Part 1
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SECHS JAHRE IN SURINAM
ODER
BILDER AUS DEM MILITÄRISCHEN LEBEN DIESER COLONIE,
UND
SKIZZEN ZUR KENNTNISS SEINER SOCIALEN UND NATURWISSENSCHAFTLICHEN VERHÄLTNISSE
VON
A. KAPPLER, früher in holländischen Militärdiensten.
STUTTGART. E. SCHWEIZERBART'SCHE VERLAGSHANDLUNG UND DRUCKEREI. 1854.
MEINEM VEREHRTEN COMMANDANTEN, DEM PENSIONIRTEN MAJOR HERRN C. B. KRAYENHOFF VAN WICKERA IN PARAMARIBO, GEWIDMET.
VORWORT.
Das Interesse, welches in neuester Zeit das holländische und französische _Guyana_ bei Manchem erregt, die verschiedenen Meinungen, welche über Sklaverei herrschen und das schlechte Prädicat hinsichtlich des Gesundheits-Zustandes beider Colonien ermuthigten mich, die Erfahrungen und Erlebnisse während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Surinam auf diesem Wege mitzutheilen.
Diese gehören zwar nicht der jüngsten Zeit an; denn obwohl ich Surinam seit siebenzehn Jahren bewohne, so habe ich doch den militärischen Stand schon seit eilf Jahren verlassen, und meine jetzigen Verhältnisse, obwohl manches Unterhaltende darbietend, können keine weiteren Bemerkungen über die Natur und lokalen Beziehungen, welche dieselben geblieben sind, gestatten.
Es gibt manche Reisebeschreibungen über Surinam, aber keiner der Schriftsteller, _Stedman_ etwa ausgenommen, hat sich in Lagen befunden, wie ich, hat die Hitze der Tropen und ihre Regengüsse wie ich gefühlt, von Mosquittos geplagt, lange Nächte durchgewacht oder am bescheidenen Soldatentische mitgegessen, daher bei dem reizenden Bilde, das die Natur zwischen den Wendekreisen liefert, die Schattenseite übersehen, oder wenigstens nicht aus Erfahrung beschrieben. Trotz den Berichten der Reisenden, die der Wahrheit gemäss sich über diese Colonien günstig äusserten, blieben Surinam und Cayenne verrufene Länder. Man glaubte, dass die heisse Luft in den Sümpfen Guyana's nur Mosquittos und Reptilien ausbrüte, und Epidemien und Fieber ununterbrochen aufeinander folgen, und der Ruf der Sklaverei, unter der die armen Schwarzen seufzten, wirkte noch unheimlicher auf die Phantasie, die so häufig das Wahre und Wahrscheinliche verwirft, um sich am Mährchenhaften und Unglaublichen anzuklammern. Dazu kamen noch manchmal die übertriebenen Berichte von katholischen und protestantischen Missionären, die im Interesse ihrer Congregationen die Zustände schilderten, oder ihre Leistungen ausschmückten, um fromme Seelen zum Abscheu und zu Beiträgen zu bewegen; kurz man schauderte vor beiden Colonien, nur Erbschafts-Candidaten schlossen sie in ihr Gebet ein.
Ich habe beim Niederschreiben dieser Blätter mich blos meiner und nicht anderer Erfahrungen bedient, sie sind aber genau und wahr und ich glaube den Zweck, durch diese Skizzen zur Kenntniss der socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse Surinam's beizutragen, damit zu erreichen.
_Stuttgart_, im Juni 1853.
A. Kappler.
Erster Abschnitt.
Ursachen der Abreise. Anwerbung in Amsterdam. Ankunft und Aufenthalt in Harderwyk. Einschiffung in Hellevoetsluis. Lebensweise an Bord. Strafexecution. Abreise. Beschäftigungen während der Ueberfahrt. Seepolypen. Anblick des Landes. Einfahrt in den Surinam. Ausschiffung und Aufenthalt auf Forteress Amsterdam. Der Mangobaum.
