Part 2
Hier blieben wir nun ohne alle Beschäftigung vierzehn Tage und erhielten unser Essen vom Schiffe, an dem anhaltend gearbeitet wurde; übrigens war uns alle Freiheit gestattet. Wir durchliefen jeden Tag Hellevoetsluis und die Umgegend, wiewohl ohne Geld, da uns kein Cent Sold ausbezahlt wurde.
Viele verkauften ihre Kleider, um sich mit den Dirnen des Städtchens belustigen zu können, oder versoffen das Ihrige im Genever; Manche lagen, weil es sehr kalt war, den ganzen Tag im Bette; auch verging kein Tag, an dem nicht mörderische Prügeleien und dergl. vorgefallen wären. Der Detachements-Commandant, der seine Wohnung auf dem Schiffe hatte, wusste sich nicht zu helfen, Sergeant und Korporal wurden von dem zügellosen Volke nicht beachtet. Indessen kam vom Ministerium der Colonien, das unsere Geldlosigkeit rührte, eine Vergütung von 2 fl. 50 kr. per Mann, welche denjenigen ausbezahlt wurde, die ihre Kleidungsstücke nicht verkauft hatten. Die Andern aber waren bis zur Abreise unter Schloss und Riegel. Jetzt ging es wieder lustig her; doch in kurzer Zeit herrschte wieder Mangel, wie zuvor, und zu abermaligen Gratificationen war der hartherzige Minister nicht geneigt.
Einer unserer Kameraden hatte ein chinesisches Schattenspiel gemacht, womit er des Abends Vorstellungen gab, die von Soldaten, Matrosen und Dirnen des Städtchens fleissig besucht wurden, und wobei unter dem Publikum manche Scene vorfiel, die wohl in dichten Schatten gehüllt zu werden verdient.
Am 2. December kamen wir abermals an Bord. Zugleich wurden unter militärischer Bedeckung diejenigen unseres Transportes auf's Schiff gebracht, welche ihre Kleidungsstücke verkauft oder sonstige Fehler begangen hatten. Im Kreise der Officiere und der Equipage des Schiffes wurden uns nun die Kriegsartikel für die Marine vorgelesen, in welchen von Kielholen, Raafallen, Aufhängen u. s. w. die Rede war. Mit donnernder Stimme hielt uns der erste Officier unsere schlechte Aufführung vor; auch liess er sogleich einige, die dagegen etwas einzuwenden hatten, an die Kanonen festketten. Nachdem dieses geschehen war, wurden acht Matrosen vorgeführt, die während der Ausbesserung des Schiffes von Bord weggelaufen waren und den Schiffer beim Marinegericht in Rotterdam verklagt hatten. Dort fanden sie, wie es schien, kein Recht und wurden wieder an Bord gesendet.
Die Officiere alle und der Schiffsdoctor waren in Uniform auf dem Halbdeck, und von den Matrosen und Soldaten durfte keiner das Verdeck verlassen, wo nun ein Exempel für uns alle statuirt werden sollte. Wir Soldaten standen voll banger Erwartung da; denn man sah an dem fröhlichen Gesichte unseres Detachements-Commandanten, der immer lachte, wenn ein armer Schelm geprügelt wurde, dass tüchtig eingebrockt werden sollte. Der Schiffscommandant begann endlich den Delinquenten ihr Verbrechen vorzuhalten, und -- das war der langen Rede kurzer Sinn -- dass er Gnade vor Recht ergehen lassen, und sie desshalb nicht vor den Kriegsrath stellen, sondern mit einer kleinen Ermahnung abstrafen wolle. Es war bereits eine Lucke an der Wand aufgestellt, auf welche die Hauptperson des Complotts auf den Bauch gelegt und festgebunden wurde.
