Part 20
Alle gingen selig, in Gefühlen und Hoffnungen schwelgend, sprechend und scherzend die grüne Wiese hinunter. Kilian unterhielt sich mit Sokrates. Gnädige Frau, sagte er nachher zu Görges Mutter; der Mann kann Ihrem Sohne auf die Beine helfen; ich habe ihm auf den Zahn gefühlt, ich habe mit ihm disputirt, einen solchen Gelehrten bekommen Sie niemals wieder. Indem man noch sprach, hörte man von oben, die Felswand herunter ein lautes Veto! rufen. Alle sahen hinauf und schwindelten, denn von der steilsten Höhe hing der alte Graf Birken reitend auf einem Ebreschenbaum. Veto! rief er noch einmal; aber nun kommt schnell zu Hülfe, oder ich breche den Hals! Widerrufen Sie erst Ihr Veto! schrie der Pfarrer hinauf. Ich widerrufe, tönte es herab, aber ich werde doch den Hals brechen. Die Bedienten liefen: die Leute aus dem Dorfe holten Stangen, Leitern und Stricke. Plötzlich brach der Baum, und der Graf stürzte herab; er kam aber noch ziemlich glücklich auf dem Boden, zur Freude Aller, an. -- Wie ist er nur auf die steile Wand gekommen? rief der Pfarrer. Ja, Schwiegervater, antwortete der junge Graf Birken, Sie sehen, mein Papa ist noch toller, als ich!
Die Sonne sank und beschloß den seligsten Tag, den Walther, Blanka und Raimund noch erlebt hatten. Franziska schloß sich diesen an, und im gebesserten Herzen fühlte sich Adlerfels als den glücklichsten Menschen.
Musikalische Leiden und Freuden. Novelle.
Zwei Freunde stiegen vor der Stadt vom Wagen, um zu Fuß durch die Gassen zu wandeln und den Fragen am Thor auszuweichen. Es war noch ganz früh am Morgen und ein Herbstnebel verdeckte die Landschaft. Etwas entfernt vom Wege bemerkten sie ein kleines Häuschen, aus welchem schon früh vor Tage eine herrliche Frauenstimme erklang. Sie gingen näher, erstaunt über den unvergleichlichen Diskant, wie über die ungewöhnliche Stunde. Einige Träger brachten Lauten und viele Notenbücher, die kleine Thüre öffnete sich, und neugierig gemacht, fragte der ältere Reisende einen von den Tagelöhnern: hier, mein Freund! wohnt wohl ein Musikus und eine Sängerin? Der Teufel und seine Großmutter wohnt hier! erscholl eine krächzende Stimme von oben aus dem offnen Fenster, und zugleich fiel ein Lauten-Futteral dem Fragenden auf den Kopf. In diesem Augenblick hörte der Gesang auf, und der Frager sah im Fenster ein kleines greises Männchen stehn, welches die zornigsten Geberden machte, und dessen funkelnde schwarze Augen aus tausend Runzeln hervor grimmige Blicke herunter schossen. Der Reisende wußte nicht, ob er lachen oder schelten sollte, doch sprach ihm aus dem greisen Kopfe etwas so Wunderliches an, daß er in Verlegenheit den Hut zog, und sich mit einer höflichen Verbeugung stumm entfernte.
Was war das, Herr Kapellmeister? sagte der jüngere Reisende, als sie das kleine Häuschen schon im Rücken hatten. Ich weiß nicht, erwiederte jener, vielleicht ein wahnsinniger alter Mann, vielleicht gar dort in der Einsamkeit, in der Nähe des Tannenwäldchens, eine Spukgestalt.
Sie scherzen, sagte der Sänger; ich begreife jetzt selber nicht, wie wir so gelassen seyn konnten, dem Alten auf seine Grobheit nichts zu erwiedern.
Lassen wir es gut seyn, sagte der Kapellmeister, indem sie schon die noch ruhige Straße der Residenz hinunter gingen: in dem Ton der Sängerin war etwas so Wunderbares, daß es mich tief ergriffen hat; ich war wie im Traum, und darum konnte mir auch der alte Thor keinen Zorn abgewinnen.
Wieder die alte Schwärmerei und Güte! rief der Sänger lachend aus; denn erstens haben wir so gut wie nichts gehört, und zweitens war in dem Wenigen noch weniger Besonderes zu vernehmen, es war weder Methode noch Schule in dem traurigen Gesange.
