Part 11
An einem etwa drei Stunden langen Fahrweg, der sich von Osten nach Westen längs der Küste hinzieht, liegen verschiedene jetzt verlassene Baumwollenpflanzungen. Ein gegrabener Canal von etwa 3' Tiefe, der längs dieses Weges läuft, dient zum Transport der Baumwolle nach dem Posten, wo sie auf die Schiffe verladen wird. Auch werden die Lebensmittel für diese Pflanzungen, die auf eigenen, weiter aufwärts an der Nickeriekreek gelegenen Kostgründen gebaut werden, auf diesem Canale dahin gebracht.
An der Kreek befinden sich noch ausser diesen Kostäckern drei grosse Zucker- und zwei Kaffeepflanzungen.
Das Land längs der Seeküste besteht aus grossen morastigen Savannen, die bis an den obern District reichen und durch jede Springfluth unter Wasser gesetzt werden.
Obgleich die Entfernung zwischen dem Ober- und Niederdistrikt kaum neun Stunden beträgt, so ist es doch höchst mühsam und gefährlich, dahin zu gelangen, da am Ufer der See weicher Schlamm und Mangel an süssem Wasser, im Innern aber die Moräste den Marsch sehr erschweren.
Ebenso ist die Küste längs des Ufers der Correntin; grosse Sümpfe, mit Binsen und dornigen Bäumen bewachsen, bedecken die Fläche zwischen diesem Strome und der Nickeriekreek.
Dessenungeachtet entflohen schon viele Sklaven, die durch diese Sümpfe bis zum holländischen Ufer der Correntin durchdrangen. Hier verfertigten sie Flösse, auf welchen sie sich zur Fluthzeit nach dem englischen Ufer treiben liessen. Kluge Massregeln haben indess in der Folge solche Fluchtversuche verhindert.
Die grosse Fruchtbarkeit des Niederdistrikts gibt den Pflanzungen ein höchst blühendes Aussehen. Auch die Gebäude und Maschinen befinden sich im besten Zustande und Alles ist zum Nutzen und zur Bequemlichkeit des Lebens eingerichtet, weil die Eigenthümer immer anwesend sind und ihre Effecte selbst verwalten.
Der mir günstige Kommandant, der, wie bereits gesagt wurde, Landdrost des Distrikts war, gab mir ein kleines Zimmer in der Kaserne, eine Wohlthat, die ich erst recht empfand, als ich mich =à mon aise= eingerichtet hatte. Der frühere kränkliche Kommandant liess die beiden Sergeanten machen, was sie wollten, und diese errichteten zu ihrem grossen Vortheil eine Herberge, wo jeder nach Herzenslust trinken konnte, so lange er Geld oder Credit hatte. Der Militärdienst war ihnen Nebensache, daher kam es auch, dass sechs Neger unter den Augen der betrunkenen Schildwache des Nachts das Boot des Postens losmachten und nach Berbice fuhren. Dieses fand man durchlöchert an der englischen Seite. Die Neger aber hatten keine Lust zurückzukehren, und liessen ihren früheren Direktor herzlich grüssen.
Grosse Trunkenbolde, die wie die Vielfrasse nicht satt werden konnten, verkauften das Wenige, das sie hatten, um bei den Sergeanten trinken zu können und liefen lieber zerlumpt auf dem Posten herum. Es war beinahe keiner, der nicht tief in Schulden steckte. Daher war es leicht möglich, dass einer der Sergeanten, der zwei Jahre dieses einträgliche Geschäft betrieben hatte, 4000 Gulden gewinnen konnte, was er selbst äusserte. Dieser Handel wurde gleich bei der Ankunft des Kommandanten aufs Strengste untersagt und eine Disciplin eingeführt, durch welche nicht nur Pünktlichkeit des Dienstes bezweckt, sondern auch das Wohl des Soldaten gefördert wurde.
Freilich war Manchem das Neue ungewohnt und nicht willkommen; aber die Störrigen kamen haufenweise ins Loch, wo sie einsehen lernten, dass Nachgeben besser sey, als Raisonniren.
