Sechs Jahre in Surinam Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse

Part 10

Chapter 103,648 wordsPublic domain

Die Pont, welche uns nach Paramaribo bringen sollte, lag bei der Brücke und wir mussten desshalb bis um die Hüfte im Wasser marschiren, wobei man die Brücke immer im Auge zu behalten hatte, um nicht in die längs des Weges laufenden tiefen Gräben zu fallen, in welchen das Wasser über 10' tief stand. Aus Missverstand oder aus allzugrossem Diensteifer hatte der Sergeant des Postens befohlen, dass wir bewaffnet und in Uniform dahin marschiren sollten. Dieser Befehl war aber durchaus nicht nach unserem Geschmacke; denn einige Tage zuvor hatten wir allen unsern militärischen Putz gereinigt, um bei unserer Ankunft in der Garnison Alles in Ordnung zu haben. Dagegen half natürlich kein Schelten und Fluchen. Man nahm das Wohlverpackte wieder aus den Kisten und trat Morgens 9 Uhr den Marsch nach der Brücke an.

Der Regen fiel in Strömen herab und das Wasser eilte mit reissender Schnelligkeit nach der Kreek. Der Kommandant, der uns durch das Fernrohr so aufgeputzt durch das Wasser marschiren sah, ahnte die Sotise des Sergeanten und kam zu Fusse von der andern Seite her an die Brücke, weil sein Pferd nicht durch das Wasser wollte. Der Sergeant war zu Hause geblieben, weil er nasse Füsse scheute und musste geholt werden. Er bekam eine derbe Nase, zu welcher wir von der Pont aus ein Hurrah beifügten, und dann unter schrecklichem Regen abzogen.

Pfeilschnell ging es auf der Cassawinika hin, die in den vielen Krümmungen nordöstlich nach der Comowyne läuft.

Vor 2 Uhr befanden wir uns bereits auf dem Posten l'Espérance, der an der Ueberseite der Comowyne, oberhalb der Mündung der Cassawinika, liegt. Hier wurden wir von einem Sergeanten erwartet, der uns nach der Stadt bringen musste. Wir verliessen mit anbrechender Nacht den Posten und hielten des andern Mittags bei beginnender Fluth an der jetzt verlassenen Caffeepflanzung Bergerac. Ein heftiges Gewitter nöthigte uns, in der Pont zu bleiben; denn der Regen stürzte, wie aus Eimern geschüttet, vom Himmel.

Plötzlich erfolgte ein Donnerschlag, der so heftig war, dass uns Hören und Sehen verging. Der Blitz hatte kaum fünf Schritte von uns ins Wasser geschlagen. Zugleich sahen wir, dass der vordere Giebel des Caffeemagazins, sowie das Dach der Mühle durch die Gewalt der Blitze zertrümmert waren.

Im oberen Stockwerk, aber glücklicherweise auf der andern Seite, waren etwa 15 Kinder mit Caffeeschäufeln beschäftigt, so dass keines von ihnen beschädigt wurde.

Als der Regen aufhörte, besichtigten wir den Schaden. Ein sehr pfiffiger Soldat suchte eifrig den Donnerkeil, der das Gebäude sollte getroffen haben. Er griff desswegen in alle Krötenlöcher, die er in der Nähe desselben antraf und fand endlich zu unsrer grossen Belustigung in einem derselben einen grossen eisernen Thürangel, den er endlich, aber erst nach genauer Untersuchung, für einen solchen erklärte.

Gegen Mittag des andern Tages überfiel uns im Surinam ein so heftiger Sturm, dass wir in grosser Gefahr waren, zu sinken; denn die plumpen, platten Ponten füllen sich bei starkem Wellenschlag leicht mit Wasser.

Aber auch hier begünstigte uns das Glück. Wir erreichten das jenseitige Ufer des Stroms und hielten uns an den Zweigen, bis der Sturm sich gelegt hatte.

Mittags 3 Uhr waren wir am Orte unserer Bestimmung, in Paramaribo, angekommen. Hier erwartete mich nun wieder ein ganz anderes Leben als das, welches ich bisher geführt hatte.