Als sie jetzt um die Ecke nach dem Gasthofe zu bogen, hörten sie aus einem obern Stock ein Lied pfeifen; ein rundes, junges Gesicht kuckte mit der Schlafmütze aus dem Fenster, und so wie er die Fußgänger gewahr wurde, schrie er: Haltet, Freunde! einen Augenblick! ich bin gleich unten! Gott im Himmel! das ist eine Erscheinung! Er zog den Kopf so schnell zurück, daß er ihn heftig an das niedere Fenster stieß und die Bekleidung des Hauptes langsam schwebend zu den Füßen des Kapellmeisters nieder sank.
Wunderbar! rief dieser, indem er die Zipfelmütze aufhob; sagen diese sonderbaren Vorbedeutungen uns etwas Gutes oder Schlimmes voraus?
Es ist unser Enthusiast Kellermann, erwiederte der Sänger: hören Sie, er rasselt schon mit dem Hausschlüssel.
In diesem Augenblick stürzte der Bewunderer im Schlafrock heraus und umarmte die beiden Künstler mit theatralischer Herzlichkeit; er wurde es nicht müde, jedem wieder von Neuem an die Brust zu stürzen, ihn zu drücken und dann die Arme verwundernd in die Höhe zu strecken, bis der Sänger endlich sagte: Laßt es nun gut seyn, Hasenfuß! Ihr habt das Ding jetzt hinlänglich getrieben. Ein Glück, daß noch kein Mensch auf der Straße ist, sonst würden Eure Bockssprünge in dem saffrangelben Schlafrock alle Gassenjungen aufregen.
Also Ihr seid nun wirklich da, Ihr goldnen Menschenkinder? rief der Enthusiast aus; was würde es mich kümmern, wenn der vollständige Magistratus an meinem Entzücken Aergerniß oder Theil nehmen wollte? Habe ich doch seit drei Monaten nicht begreifen können, wozu diese Gasse eigentlich gebaut sei, noch weniger, warum sie so viele Fenster zum Auf- und Zuschieben habe, bis nun endlich ihre Bestimmung erfüllt ist; Ihr kommt durch dieselbe hergegangen, und ich kucke da oben mit meiner verlornen Mütze heraus, um Euch im Namen der Nachwelt zu begrüßen. Also nun wird Eure Oper doch gegeben werden, ausbündigster Mann?
Sind denn Sänger und Sängerinnen auch noch alle gesund? fragte der lebhafte Kapellmeister.
So, so, erwiederte jener, wie es die Laune mit sich bringt; genau genommen, existirt das Volk gar nicht, sondern lebt nur wie im Traum; die Zugabe, die an die Kehle mit Arm und Bein gewachsen ist, macht es oft schwer, sie nur zu ertragen, der unnatürliche Geschwulst aber oben, den sie Kopf tituliren, ist wie ein Dampfkolben, um in diesem Recipienten die unbegreiflichsten Verrücktheiten aufzunehmen. In so weit sind sie alle gesund, als es ihnen bis jetzt so gefällt, ist aber die und jene Arie ihnen nicht recht, hat der eine zu viel, die andre zu wenig zu singen, geht die Arie aus As moll, wenn sie Gis seyn sollte, so fallen sie vielleicht binnen drei Tagen wie die Fliegen hin.
Zieht Euch an, sagte der Sänger, und kommt zu uns in den Gasthof hier drüben, so können wir mehr sprechen, auch sollt Ihr uns auf den Besuchen begleiten.
Ohne Antwort sprang Kellermann in sein Haus, und die Reisenden begaben sich in das Hotel, wo sie ihren Wagen schon fanden.
* * * * *
Im Hause des Barons Fernow war am Abend große Gesellschaft versammelt. Der Ruf, daß der beliebte Kapellmeister und sein erster Tenorist endlich angekommen seien, hatte in die Wohnung des Musikfreundes alles getrieben, was sich für die neue Oper interessirte. Man hoffte, einige der vorzüglichsten Partien vorgetragen zu hören, und viele drängten sich hinzu, um wenigstens nachher in andern Gesellschaften darüber sprechen zu können.