Zwei Boote auf der Nickeriekreek und ein Häuschen auf der andern Seite derselben waren des Nachts von Schildwachen besetzt, die jede halbe Stunde ihre Wachsamkeit durch ein Feldgeschrei anzeigen mussten. Ausser den zwei Schildwachen auf dem Posten befanden sich noch fünf Mann und ein Korporal an Bord eines Schooners, der zu gleichem Zwecke eine halbe Stunde vom Posten entfernt vor Anker lag. Auf diese Weise konnte also ein Neger zu Wasser nicht leicht entschlüpfen.
Kurze Zeit nach meiner Ankunft wurde mir die Verwaltung der Menage des Detachements übertragen. Ich hatte jetzt des Morgens die Ration Genever auszutheilen und musste die Lebensmittel, als Bananen u. s. w. auf den Plantagen einkaufen. Als die Sergeanten keinen Schnaps mehr verkaufen durften und den wenigen Bürgern bei schwerer Strafe untersagt war, solchen auszuschenken, war ungemeine Betrübniss unter der nassen Gemeinde des Postens. Es kauften nun die Liebhaber desselben, welche an einer Ration nicht genug hatten, die ihrer Kameraden, welche das Geld dem Genever vorzogen. Dadurch gab es nun wieder manchen Betrunkenen, wesswegen der Kommandant endlich befahl, dass jeder vor meinen Augen seine Ration austrinken musste und dieselbe nicht mehr in Fläschchen empfangen durfte. Es war nun beim Detachement ein deutscher Jude, der aus grosser Sparsamkeit seine Ration stets verkauft hatte, eine geschenkte aber ohne Scheu hinunterschluckte. Er wollte nun schlechterdings seine Ration nicht missen, noch weniger des Gewinns, welchen ihm dieselbe bisher eingebracht hatte, entbehren. Der Schlaue nahm desshalb seine Ration in den Mund und spuckte dieselbe von mir entfernt heimlich in ein Fläschchen aus, das er seinem Kunden, einem geschickten Schneider des Detachements, überbrachte.
Jeden Samstag musste ich auf der etwa vier Stunden entfernten Pflanzung Botanybai die nöthigen Bananen fürs Detachement einkaufen. Ein offenes, von drei Mann gerudertes Boot war hiezu bestimmt. Ich fuhr nun, je nachdem die Fluth eintrat, manchmal des Nachts, oft aber auch in der glühenden Hitze des Tages dahin.
Besonders freundlich wurde ich auf der Zuckerplantage The Nursery empfangen, wesswegen ich nie versäumte, dort anzukommen. Die Frau des Hauses beschenkte mich jedesmal mit Früchten aller Art, und für einige Pfunde Brod, welche sie sodann unter die Negerkinder austheilte, bekam ich jedesmal von ihr ein kleines Fässchen Zucker, so dass ich das manchmal so schlechte Wasser des Postens immer als Limonade trinken konnte. Die Pflanzung selbst ist eine der schönsten im Lande und ich glaube, dass die grosse Fruchtbarkeit des Bodens und die gute Gesinnung der Neger sie zu einer der einträglichsten machen. Gebäude, Gärten und Negerhäuser sind zweckmässig und mit Geschmack angelegt. In einem Theile des prächtigen Kochhauses befindet sich die Dampfmaschine, welche den Saft auspresst und denselben in das zweite Stockwerk hinaufpumpt, wo in einem geräumigen Saale zwei Reihen Kessel stehen, in denen der Likker (ausgepresste Saft) gekocht und zu Zucker gemacht wird. Dieser wird im untern Raume aufbewahrt. Ein langer Kanal, dem entlang die Zuckerfelder liegen, führt vom Kochhause nach dem etwa zehn Minuten entfernten Landungsplatz, wo ein kleines Sommerhäuschen in die Nickeriekreek hineingebaut ist.
