Part 16
Ist nun endlich die ganze Haushaltung: Menschen, Affen, Hunde, Papagayen, Hühner und Schildkröten im Boote, so setzt sich der Eigenthümer desselben gravitätisch an's Steuer, und die Männer blasen auf ihren Pfeifen, dass man Ohrenweh bekommt; alsdann fährt man ab.
Da man die Zeit sehr wenig schätzt, so gehen solche Reisen manchmal sehr langsam von statten. Ist es stilles Wetter, so schiessen die Männer auf jeden auftauchenden Fisch, und an der ersten besten, günstigen Stelle wird angehalten und gekocht. Da die Küste sehr nieder ist und mit jeder Fluth überschwemmt wird, so sind sie häufig genöthigt, ihre Mahlzeiten im Boot zu bereiten. Man holt dann grosse Stücke schlammigen Lehms aus dem Wasser, breitet dieselbe in der Corjaal aus, und macht hierauf das Feuer an.
Manchmal werden auch in den niedrigen Zweigen der Parcagesträuche Holz und Lehm so hoch aufgethürmt, dass sie das Wasser nicht erreichen kann; kommt nun die Fluth, so geschieht es nicht selten, dass eine Welle Feuer und Topf fortspült, und man mit hungrigem Magen weiter ziehen muss. Daraus macht sich aber der Indianer nichts, und man muss sich darüber wundern, dass Hunger und Durst ihn wenig aus seiner guten Laune bringen. Ich bin manchmal mit Indianern gereist, die 12 Stunden hintereinander kräftig pagaiten, während dieser Zeit nichts genossen, und doch immer lustig und aufgeräumt waren. Bei den stärksten Drohungen würde ein Neger diess nicht thun, und man findet selten Neger, welche eine Fluth (6 Stunden) rudern, ohne etwas genossen zu haben.
Hat man nun die Pflanzungen erreicht, so wird beinahe Alles für Branntwein vertauscht, und selten bringen sie nützliche Dinge, als: Zeuge, Beile, Messer u. s. w. in ihre Heimath zurück. In Paramaribo verweilen sie bloss einige Tage, begaffen das ihnen Ungewohnte ohne besondere Theilnahme und laufen meist betrunken in der Stadt herum.
Mit Dram, Melassin und etwas Salz betreten sie den Rückweg, der, weil ihnen nun Wind und Strömung entgegen sind, viel schwieriger ist, als die Herreise. Hier hilft nun kein Segel, man muss pagaien und fährt desshalb auch meist nach Mitternacht, wenn der Wind sich gelegt hat und die See stiller ist. Den Tag über liegt man an einer ruhigen Stelle vor Anker, d. h. an einem in den Boden befestigten Stock. Das Ankertau ist gedreht aus dem Baste des zum Geschlecht der Hibiscus gehörigen Strauches Maho, der am sandigen Ufer wächst; es entspricht seinem Zweck auf kürzere Zeit vollkommen.
Ist man des Pagaiens müde, so laufen die Männer wohl halbe Tage lang im Wasser und ziehen die Corjaal fort. Hat man das sandige Ufer der Mündung erreicht, so wird bei Ebbe das Fahrzeug an einem langen Tau durch zwei oder drei Männer gezogen, während einer am Steuer sitzt und dafür Sorge trägt, dass das Fahrzeug sich nicht zu sehr dem Lande nähert.
Bei der Ankunft im Dorfe wird natürlich bestialisch getrunken; doch finden sich noch immer einige im Dorfe, die abwechselnd nüchtern sind.
Man sieht dann allenthalben tolle Lustbarkeiten und Schlägereien, und es ist für einen Nüchternen allerdings interessant, den Einfluss des Drams auf die verschiedenen Gemüther zu beobachten. Man sieht häufig in derselben Hütte die Weiber sich an den Haaren herumzerren und mit Feuerbränden das Fell vergerben, Männer mit Hauern sich oft gefährliche Wunden schlagen, total Betrunkene auf dem Boden liegen, und Halbbetrunkene in ihren Hängematten ein Lied auf der Flöte herheulen.
