Part 23
Der Italiener trat herein und schien aufgeräumter, als man ihn noch je gesehen hatte. Alle betrachteten ihn mit einer gewissen Scheu, er aber nahm keine Notiz von diesem veränderten Betragen, und als jetzt der Enthusiast und der Sänger die Gesellschaft vermehrten, wurden Alle in heitern Gesprächen von einer vergnüglichen Laune beherrscht, den Grafen ausgenommen, der seine trübe Miene nicht veränderte. Lassen Sie uns, sagte der Kapellmeister endlich, Einiges von unsern neulichen Erzählungen aufnehmen. Wie ist es möglich, (indem er sich zum Laien wandte) daß Sie nach ihren neuerlichen komischen Bekenntnissen ein so großer Freund der Musik haben werden können? Vielleicht dadurch um so mehr, erwiederte dieser, weil das Gefühl, als es reif in mir war, durch sich selbst und stark erwachte, daß ich nichts Angelerntes, Nachgesprochenes in meine Liebhaberei hinüber nahm. Ich hatte es endlich dahin gebracht, daß ich kleine einfache Lieder begriff, die mir auch wohl im Gedächtniß hängen blieben, die trefflichen von Schulz, zum Beispiel, in denen uns, ohne daß sie uns eben poetisch aufregen, so behaglich und wohl wird, die uns so klar blauen Himmel, grüne Landschaften, leichte Figuren und anmuthige Empfindungen hinmalen, waren mir oft gegenwärtig und verständlich. Nur die größeren Compositionen, am meisten aber die dramatische Musik, waren mir zuwider, wenn ich auch in der letztern manchmal mit Wohlgefallen eine kleine Arie hörte, die sich dem Ohr einschmeichelte. Auch der Harthörigste lernt am Ende die kleinen melodischen Sachen fühlen, wenn ihm auch der Zusammenhang großer musikalischer Dichtungen unverständlich bleibt. Als das erste Mal Don Juan von Mozart gegeben wurde, ließ ich mich bereden, das Theater zu besuchen. Es war unlängst componirt, und des großen Mannes Ruhm noch in Deutschland nicht so begründet, wie bald nachher, welches ich besonders an einem hochgeachteten Musiker wahrnahm, der während und nach der Aufführung nicht gnug über den falschen Geschmack des Werkes reden konnte. Mir aber war, als fiele mir schon während der Ouvertüre eine Binde von allen Sinnen. Ich kann die Empfindung nicht beschreiben, die mich zum ersten Mal überraschte, daß ich wahre Musik hörte und verstand. Mit dem Verlauf des Werkes steigerte sich mein Entzücken, die Absichten des Componisten wurden mir klar, und der große Geist, der unendliche Wohllaut, der Zauber des Wundervollen, die Mannigfaltigkeit der widersprechendsten Töne, die sich doch zu einem schöngeordneten Ganzen verbinden, der tiefe Ausdruck des Gefühls, das Bizarre und Grauenhafte, Freche und Liebevolle, Heitere und Tragische, alles dieses, was dieses Werk zu dem einzigen seiner Art macht, ging mir durch das Ohr in meiner Seele auf. Daß es so plötzlich geschah, vermehrte meine Begeisterung, und ich konnte nun kaum den Belmont desselben Meisters erwarten, dessen Leidenschaftlichkeit mich nicht weniger entzückte. Auch andere Componisten suchte ich zu begreifen, und Glucks großen Styl, seine edle Rhetorik, sein tiefes Gemüth rissen mich hin, ich erfreute mich an Paisiello und Martini, Cimarosa's heller Geist leuchtete mir ein, und ich bestrebte mich, die Verschiedenheiten des musikalischen Styls, so wie verschiedenartige Dichter zu erfassen und mir anzueignen. Während meiner Universitäts-Jahre verlor ich diese Kunst wieder aus dem Gesichte, doch zurück gekehrt war mein Eifer für sie um so brennender, vorzüglich da einige vertraute Freunde mein Urtheil und Gefühl läuterten. Jetzt wurde ich mit dem wundervollen Genius des großen Sebastian Bach bekannt, in dem vielleicht schon alle Folgezeit der entwickelten Musik ruhte, der Alles kannte und Alles vermochte, und dessen Werke ich etwa nur mit den altdeutschen tiefsinnigen Münstern vergleichen möchte, wo Zier, Liebe und Ernst, das Mannigfaltige und Reizende in der höchsten Nothwendigkeit sich vereinigt, und in der Erhabenheit uns am faßlichsten das Bild ewiger und unerschöpflicher Kräfte vergegenwärtiget.
