Part 9
»Meinethalben,« rief jener aus, »kann seyn, daß eine ganz andere Kreatur, als ich selber, aus mir heraus redet; denn das ist im Leben oft der Fall, und bei jenen Apostolischen guckt auch oft was, wie ein Affe, aus den verbrämten und aufgesteiften Gewändern hervor. Nicht wahr, besonders aus dem ältlichen, zu wenig weltlichen Fräulein Erhard, der unvergleichlichen Erziehungskünstlerin? Diese hat das Haubenmuster der inwendigen Gesinnung für die ganze Familie zurecht gesteckt, sich selbst aber die krauseste Religions-Frisur zurecht gezimmert. Ihr meint, wenn diese ihr Orakel kräht und die kleinen Augen verdreht, so müssen wir Ungläubige gleich unterducken. Ihr bin ich am meisten aufsässig, denn sie ist es eigentlich, die die ganze Familie in Grund und Boden verdorben hat.«
Jetzt standen sie am Brunnen. Die Sonne war längst untergegangen, und aus der Finsterniß drehte sich ein Mensch hinter dem Weidenbusche hervor. »Ach! der Michel!« rief der Baron: »können Sie, meine Herren, einen ehrlichen Bedienten brauchen?«
»Warum,« fragte der Offizier, »habt Ihr die Dienste der trefflichen Baronesse verlassen, die so mütterlich für ihre Leute sorgt?«
»Ach! gnädiger Herr,« sagte der Diener, »weil ich neulich so ein bischen unschuldig gelogen habe, bin ich gleich fortgeschickt worden.«
»Das ist recht!« rief der Offizier, »daran erkenn' ich die edle Frau.«
»Alles ist nur ein Anstiften,« fuhr Michel fort, von dem neidischen Fräulein Erhard: »die kann's nicht leiden, wenn Mann und Weibsen sich gut sind, weil keiner sie aus dem ledigen Stande erlösen will, und seit sie vor vier Wochen sah, wie ich dem Hausmädchen einen Kuß gab, hat sie mir's nachgetragen.«
»Wie gemein!« rief Alfred aus.
»Ja, mein gnädiger Herr,« sagte der Diener, »sie ist nicht vornehm, aber hübsch, und Kuß bleibt Kuß. Nun hatt' ich eines Tags, auch wegen des Mädchens, ein neues Buch von der Stadt zu holen vergessen, es sollte so ein recht superkluges, andächtiges seyn, da sagt' ich in der Angst, das Buch sei schon verliehen, das kam heraus, daß ich gar nicht weggegangen war, und da wurde ich nun um das bischen Lügen gleich aus dem Dienst geschickt.«
»Können Sie ihn brauchen?« fragte der Baron die beiden jungen Leute; diese versicherten aber: sie würden sich nie mit einem Menschen zu thun machen, der in der edelsten und nachsichtigsten Familie nicht einmal hätte geduldet werden können. »Nun so bleib indessen bei mir,« schloß der Baron, »aber lüge so wenig als möglich.«
»Gewiß, gnädigster Baron,« rief der Mensch aus, »vorsätzlich niemals; es kommt einem manchmal in der Angst eine sogenannte Nothlüge in den Hals, die, meinte selbst mein alter Priester da hinten in meinem Dorfe, sei wohl noch zu vergeben; aber meine gnäd'ge Herrschaft legt alles auf die Goldwage, und in einem Hause, wo dann so die allerausgesuchteste Frömmigkeit und aufgeputzteste Tugend herrscht, da kommt ein armer, ordinärer Domestik durchaus gar nicht fort; wir sind zu irdisch, beste Herren, die vornehmen Leute haben es leichter, das schleift und schleift immer am Herzen und der Seele, dazu haben wir nicht Zeit vor Messerputzen und andern Verrichtungen. Fräulein Dorchen wollte mich auch entschuldigen und sagen, es wäre nicht so wichtig, die kam aber übel an, auf die schrieen sie alle zusammen noch mehr los, als auf mich. Die verachten sie alle, und sie ist doch die beste im Hause, weil sie nicht so hoch hinaus will, denn der Mensch ist doch einmal aus einem Erdenklos formirt, und da rührt sich von Zeit zu Zeit der alte Lehm und Thon in ihm.«
»Sie passen gut zusammen, Sie und Michel,« sagte lachend der Offizier.
