Part 21
Das ist eine bedenkliche Frage, erwiederte der Enthusiast; was der Mensch so stürmisch will, davon muß wohl etwas auch wirklich in sein Wesen übergehn; es wäre unbegreiflich, wenn durch das vorsätzliche Nachspielen nicht hie und da ein Gefühl in unsrer Brust wiederklingen sollte. Aber um doch ganz aufrichtig zu seyn, so war mir bei all diesem Bewundrungsbemühen oft unerträglich nüchtern zu Muthe, so recht, was der Haufe langweilig nennt, und wenn ich nicht so stark mit Händen und Füßen gearbeitet hätte, so wäre mir wohl oft ein herzliches Gähnen angekommen. Das Schlimmste aber ist, ich habe doch nichts dabei gewonnen; denn meine boshaften Freunde meinten, ich hätte den Ansatz zu hoch genommen, und sei von der andern Seite vom Pferde wieder hinunter gefallen. Sei ich erst wie ein verstocktes dumpfes Thier gewesen, so erscheine ich jetzt wie ein verwilderter Hasenfuß, mein Enthusiasmus träte als ein verzerrender Krampf auf, man müsse fast glauben, mein Arzt habe mir diese übertriebene Motion nur empfohlen, um sie gegen mein Fettwerden zu gebrauchen. Ach! und die Musiker! Von denen habe ich das Meiste gelitten. Vor acht Monaten war es, als hier im Saal die beiden berühmten Compositeurs ihre Sachen aufführten. Wie der erste geendigt hatte, konnte ich ihm richtig mit fließenden Thränen an seinen Hals fallen, und der Mann klopfte mir selber über mein Entzücken gerührt mit aller Freundschaft auf den Rücken, wir drückten uns recht herzlich zusammen, und er sagte ganz laut, er habe noch keinen so gründlichen Kenner in allen Reichen der musikalischen Welt angetroffen. Nun brannte der andere Mann aber auch sein Kunststück los. Thränen hatte ich nicht mehr, es meldete sich aber ein großartiges Schluchzen, was noch höher lag als die Thräne, -- und ein ganz stummer Druck, ein Vergehen, Aufgelöstseyn, fast sterbend in die Arme des zweiten Hinfallen, ja ein reelles Abstehn mußte diesen großen Meister belohnen. Der grobe Schelm ließ mich aber geradezu auf das Parket hinschlagen, ohne mir seine dankbare Brust unterzustemmen, und sagte, wie ich in der Kunstohnmacht lag, höhnisch zu mir: bleiben Sie in des Himmels Namen liegen, denn wer über die Stümperei jenes Menschen dort weinen kann, verdient gar nicht, einen Ton von mir mit seinen Ohren aufzufassen. So erhob ich mich, um Trost bei meinem großen Freunde zu suchen, dessen allergrößter Kenner ich war. Er sprang aber auch vor meinem Ausruf weg, so daß ich mit der Nase fast an die Wand stieß, unter dem nichtigen Vorwande, daß wer so wenig ächtes Gefühl besitze, daß er das Armselige wie das Edle so übermäßig bewundern könne, für die Kunst ein mißgeschaffenes Ungeheuer sei. Wie ich nun bei meiner Geliebten Hülfe suchen wollte, war sie ebenfalls gegen mich empört, denn ich hatte bei ganz unrechten Stellen geweint und da am lebhaftesten empfunden, wo grade die wenigste Empfindung hingehörte. O Theuerste, Verehrteste, möchte man nicht fast veranlaßt seyn, den Schwur zu thun, daß man bei Arioso und Cavatine, Finale und Ouvertüre, Adagio und Presto nur mit ruhig gekretschten Beinen dasitzen und höchstens zuweilen den Tact schlagen wolle; denn wenn all dies Hämmern und Puffen, dies Abarbeiten unsers irdischen entzückten Herzens, diese weissagende rinnende Thräne, die den Wiederschein der Unsichtbarkeit abspiegelt; wenn alles dies nichts fruchtet, sag' ich noch einmal, und statt paradiesischer Sympathie nur die infernalische Antipathie erregt, so wünschte man ja lieber Balgentreter oder Schmiedegesell, als ächter Enthusiast zu werden. Darum wundert Euch nicht, wenn ich der undankbaren Kunst wieder einmal den Rücken wende.