Es waren nur wenige Corporale in der Stadt und desshalb der Dienst ziemlich schwer. Wir mussten jeden andern Tag auf die Wache und wurden, besonders bei der jetzigen Regenzeit, zuweilen bis auf die Haut durchnässt, was keine Kleinigkeit war.

Kaum von der Wache in die Compagnie zurückgekommen, bekam man den Dienst der Woche, bei welchem man für Alles zu sorgen hatte, was Reinlichkeit und Ordnung betraf, wenn man sich nicht die grässlichen Flüche der Sergeanten auf den Hals laden wollte. Kurz, es gibt keine geplagtere Charge bei dem Militär, als den Korporal, der mit den Soldaten sich nicht gemein machen darf und doch von den Unteroffizieren entfernt gehalten wird. Es ist dieser Rang so ziemlich analog dem der Blankoffiziere und ein trauriges Mittelding zwischen Seyn und Nichtseyn.

Zum Glück dauerte mein Aufenthalt in der Garnison nicht lange; denn gegen die Mitte Augusts 1838 erhielt ich den Befehl, mich mit einem bereit liegenden Tentboote nach dem Posten Nickerie zu begeben.

Mein Kommandant auf Mauritzburg war zum Landdrost des Niederdistrikts Nickerie ernannt und hatte die Güte, mich dahin kommen zu lassen.

Ein Sergeant, der auf Urlaub in der Stadt gewesen war, kehrte mit dem Boote nach dem Posten zurück. Die Wittwe eines kürzlich verstorbenen Offiziers benützte ebenfalls diese Gelegenheit, um einer Freundin, die auf einer Pflanzung am Coppename wohnte, einen Besuch abzustatten. Die Bagage dieser Dame nahm den grössten Theil des Tentes ein, und ihre Hut- und Haubenschachteln bildeten kleine Pyramiden, welche an die Decke stiessen.

Gerudert von acht kräftigen Indianern, fuhren wir Abends 4 Uhr von Paramaribo ab.

Ein Schiff, das nach den Nickeries geht, macht die Reise dahin meistens in einem Tag, weil Strom und Wind gleich günstig sind. Ein Boot aber, das durchs Innere geht und alle Krümmungen verschiedener Flüsse und Kreeken zu passiren hat, braucht 8-10 Tage zur Reise.

Wir kamen nach den letzten Häusern der Stadt in den Wanika-Kanal, an welchem ½ Stunde von Paramaribo der Invalidenposten Poelepantje (deutsch: zieh deinen Unterrock aus) liegt.

Bei dunkler Nacht erreichten wir den Invalidenposten Bakra Masango, der, rings umgeben von Sümpfen, am Canale liegt. Myriaden Mosquittos machen diesen Platz zu einer wahren Hölle.

Es ist hier die Wasserscheide des Kanals, der seinen Zufluss aus dem Surinam und dem Saramanka erhält, und wir mussten eine Stunde warten, ehe die Ebbe in dem Canale eintrat.

Mit anbrechendem Tage kamen wir in die Saramacca und blieben auf dem Posten Uytkyk, der an der Mündung des Canals liegt, einige Stunden. Es sind hier 10 Mann unter dem Kommando eines Sergeanten. Die Plantagen in der Nähe bieten hinlänglich Gelegenheit, sich mit Erdfrüchten, Zucker, Caffee u. s. w. zu versehen.

Wir fuhren mit dem Abletzen der Ebbe bis auf den ½ Stunde weiter entfernten Posten Groningen. Dieser Platz, wie Paramaribo, auf einer hohen Sandritze gelegen, war zu einer Stadt bestimmt, welche den Namen Columbia erhalten und als Stapelplatz für die Erzeugnisse der Saramacca dienen sollte. Es sind einige Strassen vorhanden, welche, wie die von Paramaribo, mit Orangebäumen besetzt sind. Die Hauptsache aber, nämlich Häuser, sucht man vergebens.

