Part 13
Ich habe hier eine merkwürdige Art von Begrüssung wahrgenommen, die ich, wenn ich auch den Sinn der Worte nicht begriff, wenigstens doch sehr zeitraubend fand. Der Neuangekommene wird gewöhnlich mit Essen oder einem Tranke traktirt, und bedankt sich dann zuerst bei dem Oberhaupt der Hütte in höchst weinerlichem Tone, worauf derselbe nichts anders als »Wan« erwidert. Hierauf bedankt er sich bei jedem andern männlichen Bewohner besonders, und bekommt ebenfalls nichts als »Wan« zur Antwort. Ist nun Niemand mehr zu becomplimentiren, so bedankt man sich ganz auf dieselbe Weise bei dem Fremden für seinen Besuch, der dann auch die bekannte Formel gegen jeden gebraucht.
Die Caraiben sind bei weitem nicht so ceremoniös, und bedanken sich blos im Allgemeinen und beim Empfang der Speisen mit Jo.
Im Hause meines Wirthes sah ich ein paar Frauen, die wohl hundert Jahre alt seyn mochten. Sie spannen Baumwolle und sassen in ihren Hängematten, die sie nie verliessen. Sie waren beinahe blind; desswegen musste das Feuerchen, das unter ihren Hängematten brannte, von Kindern unterhalten werden. Ihre Haare waren trotz ihres hohen Alters kohlschwarz und dicht.
Beinahe in jeder Hütte fand man Hunde, die bei unserer Ankunft immer ein schreckliches Gebell erhoben, in welches Affen, Papageyen und andere gezähmte Thiere miteinstimmten. Am auffallendsten sind die Hühner, die beinahe noch einmal so gross als die gewöhnlichen, in Menge vorhanden, und desshalb wohlfeil zu bekommen waren. Auf den Plantagen leben sie nicht lange, geben auch keine ihnen gleiche Zucht.
Mit einem Affen, Hühnern und Ananassen reichlich versehen, trat ich die Rückreise an, und war am achten Tag wieder auf meinem Posten.
Mein Kommandant hatte mir bei seiner Abreise das Versprechen gegeben, mich so bald als möglich nach Paramaribo kommen zu lassen, weil er wusste, dass ich auf Nickerie wenig Vergnügen hatte; denn der Umgang mit meinen Kameraden hatte für mich wenig Angenehmes, und das Herumschwärmen nach Insekten im Busch und Wald war hier unmöglich. Mit grosser Ungeduld sah ich der Zeit meiner Abberufung entgegen. Ein Ereigniss aber, das ich kurz hier anführe, um zu beweisen, wie listig manche Neger sind, und wie schwer es hält, sie vor Desertion zu hüten, wenn sie sich dieselbe in den Kopf gesetzt haben, verzögerte meine Abreise.
Mehrere Monate vorher, ehe ich den Posten verliess, kam ein Gouvernementsbrief an den Landdrost, welcher die Nachricht enthielt, dass ein berüchtigter Wegläufer sich in den Wäldern zwischen dem Ober- und Niederdistrikt aufhalten müsse. Dieser war nämlich schon vor längerer Zeit von einer Pflanzung an der Hoerhelena-Kreek in einem Corjaal entwischt und hatte sich zur Nachtzeit nach Paramaribo begeben. Dort liess er sein Fahrzeug wegtreiben und stahl in den Aeckern im Umkreise der Stadt seinen Lebensunterhalt. Da er aber hier der Gefahr sich aussetzte, gefangen zu werden, beschloss er, sich nach dem Niederdistrikt zu begeben, weil er dort früher gearbeitet hatte und desshalb bekannt war. Zu diesem Zweck stahl er in der Saramakka, wohin er sich zu Fuss begab, aufs Neue eine Corjaal, fuhr blos bei dunkler Nacht diesen Strom abwärts, passirte so ungesehen die Militärposten und das Wachtschiff und kam glücklich in die See. Während er aber nahe am Oberdistrikt den Tag über seine Corjaal in einer kleinen Kreek verbergen wollte, wurde er von Fischernegern einer nahegelegenen Pflanzung entdeckt, gefangen genommen und nach dem Posten Coroni gebracht. Dort wusste er sich unter den Augen einer Schildwache seiner Ketten zu entledigen, und es gelang ihm, zu entkommen, ohne dass man ihn sogleich vermisste. Ein altes Hemd und ein gesalzener Fisch wurden von ihm noch aus der Küche der Soldaten mitgenommen.