Der Schiffer (erster Unterofficier), den sie verklagen wollten, und der Schieman (ebenfalls ein Unterofficier), jeder mit einem fingerdicken und ellenlangen Theertau in der Hand, warteten nur auf das Zeichen des Commandanten, um der vorausgegangenen Ermahnung den gehörigen Nachdruck zu geben. Sie schlugen nun auch auf den armen Kerl, der in den rührendsten Ausdrücken um Gnade bat, so los, dass er zuletzt, seiner Sinne beraubt, wie todt dahing. Der Commandant liess den Doctor nachsehen, ob man noch etwas beifügen könne, was der menschenfreundliche Mann, nachdem er den Mund und die Augen des Schächers untersucht hatte, bejahte. Man schlug desshalb aufs Neue auf ihn los. Nachdem er sein Maas erhalten hatte, und man die Taue, womit er angebunden war, losmachte, fiel er gefühllos, wie ein Sack, zu Boden. Hierauf kam die Reihe an den zweiten und die übrigen; der erste hatte übrigens das Fett von der Suppe erhalten. Mir standen bei dieser Prügelei die Haare zu Berg, und nie hat eine derartige Scene solchen Eindruck wieder auf mich gemacht. Zwar war es mir in der ersten Zeit in Surinam unmöglich, das Peitschen und die Schläge der Neger gleichgiltig anzusehen, und kaum konnte ich mich der Thränen enthalten, wenn diese nackten Schwarzen, manchmal wegen unbedeutender Vergehen, mit den zähen Zweigen der Tamarinde so geschlagen wurden, dass ihr Blut den Boden färbte. Es empörte mich, wenn ein solcher Neger nach der Abstrafung, blutig und mit Schwielen bedeckt, noch von den Soldaten verhöhnt wurde. Wenn sich nun auch dieses Gefühl bei mir gerade nicht verlor, so ist es doch durch die Gewohnheit abgestumpft, und ich habe leider die Ueberzeugung, dass, wo Sklaverei ist, der Stock nicht fehlen darf; Mässigung aber und Menschenliebe dürfen weder dem Seeofficier noch dem Pflanzer fremd seyn, und nur im äussersten Falle wäre dieses Mittel zu gebrauchen! Wir gingen den 10. Dec. des Abends abermals unter Segel, und sahen bereits am Morgen die Kreideberge Englands vor uns liegen. Da der Wind ungünstig war, ankerte man vor der Stadt Deal. Das Wetter war kalt aber schön; Dampfschiffe und Fischerboote fuhren an uns vorüber, und eine Menge Schiffe lagen ebenfalls hier, um mit günstigem Winde den Canal zu passiren. Nach vier Tagen änderte sich der Wind, und wir kamen in den Canal. Die Seekrankheit plagte mich wenig, was vielleicht die kalte Luft verursachte. Die vielen Schiffe und Dampfboote, die uns begegneten, die herrlichen Ufer Englands mit ihren hohen, weissen Kreidebergen, waren besonders für uns Süddeutsche von besonderem Interesse.
Nach drei Tagen waren wir im atlantischen Ocean. Unser Leben war sehr einförmig, und nur an der wärmeren Luft fühlten wir, dass wir nicht mehr im kalten Norden waren. Das Eis unseres Wasserfasses verschwand und heftige Regenschauer durchnässten uns zuweilen. Es war am Christabende, als mehrere von uns sich vor einem Regenguss in die, zwischen den zwei Masten stehende, und mit einem andern Boote bedeckte Schaluppe versteckten. Da ich der Letzte war, der in dem bereits vollgepfropften Boote eine Zuflucht suchen wollte, so mussten meine Füsse, für die ich keinen Platz mehr fand, ausserhalb desselben bleiben. Ich dachte eben an die Freuden dieses Abends im Vaterlande, verglich im Stillen den Geschmack der Lebkuchen mit dem des harten Zwiebacks, an dem ich noch kurz zuvor die Zähne gewetzt hatte, und bemerkte vor lauter Rührung nicht, wie mir Jemand in der Dunkelheit meine Füsse untersuchte. Plötzlich wurde aber eine wahre Sündfluth von Seewasser unter grässlichen Flüchen über mich ausgeschüttet, so dass ich eiligst die Flucht ergriff und meine Mütze dabei verlor. Der Schieman hatte meine Füsse bemerkt, und mich in diesem unerlaubten Asyle freigebig mit einigen Eimern Seewasser traktirt. Ich war bis aufs Hemd durchnässt und zitterte die noch übrigen zwei Stunden wie ein Rohr.
