Part 22
An einem Tage sagte mir die Gattin, ich solle meine beste Kleid anziehn, es sei große reputirliche Gesellschaft von Zuhörer gebeten. Wir sangen und tobten, es war aber kein Mensch da. Wie ich in der Nacht darüber mit ihr redte, sagte sie, die gewöhnliche Menschheit sei zu platt und grob organisirt, ihre Kunst zu fassen, darum habe sie Ueberirdische invitirt, die klagten niemals über Dissonanz, ich aber sei ein Gesell, zu plump, um die feinen Creaturen mit meine dumme Augen zu sehn. Nun gings immer so fort mit die Engelssocietäten, und sie erzählte mich viel von dem großen Beifall, den ihr Vortrag bei die Kenner fände. Am andern Abend, als wieder große Geisterassamblée bei uns war, und wir beide gnug schrieen, sagte sie zu mir plötzlich, ich sänge entsetzlich falsch, es sei nicht auszuhalten, und König David, der gewiß ein Kenner in Musiken sei, wolle gar nicht wieder kommen, wenn ich nicht richtiger und mit mehr Respect sänge. Ich sollte gleich hin, und ^Majesté^ um Verzeihung bitten. Wo sitzt er denn? Da, nahe am Ofen, denn der alte Herr hätte etwas kalt. Ich trug meine submisse Devotion in höfliche Redensart vor und wurde pardonirt.
Armer Mensch! sagte der Kapellmeister gerührt, und wie lange lebte die Wahnsinnige noch?
Bitte sehr um Verzeihung, erwiederte der Italiener, meine selige Gattin nicht zu lästern, war nichts weniger wie etwa toll im Kopf, dachte es auch erst, sah aber bald meinen Irrthum. Denn als es noch kälter wurde, die Tage immer kürzer, die Selige mich auch tüchtig tribulirt hatte und ich mir fast den Hals entzwei gesungen, weil diesmal alle Maccabäer uns die Ehre erzeigten, da sah ich, wie ich Licht hereinbrachte, die ganze Stube voll unsichtbarer Menschen, will sagen, verstorbene Geister. Seitdem mir nun die Binde von meine Augen herunter gefallen war, habe ich manche interessante Bekanntschaft unter die Abgeschiedenen gemacht, und hatte nun gar nicht mehr nöthig, viel mit die sterbliche Menschen umzugehn.
Das glaub' ich, sagte der Baron, indem er den Erzählenden mit einem prüfenden Blicke anstarrte; die Tochter rückte etwas weiter von ihm weg, der Enthusiast war erstaunt, der Laie lachte, und nur der Graf, welcher ihn schon kannte, blieb ruhig. Wir sahen ein, fuhr der Alte fort, daß die zu weit ausgebreitete Bekanntschaft mit die ganzen Vorzeit etwas lästig werden könnte, und beschränkten uns nachher fast nur auf die berühmte Musiker. Ja, meine Herren, da habe ich nachher erst Dinge über Contrapunct, Wirkung, Ausbeugung und über Charakter von die Tonarten erfahren, die in keinem Buche stehen. Aber meine liebe Frau starb bald, und seitdem habe ich den Umgang auch nicht fortsetzen können, denn alle die Herren haben sich mich allein, da ^Cara mia^ nicht zugegen, seitdem mir nicht wieder gezeigt.