Als man über diese Geständnisse lachte, sagte der Laie im frohen Muth: in meinem Leben gehören die Leiden der Musik auch zu den empfindlichsten. Nicht der zu starke Enthusiasmus hat mir geschadet, wohl aber sind meine Kinder- und frühen Jugendjahre mir durch Musik verbittert worden. Lächerlichkeiten, an die ich noch jetzt mit einigem Schrecken denken muß.
Sprechen Sie, alter Freund, rief der Kapellmeister, habe ich doch auch schon erst mein Leiden geklagt, was Sie freilich nicht mit angehört haben.
Ich mochte zwölf Jahr alt seyn, fing der Laie an, es ging mir gut, in der Schule rückte ich schnell hinauf, meine Lehrer so wie meine Aeltern waren mit mir zufrieden, als ein böser Geist, dieser Behaglichkeit und Harmonie zürnend, sein Unkraut unter den aufwachsenden Waizen säete. Mein Vater, ein strenger, aber heiterer Mann, ließ mir frei, meine Bestimmung zu wählen, er war ein Freund der Musik, aber ohne alles Talent. An einem Nachmittag fragt er mich, ob ich vielleicht Lust hätte, ein Instrument zu spielen. Mir war der Gedanke noch niemals gekommen; ich solle es mir überlegen, er verlange es nicht, aber wenn ich mich entschließe, müsse ich auch Ernst machen. Darauf kannte ich ihn, ich wußte, daß er sich nicht wundern würde, im Fall ich keine Musik triebe, aber einmal angefangen, durfte ich die Sache niemals wieder fallen lassen. Mir war, weil mein Ohr noch schlief, bis dahin alle Musik höchst gleichgültig und langweilig vorgekommen. Die Opern haßte ich geradezu, weil bei den Arien und Duetten, von denen ich nichts vernahm, die Handlung, die mich einzig interessirte, stehen blieb. Nie war in unserm Hausbedarf von Musik etwas vorgekommen, außer in den Stunden bei dem Tanzmeister, zu dessen vorzüglichsten Scholaren ich gehörte, der es mir aber nie hatte deutlich machen können, daß die Musik seiner Geige mit zum Tanz gehöre. Traf ich daher gleich anfangs den Tact, so tanzte ich meine Menuet, Cosak, oder was es war, trefflich hindurch. Fehlte es mir aber, so half kein Aufkratzen, Anhalten, Beschleunigen, mich wieder in den verlornen Tact zu werfen. Ich hielt es auch geradezu für Aberglauben, daß man herkömmlich zum Tanzen aufspiele. Konnte mich schon hier die Musik ängstigen, so brachte sie mich in der Kirche, die mir schon nicht erfreulich war, fast zur Verzweiflung. Meine Nerven waren schwach, und die losbrausende Orgel mit ihren schmetternden Tremulanten verwirrte mein Gehirn und unerträglich fiel mir der unisone kreischende Gesang der Gemeine. Mit beiden habe ich mich auch noch nicht vertragen lernen: die Orgel, sei sie eine erhabene Erfindung, erschreckt und ängstigt sie mich in der Nähe, und dieser Choralgesang, der sich so demüthig, wie gefesselte reuige Verbrecher, auf dem Boden hinschleppt, nimmt mir, so oft ich ihn auch gut vorgetragen höre, allen Muth, alle Poesie und Musik erlischt bis auf das letzte Fünkchen in meinem Gemüth, und ein nüchterner Lebensüberdruß bemächtigt sich meines Geistes.
Darüber ließe sich viel sagen, meinte der Kapellmeister, doch komme auch wohl eine seltne Eigenthümlichkeit des Laien hinzu.