»Aber halt!« rief der Baron, »ich habe Dich nun in meine Dienste genommen, und ganz vergessen, daß morgen die Fräulein Ehrhard auf einige Zeit in mein Haus kommt. Ja, meine Freunde, ich kann diese Person gar nicht leiden, aber da ich mit meiner jungen Schwester lebe, die nun ganz aufgewachsen ist, mancher Mensch bei mir aus- und eingeht, ich auch oft außer dem Hause bin, so muß sie doch, da ich nicht zu heirathen Willens bin, eine Gesellschaft und Aufsicht haben. Da hat sich das verdrehte Weibsen entschlossen, es bei mir zu versuchen, denn sie weiß wohl, daß es bei mir gut hergeht, nicht so arm, wie dort in der Familie; ich sehe auch oft Gesellschaft, vielleicht denkt sie leichter einen Herzenskumpan bei mir zu finden, als dort in der Einsamkeit. So versuchen wir es denn auf einen Monat, oder so mit einander.«
»Alles recht fein gemein konstruirt!« sagte der Rath: »wenn Sie nur geringe Motive finden, so begreifen Sie die Sachen.«
»Kann nicht anders,« sagte der Baron. Sie schieden, da sie schon das Stadtthor erreicht hatten.
* * * * *
Am andern Morgen war im Hause der Baronesse schon früh viel Unruhe. Im großen Saale, der unmittelbar in den Garten führte, war die ganze Familie mit Sonnenaufgang versammelt. Man zog Blumenkränze an den Wänden auf, ein geschmückter Tisch stand unter einer Thüre, mit Kleidern, Büchern und mannigfaltigen Angedenken bedeckt, und man erwartete nun die älteste Tochter Dorothea, die täglich den Garten am frühesten Morgen zu besuchen pflegte, um sie mit diesen Geschenken und dieser Festlichkeit erfreulich zu überraschen. Es war ihr Geburtstag, und Mutter und Töchter hatten alles anordnen können, ohne daß sie es bemerkte, weil sie sich niemals um den Kalender sonderlich bekümmerte. Jetzt kam sie den Garten herunter, und sah schon aus der Ferne die versammelten Geschwister. Als sie erstaunt in den Saal trat, und Alle sie freundlich umringten, die verschiedenen Gaben darboten, und Schwestern und Mutter sich so ungewöhnlich liebevoll bezeigten, war sie tief gerührt und um so heftiger erschüttert, je weniger sie diese Feier der Liebe erwartet hatte.
»Wie neu ist mir dies!« rief sie aus: »ach! wie wenig habe ich das um Euch verdienen können! Liebt Ihr mich denn wirklich so? Alle diese Geschenke, dieser Glanz, diese freundliche Aufmerksamkeit, wie kann ich es Euch vergelten? Ich bin so überrascht, daß Ihr alle so an mich Arme denken mochtet, daß ich Euch noch gar nicht einmal danken kann.«
»Liebe uns nur recht innig,« sagte die Mutter, sie herzlich umarmend, »sondere Dich nicht so ab, komm uns allen mehr entgegen; erkenne, wie wir es meinen, und bemühe Dich, in unsere Gefühle und Ansichten einzugehen; denn wir suchen ja nur das Gute, wir wollen ja nur das Rechte. Diese Deine Launen, mein geliebtes Kind, Dein störriger Sinn, der Dich den Freunden und Geschwistern entfremdet, der Dich geringeren Menschen entgegen führt, ist eine Unart und Verwöhnung Deines Geistes. Du wirst und kannst die Wahrheit erkennen, sobald es nur Dein ernstlicher Wille ist.«
»Ich will besser werden,« sagte die weinende Tochter, »ich verspreche es Ihnen in dieser Stunde, die mich so unendlich bewegt.«
Alle herzten und küßten sie, und Dorothea, die schon seit lange als ein Fremdling in ihrer Familie stand, fühlte sich wie in einem neuen Leben. Sie sah Alle prüfend an, sie liebkoste Jeden, sie ließ sich die Geschenke zeigen und erklären; es war, als wäre sie von einer langen und weiten Reise zurück gekommen, und begrüße jetzt die Ihrigen nach schmerzlicher Trennung. »Wenn ich nur auch für Euch alle etwas thun könnte!« rief sie aus.