Zu dieser Musik kommt noch das Geschrei der Betrunkenen (denn so stille und geräuschlos der Indianer im nüchternen Zustand ist, so lärmend und polternd macht ihn die Betrunkenheit), das Zetergeschrei der Kinder, das Gekreisch der Papagayen, das Gekläff der Hunde, die aus einem Winkel in den andern flüchten, und das Gewinsel der Affen. Da jedes männliche Individuum, das die Reise mitmachte, seine Waaren selbst vertauscht und nichts gemeinschaftlich hat, so traktirt nun auch jeder seine Freunde insbesondere, so dass der Vorrath von Dram, sey er auch noch so gross, in wenigen Tagen getrunken ist.
Im Rausche vorgekommene Injurien und Schlägereien werden, wenn sie auch von noch so arger Art waren, nachher nicht mehr beachtet und bleiben vergessen auf die einfache Entschuldigung hin: Ich war betrunken; damit ist allem Processiren ein Ende gemacht.
Ein anderes Vergnügen eigenthümlicher Art sind ihre Tänze, bei welchen man sie recht in ihrer Nationalität, unvermischt mit andern Sitten, beobachten kann. Diese Tanz- oder vielmehr Trinkbelustigungen werden theils von einzelnen Familien, die einen ziemlichen Vorrath an Cassave haben, oder vom ganzen Dorfe, wobei dann jede Familie das Ihrige beiträgt, veranstaltet. Ist der Tag, an welchem ein Tapanafest begangen werden soll, bestimmt, so wird durch die Weiber eine hinlängliche Menge Maniokwurzeln vom Acker geholt. Diese werden nun auf Brettchen, welche Simari heissen, und in welche spitzige, harte Steinchen dicht nebeneinander eingeschlagen sind, so dass sie die Stelle der Reibeisen vertreten, zerrieben[1].
Der hierdurch entstandene Brei wird in einem Madappi ausgepresst, und das nun von seinem giftigen Safte befreite Mehl etwa zollhoch auf grossen, runden, eisernen Platten, unter welchen ein Feuer brennt, ausgebreitet[2]. Das noch etwas feuchte Mehl klebt durch die Hitze zusammen und es entsteht ein Kuchen, welcher umgedreht wird, wenn er auf der einen Seite gebacken ist. Zum gewöhnlichen Gebrauch werden diese Kuchen bei mässigem Feuer gebacken, um das Anbrennen zu verhüten; zum Tapanatranke aber werden sie absichtlich der Hitze so lange ausgesetzt, bis sie auf beiden Seiten verbrannt sind.
Der Saft der Maniokwurzel, der, wie ich schon früher bemerkte, giftig ist, wird etwa auf die Hälfte eingekocht und dadurch unschädlich gemacht. Man vermischt diese Brühe mit den schwarzgebrannten Broden und lässt das Ganze ein bis zwei Tage lang gähren. Inzwischen haben nun die Männer in die beste und grösste Hütte des Dorfes eine sauber gewaschene Corjaal gebracht, und sie mit Wasser angefüllt, damit in ihr das köstliche Getränk gebraut werden kann.
Es wird nun eine Menge Cassavebrod an Gross und Klein im Dorfe vertheilt, und Alt und Jung ist damit beschäftigt, dasselbe zu kauen und in Kalabassen auszuspucken, welche sie zu diesem Zweck bei sich haben. Sind diese voll, so wird das appetitliche Mus in die Corjaal geleert, und von Neuem mit dem Kauen fortgefahren, bis die ausgegebene Quantität zweimal die Kinnladen des Volkes in Bewegung gesetzt hat, um als Trank noch zweimal dieselben zu passiren.
Ist Alles fertig, so wird die Corjaal mit Palmblättern dicht verschlossen, um so schnell als möglich die Gährung zu bewirken.
