Part 22
Am andern Morgen verliess ich Victoria und war in zwei Stunden auf Bergendaal zurück. Hr. H., der immer noch am Fieber litt, erwartete mich, um nach Paramaribo zurückzukehren. Wir fuhren noch denselben Nachmittag ab, hatten aber noch keine halbe Stunde zurückgelegt, als der Regen, wie mit Eimern geschüttet, vom Himmel herabstürzte und uns augenblicklich bis auf die Haut durchnässte. Gleich stark regnete es zwei volle Stunden und da in dieser menschenleeren Gegend kein Obdach zu finden war, so mussten wir geduldig warten, bis es dem Himmel gefiel, seine Schleussen zu schliessen. Wir waren beide, da wir unter so viel Bagage wie eingemauert sassen, so kalt, als wären wir auf einer Reise nach Spitzbergen begriffen.
In einer solchen Lage ist ein guter Schluck Rum ganz zweckmässig und obwohl ich sonst nie solchen trank, machte ich doch hier eine Ausnahme. Weil auch einer unserer Neger das Fieber bekommen hatte, hielten wir, anstatt nach der Judensavanne zu fahren, auf dem kleinen Kostgrunde Moria an, um hier zu übernachten und unsere Effecten zu trocknen. Wie aus dem Wasser gezogen betraten wir das Haus und baten die zwei Mulatten, welche den Platz beaufsichtigten, um ein Zimmer für die Nacht. Gesellig und gastfrei, wie diese Menschen im Allgemeinen sind, stellten sie uns sogleich das ganze Haus zur Verfügung, entschuldigten sich aber, weil sie uns keinen Genever noch andern Spiritus anbieten konnten, mit dem komischen Schlusse, dass sie ganz auf dem Trockenen sässen. Das käme eben recht, meinte Hr. H., denn wir wären lange genug im Nassen gesessen. Es wurde nun gekocht und gebraten und bald sassen wir ganz behaglich um den dampfenden Topf. Hr. H. hatte Rum und Branntwein im Ueberfluss bei sich; die beiden Herren machten sich dieses zu Nutzen und leerten wohl ein Dutzend Gläschen miteinander, dass man zuletzt recht gut sehen konnte, wie sie aufs Nasse kamen. Durch ihr unerträgliches Geplauder nöthigten sie endlich Hrn. H., die Flaschen einzuschliessen und das Licht auszublasen, so dass bald allgemeine Ruhe im Hause herrschte.
Am Mittag des andern Tages fuhren wir, nachdem Alles getrocknet war, nach der Judensavanne zurück. Hier verliessen uns beide Indianer, welche in der kurzen Zeit, die sie bei uns zubrachten, die besten Freunde geworden waren. Walekuleh, der Arowack, kehrte nach seinem Dorfe auf den Savannen der Casewinika zurück. Nachdem er von uns reichlich beschenkt worden war, wanderte er mit seinen Siebensachen und mit seinem Freunde, dem Caraiben Kwaku, der ihn halbwegs begleiten sollte, wohlgemuth den glühenden Sandweg nach der Casewinika.
Am andern Abende waren beide Indianer wieder vor unserer Thüre; denn Walekuleh, den sein Freund Kwaku nicht nur halbwegs, sondern ganz bis in sein Dorf begleitet hatte, konnte es nicht übers Herz bringen, diesen allein nach der Judensavanne zurückkehren zu lassen und hatte desshalb seinerseits seinem Freunde das Geleite eben so weit zurückgegeben. Nach dreitägigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und kamen nach dreiwöchiger Abwesenheit wieder in Paramaribo an.
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Ehe ich diese Schrift schliesse, will ich noch einige Bemerkungen und Notizen über die Buschneger beifügen, die, wiewohl kurz und oberflächlich, doch einen richtigen Begriff über ihre Lebensart und ihre Verhältnisse zu den übrigen Bewohnern der Colonie geben können.