Ohne eine vorherrschende Neigung für das eine oder andere Fach, das meine bewegliche Individualität besonders angezogen hätte, wählte ich in meinem vierzehnten Jahre das des Handelstandes, wiewohl ich ohne alles Vermögen blos die Aussicht hatte, in ewig subalterner Rolle mein Leben lang hinterm Ladentische fungiren zu müssen, wenn nicht das zweifelhafte Glück mir zur Selbstständigkeit verhülfe.
Durch den Tod meines Lehrherrn musste ich St. verlassen, und, da meine Lehrzeit noch nicht beendigt war, im Laden eines Specereihändlers in einem kleinen Landstädtchen vollends ausstudiren.
Es war auch in der That ein Studium, mir die neuen Verhältnisse eigen zu machen: kaum graute der Morgen, als man zum Verkaufe von Tabak, Zucker und Kaffee das Bett verlassen musste, und regelmässig beschien die aufgehende Sonne Haufen frisch gepappter Tüten verschiedenen Kalibers. Zimmt stossen und Pfeffer mahlen waren kleine Intermezzo's im Ciklus der täglichen Geschäfte, und mit dem Behängen der Fenster mit baumwollenen Tüchern, prächtigen Pfeifen und Rauchtabak-Etiquetten für den kommenden Sonntag schloss die Woche.
Die wenigen Stunden, welche ich des Sonntags für mich verwenden durfte, verlief ich einsam in den nahen Wäldern, oder erkletterte die uralten Thürme der Stadtmauer, um die häuslichen Einrichtungen der dort privatisirenden Eulen zu inspiciren.
Mein Principal, der die Lungenschwindsucht hatte, und desshalb nicht immer bei rosenfarbener Laune war, wünschte mich, wenn ich nicht immer den Ehrgeiz, den ein mittelloser Lehrjunge vor seinem Lehrherrn zeigen muss, zur Schau trug, oder den Tabak mit einer gewissen Nonchalance abwog, in's Pfefferland, welch' frommem Wunsche ich denn endlich auch noch nachkam.
Als meine Lehrzeit vorüber war, bekam ich als Commis eine Stelle in der bedeutenden Handelsstadt H. Hier erst zeigte sich mir der Handel von seiner ehrwürdigen und grossartigen Seite. Bedeutende Kaufleute hatten hier selbst mehrere Commis, und für Lehrjungen war H. die wahre Akademie des Handels. Aber der Widerwillen an meinem Berufe hatte schon zu tief bei mir Wurzel gefasst, als dass ich in dem erweiterten Handelskreise an merkantilischen Kenntnissen noch hätte profitiren können. Ohne ein festes Wollen und Ziel war mir die freie Natur das Liebste, nichts widerlicher als die dumpfige Ladenluft und der gellende Ton der Thürglocke.
Ich beschloss endlich, mein Glück in der weiten Welt zu suchen und in Griechenland, wohin sich in dieser Zeit jeder desperate Kopf anwerben liess, mich unter das Militär aufnehmen zu lassen. Mit diesem Vorsatze und sehr wenig Geld verliess ich am 1. März 1835 H. und sagte im Stillen meinen Oefen und Kacheln, sowie allen Ladenzöglingen der guten Stadt ein herzliches Lebewohl.
Es ist hier nicht der Platz, die Abenteuer dieser Reise zu erzählen. Ohne Pass konnte ich nicht Mitglied der griechischen Legionen werden, und musste desswegen mit hängendem Kopfe wieder in die Heimath zurückkehren.
Ich richtete nun meinen Blick auf _Ostindien_, dessen Gewürze ich mit so grossem Widerwillen zerstossen und zermahlen hatte, und beschloss, das Pfefferland zu suchen, wohin mich mein griesgrämiger Lehrherr gewünscht hatte.
Nichts stellte sich jetzt mehr meiner Abreise entgegen. Die Meinigen hatten einsehen lernen, dass von mir nicht viel mehr zu erwarten sey, besorgten mir einen Pass und bescheidenes Reisegeld, um in Holland mich anwerben lassen zu können, und so verliess ich abermals am 14. Juli 1835 meine Vaterstadt, um nach dem Norden zu pilgern, da man mich im Osten nicht haben wollte.