So fern, begann dieser wieder, war ich aller Musik, und keine Spur eines Talents hatte sich gezeigt, als der böse Geist es mir in den Kopf setzte, in mir sei vielleicht ein großer Violinspieler verborgen. Die Geige wurde angeschafft, ein Lehrer angenommen. Es hatten sich aber nun der seltsamste Scholar und der wunderlichste Meister zusammen gefunden, denn dieser unterrichtete mich eigentlich so, als wenn ich schon seit Jahren ein nicht unwissender Violinspieler gewesen wäre. In der ersten Stunde ließ er mich nur die Geige anstreichen, was mir bei meinen zarten Nerven keine Freude verursachte. Zur folgenden hatte er mir schon ein Buch gemacht, und einige leichte Lieder hinein geschrieben. Dies Stück, sagte er, geht aus ^D dur^; es war: Blühe, liebes Veilchen. Ich bekümmerte mich nicht weiter darum, was die beiden Kreuze oder ^D dur^ zu bedeuten hatten, ob es eine oder mehrere Tonarten gäbe, was die Tactabtheilung, oder die Striche an den Noten bedeuteten, sondern wir spielten nun wohlgemuth das Lied durch, und ich ihm nach, Fingersetzung und Alles aus dem Gedächtniß. So ging es beim zweiten und dritten Liede, welches aus ^C dur^ ging. Ich sah wohl, daß nun die Kreuze fehlten, und er nannte jedesmal die Tonart, wenn ich falsch griff, fand es aber gar nicht nothwendig, weitere Erklärung hierüber, oder über die Dauer der Noten hinzu zu fügen. Es klingt märchenhaft, aber eben so wahr ist es, daß ich in dieser Manier sechs bis sieben Jahr die Geige gestrichen habe, ohne daß der Trieb in mir erwachte, der Sache näher auf den Grund zu kommen, oder daß er es nothwendig geachtet hätte, unsrer practischen Kunst einige Theorie anzuhängen. Uebrigens kann man sich vorstellen, wie es lautete. Da ich Länge und Kürze der Töne, ihre Abweichung in Moll und Alles, was die Musik ausmacht, ohne jedes Verständniß, nur aus dem Gedächtniß spielte, (denn ich kannte nur die Note an sich selbst, so wie sie auf der Linie stand, und nichts weiter) da ich überdieß gar kein Gehör hatte, den Bogen schlecht führte, und in der Fingersetzung häufig irrte, so begreift sich's, was ich für ein Charivari hervor brachte. Mein Meister, der wirklich geschickt im Spiel war, klagte in jeder Stunde über seine Ohren. Ich selbst litt, so oft ich die Violine unters Kinn nahm, wahre Höllenpein. Dies Schnarren, Pfeifen, Mauzen und Girren war mir unerträglich: selbst der beste Geiger hat, wenn man ihn zu nahe hört, einen Nebenton, die stark angestrichene Saite, besonders in der Applicatur, überschreit sich zuweilen, aber bei mir thaten sich fast nur die abscheulichsten Mißtöne hervor. Da meine Nerven so stark afficirt wurden, so zeigte sich mein Widerwille gegen das Geheul und Schnarzen, welches meine Finger so dicht vor meiner Nase erregten, auch deutlich in meinen Gesichtsmuskeln, der Mund und die Wangen begleiteten mit widerlichen Verzerrungen die hohen und tiefen Töne, die Augen klemmten sich zu und rissen sich auf, und ich fühlte deutlich, daß manche neue Falten und Lineamente sich