Die Schildwache, unter deren Aufsicht er stand, wurde in Folge seiner Flucht in Paramaribo zu fünf Jahren Festungsarbeit verurtheilt.
Fruchtlos wurden von uns Patrouillen nach ihm ausgesandt. Endlich entdeckte man ihn hinter den Kostäckern der Pflanzung Nursery, wo er sich verproviantirte. Er hatte im Walde ein kleines Hüttchen gebaut, das er so lange zu bewohnen gedachte, bis sich eine günstige Gelegenheit zum Entkommen nach der englischen Colonie zeigen würde. Mit Stricken und Ketten gefesselt wurde er nach dem Posten gebracht, wo ihm die besten Eisen angelegt wurden. Den Tag über wurde ihm eine Schildwache beigegeben, unter deren Aufsicht er den Platz vom Grase säubern musste, und des Nachts schloss man ihn in die Arrestkammer. Man wartete nun auf eine günstige Gelegenheit, um ihn nach Paramaribo zu bringen.
Inzwischen wurde der Kerl krank und so schwach, dass man ihm die Ketten abnehmen musste. Er stöhnte und jammerte so erbärmlich, dass man ihn seinem Ende nahe glaubte, und bat daher den wachhabenden Corporal um Gotteswillen, ihn doch aus der Arrestkammer, wo ohne Feuer die Mosquittos freies Spiel hatten, zu nehmen und in der Wachtstube in den Block zu schliessen, was der gutmüthige Corporal auch that. Scheinbar halb todt brachte man ihn aus dem Arrest und schloss seine Füsse in den Block.
Kaum war es dunkel, so brach er mit einem alten Stück Eisen, das er in seinem Kamis (Binde um den Leib) versteckt hatte, das Charnier des Blockes auf und lief ganz still weg. Man schlug nun Allarm, und der ganze Posten machte sich auf die Beine, um dem Entlaufenen, dessen Krankheit blos eine geheuchelte war, nachzusetzen, aber ohne Erfolg.
Zwei Tage hernach kam meine Ablösung aus Paramaribo. Diese trat aber an die Stelle des Corporals, dem der Neger entschlüpft war, und der nun nach Paramaribo vor den Kriegsrath geschickt wurde. So musste ich denn zu meinem grossen Aerger noch bleiben. Hiezu kam noch der angenehme Auftrag, auf den Plantagen die abermalige Flucht des gefährlichen Kerls anzuzeigen, bei welcher Gelegenheit ich gar manches bittere Wort über die Wachsamkeit von 60 Mann hören musste.
Sechs Wochen später wurde der Entlaufene beinahe auf demselben Flecke, wo er zuerst gefangen ward, wieder arretirt und unter grossem Jubel nach dem Posten gebracht. Dass man jetzt alle Vorsicht gebrauchte, lässt sich denken. Geschlossen musste er unter der Gallerie des Wachthauses sitzen, wo ihn die Schildwache beständig zu beobachten hatte.
Aber auch hier wäre er beinahe wieder entwischt; denn er benützte den Augenblick, wo die Schildwache um das gegenüberliegende Hospital ging, um in die Wachtstube zu kriechen, wo er aus der unverschlossenen Schublade den Schlüssel seiner Fesseln holte.
Als die Schildwache von ihrer, kaum eine Minute dauernden Wanderung zurückgekommen war, sass er wieder ruhig an seinem Platze. Kaum drehte ihm diese von Neuem den Rücken, so schloss er behend seine Fesseln auf, legte diese zum Spott auf den Tisch und lief weg. Glücklicherweise sah diess aber die Schildwache, und er wurde bald wieder eingeholt, weil er einige Tage krumm geschlossen gesessen hatte und in Folge davon nicht so schnell laufen konnte.