»Wenn Du es ernstlich willst,« antwortete die Mutter, »so kannst Du uns heut Alle, vor allen aber mich, unbeschreiblich glücklich machen.«
»Nennen Sie,« rief Dorothea, »sagen Sie, was ich thun soll.«
»Wenn Du heut an diesem feierlichen Tage,« fuhr die Baronesse fort, »endlich Deine so lange verweigerte Einwilligung geben, wenn Du unsern Freund Wallen heut mit Deinem Worte beglücken wolltest, den Du gestern so unziemlich gekränkt hast.«
Dorothea wurde blaß und trat erschreckend zurück. »Dies fordern Sie?« sagte sie stotternd: »ich dachte, ich hätte darüber ein für allemal meine Erklärung gegeben.«
»Deine Leidenschaftlichkeit,« sagte die Mutter, »kann für keinen vernünftigen Entschluß gelten. Du liebst keinen Mann, wie Du oft gesagt hast, Du kennst kaum einen, den Du achten möchtest; dieser edle Freund ist Dir mit der schönsten Herzlichkeit ergeben, er bietet Dir ein Glück an, das Dir so schön nicht wieder entgegen kommt, wenn Du es jetzt von Dir weisest; Du kennst die Lage Deiner Familie, wie mißlich es mit unserm Vermögen steht; Du kannst die Wohlthäterin Deiner Mutter, die Versorgerin Deiner Schwestern werden. Hast Du wohl schon bedacht, mein liebes Kind, wie trostlos Deine eigne Zukunft seyn muß, wenn Du auf Deinem Eigensinn beharrst? Von Männern und Frauen verlassen, den Deinigen empört und gehässig, einsam und ganz verloren in einer kalten, höhnenden Welt, arm und ohne Hülfe! Wirst Du Dich alsdann nicht in Deine Jugend zurück sehnen, und in bitterm Schmerz bereuen, daß Du jetzt alles Glück für Dich und die Deinigen so muthwillig, so unbedacht von Dir gestoßen hast? Fordert dieser edle Mann denn Liebe und Leidenschaft von Dir, wie sie wohl in unsern verkehrten Büchern geschildert werden? Will er mehr als Freundschaft und Achtung? Und kannst Du ihm diese versagen? Er ist zu allen Aufopferungen bereit, die unsere drückende Lage fordert, und die sein großer Reichthum möglich macht; aber wenn Du ihn so spröde verhöhnst, und er tritt beleidigt und beschimpft zurück -- wer weiß, wo Deine Geschwister oder Deine Mutter und Du selbst noch einmal im Alter ein schnödes Almosen erbetteln müssen, wo ich noch krank und hülflos liege, und Dein weinendes Auge dann umsonst in diese Tage sehnsüchtig zurück blickt, die dann auf ewig verschwunden sind.«
»Hören Sie auf, meine geliebteste Mutter!« rief Dorothea im größten Schmerze aus. »O leider, leider ist das Recht ganz auf Ihrer, und das Unrecht durchaus auf meiner Seite. Nein, ich habe noch nie geliebt, und werde es nie, mein Herz ist für dieses Gefühl verschlossen; die Männer, die ich gekannt habe, flößen mir alle ein Gefühl des Widerwillens ein, viele des Mitleids, um nicht Verachtung zu sagen; ich sehe ja ein, daß eine Ehe, die auf Vernunft sich gründet, die uns in Wohlstand und Sorglosigkeit versetzt, etwas Wünschenswerthes seyn muß; daß ich durch ein einziges Wort Sie und uns alle beglücken kann, daß es wohl edel ist, wenn ich es ausspreche, daß es die Nothwendigkeit vielleicht von mir erzwingt, und Kindespflicht und die edelsten Rücksichten -- und doch -- warum schaudert mein Gefühl davor zurück? -- Ach, liebe Mutter, wenn nur eins nicht wäre, -- darf ich es sagen? werden Sie mich nicht ganz mißverstehn? O gewiß! denn ich verstehe mich ja selber nicht.«
»Sprich, mein geliebtes Kind,« sagte die Mutter im freundlichsten Tone, »ich werde Dein Herz fühlen, wenn ich auch nicht ganz Deine Worte fasse.«
Dorothea zögerte, sah sie bittend an, und sagte endlich verlegen und mit bittender Stimme: »Oft habe ich mir selbst die Frage vorgelegt, ich habe mich in einsamen Stunden ernst geprüft, und mir schien dann wohl, als könnte ich meine Hand in die des würdigen Mannes fügen, den Sie alle, den die ganze Welt verehrt, wenn er nur nicht --«
»Nun?« rief die Mutter.