In diesem Getümmel, welches der Hausherr, seine Frau und eine Tochter mit Klugheit beherrschten, schwamm der behende Enthusiast wie in einem Strome herum, um Jedem von der Herrlichkeit der neuen Composition begeisterte Worte, über die große Manier, die lieblichen Melodieen und den vortrefflichen Ausdruck in das Ohr zu raunen, obgleich er selbst noch keine Note davon gehört hatte. Sein rundes geröthetes Gesicht schob sich wie eine Kugel von einem zuhörenden Kopf zum andern, und die meisten Gesichter zogen jene nichtssagende Miene, die in Gesellschaften geistreiche Aufmerksamkeit bedeuten muß. Jetzt wurde ein Theil der Versammlung auf einen andern Gegenstand hingerichtet, denn in einfacher, höchstsauberer Kleidung trat ein junges Mädchen herein, von so glänzender Schönheit, daß man ihren unbedeutenden Anzug über den edlen und ausdrucksvollen Kopf, über die vornehme Geberde, den feinen Anstand gänzlich vergaß, und die Nahestehenden sie mit Ehrfurcht begrüßten. Die Tochter des Hauses eilte auf sie zu, indem sie ausrief: o meine theuerste Julie! wie glücklich machen Sie mich, daß Sie meinen Bitten doch noch nachgegeben haben! Aber Ihr Vater? -- Sie wissen ja, erwiederte die Schöne, wie menschenscheu er ist, wie wenig er mit seiner Melancholie und Kränklichkeit in die Gesellschaft paßt; und ich gestehe, ich würde auch nicht gekommen seyn, wenn ich einen so großen Cirkel hätte vermuthen können.
Die Umgebung sprach über die außerordentliche Schönheit dieses Wesens, und man erfuhr, daß sie die Tochter eines armen Musikers sei, die aus einer entfernten Stadt dem Fräulein des Hauses einen Brief einer Freundin überbracht hatte. Immer noch hatte der Kapellmeister mit seinen Sängern keines der Stücke vorgetragen, weil der Wirth noch einen jungen Grafen erwartete, der einer der größten Enthusiasten für Musik seyn sollte. Denken Sie sich, sagte der Baron zum Kapellmeister, den sonderbarsten, unruhigsten aller Menschen, nichts interessirt ihn als Musik, er läuft von einem Concert in's andre, er reis't von einer Stadt zur andern, um Sänger und Compositionen zu hören, er vermeidet allen andern Umgang, er spricht und denkt nur über diese Kunst, und selten ist er doch ruhig genug, ein Musikstück ganz und mit völliger Aufmerksamkeit anzuhören, denn er ist eben so zerstreut als überspannt. Dazu scheint er den eigensinnigsten und eingeschränktesten Geschmack zu haben, so daß ihm selten ein Kunstwerk zusagt, eben so wenig ist er mit dem Vortrag zufrieden, und dennoch bleibt er Enthusiast. Er ist von großer Familie und reich, war eine Zeit lang in diplomatischen Geschäften an einem angesehenen Hofe, hat aber Alles der Musik wegen, die er doch oft nach seinen Reden zu verabscheuen scheint, aufgegeben.
Die nähern Freunde des Barons waren nach dieser Schilderung sehr begierig, einen Mann zu sehen, der wie von bösen und guten Geistern geplagt und verfolgt wurde. Als daher Graf Alten eintrat, sahen ihm alle mit großer Neugier entgegen. Er begrüßte die Gesellschaft hastig und sein dunkles Auge durchlief sie eilig; dann senkte er den Blick und setzte sein Gespräch mit einem alten, hagern und eingeschrumpften Italiener fort, welcher mit ihm gekommen war. Doch plötzlich brach er ab und rief halb vernehmlich: Himmel! was ist das? Er stand unmittelbar hinter Julien. Jetzt sang der Tenorist eine Arie der neuen Oper, und Alles schien begeistert, der Graf war in tiefen Gedanken. Nun, Eccellenza, fragte der Italiener am Schlusse, sein Sie contentirt? Ich habe keinen Ton gehört, antwortete der Graf, indem er den Kopf erhob und die schwarzen Locken aus der denkenden melancholischen Stirne strich.
Er benutzte die Pause, in welcher sich Alles lobend und bewundernd um den Kapellmeister drängte, vorzutreten und sich neben Julien zu setzen. Er wollte sie anreden, aber indem sie höflich das Antlitz zu ihm wandte, fuhr er wie erschreckt zurück. Nein, wahrlich, dergleichen hatte ich nicht erwartet! sagte er für sich. Das junge Mädchen war erstaunt und verlegen. Verzeihen Sie, redete der Graf sie heiterer an, Sie werden mich sonderbar finden; als ich vorher hinter Ihnen stand, mußte ich glauben, eine ehemalige Bekanntschaft zu erneuen, und jetzt bin ich von Ihrer mehr als wunderbaren Schönheit so geblendet worden, daß ich Zeit haben muß, um mich zu fassen. Die wahre ächte Schönheit kann wohl erschrecken, denn etwas Uebermenschliches kündigt sich unsern Sinnen und dem Gemüthe an. Himmel! wie müssen Sie singen!
