der durch seine natürliche Lage geschützt, mit Felsen und Klippen umgeben ist, ist ein bedeutender Wasserfall, Singa De De, und in der Lava das Ende der mehrere Stunden langen Cascaden »Itepuou«. Am Ufer der Lava wohnen die Boni-Neger, ebenfalls Abkömmlinge früher von den Pflanzungen entlaufener Sclaven, die aber mit der Regierung nicht befreundet sind, und nur durch die Aucaner-Buschneger, für welche sie Canots verfertigen, mit Geräthschaften, Tüchern u. s. w. versehen werden. Die Lava, ein breiter, aber nicht sehr tiefer Strom, steht in Verbindung mit dem Camopy, der in den Oyapok mündet, und es kommt also auch hier die merkwürdige Gabeltheilung der Gewässer vor, die sich beim Orinoco und Amazonenstrom in viel bedeutenderem Maase zeigt.

Der Tapanahoni, der viel tiefer ist, und weniger Klippen haben soll, entspringt wahrscheinlich in der Nähe des Aequators, und kann als die eigentliche Marowyne betrachtet werden[2].

Die Seeküste westwärts der Marowyne besteht bis zu dem 14 Stunden entfernten Posten Oranje beinahe ganz aus ungeheuren Morästen, die mit der Fluth unter Wasser gesetzt werden, und in denen nur Gesträuche und unbedeutende Bäume wachsen.

Millionen von Wasservögeln, als: Flamingos, rothe Ibise, weisse und blaue Reiher, Löffelgänse, Jabirus, Enten und Schnepfen finden da ihre Nahrung, und nisten theilweise. Auf den höheren Stellen findet man viele Hirsche (Cervus mexicanus) und Krebshunde (Procion cancrivorus), und nur selten verirren sich ausser dem Jaguar andere Vierfüsser dahin.

Grosse Sandritzen durchziehen diese Moräste und dienen seit undenklichen Jahren weggelaufenen Negern, die in kleinen Dörfern leben, und in dem äusserst fruchtbaren Boden alle Arten Erdfrüchte im Ueberflusse ziehen, auch Wild, Fische und Federvieh in Menge haben, zum Schlupfwinkel[3].