Schon in der ersten Zeit der Colonie waren Sklaven von den Pflanzungen weggelaufen und hatten sich an verschiedenen, meist unzugänglichen Plätzen in grösserer oder kleinerer Anzahl eigene Dörfer angelegt und lebten vom Ertrage ihrer Aecker, von Jagd und Fischerei, oder auch vom Raub auf benachbarten Pflanzungen, mit deren Negern sie häufig in geheimem Einverständnisse standen. Diese Weglauferei fand häufig bei den neuangekauften Negern statt und nahm mit der Zeit so zu, dass die Weggelaufenen nicht mehr damit zufrieden waren, versteckt in ihren Wäldern leben zu können, sondern in grosser Anzahl auf den Pflanzungen einbrachen, sie zerstörten, die Sklaven wegführten und die Weissen aufs Grausamste ermordeten. Man war desshalb von Seiten der Regierung genöthigt, kostspielige und meist nutzlose Kriege, Buschpatrouillen genannt, gegen sie zu führen, die keinen andern Erfolg hatten, als dass man das Gesindel weiter in die Wälder jagte, aus welchen sie nach kurzer Zeit wieder aufs Neue zurückkehrten und ihr altes Unwesen trieben. Man war zwar so glücklich, mehrere ihrer Dörfer zwischen der Saramacca und dem Surinam zu entdecken, dieselben zu verbrennen und alle ihre Aecker zu vernichten; aber diese Feldzüge kosteten, so reich auch das Land in jener Zeit war, dennoch Summen, die in keinem Verhältnisse zu dem Errungenen standen und man kam endlich darauf, dass es das Beste wäre, mit diesem Gesindel Frieden zu schliessen, sie für unabhängig zu erklären und auf diese Weise die Ruhe der Colonie zu sichern. Dazu waren sie geneigt und es wurde ein Vertrag abgeschlossen, wobei ihnen das Gouvernement den innern und unbewohnten Theil der Colonie einräumte, auch Erlaubniss gab, in gewisser Anzahl Surinam zu besuchen und sich zu zeitweisen Geschenken, in Pulver, Gewehren, Leinwand, Säbel, Messern u. s. w. bestehend, bereit erklärte.
Das Gouvernement wählte sodann aus ihrer Mitte ein Oberhaupt, sowie auch mehrere Capitäne und es hielt unter ihnen einen Weissen als Posthalter, der Pässe nach Paramaribo ausfertigen und etwaige Befehle des Gouvernements ihnen verständlich machen musste, weil sie natürlich nicht lesen konnten. Dagegen gaben sie einige aus ihrer Mitte als Unterpfänder des Friedens nach Paramaribo, lieferten alle, nach Schluss des Vertrags zu ihnen übergegangenen Sklaven aus und verpflichteten sich, im Falle eines Aufruhrs auf Seiten der Kolonisten zu seyn.
Die Buschneger theilen sich in drei Stämme, welche nicht auf einmal, sondern zu verschiedenen Zeiten, doch alle im Laufe des vergangenen Jahrhunderts Frieden schlossen und den Namen: befriedigte Buschneger (bevreedigde Boschnegers) führen. Alle Bewohner des innern Landes über den Pflanzungen theilen sich in Aukaner, Saramaccaner und Bekou Moesinga- oder Matuari-Neger. Der Stamm der Aukaner ist der bedeutendste von allen. Er bewohnt das Land oberhalb der Zusammenflüsse der Lava und des Tapanahoni am oberen Marowyne, zwischen dem dritten und vierten Grad nördlicher Breite und etwa zwischen dem 54.-55.° östlicher Länge von Greenwich. Ein Theil dieses Stammes hat sich aber in der Sarakreek am Surinamflusse unter dem 5.° festgesetzt, während ein anderer Theil die Ländereien am oberen Cottika und Coermotiba unter 5-40° und 3-30° bewohnt. Der ganze Stamm wird nicht viel über 3000 Köpfe zählen. Sie sind in 14 Dörfer eingetheilt, deren jedes unter einem Oberhaupte oder Capitän steht, dessen Rangzeichen ein blaues, mit silbernen Borten besetztes Wamms, ein Hut mit silberner Tresse und Orangecocarde, ein Stock mit grossem, silbernem Knopfe, eine Kette mit einem silbernen Halsschild, der mit dem holländischen Wappen verziert ist, besteht. Das Oberhaupt über alle nennt man Granmann. Diess ist ein alter, bei feierlichen Gelegenheiten mit einer Generalsuniform behangener Neger, der aber in seinem Dorfe eben so nackt läuft und auf derselben Bildungsstufe steht, wie seine Untergebenen.