Durch die Schnelligkeit meiner Füsse und des Dampfbootes war ich bereits am zweiten Tage in der Grenzstadt Nymwegen. Wie fremd und neu war mir alles hier; wie bewunderte ich die Reinlichkeit und Eleganz selbst der kleinsten Dörfer Hollands! Welcher Unterschied zwischen den Landstädtchen und Dörfern Süddeutschlands, wo ein Misthaufen an den andern stösst, und man im Schmutze der Strassen beinahe versinkt! -- Hier sieht man bei jedem Schritte den Wohlstand des Landes; dasselbe ist zwar eben und arm an malerischen Partien; aber der wohlangebaute Boden, die kolossalen Wasserwerke und gemeinnützigen Bauten, die herrlich angelegten Wege und Kanäle ersetzen dem Besuchenden reichlich den Mangel an pittoresken Scenen.
Hätte meine Börse, die mich in Holland nicht mehr sehr drückte, es zugelassen, ich hätte wahrscheinlich nicht so geeilt, unter den Commandostab der Corporale zu kommen. So aber war ich genöthigt, mich in Amsterdam anwerben zu lassen, und nach wenigen Umständen trat ich ohne Handgeld unter die holländischen Kolonialtruppen.
Das Depot dieses Corps lag in der kleinen Stadt Harderwyk, an den Ufern der Zuydersee, wohin ich mit dem Botenschiffe am 27. Juli abfuhr. Mit den wenigen Cents, welche mir übrig geblieben waren, ging ich so glücklich und zufrieden an Bord, als hätte ich eine reiche Erbschaft zu holen. Einige Juden und Fischer lagen im Raume umher und sprachen fleissig dem mitgebrachten Genever zu, oder schnarchten, bis wir um 2 Uhr des Nachts am Brückenkopfe der Stadt landeten.
Ich konnte kaum den Tag erwarten, an dem ich meine militärische Laufbahn antreten sollte, und befand mich schon frühe an den Ufern der Zuydersee, wo ich einige Haufen Menschen erblickte, die man in ihren groben, grauen Hosen und Wämsern für Zuchthauseleven zu halten nicht abgeneigt war. Es waren aber Soldaten, die ohne Waffen erst das Gehen und Stehen nach dem Takte zu erlernen hatten, und ich erfuhr, dass meiner eine eben so zierliche Kleidung harre. Die weitere Beschreibung der Lebensart dieser Colonialen war ebenso wenig einladend als ihre Kleidung, und mein Enthusiasmus für die Sache war dadurch beinahe am Sinken. Aber -- =tu l'as voulu=, dachte ich, und liess mich beim Commandanten melden.
Der Colonel, Commandant des Depots, war ein freundlicher Mann, und ganz geschickt, den Eindruck, den die schlechte Uniform seines Corps auf die Neuankommenden machte, zu verscheuchen. Er war ein Schweizer und sprach deutsch mit mir. Nachdem er meine Papiere durchgelesen hatte, wurde ich nach der Kaserne gebracht, wo ein Haufen Neugieriger mich umringte, und aus meiner Kleidung Folgerungen machte, wer und woher ich wäre.
Der grössere Theil meiner neuen Kameraden waren Deutsche, und zwar aus allen Theilen des gemeinschaftlichen Vaterlandes: Hannoveraner, Hessen, Sachsen, von der polnischen Grenze, Preussen und Oesterreicher; man hörte alle Dialecte, und obgleich, wie ich mich eben ausdrückte, alle diese Herren der Kleidung nach genau den Sträflingen gleich sahen, so war man doch in ganz nobler Gesellschaft; denn man fand Grafen und Barone, weggelaufene Doctoren, bankerotte Kaufleute, entlassene Officiere und Schauspieler, welche kein anderes Engagement hatten finden können, ja selbst einen katholischen Geistlichen, Alle entschlossen, der Fortuna, die ihnen in Europa nicht lächeln wollte, in Ost- oder Westindien freundliche Blicke abzulocken.