Der Componist sagte: gewiß, es könnte Schwindel erregen, wenn man überschaut, was Alles vorangehen mußte, bevor Bach seine Werke schreiben konnte; aber es gehört auch wahrlich viel dazu, einer solchen Fuge oder einem vielstimmigen Satz auf die rechte Weise zu folgen, und ihn zu verstehn, es ist gleichsam eine Allgegenwart des Geistes, die ich einem solchen Laien am wenigsten zugetraut hätte.
Nach mehreren Jahren, fing der Laie wieder an, wurde mir es so gut, in eine edle Familie eingeführt zu werden, deren Mitglieder, vorzüglich die weiblichen, auf eine entzückende Art die Musik ausübten. Die älteste Tochter sang einen Sopran, so voll und lieblich, so himmlisch klar, daß ich bei Ihrer neulichen Beschreibung des Gesangs Ihrer Unbekannten, werther Graf, an diese unvergleichliche Stimme denken mußte. Hier vernahm ich nun neben manchem Weltlichen vorzüglich die großen und ewigen Gedichte des erhabenen Palestrina, die herrlichen Compositionen eines Leo und Durante, die Zaubermelodieen des Pergolese, den ich mit den Lichtspielen des Correggio vergleichen mußte, die trefflichen Psalme Marcello's, die großartige Heiterkeit unsers Hasse, und das dramatische Requiem Jomelli's: Manches von Feo, die Miserere von Bai und Allegri ungerechnet. So rein, ungeziert, im großen einfachen Styl, ohne alle Manier vorgetragen wird man schwerlich je wieder die Meisterwerke hören. Diese glückliche Zeit versetzte meinen Geist in eine so erhöhte Stimmung, daß sie eine Epoche in meinem Leben macht. Nur in wenigen schwachen Gedichten habe ich versucht, meine Dankbarkeit auszusprechen. Meine Seele war so ganz in diesen göttlichen Tönen aufgegangen, daß ich dazumal nichts von weltlicher Musik wissen wollte, es schien mir eine Entadlung der Göttlichen, daß sie sich zu den menschlichen Leidenschaften erniedrigen sollte. Ich glaubte, es sei nur ihre wahre Bestimmung, sich zum Himmel aufzuschwingen, das Göttliche und den Glauben an ihn zu verkündigen.
Ein Beweis, sagte der Kapellmeister, daß Ihr ganzes Herz damals von der Glorie dieser Erscheinung durchdrungen war. Man thut auch Unrecht, dergleichen wahre Begeisterung Einseitigkeit zu schelten, denn unsre Seele, wenn sie wirklich auf so große Art ergriffen und erschüttert wird, fühlt dann in diesem ihr neuen Element die ganze Kraft und Ewigkeit ihres Wesens: sie findet dann die Schönheit, von der sie früher gerührt wurde, erhöht und vollendet in der neuen Erscheinung, und sieht mit Recht auf ihre frühern Zustände als auf etwas Geringeres hinab. In wessen Herz eine solche Vision nicht steigen und es ganz ausfüllen kann, der weiß überhaupt nicht, was ächte Begeisterung ist. Und gewiß ist die Kirchenmusik, welche freilich die Neueren meist auch so tief herab gezogen haben, die erhabenste und schönste Aufgabe unsrer Kunst. Ich bin aber überzeugt, daß Sie späterhin von selbst eben aus Ihrem Enthusiasmus wieder den Weg zu Ihrem geliebten Mozart und andern gefunden haben.