Dass es nun neue Hiebe regnete, und die ganze Wachmannschaft ihre Wuth an ihm ausliess, versteht sich von selbst. Der Landdrost aber, der des gefährlichen Kerls sich gerne entledigt hätte, hatte im Sinn, ihn unter meiner Aufsicht mit dem Tentboot auf der Nickerie und Saramacca nach der Stadt zu schicken. Glücklicherweise kam aber zwei Tage später ein Schooner, auf welchem ich mit zwei Soldaten und dem Gefangenen, nebst 26 Kühen, welche der Kapitän des Schooners mitnahm, Nickerie verliess.
Wir kamen nach einer siebentägigen, stürmischen Fahrt, während welcher fünf unserer vierfüssigen Reisegefährten starben, den 5. September 1839 in Paramaribo an.
Es ging nun alles wieder seinen alten, maschinenmässigen Gang: Wache, Exerciren und Compagniedienst wechselten wie früher; zuweilen fand ich auch einen freien Tag, den ich zum Besuch der umliegenden Wälder benützte.
Zu Ende Octobers wurde ich abermals detachirt und kam nun an den Seeposten Alsimo, der bei der Pflanzung gleichen Namens an der Mündung der Warappakreek liegt.
Dieser Posten wurde von einem Sergeanten kommandirt, und die sechs Soldaten hatten die leichtesten Dienste.
Lebensmittel gab es hier in Menge; nur musste man das Regenwasser anderthalb Stunden weit herbeiholen, obgleich auf der Pflanzung in grossen Wasserbehältern solches im Ueberfluss war. Das Detachement lebte aber in grosser Feindschaft mit dem Director derselben, der sogar behauptete, Sergeant und Soldaten seyen seinen Hühnerställen gefährlicher, als Tigerkatzen und Awaris (Beutelratzen).
Diese Behauptung war freilich nicht ganz ungegründet; denn manche Ente und mancher Truthahn, welche sich erfrechten, das herumliegende Welschkorn in der Kaserne aufzupicken, kehrte nicht mehr nach der Plantage zurück.
Eine alte Negerin der Pflanzung, welche die Aufsicht über das Federvieh hatte, bekam dann regelmässig eine Tracht Schläge. Der Director liess sogar nach Federn im Umkreise der Kaserne suchen, um seine Anklagen beweisen zu können; aber die Soldaten waren so klug, und sandten sie mit der Ebbe in die See.
Nach sechs Wochen langweiligen Aufenthalts wurde ich zu meiner grossen Freude wieder abgelöst und nach dem Hauptquartier versetzt.
Sechster Abschnitt.
Abreise nach der Marowyne. Seekrankheit. Haferey. Posten Prinz Willem Frederik. Erste Beschäftigungen. Umgebung des Postens. Stranden der Catharina Jakoba. Raubsucht der Matrosen. Ueberfluss auf dem Posten. Interessante Soirée. Abholen der Güter von Bord. Brodtrunkenheit der Soldaten und Matrosen. Ankunft des Kommandanten. Das Wrak. Ein Possenreisser. Abfahrt der Soldaten nach Armina. Kriegsmatrosen und Arowack-Indianer. Nachtbilder in der Bäckerei. Lebensweise, Sitten und Gebräuche der Caraiben. Zurückkunft des Schooners. Die Haushälterin. Wohlfeiler Tabak. Seeschildkröten. Mosquittosplage. Bremsen. Arbeiten am Wrak. Reise nach Armina. Leben der Soldaten dort. Handel. Kauf des Wraks. Fahrt nach dem Kloster Mana. Die Aebtissin. Das Etablissement Mana. Bevölkerung. Reinlichkeitssinn. Bereitung des Tapioca. Weitere Arbeiten am Wrack. Verkauf desselben. Besuch auf Mana. M's. Streit mit der Aebtissin. Der Rokou oder Orleanbaum. Gefahr auf der Zurückreise. Muschelfang. Die Seekuhkreek. Traurige Nachricht. M's. Abreise. Die Chika oder Sandfloh. Der Mosquittoswurm. Vampyre. Schlangen. Klapperschlange. Streit mit einem Indianer. Besuch der französischen Leproserie. Bau neuer Häuser auf dem Posten. Der Geelbakker. Krankheit. Die Pompaschlange. Zurückreise nach Paramaribo.