»Wenn er nur nicht fromm wäre,« sagte die Tochter hastig.
Eine lange Pause der Verlegenheit entstand. Dorothea war glühend roth geworden, die Schwestern traten scheu zurück, die Mutter schlug den Blick nieder, und wandte ihn dann um so schärfer prüfend auf die Arme, die Allen und sich selbst fast eine Entartete schien. Endlich sagte die Mutter: »Nun, wahrlich, das muß mich überraschen, und wenn ich dies in Dir verstehe, so möchte es mich auch mit Schauder erfüllen. Also Du bekennst nun öffentlich Deinen Abfall von Gott? Du bist also darüber mit Dir einig, daß das Heilige Dir ein Anstoß und Greuel ist? Du kannst das nicht lieben, was die Liebe selber ist? So geh denn und verläugne das Göttliche, lebe ruchlos und stirb vom Himmel verlassen.«
»Sie verstehn mich nicht,« rief Dorothea mit einem hohen Unwillen: »das ist ja das Unglück meines Lebens, daß Alles an mir mißdeutet wird, wenn ich es noch so gut meine. Vielleicht würde mir Herr von Wallen ganz recht seyn, wenn ich nur nicht wüßte, daß er so fromm ist, ja vielleicht würde ich ihn alsdann für fromm halten.«
»Trefflich!« sagte die Mutter in schmerzlicher Entrüstung: »wenn wir selber verderbt sind, so ist es freilich am bequemsten, an den Würdigen ihre Tugend zu bezweifeln. Damit sprichst Du auch zugleich aus, wie Du von mir denkst, und was ich überhaupt von Deiner Kindesliebe zu erwarten habe.«
»Sie sollen, Sie werden sich irren!« rief Dorothea fast im Zorne aus: »ich will mehr thun aus Liebe für Sie, als ich vor mir selbst verantworten kann, ich will mich heute Abend, darauf gebe ich Ihnen jetzt mein Wort, mit dem Herrn von Wallen verloben.«
Ein allgemeiner Ausruf der Freude, Thränen, Umarmungen, Schluchzen unterbrachen und ersetzten jedes Gespräch. Der Wortwechsel verwandelte sich in das lauteste und fröhlichste Getümmel, Alle hatten die Fassung verloren, und drückten Liebe und Entzücken heftig und übertrieben aus. Nur Dorothea war nach ihren letzten Worten plötzlich wieder ganz kalt geworden, und gab sich ohne alle Erwiederung still den Liebkosungen hin.
