Part 18
Wegen der vielen Klippen, welche sich am Ufer des Stromes befinden, waren wir genöthigt, in der Mitte desselben zu fahren; auch hatten wir alle Hoffnung, noch unter Dach zu kommen, aufgegeben. Endlich hatte der Kleine seinen Rausch ausgeschlafen; er betrachtete die Ufer, zu deren Erkennung ein Paar Eulenaugen nöthig waren, und versicherte uns, dass nicht weit von hier auf der holländischen Seite ein paar Hütten oder Kampen sich befänden. Wir pagaiten munter darauf los und sahen bald durchs Gesträuch den Schein von Feuer blinken. Der Kleine blies, worauf wir sogleich durch geblasene Antwort erfuhren, dass zufälligerweise Indianer, welche nach Armina wollten, ihr Nachtquartier hier aufgeschlagen haben.
Bald erreichten wir die Hütten, nachdem wir vorher wohl hundert Schritte hatten durch den überschwemmten Wald fahren müssen. Ich war jetzt von Herzen froh, traktirte reichlich mit Schnaps, wofür der beste Platz einer Hängematte mir eingeräumt wurde.
So schliefen wir herrlich; mehrere aber wurden von Fledermäusen gebissen.
Des Morgens fuhren wir nun in Gesellschaft zusammen, immer das holländische Ufer entlang, und hatten wegen der reissenden Strömung eine langsame und beschwerliche Fahrt. Das Wetter war trübe. Gegen 10 Uhr erreichten wir die Ecke, welche der Strom dadurch bildet, dass sein südwestlicher Lauf plötzlich ein nordwestlicher wird.
Die grosse Bucht, an welcher der Posten liegt, lag vor uns. Die zahllosen Klippen, Bänke und Inseln, welche dieselbe ausfüllen, waren alle überschwemmt und während die vielen Cascaden und Fälle in der Trockenzeit ein betäubendes Getöse verursachen, hörte man nun nichts, als das sachte Murmeln des mit reissender Schnelligkeit dahinströmenden Wassers.
Etwas unterhalb ist der Landungsplatz der für den Posten bestimmten Güter und ein breiter Weg führt in einer halben Stunde nach Armina. In der Trockenzeit, wenn die Klippen bloss liegen und Cascaden und Wasserfälle die Fahrt nach Armina hemmen, wird Alles hier ausgeladen und dann weiter gerollt oder getragen. Jetzt war selbst der Weg überschwemmt und wir fuhren bis zum Posten, den wir gegen Mittag erreichten.
Die Haushälterin empfing mich und meine Riechfläschchen sehr artig und ich fand bei ihr einen kleinen Laden eingerichtet, in dem gar manche Gegenstände zur Schau stunden, die man mir oder den Soldaten auf dem Posten abgeschwatzt hatte.
Von allen Soldaten, die übrigens an jedem Kommandanten, und wäre es unser Herrgott selbst, etwas auszusetzen haben, hörte ich klagen über den hier herrschenden Handelsgeist; die den Soldaten unnöthigsten Dinge und Leckereien, die allemal noch vom Strandsegen übrig waren, wurden auf Krämerweise angepriesen. So wurden getrocknete Zwetschgen und Aepfel für den Fall einer Krankheit für 2 fl. die Flasche den Soldaten angeschwatzt, die natürlich der Käufer in einer halben Stunde mit dem besten Appetit aufass. Ja man verkaufte selbst Nachtgeschirre, ein Luxusartikel, den mancher erst bei dieser Gelegenheit gebrauchen lernte.
Man muss sich freilich wundern über den Leichtsinn der Soldaten, die für solche unnöthige Bagatellen ihren Sold ausgeben, den der Kommandant jeden Monat für seine gelieferten Waaren einstrich, während mancher im Besitze eines Nachttopfes war, oder seinen Sold für holländische Leckereien oder kölnisches Wasser, das einige nur desswegen kauften, um es als _Schnaps_ zu trinken, missen musste, und dabei beinahe keine Hosen hatte, um auf die Wache zu ziehen.