Ich hatte nun von 4 Dienstjahren 2½ Jahre auf Posten zugebracht und glaubte desshalb, beim Anfang des Jahres 1840, wenn die Posten gewöhnlich abgelöst werden, in Garnison bleiben zu dürfen.
Diess war aber nicht der Fall, denn ich wurde nach dem entlegenen Posten Armina, dessen sämmtliche Wachmannschaft abgelöst wurde, beordert.
Unser Detachement bestand aus dem Kommandanten, einem zweiten Lieutenant der Colonial-Guiden, einem Sergeanten, einem Korporal, 10 Jägern und 3 Kanonieren. Die Haushälterin des Sergeanten (eine Mulattin mit ihrem Kind) vermehrte die Gesellschaft. Ausserdem waren noch 10 Matrosen von allen Farben, sowie ein Kapitän, an Bord.
Es war der Schooner Beschermer, der früher auf Nickerie als Wachtschiff gedient hatte und ganz besonders darin geschickt war, die zur Seekrankheit geneigten Constitutionen so krank und elend, als möglich, zu machen.
Die für den Posten bestimmten Lebensmittel und das Gepäck der Offiziere füllten den Raum des an sich schon kleinen Fahrzeuges so an, dass es unmöglich war, einen Fuss auf das Verdeck zu setzen. Selbst für unsere Kisten fand sich kein Platz mehr und sie mussten desshalb auf dem Verdeck stehen bleiben.
Es war Ende Januars, als wir Paramaribo verliessen und noch war die Mündung des Flusses noch nicht erreicht, als schon die meisten von uns, und ich wohl am ärgsten, von der Seekrankheit befallen waren. Man hörte nichts als Klagen und Stöhnen, und einer fiel über den andern. An Essen und Trinken war bei mir wenigstens nicht zu denken und immerwährendes Erbrechen schwächte mich so, dass selbst der Lieutenant, der sonst nicht viel weggab, mir eine Tasse Kaffee anbot.
Glücklicherweise währte die Reise nicht lange; denn schon am Morgen des vierten Tages lagen wir in der Mündung der Marowyne vor Anker.
Kaum hörte man das Brausen der Fluth an den vielen Sandbänken, welche diesen Strom so gefährlich machen, als der Kapitän die Anker lichten liess und unter beständigem Looden hineinsegelte.
Noch hatten wir drei Faden Wasser, als kaum eine Minute später der Schooner mit solcher Gewalt an eine Bank stiess, dass wir Alle zu Boden stürzten.
Jetzt folgte Stoss auf Stoss, so dass das Steuerruder losriss und der lose Kiel sich ablöste. Die Sache sah sehr gefährlich aus, denn es zeigte sich ein bedeutender Leck. Anhaltend musste man pumpen; überhaupt wurden alle erdenklichen Mittel angewendet, um das Fahrzeug wieder flott zu machen.
Obgleich die Sache weniger lebensgefährlich war, weil in den zwei Booten des Schooners wir uns Alle leicht hätten retten können, so stand doch die Ladung auf dem Spiel.
Der sonst so bedächtige Kapitän hatte den Kopf ganz verloren; doch wurde das Fahrzeug bei aufsteigender Fluth wieder von selbst flott und unter immerwährendem Pumpen erreichten wir glücklich den Posten Prinz Willem Frederik, der von Ferne einem halbverfallenen Indianerdorfe nicht unähnlich sah.