Die Schiffe legen hart an diesem Häuschen an. Die Zuckerfässer werden nun mittelst einer Winde aus dem innern Kanal ins Häuschen und von da ins Schiff gehoben. Hinter der Mühle sind die Gebäude für die Fabrikation des Rums, sowie die Traslogen, in welche das ausgepresste Rohr zum Feuern der Kessel hineingeworfen wird.
Ein anderer Kanal trennt das höchst elegante und in einem Garten stehende Wohnhaus von den Fabrikgebäuden und andere Kanäle scheiden es wieder vom Dorfe der Neger, das drei Strassen bildet, die mit Kokos- und Pomme-de-Cythere-Bäumen besetzt sind. Die Negerhäuser sind von Pina und theilweise von Brettern dauerhaft aufgeführt, auch jedes mit einem Gärtchen versehen.
Unmittelbar an dieser Pflanzung liegt die grosse Zuckerpflanzung Waterloo, deren Eigenthümer einer jener sonderbaren Menschen war, die bei ungeheurem Reichthum stets noch mehr zu erlangen streben. Hoch in Jahren, Eigenthümer von drei schönen Pflanzungen mit mehr als 700 Sklaven, lebte dieser Mann einsam auf seiner Pflanzung, ohne Frau und Kinder. Eine Mulattin, die er mit einer seiner Negerinnen gezeugt hatte, war selbst auch Sklavin und versah sein Hauswesen. Ich kam manchmal zu ihm; er war in der Folge sehr für mich eingenommen und wollte mich sogar vom Militär loskaufen und auf seiner Plantage als Blankoffizier mit 500 fl. Gehalt anstellen. Doch ich hatte keine Neigung fürs Pflanzerleben und war mit meiner Lage zufrieden[5].
Ungeachtet die Mosquittos auf Nickerie für eine grosse Plage anzusehen sind, so ist doch der Mangel an Trinkwasser in den Trockenzeiten ein noch ärgeres Uebel. Ein grosser eiserner Behälter, in welchem das Regenwasser sich sammelt, befriedigt nur auf kurze Zeit das Bedürfniss des Detachements. Wenn es aber einige Zeit nicht regnete und die Cisterne leer war, so musste man in Fässern Flusswasser aus dem oberen Nickerie und zwar oft zwölf Stunden weit herbeischaffen. Bleibt die Pont, welche mit etwa dreissig Fässern beladen ist, über die bestimmte Zeit aus, so ist die Noth sehr gross und ich habe selbst bei einer solchen Gelegenheit auf einer anderen Pflanzung für eine Calabasse Sumpfwasser ein Sacktuch gegeben, das ich Tags zuvor um 1 fl. 25 kr. gekauft hatte. Das Wasser wurde jeden Morgen durch den Corporal der Wache an den Koch und die Soldaten ausgetheilt. Diese Austheilung fand unter einem Gedränge von Kühen, Schafen, Schweinen und Federvieh statt, die sich um die herunterfallenden Tropfen stritten. Die Enten aber flogen auf die Fässer und streckten ihre langen Hälse zu den Spontenlöchern hinein, um ihren Durst zu löschen. Es hatte seit acht Monaten nicht geregnet, so dass alle Pflanzen durch die Trockenheit Noth litten. Wie sehr alsdann ein plötzlicher Regen erquickt, und wie wenig man die Mühe scheut, das kostbare Wasser in allerlei Gefässen aufzufangen, lässt sich nicht beschreiben.
Gewöhnlich haben die Seeposten Ueberfluss an Wild und Fischen, was auch hier der Fall war. Auf einer grossen Bank, die sich bei dem Posten weit in die See erstreckte, gebraucht man zum Fang der Seefische ein etwa 100' langes und 6' hohes Netz; mit aufsteigender Fluth liefen zwei Männer mit dem einen Ende bis um den Hals ins Wasser, während zwei andere mit dem andern Ende ganz nahe und langsam am Lande marschirten. Plötzlich schwenkten die äussersten dem Lande zu, und die Fische fingen sich in einem grossen, in der Mitte des Netzes angebrachten Sacke. Zog man sie ans Land, so sah man ein Gewimmel von den wunderlichsten Gestalten. Rochen mit ungeheuren, stachlichten Schwänzen, Hai- und Sägefische, und den sonderbaren Hammerfisch sah man mit allerlei Arten von Welsen, die im süssen und salzigen Wasser vorherrschen, beisammen.
