Schriften 17: Novellen 1

Part 8

Chapter 83,715 wordsPublic domain

»Wärst Du Offizier, wie ich,« antwortete Ferdinand, »so würdest Du es dennoch möglich gefunden haben, pünktlich zu seyn; dies wenigstens lernt man im Dienst. Sie sind alle schon auf dem Spaziergange dort versammelt, laß uns eilen, daß ich Dich der verehrten Familie vorstellen kann.«

Die jungen Freunde bogen um die Felsenecke, und erfreuten sich des klaren Anblickes am rauschenden Strome, der Wäldern und Bergen leuchtend vorüber zog. Der Frühling war in diesem Jahre vorzüglich üppig erschienen. »Wie wohl wird es dem Arbeiter,« sagte Alfred, »an einem solchen Tage die Stadt und die geistlosen Geschäfte hinter sich zu haben, um nach langer Anstrengung und Entbehrung diesen Segen der Natur zu fühlen und ihre heilige Stimme zu vernehmen! Und wie dankbar bin ich Dir, mein theurer Freund, daß Du mich in den Kreis der besten, der edelsten Menschen einführen willst. Denn wie wir uns auch zu bilden streben, wie ernsthaft wir studiren, einsammeln, und unser Herz und Gemüth erweitern wollen, so ist es doch der Umgang mit echten Menschen, der alles dies todte Wirken und unbeholfene Kämpfen erst belebt, und den Besitz in ein wahrhaftes Gut verwandelt. Den zarten Frauen ist es aber vorbehalten, dem Manne die Bildung zu geben, deren er nach seinen Kräften und Gaben fähig ist.«

Der junge Offizier sah seinen Freund kopfschüttelnd an, stand einen Augenblick still, und sagte dann, indem sie weiter schritten: »O wie kann ich in diese Phrasen, die man schon tausendmal hat hören müssen, so gar nicht einstimmen! Somit wäre es ja die große Welt, oder die sogenannte gute Gesellschaft, die man aufsuchen müßte, um in schlechtem Witz, Coquetterie, Lügen und Geschwätz die Reife zu erlangen, die uns die Einsamkeit nicht gewähren könnte. Bin ich auch in den meisten Dingen Deiner Meinung, so muß ich Dir doch hierin geradezu Unrecht geben. Die Weiber! sie sind es ja eben, die recht eigentlich von einem boshaften Schicksal dazu hingestellt zu seyn scheinen, sich des Mannes, wenn er schwach genug ist, zu bemächtigen, alles Menschliche, Edle, Kraftvolle und Wahre von ihm abzustreifen, und ihn, so viel es nur möglich ist, in sein Gegentheil zu verwandeln, damit er ihnen nur zu einem unwürdigen Spielzeuge gut genug sei. Das, was Du eben äußertest, ist auch schon mehr die Denkweise einer jetzt fast verschwundenen Zeit, einer Zeit, die der Wahrheit, vorzüglich aber aller religiösen Gesinnung, feindlich gegenüber stand. Auch muß ich Dir sagen, daß Du jenes Wesen, wodurch sich vormals unsre jungen Herren zu bilden glaubten, in der Gesellschaft dieser Frauen nicht finden wirst, weil bei ihnen alles heilige Wahrheit, Unschuld und echte Frömmigkeit ist.«

Der Freund suchte seine Meinung und sich selbst zu rechtfertigen, indem sie unter lebhaften Gesprächen ihren Weg eilig fortgesetzt hatten. Sie sahen jetzt schon den Garten vor sich liegen, in dessen kühlen Gängen die Baronin mit ihrer Familie und einigen auserwählten Freunden die Ankommenden erwartete. Alle fühlten sich in der grünen Umgebung wohl und behaglich.