Natürlich, fuhr der Laie fort, denn die Liebe kann sich ja doch niemals in Haß umwandeln. Ich habe immer die Menschen gefürchtet, die mit ihren Gefühlen in den Extremen schwärmen, und heut übertrieben verehren, was sie in einiger Zeit mit Füßen treten. Unsre Bildung kann und soll nur eine Modification einer und derselben Kraft, einer und derselben Wahrheit seyn, kein unruhiger Austausch und Wechsel, und kein hungerndes Verlangen nach Neuem und Unerhörtem, welches doch niemals befriedigend gesättiget werden kann. Als es mir nachher so gut ward, in Rom von der päbstlichen Kapelle viele derselben Sachen vortragen zu hören, so fühlte ich wohl, daß hier ein eigener traditioneller Vortrag des alten ^Canto fermo^ Manches anders und noch einfacher gestalte, aber weder dort noch in den Theatern habe ich je diesen unbeschreiblichen Discant wieder vernommen, und Pergolese oder andere neuere Kirchenmusik ist mir auch niemals in dieser Vollendung wieder vorgetragen worden.
Aus Ihren Beschreibungen, fing der Sänger an, muß ich wohl abnehmen, daß Sie mit der neuen Sängermanier wohl selten zufrieden seyn mögen. Ich gestehe Ihnen aber, daß ich hierin nicht ganz Ihrer Meinung seyn kann: zu große, zu schlichte Einfalt würde mich zurück stoßen, ich will den Virtuosen vernehmen, der die Musik und seine Stimme beherrscht. Wie der Deklamator nicht blos ruhig ablesen soll, sondern durch Erhöhung und Senkung der Stimme, durch kleine Pausen, durch rollende Töne erst zum Schauspieler wird, und das zur Kunst erhöht, was der ganz gute Vorleser doch in der niedrigen Region stehen lassen muß.
Sie haben gewiß Recht, erwiederte der Laie, vorausgesetzt, daß es wirklich das sei, was ich Deklamation im Schauspiel, oder Vortrag des Gesanges nennen kann. Was uns der Graf aber neulich als falschen und schlechten Ausdruck schilderte, muß ich freilich auch als meine Meinung unterschreiben. Und ist es denn in unsern Schauspielen anders? Wie denn überhaupt wohl nie Gebrechen und Vorzüge eines Zeitalters einzeln stehn können, sondern jede Kunst wird eine Abspiegelung der andern seyn, und selbst Staat und Geschichte müssen ebenfalls alle Gesundheits- oder Krankheitsstoffe wieder in ihrem großen verschlungenen Gewebe nachweisen. Eben so wie der Sänger schreit und seufzt, und selten das Gefühl im Ganzen ausspricht, welches die Arie oder das Duo von ihm fordert, so auch der Schauspieler; dieser hilft sich auch durch einzelne übertriebene Accente, herausgehobene Worte, stark unterstrichene Stellen, und muß darüber den Sinn des Ganzen fallen lassen, wodurch die Scene wie die einzelnen Stellen für den Kenner nüchtern und trivial werden. Denn wo gibt es jetzt wohl noch Schauspieler, an deren Leidenschaft man glaubt, die uns täuschen und in ihrem hohlen abgepufften Ton nur irgend Wahrheit sprechen? Ja unser Freund Wolf, so wie seine Gattin machen hievon eine ehrenvolle Ausnahme, so sehr, daß sie fast schon einzeln in Deutschland da stehn, wenn auch hie und da ein Talent sich zeigt, das aber immer nur zu Zeiten jener Manier widersteht, die unser Theater beinah schon völlig zerstört hat. Nicht, daß sich nicht viele Schauspieler bemühten, aber es ist hier eben so wohl wie im Gesange eine falsche Schule entstanden, die Ausdruck, Empfindung durch Einzelheiten, die nicht in der Sache selbst liegen, erregen will, und darüber das Ganze verdunkelt, und wenn wir uns strenge ausdrücken wollen, die Absicht der Kunst, ja diese selber vernichtet.