Hatte man so einige Stunden gefischt, so wurde die Beute getheilt und von jedem auf beliebige Weise zurecht gemacht.
Auf andere Weise wurde das Fischen in den Gräben der Cattunfelder betrieben. Hier fängt man mit 6' breiten und eben so langen Netzen, welche die Neger aus Cattun stricken, eine Menge Kwikwi, welche an Güte und Grösse die der übrigen Colonien übertreffen[6]. Die Suppen von diesen Fischen gehören zu den Leckereien Guyana's. Wir brachten stets von diesen Fischpartien so reichlichen Fang nach Hause, dass wir ihn kaum schleppen konnten. Häufig fing man auch in den Gräben junge Kaimans, die ebenfalls auf ihre Manier fischten und durch gewaltige Schläge mit dem Schwanze uns zuweilen grossen Schrecken einjagten.
Man findet den Kaiman (Alligator sclerops) überall sehr häufig und zwar immer im Wasser, aus welchem er die Hälfte seines Kopfes streckt. Nie habe ich einen gesehen, der über 6' lang gewesen wäre, schon solche von dieser Länge sind sehr selten. Weibchen von 4', die jedoch noch lange nicht ausgewachsen sind, legen Eier an den Ufern der Flüsse und Kreeken in angeschwemmtes Reisach, sowie an feuchte Plätze. Diese Eier sind etwas grösser, als Hühnereier, an beiden Enden gleich abgerundet, schmutzig weiss, und mit einer porösen Kruste überzogen.
Die Indianer essen das Fleisch und die Eier sehr gerne; auch die Franzosen sind grosse Freunde von ersterem. Einmal brachte man mir ein weibliches Beutelthier (Didelphis tricolor). Es war von der Grösse eines Eichhörnchens, hatte einen spitzigen Kopf, grosse nackte Ohren, grosse, schwarze, wie bei den Ratten hervorstehende Augen und einen langen, nackten Wickelschwanz. Es hatte eine bräunliche Farbe, über jedem Auge einen schwarzen Flecken; Brust und Bauch jedoch waren ockergelb. Ich sperrte es in einen Käfig, in welchem man es beobachten konnte, ohne von ihm gesehen zu werden. Als Nahrung gab ich ihm Wasser und gekochte Fische. Des andern Tages fand ich ein Junges von der Grösse einer Maus, das nach Herzenslust mit seiner Mutter frass. Nach und nach erschienen noch drei, die alle den Tag zuvor im dichtverschlossenen Beutel der Mutter verborgen gewesen waren.
Es war allerliebst, die Spässe dieser Thierchen zu sehen, unter welchen sie sich um die Mutter herumtrieben, aber beim geringsten Geräusche in den Beutel flüchteten. In Folge der reichlichen Nahrung wurden die Jungen bald gross, so dass zuletzt die Mutter nicht mehr alle vier beherbergen konnte, und eines, zwei und zuletzt drei dieses Schutzes entbehren mussten; doch schlangen die Aussenbleibenden ihre Schwänzchen um die Mutter.
Das Wasser schlappten sie wie die Hunde, frassen auch wie diese; doch gebrauchten sie häufig die Vorderpfoten, wie die Affen. Sie wurden nie zahm; sondern zischten und pfeuchten, wenn man sich dem Käfig näherte. Sie haben ein ungemein zähes Leben; denn sie wehren sich noch, wenn schon Hirn und Eingeweide herausgenommen sind. Nach und nach entschlüpften mir alle.
Ebenso reichlich, doch mühsamer ist die Jagd auf die Wasservögel.
