Part 21
Ich besuchte meine alten Freunde, die Arowacken, von welchen ich, da sie gerade ein Bienennest gefunden hatten, mit Honig tractirt wurde. Der Junge trug eine mit Rum gefüllte Flasche, in welche ich die Spinnen werfen wollte. Kaum war diese vom Familienvater Bakrafassi erspäht, so verlangte er ganz natürlicherweise davon zu trinken. Ich erklärte ihm mit Bedauern, dass ich diese zum Tödten der Spinnen nöthig hätte, worüber er sich höchlich entsetzte. Doch solchen köstlichen Trank zu so profanem Zwecke gebrauchen zu lassen, konnte er nicht übers Herz bringen und meinte, ich könne die Spinnen am Leben lassen und doch in die Flasche thun. Als ich ihm aber bemerkte, dass sie sich auf diese Weise auffressen würden, so rieth er mir an, jede einzeln zu bewahren und verfertigte sogleich zu diesem Zweck aus trockenen Parasalla-(Heliconia-)Blättern kleine nette Häuschen, die mit einem Awarastachel geschlossen werden mussten. Ich überliess ihm nun die Flasche mit der Herzensstärkung und wir gingen dann zusammen auf den Spinnenfang. Diese Thiere halten sich in den Savannen und an Wassergräben auf, haben etwa fusstiefe, runde Höhlen, die in schiefer Richtung nach unten laufen und bis an die Oeffnung umsponnen sind, so dass weder Erde noch sonst etwas hineinfallen kann. In dieser Höhle sitzt das Thier nahe am Eingang und lauert auf die vorüberziehenden Passagiere, als Käfer, Grillen und kleine Eidechsen, welche sie im Sprunge fängt und in ihre Höhle schleppt. Unten in derselben befindet sich immer Wasser, worin vielleicht die Beute erst ertränkt wird. Die Spinne selbst hat ausgespannt etwa 14" im Umkreis, der Thorax ist von der Dicke eines Mannesdaumens und der Leib von der Grösse eines Taubeneies; die acht Füsse und zwei Fangspitzen sind schwarz und haben der Länge nach laufende, weissgelbe Streifen; die rothbraunen Fresszangen sind beinahe ½" lang. (Im April 1841 erhielt ich eine solche Spinne, die mit ausgespannten Füssen die Grösse eines grossen Esstellers hatte und deren Hinterleib so gross wie ein Hühnerei war. Sie war sehr wild und sprang auf mich los.)
Bakrafassi gab mir seinen Sohn Walekuleh zur Begleitung nach der Judensavanne mit und wir traten des andern Morgens unsere Rückreise dahin an.
Nach zehntägigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und fuhren in Begleitung des Arowacken und Caraiben den Strom weiter aufwärts. Die beiden Indianer, so ziemlich von gleichem Alter, doch verschiedenen Stammes, waren bald die besten Freunde und da keiner des andern Sprache verstand, so hielten sie ihren Diskurs im Negerenglisch, welches beide gleich schlecht sprachen und uns damit sehr belustigten.
Die Pflanzungen oberhalb der Judensavanne sind klein und gering und liefern keine Produkte. Bloss Zimmerholz und Bretter werden von hier aus zum Verkaufe nach der Stadt gebracht.
Wir fuhren bis zu der dem Gouvernement gehörenden Pflanzung Worsteling Jakobs, wo man früher die zu Fundamenten und Brustwehren nöthigen Steine sprengte. Jetzt war sie der Wohnort zweier Herrnhuter Missionäre, die von da aus Reisen nach den umliegenden Pflanzungen machten, um die Sklaven zu bekehren. Die dieser Secte eigene Einfachheit und Reinlichkeit herrschte hier im Hause, das, umgeben von Palmen und andern tropischen Gewächsen, am Strome lag.