Nur dem jungen Rathe Alfred ward es Anfangs schwer, sich in die Stimmung und Unterhaltung zu fügen. Wie es wohl zu geschehen pflegt, war er zu gespannt, um sich dem Gespräche leicht hinzugeben; auch hatte er zu Vieles auf dem Herzen, was er mit einer gewissen Bangigkeit an den Mann zu bringen strebte, wodurch er oft an sich und den Andern irre werden mußte; denn wenn er Gedanken zu einer Rede verarbeitet hatte, so war indessen der schickliche Moment verschwunden, um diese einzufügen, und unter den neuen Gegenständen der Unterhaltung kam wieder so Manches vor, das ihm unverständlich schien, und worüber er sich nähere Belehrung auszubitten doch zu verschämt war. Dazu kam, daß er von dem Reiz der Frauengestalten wie geblendet war; die vermählte Tochter Kunigunde war eine glänzende Schönheit; noch üppiger strahlte die jüngere Clementine, gegen welche die blonde kindliche Physiognomie der jüngsten, Fräulein Clara, rührend kontrastirte; selbst die Mutter durfte noch Ansprüche auf Anmuth machen, und man sah, daß sie in ihrer Jugend eine schöne Frau gewesen war. Dorothea, das älteste Fräulein, fiel in dieser Umgebung am wenigsten auf, so schön auch ihr Auge, so fein ihr Wuchs war; auch zog sie sich zurück und blieb still und blöde; sie schien selbst an der lebhaften Unterhaltung der Geschwister nur geringen Antheil zu nehmen, und es fiel auf, daß keine Rede oder Frage an sie gerichtet wurde, so sehr die anwesenden Männer sich auch mit Lebhaftigkeit um die übrigen Töchter oder die Mutter bemühten.

Unter den Männern zeichnete sich ein ältlicher aus, der am meisten das Wort führte, der Alle belehrte und alle streitigen oder zweifelhaften Fälle entschied. Auch der Offizier behandelte ihn mit ergebener Demuth, und dieser Familienfreund wandte sich mit Güte und Herablassung an Alle, sie fragend, zurecht weisend, aufmunternd und sich auf seine Weise bestrebend, Jeden zu ermuthigen oder aufzuklären. Ihm gelang es auch endlich, den verlegenen Alfred in das Gespräch zu ziehen, und dessen Dankbarkeit äußerte sich in einer feurigen Rede, die er jetzt anzubringen Gelegenheit fand, und in welcher er seinen Wunsch nach Bildung, seine Verehrung des Familienglücks, seine Hoffnung, daß die echte religiöse Stimmung und wahre Frömmigkeit sich durch ganz Deutschland ausbreiten würden, mit allgemeinem Beifall und zu seiner eignen Zufriedenheit entwickelte.

Mehr noch als die Uebrigen war die schöne Kunigunde aufmerksam gewesen, und sie war es auch jetzt, die am lautesten ihren Beifall aussprach. »Wie glücklich sind wir,« beschloß sie endlich, »daß in unserm theuern Kreise sich immer mehr Gemüther versammeln, die das Gute und Edle wollen, die das Ueberirdische erkennen, und denen die Welt mit allen ihren anlockenden Schätzen nur nichtig erscheint. Aber das ist die Eigenschaft der Wahrheit und Güte, daß sie das Bessere sich näher zieht, daß sie das Schwache in etwas Höheres verwandelt. Wirkt der gesellige Umgang so glücklich in einem weitern Umfang, so ist es im beschränkten Hause der Segen der Ehe, der noch inniger die Vermählten anregt, sich für das Göttliche zu begeistern, der hier noch kräftiger das schwächere Gemüth zur Liebe des Unendlichen erhebt.«

»Ja wohl,« sagte ein junger Mann, der neben dem ältern saß, »dies ist es, was ich mit jedem Tage inniger und dankbarer empfinde.« Er seufzte und sah an die Wolken, und der Rath erfuhr auf seine Erkundigung, daß dieser der Gemahl der schönen und frommen Kunigunde sei.