Ich singe gar nicht, Herr Graf, und habe weder Stimme noch Kenntniß der Musik, erwiederte sie mit angenehmem Ton.
Der Graf sah sie prüfend an, schüttelte dann zweifelnd den Kopf und murrete unverständliche Worte verdrossen vor sich hin. Jetzt wurde ein Duett vorgetragen, und Alles war aufmerksam, nur der Graf betrachtete unverwandt seine Nachbarin. Das Duett war schwierig und die erste Sängerin äußerte ihren Verdruß, der Kapellmeister wurde empfindlich, wies zurecht, half nach, Alles vergebens; man mußte abbrechen, indem die Virtuosin behauptete, die Passage müsse geändert werden, weil sie ihrer Stimme ganz entgegen sei; der Componist meinte, er dürfe Ausdruck und Kraft nicht dem Eigenwillen aufopfern, denn die vortreffliche Künstlerin könne dies und noch schwierigere Sachen leisten, wenn sie sich nur bemühen wolle. Darüber aber wurde der Gesang völlig unterbrochen, und indem der Kapellmeister ein anderes Musikstück anordnen wollte, sagte der Graf zu Julien: ich wette, Sie können diese schwierige Stelle ohne Anstoß vom Blatte singen, wenn Sie nur wollen. Als Julie zu leugnen fortfuhr, sagte jener: Ihre Röthe, Ihr Auge widerspricht! Wie? dieser gewölbte Mund sollte in der Mitte der Lippen diese sanfte, seelenvolle Erhöhung von selbst haben, und nicht von den reinen vollen Tönen, die so oft über diesen Hügel schwebten? Denn nur der Ton, wenn er stark und lieblich die rothe Straße befährt, darüber klingend weht, bildet diese ausdrucksvolle Erhebung; ganz im Gegensatz jener gefurchten Mundwinkel, die jene berühmte Sängerin dort hat, die mit breitgedrückten und in die Länge gequetschten Lippen den armen kreischenden Ton hervor preßt. Sie versündigen sich, meine Schöne, daß Sie Ihr großes Talent verleugnen wollen.
Sie sind zu scharfsichtig, erwiederte Julie; um so trauriger, daß Sie dennoch irren.
Sie sprechen auch ganz wie eine Sängerin, fuhr jener fort, es ist ein lieblicher aber unterdrückter Ton in der Rede, der seine Fittige nicht auszufalten wagt. Wenn Sie doch nur wenigstens einen einzigen Ton anschlagen wollten! das Glück meines Lebens hängt davon ab, daß Sie singen können.
Sie quälen mich, Herr Graf, antwortete die Verlegne empfindlich; ich versichere Sie auf das Theuerste, ich werde nicht singen, weil mir diese herrliche Gabe von der Natur versagt wurde.
Gnaden, sagte der braune kleine Italiener, sollen Alles zu Virtuosen haben: kann aber nicht Alles singen, was hübsch und feinen Mund hat. Conträr! haben oft göttliche Prima Donna vor pur himmlisch Gesang und forzirt Schreien eine Schnautz wie Signor Cerberus, der die Talent hat, dreistimmige Sach solo durchzuführen.
Der frohe leichte Geist der Musiker war gestört, der Kapellmeister verstimmt, und die erste Sängerin mehr als verdrießlich. Der Enthusiast war in der Klemme, weil er es mit keinem verderben und doch keinen stummen gleichgültigen Zuschauer abgeben wollte. Da man sah, daß für diesen Abend nichts Bedeutendes mehr geschehen würde, so entfernten sich nach und nach die Fremden, auch die Musiker gingen, und nur der Kapellmeister blieb, dem sich der Enthusiast, ohne eine nähere Einladung abzuwarten, anschloß; der gedankenvolle Graf und sein Italiener verweilten ebenfalls, um mit der Familie des Barons beim Glase Wein und einem leichten Abendessen sich zu erheitern.