Eine mit Hochwald bedeckte Insel und mehrere Felsenblöcke, an denen sich das Wasser schäumend brach, vollendeten das ländliche Bild. Wir wurden freundlich aufgenommen und bewirthet und fuhren des andern Morgens weiter. Die Meeresfluth hatte hier beim hohen Wasserstande gar keinen Einfluss mehr und je höher wir den Fluss aufwärts fuhren, desto mühsamer wurde das Fahren gegen denselben. Die einst zahlreichen und gut bebauten Niederlassungen sind grösstentheils verfallen und mit Wald bedeckt, nur wenige unansehnliche sahen wir im Laufe des Tages.
Durch Pflanzensammeln längs des blühenden Waldsaumes hatten wir uns so verspätet, dass wir bei Anbruch der Nacht noch ziemlich weit von der Pflanzung Bergendaal, wo wir verweilen wollten, entfernt waren. Es war eine herrliche, kühle Nacht. Hr. H. und ich legten uns, so gut es anging, in der Corjaal nieder, bedeckten das Gesicht, um dem Mondschein nicht ausgesetzt zu seyn und schliefen, bis wir durch das höllische Gebell der Hunde auf Bergendaal geweckt wurden. Es war 11 Uhr und Alles schlief schon auf der Pflanzung. Der Director derselben, ein alter Mulatte, kam auf den Lärmen der Hunde unter erzwungener Freundlichkeit herbei. Im Nu waren unsere Hängematten aufgehängt und bald herrschte die vorige Stille wieder. Ich hatte schon Vieles von dieser Pflanzung erzählen hören und stand desswegen mit Tagesanbruch auf; denn ich war neugierig, sie zu sehen. Dieses Vergnügen musste ich aber noch einige Stunden entbehren, bis der Nebel, der Fluss und Berge einhüllte, sich verzogen hatte.
Die Pflanzung liegt am Fusse einer Hügelkette auf dem linken Ufer des Flusses. Diese Hügelkette zieht sich südwestlich und dicht an ihr erhebt sich am Flusse der sogenannte blaue, etwa 200' hohe Berg. An diesen Berg angebaut befindet sich das schöne und geräumige Wohnhaus in einem Garten von wohlriechenden Sträuchern. Mehrere Seitengebäude ziehen sich zwischen dem Berge und Flusse hin. Das Negerdorf besteht aus netten hölzernen Häusern, die mehrere Strassen bilden und überschattet von Kokosbäumen einen freundlichen Anblick gewähren. Die Arbeiten der Sklaven, deren es etwa dreihundert sind, sind sehr gering, und sie benützen ihre übrige freie Zeit zum Anbau von Erdfrüchten, die sie mit den Ponten, welche Bretter nach der Stadt bringen, zum Verkaufe dorthin senden. Schweine und Federvieh ziehen sie in Menge und verschaffen sich desshalb auf diese Weise manche Annehmlichkeiten, welche die Sklaven anderer Pflanzungen entbehren müssen.
Auf einer kleinen Anhöhe neben dem Dorfe steht eine hübsche Kirche. Die Herrnhuter Missionäre haben beinahe alle Neger dieser Pflanzung zum Christenthum bekehrt und es wird täglich Schule und Gottesdienst gehalten. Diesem Geschäft unterzieht sich ein junger Neger, der von den Herrnhutern dazu unterrichtet wurde. Alle 14 Tage kommt ein Missionär von Worsteling Jakobs, dann ist grosser Buss- und Bettag. Dass aber bei diesem vielen Beten viel weniger gearbeitet wird, als auf andern Pflanzungen, ist ebenfalls wahr; denn Beten und Arbeiten ist für die Neger zu viel.