Der Baron fragte den Grafen nach einer Pause, ob er nicht auch vielleicht einige musikalische Leiden vorzutragen habe, und dieser, der bis jetzt geschwiegen hatte, fing so an: Ihre Klagen, meine Herren, waren zum Theil darüber, daß sie mit der Musik in Verbindung kamen, ohne eigentliche Lust oder scharfen Sinn für diese Kunst zu besitzen. Mein Elend kommt von der entgegengesetzten Seite. Von frühester Jugend war meine Freude an Musik, mein Trieb zu ihr überreizt zu nennen, auch machte er meinen Eltern und Erziehern gnug zu schaffen. Ich wollte nichts anders lernen, und verwünschte oft meinen Stand, der mich hinderte, ein ausübender Künstler zu werden. Wo nur ein Ton erklang, wo nur Gesang sich hören ließ, da war ich gleich mit ganzer Seele, und vergaß alle meine Geschäfte. Mein Vater, ein ernster, heftiger Mann, zürnte über meinen Enthusiasmus, der allen seinen Absichten feindlich zu werden drohte. Da ich auch zu leidenschaftlich war, und im jugendlichen Eifer wähnte, ich könnte meine Kunst nicht fanatisch gnug vertheidigen, so verletzte und kränkte ich oft meinen Vater auf ungeziemende Weise, und dieser Kampf, diese Reue und Zerknirschung über meine Hitze, Verstimmung gegen die Welt und mich, dies traurige, zerrissene Wesen verdarb mir völlig die Heiterkeit meiner Jugend, denn der gewaltsam errungene Genuß meiner Kunst war doch nicht im Stande, mir alles das zu ersetzen, was ich einbüßen mußte. Ja, sei es nun, daß meine Erwartungen zu hoch gespannt waren, daß meine Ahndung für das Höchste zu sehr meine Forderungen stimmte, genug, es wurden mir auch die Werke der Kunst selbst, so gut wie ihr Vortrag, oft allzusehr verkümmert. Denn ich glaubte nicht selten wahrzunehmen, daß man so vieles in die Musik aufgenommen habe, was dieser Kunst ganz fremd bleiben müsse, daß sie meistentheils zu sehr zum Zeitvertreibe herab gesunken sei, daß sie um Effecte buhle, die ihrer unwürdig sind, und daß die wenigsten Sänger nur wissen, was Vortrag und Gefühl zu bedeuten habe. Eine tiefe Schwermuth konnte sich meiner bemeistern, daß fast nirgend in der Welt die Stimmung angetroffen werde, die ich für nothwendig hielt, wenn diese hohe Kunst ihr Element finden sollte. Ich mußte denn endlich meinem Vater doch nachgeben und an den Geschäften Theil nehmen. Die Arbeit wurde mir leichter als ich mir vorgestellt hatte, und mein Vater, der mich wegen meiner Kunstliebe für fast blödsinnig gehalten, war so mit mir zufrieden, daß seine ehemalige Zärtlichkeit gegen mich erwachte. Nach einigen Jahren ward ich in diplomatischen bedeutenden Geschäften an einen großen Hof gesendet. Seit lange hatte ich die neuen Sänger und Sängerinnen beobachtet, und war fast mit allen unzufrieden. Wenn die Stimme das Gefühl, den Enthusiasmus der Leidenschaft ausdrücken soll, so muß sie sich großartig erheben, mächtig anschwellen, und die Höhe nur deswegen suchen, um die stärkste Lichtregion und Kraft zu gewinnen. In dieser Gegend ist es, wo Componist und Sängerin das Uebermenschliche der Liebe, der Klage, der Andacht und jeder Regung der Seele ausdrücken können: und doch fand ich fast immer, daß der Wohllaut, die Wollust dieser Klänge nur gebraucht wurden, um eine kleine Künstlichkeit, eine Art Springerei anzubringen, eine Virtuosität, die wohl ganz nahe an die Seiltänzer grenzt, und von der ächten Kunst ganz ausgeschlossen seyn sollte. Noch schlimmer fast erschienen mir diejenigen, die nach einer ziemlich verbreiteten neuen Manier den Ausdruck anbringen wollten. Kein ^Crescendo^, kein Portament der Stimme, sondern ein plötzlicher Aufschrei, wie ein Angst- oder Hülferuf, dann ein eben so plötzliches Verhauchen, ein unmotivirtes Sinkenlassen des Gesanges, ein dumpfer Seufzer statt des Tons, und so fort in diesem schroffen eckigen Wechsel, so daß ich jetzt nichts hörte, und jetzt wieder von grellen Tönen erschreckt wurde, ein Unfug, den oft ein ganzes Publikum bewunderte, und der mir noch jenseit dem Anfange der Schule zu liegen schien, oder mir vielmehr wie der rohe unmusikalische Gegensatz alles Gesanges vorkam. Von dem neuesten Geschmack der Opern will ich schweigen, denn hier fände ich meinen Klageliedern kein Ende.