Die Mutter nahm das Wort und sagte nicht ohne Bewegung: »Wie beglückt muß ich mich fühlen, daß ich so im Kreise meiner Kinder das Höchste gefunden und es ihnen selbst möglich gemacht habe, den edelsten Besitz dieser Erde zu erreichen. Wie kann ich doch so gar nicht an den Bestrebungen der meisten Menschen Antheil nehmen, ja wie erregt mir ihr mannigfaltiger Enthusiasmus eher Mitleid, als daß ich in ihren vielfachen Anstrengungen, ein sogenanntes Gut zu ergreifen, etwas finden könnte, das unsere Achtung aufruft. So rennen sie nach Kunst, oder Philosophie, meinen, im Wissen oder in Farben und Ton solle ihnen das ewige Licht aufgehen, quälen sich in Geschichte und den verworrenen Händeln des Lebens ab, und versäumen darüber das Eine, das Noth ist, und welches Alles ergänzt und ersetzt. Seit ich diesen Quell gefunden habe, der jeden Durst der Seele so lieblich stillt, ist jenes bunte Mannigfaltige für mich gar nicht mehr da, dem ich in der Jugend auch wohl manchen sehnsüchtigen Blick zuwendete.«

»Wie muß ich Sie bewundern!« rief der Rath aus: »mit welcher Sehnsucht habe ich das Leben gesucht, und immer nur leere Schatten gehascht! und wie leicht ist es doch, die Wahrheit zu finden, die uns niemals täuscht, die nie entschlüpft, die dem Herzen Alles gewährt, in der wir nur leben und seyn können.«

»Ich verstehe Sie,« antwortete die Baronesse, »Sie gehören zu unserm Kreise; es ist ein seliges Gefühl, daß sich die Gemeinschaft frommer und begeisterter Gemüther immerdar vermehrt.«

»Den herrlichsten Zeiten gehen wir entgegen!« rief der junge Offizier in Begeisterung aus. »Und wie selig müssen wir uns fühlen, da Dasjenige, was uns über das nüchterne Leben erhebt, die ewige Wahrheit selber ist, da diese uns beherrscht, und wir, von ihr regiert, nicht fehlen, niemals irren können; denn wir geben uns der Liebe hin, daß sie in uns wirke und ihre Geheimnisse unserm Herzen offenbare.«

»Nicht anders,« beschloß der ältere würdige Mann; »dies ist es, was uns die Sicherheit geben muß, die uns von gewöhnlichen Enthusiasten oder Schwärmern unterscheidet. Sie haben ein großes Wort gesprochen, theurer Ferdinand, und darum sind Sie mir so werth, weil Keiner, so wie Sie, auf dem kürzesten Wege das Rechte findet, weil Niemand es alsdann so klar und einfach auszusprechen weiß.« Er umarmte den Jüngling, sah gen Himmel, und eine große Thräne glänzte ihm im schönen dunkeln Auge. Die Baronesse erhob sich und schloß sich an die Gruppe; alle waren bewegt, nur Fräulein Dorothea wandte sich ab, und schien im Busche etwas Verlornes zu suchen.

Dem aufmerksamen Alfred entging es nicht, daß die Mutter mit einem Ausdrucke des Schmerzes zu ihrem ältesten Kinde hinsah, das auf seltsame Weise von diesem Kreise der Rührung und Liebe ausgeschlossen schien. Der Baron Wallen, so hieß der ältere Hausfreund, näherte sich mit dem Ausdruck einer rührenden Milde dem Fräulein, die scheu vor sich nieder sah, und in diesem Augenblick hochroth erglühte. Er sprach heimlich und mit vieler Bewegung zu ihr, sie schien aber in ihrer Verlegenheit auf seine Worte nicht sonderlich zu achten; denn als jetzt eine Dame in der Allee zur Gesellschaft herschritt, ging sie dieser in großer Eile entgegen, und schloß sie mit der größten Herzlichkeit und Freude in die Arme.

Die Mutter schüttelte fast unmerklich mit dem Kopfe, und sah den Baron Wallen mit prüfendem Auge an; dieser lächelte, und die Unterredung der Gesellschaft gerieth nun auf ganz andere und gleichgültige Gegenstände; denn die Frau von Halden, welche jetzt lautschwatzend, lachend und Neuigkeiten erzählend, herzu trat, machte jeden Aufschwung, jede innigere Mittheilung völlig unmöglich, so daß auch alle, bis auf Fräulein Dorothea, etwas verstimmt wurden, die wie erquickt und getröstet mit ihren Blicken am Munde der Redenden hing, und jetzt an der übrigen Gesellschaft noch weniger Antheil nahm.