Als sich der Nebel verzogen hatte, bestieg ich den blauen Berg, von dessen Höhe und Steilheit, sowie von der herrlichen Aussicht auf demselben ich schon so viel hatte reden hören. Der Wald auf und an ihm ist gänzlich ausgerodet und nur schlechtes, schneidendes Gras wächst auf der rothen und eisenhaltigen Erde, aus der grosse Quarzblöcke hervorstehen. Seine Abhänge sind sehr steil und von der Seite des Flusses mühsam zu erklimmen. Ein kleines Häuschen steht auf seinem Gipfel, der wirklich eine überraschende Aussicht gewährt. Ungeheure Waldungen bedecken das Land nach allen Richtungen hin und ausser dem unten liegenden Negerdorfe ist auch nicht _eine_ Spur menschlicher Cultur zu entdecken. Gegen NNW. und NO. breitet sich der Wald flach wie ein ungeheurer Teppich in den herrlichsten Nüancen von Grün aus, durch den der Surinam wie ein breites, silbernes Band sich schlängelt. Nach SO., S. und SW. sieht man Hügel und Berge, über die im fernen Horizont hohe, blaue Gebirge hervorragen. Einzelne Rauchsäulen, welche man aus dieser grünen Masse aufsteigen sieht, erinnern daran, dass das Land bewohnt ist. Auf dem Berge ist der Begräbnissplatz der Herrnhuter Neger.
Die Waldungen sind hier an guten Holzarten reich, aber der Transport (der des Zimmerholzes geschieht durch Ochsen und die Bretter müssen oft stundenweit getragen werden) ist bei dem bergigen Terrain sehr mühsam. Vor etwa hundert Jahren bildete sich in Holland eine Actiengesellschaft, welche in dem bergigen Theile Surinams nach Mineralien forschen lassen wollte. Man machte mit dem blauen Berge eine Probe und legte einen Stollen an, dessen Oeffnung man noch jetzt sieht. Die Ausbeute war aber sehr gering und die Bergleute wurden entweder von Krankheiten dahingerafft oder von den damals rebellischen Buschnegern überfallen und ermordet, so dass der Sache schnell ein Ende gemacht wurde. Ueberhaupt ist Bergendaal und noch mehr das weiter landeinwärts liegende Victoria nicht gesund und mehrere Directoren, Creolen aus Surinam, litten beständig am Wechselfieber. Hr. H., der sich immer mit Botanisiren beschäftigte und dabei der Nässe zu sehr ausgesetzt hatte, litt ebenfalls daran, wodurch er verhindert wurde, den Strom weiter aufwärts zu fahren. Ich beschloss desshalb, allein nach dem noch vier Stunden weiter aufwärts liegenden Posten Victoria, welcher die Grenze des bewohnten Landes bildete, zu gehen, und trat, nachdem ich einige Tage auf Bergendaal zugebracht hatte, die Reise dahin an. Vom Bastian der Pflanzung lieh ich eine kleine Corjaal, die etwa 12' lang und 2' breit war, packte meine Habseligkeiten in den Pagaal und verliess, von dem Arowacken begleitet, Mittag um 1 Uhr Bergendaal. Der Strom, welcher nach Osten hin eine wohl zwei Stunden lange Bucht bildet, war reissend und wir pagaiten desshalb tüchtig darauf los, um noch vor der Nacht Victoria zu erreichen. Ein starker Regenguss nöthigte uns aber, ein Obdach im Walde zu suchen, wo wir, bedeckt von Heliconienblättern, wohl eine Stunde lang unbeweglich sassen, bis der Regen nachliess. Weder ich noch der Indianer hatten je die Reise gemacht und wir wussten desshalb, als der Abend anbrach und keine menschliche Seele in dieser Wildniss sich zeigte, nicht, wie weit wir noch zu fahren hatten.