Als ich dem fremden Hofe mich vorgestellt hatte, empfing ich bald darauf den Bescheid, daß ich mit einem wichtigen Auftrage schnell in mein Vaterland zurück müsse. Am Abend war beim Bruder des regierenden Fürsten Concert, und eine fremde Sängerin wollte sich zum ersten Mal hören lassen. Ich begab mich in den Concertsaal. Nur der Sängerin Nacken, dessen blendende Weiße von einem wunderlich gekräuselten braunen Löckchen erhöht wurde, konnte ich wahrnehmen, so wie einen Theil des feingerundeten Ohres, so dicht war das Gedränge. Aber jetzt erhob das Mädchen den Ton, und ging in einen zweiten über, und strahlte den dritten aus, so mächtig, edel, rein, voll und lieblich zugleich, daß ich wie bezaubert stand, denn das war es, wie ich es mir immer gedacht, ja es war mehr, wie ich gewünscht hatte. Dieser reine, himmlische Discant war Liebe, Hoheit, zarte Kraft und Fülle der edelsten, der überirdischen Empfindung. Da hörte ich nicht den spitzen, blendenden Glaston, der noch die Harmonika überschleift, nicht die Betäubung in der letzten, schwindelnden Höhe, die wie mit Spitzen das Ohr verletzt und durchbohrt, nicht die Ohnmacht an der Grenze der Stimme, die erst ein Mitleidsgefühl in uns erregt, und von diesem dann Hülfe und Beifall bettelt: nein, es war die Sicherheit selbst, die Wahrheit, die Liebe. Nun begriff ich erst, wie Hasse hatte wagen können, zuweilen in seinen Arien durch viele Tacte den Sopran auf ein und zwei Sylben trillern, sich senken und wieder steigen zu lassen. Ich war so entzückt, daß ich mich und Alles vergaß, ich legte in diesem höchsten Augenblick meines Lebens das sonderbare Gelübde mir selber heimlich ab, daß nur dieses Wesen mit dieser Wunderstimme, oder keins, meine Gattin werden sollte. Der Rath und der Laufer des Fürsten hatten mich schon zwei-, dreimal erinnert. Ich ging zum regierenden Herrn in das Schloß hinüber. Es ward mir schwer, meine Lebensgeister zu dem sehr bedeutenden Gespräche zu sammeln. Nach der Audienz mußte ich mich in stürmischer Nacht in den Wagen werfen. Kein Diener, am wenigsten der alte Rath, mein Begleiter, wußten mir von der Sängerin etwas zu sagen. In meinem Vaterlande angekommen, erwarteten meiner dringende Arbeiten, die mich selbst in den Nächten beschäftigten, ich konnte meinen Vater, der auf dem Krankenbette lag, nur wenig sehn. Als ich fertig war und meinem leidenden Vater jetzt meinen Trost und Dienst widmen wollte, konnte ich ihm nur noch die Augen zudrücken. Jetzt wußte ich erst, wie theuer mir der edle Mann gewesen war, doch war es mir jetzt erlaubt, meiner Neigung zu folgen; ich entzog mich den Staatsdiensten. Sobald es meine geordneten Geschäfte zuließen, reisete ich nach jener Residenz zurück, -- aber -- und wie ist dies zu begreifen? Kein Mensch, kein Musiker, Niemand am Hofe wollte von jener Sängerin, oder jenem Abend, den ich beschrieb, etwas wissen, als sei diese einzige, himmlische Stimme eine der gewöhnlichsten Erscheinungen, die man kaum bemerkt und dann vergißt, oder als sei ich in Wahnsinn und Bezauberung, daß ich mir Alles nur eingebildet habe.
Als jede Nachforschung vergeblich war, suchte ich auf Reisen jenes Wunder wieder anzutreffen. Darum versäumte ich kein Concert und keine Oper, suchte jede musikalische Versammlung auf, und immer vergebens. Seit zwei Jahren führe ich dies unruhige traurige Leben, und heut Abend dacht' ich thöricht zu werden, denn in der fremden Dame glaubte ich meine Unbekannte gefunden zu haben, dieselbe Locke im Nacken, derselbe feine Contour des Ohrs; und Mund und Physiognomie schienen mir ganz wie die einer Sängerin.
Die Tochter des Hauses versicherte noch einmal, daß der Graf sich durchaus irre, und daß seine Bemerkungen über Gesang fast eben so einseitig als fein zu nennen wären. Denken Sie denn Ihr sonderbares Gelübde zu halten? fragte hierauf der Baron.
Ich muß wohl, erwiederte der Graf, denn mögen Sie auch lächeln und es unbegreiflich finden, jener wunderbare süße Ton hat mir Liebe, wahre Liebe eingeflößt. Warum soll denn unser Auge der einzige Sinn seyn, der uns dies Gefühl, diesen enthusiastischen Taumel zuführt? Ich träume von dieser Engelsstimme, immer vernehme ich sie, Alles erinnert mich an diesen Ton: o Himmel! wenn er verschwunden, wenn sie gestorben seyn sollte! Ich mag mir die Unermeßlichkeit dieses Elends gar nicht vorstellen.