Die Saramaccaner sind am obern Surinam verbreitet und an Zahl den Aucanern ungefähr gleich. Sie stehen ebenfalls unter einem Oberhaupte und Capitäns und haben theilweise den christlichen Glauben angenommen, in dem sie von zwei Herrnhuter-Missionären, die bei ihnen wohnen, unterrichtet werden. Die Kirche, welche aus gehauenen Cedernbrettern gebaut ist, steht auf dem ersten Dorfe Jinjeh und wird ziemlich regelmässig von den Bekehrten besucht. Nur darf ihnen diess nicht viele Mühe machen; denn eifrig sind sie in ihrem Christenthum nicht. Es wurde im Jahre 1850 vom Gouvernement der Versuch gemacht, den Herrnhuter-Missionären Eingang bei den Aucaner-Buschnegern zu verschaffen, aber das Oberhaupt derselben widersetzte sich mit allen seinen Capitäns dieser Neuerung und die Missionäre mussten unverrichteter Sache wieder zurückkehren.
Der dritte Stamm sind die Matuari- oder Bekumusinga-Buschneger, deren Zahl zu 600-700 geschätzt wird und die den obern Saramacca-Fluss bewohnen.
Die Buschneger, meistens ganz schwarz von Farbe, unterscheiden sich von den Plantagenegern durch einen kräftigeren Körperbau und brutalere Manieren. In ihren Dörfern gehen sie immer nackt mit einer um den Leib gebundenen Binde (Camis). In der Stadt aber haben sie auch kurze Wämschen von farbigem Cattun an; Hosen tragen sie dagegen selten und Schuhe gar nie. Ihre wolligen Haare binden sie gerne in kleine Zöpfchen, die wie Hörner in die Höhe stehen. Um Fuss und Handknöchel tragen sie meistens Ringe von starkem Eisen oder Messingdrath und an den Fingern eine Menge Gardinenringe. Ueberdiess sind bei den meisten Knie, Knöchel, Arme und Hals mit Fetischen, hier Obias genannt, behangen, die ihre besondere Bedeutung haben und sie vor dem einen oder andern Unfall schützen müssen. Diese Obias werden aus allen möglichen Dingen zusammengestellt, z. B. aus Glasperlen, Käferhörnern, Tigerzähnen, Papageyenfedern, Schnecken oder selbst hölzernen Puppen und je toller die Zusammenstellung ist, desto kräftiger wirkt der Obia.