Endlich um Sonnenuntergang waren wir am Ende der langen Bucht und der Strom kam wieder aus S. Viele übereinander geschichtete Felsen trugen Bäume, an denen mehrere Dutzende von den sackförmigen Nestern des rothen und gelben Cassicus hingen. Diese Vögel, welche wir aus ihrer Ruhe aufstörten, erhuben ein höllisches Geschrei. Die Breite des ganzen Stroms beträgt hier an dieser Stelle, wo er durch Felsen und ein hohes Ufer eingezwängt ist, kaum 20 Klafter; dabei ist er so reissend, dass es uns beinahe unmöglich war, aufwärts zu pagaien und wir unsere Hände voll Blasen bekamen. Todtmüde und hungrig kamen wir nach 10 Uhr auf dem Posten an. Ich polterte an der Thüre der Kaserne; denn ausser der Wache lag Alles in tiefem Schlaf. Die dadurch Aufgeweckten fingen an zu fluchen und meinten, es seyen die Kühe der Pflanzung, die zuweilen da Kurzweil zu treiben pflegten. Man öffnete und war höchlich verwundert, mich zu sehen; denn einen Besuch von mir hatte man gar nicht erwartet. Schnell wurde ein Feuer angemacht, an dem Kaffee gekocht, Bananen mit Speck geröstet wurden und ich und mein Indianer hatten bald die anstrengende Reise vergessen. Man hing meine Hängematte auf, warnte mich vor den Fledermäusen und bald lagen wir in den Armen des Schlafes.
Des Morgens kam auch der Kommandant des Postens, ein Sergeant, um mich zu bewillkommnen. Hierauf ging ich mit einigen Soldaten nach dem etwa 200 Schritte entfernten Holzgrunde Victoria, wo ich vom Director desselben, einem portugiesischen Israeliten, ebenfalls herzlich empfangen wurde.
Dieser Mann ist wegen der weiten Entfernung anderer Pflanzungen einzig auf die Gesellschaft seiner Nachbarn, der Soldaten beschränkt, und da die ganze Sklavenmacht blos aus ungefähr 40 Köpfen besteht, und in der Trockenzeit wegen des niedrigen Wasserstandes alle Verbindung mit Paramaribo gehemmt ist, so ist seine Stellung weder vortheilhaft noch angenehm. Er war übrigens ein sehr gefälliger Mann, der mir in der Folge uneigennützig manchen Dienst leistete.
Ein alter Soldat, der früher mit mir auf Mauritzburg gelegen hatte, liess es sich besonders angelegen seyn, mich festlich zu bewirthen. Der Director ward ebenfalls zu dem Essen eingeladen, das um zwölf Uhr in der Kaserne aufgetragen werden sollte. Die Zeit bis dahin wurde von mir benützt, mich in den Wäldern umzusehen.
Der Posten und die Pflanzung liegen auf einer grossen Savanne, die gegen Osten von dem Fluss begrenzt, und auf allen Seiten von Hochwald umgeben ist. Der Boden, sowie auch das umliegende Land ist hügelig und bildet Berge und Thäler, die mit Hochwald bedeckt sind. In den Bergschluchten, worin das Regenwasser abläuft, findet man stellenweise eine Menge Bohnerz, und die Felsen sind wie auf Bergendaal sehr eisenhaltig. Die Wälder sind besonders von Tapiren bevölkert, und Poweesen, Marai's und andere hühnerartige Vögel halten sich in Menge hier auf. Häufig trifft man hier den schönen Sonnenvogel (Ardea helios), der sich gern an kleinen, dichtbeschatteten Kreeken aufhält.
An Fischen ist die Gegend arm; desto reichlicheren Stoff aber bietet dem Botaniker die Pflanzenwelt dar. Die Ufer dieses Flusses sind besonders reichlich mit dem Copaivabaum und verschiedenen Ingaarten bewachsen. In den Wäldern findet man viele Palmen, als Murru Murru (Astrocaryon murru murru) u. s. w., die im niedrigen Lande nicht vorkommen, und in den Bergschluchten wuchern die interessantesten Arten von Farnen.
Ebenso reich ist hier die Gegend an Insekten, und ich fing Schmetterlinge, welche ich auf andern Plätzen der Colonie nie sah.
Erst um 1 Uhr kam ich von meiner Wanderung zurück, und ich that den mir vorgesetzten Leckerbissen alle Ehre an. Freilich gebrach es theilweise an Tellern und Gabeln, aber die Hauptsache war das Essen, und man kann zur Noth wohl jene Accessoirs missen.