Anfangs Januar hatten wir die Höhe von Madeira erreicht. Jetzt sah man (denn nach einigen Tagen hatten wir den Passatwind) fliegende Fische in Menge, von welchen bisweilen einige des Nachts auf das Verdeck niederfielen; auch trieb von Zeit zu Zeit eine prächtige rothe Polypenart an uns vorbei, welche die Matrosen Portugiesisches Kriegsschiff nannten. Das herrlichste Wetter begünstigte unsere Fahrt, und ich blieb, wie die meisten von uns, Tag und Nacht auf dem Verdecke, weil die Luft im Raume, obgleich man sie durch Windsäcke verbesserte, warm und übelriechend war. Man brachte die Tage mit Lottospielen zu, und bis in die tiefe Nacht hinein wurde gesungen und erzählt. Der Mond glänzte am wolkenlosen Himmel, und die Sterne schienen mit mehr Glanz zu funkeln. Alles ging seinen geregelten Gang, durch nichts unterbrochen, als durch kleine Strafexecutionen an Matrosen, denen der Schieman einige aufzuzählen hatte.
Bei uns Soldaten war dergleichen noch nicht vorgefallen; denn es gab keine Excesse, weil kein Branntwein zu bekommen war. Eines Tages aber bekamen einige Soldaten aus der Hefe von Hollands Pöbel Streit mit einander; sie packten sich an den Ohren, und balgten sich zwischen den Kanonen auf dem Verdecke. Der Commandant des Schiffes, der diess zufällig mit angesehen hatte, liess das ganze Detachement auf das Verdeck pfeifen. Hierauf mussten die Kampflustigen vortreten, und jeder bekam ein Tau mit der Anweisung, einander tüchtig das Fell zu gerben. Die Versicherung, dass, wenn sie ihre Sache nicht gut machen, der Schieman das Fehlende beifügen würde, wirkte; denn wie zwei erboste Hähne stürzten die Kerls aufeinander los; aber, ungewohnt mit Tauen zu fechten, warfen sie diese weg und bläuten einander mit den Fäusten durch. Das Gelächter wollte kein Ende nehmen, und an diesem Intermezzo hatte besonders unser Detachements-Commandant seine herzlichste Freude.
Ehe wir den Passat erreichten, hatten wir immer Wasser zur Genüge gehabt, und jeder durfte aus dem Wasserfasse nach Belieben trinken. Kaum waren wir aber in der wärmeren Zone, so wurde uns das Wasser in Rationen ausgetheilt. Diese bestanden auf den Tag in einer Flasche für den Mann; sie wurden zusammen in einem Fässchen aufbewahrt, aus welchem man gemeinschaftlich unter Vorsitz des Backmeisters den Durst löschte. Das Söhnchen vertheilte an jeden den Labetrunk im Deckel einer Marmitte und hatte zugleich die Aufsicht, dass keiner naschte. Wie vielen Durst litt ich da! Fleisch, Speck und Käse, was ich alles gerne ass, vertauschte ich gegen Wasser, und häufig bestürmte ich den schwarzen Koch mit Bitten um etwas Wasser, was mir auch der gutherzige Neger, wiewohl unter grässlichen Flüchen und Verwünschungen, häufig gab.
Die Hitze nahm täglich zu. Man zog die schwere Ankerkette, die, seit wir auf dem Ocean waren, im Zwischendeck aufbewahrt worden war, hervor, befestigte den Anker, und erwartete in ein paar Tagen das Land.
Des Meeres herrliches Indigoblau wurde heller und grünlich; es fielen einigemal schwere Regengüsse. Am 18. Januar 1836 sahen wir endlich die Küste von _Guyana_ vor uns liegen, ein langer Streifen dunkler Wälder, der auf dem Wasser sich ausdehnte, und weder Berge noch Hügel bemerken liess.