Das Land ist ziemlich hoch, und grosse Klippen, die aus zusammengetrockneten Muscheln bestehen, werden zu Bausteinen bearbeitet und dienen in Paramaribo zu Fundamenten von Schutzmauern gegen das Abspülen.

Eine Quelle eiskalten Wassers strömt aus diesen Klippen. Gegenüber dem Posten ist das Land in verschiedene gleichgrosse Stücke eingetheilt, welche denjenigen gegeben wurden, die sich dort anzusiedeln gedachten. Zugleich unterstützte das Gouvernement die Unternehmer mit Werkzeugen und Lebensmitteln. Aber, da Fleiss und Industrie hier nicht zu Hause sind, so konnte man sich keines guten Erfolges erfreuen.

Nachdem wir die halbe Nacht durch gefahren waren, kamen wir am Morgen auf einer Caffeepflanzung, Huwelykszorg, an, wo wir mit aller Freundlichkeit bewirthet wurden.

Gegen Mittag waren wir auf dem Posten Nassau, an der Mündung des Flusses gelegen.

Einzelne rothe Ibise, hier Flamingos genannt, spazierten längs des schlammigen Ufers, in dem man bis um den Leib einsinken würde, wenn man auf dem schmalen Baum, der zur Landung dient, fehl träte.

Ich sah hier einen Neger, der am Strande auf eben diesem schlammigen Ufer Krabben fing. Ein etwa 2' langes Brett, das er sich um den Fuss gebunden hatte und worauf er kniete, hinderte das Einsinken, und indem er sich mit dem freien Fuss fortstiess, schnellte er mit grosser Geschwindigkeit weiter.

Der Posten Nassau, ebenfalls im niedern Sumpfland angelegt, ist wegen der Seewinde gesund und hat Ueberfluss an Fischen und Wild, sowie an Lebensmitteln, welche man von den umliegenden Pflanzungen bekommen kann. Diess ist der Grund davon, dass alle Soldaten, ungeachtet der vielen Mosquittos, gerne hier sind. Es befanden sich hier 12 Mann unter dem Kommando eines Sergeanten. Wir wurden sehr freudig aufgenommen, hatten aber Gelegenheit, bald zu bemerken, dass der grösste Theil der Soldaten betrunken war. Der monatliche Sold war Tags zuvor ausbezahlt worden und man konnte desshalb aufs Neue wieder beim Sergeanten borgen, der eine kleine Herberge hatte, von welcher er selbst ein guter Kunde zu seyn schien.

Die beiden Sergeanten fuhren, um den Tag lustig zubringen zu können, nach einer naheliegenden Pflanzung und überliessen mir die Sorge für meine Reisegefährten, der ich sehr gerne enthoben gewesen wäre.

Es war nun drollig, mit anzusehen und anzuhören, wie die Soldaten des Postens der guten Frau ihr Leid bezeugten über den Tod ihres Mannes (eines zweiten Lieutenants der Colonie, der an einem Delirium gestorben war und seine Frau aufs Aergste misshandelt hatte) und welche Bonmots und Galanterien sie dabei mit einfliessen liessen.

Gesang, Händel und Schlägereien dauerten den ganzen Mittag fort und als die Nacht anbrach, trieben uns die Mosquittos ins Haus zurück, wo man, um das lästige Ungeziefer zu verscheuchen, einen Rauch machen musste, dass man beinahe erstickte.

So sass ich nun in der Stube des Sergeanten mit meiner Anvertrauten und den zwei Korporalen des Postens, die, um der Frau Zeichen ihrer Achtung zu geben, die Tugenden ihres seligen Mannes herausstrichen, den die Geplagte wahrscheinlich hundertmal zum Teufel gewünscht hatte.

In Folge der zwei Nächte, welche ich auf der Reise schlaflos zugebracht hatte, fühlte ich das Bedürfniss nach Ruhe und ich wurde um so schläfriger, je mehr mir das Gespräch meiner zwei betrunkenen Kameraden in den Ohren klang.