Auf dem Posten befand sich zugleich der Secretär (Bylegger) der Saramaccaner-Buschneger, ein Weisser, der von der Regierung beauftragt ist, den nach der Stadt gehenden Buschnegern ihre Pässe auszufertigen, ihre Anliegen schriftlich einzusenden, und die Beschlüsse der Regierung ihnen wieder mündlich mitzutheilen. Da überhaupt ohne seine Erlaubniss Niemand über den Posten hinausgehen durfte, so bat ich ihn um Erlaubniss, die vier Stunden von Victoria abliegenden Dörfer der Buschneger an der Sarakreek besuchen zu dürfen, und erhielt dieselbe auch ohne Schwierigkeit.
Am andern Tage, einem Sonntag, war ich mit meinem Indianer früh um 6 Uhr reisefertig, und mit zwei Negern der Pflanzung, welche von mir gut bezahlt wurden, fuhren wir ab. Die Corjaal, die für zwei Menschen nicht zu gross war, musste nun vier Personen fassen, und war desshalb auch zum Sinken geladen. Ich selbst sass bewegungslos da und wagte nicht zu pagaien, da wir kaum zwei Finger breit Bord hatten. Alle Felsen und Sandbänke waren unter Wasser, und nur die darauf wachsenden Gesträuche ragten aus demselben hervor. Der Strom war überdiess reissend, und wegen der vielen verborgenen Klippen höchst gefährlich zu befahren.
Zwei Buschneger, deren einer Kapitän eines Dorfes war, begegneten uns in einer ziemlich grossen Corjaal, und da sie sahen, dass die meinige zu klein war, so bot mir der Kapitän seine grössere an, und versprach, noch diesen Abend, wenn er seine Geschäfte auf Victoria besorgt hätte, nach seinem Dorfe zurückzukehren und die Corjaalen auszuwechseln. Ich machte von diesem freundlichen Anerbieten Gebrauch und fuhr nun in der grösseren Corjaal auf bequemere Weise weiter.
In der Trockenzeit ist der Fluss an vielen Stellen so seicht, dass man kaum mit kleinen Corjaalen fahren kann. Grosse Sandbänke erstrecken sich manchmal über seine ganze Breite, und lassen blos kleine Kanäle offen, durch welche das Wasser mit grosser Schnelligkeit läuft. Auf den Felsen wächst meistens eine Art Guiaba (Psidium aromaticum), deren Blätter ungemein wohlriechend sind, und in den Felsenspalten hält sich den Tag über eine besondere Art Nachtschwalbe auf, die ich ebenfalls häufig auf den Felsen von Armina gesehen habe.
Nach einer sechs Stunden anhaltenden Fahrt kamen wir gegen Mittag in die Nähe des ersten Dorfes Tja Tja, das auf einem Hügel gerade über der Sarakreek liegt.
Meine Neger feuerten viermal zum Zeichen, dass ein Weisser bei ihnen wäre, worauf das Echo an den Bergen und Felsen donnernd wiederhallte. Ich sprang schnell ans Land, und ohne auf meine Neger zu warten den ziemlich steilen Hügel hinauf. Oben am Eingang des Dorfes stand unter dem Bogen einer wunderlich wie ein Korkzieher zusammengewachsenen Liane ein rohgeschnitztes, hölzernes Götzenbild, dessen Augenhöhlen mit zwei rothen Bohnen ausgefüllt waren.
Der Kapitän des Dorfes, durch die Schüsse von der Ankunft eines Weissen unterrichtet, war eben mit dem Anziehen eines Hemdes beschäftigt. Es war diess nun gerade ein neues, eben aus dem Laden gekommenes, dessen Halskragen noch zugeknöpft war. Er hatte diess in der Eile übersehen und konnte den Kopf nicht durchbringen, als ich vor seiner Hütte stand. Gewaltig verstimmt, weil ich ihn so im Negligée sah, und ihm keine Zeit zum Ankleiden gelassen hatte, machte er mir Vorwürfe darüber, und arbeitete sich aus seinen Aermeln heraus. Ich versicherte ihn aber, dass ich ihn auch ohne Hemd für den Kapitän angesehen hätte, was ihn beruhigte. Den Männern theilte ich Schnaps, den Weibern aber Nähnadeln aus, welche ich zum Aufstecken der Schmetterlinge mitgenommen hatte, und wurde von ihnen mit Cassavebrod und Eiern beschenkt. Das ganze Dorf hatte sich um mich versammelt, und drei Corjaalen mit Buschnegerweibern folgten der meinigen, als ich nach der Norakreek überfuhr. Wiewohl man diese Kreek mehrere Tage aufwärts fahren kann, so ist sie doch von geringer Breite, stellenweise von Sandbänken und Felsen, und durch übergefallene Bäume versperrt.