So roh und ungesittet dieses Volk auch ist, so kann man ihm doch gesunden Verstand und Urtheil nicht absprechen und eifrige Versuche, sie der Civilisation näher zu bringen, würden wohl gelingen. Aber dazu gehörte ein Mann mit eiserner Geduld, grosser Menschenliebe und Selbstaufopferung, der, aufs kräftigste vom Gouvernement unterstützt, mit Feuereifer ihre heidnischen Vorurtheile bekämpfte; ihnen sanftere Sitten einprägte, ohne dabei ihr physisches Wohl aus dem Auge zu verlieren und, unabhängig von einer handeltreibenden Congregation, nicht genöthigt wäre, auf deren materiellen Vortheile bedacht zu seyn, wodurch er in den Augen seiner Anvertrauten für eigennützig gelten könnte. Hiezu wäre wohl ein katholischer Priester die tauglichste Person, ein Mann mit den Grundsätzen des =Las Casas=. Auch die Ceremonien, Reliquien und Heiligenbilder der katholischen Kirche würden bei den Buschnegern willigeren Eingang finden, als der von allem äusseren Schmuck entblöste Herrnhuter Gottesdienst. Sie wären einigermasen in ihren Augen (man verzeihe mir das Wort) ihren eigenen Gebräuchen analog und würden mehr Vertrauen einflössen, als reiner intellectueller Unterricht. Die Buschneger haben keinen wahren Begriff von der Gottheit, obwohl sie ein höchstes Wesen anerkennen, das sie Gran Gado nennen. Neben dieser Gottheit bestehen zwar noch eine Menge anderer als: Ampoekoa, Buschgott, Toni, Wassergott und Geister oder Dämonen: Cromanti, Wintin, Tigri Wintin, Wauwaen u. s. w. -- Sie lassen sich aber über die Natur und das Bestehen ihrer Götter nicht viel ins Philosophiren ein, sondern überlassen diess ihren Lukumans oder Sehern, die in grossem Ansehen bei ihnen stehen und bei jeder Gelegenheit um Rath gefragt werden. Diese sind auch die Verfertiger der Obias oder Fetische, welche gegen Krankheit, Gift, Schlangen und dergl. schützen und Glück im Handel und auf der Jagd verschaffen müssen. Auch Jagdhunde bekommen dergleichen Obias um Hals und Füsse und sind alsdann probat. Ausser diesen Talismanen bereiten diese Loekoemanns auch ein weisses Pulver zu demselben Zweck, das in Einschnitte der Haut eingerieben werden muss. Sie sind natürlicherweise ebenfalls Doctoren und ihre aus Kräutern, Wurzeln und Rinden zusammengesetzten und unter Beschwörungsformeln zubereiteten Medicinen werden vor den Weissen sehr geheim gehalten. Uebrigens setzen die Buschneger grosses Vertrauen in die Heilmittel der Weissen und scheuen bei gefährlichen Krankheiten die Reise nach Paramaribo nicht, wo sie auf Landeskosten verpflegt und geheilt werden. Wird der Buschneger von seinem Loekoemann behandelt, so muss er denselben vorausbezahlen. Ihre Krankheiten bestehen meist in syphilitischen Hautausschlägen, Fiebern u. s. w., auch richtet die Lepra bedeutende Verheerungen unter ihnen an.
So frei und unabhängig sie leben und so gering die Mühe auch ist, sich ihren Lebensunterhalt zu verschaffen, nehmen sie dennoch bedeutend ab, anstatt sich zu vermehren, was wohl eine Folge ihrer vielen Ausschweifungen seyn wird.
Beinahe jede Familie hat eine Pflanze vor ihrer Wohnung, die sie ehrt und anbetet und sorgfältig verpflegt, um ihr Wachsthum zu fördern. Im Allgemeinen ist diess der Seidenwollenbaum. In jedem Dorfe sind auch Hütten zum Aufenthaltsort ihrer Götter bestimmt. Man findet darin Figuren von Schlangen, Schildkröten, Kaimans und dgl., die aus einem weissen Thon (Pimpa) roh verfertigt sind. Grosse Kaimans, wie man sie im Innern findet und Papa- oder Abgottschlangen (Boa canina) werden ebenfalls verehrt und nie getödtet. Niemand unternimmt eine Reise, ohne vorher einen Kandu oder Schildwache vor sein Haus gesetzt zu haben. Dieser Kandu besteht meistens aus dem Blüthentrosse einer Palmenart, dem Horn einer Kuh, dem Stachel eines Rochen, einem Termitennest oder einer Papageyenfeder, kurz, was sie für gut finden, welche Stücke, an einem Stock befestigt, ihr Haus, Felder oder sonstiges Eigenthum, da, wo der Kandu steht, sichern müssen. Die Uebrigen, welche eine solche künstliche Schildwache sehen, werden es nie wagen, den ihnen dadurch verbotenen Platz zu betreten oder an demselben gar zu stehlen. Die am meisten gefürchteten Kandu's sind eine eiserne Schaufel, deren Stiel recht im Boden steckt, Hobelspäne von einem Sarge und ein roth gefärbtes Kuhhorn. Der Eigenthümer des Kandu glaubt, obgleich er denselben aus den unbedeutendsten Sachen selbst zusammenstellte, so fest an den Zauber, als die Uebrigen, und würde, wenn Jemand den Muth hätte, bei seinem Kandu noch eine Kleinigkeit, als todte Käfer, Schildkrötenschaalen u. s. w. als zweiten Kandu aufzuhängen, gewiss keinen Fuss mehr auf seinen eigenen Acker setzen, aus Furcht vor dem mächtigeren.