Meine Hängematte war oben auf der Bühne, wo einige grosse Rauchtöpfe die Mosquittos verscheucht hatten und ich wünschte, dass die Ankunft der Sergeanten erfolgte, um mich schlafen legen zu können. Die Frau aber, welche mehr Erfahrung hatte, befürchtete, dass die Sergeanten nicht nach Hause kommen würden. Unbemerkt schlich ich nach oben, wo mich ein herrlicher Schlaf erquickte.

Des Morgens sah ich Madame S. auf einer Bank am Wachtfeuer liegen, zugedeckt mit den Mänteln der wachthabenden Soldaten und jämmerlich zugerichtet von den Mosquittos.

Die Sergeanten waren um Mitternacht sehr lustig nach Hause gekommen und sie suchte, um allen Beileidsbezeugungen zu entgehen, ein Plätzchen am Wachtfeuer.

Wir verliessen gegen Mittag den Posten, um noch mit dem letzten Wasser der Ebbe die Mündung des Copename zu erreichen.

Es war schönes, helles Wetter und die weissen Häuser des Leprosen-Etablissements blickten uns freundlich aus dem dunkeln Wald entgegen.

Es war Springzeit[1] und unsere Ruderer, die ihr Möglichstes thaten, wurden durch die rasch anschwellende Fluth begünstigt.

Das Boot flog wie ein Pfeil dahin und gegen 8 Uhr hatten wir den Kostgrund De Hoop, ein dem Lande gehöriges Etablissement, wo die Bananen für die Neger der ebenfalls dem Gouvernement gehörenden Holzfällerei Andresen gepflanzt werden, erreicht.

Hier blieb unsere Reisegefährtin; wir aber setzten, nachdem wir etwas gegessen hatten, unsere Reise fort.

Der Director dieses Platzes, ein Schotte, nahm sich kurze Zeit nachher, einer sonderbaren Ursache wegen, das Leben. Ein Negermädchen dieses Ortes war durch eigene Nachlässigkeit sehr mit Siccas oder Sandflöhen (Pulex penetrans) geplagt, von welchen sich ganze Regimenter in ihren Füssen angesiedelt hatten, wesshalb sie zur Arbeit untauglich war. Der Director, obwohl er von der Heilkunde blutwenig wissen mochte, beschloss dennoch, das Mädchen zu kuriren. Die Geplagte musste ihre Füsse in einen Kübel voll siedenden Wassers stellen. Die Flöhe starben sogleich, das Mädchen war aber auch am andern Tage eine Leiche. Da er nun kein Doctorpatent hatte und desswegen zum Heilen auf diese Weise nicht befugt war, so wurde er vom Gouvernement nach Paramaribo gefordert, um sich desshalb zu vertheidigen. An Bord des Fahrzeuges de Beschermer, das ihn dahin bringen sollte, schnitt er sich den Hals ab.

Mit Tagesanbruch waren wir am Holzgrunde Andresen, der nahe an der Mündung der grossen Vaiambokreek, durch welche unsere Reise gehen musste, liegt.

Der Strom ist hier bedeutend schmäler, als weiter unten, und der schönste Hochwald ziert seine Ufer. Schwarzes, klares Wasser füllte sein Bett, das durch die häufigen Regen übervoll war.

Der Anblick dieses Etablissements war für uns ein sonderbarer und ungewohnter. Wir sahen einen halb ausgehauenen Wald, in dem die Negerhütten zerstreut und ohne Ordnung umherstanden. Ebenso war das Haus des Directors blos aus rohen, ungehobelten Brettern zusammengesetzt; einige andere Gebäude derselben Art dienten zu Magazinen und zu Wohnungen der Blankoffiziere. Das Effect war noch nicht lange angelegt und desshalb Alles erst im Werden begriffen. Das Holz, welches man hier fällt, wird meist durch englische Schiffe abgeholt und zum Maschinenbau auf den Antillen verwendet.

Später wurde mit ungeheuren Kosten eine Dampfsägmühle errichtet, die auf einem eigens dazu eingerichteten flachen Fahrzeuge dahin gefahren werden konnte, wo man das Holz vom Wald an den Strom schleppte, es dann sogleich aufnahm und zu Brettern sägte. Diese Maschine war aber, wie es scheint, für den Debit des Holzes zu grossartig und ist desshalb jetzt ausser Thätigkeit.