So ist es nun wieder wie fast immer ergangen, fing der Kapellmeister an, als sie um den runden Tisch saßen; man arbeitet sich ab, man studirt, man quält, und endlich freut man sich auch, wenn das Werk vollendet ist und gelungen scheint, und dann muß es diesen elenden, verdorbenen Handwerkern übergeben werden, die nichts gelernt haben, und mit dem Wenigen, was sie wissen, noch wie mit Wunderwerken hinter dem Berge halten wollen. Kann es einen traurigern Beruf, als den eines musikalischen Componisten geben? Denn endlich nun, wenn auch dieser Jammer durch Bitten, Drohen, Scherzen, Vergötterung, Lüge und Falschheit, durch kleine Aenderungen, Zusätze und Wegnahme überwunden ist, wird das gemarterte Werk der Laune des Publikums, und dem blinden Zufall, seinem allmächtigen Beherrscher übergeben. Nun muß es aber weder zu heiß, noch zu kalt, das Haus muß weder zu voll noch zu leer seyn, keine große politische Neuigkeit darf sich eben haben hören, ja keine Seiltänzer und Springer anmelden lassen, um das so nothwendige Klatschen und mit diesem armen Beifall einigen Enthusiasmus zu erregen. Und doch kann man es nicht lassen, sich wieder in der Vorstellung zu erhitzen, um eine neue undankbare Arbeit zu beginnen.
Wo ist die Dame geblieben? fuhr der Graf plötzlich auf.
Neben der Sie lange saßen? fragte die Tochter. Diese ist längst fort und von einer Magd abgeholt worden, denn sie wohnt entlegen, in einer fernen, unbekannten Gasse.
Die sollte ihre treffliche Arbeit singen, sagte der Graf, da würden wir etwas anders hören.
Sie irren, berichtigte die Tochter, ich weiß, daß das junge Frauenzimmer durchaus nicht musikalisch ist. Sie ist aber sonst in weiblichen Arbeiten sehr geschickt, auch hat ihr Vater, ein alter, verarmter Musikus, sie etwas zeichnen lernen lassen.
O du alter Sünder! rief der junge Graf im höchsten Verdruß: und keinen Gesang diesen Lippen, keinen Ton diesem schwellenden Munde! Ist es nicht, als wenn man der Rose den Duft rauben wollte, den die Natur ihr gleich im Erblühen mitgegeben hat?
Die Tochter war etwas empfindlich, denn sie glaubte auch eine Sängerin zu seyn, da aber der Kapellmeister in seiner Klage fortfuhr, so blieb ihre gespitzte Antwort unbeantwortet. Abgesehn aber, fuhr der Kapellmeister fort, von diesen armseligen Zufälligkeiten, so verkündigen sich auch erst am Kunstwerke selbst bei der öffentlichen Darstellung Mängel, welche sich der Componist vorher auf seinem Zimmer nicht hat träumen lassen. Denn mögen wir ein Werk noch so oft durchsingen, genau kennen, von allen Seiten prüfen, das Urtheil aller Freunde und Kenner vernehmen, so bleibt Manches, und oft das Beste, zurück und das Schlimmste zeigt sich bei der Aufführung erst. Und überhaupt -- die Bestimmung des Künstlers! Ist sie nicht eine traurige? Ich setze mich zu keinem neuen Werke nieder, ohne innig überzeugt zu seyn, daß ich nun etwas ganz und durchaus Treffliches, Vollendetes erschaffen werde, das meine großen Vorgänger erreicht, und sie selbst hie und da übertreffen möchte. Diese himmlische Ruhe und Sicherheit verschwindet aber bald während der Arbeit; mein Entzücken an meiner Hervorbringung wechselt mit den bittersten Zweifeln. Dann fühl' ich oft recht innig, daß ganz, ganz nahe an dem, was ich schreibe, das Wahre und Himmlische liegt, daß meine Noten anklopfen und den Wandnachbar, den unbekannten, begrüßen: mir ist, ich dürfte nur den Kopf so oder so wenden, so müßte mir der Genius sichtbarlich entgegen treten, -- und immer, immer wieder erscheint er nicht! Mein Geist quält sich, um außen, weit ab, die Bahn anzutreffen -- und so im Jammer, im Resigniren, arbeite ich weiter. Es gemuthet mir wie der Affe mit seiner traurigen Unruhe und dem fatalen Gesichterschneiden: vielleicht hat er jeden Moment dunkler oder deutlicher eine Ahndung von der Vernunft, will sie nun, die nah Erreichbare, und nun wieder haschen und sich dann besinnen, und findet sich immer wieder in seinem widerwärtigen Zustand eingeriegelt.