Allmählig konnte man die Bäume aus der grünen Masse unterscheiden; Wohlgerüche von blühenden Gewächsen wehten uns an; Schmetterlinge kamen aufs Schiff geflogen; Schwärme von rothen Ibisen, hier Flamingos genannt, deren Gefieder vom herrlichsten Scharlachroth ist, zogen über uns hin, und von Zeit zu Zeit tauchte ein grosser Fisch aus den trüben Meereswellen, um frische Luft zu schöpfen.
Wir sahen die nationale Flagge des Postens _Oranje_ uns entgegenwehen, und gegen 2 Uhr kamen wir in die Mündung des _Surinamstroms_. Jetzt erst sahen wir die für uns neue Welt näher, denn auf der See waren wir wohl 1½ Meilen vom Lande entfernt geblieben, weil bedeutende Sand- und Schlammbänke längs der Küste sich hinziehen. Alles war eben und von ungeheurem Wald bedeckt, dessen Grün sich so frisch und lebhaft ausnahm, dass selbst dasjenige der jungen Blätter der europäischen Bäume jenem an Glanz nachsteht. Zwischen diesen Waldungen lag eine freundliche Plantage, deren Zuckerfelder die Ufer begrenzten. Die weissen Häuser, die Mühlen mit ihren hohen Schornsteinen waren unter Palmen und andern uns fremden Gewächsen versteckt. Der Reichthum der üppigen Tropennatur lag vor uns ausgebreitet; wie schön erschien mir dieses Land! Im Winter hatten wir die traurigen Dünen Hollands verlassen, und jetzt waren wir im Lande des ewigen Sommers. Nie werde ich auch den Augenblick meiner ersten Landung vergessen! -- Je weiter wir den Strom aufwärts fuhren, desto belebter wurde die Scene. Schöne, lebhaft gefärbte und von nackten Schwarzen geruderte Barken fuhren über den majestätischen Strom. Man ankerte bei Forteress Neu-Amsterdam, das an der Mündung des Comewyne in den Surinam liegt und die Einfahrt der Schiffe in diese beiden Ströme wehren kann. Auf der andern Seite des Surinam, dem Fort gegenüber, liegt die Redoute Puomerend und an dem Comewyne das Fort Leyden. Der Surinam ist bei Forteress Neu-Amsterdam etwa eine Viertelstunde breit, und beide Ströme sind, so weit das Auge reicht, mit den schönsten Zucker- und Caffepflanzungen eingefasst.
Wegen des gelben Fiebers, das gerade in Paramaribo herrschte, und schon viele Menschen weggerafft hatte, beschloss das Gouvernement, so nöthig man uns auch für den Garnisonsdienst in der Stadt hätte brauchen können, uns so lange in dem gesünderen Forteresse zu lassen, bis die Krankheit aufgehört hatte. Wir wurden demnach gegen 6 Uhr ausgeschifft.
Die ganze Besatzung des Forts war zusammengelaufen, uns zu empfangen. Jeder fand einen Freund, Bekannten oder Landsmann unter dem Haufen, und des Fragens und Staunens war kein Ende. Auch die ganze weibliche Einwohnerschaft des Forts versammelte sich. Schwarze und farbige hässliche Weiber mit langen, schlaffen Brüsten überhäuften uns mit Gunstbezeugungen und bezeugten Lust nach den von uns mitgebrachten Stücken Käse und Zwieback. -- Man brachte uns, als es schon dunkel war, durch eine Allee von Tamarinden und Mangos in das Fort, und nach der für uns bestimmten Kaserne, welche ganz das Aussehen eines Pferdestalles hatte. Durch den ganzen Saal liefen etwa vier Fuss über dem Boden Stangen, sogenannte Klabayen, an welche man des Abends die Hängematten befestigte, die den Tag über an denselben aufgerollt waren. Fünfzig Schritte von der Kaserne entfernt war eine Schenke, wo Branntwein, Rum und Wein zu bekommen war. Dahin stürmten nun diejenigen, welche noch Geld hatten, um ihre Ankunft auf übliche Weise zu feiern, oder die sich von Bekannten traktiren liessen.
