Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse

Part 12

Chapter 123,620 wordsPublic domain

Bisher waren wir immer südwestlich gegangen, in welcher Richtung die Nannaykreek liegen musste; aber jetzt weigerten sich meine Soldaten einstimmig, mir in dieser Richtung weiter zu folgen, weil nach Westen zu der Hochwald bedeutend bälder zu erreichen war. Wir verliessen desshalb die Ritze wieder und setzten unsern Marsch im Sumpfe fort. An manchen Stellen war dieser mit Bäumen bewachsen, welche über und über mit Stacheln bedeckt sind. Sie haben rothe Schmetterlingsblüthen und werden auf vielen Caffeeplantagen reihenweise gepflanzt, um unter ihrem Schatten das Wachsthum der Caffeebäume, welche die Sonne nicht ertragen können, zu fördern. In derselben Gegend werden kleine, etwa 8' hohe Palmen getroffen, welche ebenfalls mit 4" langen, nadelscharfen Stacheln besetzt sind. Sie standen manchmal so dicht, dass man sich durch sie einen Weg hauen musste, und dann doch noch von allen Seiten gestochen wurde. Unsere Hosen und Hemden, von welchen wir freilich nicht die besten mitgenommen hatten, wurden zu Fetzen zerrissen.

Ausser einer grossen Abomaschlange, die ihren Kopf aus dem Wasser herausstreckte, und einigen Raubvögeln, welche auf alten, abgebrannten, von Termiten ausgefressenen Bäumen sassen, sahen wir kein Wild.

Abends 6 Uhr hatten wir den Hochwald noch nicht erreicht, und wir waren genöthigt, im Sumpfe unser Nachtquartier zu nehmen. Wir hieben desshalb bei einem alten trockenen Baume mit unsern Hauern einen ungeheuren Haufen Schilf ab, um eine trockene Lagerstätte zu haben, und liessen den Baum, der vom ersten Hieb eines Hauers stürzte, darauf fallen. Bald loderte ein lustiges Feuer empor, an dem wir Speck und Bananen rösteten, und Trinkwasser gab uns der Sumpf genug. Müde vom Marsche des Tages, legten wir uns um das Feuer, und wir schliefen, nachdem wir unsere Gewehre um den Leib geschnallt hatten, bald so gut, als in der Hängematte, ungeachtet aller Ameisen und Termiten des Baumes, die sich an uns hinauf flüchteten.

Mit anbrechendem Tag verliessen wir unsern Bivouac und wanderten weiter. Allmählig wurde der Sumpf trockener und an die Stelle des Schilfes traten Gesträuche und Gras. Wir füllten unsere Feldflaschen zum letztenmal aus dem Sumpfe, tranken noch zum Ueberfluss so viel, als wir verschlucken konnten und marschirten im Gesträuche, durch welches man noch immer mit dem Säbel den Weg bahnen musste, dem Hochwalde zu.

Wir hörten jetzt deutlich die Brandung der See.

Plötzlich hieb der Vorderste in ein Nest blauer Capassi-Marabonsen[9]. (Diess sind grosse blaue Hornisse, deren Nester manchmal zwei Fuss lang sind, und an der Aussenseite wie von Ringen umgeben scheinen, die einige Aehnlichkeit mit der Schaale des Armadills (Capassi) haben, daher ihr Name.) Er sah die Gefahr, warf sich auf den Boden und versteckte sein Gesicht so gut als möglich. Ich war unmittelbar hinter ihm und bekam von den erzürnten Insekten fünf bis sechs Stiche in Gesicht und Schulter, dass ich vor Schmerz meinte, rasend zu werden.

Die verletzten Theile schwollen fürchterlich an; doch entstand glücklicherweise kein Fieber, und Schmerz und Geschwulst verminderten sich durch Reiben mit Genever.