Das ganze Detachement stand freilich auf einer sehr niederen moralischen Bildungsstufe, und die Behandlungsweise des Kommandanten war nicht geeignet, dieselbe zu heben.
Arbeit, auf welche der frühere Kommandant, das Gegentheil vom jetzigen, so sehr gesehen hatte, wobei der Soldat Feldfrüchte aller Art im Ueberfluss baute, seinen Sold sparen und seine Kiste mit Kleider füllen konnte, war ganz aus der Mode gekommen; denn man konnte ja Alles bei dem Kommandanten oder der Haushälterin kaufen. War nun ein leichtsinniger Kerl dem Kommandanten seinen Sold von drei und vier Monaten voraus schuldig, so wollte man natürlich nicht mehr borgen. Gleichwohl befürchtete man unangenehme Raisonnements und schickte desswegen solche zur Gesundheit nach meinem Posten, wo sie zerlumpt ankamen und bei ihrer kärglichen Ration Noth gelitten haben würden, wenn ich ihnen nicht hätte Gelegenheit bieten können, sie für Rechnung von Mana (davon später) etwas verdienen zu lassen.
Wegen der grossen Menge Vampyrs war man genöthigt, die ganze Nacht Licht in der Kaserne brennen zu lassen. Die Kerzen hiezu, welche das Gouvernement zum Dienste der Wachen liefert, verkaufte man dem Detachement, das gemeinschaftlich diese Auslage bestritt, um von dem Ungeziefer nicht gebissen zu werden. Daher war es kein Wunder, dass ein kleiner Aufruhr ausbrach, der den Kommandanten nöthigte, vier der ärgsten zu Lande nach dem Posten Gouverneurslust abzuschicken, wo sie vom Flügelkommandanten bestraft wurden. Ich besuchte, da sich das Wetter etwas aufheiterte, den grossen Mamabum und fuhr des andern Tages um 9 Uhr mit einigen Boschen Bananen von Armina ab.
Mit reissender Schnelligkeit ging die Fahrt stromabwärts. Da das Wetter hell war, so sah ich im Süden die Gebirge, welche am Tapanahoni liegen und wie ein blauer Dunst über die Wälder hervorragten.
Nachts 9 Uhr kam ich, ganz durchnässt von heftigen Regengüssen, wieder auf meinem Posten an.
Den 6. Mai kam der Schooner mit den erwünschten Lebensmitteln und der Kommandant reiste, nachdem er diese in Empfang genommen hatte, wieder nach Armina zurück.
Die vier Eigenthümer des Wracks luden alles Eisen, Kupfer, Tauwerk u. s. w., was noch von einigem Werthe für sie war, auf den Schooner und fuhren mit demselben nach Paramaribo ab. Mir boten sie das entmastete Wrack zum Kaufe an und gleichsam zum Spass wurden wir um 8 fl. handelseinig.
Jetzt glaubte ich für einige Zeit Ruhe zu haben; denn die Lebensmittel waren für sechs Monate zugleich gekommen und das geleerte Wrack konnte meinen Kommandanten nicht mehr reizen, mich mit Extrabesuchen zu beehren. Wiewohl ich das Wrack eigentlich nur zum Spasse gekauft hatte, hoffte ich dennoch nach näherer Besichtigung Vortheil daraus zu ziehen.
Unter den Soldaten hatte ich einen alten Kupferschmied, der, obwohl ein Erztrunkenbold, durch sein Handwerk doch von grossem Nutzen für mich war.
Gleich beim ersten Besuche an Bord fanden wir das Steuerruder, von dem wir die metallenen Nägel und Ringe, sowie die grossen gegossenen Hacken abschlugen. Blei und Eisen wurde ebenfalls nicht verachtet und um letzteres zu bekommen, steckten wir das Vordertheil des Schiffes in Brand, wodurch wir mehrere Centner Nägel und Stäbe erhielten, welche zu Hause gereinigt wurden.