Eine halbe Stunde vom Fluss entfernt liegt das Dorf Kreki, wo das Oberhaupt dieser Aucanerabtheilung wohnt. Alle zu demselben führenden Pfade sind mit Fetischen und hölzernen Puppen versehen, und grosse, mit beiden Enden in die Erde gesteckte Stücke der oben erwähnten, wunderlich gedrehten Liane bilden Bögen, unter denen jene Narrheiten angebracht sind. Das Oberhaupt war ein stattlicher Neger, der ebenfalls seinen Staatsrock, d. h. einen alten Schlafrock angezogen, und den silbernen Halsschild, das Zeichen seines Ranges, umgehängt hatte. Er erwartete mich am Eingang.
Die Hütten stehen, wie auf den Indianerdörfern, kreuz und quer und ohne alle Ordnung. Sie sind meist mit den dauerhaften Blättern der Taspalme hübsch gedeckt, und die Seitenwände zierlich aus Pinablättern geflochten. An Reinlichkeit übertreffen sie die indianischen weit. Nach jedem Essen wird das Haus und der Platz vor demselben mit dem Blüthentross der Pinapalme, der als Besen dient, gefegt; Töpfe und Geschirre werden gewaschen, und die Calabassen mit Sand gescheuert. Auch sind hier, wie auf allen Buschnegerdörfern, Apfelsinen-, Kokos- und Caffeebäume gepflanzt, deren Fruchtbarkeit man durch angehängte Fetische, als getrocknete Eidechsen, kleine hölzerne Puppen, zusammengebundene Vogelfedern und dergleichen zu vermehren sucht. Der Caffee, der ohne sonderliche Pflege bei den Buschnegern wächst, ist von guter Qualität und beweist, dass der Boden im obern Lande ganz für dieses Produkt taugt.
Ein altes Weib mit schneeweissen Haaren, das seine Hütte nicht verlassen konnte, liess mich bitten, sie zu besuchen. Ich traf sie umringt von einer Truppe junger Mädchen und von wenigstens 20 Papageyen, die bei meinem Eintritt unter greulichem Geschrei herumflatterten und im nahen Gebüsch sich versteckten. Sie beschenkte mich mit einem Körbchen spanischem Pfeffer, der Jahrelang zum Verpfeffern meiner Suppen gereicht hätte, und ich vergalt ihre Freigebigkeit mit den letzten Nadeln, welche mir noch übrig geblieben waren.
Nach nur kurzem Aufenthalte -- das Sehenswürdige war bald gesehen -- fuhren wir nach dem am Surinam liegenden Dorfe Cassaveondro, dessen Oberhaupt mir seine grösste Corjaal geliehen hatte, und von Victoria schon wieder zurückgekommen war. Es fuhren mit mir ausser dem Indianer und den zwei Plantagennegern noch acht Buschneger, jeder mit Gewehr und Hund, nach dem Dorfe. Dadurch war auch diese Corjaal so geladen, dass sie jeden Augenblick unterzusinken drohte. Unter vielem Lärmen und Gelächter wurde von Allen gepagait, und mir war auf der sehr angeschwollenen und reissenden Kreek nicht gut zu Muthe.