formirten, die ursprünglich nicht für ein gewöhnliches Menschengesicht berechnet waren. Mein tiefsinniger Meister schüttelte oft sein Haupt, und meinte, so wenig Talent als ich habe keiner seiner Scholaren. Mir begegneten aber auch in der That mehr Unglücksfälle, als ich sonst bei ausübenden Künstlern wahrgenommen hatte. Kamen wir so recht in Eifer und lieferten, nachdem ich schon länger studirt hatte, die raschen muthigen Passagen: so rutschte im Allegro mein Bogen über den Steg, und im Entsetzen ließ mein Lehrer die Geige sinken, denn welcher Ton alsdann im heftigen Streichen aufquikt, weiß nur der, dem dieses Abenteuer begegnet ist. Mehr wie einmal fiel der Steg selber um, wie aus Mitgefühl, und ein heftiger Knall endigte mit Macht ein schmachtendes Largho mitten in der Note. Einmal sogar, und ich dachte der Tod ergriffe mich, brach der Knopf ab, der unten das Saitenbrett festhält, und sprang unbarmherzig gegen meine Nase. Für diese Stunde war denn unsre Harmonie zu Ende, und das Instrument mußte erst wieder hergestellt werden. Nach einem Zeitraum war denn auch mein Vater so neugierig zu hören, wie ich mich applicire. Ich trug ihm einige der Lieder vor, die ich am besten inne zu haben glaubte. Er erschrak über das, was er hörte, und erstaunte noch mehr über das, was er sah. Er meinte nämlich, in der Kunst, Gesichter zu schneiden, sei ich unbegreiflich weit vorgeschritten, und meine Musik könne doch von Nutzen seyn, Ratten und Mäuse zu vertreiben; er warnte mich nur zum Beschluß, den Ausdruck meiner musikalischen Physiognomie doch etwas zu beschränken, weil ich außerdem auf dem graden Wege zum Affen sei. Das war mein Lohn dafür, daß ich das damals populäre rührende Lied: Hier schlummern meine Kinder &c. ihm nicht ganz ohne Glück vorgetragen hatte, denn dies war gradezu meine Lieblings-Arie, in der ich firm zu seyn glaubte, die auch in den Mitteltönen mit melancholischer Gesetztheit verweilte, und nicht in den Discant oder gar in die Applicatur hinauf stieg, die ich ein- für allemal verabscheute.
Hatten Sie denn aber gar keinen Ersatz für diese mannigfaltigen Leiden? fragte der Kapellmeister launig.
Wenig, erwiederte der Laie: als mein Lehrer es nöthig fand, wegen des Ausdrucks für mich ein Sordin zu kaufen, den ich mit Freuden aufsteckte, weil es doch einmal einen andern Ton gab, die Dämpfung auch wie ein spanischer Reiter es dem reißenden Bogen unmöglich machte, wieder jenseit dem Steg zu springen. Auch machte es mir innige Freude, als wir erst weiter vorgerückt waren, in den Ouvertüren die Vierundsechszigtel als eine und dieselbe Note dreißigmal abzuspielen, welche meistentheils gegen Ende des Stücks, kurz vor dem Aufzug der Gardine, vorkommen. Diese wiederholte ich gern in der Einsamkeit, weil in diesen Passagen keine große Schwierigkeit ist, mir auch der so oft wiederholte Ton die Empfindung gab, als wenn ich in meinem geliebten Theater säße.
Aber damals, fragte der Kapellmeister, hatten Sie doch wohl einige klare Begriffe von der Musik?