In den zwei ersten Monaten der Trockenzeit, wenn das Wasser der grossen, morastigen Savannen, welche hinter den Cattunpflanzungen liegen, eintrocknet, versammelt sich dort eine unglaubliche Menge von Wasservögeln, welche alle reichliche Nahrung finden und um diese Zeit am fettesten sind. Da diese Savannen über drei Stunden weit vom Posten entfernt liegen, und dort kein Trinkwasser zu finden ist, so fand sich blos _ein_ Soldat beim Detachement, der die Mühe dieser Jagd nicht scheute und viel Geld durch den Verkauf seiner Beute erwarb. Ich war neugierig, auch diese Art der Jagd kennen zu lernen und begleitete ihn eines Tages.
Des Abends verliessen wir den Posten und übernachteten auf der Pflanzung Providence. Mit Sonnenaufgang waren wir auf dem Damme, der die Ländereien dieser Pflanzung von der Savanne trennt. Von dieser lässt sich kein reizendes Bild entwerfen. Eine grosse, stundenweite Ebene dehnt sich nach allen Seiten aus. Sie ist theilweise mit falbem Grase, Schilf und niederem Gesträuche bedeckt, über welches einzelne ganz trockene und halbverbrannte Baumstämme hervorragen, welche traurige Ueberreste eines schrecklichen Waldbrandes sind, welcher vor mehreren Jahren vom Ober- bis Niederdistrict um sich griff. An manchen Stellen hauchen Pfützen den widerlichsten Geruch von abgestandenen Krebsen und Fischen aus, deren Ueberreste überall herum liegen, während man an andern Stellen bis um die Knie in teigartigem Schlamme watet. Dabei leidet man sehr von der glühenden Hitze, und im Schatten von den Stichen unzähliger Mosquittos. So arm sich auch die Vegetation in diesen Sümpfen zeigt, um so belebter sind dieselben von Thieren. Grosse, weisse Reiher (Ardea alba), hier Sabaccu genannt, rothe Ibise, Schnepfen und Enten sind in unzählbaren Schaaren hier versammelt, während auf dem Boden die Fusstapfen vom Krebshunde (Procion cancrivorus), dem Hirsche (Cervus rufus), dem Jaguar und den Beutelthieren den Beweis dafür geben, dass auch vierfüssige Thiere hier ihrer Nahrung nachgehen.
Wir marschirten wohl eine halbe Stunde über Pfützen und gestürzte Baumstämme in grösster Stille, als wir auf einmal, als wir um die Ecke eines kleinen Busches kamen, die ganze Fläche, so weit das Auge reichte, mit Reihern wie beschneit sahen. Der Lärm der Stimmen so vieler Tausende ist betäubend, und mit einem donnerähnlichen Geräusche flogen sie auf, als wir näher kamen.
Ihrer Magerkeit wegen werden sie wenig geschossen, doch sind ihre Federn zu Betten sehr brauchbar. Es zeigte sich auch ein Häufchen rother Ibise, deren 17 mit einem Schuss getödtet wurden. Mit Verwunderung musste ich sehen, wie mein Kamerad eine Anzahl Schnepfen, die zerstreut herum liefen, zusammen lockte. Sie kamen, obwohl sie ihn sehr gut sahen, auf einen leisen, eigenthümlichen Pfiff dicht zusammen und waren so leicht in Haufen zu schiessen. Es fielen über 40 auf einen Schuss. Sie hatten die Grösse einer Taube und waren äusserst fett und delicat. Man nennt diese Art hier Pluviere[7].
Weiter landeinwärts stiessen wir auf grosse Flüge wilder Enten, von welchen mein Jagdgefährte ebenfalls einige Dutzende schoss.
Man findet hier vier Arten derselben, von welchen eine der grössten, die Moschusente, wohl 12 Pfund schwer wird[8]. Die andern sind viel kleiner, als die gewöhnliche Hausente, doch haben sie höhere Beine und fliegen immer in grossen Zügen unter immerwährendem Gepfeife, während die Moschusente nur in kleinen Truppen oder paarweise getroffen wird. Alle nisten in Sümpfen auf den Boden. Nachdem noch einige, beinahe mannshohe, storchartige Vögel mit langem dickem Schnabel (Negerköpfe genannt) geschossen waren, traten wir gegen Mittag den Rückweg an. Es war uns beiden nicht möglich, diese Menge Wild weiter, als auf den Damm zu tragen. Mein Gefährte holte desswegen einen Neger auf der Pflanzung Providence, der uns die Beute nach dem Posten bringen half.