Die Uebrigen, den Laien abgerechnet, schienen diese Leidenschaft nicht begreifen zu können, oder an sie glauben zu wollen. Da es spät war, trennte man sich, und der Italiener begleitete den Grafen, in dessen Hause er wohnte.
Eccellenza, fing er in einer einsamen Straße an, thut mir die Gefälligkeit, mich übermorgen vor das Thor da in den Tannenwald zu begleiten, da will ich mir umbringen.
Narr! sagte der Graf, was fällt Euch einmal wieder ein? Habe ich nicht versprochen, für Euren Lebensunterhalt zu sorgen?
Alles recht schön, sagte jener, danke auch für die Großmuth; aber ich bin mein Leben völlig satt, so sehne ich mir nach meiner abgeschiedenen Hälfte.
Damit Ihr auch jenseit, fragte der Graf, Euer Katzenkonzert wieder fortsetzen könnt?
Nicht blos deswegen, erwiederte der Alte, bin aber mit Isabellen so gewohnt gewesen, mit Palestrina, Durante, Bach und alle große Leute, den königlichen Kapellmeister David mit eingerechnet, zu leben, daß ich es mit so ordinären Menschen nicht mehr aushalten kann. Wie rathen mich, Eccellenza, daß ich mir umbringen soll, hängen, schießen oder ersaufen?
Ich werde den Narren einsperren lassen, sagte der Graf.
Hat jedes etwas für sich, fuhr der Italiener fort, ohne sich stören zu lassen: Luft, Feuer, Wasser; jedes ein ganz gutes Element. Ein einziges Ding könnte mich mein Leben versüßen, so daß ich wieder in die Lebenslust einbisse.
Nun, und was?
Daß ich den Herrn Hortensio nochmal anträfe.
Und weshalb?
Daß ich ihn so recht abwamsen, durchdreschen könnte, daß er dazumal meiner ^Cara^ die Gesangmethode so verdorben hat.
Phantast! sagte der Graf, indem sie durch die Thür schritten. -- Und was ist Eccellenza? murmelte der Alte, indem die Diener ihnen entgegen kamen.
* * * * *
Der Kapellmeister war in Verzweiflung. Es war ganz so gekommen, wie er gefürchtet hatte. Die erste Sängerin zeigte sich mehr als empfindlich, sie fühlte sich beleidiget, und sogleich war auf einen Wink von ihr eine recht schwere Krankheit da, die ihr es unmöglich machte, einen Ton zu singen, ja nur ihr Zimmer zu verlassen. Der Enthusiast wandelte und rannte hin und her, aber seine Vermittlung machte die Sache eher ärger als besser, denn da er treuherzig wieder erzählte, was jede der Parteien geäußert hatte, so wurde der Kapellmeister immer mehr erbittert, und die Sängerin ging am Ende so weit, daß sie verlangte, statt der beiden Haupt-Arien sollten zwei ganz neue gesetzt werden, und das Duo im letzten Acte müsse in den ersten und zwar gleich in den Anfang verlegt seyn, auch forderte sie noch für sich die große Arie der zweiten Sängerin, ohne welche Bewilligungen an keinen Friedensschluß zu denken sei. Ueber diese ungeheure Forderungen gerieth der Kapellmeister so außer sich, daß er schwur, sie solle nun in seiner Oper gar nicht singen, ob er gleich noch nicht wußte, wie er seiner Verlegenheit abhelfen sollte. Wenn nur meine Cara noch lebte! rief der alte Italiener aus, der an den Berathschlagungen Theil nahm, und jetzt die Verzweiflung des Kapellmeisters sah; ach! wie brillant könnte die Selige zum Theater wieder auferstehn! Die Rolle ist ganz und gar für sie geschrieben.
Könnt Ihr sie nicht vielleicht selbst übernehmen? fragte der Kapellmeister in tragischer Bosheit.
^Signor si!^ rief der Alte, wenn Ihr kein ander Subject findet, ich kann zum Entsetzen einen hohen Sopran durch die Fistel singen.