Sie haben vollkommen Recht, rief der Kapellmeister: aber machen es denn meine Handwerksgenossen, die Componisten selbst, anders? Kaum ein Lied wissen sie mehr zu setzen, wo sie nicht jede Strophe neu componiren, gewaltsam accentuiren, innehalten, abbrechen und in gesuchte und fernliegende Tonarten übergehn, um nur, wo sie die Empfindung wahrnehmen, so starke Schlagschatten hinzumalen, daß man diese Stellen nun zwar nicht übersieht, aber auch gewissermaßen mehr Schwärze als Farbe gewahr wird. Als wenn es dem Sänger nicht müßte überlassen bleiben, auch im wiederkehrend Einfachen eine leise Variation anzubringen, oder als wenn das nicht eben das musikalische Gefühl in unserer Natur wäre, in diesen sich wiederholenden Klängen ohne Weiteres vermöge unsrer Liebe zu ihnen das Mannigfaltige zu empfinden.
Sehr wahr, fügte der Laie hinzu, aus demselben Unglauben fürchtet auch mancher geniale Musiker, wie der herrliche Beethoven, nicht neue Gedanken genug anbringen zu können, deshalb läßt er so selten einen zu unsrer Freude ruhig auswachsen, sondern reißt uns, ehe wir kaum den ersten vernommen, schon zum zweiten und dritten hin, und zerstört so, wie oft, selbst seine schönsten Wirkungen. Sehn wir sogar auf die Götheschen Lieder, die er gesetzt hat: welche Unruhe, welche scharfe Deklamation, welches Ueberspringen. Ich möchte diesem trefflichen Manne, so wie manchem Andern nicht gerne Unrecht thun, aber die Reichardschen Melodieen zu den meisten dieser herrlichen Gesänge haben sich mir so eingewohnt, daß ich mir diese Gedichte, vorzüglich die frühern, nicht anders denken und singen kann.
Wenn Sie so gesinnt, nahm die Tochter das Wort, und die übertriebene falsche Gelehrsamkeit verwerfen, den Ausdruck schelten, der sich vordrängt, und darüber Melodie und eigentlichen Gesang verdunkelt, so hätten Sie ja nun selbst meinen geliebten Rossini gerechtfertiget.
^O divino maestro! o piu che divino Rossini!^ rief begeistert und mit verzerrtem Gesicht der alte Italiener. ^Eccolo il vero!^ den ausgemachten Wunderdoktor des Jahrhunderts, der uns verirrte Schaafe wieder auf die rechte Straße bringt, der alle die falsche deutsche Bestrebunge maustodt schlagt, der mit himmlische unerschöpfliche Genie Oper über Oper, Kunstwerk auf Kunstwerk häuft, und sich Pyramid oder Mausoleum erbaut, worunter nachher alle die ausdrucksvolle, gedankenreiche und seelenmäßige Klimperlinge auf ewig begraben liegen.
O wie wahr! rief der Enthusiast, ich habe mir schon oft vorgenommen, keinen andern Componisten mehr anzuhören, so entzückt hat mich jedes seiner Werke, es kam mir nur unbillig vor, da ich doch selber ein Deutscher bin, mich so feindlich meinen Landsleuten gegenüber zu stellen.