Von einem Leben nach dem Tode haben sie keinen Begriff; doch glauben sie an Gespenster von Menschen und Thieren, welche man Jorka nennt, und denen Opfer gebracht werden. Im Besitze einer beinahe uneingeschränkten Freiheit und im Genusse aller Erzeugnisse, welche der fruchtbare Boden des obern Landes bei geringer Arbeit hervorbringt, sollte man meinen, dass ihre Lage nichts zu wünschen übrig lasse. Aber Hass, Neid, Eifersucht und Misstrauen herrschen auf jedem Dorfe und Vergiftungen und Todtschläge kommen sehr häufig vor. Jeder etwas ungewöhnliche Todesfall wird dem Gift eines Feindes zugeschrieben und wehe dann der verdächtigen Person!
In einem aus gut gehobelten Pinalatten verfertigten Sarge wird die Leiche in schnellem Trab durchs ganze Dorf getragen und vor dem Hause, wo die Träger in Folge des Einflusses eines Geistes stille halten, wird der Bewohner desselben als der Thäter angesehen und des Mords beschuldigt. Ein solcher wirklicher oder bloss vermeintlicher Giftmischer wird auf furchtbare Weise misshandelt oder verbrannt. Der Verdächtige, dessen Missethat nicht bewiesen werden kann, muss einen fürchterlichen Eid, Leba, schwören, und wird, wenn er sich weigert, von den Aeltesten seines Dorfes auf ein Brett gebunden, in den Wald gebracht und mit den Füssen an ein Feuer gehalten, dessen Hitze ihm schnell das Geständniss auspresst oder ihn auf immer zum Krüppel macht. Ist die Missethat bewiesen, so wird er lebend von unten auf verbrannt oder, wenn man gnädig verfahren will, ihm mit einem Beil oder einer Keule (Apatu) die Hirnschale zerschmettert.
Von dem Augenblick an, dass Jemand der Giftmischerei (Wisi) beschuldigt ist, bis zum Tag der Bestrafung, an welchem es an Dram nicht fehlen darf, bleibt der Beschuldigte in seinem Dorf auf freien Füssen und es würde, im Fall er entflöhe, seine Familie für ihn büssen müssen. Offener Streit wird nie bestraft, auch wenn einer auf dem Platze bleibt.
Ihre Heirathen gehen ohne weitere Ceremonien vor sich. Sind die Aeltern und das Mädchen zufrieden, so ist die Sache abgemacht und die junge Frau zieht zu ihrem Mann. Die Mädchen sind bereits im dreizehnten Jahre heirathslustig und hängen sodann einen Lappen Kattun, den man Kwejo nennt, um, vorher aber laufen sie nackt.
Vielweiberei ist gebräuchlich; die Meisten haben mehrere Weiber, sind aber manchmal nicht damit zufrieden und verführen die Frauen Anderer, was entsetzliche Händel zur Folge hat.