Einer der blanken Aufseher hatte denselben Morgen einen kleinen Zitteraal gefangen[2]. Ich bekam von diesem, etwa 1' langen und fingerdicken Thierchen, einen solchen Schlag, dass ich wohl noch zwei Stunden nachher das prickelnde Gefühl am Arme hatte.

Nach dem Mittagessen fuhren wir in die Vaiambo, welche die Copename mit der Nickerie verbindet. Es sollten nun vier Tage vergehen, ehe wir wieder einen von Weissen bewohnten Ort fänden.

Nur Indianerdörfer der Arowaken liegen unterwegs und zwar nicht am Wasser, sondern in den Savannen, die sich ungefähr ¼ Stunde von den Ufern der Kreeken befinden und wohin kleine, kaum bemerkbare Wege führen.

Des Abends schliefen wir im Boote, während die Indianer ihre Hängematten an Bäumen befestigten und unter grosser Fröhlichkeit ihr Essen bereiteten, das aus Bananen und gesalzenem Fisch bestand. Ein solches Bivouac im Walde hat besonders im Innern des Landes, wo man vor Mosquittos gesichert ist, einen ganz eigenen Reiz. Man liegt so bequem in der Hängematte, erwärmt vom Feuer, das man unter sich brennen hat. Der stille Wald, aus dem nur manchmal sich die klagenden Töne der Nachtvögel hören lassen, verbirgt beinahe ganz das Licht der Sterne. Grosse Feuerfliegen schwärmen durch die Gebüsche und Fledermäuse schwirren rechts und links vorbei. Zuweilen hört man aus der Ferne das Gebrüll der Brüllaffen oder wird die Stille unterbrochen durch den Fall alter, verfaulter Bäume, die mit donnerähnlichem Getöse alle kleinen, unter ihnen stehenden Bäume und Gesträuche niederreissen. Ehe der Morgen tagt, ertönen schon die gellenden Stimmen der Wackagos (Ortalida parragua) und die flötenartigen Töne der kleinen Anamu (Tinamus variegatus).

Jetzt wird eine Tasse heissen Caffees, nebst einem Stück Zwieback mit dem besten Appetit in der Hängematte genossen, während die Indianer sich mit Bananen begnügen, die sie an ihrem halberloschenen Feuer rösten.

In weniger als zwei Minuten ist die ganze Wirthschaft wieder im Boote, und nur die Ueberreste des verbrannten Holzes und die versengten Blätter des Bodens zeigen dem Vorübergehenden die Stelle eines Lagerplatzes an.

Am andern Tag machten uns die Indianer, während wir unser Mittagessen kochten, auf ein grosses Dorf aufmerksam, das eine halbe Stunde von hier entfernt in der Savanne liegen sollte. Während das Essen kochte, ging ich durch den Wald dahin und hatte bald die ersten Hütten erreicht, in denen aber, ausser einigen gezähmten Waldvögeln, Niemand zu sehen war. In den hintersten Hütten aber hörte ich Geräusch und Stimmen und fand auch eine Arowakenfamilie in der grössten Einigkeit in ihren Hängematten liegend und ihren Lieblingstrank, den Casiri, schlürfend[3].

Kaum hatten mich die Kinder erblickt, so erhoben sie ein Zetergeschrei und wollten sich lange nicht beruhigen lassen. Auch zwei Affen, denen ich eben so fremd war, hielten zu ihrer Partie, schrieen und fletschten die Zähne auf alle Weise, während die Weiber einige schattenähnliche Hunde, die wüthend bellten, zurückhielten und ihnen mit Mauritzenfasern das Maul zubanden.

Da die Indianer nur wenig nach der Stadt kommen und Weisse ebenso wenig Visiten bei ihnen machen, so war mein Besuch freilich ein sehr unerwarteter. Man bot mir Casiri an und eine grosse hohle, damit gefüllte Calabasse (Gotto) wurde nun zum Geschenk für ihre Freunde, die ihr Essen kochten und eben nicht sehr eilten, sie zu besuchen, mitgenommen. Die ganze Familie begleitete mich zum Landungsplatze zurück, wo ich sie mit Dram tractirte und wir als die besten Freunde von einander schieden.