Wir waren nun endlich im Hochwald, der das Ufer des Correntin in einer Breite von etwa einer Viertelstunde umzog. Unzählige Krabbenlöcher befanden sich im Boden, der aus einem lehmartigen Schlamme bestand, in welchem man manchmal bis um die Kniee einsank. Oft blieben unsere Schuhe darin stecken, und es kostete viele Mühe, sie wieder herauszuziehen.

Wir erreichten den Strand, und es zeigte sich nun, was ich vorausgesagt hatte, dass wir durch unser, zu viel nach Westen gerichtetes Marschiren viel zu weit entfernt vom Orte unserer Bestimmung herausgekommen waren. Wir sahen die Schornsteine von Maryshope an der andern Seite des Flusses, und weit, weit entfernt die Papageyeninsel, die in der Gegend lag, wo die Mündung der Nannaykreek sich befand.

Auf einer Sandbank kletterten wir über Tausende von abgeschälten Bäumen, die uns den Weg versperrten, und marschirten nach Süden. Es herrschte eine glühende Hitze, desshalb stellte sich bald der Durst ein, der nicht gelöscht werden konnte, weil unser Wasser schon ausgetrunken war. Alle Baumblätter waren in Folge der lange anhaltenden Trockenzeit wie mit einem Reifen von Salz überzogen, und das Stromwasser war so salzig, wie das des todten Meeres. Den noch übrigen Genever theilte ich löffelweise aus, um den Mund befeuchten zu können.

Abends 5 Uhr kamen wir an das Ende der Sandbank und mussten nun wieder unsere Reise im Schlamme fortsetzen. Aber die aufsteigende Fluth trieb uns bald wieder in den Wald zurück, wo wir genöthigt waren, unser Nachtlager aufzuschlagen.

Muthlos und beinahe ausser Stand, ein Wort zu sprechen, durchliefen wir den Wald nach einem Tröpfchen Wasser, bis die anbrechende Dunkelheit uns am weitern Suchen hinderte. Mit einem Löffel schöpfte ich aus allen Krabbenlöchern, aber das Wasser in denselben war ungeniessbar, und das wenige, welches wir in einem hohlen Baume gefunden hatten, erregte augenblicklich heftiges Erbrechen und Durchfall. Um uns vor den Mosquittos zu schützen, machten wir vier Feuer an, in deren Mitte wir unsern Schlafplatz anlegten. An's Essen dachte Niemand.

Ich erinnerte mich, früher gelesen zu haben, dass man in Holland am Rande der See Cisternen graben kann, die ein gutes trinkbares Wasser geben, wenn sie tiefer, als die niederste Ebbe, und höher, als die höchste Fluth angelegt sind.

Obgleich ich nun voraussah, dass, wenn man diess hier anwenden wollte, man 15-18' tief graben müsse, so wollte ich doch das unmöglich Scheinende wagen, wenn wir gleich mit keinen Werkzeugen versehen waren. Auf die Hilfe der Soldaten durfte ich hiebei nicht rechnen, da sie es lächerlich fanden, sich für nichts zu plagen. Ich schnitt nun mit meinem Messer alle Wurzeln in einem Kreise von etwa 3' Durchmesser aus dem Boden, wühlte die Erde heraus, was nicht besonders schwer ging und traf auf eine Lage lehmartigen, harten Schlammes, der etwa 3' tief war und schnell sich herausschaffen liess. Jetzt fand ich Sand, und bei einer Tiefe von etwa 5' quoll mir Wasser entgegen, das süss und trinkbar war. Da die Soldaten den Erfolg meiner Mühe sahen, halfen sie mir nun auch. Der Sand wurde in Mützen herausgeschafft, wobei sich die oben Befindlichen auf den Bauch legen mussten, um ihn aus meinen Händen zu nehmen. Ich stieg nun aus meinem Loche, liess das Wasser sich sammeln und die Unreinigkeiten sich setzen. Hierauf reinigte ich mich selbst im Strome, und erquickte mich sodann mit den Uebrigen am Wasser unserer Quelle. Diess war freilich nicht so gut, wie das Regenwasser, aber sehr klar und trinkbar. Hiezu zogen wir noch den übrigen Vorrath von Bananen und Speck hervor und speisten nach Herzenslust.