Ein Landsmann, der früher Officier war und aus einer sehr angesehenen Familie Württembergs stammte, aber durch Ausschweifungen und Liebe zum Trunk genöthigt wurde, dort seine Entlassung zu nehmen, besorgte mir einen Kessel mit Suppe, der ich mit grossem Appetite zusprach. Er war vor Kurzem erst angekommen, und konnte sich in die neue Lebensweise nicht recht fügen. Ausser dem Genever fand er Alles abscheulich.
Am folgenden Tage wurde ich gekleidet, wobei sich ein Jude einfand, der meine abgelegten Kleider kaufen wollte, sie aber so nieder anschlug, dass ich ihm keine Antwort gab. Da jedoch der Fourier, der sicher jedesmal etwas profitirte, Schwierigkeit machte, das abgelegte Zeug in die Kaserne zurückzunehmen, so liess ich dem Schurken Alles für ein Spottgeld. Jetzt ging es an's Exerciren, wobei ich mir schrecklich viele Mühe gab, die sanften Erklärungen der Corporale zu begreifen, da ich der holländischen Sprache nicht mächtig war.
Unsere Lebensweise war nun folgende: des Morgens 5 Uhr schlug's Reveille, wobei durch die Corporale das Brod ausgetheilt wurde; um 6 Uhr begann das Exerciren, das bis 9 Uhr dauerte, um 10 Uhr war Apell, hernach ass man eine wohlschmeckende, kräftige Suppe, worauf von 1-4 Uhr wieder exercirt wurde. Um 4 Uhr war abermals Apell, wobei jedesmal ein geputztes Waffen- oder Kleidungsstück zur Inspection gebracht werden musste. Hierauf kam ein Gericht von Erdäpfeln, Radatoe genannt, zum Mittagsmahl. Nachdem man kaum den Löffel abgewischt hatte, rief die Trommel abermals zum Exerciren, das mit der Nacht endigte. Weiber mit Kaffee, Butter, Käse, Schweinsklauen und andern Bäckereien hatten indess ihren Einzug in den Hof der Kaserne gehalten; sie schenkten Kaffee, für 1 Cent die Tasse. Branntwein oder Liqueurs durften nicht in die Kaserne gebracht werden, desshalb waren auch unsere Soirées, in deren Mitte die Kaffeefrau mit ihren Delicatessen präsidirte, sehr friedsam und unterhaltend. Man sang, erzählte und lebte um ein paar Cents ganz köstlich, bis der Zapfenstreich dem Wohlleben ein Ende machte.
Diese neue Lebensweise war mir natürlich ungewohnt; doch fand ich mich schneller darein, als ich selber geglaubt hatte. Ich that mein Möglichstes, um exerciren zu lernen und meine Waffen und Kleider in Ordnung zu halten. An freien Tagen ging ich mit Kameraden in die Stadt, die wir aber nicht verlassen durften. Ueberall standen Schildwachen, um die Vögel im Käfige zu halten und der Desertion vorzubeugen. Dessen ungeachtet entschlüpften Manche, meistens Deutsche, welchen ihr jetziger Stand um so unerträglicher war, je weniger sie ihre früheren Verhältnisse vergessen konnten.
Die Stadt _Harderwyk_, früher der Sitz einer Universität, ist ein kleiner, unbedeutender Platz an der Zuydersee; sie mag etwa 5-6000 Einwohner zählen. Die Hauptbeschäftigung derselben ist der Fischfang, und eine nicht unbedeutende Quelle ist das Dépot der 1. Division Nr. 33 der Landmacht, nämlich der Sammelplatz der für die Colonien Hollands bestimmten Truppen. Der jährliche Bedarf für die Colonien ist unbestimmt; er beläuft sich zuweilen für Ostindien auf circa 1500, für Surinam und Curacao auf 150-200 Mann, und wenige für das Fort St. Georg d'Elmina in Afrika. Alle diese Glücksadspiranten verzehren ihren Sold und das Geld, welches sie mitbringen, oder von Hause erhalten, in den Geneverkrügen des Städtchens, deren es gar viele gibt, oder lassen dasselbe in den Händen von Freudenmädchen, die ebenfalls in Menge sich hier aufhalten.