So wenige, antwortete der Laie, wie in der allerersten Stunde; Tact, Vorzeichnung, Tonart, nichts von alle dem begriff ich, sondern spielte Sonaten und Symphonieen so pur aus dem Gedächtniß hin, wie ich es von meinem Lehrer hörte! auch vernahm ich keine Melodie, keinen musikalischen Gedanken; hie und da führten mir wohl ein paar Tacte eine Art von Verständniß herbei, das ich aber nie weiter verfolgen konnte. So fern war ich allem Begreifen, daß ich mir einmal einbildete, weil ^g^, ^h^, ^a^ und ^b^ vorkommen, daß das ganze Alphabet wohl in den Noten enthalten sei, und daß man bei der Composition eines Liedes nichts zu thun habe, als die Noten zu nehmen, die die Buchstaben eines Wortes bezeichneten, und sie dann schneller oder langsamer abzuspielen. Wie ich nun meinen Lehrer fragte, wo denn das ^m^, ^r^ oder ^p^ stecke, wurde ich zwar von diesem sehr verlacht, aber doch nicht besser belehrt, denn er erstaunte nur immer von Neuem über meine ungeheure Einfalt, daß ich das alles nicht wisse, was sich doch von selbst verstehe. Eben da mir alle Musik nur wie ein Charivari vorkam, so ließ ich mir beigehn, auch selbst einmal zu componiren. Der Tact schien mir gleich ein Vorurtheil, eine Tonart brauchte ich noch weniger, und nie werde ich die Freude vergessen, die ich meinem Meister machte, als ich meine wild zusammen gewürfelten Noten ihm als meinen ersten dichtenden Versuch überbrachte. Er wollte sich ausschütten vor Lachen, und konnte nicht müde werden, sich unter Lust und Freude meine Phantasie vorzuspielen. Mir klang sie wie jede andere Musik.
Der braune alte Italiener erfreute sich sehr über diese Erzählung, und selbst der finstere Graf lächelte. Es ist unbegreiflich, sagte der Baron, daß Sie so lange ausgehalten haben. Ich mußte wohl, erwiederte der Erzähler, meines strengen Vaters wegen, da ich das Ungethüm einmal begonnen hatte. Sonst bekümmerte er sich nicht weiter um meine Kunst, weil er einigemal, da ich ihm Sonntags Nachmittags einen Zeitvertreib machen sollte, von meinem Spiel, wie er behauptete, Zahnschmerzen bekommen hatte. Einmal widerfuhr mir als ausübenden Künstler eine ausgezeichnete Demüthigung. Die Besitzerin des Hauses, in welchem wir wohnten, hatte zum Geburtstage ihrer erwachsenen Tochter eine große Anzahl hübscher Mädchen gebeten. Um das Fest unerwartet fröhlich zu machen, hatte die gute Dame mit meiner Mutter die Abrede getroffen, ich sollte heimlich mit meiner Geige hinauf kommen, im Nebenzimmer plötzlich stimmen, und den überraschten schönen Kindern dann einige englische Tänze aufspielen, damit sie einmal im Saale recht wohlgemuth herumspringen könnten. Ich wurde in das Nebenzimmer mit allem Geheimniß geführt: ich sah durch den Vorhang in die allerliebste Versammlung hinein, -- aber nun, -- die Geige _stimmen_! Wie gemein! Ich hatte es auch in meinem Leben nie versucht, weil mein Meister das besorgte, ich hörte auch niemals einen Unterschied, wenn sie nach seiner Meinung im Stande war, und wenn sie nicht jetzt schon richtig stimmte, so konnte ich auf jeden Fall nur Uebel ärger machen. Es schien mir edler sowohl wie vorsichtiger, mit meiner Lieblings-Arie mich anzukündigen, und so ließ ich dann plötzlich das: »Hier schlummern meine Kinder« anmuthig ertönen. Die Freude dieser Nicht-Schlummernden war unbeschreiblich, mit Jubel ward ich in den Saal gezogen, wo ich wie geblendet stand, da ich noch niemals so viele reizende Wesen beisammen gesehen hatte. Das war ein Fragen und ein Bestellen; ich zeigte ihnen die englischen Tänze, die mir mein guter Meister in mein Notenbuch geschrieben hatte, ich spielte einen auf, aber