Die hell brennenden Feuer und ein günstiger Seewind trieben die Mosquittos von uns weg, und wir schliefen, unbekümmert um den Rest des Weges, den wir den folgenden Tag noch zurückzulegen hatten, als gegen Mitternacht ein Trupp Brüllaffen auf den Bäumen über uns ein höllisches Geschrei anhuben und wir erschrocken aus dem Schlafe fuhren. Wir fachten nun die beinahe erloschenen Feuer wieder an, deren Schein diese unwillkommenen Ruhestörer in eilige Flucht trieb.

Des Morgens, nachdem wir statt des Kaffees uns mit Wasser erfrischt, und auch unsere Feldflaschen damit gefüllt hatten, verliessen wir mit schwerem Herzen unser Lager und marschirten durch Dick und Dünn weiter. Eine Sandritze, die einige Schritte längs des Ufers hin sich erstreckte, erleichterte uns Anfangs den Marsch, obgleich wir uns bei jedem Schritte durch Lianen und stachlichte Palmen winden mussten. Ich fand hier eine grosse Schildkröte, die ich mit dem Säbel aufhieb, um wenigstens das Fleisch im Brodsack mitnehmen zu können, da sie zum Tragen zu schwer war. Der Wald wurde immer dichter, und die Fluth erlaubte uns nicht, längs des Strandes zu marschiren. Jeder Schritt, den wir durch diese Wildniss machten, kostete vorher fünf Minuten Arbeit mit dem Säbel.

Wir waren auf drei Seiten von Lianen umgeben, die von der Dicke eines Bindfadens, bis zu der eines Ankertaus sich vorfanden, alle Gesträuche und Bäume umstrickten, und auf der vierten rollten die Wellen der Fluth durch die Wurzeln des Gesträuches, sodass wir von Zeit zu Zeit von dem schmutzigen Wasser über und über bespritzt wurden. Wir machten, so unglaublich diess auch scheint, wohl einige 100 Schritte auf den Zweigen und Luftwurzeln der Bäume, ohne den Boden zu berühren, ja manchmal waren wir 15' über ihm, und es kostete uns keine kleine Mühe, das Gewehr nachzuziehen.

In die Länge auf diese Affenart zu reisen, war unmöglich; wir beschlossen desshalb, die Ebbe abzuwarten, und dann entweder zurückzukehren, oder weiter zu reisen, wenn der Strand nicht aus zu weichem Schlamme bestände. Wir blieben so in den Zweigen sitzen und erblickten glücklicherweise bald ein Boot, das den Correntin aufwärts fuhr.

Ein Hemd, das ehemals weiss gewesen war, wurde an einen Stock gebunden und mit diesem geweht, auch waren wir so glücklich, unsern, mit Schlamm bedeckten Gewehren zwei Schüsse zu entlocken, worauf die Mannschaft des Bootes, die aus vier, nach der Nannaykreek bestimmten Indianern bestand, uns bemerkte und aufnahm. Kaum sassen wir im Boote, so wusch ein gewaltiger Platzregen, der erste nach vielen Monaten, uns allen Schlamm vom Leib.

Die zwei weggelaufenen Neger hatten beinahe den gleichen Weg, wie wir, nach dem Correntin eingeschlagen, und, nachdem sie den Strand erreicht hatten, eines unserer kreuzenden Boote angerufen, in der Meinung, es sey ein englisches von der gegenüberliegenden Pflanzung.

Man nahm sie auch willig ein, und sie konnten bald ihren Irrthum wahrnehmen, weil man auf ihre Bitte, sie nach dem jenseitigen Ufer zu führen, dem Posten Nickerie zusteuerte.

In der Nannaykreek trafen wir nun das unserer harrende Detachement.