Täglich gingen wir zu Viere an Bord, arbeiteten während der Ebbe und fuhren nach Hause, wenn das Wasser wieder zu hoch stieg. Dabei bekam jeder der mir Helfenden 50 Cents und zwei Schnäpse für die Reise, und ich hatte alle Ursache, mit ihrem Eifer zufrieden zu seyn.
Schon längst hatte ich gehört, dass auf der französischen Seite eines benachbarten kleinen Flusses ein Etablissement und ein Nonnenkloster wären, auch gleich in der ersten Zeit meines Hierseyns der Aebtissin geschrieben und sie um die Erlaubniss gebeten, ihr meine Aufwartung machen zu dürfen. Kurze Zeit darauf bekam ich auch eine förmliche Einladung, von welcher ich Gebrauch gemacht hätte, wenn nicht die Menge von Waaren, welche ich zu beaufsichtigen hatte, und die immerwährenden Besuche vom Kommandanten mich davon abgehalten hätten. Da alle diese Schwierigkeiten beseitigt waren, miethete ich zwei Indianer und fuhr in meiner kleinen Corjaal, die ich mit einigen Fässchen Butter und anderen Kleinigkeiten zum Verkauf beladen hatte, dahin ab.
Das Wetter war still und trübe und wir waren mit anbrechendem Tage an der französischen Seite der Marowyne. Eine wohl drei Stunden lange Schlammbank, die bei Ebbe trocken wird, erstreckt sich bis an die Mündung des Amanabo, an dessen linkem Ufer zwei Stunden aufwärts das Etablissement sich befindet. Vom rechten Ufer dieses Flusses aus erstreckt sich ebenfalls eine Bank weit in die See und beide bilden auf diese Weise einen schmalen Canal, durch welchen nicht tief gehende Schiffe einlaufen können. Wir fuhren ganz nahe am Ufer, da man ungeachtet der Fluthzeit die Wirkung derselben beinahe nicht verspürte. An beiden Seiten bildet der Mangrove einen schützenden Wall gegen das Schlagen der Wellen und an seinen zahllosen Zweigen und Ausläufern findet man bei der Ebbe eine Menge der köstlichsten Austern. Aber man muss diesen Genuss durch die Stiche von Millionen Mosquittos theuer erkaufen.
Etwa eine halbe Stunde flusseinwärts fuhren wir unter einem überhängenden Baume durch, auf dem ein prächtiger Jaguar lag, den wir an seinem herabhängenden Schwanze leicht in die Corjaal hätten ziehen können. Ohne sich von der Stelle zu rühren, sah uns das schöne Thier aufmerksam an und wir störten es auch nicht weiter, weil ich kein Gewehr hatte und die Indianer bloss mit Fischpfeilen versehen waren. Erst nachdem wir uns etwa 50 Schritte entfernt hatten, verliess auch er seine Stelle. Endlich gegen 10 Uhr erblickten wir das Zuckerfeld des Klosters und kurz darauf stiegen wir nahe am Jungfernzwinger ans Land.
Die Aebtissin und mehrere Herren kamen mir entgegen, empfingen mich wie einen alten Bekannten und da man gerade am Essen sich befand, das ganz klösterlich excellent war, so liess ich es mir köstlich schmecken.
=Ma chère mère=, so titulirte man die Aebtissin, war trotz ihres Alters eine sehr lebhafte Dame, so dass ich anfangs Mühe hatte, ihre schnelle Sprache zu begreifen und gehörig zu beantworten. Sie war die Stifterin des Ordens des soeurs de St. Joseph de Cluny, einer Congregation, die aus Nonnen besteht, welche sich meist dem weiblichen Unterrichte widmen und theils in Frankreich selbst, theils in den französischen Besitzungen in Ost- und Westindien und in Afrika zu diesem Zwecke sich aufhalten. Dieses Etablissement hiess Mana und war früher von freien Negern bewohnt, die aber meist durch Verrath und Krankheit weggerafft wurden.