»Wer ist denn diese Neuigkeits-Krämerin?« fragte Alfred unwillig, »die wie ein wilder Vogel in unsern stillen Kreis herein fliegt, und alle zarteren Gefühle verschüchtert?«

»Eine Nachbarin unserer verehrlichen Baronesse,« antwortete der Herr von Wallen: »sie hat sich auf eine unbegreifliche Weise des Gemüthes der Fräulein Dorothea bemeistert, was wir alle nur beklagen können. Schon in der Jugend hat es die treffliche Erzieherin, die Fräulein von Erhard, eine Verwandte der Familie, verhindern wollen, daß dieser Umgang nicht die bessern Fähigkeiten des schönen Mädchens unterdrücke; aber von jeher sind alle ihre Bemühungen vergeblich gewesen.«

Diese Erzieherin, welche bisher wenig bemerkt worden war, näherte sich jetzt, da sie sah, daß von ihr die Rede sei, und mischte sich in das Gespräch. Sie erzählte, daß in dieser so liebenden und hochgestimmten Familie Dorothea von früher Jugend ein abgesondertes Leben geführt habe, und unter so vielen Geschwistern gewissermaßen ganz einsam gewesen sei. Fräulein Charlotte von Erhard erzählte dies mit einer rauhen und heisern Stimme, wurde aber so bewegt, daß sie sich der Thränen nicht enthalten konnte. Alfred, der schon gerührt war, fand in seiner erhobenen Stimmung die geälterte und fast häßliche Dame liebenswürdig und schön, und ein herzlicher Unwille, eine lebhafte Geringschätzung wandte sich gegen die arme Dorothea, die jetzt von der redseligen Freundin Abschied nahm und zur übrigen Gesellschaft zurück kehrte. Sie war sichtlich erheitert, aber man sah, welche Ueberwindung es ihr koste, wieder an den ernsteren Gesprächen Theil zu nehmen. Sie erzählte, wie die Frau von Halden in Unterhandlungen stehe, und wahrscheinlich ihr Gut verkaufen werde.

»Verkaufen?« fragte die Mutter erstaunt, »und sie konnte dennoch so heiter, ja ausgelassen seyn?«

»Sie meint,« erwiederte Dorothea, »einen so vortheilhaften Kauf ihrer noch unmündigen Kinder wegen nicht abweisen zu dürfen.«

»Giebt es einen Vortheil,« sagte die Mutter, »welcher den Kindern das Glück der Heimath aufwiegen kann? Und sie selbst, Deine Freundin, die hier auf ihrem Gute aufgewachsen ist, die hier mit Eltern und Geschwistern, nachher mit einem geliebten Manne lebte, wie kann sie sich selber so verstoßen und diesen Bäumen den Rücken wenden, sich von den Zimmern verbannen, die sie als Kind geliebt und gekannt hat? Immer wieder muß es mir auffallen, wie ich das Leben und Treiben der allermeisten Menschen so gar nicht verstehe. -- Und wer ist denn der Käufer?«

»Die Sache ist wunderlich genug,« erwiederte Dorothea, »der Käufer will noch gar nicht genannt seyn; aber ein gewisser Graf Brandenstein führt die Unterhandlung. Meine Freundin ist eilig und bestimmt, denn der Fremde aus Amerika kauft noch manches andere Gut, so daß sie es für eine Gunst hält, da er nicht ängstlich auf den Preis sieht, wenn sie das ihrige dem Unbekannten zuwenden kann.«