Eine volle Schüssel warmer Bananen und das Fleisch der Schildkröte wurde in Gemeinschaft verzehrt, und des Abends fuhren wir in drei Stunden nach dem Posten zurück, während uns diese Entfernung einen dreitägigen, höchst schwierigen Marsch gekostet hatte.

Wenige Tage nach meiner Zurückkunft von dieser ermüdenden Expedition fuhr ich mit der Wasserpont, welche während der Trockenzeit alle acht oder zehn Tage nach dem obern Nickerie fuhr, um süsses Flusswasser für das Detachement zu holen. Das Fahrzeug war ohne Dach und hatte etwa 30 Fässer geladen, die oberhalb der Mündung der Maratacca, wenn die Zeit der Ebbe beinahe vorüber, somit das Wasser am reinsten war, gefüllt wurden.

Wir waren am Abend des dritten Tages auf der Heimreise begriffen und nahe bei der Pflanzung Krabbahoek, als die Neger mich auf eine grosse Schlange aufmerksam machten, die im Schlamme am Ufer lag. Ich sah anfangs nichts, als einen mit Schlamm und angeschwemmtem Laube bedeckten, unförmlichen Haufen, und erst, als der Steuermann mit der Ruderstange hineinstiess, konnte man die gefleckte Haut des Thieres unterscheiden. Ein Stoss, wie der mit dem Ruder geführte, hätte einem Menschen sicher alle Rippen im Leibe gebrochen; das Ungethüm schien ihn aber nicht gefühlt zu haben. Ich war desswegen der Meinung, es sey todt und von der Fluth angeschwemmt, und wollte es in das Fahrzeug ziehen. Die Neger aber versicherten mich, dass das Thier weder krank noch todt wäre, und ein Schuss nach ihm mich schon von seiner Activität überzeugen würde. Desshalb schoss ich mit leichtem Hagel auf Gerathewohl in den Klumpen, worauf sich der Kopf aus der Mitte des verschlungenen Körpers hob und auf eine andere Seite legte. Jetzt fuhren wir so nahe als möglich an's Ufer, und ich schoss in einer Entfernung von kaum drei Schritten abermals. Mit einer Schnelligkeit, die man einem so trägen Thiere nicht zutrauen sollte, schoss jetzt die Schlange wohl 12' in die Höhe, um mit offenem Rachen auf mich hereinzustürzen.

Dieser Angriff kam mir so unerwartet, dass ich über Hals und Kopf in's Fahrzeug fiel, während der Steuermann, ein baumstarker Neger, das wüthende Thier mit der Ruderstange anfiel, das endlich in seiner blinden Wuth sich um diese schlang und in das eisenharte Holz biss.

Ich hatte mich unterdessen wieder von meinem Schrecken erholt und mein Gewehr zum drittenmal geladen. Den Lauf desselben setzte ich jetzt der Schlange auf den Kopf, die nun auch auf den Schuss sogleich todt war.

Wir zogen sie nun mit vereinten Kräften ins Fahrzeug, wo ich ihr auf dringendes Bitten der Neger den Kopf und Schwanz abhieb. Des Morgens schleppten wir sie an's Land und an die Kaserne, wozu sechs Mann nöthig waren; denn sie mass ohne Kopf und Schwanz 26' und hatte die Dicke eines mässigen Mannsleibes. Ich war der Meinung, dass ihre Trägheit Folge eines tüchtigen Frasses sey, in welcher mich die unverhältnissmässige Dicke des Körpers bestärkte. Wie erstaunt waren wir daher, als man den Magen ganz leer fand, jedoch 78 Blasen von der Grösse eines Gänseeies herausholte, deren jedes eine 1½' lange Schlange enthielt, und die alle wie ein Paternoster aneinandergereiht, in einem Darm sich befanden. Sie war sonst sehr mager; denn das ausgebratene Fett betrug blos zwei Pinten. Um die Haut abziehen zu können, zogen wir sie mit vieler Mühe an dem Balken der Kaserne hinauf, der etwa 20' über dem Boden war. Einer kletterte dann, so »=à la Stedman=« an der Schlange empor, um das Fell abzulösen. Vom Fleische nahm ich einige Stücke, die als Beefsteaks und Ragout behandelt wurden. Hiezu fanden sich aber wenig Liebhaber, wiewohl das Fleisch weiss und wohlschmeckend war. Den Rest warfen wir auf die Sandbank, wo mit aufsteigender Fluth die Haifische ihr Gaudium daran hatten. Die Haut hatte ich an der Aussenseite der Kaserne aufgenagelt; sie schrumpfte aber so zusammen, dass sie zu nichts mehr brauchbar war.