Unsere Kaserne hiess Oranje Gelderland; sie vereinigte in sich alle, welche für die Colonien bestimmt waren, und welche aus denselben als unbrauchbar, oder mit Abschied zurückkamen. Der erstere Theil bestand theils aus belgischen Deserteuren oder aus entlassenen Dieben vom Zuchthause in Leyden, auch aus sogen. Strafdivisionären (Menschen, die bei keinem Regimente zu gebrauchen sind, desswegen nach den Strafdivisionen, bei welchen es Prügel regnet, übergesendet werden, und nur durch das einzige Mittel, für die Colonien sich freiwillig zu engagiren, davon loskommen), und endlich aus Deutschen aller Art, von welchen die meisten durch das eine oder andere Unglück zu diesem Schritte genöthigt waren. Sie haben zwar im Allgemeinen vor den oben erwähnten Belgiern und Holländern den Vortheil einer grösseren Bildung voraus; aber diese gewährt nicht immer den einer grösseren Moralität. Viele wissen sich durch Geschmeidigkeit und Unterwürfigkeit beliebt zu machen, und machen ihr Glück. Klagen über schlechte Behandlung sind selten gerecht. Man findet in der ganzen Armee sehr viele Deutsche, die sehr ansehnliche Chargen bekleiden, und man muss sich im Gegentheil wundern, dass man Fremdlinge nicht zurücksetzt, da man mit einheimischen Cadetten und Adspiranten selbst überladen ist.
So wenig Anziehendes der Charakter der nach den Colonien abgehenden Truppen im Allgemeinen auch hat, so ist er doch in moralischer Hinsicht unendlich besser als derjenigen, welche aus den Colonien zurückkommen. An Körper häufig Krüppel, und durch den Genuss des Branntweins an Geist so geschwächt, dass man gar keine gute Eigenschaft mehr hoffen kann, warten diese Leute auf ihren Abschied, ihre Pension oder Gnadengelder, womit sie in wohlfeilen Plätzen Hollands sich bei Bauern in Kost und Wohnung begeben, aber selten ein hohes Alter erreichen, da Klima und Lebensweise ihrem gebrechlichen Körper nicht zusagen. Es kamen während meiner Anwesenheit in Harderwyk einige Transporte aus Ostindien. Die Meisten hatten ihre Habseligkeiten in den ersten Häfen bereits verkauft, und zitterten bei jedem rauhen Winde wie Espenlaub. Doch meine erste Rückreise aus Surinam, die ich später ausführlicher beschreiben werde, wird ein wahres Bild aller aus Ost- oder Westindien zurückkehrenden Truppen abgeben.
Es waren seit meiner Ankunft schon mehrere Transporte abgereist, und jedem hatte ich sehnsüchtig nachgeblickt; aber die Reihe sollte so schnell noch nicht an mich kommen, da man sich beeilte, die Belgier und Sträflinge zuerst auf's Wasser zu bringen.
Es nahete der Winter mit raschen Schritten, und beim Erdäpfelschälen, dem sich keiner entziehen durfte, gab es kalte Finger. Ich befürchtete jetzt sehr, die kalte Jahreszeit in Holland zubringen zu müssen. Diesem vorzubeugen, bat ich den Kapitän meiner Compagnie, einen freundlichen, wohlwollenden Mann, mich bei dem nach Surinam abgehenden Transporte einzuschreiben. Zwei Tage später, am 3. November lieferte ich meine Waffen ein und machte mich reisefertig.
Den 4. November 1835 verliessen wir Harderwyk. Es war ein heller, kalter Tag, und unser Detachement, das aus 60 Mann bestand, war im Kasernenhofe angetreten. Wir waren mit unsern Ranzen bepackt, und in den offenen Feldkessel erhielten wir beim Abmarschiren das gewöhnliche Viaticum, ein Pfund Brod und gebratenes Fleisch.