Abends 5 Uhr betraten wir mit unsern Habseligkeiten das Land, wo wir den Kommandanten und den Doctor von Armina trafen. Sogleich traf man Anstalten, um den Schooner auszuladen und wir waren beinahe die ganze Nacht damit beschäftigt, Fleisch-, Mehl- und Salzfässer nach dem Posten zu rollen. An Schlaf war bei der Unzahl von Mosquittos gar nicht zu denken.
Der Posten selbst war wirklich noch tausend Mal schlechter, als er, vom Strande aus gesehen, schien; denn er bestand nur aus drei Hütten, von welchen die erste, am Strome stehende, grossartig Kommandanten-Wohnung genannt wurde. Eine andere hiess Kaserne, diese lehnte sich unter einem Winkel von beinahe 40° an die Bäckerei an, welche eine entgegengesetzte Richtung angenommen hatte. Alle drei waren aus Pallisaden gebaut, mit Pinablättern gedeckt und so gut gegen Regen und Mosquittos verwahrt, dass, wenn Thüren und Fenster geschlossen waren, die Ziegen durch die Lücken der fehlenden Palissaden ins Haus kommen konnten. Beim Regen blieb kaum ein Plätzchen übrig, um die Gewehre trocken zu halten, und bei heftigem Winde flüchtete man aus guten Gründen ins Freie.
Ein weites Feld für einen wirksamen Geist, dachte ich, als der kommandirende Korporal, den ich ablösen musste, mir einige Tage später nebst dem Inventarium den Posten übergab und mit wichtiger Miene, als gäbe er Juwelen weg, die alten Schaufeln, Rechen u. s. w. zustellte. Die Geräthschaften waren überhaupt so alt und abgenutzt, dass man in der Amsterdamer Judenbrenstrasse keine schlechteren finden wird.
Die Soldaten, welche zur Ablösung des Postens Armina bestimmt waren, wurden gleich am Tage nach unserer Ankunft im grossen Boote des Postens dahin abgeschickt, und wir mussten dem Kapitän des Beschermers bei der Reparation seines unglücklichen Fahrzeuges helfen. Da der als trefflicher Segler bekannte Schooner ungemein spitz und tief gebaut war, der Leck aber unten am Kiel sich befand, so kostete es keine geringe Mühe, das Fahrzeug so hoch ans Land zu schaffen, dass man dem Schaden abhelfen konnte. Endlich war er wieder so weit in Stand gesetzt, dass man die kleine Reise nach Paramaribo mit ihm wagen konnte.
In den letzten Tagen des Januar schiffte sich der abgehende Offizier mit seinen Untergebenen ein, und ich dankte Gott für die Erlösung von einer Truppe, für welche es bei den schlechten Lokalitäten noch an Platz fehlte.
Zum Unglück stiess der Beschermer in der Mündung des Stromes abermals auf eine Bank, verlor das Ruder und bekam einen solchen Leck, dass es nur unter anhaltendem Pumpen möglich war, die Stadt zu erreichen, wo seine Ausbesserung über 2000 fl. kostete.
Einen Tag nach der Abreise des Detachements machten sich auch der Lieutenant und der Doctor auf den Weg nach dem Hauptposten. Ersterer lud so viel als möglich in seine zwei Boote und segelte unter meinem herzlichen Glückwunsch einer glücklichen Reise davon.
Ich bezog nun die Kommandanten-Wohnung, welche ebenfalls aus Pallisaden bestund, doch in einem etwas besseren Zustand, als die Kaserne sich befand.
Zum Glück war eine hinreichende Menge von Nägeln und neuen Pallisaden vorräthig, so dass ich mit Hülfe meiner 5 Soldaten mein Haus nothdürftig ausbessern und wenigstens so weit herrichten konnte, dass die Ziegen nicht mehr herein konnten.
Mein Geschäft auf dem Posten war ein sehr einfaches und geringes und die Besatzung, welche aus einem Korporal und 5 Soldaten bestand, unter welchen ein Bäcker war, hatte nichts zu thun, als für ihren Unterhalt zu sorgen. Sah man auf der See ein Schiff in der Richtung nach Westen, so zog man die holländische Flagge auf, und nahm sie wieder weg, wenn dasselbe passirt war.