Aus der Vaiambo, die südlich läuft, kommt man nach zwei Tagen in die Aracacouakreek, eine kleine aber tiefe Kreek, wo die Ruderstangen nicht Platz hatten und das Boot pagait wurde[4].

Die grossen Krümmungen, welche diese Kreeken machen, verlängern den Weg bedeutend; denn die Nickerie ist über die See höchstens 30 Stunden von Paramaribo entfernt.

Oben in der Aracacouakreek wurden wir bei hellem Tage plötzlich von Schwärmen Mosquittos angefallen, die klein und mager und sehr gierig nach unserem Blute waren. Wir mussten Rauch im Boote unterhalten, um diese lästigen Gäste los zu werden. Man findet dieses Ungeziefer im obern Lande manchmal stellenweise und selbst die Buschneger, die wohl 60 Stunden von der Küste entfernt wohnen, klagen darüber.

Aus der Aracacouakreek kommt man in die Nickerie, eine schöne und tiefe Kreek, die wohl den Namen Fluss verdiente. An ihren Ufern findet man hauptsächlich viele Maripapalmen (Maximiliana regia), die hier ganze Wälder bilden, während sie in andern Theilen des Landes zwar auch häufig, aber nur einzelnstehend vorkommen.

Den 25. August erreichten wir mit anbrechendem Tage den indianischen Posten an der Mündung der Maratacca. Die Indianer dieses Postens, sowie der Dörfer, welche in den Savannen und am Maratacca liegen, sind meist Waraus, weniger Arowaken und stehen im Dienste des Gouvernements, das an sie Lebensmittel und Geschenke austheilt, wofür sie verpflichtet sind, als Ruderer mit den Booten nach Paramaribo zu gehen, etwaige Patrouillen zu machen u. s. w. Auch sind auf dem Wachtschiffe immer einige derselben. Sie sind übrigens sehr launisch und laufen, wenn ihnen etwas nicht ansteht, nach ihren Dörfern zurück.

Unsere Indianer, die hier zu Hause waren, machten nun im Boote ihre Toilette, um mit Anstand wieder vor den Ihrigen zu erscheinen. Ihr Haar beschmierten sie mit einer Mischung von Palmöl und Roccu (Bixa ovellana), wodurch dasselbe zinnoberroth gefärbt wurde. Weisse Flaumfedern aus der Brust von Raubvögeln wurden in diese teigartige Pomade eingedrückt. Das Gesicht ward mit einem wohlriechenden Harze Aracasiri mittelst eines zugespitzten Hölzchens tätowirt und alle ihre Kostbarkeiten an Affen- und Pakirzähnen, Glaskorallen und Federschmuck wurden umgehängt.

Wir stiegen ans Land. Die meisten Indianer lagen noch in der Hängematte, obgleich es heller Tag war: denn den Tag zuvor war des Königs Geburtstag, an dem sie einige grosse Krüge Dram vom Landdroste bekommen hatten und sie schliefen nun den Katzenjammer von gestern aus.

Ein alter Mulatte vom Eiland Granada ist als Posthalter hier angestellt. Seine Eitelkeit schuf sich eine eigene Uniform, indem er abgetragene Kleidungsstücke von Offizieren kaufte, in welchen er stets ausging, wenn er den Posten oder die Pflanzungen besuchte. Er war übrigens nicht zu Hause, sondern wohnte den Lustbarkeiten auf dem Posten bei.

Nach und nach sah man das Völkchen sich aus seinen Hängematten erheben, worauf das Erste war, nachzusehen, ob nicht noch etwas in der Flasche übrig wäre.

Es dauerte auch kaum eine Stunde, so waren alle wieder betrunken und auch unsere Indianer lagen mit all' ihrem Putze im Grase herum.