er wollte nicht passen. Sie fragten nach der Anzahl der Touren und dergleichen, was mir alles unverständlich war. Ich sollte ihnen den Tanz und die Musik dazu arrangiren. Ich versuchte noch eine Anglaise und eben so die dritte, nun war meine Kunst zu Ende, und da auch diese nicht paßten und wir uns gar nicht verständigen konnten, so mußte ich, den sie im Triumph eingeholt hatten, mit der größten Beschämung wieder abziehen, und sie endigten ihren Nachmittag in Verdruß, der ihnen ohne die plötzliche unerwartete Freude heiter verflossen wäre. Meiner Mutter, die mich ausfragte, erzählte ich, die Mädchen hätten eigentlich gar nicht tanzen können; und so kam es mir auch vor, da sie sich aus meinem Spiel nicht zu vernehmen wußten. -- Mein Meister wurde endlich zu einer auswärtigen Kapelle verschrieben, und nun glaubte ich, meiner Qual los zu seyn: mein consequenter Vater aber hatte schon wieder einen neuen Lehrmeister bei der Hand, der, als ich ihm meine Künste vorgespielt hatte, die Sache gründlich wieder von vorne anfing. Ich, der ich schon Symphonieen und die schwierigsten Sachen vorgetragen hatte, mußte jetzt jene mir verhaßten Choräle und Kirchenmelodieen einlernen, lauter Noten aus halben oder ganzen Tacten, weil mein neuer Meister behauptete, ich hätte weder Strich noch Fingersetzung. Dieser hatte ein so delikates Ohr, daß er bei meinen Mißtönen fast ärgere Gesichter schnitt, als ich selber, er lachte auch niemals über meine Ungeschicklichkeit und Mangel an Talent, wie der erste, sondern nahm sich die Sache sehr empfindsam zu Herzen, und war manchmal fast dem Weinen nahe. Zum Glück dauerte diese neue Schererei etwa nur ein halbes Jahr, worauf ich zur Universität abging, und seitdem kein Instrument wieder angerührt habe. Diese Bekenntnisse, meine Herren, schildern nur kurz den geringsten Theil meiner musikalischen Leiden, denn wenn ich sie ganz hätte darstellen wollen, würde mir Zeit und Ihnen die Geduld ermangeln.
Jetzt ist die Reihe an Ihnen, sagte der Baron Fernow, indem er sich zum alten Italiener wandte, Sie haben bei diesen Erzählungen eine besondere Freude gezeigt, und es ist wohl billig, daß Sie uns auch einige Ihrer Leiden mittheilen, die Ihnen wohl, als einem alten Virtuosen, nicht gefehlt haben können.
Ach! meine Herren, sagte der Alte mit einem sonderbaren Gesicht, meine Leiden seyn zu tragisch, um Plaisir zu machen, auch kann meine welsche Zunge nicht in die Landstraße von der deutsch Idiom recht fortkommen, muß daher um Nachsicht anfleh, wenn meine Confession etwas mit Confusion verschwägert seyn sollte. Ich war von Jugend auf geübt im Sang, fertig im Clavierspiel und guter Tenor, frisch auf Theatern mit Glück in Napoli gesungen, und brav beklatscht und ^e viva!^ mich zugerufen. Ging nach Rom, gefiel nicht so ausnehmend, denn die Herren ^Romani^ seyn kritischer Natur, bilden sich ein, die feinste Ohreinrichtung in den ganzen Italia zu haben. Ach! aber hier sah ich im Carneval eine junge Demoiselle, die Stunde bei mich nahm, um nachher in Firenza zu singen, auch auf das Theater. Ach! welcher Ton! welche Talente! welche Augen! Nun das war ein ^cara mia^, ^amor^ und ^mio cour^, bis wir, eh' wir uns das Ding versahn, mitsammen davon gelaufen waren, und singen nun in Firenza auf Theater aus Leibesmacht als Mann und Frau. Hatten viel Zärtlichkeit in der Eh, aber auch manchen Verdruß, denn ^cara mia^ war der Jalousie ergeben, und meine Wenigkeit war dazumal ein gar hübscher ^Giovine^ und die Frauenzimmer rührten leicht mein Herz. Doch Alles ging gut, bis wir in eine deutsche Residenz engagirt wurden. Da lebte ein Compositeur, ein