Was hat die Landsmannschaft damit zu thun? sagte der Laie: manche Italiener, die gern eine Partei formiren möchten, haben es freilich bequem, wenn sie den Mozart oder gar Gluck zu den ihrigen rechnen, und so gegen Bestrebungen zu Felde ziehn wollen, die ihnen im Wege stehn. Giebt es aber eine wahrhaft deutsche Oper, eine Musik, die wir uns als national durchaus aneignen müssen, so ist es eben die Mozartsche, und es ist sehr gleichgültig, daß der Don Juan ursprünglich für italienische Sänger geschrieben wurde. Italien hat auch deutlich gnug bewiesen, daß es diesen großen und reichen Geist nicht fassen und lieben konnte. Mozart, Gluck, Bach, Händel und Haydn sind ächte Deutsche, die wir uns niemals dürfen abdisputiren lassen, und ihre Compositionen sind, recht im Gegensatz gegen die Italienischen, wahrhaft deutsche zu nennen.
Und dann, fügte der Kapellmeister hinzu, kann man gern dem Rossini Talent und Melodie zugestehen, wenn der Lobpreisende auch uns zugiebt, daß ihm in seiner Eile alles das abgehe, was den Componisten erst zu einem dramatischen macht. Regellos, willkührlich ist er durchaus, und achtet weder Zusammenhang noch Charakter, ja ich fürchte, in diesem leichten und wilden Spiel bestehe sein Talent, so wie das mancher dramatischen Schriftsteller, und ihn zwingen wollen, consequent zu seyn, dem Charakter und Inhalt gemäß zu componiren, hieße nur, ihm das Componiren selbst untersagen.
Sein schneller Ruhm, sagte der Laie, ist wohl nur entstanden, weil eben der ächte Sinn für Musik unterzugehen droht. Denn wie kann man sich doch nur mit diesem völligen Mangel an Styl vertragen, der allen seinen Melodieen einen so niedrigen, geringen Charakter aufdrückt? Seine Sangstücke sind großentheils sangbar, ja recht bequem für unsere jetzigen Sänger geschrieben, aber sehr häufig setzt er auch nur, so vielen Andern ähnlich, wie für Instrumente, und wenn sein Beifall noch lange währt, so wird er auch noch dazu beitragen, die Sänger völlig zu verderben, ja auch wohl den guten und edlen Vortrag der Instrumente, weil er Alles so kleinlich und geringe behandelt. Der Sinn für Musik erwachte bei uns auf eine schöne Weise, er kräftigte sich und es war uns vergönnt, Gluck zu verstehn und uns völlig anzueignen, eine so große Erscheinung, wie Mozart, entstand und vollendete sich vor unsern Augen, Haydns tiefsinniger Humor in seinen Instrumental-Compositionen ergriff alle Freunde der Kunst, des großen Händels Werke wurden wieder studirt, und selbst die Dilettanten fühlten sich von seiner Kunst entzückt, die das Mächtige, Gewaltige erstrebt, jeden kleinlichen Reiz verschmähend; wir sahen Anstalten gedeihen, die auch die alte Kirchenmusik, die herrlichen Werke der verstorbenen großen Meister wieder ertönen ließen, es schien, daß auf immer der Geschmack am Großen und Edeln gerettet sei. Nur hatte sich indessen die Menge auch mit der Musik scheinbar vertraut gemacht, und diese kann, wenn sie sich eine edle Sache aneignet, immer nur bis auf eine gewisse Weite mitgehn, dann wird sie nothwendig das Ergriffene in etwas Geringeres verwandeln, das ihr zusagt. Ehemals hatten wir nur Kenner und oberflächliche Liebhaber in Deutschland, jetzt aber entstand eine Halbkennerschaft statt der Freunde, die sich unschuldig ergötzten. Diese anmaßlichen Kenner haben mit lauter schreienden Stimmen nach und nach das Wort der wahren Musikfreunde verdrängt, ja diese gelten den neuern Enthusiasten wohl gar für eigensinnige, oder gefühllose Kritiker, die aus Neid und Mißlaune die glänzenden Erscheinungen der neuesten Zeit nicht anerkennen wollen. Darum hat auch in meiner Vaterstadt, in Berlin, Rossini am meisten Widerspruch gefunden, weil durch des unvergeßlichen Fasch herrlichen Eifer dort die treffliche Musik-Akademie gegründet wurde, die unser Freund, der wackre Zelter, nach dessen Tode in demselben Sinne fortgeführt hat. Durch die Vergegenwärtigung der alten Meisterwerke, durch den einfachen, edlen Gesang, der dort bekannter ist, als anderswo, sind die zahlreichen Mitglieder zum Bessern verwöhnt, und können sich unmöglich dem zierlich Nüchternen hingeben.