Nachdem ich meine Portion bekommen hatte, verkaufte mein Kamerad den Rest an das Detachement und die Bürger. Ich habe noch einigemal allein diese Savanne besucht, hatte aber zu wenig Geschicklichkeit und Geduld, um grosse Beute zu machen, und konnte ganz leicht ohne Neger dieselbe nach Hause bringen.
Wir waren unserer sechs Korporale auf dem Posten, von welchen immer einer abwechslungsweise sich an Bord des Kolonialschooners befand, und alle 8 Tage von einem andern abgelöst wurde.
Die Reihe kam nun auch an mich, obschon ich eben kein Verlangen darnach hatte; denn es ist sehr unangenehm, in dem kleinen Raume des Schooners mit Negern und Indianern logiren zu müssen, die Ausdünstungen dieser Leute und den Geruch von Thee und Schiffsprovision immer in der Nase zu haben. Ausser dem Kapitän und Steuermann waren 6 Soldaten, 6 Neger und 8 Indianer an Bord.
Durch das immerwährende Schaukeln des Fahrzeuges, das jedoch vor Anker lag, litt ich beständig an der Seekrankheit. Beschäftigung hatten wir natürlich keine. Die Soldaten schliefen oder spielten den Tag über, die Neger thaten dasselbe, und die Indianer lagen in ihren Hängematten, wo sie sich gegenseitig das im Gesicht und am Leibe keimende Haar mit zwei Muschelschalen herauszogen. Den Tag über schützte uns ein über das Fahrzeug ausgespanntes Segeltuch vor den Strahlen der Sonne und in der Kühlung schöner Abende erfreuten wir uns durch gegenseitiges Erzählen.
Die Indianer waren lauter junge Kerls, welche uns viel Spass machten. Eines Tages hatte ich Gelegenheit, ihre Geschicklichkeit im Schwimmen zu bewundern. Der Kapitän war mit ihnen auf dem Posten gewesen, von welchem sie betrunken zurückkamen.
Zwei von ihnen bekamen mit einander Händel, und der eine verlangte vom Kapitän, nach dem Posten zurückgebracht zu werden, weil er nicht mehr bei seinen Kameraden bleiben wolle. Man lachte natürlich über seine Forderung. Er aber packte Hängematte, Pfeife, Bogen und Pfeile zusammen, kletterte damit auf der Ankerkette bis in die See und schwamm plötzlich dem Lande zu. Es war gerade die Zeit der Ebbe, und der Kapitän befürchtete desswegen, der Strom möchte den närrischen Kerl weit in die See treiben, oder er könnte von einem Haifisch gefressen werden, und liess ihm durch den Steuermann und zwei Matrosen nachrudern, um ihn aufzufangen. Der Schwimmer merkte aber kaum deren Absicht, als er untertauchte und ihnen so immer entkam, wenn sie ihn schon zu haben glaubten. Plötzlich verschwand er wieder, und wir glaubten, er sey verunglückt; aber bald sahen wir ihn ganz mit Schlamm bedeckt, jedoch mit allen seinen Siebensachen, ans Land steigen. Er lief nun, so schnell als er konnte, nach dem Wachthäuschen, von wo aus er über die Nickerie schwamm, die hier so breit ist, als der Rhein. Des andern Tages kam er wieder nüchtern zurück.
Ich machte verschiedene Male mit dem Kapitän kleine Reischen nach der Correntin und ihren Inseln, und unsere Indianer, welche bei dieser Gelegenheit auf die Jagd gingen, brachten immer etwas mit.