Es kommt wirklich fast auf eins hinaus, rief der Componist in seiner Verzweiflung, ob man so oder so parodirt wird; wenigstens würde doch kein Liebhaber bei einer unpassenden Gelegenheit klatschen, und kein Eifersüchtiger oder der Bewunderer der zweiten Dame aus Neid pochen und zischen. Unternehmt Ihr, Alter, aber auch liebenswürdig zu erscheinen?
Was der Mensch leisten kann, antwortete jener, der es für Ernst hielt: vor dreißig Jahren war ich zum Malen hübsch, und wenn ich mal auf Carneval in Weibskleidern ging, lief mir alles junge Mannsvolk nach.
Die Prima Donna hätten wir also, sagte der Enthusiast, und wenn die Oper nur Nacht und Verfinsterung des Theaters erforderte, und kein Mensch die Sache erführe, so käme es wohl auf den Versuch an, welche Wirkung der alte Freund machen würde.
Wenn ich nicht vor der Aufführung todt bin, warf der Italiener ein, so wie das andere Subject krank ist, so möchte ich wohl in das Sterben gerathen.
Ich sehe schon, beschloß der Kapellmeister, ich bin vergeblich hergereist, ich habe umsonst alle Anstalten getroffen. So lange es unmöglich bleibt, von Obrigkeits wegen einen solchen Eigensinn zu bestrafen und zu hindern, so lange das Publikum selbst nicht eine solche Frechheit und Verachtung seiner so ahndet, daß kein zweiter dieselbe Vergehung wieder wagt, so lange bleiben wir das Opfer dieser Caprice von unwissenden Menschen, die für ihr mäßiges Talent viel zu sehr belohnt und von den Directionen und allen Zuhörern verzogen werden. Ich werde wieder einpacken.
Der Enthusiast weinte vor Schmerz, der Italiener aber sagte: Ihr habt ganz recht; nicht wahr, das Leben mit all den Mühseligkeiten ist nicht die Rede werth?
Ich bin es wenigstens völlig satt, antwortete der Componist.
Nun, so kommt mit mich, leistet mir Gesellschaft, sagte der Alte sehr freundlich, indem er sich an ihn schmiegte.
Wohin?
Nach jenseit, nach dem weiten großen Raum, wo man Ellenbogen-Freiheit nach Herzenslust hat. Sagt, Mann, wollen wir uns lieber ins Wasser schmeißen, oder frisch den Kopf abschießen, wie dem Vogel von der Stange?
Geht, rief der Musiker, Ihr seid schon am frühen Morgen trunken.
Nein, sagte jener, ich habe einmal einen heiligen Schwur gethan, mir aus dieser Welt hier fortzuschaffen, wenn ich nicht etwa den lieben Signor Hortensio wieder antreffen thäte: das würde natürlich die ganze Sache verändern. Aber wenn mir die Freude nicht arrivirt, sagt nur selbst, was ist denn das für ein lumpiges Leben hier unten? Da sitzt Ihr immer, närrischer Maestro, und klimpert auf das Clavier, und schreibt Eure Eingebungen auf, und ängstigt Euch um Invention, Charakter, Melodie, Styl, Originalität, und wie man Kunstwesen alles nennt: und wer dankt es Euch? Wer merkt es nur ein bissel? Laßt uns doch mal als vernünftige Männer in Tag hinein reden: ist es denn nicht spaßhafter, sich aus dem Staub zu machen? Ja, Ruhm, Nachwelt! Wollen der lieben Nachwelt ein bissel entgegen gehn, und mal hinter den Vorhang gucken, ob es solches Gethier überhaupt nur giebt. Uebermorgen, Freundchen, seid von der Parthie, ich bring' auch Pistol mit: Ihr müßtet denn lieber baumeln wollen; ist aber jetzt windiges und garstiges Wetter.
Laßt die Narrenspossen, sagte der Musikus sehr ernst, es wird noch dahin kommen, alter Thor, daß Ihr nach dem Tollhause wandert.
Und wohnen da nicht auch Leute? sagte der Italiener grinsend; Ihr habt Vernunft noch nicht viel gebraucht, junger Mann, da ist sie noch ein bissel frisch! wer sie aber so wie ich strapazirt hat, da ist sie mürbe und matt; mir kommt's gar nicht so sehr auf Ambition an, daß mich Eures gleichen für vernünftig, oder Weisen aus Griechenland hält. Ich habe wohl andern Umgang gehabt, als Ihr, Ihr armer, gegenwärtiger, kurzsichtiger Mensch! und wenn Nestor, oder Phidias und Praxiteles, mit die ich so oft konversirt habe, mich so etwas gesagt hätten, so hätte ich jeden einen Schlag an die Gegend von das Ohr gegeben.