Ein hübsches Weib sass in ihrer Hütte beim Feuer und kochte aus reifen Bananen einen Brei für ihr Kind, das in einer kleinen Hängematte ihr um die Brust hing. Ihr Mann lag betrunken am Boden. Sey es nun, dass das Weib sich über die Trunkenheit ihres Mannes ärgerte (was ich aber nicht glaube) oder durch andere Ursachen erhitzt war, kurz, sie sprach mit einem Zorne und einer Geläufigkeit gegen den besinnungslosen, geduldigen Ehegatten, dass sie die beste Amsterdamer Fischdame beschämen würde. Unterdessen hatte sie die reifen Bananen aus dem Topfe genommen und in einer grossen, mit heissem Wasser gefüllten Kalabasse mittelst einer grünen Banane zerquetscht. Wie nun durch Gleichgültigkeit und Schweigen hitzige und streitsüchtige Personen nur noch erboster werden, so war diess auch bei ihr der Fall; denn sie sprang plötzlich rasch und unter immerwährendem Schimpfen, das für mich natürlich unverständlich war, auf, ergriff ein brennendes Stück Holz, mit welchem sie ohne Zweifel den armen Mann schrecklich würde zugerichtet haben, wenn nicht einige dabei stehende und weniger besoffene Indianer dessen Partei ergriffen und die Frau zurückgehalten hätten. Während sie mit diesen rang, glitt sie auf der schlüpfrigen Schaale einer reifen Banane aus und fiel mit ihrem nicht unansehnlichen Hintern in die Kalabasse, worin der für ihr Kind bestimmte heisse Brei war, welcher nun über ihr zusammenspritzte. Sie erhob ein Jammergeschrei und eilte sogleich mit dem verbrannten Podex zur Abkühlung ins Wasser. Es war diess eine Scene zum Todtlachen.

Gegen Mittag fuhren wir weiter und sahen gegen 4 Uhr die erste oder vielmehr letzte Pflanzung Krabbehoek.

Auf der Pflanzung Botanybai erwarteten wir die Ebbe. Der Eigenthümer war abwesend und wir trafen nur zwei junge Mulattinnen, Schwestern seiner Frau, zu Hause. Sie luden uns jedoch nicht ein, in das Haus zu kommen, sondern man liess uns den mosquittenreichen Abend unter den Negern der Pflanzung am Landungsplatze zubringen, wo wir unser Abendessen kochten. Ob diess aus Furcht vor unsern grünen Röcken oder aus Verachtung des Militärstandes geschah, weiss ich nicht; denn viele solcher Damen sind am Ende ihrer Glanzperiode herzlich froh, wenn sie sich mit Leuten aus dem Militärstande verbinden können. Es war diess das erste Mal, dass ich auf solche Weise behandelt wurde und ich habe während der Zeit meines Aufenthaltes auf Nickerie vielfache Beweise des Wohlwollens von den Pflanzern dieses Districts bekommen, so dass Obiges als eine seltene Ausnahme anzusehen ist.

Abends um 10 Uhr hatten wir nach achttägiger Fahrt den Posten erreicht.

Nickerie oder Nickeriepunt ist der Grenzposten gegen Westen zwischen Surinam und der englischen Kolonie Berbice. Da mehrere Pflanzungen in seiner Nähe liegen, so ist er von ungleich grösserer Wichtigkeit, als der, von allen Pflanzungen weit entfernte Posten Prinz Willem Frederik, der an der Grenze von Französisch-Guyana liegt.

Er ist auch desswegen mit 60 Mann besetzt, um die Neger am Entfliehen nach der andern Seite der Correntin, wo sie frei sind, zu verhindern. Der Posten liegt auf einer Sandritze, die sich mehrere Stunden östlich ausdehnt.

Ausser einer grossen Kaserne, den drei Offizierswohnungen, dem Hospital, der Bäckerei u. s. w. befinden sich hier auch eine Kirche und mehrere Privathäuser. Die Lage des Postens ist eine sehr gesunde, nur fehlt es an gutem Trinkwasser, auch ist an Mosquittos kein Mangel.