Der Lärm und der Spectakel in der Schenke waren abscheulich, endigten jedoch mit dem Zapfenstreich, mit welchem sich jeder nach seiner Hängematte zu begeben hatte. Die Besoffenen lagen unter Tischen und Bänken. An Ruhe und Stille war nicht zu denken; denn die ganze Nacht durch dauerten die Zänkereien um die schönen Damen, welche aus allzugrosser Zärtlichkeit Jedem angehören wollten, und deren Sprache keiner verstand, die Lamentationen und Misereres der Besoffenen, und die Flüche derer, welche die Köpfe an die ihnen ungewohnten Klabayen stiessen; dabei peinigte uns eine Unzahl von Mosquittos, welche vorzüglich die Neuankommenden anfallen und eben so lästig durch ihr Gesumme als durch ihre Stiche werden.
Ich sass die Hälfte der Nacht vor der Kaserne und bewunderte die Tausende von Feuerfliegen, welche viel heller sind als die in Europa, und das feuchte Gras durchschwärmen; wären auch nicht die Mosquittos die Ursache unseres Wachens gewesen, so hätten mich doch die Scenen des Tages wachend erhalten, und kaum graute der Morgen, als ich wieder ins Freie ging, wo mir Alles fremd war.
Eine herrliche Allee von Königspalmen fasste den Mittelweg des Fortes ein; ihre federbuschartigen Gipfel berührten sich beinahe und bildeten ein prachtvolles Gewölbe. Eine andere Allee bestand aus dichtbelaubten Bäumen, die grosse, eiförmige Früchte von einladendem Geruche trugen.
Obwohl ich sie nicht kannte, ass ich doch einige und fand sie vortrefflich. Es waren Mangos (Mangifera indica), die um diese Zeit reif sind und zuweilen zwei Ernten jährlich geben. Ihre Frucht hat die Grösse eines Gänseeies, ist auf der einen Seite meist etwas eingedrückt, reif gelb, und wie die Blätter des Baumes von terpentinartigem Geruche. Die Haut wird abgezogen und das gelbe faserige Fleisch vom Steine, der etwas platt, aber beinahe so lange wie die Frucht ist, abgesogen. Es schmeckt sehr süss und angenehm und lässt sich mit keiner europäischen Frucht vergleichen; die Fasern des Fleisches setzen sich gerne zwischen die Zähne. Der Mangobaum wird grösser als der grösste Apfel- oder Birnbaum und trägt von seinem vierten Jahr an Früchte, in günstigen Jahreszeiten in unglaublicher Menge. Auf den Pflanzungen, wo sich häufig ganze Alleen davon vorfinden, mästet man mit den Früchten, die auch einen feinen Branntwein geben, die Schweine.
Allmählig wurde es im Fort lebhaft. Die Neger, lauter Sclaven in Ketten, welche von ihren Plantagen wegliefen und wieder eingefangen wurden, gingen zu ihrer Arbeit. Sie müssen eine bestimmte Zeit von Jahren hier an den Festungswerken arbeiten, um nachher, wenn ihre Strafzeit aus ist, wieder auf ihre Pflanzungen zurückgeschickt zu werden. Sie gehen, wie die meisten Sclaven, beinahe nackt, woran ein Neuangekommener den meisten Anstoss nimmt. Die Kleidung aber, an welche sie nie gewöhnt sind, die ihnen auch in diesem Klima von geringem Nutzen ist, wird fast gar nicht von ihnen gebraucht, auch wenn sie eine solche haben. Ich sah diese Unglücklichen mit grossem Mitleid, und hätte sie, wäre es in dieser Zeit in meiner Macht gestanden, stante pede losgelassen.