Das französische Ministerium hatte diejenigen Neger, welche nach Schliessung des Tractats wegen Abschaffung des Sklavenhandels noch aus Afrika in Cayenne eingeführt wurden, frei erklärt, um sie aber von der Sklavenbevölkerung zu trennen, nach dem abgelegenen Mana gebracht, wo sie der Leitung dieser Madame _Javouhey_, Generaläbtissin, übergeben wurden. Ansehnliche Summen waren zu diesem Zweck bewilligt worden und das Etablissement Mana war gewissermaasen eine für sich selbst bestehende und von Cayenne beinahe unabhängige Colonie. Die Neger, etwa 600-700 Köpfe stark, bauten das Land und lieferten ihre Produkte, die in Erdfrüchten, als: Reis und Maniok bestanden, ins Magazin des Klosters ab, wo man sie ihnen theils mit Waaren, die sie nöthig hatten, theils mit Geld bezahlte. Ein grosser Theil der männlichen Bevölkerung fällte für Rechnung der Congregation Bau- und Möbelholz, das an den Ufern des Amanabo leicht und von vorzüglicher Güte zu bekommen war.
Ausser der schwarzen Bevölkerung befanden sich hier mehrere weisse Handwerker, ein Doctor, einige Intendanten, zwei Priester und etwa eilf Nonnen. Letztere mussten verschiedene Geschäfte verrichten; einige waren in der Kirche, andere im Hospital angestellt. Einige gaben den Kindern Unterricht, während andere im Garten, in der Bäckerei oder Zuckermühle die Aufsicht führten.
Das Kloster selbst hat bedeutende Aecker, die mit Zucker, Caffee, Bananen u. s. w. bepflanzt sind und von den Negern unter Aufsicht der Damen bearbeitet werden. Ein grosses Magazin, das mit Allem, was die Bevölkerung betraf, reichlich versehen ist, zieht so zu sagen Alles an sich, was die Neger verdienen und scheint der Congregation mehr abzuwerfen, als das ganze Etablissement dem französischen Ministerium. Die Nonnen sind meist bejahrte Damen und geborne Französinnen. Wiewohl sie in einer kirchlichen Uniform stecken, denken sie doch tolerant und ich zweifle, ob man etwaige Sünderinnen einmauern würde.
Ein Militär-Posten lag früher auf Mana, wurde aber eingezogen, weil Nonnen und Soldaten nicht gut harmoniren konnten.
Das Etablissement liegt am linken Ufer des Flusses auf einer sandigen Fläche, die bis an die Marowyne sich ausdehnt und grosse Sümpfe enthält, die selbst in den grossen Trockenzeiten schwer zu passiren sind. Die Häuser sind von Holz, und die Zwischenräume der Balken werden mit einem in Latten gespaltenen und sehr biegsamen Holze (bois golette) verflochten, sodann mit Lehm beworfen, auf welchen Kalk aufgetragen wird. Die Dächer sind wie in Surinam mit Schindeln bedeckt. So zweckmässig diese Bauart auch ist, so stehen doch die Häuser auf Mana den unsrigen an Zierlichkeit und Bequemlichkeit bei weitem nach. Ein grosser Hauptfehler, den man einem so gebildeten Volke gar nicht verzeihen kann, ist der Mangel an Abtritten. Man geht ganz ungenirt ins Freie, legt ab, was man nicht mehr tragen will, ob Leute in der Nähe sind oder nicht. Man denke sich nun die Verlegenheit eines Fremden, der in einer so ungraziösen Sitzung von einer Klosterfrau überrascht wird und doch aus Höflichkeit »bon jour ma soeur« sagen und mit der Hand die Mütze ziehen muss! Selbst in Cayenne herrscht dieser Mangel; doch hat man da eigene Kübel in der Küche, dem passendsten Orte, den man in einem so heissen Klima hiezu auswählen kann! Auch das Innere der Häuser ist sehr einfach und lässt sich mit dem der unsrigen nicht vergleichen. Die Küche ist überall excellent und da man isst, was der liebe Gott für die Flinte schickt und die lächerlichen Vorurtheile Surinams nicht kennt, so fehlt es beinahe nie an frischem Fleisch. Affenfricassées und Faulthiercarminaden werden von Jedem gegessen und sind wirklich excellente Speisen. Die Mahlzeiten werden um 10 und 4 Uhr gehalten; Wein und Brod darf dabei nicht fehlen.