Bei dem Namen »Brandenstein« wurde die Mutter blaß. Sie suchte sich aber schnell zu fassen, und sagte nach einer kleinen Pause: »Ja, der Name war es, der mir schon seit einer Woche schwer auf dem Herzen lag. Ich weiß es schon, daß dieser Mann hier ist, der nun auf eine Zeitlang unsre stille Freude verderben, und die Harmonie unsers Kreises stören wird. Und ich kann es nicht vermeiden, ihn zu sehn, denn er ist ein alter Bekannter unsers Hauses, und die Sitte der Welt zwingt uns ja, selbst mit denjenigen freundlich umzugehen, die uns im innersten Herzen zuwider sind, ja, die wir, wenn wir noch so billig denken, für schlechte und ruchlose Menschen anerkennen müssen.«

Dorothea meinte, wo eine so bestimmte Empfindung vorherrsche, solle sich der Mensch keinen Zwang anthun; und besonders auf dem Lande, wo sie lebten, wäre es noch leichter, als in der Stadt, so widrigen Erscheinungen auszuweichen. Die Mutter aber sagte: »Du verstehst dies nicht, mein Kind; könnte ein gewissenloser Mensch ohne Grundsätze uns nicht auf die empfindlichste Art schaden oder kränken, hätte er es durch Witz und Frivolität nicht in seiner Gewalt, unser ganzes Leben zu verderben, so würde ich ihn kalt abweisen, und mit meiner Wahrheitsliebe ihm ohne Umschweif sagen, daß ich mit ihm nicht umgehen wolle; da aber dies nicht möglich ist, so muß ich ihm höflich entgegen kommen, mit Feinheit und Wohlwollen den bösen Geist in ihm zu beschwichtigen suchen, und mich späterhin so unmerklich, als es seyn kann, von seinem verderblichen Kreise zurück ziehn.«

Die übrigen Töchter drängten sich um die Mutter, und umarmten sie wie tröstend. »Wenn ich Euch nicht hätte!« seufzte die Baronesse: »wenn ich nicht auf die Hülfe unsers edlen Hausfreundes rechnen dürfte, so würde mich der Besuch dieses gottlosen Menschen noch mehr ängstigen.«

»Wer ist er eigentlich?« fragte der Baron.

»Ein Mann,« antwortete die Mutter, »der sich schon früh in der Welt und ihren Verstrickungen herum getrieben hat, der, von seinem eignen Herzen belehrt, alles, was Liebe, Demuth, Frömmigkeit heißt, arg verspottet und verfolgt, ein grober Egoist, der Niemand lieben kann, und den das Heilige, Ueberirdische, wo er es wahrnimmt, wo er es nur ahndet, in einen widrigen Zorn versetzt, der ihn dann zu jenem frivolen Witze begeistert, den wir Alle so tief verachten. Es war das Unglück meines Lebens, daß er die Bekanntschaft meines guten seligen Mannes machte, daß dieser ihn lieb gewann, und sich in manchen trüben Stunden seiner Gesellschaft und traurigen Philosophie hingab.«

»Sie schildern, verehrte Frau,« sagte der Offizier, »einen von jenen Charakteren, die, dem Himmel sei Dank! jetzt schon seltener geworden sind.«

»Eine Verruchtheit,« sagte der Baron, »die das Unsichtbare lästert, weil sie auf Selbstverachtung gegründet ist. Sie sind aber, wie wir Alle, über diesem Jammer erhaben.«

»Sein mittelmäßiges Vermögen,« fuhr die Mutter fort, »war bald ausgegeben; nun verließ er Europa, trieb sich, wer weiß, unter welchen wilden Völkern um, und ist nun zurück gekehrt, wie ich höre, als Geschäftsträger eines unermeßlich reichen Amerikaners, der ihm in Jahresfrist nachfolgen will, und der die Grille gefaßt hat, in unserer Nachbarschaft viele Güter zu einer großen Herrschaft zusammen zu kaufen.«