So eckelhaft auch diese Zubereitung ist, so angenehm und erfrischend schmeckt der fertige Trank, der beinahe den Geschmack von saurer Rührmilch hat, sich aber nicht lange hält, und in grosser Menge genossen ebenso trunken macht, wie das Bier.
Am Morgen des Trinktages sind die Männer meistens mit der Ausbesserung der Wege, welche zu ihrem Dorfe führen, oder mit der Verrichtung sonstiger gemeinnütziger Arbeiten beschäftigt. Gegen Mittag beginnt das Fest.
Jedes hat sich hiezu nach seinem Geschmack und Vermögen herausgeputzt. Die Männer sind, wie ich oben bemerkte, mit Rocou und Tapuriba bemalt und haben ihre längsten und besten Camisen umhängen. Bogen und Pfeile, sowie eine viereckige Keule aus hartem Holze, Abadou genannt, dürfen dabei nicht fehlen. Hiezu kommen noch Colliers von Pakir-, Affen- oder Kaimanszähnen, Federkronen in allen möglichen Farben und eine Unzahl Glasperlen.
Die Weiber und besonders die jungen Mädchen haben sich prächtig herausgeputzt. Ihre Lippen stecken voll Nadeln, die kohlschwarzen Haare sind sorgfältig gekämmt und anstatt der Pommade mit Capatöl beschmiert. Rothe Flecken und Streifen geben den Gesichtern etwas tigerähnliches, und der durch Tapouriba schwarzgefärbte Leib sticht grell gegen die feuerfarbenen, mit Rocu gewichsten Waden ab. Dabei sind sie mit Glaskorallen von allen Grössen und Farben behangen, und nicht selten zieren sie ihren Hals mit Ketten, worin sich alle Arten Silbergeld eingefädelt finden. Ich habe an einer solchen über 100 Franken gezählt.
An den Seiten der Hütte sind lange, plump aus Cedernholz geschnitzte Bänke angebracht, deren Ende Krokodil- oder Tigerköpfe vorstellen. Auf diesen Bänken nehmen nun die Familienhäupter Platz, und die Weiber kredenzen den köstlichen Trank in Kalabassen oder irdenen Schüsseln. Mehrere Weiber und Mädchen umfassen sich mit den Armen und bilden einen Halbkreis um den, welchem sie den Trank bringen. Nach einem jämmerlichen Gesang biegen sie taktmässig die Kniee und den Oberleib, ohne übrigens von der Stelle zu kommen, und singen nun in einem wehklagenden Ton einige Dutzend Male denselben Vers. Hat der damit Beehrte getrunken, so kommt die Reihe an einen andern. Grosse Trommeln, mit Hirsch- oder Pakirfellen überzogen, hängen an langen Schnüren von der Decke herab, und werden von jungen Männern nach dem Takte ihrer Lieder, welche ganz dieselbe Melodie, wie die der Weiber haben, geschlagen. Auch sie bewegen sich auf dieselbe Weise, ohne vom Platze zu kommen.
Es ist unglaublich, welche Menge dieses Trankes bei einer solchen Tanzparthie getrunken wird. Sowohl das damit angefüllte Boot, als auch die Töpfe sind des Abends gewöhnlich ausgetrunken. Sind bei einem solchen Gelage hundert Personen, die Kinder mitgerechnet, anwesend, so bin ich überzeugt, dass mehr als zehn Fässer, je 320 Flaschen enthaltend, verbraucht werden.
Hat der Indianer so viel getrunken, dass er die von den Weibern dargebotene Schüssel nicht mehr leeren kann, so erbricht er sich, um aufs Neue trinken zu können. Dieses Vomiren geschieht nicht heimlich; es gehört gewissermasen zum Feste selbst; denn er erhebt sich nicht einmal von seinem Sitze. Der Boden des Tanzhauses gleicht alsdann einer Pfütze, in welcher man bis um die Knöchel im Tapana herumwatet.