Ausserdem mussten die Lebensmittel, welche alle drei Monate auf einem Schooner von Paramaribo aus hieher geschickt wurden, so lange verwahrt werden, bis sie nach und nach vom Hauptposten Armina abgeholt wurden. Dieser lag etwa achtzehn Stunden weiter landeinwärts, diente zur Vertheidigung gegen die Buschneger und war mit 1 Offizier, 1 Sergeanten, 13 weissen und 6 schwarzen Soldaten besetzt. Ueberdiess waren noch etwa 8 Neger zum Unterhalt des Postens und zum Transport der Lebensmittel bestimmt. Ein Doctor und ein Krankenwärter besorgten das Hospital.
So wenig wir nun auch auf unserem Posten zu thun hatten, so ärmlich wäre unser Leben gewesen, wenn uns nicht bei jeder Gelegenheit von Armina her Bananen geschickt worden wären; denn der Posten selbst war auf einer Sandritze und der unfruchtbare Boden brachte nur wenige Awarapalmen hervor, die ein undurchdringliches Gesträuch bildeten.
Hinter dem Posten waren Sümpfe, die nur in den grossen Trockenzeiten zugänglich waren und längs des aus Sand bestehenden Seestrandes, auf welchem man zur Zeit der Ebbe fünf Stunden westlich gehen konnte, zog sich ein Saum von Hochwald hin, worin Cokus-, Haiawa- und andere Bäume des Hochlandes gefunden wurden, hinter welchem Süsswassersümpfe, bewachsen mit Schilf und Gras, parallel mit der Küste liefen. Längs des Strandes fand man stellenweise ganze Gruppen von Cactuspflanzen (Cactus sexagonus), die manchmal 25' hoch und über und über mit Stacheln bedeckt waren. Eine rothe, faustgrosse Feige wuchs in Menge an ihr, diese war zwar süss von Geschmack, aber zäh und selbst von den Indianern wenig beachtet.
Meine erste Arbeit nach der Ausbesserung meines Hauses war die Reparation meines Bettes.
Es befand sich nämlich in meiner Kammer eine aus alten Brettern zusammengenagelte Bettstelle, deren vier verlängerte Pfosten da waren, um mit Gardinen behangen zu werden. Diese waren aus alten Hosen und Hemden meiner Vorgänger zusammengeflickt und hatten so viel Löcher und Risse, als Tage im Jahr sind, daher die Mosquittos freien Eingang hatten. Nach zwei Tagen, welche ich mit Schneiden und Nähen zubrachte, war die Bettlade im besten Zustand und es fehlte nichts mehr, als eine Art Strohsack, wenn ich nicht auf den harten Brettern liegen wollte. Doch zu einem solchen fehlte es an Zeug und ich musste mich bequemen, auf getrocknetem Gras und Laub meine Nächte zu durchträumen.
Vom Lieutenant hatte ich auf Credit mehrere Ziegen gekauft, die sein Vorgänger ihm zurückgelassen hatte, und so konnte ich nun meinen Caffee mit Milch trinken; überdiess hatte ich noch einige Hühner. Auch meine fünf Mann liessen sich, wenn kein Dram zu bekommen war, zu Manchem gebrauchen, und so war ich in meiner neuen Lage sehr wohl zufrieden.
Der ganze, bedeutende Strom war ausser den beiden Militärposten bloss von Indianern und weiter landeinwärts vom Hauptstamme der Buschneger, den Aukanern, bewohnt. Ein ziemlich bedeutendes Caraibendorf lag bloss eine Viertelstunde vom Posten entfernt, und die Bewohner desselben besuchten mich beinahe täglich. Die Lebensweise, Sitten und Gebräuche dieser Menschen werde ich später weitläufig beschreiben, um jetzt an ein Ereigniss zu kommen, das eine bedeutende Rolle während meines Aufenthaltes auf dem Posten Prinz Willem Frederik spielte, und aus dem ich einen bedeutenden Vortheil hätte ziehen können. Wenn ich auch hier, wo durch Zufall das Glück mir lächelte, nur so schüchtern zugriff und nicht nach dem Beispiel meines Kommandanten, der mehr Routine hatte, mich richtete, so war diess gerade nicht Folge einer übertriebenen Ehrlichkeit, sondern ich fürchtete mich theils vor der Strafe, theils regte sich der Wunsch in mir, mich in dieser Sache vortheilhaft auszuzeichnen.