Fräulein Dorothea blieb dabei, daß man einem so bösen Menschen ausweichen könne und müsse, und daß sie ihm schon das Haus zu betreten unmöglich machen wolle, wenn die Mutter ihr dazu die gehörige Vollmacht gebe; doch diese ward unwillig, und gebot, für heute den Namen des Störenfried nicht mehr zu nennen. Jetzt sah man die Wagen vorfahren, weil mit der Abendkühle die Familie sich wieder auf ihr nahes Landgut begeben wollte, als sich in diesem Augenblick eine sonderbare Scene entwickelte. Der alte Baron hatte sich schon einigemal Dorotheen genähert; sie war ihm aber ausgewichen, doch benutzte er den Moment, als er ihr in den Wagen half, ihr einige freundliche Worte zuzuraunen; sie sprang zurück, indem sie hastig der Kutsche enteilte und in den Baumgang lief. Der Baron konnte sie nicht einholen, so sehr er sich bestrebte; als er schon tief im Garten war, kam sie athemlos zurück, warf den Schleier über das erhitzte Angesicht, und weinte heftig, indem sie dem fragenden und strafenden Blicke der mehr als erstaunten Mutter ängstlich auswich. Der Wagen fuhr rasch davon, und der Baron, nachdem er verwirrt und beschämt von den jüngern Freunden Abschied genommen hatte, bestieg den seinigen, schwer gekränkt, wie man ihm anmerken konnte, so sehr er auch seiner Fassung Gewalt zu thun suchte.

Als der junge Rath und der Offizier ihren Rückweg zur Stadt antraten, sagte der erste nach einer Pause: »Was war das? Immer noch kann ich nicht von meiner Verwunderung zurück kommen, daß unter so gebildeten und feinen Menschen eine solche unschickliche Scene hat vorfallen können! Ueberhaupt, wie kommt dieses Fräulein, dieser sonderbare, ja widerwärtige Charakter in eine Familie, die ich fast eine geheiligte nennen möchte? Irgend eine tiefe Verschuldung muß sie drücken, da sie sich immer scheu zurück zieht, niemals an der Unterhaltung Theil nimmt, und auch von allen Uebrigen mit einem herablassenden, fast geringschätzenden Mitleide behandelt wird, das einem Fremden sehr auffallen muß. Man kommt auf ärgerliche Vermuthungen, wenn man auch eben nicht zum Argwohn geneigt ist.«

»Du würdest aber irren,« sagte der militärische Freund, »denn keine Schuld, kein Vergehn drückt dieses Wesen nieder. Unter so hochgestimmten Menschen, wie alle diese sind, würde sich dergleichen vielleicht ohne große Kämpfe wieder herstellen, wenn diese Schwester nur sonst in einer geistigen Harmonie mit den übrigen stände. Schlimmer aber als alles ist, daß sie schon mit einem niedrigern, unedlern Geiste geboren wurde, daß sie das Bestreben aller Uebrigen nicht versteht, und sich doch sagen muß, es sei ein Hohes und Edles, nur für sie Unerreichbares. Dies Gefühl der Unwürdigkeit drückt sie mehr nieder, als das Bewußtsein einer Schuld es thun könnte. Sie fühlt sich fremd unter den Nächsten, unheimisch in ihrem Hause; sie erquickt sich an den unwürdigen Bekanntschaften, wie mit jener dicken und geschwätzigen Nachbarin, und entflieht besonders dem Baron, den wir Alle so hoch verehren, und der sich zu sehr, fast mit Leidenschaft herabläßt, ihren Sinn für ein höheres Leben aufzuschließen.«

Sie bogen jetzt um die Felsenecke, und sahen die Stadt schon vor sich liegen. Aber zu ihrem Entsetzen bemerkten sie auch zugleich jenen wohlbeleibten Baron von Wilden, von dem sich Nachmittags der junge Rath nur schwer hatte losmachen können. »Nun,« rief dieser ihnen entgegen, »kommt Ihr schon aus dem Himmel zurück? Hat's brav viel ambrosische Redensarten abgesetzt? Sind die nektarischen Gesinnungen gut eingeschlagen? Hoffentlich war doch kein Mißwachs an überirdischen Gefühlen?«

Die Freunde, die in der schönen Natur und dem lieblichen Abende gern noch ihre Gefühle hätten harmonisch nachklingen lassen, suchten sich von ihm loszuwickeln; da sie aber denselben Weg zur Stadt zurück gingen, war dies unmöglich. »Nichts da!« rief er mit herrschender Stimme aus: »wir bleiben treu beisammen, und dort unten beim Brunnen treffen wir noch einen armen Sünder, der auf mich wartet.«