Dreimal war ich an Bord dieses Schooners, der Beschermer hiess, detachirt und wir waren herzlich froh, als eine kleine Kriegsbrigg denselben ablöste und dort keine Wache mehr zu besetzen war. Weil durch die vielen Wachen auf dem Posten und dem vor der Mündung der Kreek liegenden Schooner den Sclaven des Distrikts das Entfliehen zu Wasser, wenn auch nicht ganz unmöglich gemacht, so doch sehr erschwert wurde, so versuchten einige zu Fusse nach dem Correntin zu entkommen.
Anfangs November erhielten wir die Nachricht, dass zwei Neger von der Pflanzung Waterloo auf diesem Wege entlaufen wären. Man löste augenblicklich zwei Kanonenschüsse als Zeichen für den Schooner, der sogleich eine Schaluppe nach dem Posten sandte. Drei Patrouillen wurden alsbald beordert, den Flüchtigen nachzusetzen. Sechs Mann mussten sich sogleich zu Wasser nach der Nannaykreek begeben, welche auf holländischer Seite ist und oberhalb der ersten Insel in den Correntin mündet. Sie blieben dort als Stationsposten. Drei andere mussten mit dem grossen Boote des Postens immerwährend längs der Küste kreuzen, und vier Mann sollten unter dem Commando eines Korporals durch die Sümpfe nach dem Correntin zu kommen suchen, wo sie sich mit dem Detachement an der Nannaykreek vereinigen mussten.
Da ich noch nie eine Buschpatrouille mitgemacht hatte, so bat ich den Commandanten, mich mit der letzteren gehen zu lassen. Wir fuhren nun gegen 5 Uhr Abends nach der Pflanzung Margarethenburg, von welcher aus wir den andern Morgen unsere Reise durch die Sümpfe antreten sollten. Wir hatten Lebensmittel auf vier Tage und waren mit Gewehren und Säbeln bewaffnet. Als Schlafplatz wies man uns eine Kammer an, in die wir ohne Licht eintraten, um die Mosquittos nicht anzulocken. Unausgeschälter Kaffee lag einige Fuss hoch auf dem Boden. Wir tappten im Finstern herum und machten uns unser Nachtlager zurecht. Die Soldaten vergruben sich unter den Kaffee, um von den Mosquittos nicht geplagt zu werden. Ich fand zufälligerweise in einer Ecke einen Haufen Leinwand, welche ich auf dem Kaffee ausbreitete und mich damit bedeckte.
Mit anbrechendem Tage machten wir uns reisefertig. Jetzt erst bemerkte ich mit Schrecken, dass ich zu meiner Lagerstätte die frischgewaschenen Hemden des Pflanzers benützt hatte, welche man den andern Tag bügeln wollte, und die durch meine, mit Oel eingeschmierten Schuhe freilich nicht weisser geworden waren.
Der Bastian der Pflanzung brachte uns auf den äussersten Damm derselben, von dem aus ein unabsehbarer, mit Binsen bewachsener Morast sich ausdehnte, den wir nun in südwestlicher Richtung durchwaten sollten. Wir marschirten auch meistens bis um die Kniee im Schlamme durch den Schilf, der so dicht wie Waizen stand und wohl 12' hoch war. Millionen Ameisen kletterten daran herum und fielen uns auf den Leib, wo sie ein unerträgliches Jucken verursachten. Abwechslungsweise musste einer von uns der vorderste seyn, mit dem Hauer den Schilf abhauen, oder, wenn derselbe zu dicht stand, auf den Boden drücken, um uns einen Weg zu bahnen. Man kann sich denken, wie beschwerlich und ermüdend ein solcher Marsch ist, und wie langsam es voranging.
Gegen Mittag erreichten wir eine Sandritze, die wohl 4' höher als der Sumpf mit Hochwald bedeckt war, und wo wir einige reife Papayas (Früchte des Melonenbaumes) fanden. Ich kletterte auf einen der äussersten Bäume, um mich in der Gegend umzusehen, und fand dass der Hochwald, wo wir wenigstens trockenen Fuss zu haben glaubten, wohl noch vier Stunden entfernt war.