Die Frauen führen allein die Haushaltung, pflanzen die Aecker und säubern dieselben. In ihrem Hauswesen sind sie sehr reinlich, waschen und putzen den ganzen Tag, sind somit in diesem Stück ganz das Gegentheil der Indianerinnen. Unter gewissen Umständen dürfen sie sich der Wohnung des Mannes nicht nähern, sondern müssen ihre Wohnungen verlassen und eigene Hütten beziehen, deren man in jedem Dorfe eine oder einige findet. Ein besonderer Weg führt von diesen Hütten, welche man Kaaihäuser nennt, nach dem Flusse, bloss um die Begegnung mit Männern zu verhüten, wodurch die Obias an Kraft verlieren würden.
Ihre Staatswirthschaft ist sehr einfach; Gesetze und Advokaten sind ihnen ganz fremd. Ueber jede Kleinigkeit, die sie nicht begreifen, über jeden neuen Vorfall in der bewohnten Colonie werden Palavers oder sogenannte Gruttus gehalten, zu welchen die Aeltesten und Kapitäne sich bei dem Oberhaupte versammeln, wo man um die Wette streitet und schreit, so dass man am Ende so weise nach Hause geht, als man gekommen ist.
In ihrem Umgange sind sie gegenseitig sehr höflich und tituliren einander mit Herr und Madame, äffen überhaupt in Allem die Weissen nach. Unter sich sind sie sehr gastfrei und geht einer in ein anderes Dorf, so findet er überall freie Kost und Wohnung; doch bestehlen und betrügen sie einander bei jeder Gelegenheit und sind eben so argwöhnisch gegen sich, als gegen die Blanken.
Obgleich Faulheit ein Hauptzug ihres Charakters ist, in dem sie den Indianern ziemlich gleichen, so haben sie doch bedeutend mehr Bedürfnisse, als jene, und sind daher genöthigt, zu deren Anschaffung Dinge zu pflanzen oder zu suchen, welche sie bei den Weissen austauschen können. Diese Handelsartikel sind bei denen, welche weit im Innern wohnen und auf ihren Reisen viele Wasserfälle zu passiren haben, meistens Tonkabohnen, die Früchte der Dipterix odorata, Reis, Schildkröten oder Jagdhunde, welche letztere sie von den Taruma- oder Barokotto-Indianern eintauschen, die zwischen dem 56.-57. Längengrade in der Nähe des Aequators wohnen. Diese Jagdhunde sind von mittlerer Grösse, kurzhaarig, meist weiss und schwarz oder roth gefleckt. Sie haben einen langen Schwanz und stehende Ohren und sind auf die verschiedenen Wildarten, als Tapire, Pingos, Pakire und Pakas abgerichtet und werden sehr theuer bezahlt. Sie sind bissig und falsch, vielen Krankheiten unterworfen und leben im niedern Lande nicht lang. Der Haupterwerb der Buschneger aber ist der Holzhandel. Sie fällen und behauen Bauholz in den unterhalb der Wasserfälle gelegenen Waldungen und bringen dieses in sogenannten Kokrokos zum Verkaufe nach der Stadt oder den Pflanzungen. Da die meisten Hölzer schwerer als das Wasser sind und in demselben sinken, so werden die Balken mittelst zweier Querhölzer, die über die Corjaal liegen, mit Lianen daran befestigt und auf diese Weise geflösst, wobei die Corjaal also den Gewichtsunterschied des Holzes im Wasser trägt. Da sie im Behauen des Holzes sehr geschickt und behend sind, dasselbe nichts kostet und sie überdiess ans Land keine Abgaben bezahlen, so kann man das Holz bedeutend wohlfeiler von ihnen bekommen, als es die Holzgründe liefern können. Sie sind also für diese gefährliche Concurrenten. Auf die Pflanzungen liefern sie ihr Holz gegen Dram, Melassin, Zucker und Bananen und die Quantität dieser Produkte, welche sie auf diese Weise jährlich ausführen, ist sehr beträchtlich.