Eine Negerin, die ebenfalls in Ketten in der Nähe unserer Kaserne arbeitete, hatte ihrem kleinen, etwa ¾ Jahr alten Kinde einen Strick um den Hals gemacht und auf dessen Ende einen Stein gelegt, dass es nicht zu weit herumkriechen konnte. Sie frug mich, als sie mein Mitleid für das arme Geschöpf sah, spasshafterweise, ob ich es kaufen wolle, und verlangte 30 fl. dafür. Mein ganzer Reichthum bestand aber blos aus 10 fl., dem während der Reise verdienten Sold, der uns am ersten Morgen ausbezahlt worden war, und so musste ich zur grossen Belustigung meiner Kameraden, die wohl wussten, dass die Negerin ihr Kind nicht verkaufen konnte, bedauern, diesen so vortheilhaften Handel aufgeben zu müssen.
Das Geld, das wir erhalten hatten, wurde von den meisten in der Schenke durchgebracht. Andere kauften Hemden und Hosen, um daran keinen Mangel zu haben.
Von den benachbarten Pflanzungen brachte man täglich die verschiedenartigsten Früchte in das Fort, und ich verwendete einen grossen Theil meiner Baarschaft daran. Da es nicht erlaubt war, aus dem Fort zu gehen, so kletterten wir über Gräben und Pallisaden, um die benachbarten Plantagen zu besuchen. Meine Neugierde kannte keine Grenzen.
Den ersten Ausflug machte ich mit einigen Kameraden auf die Zuckerpflanzung Soelen, die am Comewyne etwa eine halbe Stunde von Forteress liegt.
Bei jedem Schritte überraschte mich etwas Neues, Niegesehenes; bald waren es Krabben, die in den Löchern des Dammes ihre Schlupfwinkel hatten und ihre Scheeren drohend aufhoben, wenn man ihnen zu nahe kam, bald grosse Eidechsen, bald prächtige Schmetterlinge; besonders auch die Menge von Aasgeyern, die gar nicht scheu waren, überall herumsassen und kaum aus dem Wege gingen, oder in ungeheurer Höhe, scheinbar ohne alle Bewegung, in der blauen Luft herumkreisten.
Durch die Bananenfelder, welche die Kost für die Neger des Fortes liefern, kamen wir bald in einen schönen, breiten Waldweg, wo ein mit Blüthen übersäeter Cactus grandiflorus(?) stand, der den herrlichsten Geruch aushauchte.
In der Entfernung sah man die weissen Gebäude der Pflanzung Soelen liegen, zu der eine breite Allee von Apfelsinen und Pompelmusen führte. Diese Bäume hingen voll von reifen Früchten, und wir brachen ab, so viel wir zu tragen im Stande waren. Wir besahen das Kochhaus und die Mühle, die uns aber wenig interessirten, und verliessen, mit Früchten beladen, den Platz.
Es kann seyn, dass der häufige Genuss von Südfrüchten den Neuankommenden schädlich ist; bei mir schien diess aber nicht der Fall zu seyn; denn obschon ich zuweilen mehr als 20 Apfelsinen täglich ass, blieb ich doch stets gesund. Ich lebte während meines Aufenthaltes auf Forteress beinahe ganz von Früchten, Zucker und Eiern, während Mancher, der mir in der besten Absicht dieses abrieth, gerade an der entgegengesetzten Lebensweise unterlag.
Unsere Ausbeute von Früchten munterte unsere Kameraden zu ähnlichen Excursionen auf, bis diese endlich zu den Ohren des Kommandanten kamen und strenge verboten wurden.
Zweiter Abschnitt.
Ankunft in Paramaribo. Das Fort Zelandia. Die Stadt. Oeffentliche Gebäude. Inneres der Privathäuser. Kaufleute und Kaufläden. Gewichte, Maase, Geld. Lebensweise der Militärs und Einwohner. Die Jugend. Die Pflanzungen. Holzfällereien. Leben auf den Pflanzungen. Die Verwalter oder Direktoren. Die Blankofficiere. Die Negersklaven, ihre Arbeiten und Behandlung. Religion. Einfluss der Herrnhuter. Tänze. Krankheiten.
Den 1. Februar 1836 wurden wir in einem Matrosenpont[1] nach unserem Bestimmungsorte, dem Forte _Zelandia_, gebracht. Schöne Zucker- und Kaffeepflanzungen säumten auf beiden Seiten den breiten Strom, der vor der Stadt sich plötzlich südwestlich dreht und eine grosse Bucht (Hafen) bildet.