So wie die gesammte Bevölkerung Surinams beinahe ausschliesslich von Bananen lebt und diese jeder andern Kost vorzieht, so ist hier das Mehl des Maniok, Qouak oder Tapioca genannt, das Hauptnahrungsmittel. Die Bereitung dieser nährenden und sehr zweckmässigen Speise, die viele Aehnlichkeit mit Sago hat, ist sehr einfach. Die Wurzel wird zerrieben und ausgepresst, die noch etwas feuchte Masse zerbröckelt und durch ein Menari oder Sieb auf eine kesselartig eingemauerte, heisse eiserne Platte gestreut, unter welcher Feuer unterhalten wird. Dieses Mehl wird nun einige Male umgerührt, um nicht festzubacken, und weggenommen, wenn es sich bräunt; dann wird anderes an seine Stelle gethan. Um den Qouak zu essen, wird er mit Fischbrühe oder andern Saucen befeuchtet, wodurch er wie das Cassavebrod anquillt.
Ein Schooner, der ebenfalls den Schwestern gehört, bringt die Erzeugnisse Manas monatlich nach Cayenne und holt dort alle anderen Lebensmittel und Bedürfnisse ins Magazin.
Die von mir mitgebrachten Sachen hatte ich gegen Hemde und Hosen, die wir alle sehr nöthig hatten, vertauscht.
Ein paar Backsteine und Ziegel, deren das Wrack noch 70,000 inne hatte, zeigte ich zur Probe der Aebtissin, in der Hoffnung sie werde mir das Wrack abkaufen. Hiezu schien sie auch nicht abgeneigt zu seyn; denn sie versprach mir, einen Sachkundigen zu schicken, der untersuchen solle, ob sich die Ziegel ausladen und transportiren liessen.
Abends 5 Uhr fuhr ich wieder ab. Das Wetter war trübe und kein Lüftchen kräuselte die Oberfläche des Flusses, dessen Mündung wir schon mit dem Dunkel erreichten. Der junge Indianer, den ich bei mir hatte, war eingeschlafen und sein Vater steuerte. Es war so finster, dass wir das Land nicht sahen, besonders auch, weil wir wegen der Bank weit von demselben entfernt bleiben mussten. Erst am Sandgrund, über den wir fuhren, erkannten wir, dass wir nahe an der Marowyne wären. Die Soldaten, welche mich zurückerwarteten, hatten als Leuchte für mich ein grosses Feuer unterhalten, das wie ein Stern über den breiten Strom schimmerte und uns die Richtung zeigte. Wir konnten desshalb nicht irren und langten wohlbehalten zu Hause an.
Gleich den andern Tag setzten wir unsere Arbeit am Wrack fort und glücklicherweise gelang es uns, die Poort (eine Art Thüre von 3' Breite und Höhe, wodurch man Holz und andere lange Stücke einladet und die, wenn das Schiff geladen ist, sorgfältig verschlossen und verstopft wird) zu öffnen und so mit der Corjaal ins Schiff selbst hineinfahren zu können.
Alles, was uns im Wege lag, wurde auf diesem Wege hinausgeschafft. Die Rudera von unzähligen Kisten und Erdäpfelkörben, nebst leeren Fässern bedeckten bald die umliegenden Sandbänke und wurden mit der Fluth in die Nähe unseres Postens gespült, wo sie uns zur Unterhaltung von Wachtfeuern dienten.