Ausser den angeführten Tänzen sah ich bei dieser Gelegenheit einen andern, welchen zwei Männer ausführen. Jeder hat ein aus Thon gemachtes, rothbemaltes Blasinstrument, das zwei aufeinandergesetzten Trichtern gleicht und auf beiden Seiten eine kleine Oeffnung hat, in welche hineingeblasen wird. Unter den sonderbarsten Wendungen und Verdrehungen des Körpers, indem sie sich bald entfernen, bald nähern, auf den Bauch legen, oder auf allen Vieren herumlaufen, endigt sich diese Scene nach etwa einer Viertelstunde unter dem Gelächter der Uebrigen.
Des Nachts ist zwar das Fest beendigt, aber am andern Morgen thut man sich mit dem Ueberrest gütlich, wenn ein solcher noch vorhanden ist.
Einen andern Tanz sah ich mehrere Jahre nachher.
Der Piaiman _Thomas_ war auf einer Reise nach den Pflanzungen plötzlich gestorben, und seine Wittwe gab zur Erinnerung ein Jahr nach seinem Tode eine Tanzparthie.
Ich sah wohl im Hause derselben Cassave backen, Tapana und Casiri zubereiten, aber weitere Vorbereitungen fanden nicht statt. Der Tag wurde wie gewöhnlich beschlossen; einer nach dem andern legte sich in die Hängematte, und man sah nirgends das mindeste Zeichen einer Festlichkeit.
In der grössten Hütte des Dorfes hingen die Hängematten der ledigen Personen in die Kreuz und Quere, und nur beim Schein des Feuers, das unter jeder brannte, konnte man sich zurechtfinden.
Auf einmal hörte ich aus einer Ecke der Hütte ein jämmerliches Geheul und Wehklagen. Ich lief dahin und fand die Wittwe, welche wie eine Schildwache unbeweglich stand und in der Hand Bogen und Pfeile, sowie einen alten Strohhut ihres verstorbenen Mannes hatte. Mit einem Feuerbrand beleuchtete ich sie auf allen Seiten, was sie aber keineswegs irre machte; denn sie heulte ihren wehklagenden Gesang unter beständigem Schluchzen und einer Fluth von Thränen.
Die Indianer erklärten mir den Inhalt ihrer Worte so: Es ist nicht gut, dass du uns verlassen hast, dein Knabe ist noch zu jung, um für mich zu jagen und Fische zu fangen u. s. w.[3].
Nachdem dieses Geheul beinahe eine halbe Stunde ohne Unterbrechung gedauert hatte, trat eine kleine Pause ein, und in einer andern, ebenso dunkeln Ecke erschien ein anderes altes Weib, das ein so jammervolles Geheul anhub, als wäre der Verstorbene ihr Mann oder nächster Anverwandter gewesen. Nachdem dieses Geheul ebenso lang, wie das der noch unbeweglich in ihrem Winkel stehenden Wittwe gedauert hatte, heulten beide miteinander wie Schlosshunde, so dass ich es beinahe nicht mehr in der Hütte aushalten konnte. Da übrigens jedes Ding sein Ende hat, so war endlich auch der Thränenquell beider Weiber gänzlich versiegt, und man schritt zu einem neuen ganz besondern Tanze, zu welchem sich nach und nach mehrere Weiber und Kinder eingefunden hatten. Alle bildeten einen Kreis, wobei sie sich um den Hals schlangen; ein Lied wurde wieder auf ihre eigenthümliche Weise angestimmt, die Kniee und der Oberleib hin- und hergebogen, und endlich rasch hintereinander der Kreis umlaufen. Es herrschte hiebei eine tolle Fröhlichkeit, und auch die Worte schienen nichts Trauriges zu enthalten, obgleich ich den Sinn derselben nicht verstand.
Meiner selbst wurde in diesem Gesange mehrere Male gedacht; auch schloss ich mich dem Kreise an und tanzte zur allgemeinen Belustigung mit. Während des Tanzes, welcher beinahe bis zum Morgen währte, machte man Gebrauch von den bereiteten Getränken.