Der Chef übergab uns einem in Urlaub gewesenen und nach Surinam zurückkehrenden Officier der Artillerie. Voraus die Musik des Depots, begleitet von allen Gassenjungen und dem Pöbel Harderwyks, zogen wir wohlgemuth zum Seethor hinaus, wo eine Barke lag, die uns nach Amsterdam bringen sollte.
Dass Viele unseres Detachements betrunken waren, lässt sich denken; auch brachten Manche, obwohl zuvor scharf visitirt ward, noch Branntwein an Bord, so dass es die ganze Nacht durch Händel und Schlägereien gab, und an Schlaf nicht zu denken war. Der Lieutenant, der bei diesem wilden Haufen doch nichts machen konnte, zog sich in die Kajüte zurück. In dem kleinen Raume, in welchem wir eingepfercht waren, herrschte eine Hitze und übler Geruch zum Ersticken, so dass ich die kalte Luft des Verdecks vorzog. Bereits gegen 5 Uhr Abends sahen wir die vielen Thürme Amsterdams, blieben aber die Nacht über vor dieser Stadt liegen.
Den 5. gegen Mittag fuhren wir in einem geräumigen Schiffe, das durch Pferde gezogen wurde, über Haarlem, Rotterdam, Gouda, wo wir den 8. ankamen, und das zu unserer Ueberfahrt bestimmte Transportschiff Prinz Willem Frederik Hendrik lag. Den folgenden Tag wurden wir eingeschifft. Die Reinlichkeit, die Sorgfalt, womit jeder Raum benützt wird, ist bewundernswürdig, und es schien mir unmöglich, dass eine solche Menge Menschen darin logiren könne, ohne wie Häringe aufeinandergehäuft zu seyn. Die Matrosen, deren etwa 50 an Bord waren, befanden sich von uns abgesondert, wiewohl auf gleiche Weise eingetheilt. Man schied uns in 6 Backe, wovon je 3 auf jeder Seite des Schiffs waren. Jeder Back bestand aus 10 Mann, die zusammen eine Tafel, welche mit Tauen am Verdeck hing, zwei Bänke, eine Lampe und eine grosse Kiste, worin die tägliche Ration aufbewahrt wurde, zum Gebrauche hatten. Bei unserem Detachement befand sich bloss ein Sergeant und ein Korporal, die unter die 60 Mann vertheilt waren. Bei jedem Back wurde ein Backmeister gewählt, der für Ordnung und Reinlichkeit zu sorgen hatte, und während der ganzen Reise dieses Amt bekleidete. Ausser ihm hatte noch eine andere Person ein Amt, das die übrigen 9 Mann abwechslungsweise versahen, und zwar ein sehr lästiges, nämlich das des Essenholens, Aufwaschens, Rationvertheilens u. s. w. Der damit Geplagte hiess mit seinem Amtstitel: »Söhnchen«. Die Kost bestand des Morgens aus Grütze, die man mit Butter vermischte; voraus ging ein Schnaps (Orlam), vom Bottelier des Schiffes ausgetheilt. Um 11 Uhr genoss man abermals einen Schnaps, und um 12 Uhr Erbsen mit Speck oder gesalzenem Fleische. Das Essen wurde durch das Söhnchen in einem Back oder hölzernen Kübel geholt. Der Speck wurde durch denselben in 10 Portionen geschnitten, und durch einen, der die Augen davon abwenden musste, jedes Stück der Reihe nach ausgetheilt, um Parteilichkeit zu vermeiden. Es ass nun Jeder aus dem Backe, wobei es manchmal heftige Streitigkeiten gab, weil die einen gern Essig, die andern keinen darin haben wollten, und Teller nicht vorhanden waren, um die Erbsen zu theilen. Nach dem Essen musste das Söhnchen den Kübel und die Löffel reinigen, die Tafel und den Boden aufwaschen und alle häuslichen Geschäfte verrichten. Bei stürmischem Wetter passirte es später manchmal, dass das Söhnchen mit den Erbsen die Treppe herabfiel, und die unten Stehenden die heisse Brühe auf's Gesicht und die Kleider bekamen, wobei es dann manches Donnerwetter absetzte.