Der Militärdienst des Postens war ziemlich strenge und ermüdender, als der in Paramaribo. Besonders litten wir Korporale darunter, da wir nur zwei, höchstens drei Nächte frei hatten, und auf der Wache, besonders wenn der Wind weniger stark wehte, und die Mosquittos freies Spiel hatten, keinen Augenblick schlafen konnten.

Die Wachstube glich an Schwärze einem Schornstein; denn nur durch Rauch konnte man das höllische Ungeziefer verjagen. Auf Spaziergängen war man beständig in Wolken dieser lästigen Insekten eingehüllt, und stille zu stehen war gar nicht möglich.

Auf dem Posten war eine kleine Kirche, an welcher ein protestantischer Missionär angestellt war, der den Negern das Wort Gottes an's Herz zu legen hatte. Auch wir Soldaten mussten manchmal die Kirche besuchen, und jeden Sonntag hatte der Korporal der Wache den Befehl des Landdrostes zu überbringen, welcher bestimmte, ob Predigt für die Soldaten seyn sollte, oder nicht. Es war meistens keine für uns abzuhalten; dem guten Pfarrer fiel jedesmal ein Stein vom Herzen, wenn der Korporal die Nachricht brachte, und ein guter Schnaps war jedesmal die Belohnung des Ueberbringers dieser Nachricht. Wenn Kirche war, so studirte sich der gute Mann halbtodt, um uns mit lehrreichen Geschichten zu unterhalten. Kaiser Nero und andere stockblinde Heiden spielten desshalb in seinen Vorträgen immer grosse Rollen, und die ungezogene Gemeinde lachte zuweilen überlaut.

In den ersten Monaten des Jahrs 1839 kam an die Stelle des wachhabenden Schooners eine kleine Kriegsbrigg, und in das einförmige Leben der Bewohner auf Nickerie kam dadurch einige Abwechslung.

Die Seeofficiere besuchten häufig den Posten und die Pflanzungen, und man hörte von Bällen und Soirées.

Ich hatte längst gewünscht, die Dörfer der Indianer an der obern Maratacca besuchen zu können, und bekam durch die Güte meines Kommandanten, der beim Gouvernement um seine Entlassung als Landdrost gebeten und diese auch erhalten hatte, die Erlaubniss dazu. Da er die Reise zur Stadt durch das Innere machte, so benützte ich diese Gelegenheit, mit ihm bis an den indianischen Posten an der Maratacca zu fahren.

Wir verliessen den Posten zu Ende Mai's unter einem heftigen Regenguss, und kamen mit anbrechendem Tage bei den Indianern an.

Der Kommandant setzte seine Reise weiter fort, und ich miethete einige Indianer, die mich nach den höherliegenden Dörfern bringen sollten. François, der Posthalter wollte mich selbst dahin begleiten, und wir fuhren gegen Mittag auf einer kleinen Corjaal in die Maratacca. In Folge heftigen Regens war der Wasserstand ungemein hoch, und nur wenige Fluth begünstigte uns.

Wir hatten sechs kräftige Indianer, die unter immerwährenden Scherzen aus Leibeskräften ruderten. Es war ein trüber, regnerischer Abend, und wir Alle waren froh, als wir den Werkplatz einiger Zimmerneger, die hier Bretter sägten, erreicht hatten.