In den Lebensmitteln vegetabilischer und animalischer Art, welche Gewässer und Wälder liefern, sind die Caraiben nicht sehr wählerisch, indem sie beinahe Alles, nur wenige Thiere ausgenommen, essen. Schlangen und grosse Seeschildkröten sind zwar von ihrer Tafel verbannt; dagegen werden aber wieder Pipa-Kröten, Laubfrösche, Wespenlarven, Ameisenweibchen, die Larven verschiedener Rüsselkäfer, sowie die Käfer, welche die Blumen der Wasserlilie zerfressen, und alle Arten Eier mit grossem Appetit verspeist.
Feinschmecker sind die Indianer eben nicht, und wenn sie auch gewisse Gerichte vorziehen, so ist es ihnen ziemlich gleichgültig, ob z. B. das Fleisch halb oder ganz gar, versalzen oder ohne Salz gekocht ist. Wenn es nur den Magen füllt und mit den Zähnen zerrissen werden kann. Zu ihren vorzüglichen Delicatessen gehört besonders der Leguan. Ich habe mich oft darüber gewundert, wie sie dieses Thier auf den dichtbelaubtesten Bäumen entdeckten und mich häufig geärgert, wenn sie meiner Bitten und Drohungen ungeachtet Jagd auf dieses harmlose Thier machten, und dadurch die Reise verzögerten, ungeachtet Fleisch und Fisch in Ueberfluss im Boote war.
Eine andere Leckerei sind Haifische, die an seichten Stellen der See geschossen werden, und kleine Kaimans, welche entweder am Ufer der Flüsse und Kreeken liegen, oder die Schnauze aus dem Wasser strecken. Die Indianer bedienen sich beim Fischfang nie der Netze, sondern immer der Angeln; auch schiessen sie die Fische, oder betäuben dieselbe mit dem Stinkholz, Nekko.
Kleine Fische werden auf gewöhnliche Weise mit Angelruthen gefangen; grosse Fische aber mit Wurfleinen, etwa 100' langen, aus Bromelienflachs geflochtenen, starken Schnüren, an deren Ende ein Stück Blei ist, und nahe bei demselben drei bis vier kürzere Schnüre sind, an welchen die Angeln sitzen.
Das Tau wird vom Boote oder Lande ausgeworfen, und das andere Ende so lange in der Hand behalten, bis man merkt, dass ein Fisch angebissen hat. Eine andere Art von Angeln sind die Springangeln, bei welchen ein starker, elastischer Stock im Wasser befestigt wird, an welchem ein langes Tau mit der Angel hängt. Dieser Stock wird nach unten gespannt und durch ein klammerförmiges Hölzchen, das in der Mitte des Taues sitzt, in dieser Spannung erhalten. Schnappt der Fisch nach der Angel, so springt die Klammer los und der Stock schnellt in seine natürliche Lage zurück; zugleich zieht er den Fisch halb aus dem Wasser. Oft findet daher der Fischer blos die Köpfe, weil auf das Gezappel des Fisches die Kaimans und besonders die gefrässigen Pirais herbeikommen, und so viel abbeissen, als sie bekommen können. Die Art und Weise, wie der Fischfang mit Maschoas betrieben wird, habe ich schon früher beschrieben, den mit Stinkholz aber sah ich zuerst an der Marowyne. Die Indianer gebrauchen dreierlei mir bekannte Pflanzen, durch deren Saft die Fische betäubt werden.
Die erste und gewöhnliche ist eine, im Hochwald wachsende, manchmal schenkeldicke Liane, welche zum Geschlechte der Papilionaceen (Lonchocarpus) gehört. Die zweite ist eine Syanthere, der Conamistrauch, der um die Häuser gepflanzt wird, und dessen Blätter und Blüthen zu einem Brei gestampft werden. Die dritte ist das Bäumchen Gunapalu, eine Euphorbiacee mit herzförmig zugespitzten Blättern, die wahrscheinlich mit den Jatrophas verwandt ist. Auch diese wird um die Häuser gepflanzt, und ich bin nicht gewiss, ob sie hier einheimisch ist. Die sehr milchigen Blätter und Zweige werden ebenfalls zerstampft, und wie die der Conami mit dem Wasser vermischt.