Ich war nämlich seit der Abreise des Offiziers kaum acht Tage frei und ohne Zwang auf meinem Posten, als wir am frühen Morgen des 7. Septembers das Boot eines grossen Schiffes, das seit zwei Tagen in der Mündung des Stromes vor Anker zu liegen schien, auf unsern Posten zukommen sahen. In diesem befand sich der Kapitän desselben mit der ganzen Equipage, nebst zwei Passagieren. Sie hatten ihr reichbeladenes, nach Paramaribo bestimmtes Schiff, ein grosses holländisches Backschiff, Catharina Jakoba, das auf einer Bank des Stromes gestrandet war, verlassen. Sie hatten vorher die Rettung des Schiffes vergeblich versucht und dabei beide Anker verloren. Kapitän und Passagiere, die über den Verlust ihrer hoch versicherten Ladung getröstet schienen, sahen bald ein, dass wir in Ermangelung eines Fahrzeuges nichts zur Rettung des Schiffes beitragen konnten. Doch gab mir Ersterer die Erlaubniss, an Bord gehen zu dürfen und auf Rechnung der Assecuranz, welche doch den ganzen Plunder, der zu 45,000 fl. versichert war, bezahlen musste, abzuholen, was ich für gut fände.
Es war diess das erstemal, dass ich in einen solchen Fall kam, der mich um so mehr in Verlegenheit brachte, als in meinen Instruktionen, in denen es keineswegs an kleinlichen Clauseln fehlte, kein Wort über einen solchen Fall vorgemerkt war. Ich fragte desshalb den Kapitän um Rath, dieser übergab mir das Handelsgesetzbuch und überliess es mir, die betreffenden Stellen herauszufinden. Bald war ich darüber im Reinen und ich erklärte dem Kapitän, dass ich mit Hülfe der Indianer so viel als möglich von der Ladung ans Land schaffen, davon ein Inventarium aufsetzen und diess dem Gouverneur übersenden wolle; überdiess werde ich den Vorfall dem Kommandanten auf Armina per Expressen anzeigen und innerhalb zwei Tagen einen Extrarapport durch Indianer über See dem Gouverneur zuschicken. Hierauf wurde ich vom Kapitän mit dem Inhalt der Ladung bekannt gemacht, welche, ausser einer Menge feiner und ordinärer Lebensmittel, in Manufakturwaaren und über 1200 Kisten Genever bestand. Wegen der Menge der verschiedensten Weine und geistiger Getränke konnte ich auf den Beistand der Soldaten, welche Erztrunkenbolde waren, nicht rechnen: denn die Gegenstände, welche ich von Bord abzuholen gedachte, mussten wegen Mangels an Raum unter freiem Himmel aufbewahrt werden und waren somit jedem Angriff blossgestellt.
Ich sprach jedoch mit meinen fünf Mann, bat sie aufs Dringendste, sich nicht zu betrinken, mir in Allem getreulich beizustehen, setzte ihnen auch auseinander, welchen Vortheil wir aus diesem unglücklichen Zufall ziehen könnten, und gebrauchte dabei alle Ueberredungskunst, die mir zu Gebot stand. Hierauf erhielt ich von ihrer Seite das heiligste Versprechen, dass sie sich lieber die Zunge abbeissen, als einen Schnaps trinken wollen, um diese Vortheile doch ja nicht entschlüpfen zu lassen.
Die Matrosen waren gegen Mittag in ihrem Boote abgefahren, um, wie sie vorgaben, ihre zurückgelassenen Kleidungsstücke abzuholen.