In der Hütte dieser Leute hingen wir unsere Hängematten auf und schliefen einige Stunden, bis der Mond aufgegangen war. Der Regen hatte aufgehört und der Himmel war mit Sternen bedeckt. Todesstille herrschte um uns her, und nur Laubfrösche quackten in verschiedenen Melodieen auf den Bäumen.

Um einen grossen Umweg, den die Maratacca bildet, abzuschneiden, fuhren die Indianer durch eine, höchstens 4' breite Oeffnung, die mir am hellen Tage entgangen seyn würde, in einen kleinen Kanal. Da manchmal Bäume über ihn gefallen waren, so musste man sich oft platt in die Corjaal legen, um den Kopf nicht anzustossen.

Der Mond bildete nur eine schmale Sichel, und auf allen Seiten umgab uns der dichteste Hochwald; desswegen war es hier stockfinster. Hier sah ich Sträucher leuchtender Pflanzen an dem etwas hohen Ufer. Diese waren 2-2½' hoch, an Gestalt so ziemlich der Asclepias carrasaviva ähnlich, und hatten lange, spitzige Blätter. Ihr Glanz war bei weitem nicht so stark, wie der der Feuerfliegen, und hatte etwas bläulich Phosphorartiges; doch konnte man alle Umrisse deutlich unterscheiden. Weil ich ganz der botanischen Kenntnisse entbehrte, habe ich vergessen, ein Exemplar dieser so merkwürdigen Pflanze mitzunehmen.

Mit anbrechendem Tag kamen wir wieder in die Maratacca. Das Land erhöhte sich allmählig, und der schönste Hochwald säumte die Ufer der Kreek, die in den wunderlichsten Krümmungen sich südwestlich zog.

Regenschauer durchnässten uns auch heute, wie überhaupt in dieser Beziehung der Monat Mai der schlimmste des Jahres ist.

Wir fanden gegen Mittag eine kleine Hütte, die von einer Arowackenfamilie bewohnt war. Das Mittagessen wurde hier gekocht, und ich überdiess mit Cumu tractirt, den man in Ermanglung von Zucker mit dem süssen Mehl der Lokus-Bohne gewürzt hatte[10]. Die halbe Nacht brachten wir wieder in einigen leerstehenden Hütten zu, und vor Tagesanbruch kamen wir an den Landungsplatz der Savannendörfer.

Wir hatten vom Nachtlager Feuer mitgebracht, und es loderte desshalb bald eine kräftige Flamme auf, um die wir im Kreise herumsassen und den Tag erwarteten. Unsere Indianer gaben mit ihren Pfeifen ein Concert, um ihre Ankunft ihren Freunden mitzutheilen.

Die Maratacca mochte hier etwa 60' breit seyn. Ihre Ufer waren hügelig und mit Hochwald bewachsen, hinter dem unabsehbare Savannen, wahrscheinlich bis zur Correntin, sich erstreckten. Das Durchwaten der Kreek ist in der Trockenzeit leicht. Nach der Aussage der Indianer soll sie mit der Correntin in Verbindung stehen; wenn diess der Fall ist, so bin ich davon überzeugt, dass der Zusammenfluss nicht weit entfernt von hier stattfindet. Jedenfalls wird die Entfernung der Savannendörfer vom rechten Ufer des Correntins nicht über zehn Stunden betragen, was in sofern von Wichtigkeit ist, als viele Plantagenneger an der Maratacca arbeiten, und durch diese Kreek, oder die Savannen derselben einen leichten, gefahrlosen Weg nach der englischen Colonie hätten.

Mit anbrechendem Tage fanden sich mehrere Indianer ein, welche unserem Dram fleissig zusprachen und uns dann nach ihren Dörfern begleiteten. Am Wege dahin waren grosse Cassavefelder, die sich bis an die Savannen erstreckten. Nachdem wir etwa zehn Minuten gegangen waren, öffnete sich der Wald, und eine grosse Savanne lag vor uns, die stellenweise sich sanft erhob und stundenweit nach Westen auszudehnen schien.