Wenige Tage nach meiner Zurückkunft von Mana kamen zwei Franzosen mit vier Negern an, um im Auftrag der Aebtissin das Wrack zu besehen. Wir fuhren zusammen dahin. Es war gerade sehr niedere Ebbe, daher die Zeit geschickt, den Schlamm im Schiff zu durchsuchen. Einer der Soldaten, der ein geschickter Taucher war, hatte ein schweres Fässchen entdeckt, das wir mit Mühe aus dem Schlamm hervorholten. Es war ein werthvoller Fund; denn es enthielt Nägel, die besonders auf Mana sehr gesucht waren. Unter dem ersten lag ein zweites, und nach und nach brachten wir deren 17 ans Tageslicht, von denen jedes 50 Pfund wog. Da wir nur einen kleinen Theil der gefundenen Fässchen mitnehmen konnten, so legten wir die übrigen auf den höchsten Theil des Wracks, die Cajütskappe, welche selbst bei einer Springfluth nicht ganz unter Wasser gesetzt wurde.
Mittags reisten die Franzosen wieder nach Mana zurück, nachdem sie mich versichert hatten, dass die Aebtissin mir das Wrack abkaufen werde. Diess war in der That auch für sie höchst vortheilhaft; denn bei eifriger Arbeit konnte man noch viele Bretter und Balken abbrechen und Steine und Kalk waren bei niederer Ebbe ganz leicht zu bekommen. Weil nun überdiess um diese Jahreszeit wenig Wind wehte, so war auch Alles leicht nach Mana zu transportiren. Alles dieses sah die Aebtissin eben so gut ein, als ich, und es währte desshalb auch keine zwei Tage, bis das Boot von Mana wieder zurückkam. Mit diesem kamen der Neffe der Aebtissin und der Intendant des Etablissements, um den Kauf mit mir abzuschliessen. Wir kamen dahin überein, dass ich um die Summe von 500 Frcs. das Wrack an die Congregation überliess, dass aber Alles, was ich bis jetzt abgeholt hatte, nicht im Kaufe eingeschlossen sey, sondern noch besonders bezahlt werden müsse. Einer der Herren, welche früher das Wrack untersucht hatten, blieb nun bei mir, um die Arbeiten der Neger und den Transport zu beaufsichtigen.
Ich hatte nun wieder mit einem verständigen Manne zu thun, der mir um so angenehmer war, als ich mich im Französischen tüchtig üben konnte. Hr. M., so hiess mein Gast, war ein Mann von 40 Jahren, sehr lebhaften Temperaments und kein Weinverächter. Er war verheirathet, seine Familie blieb aber auf Mana zurück. Es fand jetzt eine ununterbrochene Verbindung mit diesem Platze statt.
Einige Neger waren beständig damit beschäftigt, bei der Ebbe die Backsteine und Kalkfässer aus dem untern Raume aufs Verdeck zu bringen, während grössere Boote sie nach Mana brachten. Alles, was von Metall am Wrack war, wurde abgebrochen und sammt den noch brauchbaren Balken und Brettern mitgenommen.
Da man bloss periodisch arbeiten konnte, so hatten die Leute viel freie Zeit und ich fand an Hrn. M. einen angenehmen Gesellschafter. Leider aber wurde ihm seine Arbeit durch viele unangenehme Nachrichten aus Mana entleidet. Die Aebtissin, welcher die Arbeiten zu lange dauern mochten, machte ihm Vorwürfe darüber, und Zeichen von Misstrauen, die sie verschiedene Male gegeben hatte, erregten seinen Unwillen aufs Höchste. Er beschloss desshalb, selbst nach Mana zu gehen, um sich persönlich zu vertheidigen. Da ich weder Lieutenant noch Schooner zu erwarten hatte, so entschloss ich mich, ihn dahin zu begleiten, und wir fuhren den 20. Juni, an einem Sonntag, dahin ab.
Im Canot sass ausser ihm und mir noch ein Soldat meines Postens und ein Neger.
Ermüdet und von der Sonne verbrannt, kamen wir Abends nach 6 Uhr auf Mana an.