Er lief wüthend fort, und der Kapellmeister setzte sich melancholisch nieder; auch der geschwätzige Enthusiast mußte ihn verlassen, damit er seinem Kummer recht ungestört nachhängen könne.
* * * * *
Nein, sagte am Abend der Laie zum Baron Fernow, ich habe dazumal einen Schwur gethan, niemals eine Geige wieder anzurühren, und darum verschonen Sie mich. Der Vater und die Tochter wünschten nämlich, er möchte ihnen nur etwas, das kleinste Liedchen vorspielen, um zu sehen, wie er sich in der Jugend mit seinem Instrumente ausgenommen habe.
Man sollte wohl nichts verschwören, sagte der Baron, am wenigsten die Ausübung einer so edeln Kunst.
Der Kapellmeister trat herein, und erzählte eine sonderbare Anmuthung, die ihm vom Grafen geschehen sei. Dieser habe ihn nehmlich besucht und gebeten, am heutigen Abend mit ihm und dem alten Italiener in den Wald vor die Stadt zu gehn, wo sich der Sänger erschießen wolle; der Graf wünsche wenigstens einen rechtlichen Mann zum Zeugen, der es nachher bewähren könne, daß der alte Thor sich selber umgebracht habe. Der Baron war der Meinung, man müsse den alten Verrückten sogleich fest nehmen und einstecken; die Uebrigen fielen bei, nur der Laie äußerte den Zweifel, ob nicht Jedem das Recht zustehen müsse, über sein Leben zu entscheiden, wie es ihm am besten dünkte. Hierüber entspann sich ein Streit, ob es dem Staate, oder den übrigen Menschen erlaubt sei, über irgend wen eine solche beschränkende Aufsicht zu führen, welches der Baron uneingeschränkt behauptete, da ein solcher durchaus, der einen so unklugen Vorsatz fasse, als ein Wahnsinniger zu betrachten sei.
So muß man erst ermitteln, was Wahnsinn ist, warf der Laie ein; denn wir sehn es in der Geschichte, wie die Gesetze und ihre Vollstrecker nach den Umständen und herrschenden Gesinnungen bald dieses bald jenes zum todeswürdigen Verbrechen gestempelt haben, welches andere Zeitalter zu Tugenden erhoben, oder gleichgültig ansahen, ja selbst verlachten. Frei zu denken, von gewissen Meinungen abzuweichen, hat ehemals Manchen auf den Scheiterhaufen geführt; wegen Zauberei, wegen angeschuldigter Künste ist Manchem der Stab gebrochen worden, und jetzt, wo wir in diesen Punkten Freiheit gestatten, und es doch dulden müssen, wie Viele durch Uebermaaß und Ausschweifung sich vorsätzlich und sichtlich zu Grunde richten, begreife ich nicht, wie man es den Elenden und Verstörten mit Recht verwehren kann, das Leben wegzuwerfen, wenn sie diesen Entschluß wirklich ergreifen.
Sie sind paradox, rief der Baron; ich bin nicht Philosoph gnug, um Sie widerlegen zu können, allein aus den Ueberzeugungen der Religion müssen Sie es selber schon wissen, daß Sie eine böse Sache vertheidigen.
Ich habe versprochen, mit auszuwandern, sagte der Kapellmeister, denn ich kann mir nimmermehr vorstellen, daß der alte Thor Ernst machen wird. Uebrigens wäre es wahrlich nicht zu verwundern, wenn ein armer geplagter Kapellmeister diese Gelegenheit benutzte, und ihm Gesellschaft leistete.
Der Graf trat wie verstört und tiefsinnig herein. Man fragte ihn, ob etwas Neues begegnet sei; er äußerte aber, die Erinnerung an jene Stimme, die ihm durch die neuliche Erzählung wieder mit frischer Lebhaftigkeit in das Gedächtniß gekommen sei, sein rastloses Suchen, die Qual dieser Spannung und die Unruhe, die es seinem ganzen Wesen mittheile, mache ihn völlig elend, und er habe beschlossen, wenn sich der Italiener erst erschossen habe, weiter zu reisen.
So halten Sie es denn für Ernst? fragte der Baron erstaunt.
Wenn er nicht wirklich dazu thut, antwortete der Graf, so nehme ich den Narren wieder auf die Reise mit.