Eine Menge Landhäuser, an welche noch die letzten Pflanzungen grenzen, machen die Vorstadt Combé aus.
Auf der Ecke, welche durch die schnelle Krümmung des Flusses entsteht, steht das Fort Zelandia auf einem Muschelfelsen. Es hat nur wenige Batterien, ist unregelmässig gebaut und von der Stadt durch den Gouvernements-Platz und einen etwa 60' breiten Graben, der sein Wasser aus dem Strom erhält, geschieden. Eine grosse Kaserne von Backsteinen, das Quartier vom Bataillon Jagers Nr. 27, erinnert an die guten und reichen Tage der Colonie, in welchen man noch so solid bauen konnte. Die Officiere haben seit dem Jahr 1839, in welchem ein grosses hölzernes Gebäude, das sie gemeinschaftlich bewohnten, niedergerissen wurde, eigene, nette Häuser, die nach _einer_ Form in demselben Jahr erbaut wurden. Im Forte selbst steht das Binnenfort, mehrere steinerne Gebäude, die, mit einer Mauer umgeben, einen kleinen Platz einschliessen, wo die verschiedenen Gefängnisse für Militär- und Civilverbrecher, sowie auch für die bösen Schuldner sind, die ihre Creditoren nicht zahlen wollen oder können. Auf dem Platze selbst werden die Neger, welche man nachdrücklich züchtigen will, durch Peitschenhiebe oder Stockschläge abgestraft.
Ausser der Kaserne für die hier garnisonirende Artillerie ist im Binnenfort das Pulvermagazin und ein Signalposten, der durch den auf der gegenüberliegenden Seite des Stromes sich befindlichen Telegraphen der Pflanzung Jagdlust mit dem Forte Amsterdam correspondirt, wodurch man die Ankunft der Schiffe in der Mündung des Stromes sogleich erfährt.
Die Stadt selbst, welche etwa 100 Schritte von der Barrière des Fortes anfängt, ist ganz ohne Mauern und besteht grösstentheils aus breiten Strassen, welche zwar ungepflastert sind, aber, da sie aus Muschelsand bestehen, auch bei den heftigsten Regengüssen nach ein paar Stunden wieder trocknen; die meisten sind auf beiden Seiten mit Orangebäumen bepflanzt.
In den längs des Stromes oder nahe bei demselben laufenden Strassen sind die Häuser enge bei einander, und nur selten durch Gärten von einander geschieden. Mit Ausnahme weniger, von Backsteinen aufgeführter Häuser sind alle von Holz; sie ruhen auf einem 1-2' hohen, von Backsteinen aufgeführten Gemäuer. Läden und Thüren werden grün bemalt, das andere aber ist perlenfarbig angestrichen. Sie sind mit Schindeln (Singels) aus inländischem, hartem Holze bedeckt; jedoch muss seit dem grossen Brande im Jahr 1832 jedes neue Haus mit Ziegeln oder Schiefer bedeckt werden. Glasfenster sind wegen der Hitze wenig im Gebrauche; man hat dafür Jalousien oder Sassineten von Gaze.
In den entfernteren Stadttheilen ist beinahe bei jedem Hause ein Garten, von dem man aber meistens wenig Gebrauch macht; diese Gärten sind mit einander durch Hecken von Limonen verbunden. -- Küchen und Abtritte sind vom Wohnhause abgesonderte Gebäude; meistens befinden sich auch noch Häuser für Sclaven, sowie Magazine auf dem Hofe. Jedes Haus hat zwei Thüren an der Strasse; die eigentliche Hausthüre ist für Weisse, die andere, Negerpoort, an welche man durch den Hof gelangt, für Sclaven und ärmere Leute bestimmt.
Verschiedene Canäle, welche ihr Wasser aus dem Strom erhalten, durchschneiden die Stadt. Zwei Vorstädte heissen Combé und die Freicolonie, welche letztere meistens von freien Farbigen bewohnt wird, die, als sehr faul, auch sehr ärmlich leben.