Wir waren zu unsern Dienstverrichtungen auf dem Schiffe in zwei Theile abgetheilt, nämlich in die Steuer- und Backbordseite. Es werden so die zwei Seiten des Schiffes genannt, von welchen, wenn man vom Hintertheile des Schiffes nach vornen sieht, die rechte Steuer- und die andere Backbord ist. Die eine Hälfte unserer Mannschaft war auf dieser, die andere auf jener Seite. Während der ganzen Reise musste die Mannschaft einer Seite abwechslungsweise sich auf dem Verdecke befinden. Ob es nun regnete oder stürmte, kalt oder warm war, von den dreissig Männern, welche diese Wache hatten, durfte keiner sich im Zwischendeck befinden. Die Ablösung fand je nach vier Stunden statt, welchen Zeitraum man eine Wache nannte, deren sechs ein Etmaal oder einen Tag ausmachen. Die Zeit, nach welcher man die Wachen austheilt, wird durch ½ Stundenglas dadurch angezeigt, dass man z. B. um ½1 Uhr einmal, um 1 Uhr zweimal, um ½2 Uhr dreimal, um 4 Uhr achtmal an die Glocke schlägt, was man Glasen nennt. Erhält man auf die Frage, wie spät es ist, zur Antwort: 3 Glasen, so weiss man, dass es ½2, ½6 oder ½10 Uhr ist. Das Kommando an Bord geht durch Pfeifen; jeder Unterofficier des Schiffes führt eine solche bei sich. Die Signale, welche dadurch gegeben werden, beziehen sich meist auf die Arbeiten der Matrosen; jedoch wurde auch zum Essen und zum Schnaps gepfiffen. Ausser dem gekochten Essen, das immer aus Grütze und Erbsen bestand, bekam man wöchentlich zweimal Zwieback, Käse und Butter; auch wurde jeden Abend warmes Wasser, Theewasser genannt, ausgetheilt. Dieses brauchte jeder nach Belieben; ich brockte in das meinige Zwieback, Käse, Butter und Speck, den ich vom Mittagessen übrig hatte, und Zwiebel, die man von der Frau des Schiffers kaufen konnte, und hatte somit die herrlichste Suppe, die man unter solchen Umständen bereiten konnte. Mit anbrechender Dunkelheit wurden die Lampen angezündet, und die, welche die Wache hatten, spielten Lotto oder Domino, oder vertrieben sich auf andere Weise die Zeit. Abends 8 Uhr hing man die Hängematten auf, die den Tag über in der Verschanzung aufgehoben wurden, und legte sich schlafen, während die wachthabende Hälfte ungeduldig auf dem Deck herumtrippelte, bis auch die Reihe an sie kam, in die warmen Hängematten zu liegen.
Es ist aber nichts Leichtes, in einem so engen Raume mit so vielen Menschen zu schlafen, und deren Ausdünstung, wie die von Thee, Käse und andern Ingredienzien, erträglich zu finden, dabei abgerechnet das Geräusch von etwa 60 Menschen überm Kopfe, das Geknarre der Hängematten, die immer gegen einander anstossen, das Geseufze der Masten, das Klirren der Ankerketten und das Schlagen der Wellen von aussen.
Wir blieben nach unserer Einschiffung noch 8 Tage auf der Rhede von Hellevoetsluis und segelten den 17. November ab. Kaum waren wir zwei Stunden vom Hafen entfernt, so lief das Schiff durch Unvorsichtigkeit des Lootsen auf eine Bank; das Steuerruder hackte aus und nahm noch sonstigen Schaden. Man that einige Schüsse, auf welche sogleich mehrere Kanonierboote herbeieilten, um uns beizustehen. Durch das Dampfboot Curacao wurden wir Nachmittags nach dem Hafen zurückgeschleppt. Da unser Schiff ins trockene Dock gebracht und ausgebessert werden musste, so wurden wir auf so lange in eine leerstehende Kaserne einquartirt.