Die beiden jungen Leute sahen sich gezwungen, aus der Noth eine Tugend zu machen, besonders weil der unempfindliche Baron mit kreischendem Tone fortfuhr: »Ich merke wohl, Ihr wäret hier in der Gegend gern noch empfindsam, besonders weil der Mond bald hervor kommen wird; aber dergleichen Unfug wird in meiner prosaischen Gesellschaft nicht geduldet. Glaubt mir doch, junge Menschen, all' das Aetherisiren und Frommsüßlichen dort geschieht ja doch nur, daß Ihr an diesem lockenden Hamen als Eheleute anbeißen sollt, wenn Ihr nämlich selbst Amt und Vermögen besitzt. Es sind so viele Töchter dort, und nur die älteste, verwilderte, ist so toll, alle Partieen abzuweisen. Ja die liebe, gute, so hocherwünschte Ehe, das Freiwerben, wonach mit allen Fernröhren hinaus geschaut wird, wenn so herrliche edle Töchter in dem Familiensaal dasitzen, rund und fett, roth und weiß, züchtig und tüchtig, auferwachsen und vollständig! Und in der Mitte die verständige Mutter, achtsam, lauernd und spekulirend, die Augen nach allen Seiten, jeden anfühlend, der nur eintritt, ob der feine Rock auch bezahlt ist, ob derselbe, wenn er von Reisen und Bällen erzählt, auch wohl im Stande sei, ein Ehefrauchen standesmäßig zu ernähren. Da gehn der guten Matrone dann so fromme, weiche und gar unbefangene Redensarten aus dem zarten Munde, die Blicke leuchten zum Himmel und rechts und links, und alle Worte und alle Blicke schwimmen wie hundert Angeln im Strom der faden Unterhaltung, und die jungen Bursche schießen bald nach dieser, bald nach jener Schnur wedelnd und spielend hin, bis denn, wenn auch nach Wochen, einer und der andere fest sitzt. So haben sie für die Kunigunde den zarten Weißfisch erschnappt, und ihm gleich darauf eingebildet, das runde Mädchen sei für ihn viel zu gut, so daß er wie ein reuiger Sünder am Wagen des Ehestandes zieht, und sich geehrt fühlen muß, daß die Hohe sich zu ihm erniedrigt hat; nun müssen Clara, Clementine und die irdische Dorothea noch versorgt werden, ja ich stehe nicht dafür, daß die bejahrte Bekehrerin nicht selbst noch einmal aus einem frommen Knaben einen Bräutigam für sich drechselt, und ihm statt des Katechismus einen Ehekontrakt in die Hände schiebt. Ja wohl Ehestand, Wehestand! Wie rennt nur alles so blind und taub in das traurige Joch, und opfert Freiheit und Laune dem bösen Geiste, der den Mann fast immer unter den Sklaven erniedrigt.«

»Sie sind ein arger Frevler,« sagte der Offizier: »aus launenhafter Verruchtheit hassen Sie die Ehe, und verlangen nun, alle Menschen sollen als sündliche freigeisternde Hagestolze leben, und weil Ihr Sinn nicht in jene Umgebung paßt, so lästern Sie diese Menschen, die jeder Verläumdung zu erhaben sind.«

»Ganz martialisch!« rief der Baron aus. »Und doch werde ich Recht behalten, und vielleicht seufzen Sie selbst einmal, wenn Sie an der Kette wie ein Eichhorn immer wieder dieselben rechtgläubigen Sprünge machen müssen, um die Nüsse zu knappern, die die Gemahlin Ihnen zukommen läßt: ach! wenn ich doch dem resoluten Wilden hätte glauben wollen!«

»Nein, mein Herr,« sagte der Rath sich ereifernd, »Ihre Ansicht geht nur aus der Verzweiflung hervor, ja, Sie glauben sich selber nicht.«