Maestro, so recht ein Theoretiko, voll Prätension, aber gescheidt, dabei ein hübsch wohlgewachsen Männel. Der Hortensio gefiel meiner Cara, und sie wollte nun seine Schülerin vorstellen, in edel große Manier singen, mit Seele, wie Hortensio sagte, nicht mehr aus Hals und Kehle, sondern so wie die Deutsche meinen, aus das Gemüth heraus. Gemüth! eine extra deutsche Erfindung, die alle andern Natione gar nicht kennen. Bis dahin hatte die Gute ihren schönen Ton gehabt, grausame Höhe hell wie Glas, spitz, laut, mochte Compositeur componiren wie er wollte, brachte er seinen hohen Ton, flugs hatten wir ihn weg, richtig mußte er in seine Passage und Cadenz hinein, hinaufgeschroben, höher und immer höher, da oben dann umgeschwenkt, und wieder hinab gegurgelt, und ^brava! brava! bravissima!^ aus den Logen heraus geschrieen, mit Fächern und Händchen geklopft, ^mia cara^ sich verneigt, Arme kreuzweis vor der Brust, und keinem Menschen wars eingefallen, daß ^monsieur Compositeur^ da hatte Gedanken, aparte Fühlungen hinein drechseln wollen. Aber Hortensio! Hortensio! ^bestia maladetta!^ denk' ich, der Schlag soll mich rühren, wie ich zum ersten Mal die seelische Manier in mein Ohr hinein hör! Keine Passage, keine Uebergänge, keine Triller, singt daher wie ein Kalb, das geschlacht werden soll, pur ohne Manier und Methode. Ich war der ^primo nomo^, konnte aber nicht lassen, meine ^prima donna^ im Liebesduett rechtschaffen in den runden Arm zu zwicken. Schreit sie auf gefährlich: meinen die Leut, das soll auch große neue Manier seyn, und fangen an zu lachen. Von dem Tage Zwietracht unter uns, kein Beifall vom Publikum mehr. Hortensio war großer Theoretiker und Enthusiast, wollte aber keinen Amanten abgeben, war verheirathet an eine gute Frau, die nach deutscher Manier ganz Seele war. Nun steigt in meiner zarten Isabelle die Bosheit immer höher. Sie will retour in alte brillante Manier, verflucht Seele und Gemüth, aber war nicht anders, als wenn die Töne wie Besessene durch einander schrieen, kochte und zwirbelte oft in der Gurgel, murrte und pfiff, als wenn Satansbrut in dem kleinen Hals mit einander auf Gabel und Besenstiel wie zum Schornstein hinaus auf die liebe Blocksberg fahren und rutschen wollten. So war das Elend komplett, fehlte nur noch, daß sie mir alle Schuld gab, und das that sie denn auch redlich: ich sänge so schlecht, wäre rückwärts gegangen: ^enfin^, wir kriegten beide unsern Abschied mit kleine Pension. Zogen durch alle Provinz, den wohlfeilsten Ort anzutreffen und fanden immer die allertheuersten, gaben Concert, ich Privatstund im Singen. Die ^cara^ Isabella konnte aber Musik nicht aufgeben, und je ärger es wurde, je lieber sie sang, als kein Mensch mehr zuhören wollte, trieben wir das Spektakel ^privatissime^ auf unserer Stube. Ja, da mußte ich ganzer Mann seyn, um mit meine Heroismus das Schlachtgeschrei auszuhalten, und oftmals dachte ich, es müßte gesterben werden. Wir hatten großen mächtigen Kater, der lag immer auf das Clavier: sehn Sie, das Kerl fürchtete sich weder vor Ratz noch Maus, lief vor keine noch so große Hund, und hatte sich mal mit einem allmächtigen Bullenbeißer gekratzt: aber so wie meine Gemalin nur den Deckel aufmachte, um die Harmonie loszulassen, so lief das Katz was es konnte bis auf den allerobersten Boden. Wir tobten so gewaltig, daß uns kein Wirth mehr zum Miethsmann einnehmen wollte. Natürlich mochte nun kein Mensch mehr unser Concert hören, denn die menschliche Ohr seyn meistentheils etwas zart construirt und sehr viel Menschen haben fast natürlichen Widerwillen gegen Detoniren und widerwärtigen Gesang.