Sie werden es mit meiner Tochter völlig verderben, sagte der Baron lachend, denn sie meint, wo nur Effect sei, da wäre es lächerlich zu fragen, ob die Wirkung auch statt finden dürfe.
Sie hat vollkommen Recht, antwortete der Laie, ich aber auch, wenn ich behaupte, die Wirkung müsse gar nicht eintreten. Um diesen Punkt dreht sich ja die Kritik in allen Künsten.
Darum ist es ein Glück zu nennen, antwortete der Baron, ja gewissermaßen eine weise Lenkung des Kunstgenius, daß ein großer Componist sich diesem kleinlichen Unwesen so mächtig gegenüber stellt, und das so ausgezeichnet besitzt, Styl nehmlich, was jenem ganz abgeht. Ich spreche von dem nicht genug zu lobenden Spontini. Es läßt sich hoffen, daß von dieser Seite durch mächtige Wirkungen der Sinn der Deutschen wird gehoben, und ihr Wohlgefallen an diesem Melodieenkitzel beseitigt werden.
Der Laie schien so in Eifer gerathen zu seyn, daß er allein das Wort führen wollte. Gewiß, sagte er lebhaft, wäre es lächerlich, wenn man diesem Manne ein ausgezeichnetes Talent absprechen wollte, und über die Verdienste seiner Vestalin läßt sich Vieles sagen und streiten. Aber daß er im Cortez und nachher noch gewaltiger ein Brausen und Lärmen der Instrumente, ein Ueberschreien der Stimmen, ein Aufkreischen, ein wildes Getümmel uns hat für Musik geben wollen, scheint mir ebenfalls ausgemacht. Man kann schwerlich im voraus bestimmen, wie viel oder wenig unser Ohr von Instrumental-Musik vertragen soll, denn Mozart hat die meisten seiner Vorgänger überboten, und es gab früherhin auch Kunstfreunde, die bei ihm über zu große Fülle klagten; und schon lange vor diesem hat der große Händel außerordentlich viele Instrumente in Anspruch genommen, um seine erhabenen Gedanken auszusprechen. Aber bei diesen war die Fülle der Töne doch Musik, ein Anschwellen, ein Heranbrausen, ein Abdämpfen und Zurücksinken in eine gewisse Stille und Ruhe, aber nicht dieses ununterbrochene, nie rastende Wüthen aller Kräfte ohne Vorbereitung, Inhalt und Bedeutung, welches nur betäuben kann, und dessen Macht und Gewaltsamkeit mehr erschreckt und ermüdet, als erhebt und erschüttert. Geht der berühmte neuere Componist hiebei nur gar zu oft auf leeren Effect und Schreckschuß aus, so wie manche Schauspieler und Schauspieldichter, wirkt er nur einzig und allein durch große Massen, so ist er zwar wohl nicht der Wandnachbar Rossini's, aber sie reichen sich denn doch aus einer gewissen Entfernung befreundet die Hände und stehn sich nicht als feindliche Kräfte einander gegenüber. Wohl uns, daß unser hochgeehrter Maria Weber uns zu den schönsten Erwartungen berechtigt, der in dem, was er schon trefflich geleistet hat, so glänzend zeigt, wie viel er in Zukunft noch vermag.