Das wilde Volk erblickte eine Wasserschildkröte, und man ruderte aus allen Kräften, um dieses Thier, dem Pirais drei Füsse abgebissen hatten, zu erreichen. Während sie die Schildkröte ins Boot zu ziehen suchten, füllte sich dieses halb mit Wasser, und es wäre gewiss gesunken, wenn die Buschneger nicht augenblicklich herausgesprungen wären. Doch diese waren schnell bei der Hand, schöpften im Schwimmen das Wasser mit einer Calabasse heraus, und stiegen mit grosser Kunstfertigkeit nach einander wieder ins Boot. Dieser Unfall, der auch für mich von sehr üblen Folgen hätte seyn können, machte nicht den mindesten Eindruck auf die Buschneger, die unter gleicher Lustigkeit ihren Weg fortsetzten.
Bei unserer Ankunft auf Cassaveondro empfing uns beinahe das ganze Dorf am Landungsplatz, und man veranstaltete augenblicklich mir zu Ehren einen Tanz, der für die zwei Plantageneger um so grösseres Interesse hatte, als einige aus der Stadt zurückgekommene Corjaalen mit Dram beladen am Landungsplatz lagen. Alles versammelte sich in der Hütte des Kapitäns, wo der Tanz vor sich gehen sollte und Männer, Weiber und Kinder sassen oder lagen, wie es gerade der spärlich zugemessene Raum gestattete. Ein Mann und eine Frau, die durch Gesang, sowie durch Klappern mit einer holzichten Frucht ein schreckliches Getöse machten, drehten sich unter allerlei gar oft unsittlichen Geberden herum. Ein ausgehöhlter, mit einem Fell überspannter Baumstamm diente als Trommel und war das Hauptmusikinstrument. Das Ganze unterschied sich in keiner Hinsicht von den Tänzen, welche man am neuen Jahr oder bei andern Gelegenheiten auf den Pflanzungen sieht und die mir jedesmal Kopfweh und Schwindel verursachten, wenn ich sie nur einige Minuten lang ansah. Die einzige Abwechslung in dieser monotonen Parthie brachte der Rum hervor, der Allen recht schmeckte und bald darauf das ganze Ballpersonal betrunken machte.
So lange es noch Tag war, suchte ich in der Umgegend nach Insekten, mit einbrechender Nacht ging ich ins Dorf zurück, wo ich, umgeben von betrunkenen Negern, zwei höchst langweilige Stunden zubrachte. Mein Indianer war ganz nüchtern geblieben, denn er war mit den Buschnegern nicht bekannt, schien sie zu fürchten und verlangte so sehr wie ich nach dem Posten zurückzukehren.
Jede Negerin, welche ihren Tanz beendigt hatte, sprach mich um Geld an, so dass mich dieser Abend über 3 fl. Geschenke kostete. Endlich wurde in der Tanzraserei eine Pause gemacht und ich äusserte meinen Wunsch, abzufahren. Dazu hatten aber die Plantageneger wenig Lust und alle Buschneger bestürmten mich mit Bitten, erst am nächsten Morgen meine Rückreise anzutreten. Man bot mir Haus, Hängematte, ja sogar eine hübsche Negerin an und stellte mir vor, wie gefährlich es sey, in einer so dunkeln Nacht mit betrunkenen Negern und in einer so kleinen Corjaal über die vielen Klippen des reissenden Stromes zu fahren, wo man ja selbst bei Tage mit der grössten Behutsamkeit zu Werke gehen müsse. Ich beharrte aber auf meinem Vorsatz, weil ich dem Director der Pflanzung Victoria versprochen hatte, nicht über Nacht bleiben zu wollen. Da der Kapitän des Dorfes mich entschlossen sah, abzureisen, so gab er, um Unglück zu verhüten, den Plantagenegern, welche unter Schimpfen und Fluchen auf mich vom Ballpersonal Abschied nahmen, eine kleine Corjaal. Man beschenkte mich mit Apfelsinen, zwei Schildkröten und Cassave und unter immerwährendem Schiessen fuhr ich mit dem Indianer in meiner, die Neger in der andern Corjaal ab. Pfeilschnell flog das leichte Fahrzeug den Fluss hinab und Punkt zehn Uhr hatten wir den Posten erreicht.