Jetzt trat noch ein Mann reifen Alters zur Gesellschaft, ein Gelehrter und Hausfreund des Barons, der sich fast täglich einfand, aber gern die größeren Versammlungen vermied. Sie haben wieder, redete ihn der Wirth an, unser Concert, wie Sie es gewöhnlich machen, nicht mit anhören wollen. Ich bin zu sehr Laie, erwiederte der Freund, und darum mag ich mich nicht unter die Kenner drängen; soll der Unmusikalische den Gebildeten durch seine trockne Gegenwart ihren Genuß verkümmern?
Wir kennen diesen Schalk schon, rief ihm der Kapellmeister zu, indem er den alten Bekannten begrüßte. Sie haben recht gethan, denn unsre Sängerinnen haben wieder den alten Spuk getrieben, schlecht gesungen, sich zu vornehm gedünkt, die Musik kritisirt, und endlich damit beschlossen, alle Musik in Verstimmung und Eigensinn zu beerdigen.
Sie sind also wirklich unmusikalisch? fragte der Enthusiast; und Sie machen auch kein Hehl daraus?
Warum sollte ich es? antwortete der Laie; kein Mensch kann alle Talente in sich vereinigen, oder alle seine schlummernden Anlagen erwecken und ausbilden.
Viel Charakter, es so dreist zu bekennen, erwiederte der junge Mann, der durch vieles Schwatzen während der Musik und dem hastigen Genuß des starken Weines in eine Laune erhitzt gerathen war, deren Sonderbarkeit er selber nicht zu bemerken schien: sehn Sie, fuhr er fort, daraus ist schon viel Unheil für mich entstanden, daß ich mich zu solchem Muthe nicht habe entschließen können. Ich war anfangs (und wie es schien, von Natur so geschaffen) gar kein Musikfreund, ich hatte kein Ohr, ich konnte keine Melodie behalten; darum vermied ich auch Concerte und Opern, und in Gesellschaften, wenn Lieder gesungen, wenn Cantaten aufgeführt wurden, sprach ich entweder, oder suchte eines Buches habhaft zu werden. Denn gewiß, nichts verschließt unser Ohr so sicher vor all den herein und durch einander fahrenden Tönen, als ein tüchtiges und vorhaltendes Gespräch über Stadtneuigkeiten oder einige interessante Verleumdungen. Sehe man nur den Stock! ertönte es nun von allen Seiten: hat die dicke Figur wohl eine menschliche Seele in seinen weitläufigen Fleischanlagen sitzen? Von der Musik, der göttlichsten aller Künste, nichts zu verstehn! Ist wohl ein Block, ein Stein, der nicht gewissermaßen von der himmlischen Harmonie gerührt werden müßte? -- Nun gefiel mir dazumal auf mehr als gewöhnliche Weise ein gewisses Frauenzimmer: diese pflegte, so wie gesungen wurde, vor übermäßiger Empfindung herzlich zu weinen. Dieser nun war ich mit meinem kalten Herzen gradezu ein Abscheu. Wie? sagte sie, lieben wollen Sie, der Sie nicht einmal eine Ahndung jener Wonne haben, die aus dem Himmel stammt, und mit der Liebe so nah verwandt ist? -- Da, Freunde! faßte ich nun den großen Entschluß, umzusatteln, und von der Musik gehörig begeistert zu werden. Alle meine Freunde und Bekannten erstaunten, als ihnen meine neugeprägte blanke Entzückung in die Augen strahlte. Da war nun auch gar kein Halten mehr, ich übertraf Alles in der Begeisterung, was ich nur je in den Gesellschaften hatte beobachten können; Alles zappelte an mir vor Freude, so wie nur das Clavier angeschlagen wurde, die Beine trommelten, die Arme schlenkerten, die Augen wackelten, ja ich nahm die Zunge zu Hülfe, und leckte mir zuweilen die vor Erstaunen weitgeöffneten Lippen. Dann mußten die Hände klatschen, die Augen, wenn es irgend möglich zu machen war, weinen, die ausgestreckten Arme Bekannt und Unbekannt an dies stürmische Herz schließen, das mit mächtigen Schlägen im wildesten Enthusiasmus klopfte. Ja, wenn ich nachher in mein einsames Zimmer trat, war ich so müde und matt, so mürbe und zerschlagen, daß ich zuweilen Kunst und Künstler, Liebe und Harmonie, so wie alle die bezaubernden Gefühle zum Satan wünschte.
Aber empfanden Sie nun wirklich recht viel? fragte der Laie lachend.