Nun erhob sich die Tochter mit allen Tönen, und der Vater stand ihr bei, um den Laien in die Enge zu treiben, der ihre Lieblinge so keck angegriffen hatte, ohne doch vom Metier zu seyn, da er sein ehemaliges Violinspielen selber nicht in Anschlag zu bringen wage. Unter lautem Lachen wurde disputirt und behauptet, der Teufel sei ein- für allemal unmusikalisch, die Kugelgießerei und der Lärmen dabei schlimmer als was je auf dem Theater getobt, und der Musik, die ganz Deutschland wie verwirrt gemacht, fehle die Mannigfaltigkeit, ein heiteres Element, ja auch jene Ironie, wodurch Mozart erst seine ungeheure Dichtung des Don Juan zu diesem einzigen Werke gebildet habe, so daß bei diesem durch Gegensätze sich Inhalt und Behandlung rechtfertigen, was dort ganz aus der Acht gelassen sei.
Der Kapellmeister nahm sich des armen Laien, der hierauf wenig zu erwiedern wußte, oder den man vielmehr nicht zu Worte kommen ließ, freundlichst an, und meinte, eine Vergleichung auf diese Weise anzustellen, sei unbillig, weil das neue Kunstwerk gar nicht die Absicht habe, sich neben jenes ungeheure zu stellen. Ueberschreitet auch die angefochtene Scene, fuhr er fort, welche gerade die Menge herbei gelockt hat, die Gränzen der Musik, so ist doch übrigens des Vortrefflichen, des ächten Gesanges, des Neuen und Genialischen, vorzüglich aber des wahrhaft Deutschen, im besten Sinne, so viel, daß ich vollkommen in das Lob unsers unmusikalischen violinspielenden Laien einstimmen muß, der Manches wohl eben deswegen bestimmter empfindet und kecker ausspricht, weil er niemals vom Handwerk gewesen ist, und selbst nicht als Dilettant hinein gepfuscht hat, da er sich doch bescheidet, in die eigentlich grammatische Kritik einzugehn. Sollte keiner als nur Musiker mitsprechen dürfen, so würde ja auch für diese nur componirt, und das werden wir uns doch wohl, so wie alle Künstler, verbitten, nur für die Zunftgenossen zu arbeiten, um von ihnen empfunden und verstanden zu werden.
Könnte ich nur, fing der Laie wieder an, den sanften Genuß wieder haben, den mir ehemals die Lila des Martini gewährte. Diese idyllische, reine und heitere Musik wäre nach so manchem Ungethüm unsrer Theater eine wahre Erquickung. Wie würde ich mich freuen, Paisiello's Barbier von Sevilla wieder zu vernehmen, und es kränkt mich innig, daß man eine solche Composition nicht als eine klassische verehrt, die nun einmal für allemal fertig ist, und an die sich keiner von Neuem wagen dürfte. Denn ist bei Rossini auch hier und da vielleicht ein Moment brillanter, so ist doch der dramatische Sinn des Ganzen, die Bedeutung untergegangen, und nichts gegeben, was sich dem Humor in der Rolle des Alten nur irgend vergleichen dürfte. Die Verwöhnung der gehäuften Instrumente läßt aber befürchten, daß man, wenn man auch einmal diese trefflichen alten Sachen geben möchte, Zusätze zur Begleitung macht, oder diese wenigstens verstärkt. Hier und da habe ich schon murmeln hören, daß Gluck dergleichen bedürfe. Mozarts Figaro ist schon in Violinen und andern Instrumenten doppelt so stark besetzt worden, als es der Componist vorgeschrieben hat, bei dieser heitern Musik um so unpassender, weil dadurch der Witz, das wundersam Leichte und Heitere des Gesanges gestört wird. Es ist, als wollte man treffliche Brillanten aus ihrer leichten Fassung nehmen, und sie, um sie zu ehren, in schweres Gold schmieden. Oder, als riefe man sich witzige und launige Einfälle durch ein Sprachrohr zu.