Zur Zeit der Fluth, die sich in der untern Marowyne 8-10' erhebt, ziehen die Flussfische in die Buchten und Kreeken, wo sie, bis die Ebbe eintritt, ihrer Nahrung nachgehen, die theils in Baumfrüchten, welche ins Wasser gefallen sind, theils in Würmern und andern Fischen besteht.
Will man nun mit Stinkholz, oder den zwei andern betäubenden Pflanzen fischen, so wird, sobald die Fluth ihre grösste Höhe erreicht hat, eine geschickte Kreek abgeschlossen, so dass den Fischen der Rückweg in den Strom abgeschnitten ist. Diess geschieht mit einem sogenannten Paarl, der aus etwa 8' hohen Stäben aus Palmblattstielen besteht, welche mit Lianen so an einander befestigt sind, dass zwischen jedem Stab eine Oeffnung von etwa 1" Breite gebildet wird und eine Art spanischer Wand entsteht, durch welche das Wasser ungehindert ablaufen kann.
Ist nun das Wasser bedeutend gefallen, so begeben sich einige Männer mit grossen Stücken Stinkholz, das man zuvor durch Schlagen mit harten Stücken Holz zerfetzt und locker gemacht hat, an das obere Ende der Kreek, wo man durch beständiges Reiben und Schlagen im Wasser alle giftigen Theile der Pflanze demselben mittheilt.
Nach wenigen Minuten bemerkt man bereits die Wirkungen an den Wasserbewohnern. Kleine Fischchen schwimmen auf dem Bauche herum, Krabben und Krebse suchen ans Land zu flüchten und wackeln wie besoffen hin und her und es schnellt bald da, bald dort ein Fisch aus dem Wasser oder streckt die Schnauze hervor.
Die ganze Mannschaft ist längs der Kreek vertheilt und schiesst mit Pfeilen auf die auftauchenden. Weiber und Kinder waten im Schlamm umher, um die berauschten Fische herauszuziehen. Alles, was Leben hat, stirbt in dem vergifteten Wasser und wird eine Beute der Indianer. Diese sagen, dass in einer solchen Kreek lange nicht mehr gefischt werden könne, weil sich der giftige Geruch den im Wasser liegenden Baumstämmen und selbst dem Schlamme mittheile, auch nur langsam wieder verliere.
Beim Fischen mit Conami und Gunapalu wird der Brei mit dem Wasser vermischt und hat ganz denselben Erfolg. Das Fischen auf diese Weise heisst man Ponsen; es ist jedenfalls sehr schädlich, weil auch eine Menge Laich und Brut dadurch zu Grunde geht.
Beim Beginn der Regenzeit, wenn die Buschfische aus den Strömen und grösseren Kreeken in kleinere Bäche und Sümpfe ziehen, dämmt man diese gewöhnlich mit Paarls und Pinablättern ab.
Die dadurch in ihrem Lauf aufgehaltenen Fische suchen über das Hinderniss wegzuspringen und fallen dabei in eine, zu diesem Zweck dahinter gelegte Corjaal. Wenn die Fische recht im Zug sind, kann man des Morgens Hunderte derselben in der Corjaal finden.
Ist der Fischfang so ergiebig, dass man auf mehrere Tage Vorrath hat, so werden die Fische gebarbakot (geräuchert). Man nimmt dabei bloss die Eingeweide heraus und legt sie ungesalzen auf eine Art Rost, der aus Stöcken gemacht ist. Unter demselben unterhält man so lange Feuer, bis die Fische gebraten und getrocknet sind. Ebendesswegen halten sie sich auch bloss einige Tage und wimmeln häufig von Würmern, die aber dem Indianer seinen Appetit nicht benehmen. In der Regenzeit (Mai, Juni) legen die rothen Ibise, hier fälschlich Flamingos genannt, sowie andere reiherartige Vögel ihre Eier in die Gebüsche am niederen Seestrande und brüten.