Am Cottica beschäftigen sich schon seit vielen Jahren ungefähr 700 Aucaner-Buschneger allein mit diesem Holzhandel. Sie bauen keine Feldfrüchte, weil sie einen Theil ihres Holzes gegen Bananen auf den Pflanzungen austauschen, somit auf Kosten dieser leben, und wenn Misswachs oder Theurung eintritt, eine sehr fühlbare Last für die Colonie sind. Die Buschneger, welche den Landbau als ein erniedrigendes Geschäft ansehen und ihn nur dann treiben, wenn ihnen kein anderes Mittel zur Gewinnung ihres Unterhalts übrig bleibt, können an einem Tage durch Fällen und Bearbeiten des Holzes so viel verdienen, dass sie auf 3-4 Wochen Lebensmittel auf den Pflanzungen dafür erhalten können.
Ein Buschneger fällt und behaut ohne Mühe täglich 30 Cubikfuss, wodurch er à 25 C. 7 fl. 50 kr. verdient. Mehrentheils arbeiten aber verschiedene zusammen und helfen einander beim Umwälzen des Blockes und dessen Herausziehen an das Wasser. Von diesem so leicht Erworbenen leben sie unthätig so lange, bis neuer Mangel sie wieder zur Arbeit zwingt. Bietet sich aber die Gelegenheit dar, einzeln oder im Einverständniss mit den Plantagenegern Bananen oder andere Erdfrüchte oder überhaupt Brauchbares zu stehlen, so ziehen sie diess der Arbeit vor; denn ein Hang zum Stehlen ist dem Neger angeboren, wie den Katzen das Mausen, und weder Dankbarkeit und Strafe, noch die liberalste Behandlung hält sie davon ab.
Haben sie ihre Bedürfnisse in Paramaribo oder auf den Pflanzungen eingetauscht, so ziehen sie auf möglichst langsame Weise nach ihren Dörfern zurück, wo dann die Manieren der Blanken und die unterwegs erlebten Abentheuer reichlichen Stoff zu ihren Abendunterhaltungen geben.
Unter sich auf ihren Dörfern haben sie so wenig wie die Indianer Gewicht, Maase oder Münzen. In der Colonie aber wird ihnen ihr Holz nach dem allgemein üblichen rheinischen Fusse abgekauft. Sie berechnen ihre verkauften Waaren nach dem vor längerer Zeit hier gebräuchlichen surinamischen Kartengeld, von welchem der Gulden 32 Cents galt. Zehn solcher Gulden, also 3 fl. 20 kr., machen eine Biggi Kaarte (grosse Karte); 8 Cents oder der vierte Theil eines solchen Guldens heisst Schilling. Es ist besonders bei grossen Rechnungen äusserst schwierig, ihnen Alles begreiflich zu machen und ihr Misstrauen mag freilich manchmal nicht ungegründet seyn.
Ihre Zeitbestimmungen gehen wie bei den Indianern nach Nächten, d. h. wenn man z. B. fragt, wie weit man etwa von Paramaribo entfernt sey, so erhält man zur Antwort: man schläft 8, 12, 14 Nächte, ehe man dort ankommt. Ebenso geben sie, wenn sie auf Reisen gehen, den Zurückbleibenden eine Schnur mit so viel Knöpfen, als sie abwesend zu seyn gedenken. Man öffnet daran jede Nacht einen Knopf und ist keiner mehr da, so erwartet man den Reisenden zurück. Da sie aber ihre Zeit so gering anschlagen, so dehnen sie manchmal die Reisen über den gegebenen Termin aus und wenn Hunger oder andere Umstände sie nicht zur Heimreise nöthigen, so kommt es ihnen auf Wochen, ja Monate nicht an.
Eine Leiche bleibt gewöhnlich drei bis sechs Tage über der Erde, während welcher Zeit beständig Dram getrunken und geschossen wird. Ja manchmal wird der Körper erst begraben, wenn die Fäulniss bereits so überhand genommen hat, dass die faulende Jauche zum Sarge herausläuft.
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