Die Aebtissin spazierte mit zwei Nonnen am Flusse auf und ab, und kam, als sie unser Boot bemerkte, an den Landungsplatz, um uns zu bewillkommen. Kaum aber hatte Hr. M. sie erblickt, als er, ohne ihren freundlichen Gruss zu erwidern, seinen Pagaal aus dem Canot nahm und ihr denselben vor die Füsse warf mit den Worten: Sehen sie nun selbst, ob etwas von dem Wracke Gestohlenes darin ist. Die Dame, dadurch höchst indignirt, fasste sich augenblicklich über diesen unerwarteten und brutalen Gegengruss und sagte: Wenn Sie, Hr. M., auch meinen Rang nicht achten, so wären Sie doch meinem Alter mehr Höflichkeit schuldig. So sprechend, grüsste sie mich freundlich, und setzte dann ihren Spaziergang fort.
Es that mir leid, Zeuge dieser Scene gewesen zu seyn, da ich eine traurige Figur dabei spielte. Später erfuhr ich, dass dergleichen Complimente auf Mana gar nichts Seltenes wären. M., der im Dienste der Aebtissin stand, verständigte sich am andern Morgen wieder mit ihr.
Während er nun seine Geschäfte besorgte und die Aebtissin in der Frühmesse war, ging ich ausserhalb des Dorfes in den Ländereien des Klosters umher. Man hatte hier früher Rockou oder Orlean (bixa orelana) bereitet und eine vierfache Allee dieser Bäume zog sich längs der Kartoffelfelder hin. Sie standen eben in voller Pracht da, mit Blüthen und Früchten bedeckt. Etwa 10' hoch, gleichen sie vollkommen den Aprikosenbäumen. Ihre purpurrothen, mit weichen Stacheln bedeckten Früchte und ihre grossen, weissen Blumen nehmen sich wunderschön aus.
Im französischen Guyana bestehen noch viele Rockou-Pflanzungen und da die Bereitung dieser Farbe einfach ist und wenige Maschinen und Manipulationen dabei nöthig sind, so wäre es auch für unsere Colonie ein Culturzweig, wobei kleinere Effecte besonders gut stehen würden.
Zucker und Caffee wird hier ebenfalls gepflanzt. Ersteres Produkt wird auf einer kleinen, durch Maulesel getriebenen Mühle gemahlen und aus dem Schaume Tafia (Zuckerbranntwein) destillirt.
Für die Caffeebäume scheint hier das rechte Land zu seyn, denn obwohl sie ganz ohne Schatten waren und bei weitem nicht so gut angepflanzt schienen, wie bei uns, brachen sie beinahe unter der Last ihrer Früchte. Der Reis ist, wiewohl nicht so schön weiss, wie der unsrige, viel billiger und von nahrhafterer Sorte.
Der Vormittag ging unter Besuchen und Einkäufen schnell vorbei und wir verliessen gegen Mittag Mana wieder.
Von M. hatte ich einen hübschen Affen zum Geschenke erhalten und die Aebtissin gab mir etwa zwanzig Ananas mit. Ueberdiess war die Corjaal mit allerlei Waaren, als Hemden, Wein, Seife u. s. w. beladen. Da wir auf Wind hofften, hatte ich meine Hängematte an einen kleinen Mast befestigt und so gerüstet fuhren wir ab. Es blieb aber die Luft zu unserem Leidwesen todtstille und die See war spiegelglatt. Durch Pagaien kamen wir jedoch bald an die Mündung der Marowyne. Das Wetter war trübe und schwarze Wolken hingen drohend im Osten. M. meinte, es wäre besser, mit der Ueberfahrt so lange zu warten, bis das Ungewitter vorüber sey; aber da diess lange zu dauern schien, so bestand ich auf alsbaldiger Abfahrt. Ein leichtes Windchen schien uns sehr zu Statten zu kommen; die Hängematte wurde desswegen gut befestigt und wir fuhren ab.
Rasch ging es vorwärts, während das Windchen bald zu einem Sturm anwuchs. Grosse Wellen erhoben sich und pfeilschnell flog die Corjaal über den Strom hin. Leider war aber der Mast zu schwach, um die Gewalt des Sturmes auszuhalten. Er brach und im Nu überschütteten uns die Wellen, so dass das leichte Fahrzeug sich umkehrte und wir mit allem Schwereren sanken.