»O Du mein geliebtes Kind!« sagte die Mutter endlich wieder gefaßt, »ja, ich habe Dich mißverstanden, und Du wirst mir verzeihen; macht ja diese unerwartete freiwillige Erklärung Alles wieder gut. Und jetzt darf ich Dir auch noch das schönste und kostbarste Geschenk zu jenen Gaben der Liebe hinzufügen, diesen Schmuck, den Dir der Baron sendet; ich habe ihn zurück gehalten, weil ich wirklich an Deinem schönen Gefühle zweifelte.«
Die Tochter sah die Mutter mit großen Augen an, dann warf sie einen kalten Blick auf die kostbaren Steine, und legte sie ruhig zu den Blumen auf den Tisch. Das Frühstück ward gebracht, und man war nach der lauten Scene um so ruhiger, kein Gespräch wollte in den Gang kommen. Es läutete zur Kirche, die Bedienten brachten Mäntel und Bücher. Dorothea legte ihr Andachtsbuch aus der Hand und sagte: »Sie verzeihen wohl, liebe Mutter, wenn ich Sie heut nicht zur Kirche begleite, ich bin zu gespannt, ich will mich hier in der Einsamkeit indeß zu sammeln suchen und auf unsere Mittagsgesellschaft vorbereiten, noch mehr auf den Abend.«
»Wie Du willst, mein holdes Kind,« antwortete die Baronesse: »zwar wäre die Kirche und die Rede unsers frommen Seelsorgers wohl der natürlichste Ort und Anlaß, Deine Gedanken zu sammeln, indessen hast Du einmal Deine Art und Weise, sie bleibe Dir ganz unbekrittelt. Es ist augenscheinlich der Himmel selbst, der Dich, Geliebte, die Du es am meisten bedarfst, unserm geliebten Wallen zuführt; an seinem Arm wirst Du anders denken lernen, und vielleicht erlebe ich es noch, daß Du uns alle beschämst und in höherem Glanze voran leuchtest.«
Als sich Dorothea allein sah, musterte sie, fast gedankenlos, die Geschenke. Die schimmernden, kostbar gebundenen Bücher waren von jenen neuen religiösen, denen sie nie ein Interesse hatte abgewinnen können. Was macht es? sagte sie zu sich: ist denn die Erde selbst, das ganze Leben so sehr der Rede werth? Warum will ich mit so großem Widerwillen die Rolle durchführen, die mir einmal aufgegeben ist? Was ich mir früher dachte und vorsetzte, ist ja doch nur Traum und leere Einbildung! Ich sehe ja, wie alle, alle Menschen nur spielen und Erhebung heucheln, dann gern und beruhigt in die Gemeinheit sinken. Ist es das allgemeine Schicksal, warum will ich mich so heftig dagegen sträuben? Entsetzlich ist es! aber endlich, früh oder spät, löst ja doch der Tod das verwickelte Netz dieses Lebens, und jenseits wird es ja doch wohl Freiheit geben.
Mit ihrer Stimmung wurde auch der Himmel finsterer. Dunkle schwere Wolken zogen näher, und schienen ein Gewitter herbei zu führen. Ein schlanker Mann kam den Garten herauf und näherte sich dem Saal. Als er eintreten wollte, ging sie dem Fremden, der ein Mann von Stande zu seyn schien, entgegen. Sie begrüßten sich, und der Unbekannte bat um die Erlaubniß, verweilen zu dürfen, er habe in der Lindenallee sein Pferd dem Diener übergeben, und sei dann in den offenen Garten gerathen; er bedauerte, die übrige Familie nicht zu finden, worauf ihn Dorothea einlud, im Saale das Gewitter abzuwarten und zu verweilen, bis Mutter und Schwestern aus der Kirche zurück kehren würden.
»Sie scheinen beim Gewitter nicht ängstlich zu seyn,« bemerkte der Fremde.