Eier und junge Vögel werden von den Indianern besonders geschätzt, und sie scheuen daher die Reise nach den Legeplätzen nicht.
Zwei grosse Corjaalen meiner Nachbarn kamen eines Tages an den Posten, um auf eine solche Eierexpedition auszugehen. Man gelobte mir, nachdem ich die Mannschaft mit Branntwein erquickt hatte, auch einen Korb voll Eier mitzubringen.
Wenige Tage nachher kamen beide Corjaalen wieder zurück, vollgeladen mit Eiern und einer Menge junger, sehr mager aussehender Vögel. Ich bekam nun etwa hundert von diesen Eiern, welche grün und schwärzlich gedupft und von der Grösse kleiner Hühnereier waren. Sogleich machte ich mich daran, einen Eierkuchen zu backen, fand aber zu meinem Verdruss, dass nur ein frisches Ei dabei war. Alle übrigen waren entweder halbbebrütet und stinkend oder enthielten schon beinahe reife Vögel, welche sich noch bewegten. Desshalb glaubte ich, dass man wirklich dieses Geschenk für mich ausgelesen habe. Da ich nun aber durchaus Eierkuchen essen wollte, so fuhr ich sogleich in meiner Corjaal nach dem Dorfe, wo ich in jeder Hütte die Weiber mit dem Kochen der Eier beschäftigt antraf. Diese waren aber ebenso, wie die meinigen. In einer Brühe von stinkenden Dottern schwammen Vögel von allen Brutprocessen, reichlich mit spanischem Pfeffer gewürzt, und dieses Mahl wurde mit wahrem Heisshunger verzehrt.
Man würde bei einer solchen Lebensweise sich nicht verwundern, wenn gefährliche Krankheiten entständen; es ist diess aber nicht der Fall, und nur selten findet man kränkliche Personen.
Ausser den, mit den hier zu Lande herrschenden entsetzlichen Krankheiten, als Lepra und Elephantiasis heimgesuchten Personen, findet man höchst selten Gebrechliche, weder Krüppel noch Krumme, und wenn man an den nackten Leibern Wunden oder Narben wahrnimmt, so sind es immer ehrenvolle Zeichen eines Kampfes oder eines, in der Trunkenheit geschehenen Falles. Zeitenweise kommt es vor, dass Dissenterie unter ihnen grassirt, auch sind Wechselfieber häufig. Sie kennen übrigens eine Menge vegetabilischer Arzneien, welche meist von guter Wirkung sind. Ist die Krankheit ernsterer Natur, so wird ein geschickter Doctor oder Piaiman zu Rathe gezogen. Dem Kranken wird in seiner Hütte eine Art Zelt aus Camisen und anderen Tüchern zurechtgemacht und seine Hängematte darin aufgehangen. In einem andern ähnlichen Zelte sitzt der Piaiman, der die unentbehrliche Maraka (eine runde, hohle, kugelförmige Kalabas, durch deren Mitte ein Stock geht, dessen oberes Ende mit Rabenfedern geziert ist, und welche runde Quarzkörner oder Marowynesteine enthält), bei sich hat. Er bespricht sich in seinem Zelte mit dem bösen Geiste, der die Krankheit verursacht. Sein Gespräch ist bald flehend, bald drohend, jetzt brüllend, dann wieder mit Schluchzen und Weinen vermischt.
Je schwerer die Krankheit ist, um so mehr gibt sich der Piaiman Mühe, durch seine Drohungen dem Geiste Furcht einzujagen.
Man muss beinahe bezweifeln, dass _eine_ Person im Stande ist, so verschiedene Stimmen nachahmen zu können; denn auf Alles, was der Piaiman dem bösen Geiste vorsagt, antwortete er selbst mit veränderter Stimme. Dabei tönt unaufhörlich die Maraca, deren Laut dem Gerassel von Erbsen in einer trockenen Blase gleichkommt.