Wie in den Savannen der Casawinika und Saramacca die Mauritzenpalmen vorherrschen, weil der mehr ebene Boden die Feuchtigkeit, welche diese so sehr lieben, besser bewahrt, so waren hier die Awarrenpalmen ungemein zahlreich. Man fand sie hier von einer Höhe, die sie anderswo nie erreichten, sowohl am Rande der Wälder zerstreut, als in kleinen malerischen Gruppen beieinanderstehend.

Aus dem Hochwald, der diese Flächen umzog, blickten die brennenden Blumen des Grünhart hervor, und tausenderlei Blüthen schmückten das grüne Laubwerk, das in Folge der häufigen Regen eine herrliche Frische zeigte. Selbst Gras und Blumen, welche den sandigen, sonst unfruchtbaren Boden schmückten, prangten in voller Blüthe, während in den Trockenzeiten, welche Alles dürr und verwelken machen, dem Auge ein unfreundliches Bild sich darbietet. Unter Bananen-, Papayas- und Awarrabäumen fanden wir die Dörfer der Indianer versteckt. Zwei derselben waren von Waraus, und das dritte, weiter entfernte von Arowacken bewohnt; und sie zählten zusammen etwa 200 Bewohner.

Wir wurden vom Oberhaupt dieser Dörfer, der als Zeichen seiner Würde einen Stock mit grossem, silbernem Knopf erhielt, aufs Beste empfangen, und mit Cassave und Ananas (mehr hatte er nicht) bewirthet, wogegen ich den Rest meines Drames mit ihm theilte.

Die Merkwürdigkeiten des Platzes waren bald besehen, und bestanden, die schöne Lage ausgenommen, in nichts Besonderem, wodurch er sich vor andern Indianerdörfern ausgezeichnet hätte. Es war Alles mit dem Reiben von Cassave und Ananas, sowie mit der Bereitung eines Trankes, den man Casiri nennt, beschäftigt; denn in ein paar Tagen sollte ein grosser Tanz stattfinden, und die Corjaal, nebst den Trögen, worin die Leckerei bereitet wurde, standen bereits in der grössten Hütte. Die Sitzbänke sind aus Cederblöcken geschnitzt und sehr massiv. Ihre Enden stellten Kaimans- und Käferköpfe vor, und waren blau und roth bemalt. Es wurde mir hier ein Trank gereicht, der aus den reifen Früchten der Awarra bereitet war und sehr angenehm schmeckte[11]. Die reifen Früchte der Awarra werden einige Tage in die Erde eingegraben, wodurch ihr Fleisch mürbe und weich wird, so dass es sich in einem grossen Troge leicht von den Steinen abstampfen lässt. Es wird dieses sodann in einen Kurikuri, einen Korb, der aus dem Baste einer rohrartigen Pflanze, Warimbo genannt, gemacht ist, und der vorher dicht mit Heliconienblättern belegt wird, eingedrückt, und sodann im kalten Wasser der Kreek, das nicht durch die Blätter dringen kann, einige Tage ausgesetzt, wodurch die ölige Substanz, die in dem faserigen Fleische sitzt, mehr flüssig gemacht wird.

Eine Handvoll dieser Masse in eine Kalabas voll Wasser ausgedrückt, färbt dieses mennigroth, macht es fett und angenehm säuerlich süss. Mit Zucker vermischt, ist es wirklich ein köstlicher Trank, und ich ziehe ihn dann selbst dem Cumu vor.

Das Völkchen schien im Ueberfluss zu leben; denn Cassavebrod war in Menge vorhanden, und die Felder befanden sich im besten Zustand. Nur Schade, dass dieses Wohlleben nur temporär ist und gar häufig Zeiten eintreten, in welchen Awarra, Maripa und andere Waldfrüchte den hungrigen Magen stopfen müssen, und zwar nur desshalb, weil die Leute zum Pflanzen zu faul waren. Die Waraus besonders sind als Faullenzer bekannt; doch sind solche Hungerzeiten bei den Caraiben ebenfalls nicht selten.