»Doch,« erwiederte Dorothea, »wenn es allzunahe kommt, und Feuer und Schlag eins und dasselbe werden; ich glaube auch, daß sich alsdann wohl alle Menschen mehr oder minder fürchten; denn wo es keinen Widerstand giebt, wo ein plötzlicher unversehener Augenblick mich wegraffen dürfte, da ängstet es mich gerade, daß ich nicht auf meiner Hut seyn kann. In diesen Augenblicken beruhigt nur der Glaube an ein nothwendiges Fatum und die Betrachtung, daß ich nichts Besseres bin, als die Tausende meiner Mitmenschen, die demselben Schrecken ausgesetzt sind.«
»Diese Gesinnung,« sagte der Unbekannte, »muß ich eine tapfere nennen, im Gegensatz jener schwachen, die bei den Damen gar nicht selten ist, wenn sie beinahe in Furcht vergehn, alle Fassung verlieren und in Thränen jammern, indem nur noch das fernste Wetterleuchten herüber schimmert.«
»Wohl,« sagte Dorothea, »und ich sorge schon um Mutter und Schwestern, die nur gar zu reizbar sind. Ich mag es nicht tadeln, weil es wohl, wie so viele krampfhafte Furcht, Krankheit des Körpers seyn mag.«
»Es ist nicht so leicht zu entscheiden,« bemerkte der fremde Mann, »weil wir erst ernsthaft versuchen müßten, was der starke Wille denn wohl vermag, und ob, wenn die Seele sich zwingt, nicht auch der Körper wenigstens einige Schritte mitgeht, und von selbst da Gesundheit entsteht, wo die eigenwillige Stimmung die Kränklichkeit erzeugt hat.«
»Das führt auf die Frage,« sagte Dorothea, »in wie fern wir frei sind, und was wir im Geist und Körper durch Vorsatz vermögen.«
»Gewiß,« erwiederte jener, »und nicht blos diese, alle ernsten Betrachtungen führen zu der großen Frage. Ohne diese uns beantwortet zu haben, können wir auch für nichts Interesse fassen, und weder an uns, noch an andere glauben.«
»Freiheit!« seufzte Dorothea, wie vor sich hin phantasirend: »Sie glauben also daran? Ich auch ehemals, als ich jünger war.« --
»Jünger, mein Fräulein? das klingt von Ihren schönen Lippen sonderbar. Ich zweifelte als Jüngling, und habe erst später diese Ueberzeugung fassen lernen.«
»Vergeben Sie,« rief Dorothea beschämt, »daß ich mich mit Ihnen in dergleichen Worte verliere, da ich« --
Der Fremde unterbrach sie: »Behandeln Sie mich nicht wie einen unbekannten jungen Menschen, der nur da seyn darf, um Ihnen etwas Verbindliches zu sagen. Sie sind mir mit einem schönen und ernsten Vertrauen entgegen gekommen, und ich weiß, daß ich dessen nicht unwerth bin.«
Und wirklich schien es, als spräche Dorothea mit einem alten Bekannten oder Bruder, so wenig war dieser Mann -- nach dessen Namen sie selbst zu fragen vergaß -- ihr fremd. Seit lange hatte sie nicht dieses Gefühl gehabt, ihre Gedanken, ohne Furcht, mißverstanden zu werden, aussprechen zu dürfen; dies gab ihr eine Behaglichkeit, daß sie auf das heranrückende Gewitter nur wenig achtete, und selbst den Abend vergaß, an welchen sie so eben noch nur mit Entsetzen hatte denken können. Im Verlauf des Gesprächs erzählte der Fremde von seinen Reisen, Manches von seinen Schicksalen; er erinnerte sich seiner Jugend, und bekannte endlich, daß er dies Haus, und vorzüglich den vor Jahren verstorbenen Vater des Fräuleins oft gesehn habe. »Sie sehen Ihrem Vater wunderbar ähnlich,« beschloß er, »und ich habe gleich Anfangs diese freundlichen Lineamente nicht ohne Rührung betrachten können.«
Dorothea war überrascht, als sie die Familie schon aus der Kirche zurück kommen sah. Man begrüßte den Fremden, die Mutter trat fast erschrocken zurück, und Dorothea erblaßte, als sie ihn Graf Brandenstein nennen hörte. Er ward höflich zu Tische geladen, und der alte Baron Wallen erschien ebenfalls, so wie der Rath Alfred und der junge Offizier; beide waren aus der Stadt herüber geritten. Die Familie kleidete sich um, und Dorothea war in ihrem einsamen Zimmer in tiefen Gedanken verloren. Die Welt lag sonderbarer als je vor ihrem Geiste da, sie konnte sich kaum zurecht finden, um ihren bescheidenen Putz zu ordnen, und als sie nachher wie träumend zur Gesellschaft zurückkehrte, erschienen ihr alle Gesichter wie hart und gespannt, ja, als fremd, besonders aber die weiche, gesalbte Miene des Barons wie zum Erschrecken verzerrt, und ein Gefühl, als wenn sie lachen solle, bemeisterte sich wie ein Frost ihres ganzen Wesens, indem sie sich erinnerte, daß sie diesen Mann noch heut Abend für ihren Bräutigam erklären müsse. Wie widrig ihr der junge Offizier und Rath auffielen, so bekannt, vertrauensvoll und milde leuchteten ihr die Blicke des Grafen entgegen, den sie als einen bösen und gefährlichen Menschen noch gestern hatte schildern hören.
Er schien allein unbefangen am Tische. Mit Behaglichkeit erzählte er von seinen Geschäften, die er für seinen amerikanischen Freund betrieb; er nannte die Güter, die er schon gekauft hatte, oder um welche er noch in Unterhandlungen stand, und man verwunderte sich über den Reichthum des unbekannten Mannes, der die schönsten Besitzungen zu einer großen Herrschaft vereinigen konnte. Durch die Gewandtheit des Grafen ward die Unterhaltung bald freier, und der Baron, welcher dem Gefühle, das ihn bedrängte, wie mit Gewalt widerstand, suchte das Gespräch an sich zu reißen und zu beherrschen, vorzüglich wohl, damit die Jugend und die Frau des Hauses nicht in der gewohnten Verehrung nachlassen möchten.
Wie es aber zu geschehen pflegt, daß ein Gespräch, wenn es nicht mit leichter Unbefangenheit und feinem Sinne geführt wird, wohl in Anmaßung und Spannung eine polemische Natur annimmt, so war es auch hier; denn die Reden und Aeußerungen des Barons waren alle verhüllte Angriffe gegen den Grafen und dessen Meinungen, wie er sich diese nach der Schilderung desselben dachte. Der Graf achtete diese Demonstrationen Anfangs wenig; er unterhielt sich hauptsächlich mit Dorotheen, die neben ihm saß, sprach von seinen Geschäften, und sagte endlich auch, wie im Scherz, er habe zugleich von seinem amerikanischen Freunde den Auftrag erhalten, ihm eine Gemahlin zu suchen.
»Das kann wohl von Ihnen beiden nicht ernsthaft gemeint seyn,« sagte die Baronesse.
»Und warum nicht?« erwiederte der Graf in heitrer Laune, »mein Freund ahmt ja hierin nur den regierenden Fürsten nach, durch Anwalde und nach politischen Rücksichten zu unterhandeln. Er ist nicht mehr jung und kann nicht erwarten, Leidenschaft zu erregen; er hat in der Jugend traurige Erfahrungen gemacht, und an seinem eignen Unglück, so wie an manchem Freunde erlebt, daß dasjenige, was die Menschen Liebe nennen, nur weichliche Sehnsucht, oft Eitelkeit, zuweilen sogar Verblendung sei, und die meisten Ehen, die in scheinbarer Leidenschaft geschlossen werden, nur ein dürftiges, ganz kümmerliches Leben, oft Elend herbei führen. Ich bin sein ganz vertrauter Freund, und er rechnet auf meine Menschenkenntniß, daß ich ihm ein Loos ziehen werde, welches ihm geziemt.«
Der Baron erwiederte, daß ihm ein solches Unternehmen immer noch mißlich scheine, und daß der Unbekannte dabei doch das Glück seines Lebens auf das Spiel setze.
»Glück?« nahm der Graf das Wort auf: »gewiß, wenn er sich jenes Unbedingte, Unendliche und Unaussprechliche dabei dächte, was die Jugend gewöhnlich mit diesem Worte verbindet. Wo finden wir dies? Wer sich nicht zu beschränken versteht, wird nichts erlangen, am wenigsten, was jenseit aller Schranken liegt. Die Resignation mag Anfangs bitter scheinen, aber ohne sie ist kein Zustand des Lebens zu ertragen; denn wenn wir mit uns nur wahr umgehen, so müssen ja doch auch alle Entzückungen unmittelbar der Wehmuth Platz machen, ja sie sind eins mit dieser, und Schönheit, Kunst, Begeisterung, Alles ist für uns irdische, vergängliche Menschen nur da, indem es vergänglich ist, obgleich die Wurzel alles Göttlichen in der Ewigkeit ruht.«