Part 18
Mir fiel es oft ein, sagte Wolfsberg kleinlaut, daß hier keine Schätze liegen möchten, daß Friedrich vielleicht nicht gesunde Einsichten habe; aber weil ich doch einmal die tolle Arbeit angefangen hatte, weil er mich so zu lieben, auch ganz zu kennen schien, mehr als Alle, so -- --
Ja, winselte Friedrich, ich mußte dem Narren gleich gut seyn, so wie ich ihn ankommen sah; denn betrachten Sie ihn nur, wie er dem berühmten Herzog Marlbrough ähnlich sieht, der vor einem halben Jahre bei uns saß, und mit dem ich damals auch die große Freundschaft errichtete. Aber da er nun doch ein recht verrätherischer Narr ist, will ich Ihnen auch sagen, wer er eigentlich ist; denn Sie kennen ihn Alle nicht.
Nun? sagte der Director.
Er ist, fuhr Friedrich trotzig fort, der durch die ganze Welt berüchtigte Cartouche, das können Sie mir auf mein Wort glauben.
Scheert Euch beide auf Eure Stuben, rief der Director, und nehmt da auf vier Wochen mit Wasser und Brod vorlieb, das ist Eure gelindeste Strafe! Die Maurer werden hier wohl eben so lange zu thun finden, ehe das Haus wieder fest steht und Alles in Ordnung ist.
Sie gingen Alle hinauf, und die beiden armen Sünder mußten sich seufzend in ihre Strafe fügen, die noch härter hätte ausfallen können.
* * * * *
Vor der Stadt lustwandelten die beiden Freunde Walther und Anselm. Sie billigen es also, sprach der Letztere, daß ich dem alten Grafen Birken Alles, was seinen wilden Sohn betrifft, geschrieben habe, und daß er nun, wenn es ihm wichtig genug dünkt, selber kommen und ihn aufsuchen mag; denn ich kann meine Zeit nicht länger mit diesen Nachforschungen verlieren. Sie wissen, daß mit jedem Posttag die vortheilhafteste Anstellung ankommen kann, die ich nicht zurück weisen darf.
Ich bin in allen Dingen Ihrer Meinung, erwiederte Walther, nur darin nicht, daß Sie nicht zum Hause des Predigers Kilian zurück kehren wollen, wo, wie ich immer noch glaube, wir Alle antreffen würden. Was nützt mir nun die Vollmacht, die ich bei mir trage, wenn wir den guten Pankraz niemals wieder zu Gesichte bekommen?
Ein Auflauf störte die Unterredung, denn ein Rudel von Jugend war hinter der seltsamsten Erscheinung her, die ihnen zu entlaufen suchte. Eine lange Gestalt im rothen Tressenrocke, kleinem goldbesetzten Hut und großem Haarbeutel, einem feinen Degen mit Porzellan-Griff an der Seite, in aufgewickelten seidenen Strümpfen und Corduan-Schuhen mit rothen Absätzen, stolperte ihnen unbehülflich entgegen, und bat mit kläglicher Stimme um Hülfe gegen die ausgelassene Jugend. Sie halfen dem alten Manne in ihren Gasthof, vor dem sie eben standen, und als sie im Zimmer dem Geschrei und Lärmen des nachfolgenden Haufens entgangen waren, erkannten die Freunde zu ihrem Erstaunen an dem hochauffrisirten und gepuderten Kopf das Gesicht des verdächtigen Pankraz. Wie bin ich Ihnen verbunden, meine werthen Herren, sagte er, den Rath von der Seite betrachtend, daß Sie mich gerettet haben!
Der Arzt, welcher fürchten mochte, daß bei der Milde seines Freundes vielleicht die Sache nicht die rechte Wendung nehmen könnte, bemächtigte sich gleich des Gespräches, indem er mit barschem Tone sagte: wir kennen Euch recht gut, alter Narr Pankraz; wie seid Ihr in diesen Habit gekommen, und was hat die Posse zu bedeuten?
Ach, mein Herr, sagte der Diener, wir sind schon einige Zeit von unserm Prediger entfernt --
Das wissen wir, unterbrach ihn der Arzt, und auch den saubern Grund, weil der gute Pankraz uns nicht gern dort treffen wollte. Doch das wird sich Alles finden!
Nun kann ich meinen Herrn, fuhr der Diener fort, nachdem er den Arzt ein Weilchen mißtrauisch angesehn hatte, so ziemlich regieren; er folgt mir in wichtigen Sachen immer, wenn er auch murrt, und hat mehr Respect und Furcht vor mir, als vor dem Herrn Prediger selbst; aber an einem einzigen Tage im Jahr ist er durchaus nicht zu bezwingen; an seinem Geburtstage nämlich; da muß ich ihm in allen Dingen seinen Willen thun, wenn ich ihn nicht wüthig machen soll. Heut ist der Unglückstag, und da faßte er schon vorige Woche den Gedanken, ich müßte heut als Herr angeputzt seyn, und er wollte meinen Bedienten vorstellen. Ich bat und flehte; aber umsonst. Ich wollte wenigstens den Spaß auf dem Lande treiben; half nichts. Er staffirt mich also aus, und lehnt das Zeug dazu von Juden und Christen zusammen; er selber tritt in einer engen hechtblauen Livree hinter mir her, und da sich die Jungen versammeln, fängt der böse Mensch zuerst an, mich auszulachen, und schreit hinter mir drein, ich sei der ewige Jude. So bin ich durch die halbe Stadt verfolgt worden, und hoffe nun durch Sie den Habit los zu werden, und sicher nach unserm Wirthshause zu kommen.
Das wird alles nicht nöthig seyn, sagte der Arzt kaltblütig, der gute Pankraz wird wohl anderswo ein Unterkommen finden. Seht, der Herr Rath Walther hat sich zu Eurem Besten vom Gerichtspräsidenten hier in der Stadt, der sein naher Verwandter ist, diese Vollmacht geben lassen, Euch zu greifen, wo Ihr Euch betreffen ließet, und den Gerichten zu überliefern; wo Euch dann das Zuchthaus wenigstens gewiß ist, wenn Euch nicht, wie ich glaube, Kette und Karren auf dem Vestungsbau erwartet.
Mein Himmel, sagte der Alte zitternd, indem er einen schnellen Blick in das große Blatt warf, wodurch denn -- dieser Verdacht -- ach! Herr Rath -- ich weiß nicht --
Freilich, fuhr der Arzt kalt und bestimmt fort, könnt Ihr Eurem Schicksal selbst eine bessere Wendung geben, wenn Ihr in unsrer und einiger Zeugen Gegenwart ganz aufrichtig seid.
Ich weiß ja nicht, winselte Pankraz, was ich gestehen soll.
Die Sache ist übrigens schon klar, sagte der Arzt, und kann auch ohne Euch ausgemittelt werden; nur bewegt uns das Mitleid mit Eurem Alter dazu, Euch das harte Schicksal zu ersparen, das Euch nothwendig treffen muß. Vertraut Ihr Euch uns gutwillig an, so haben wir den alten Baron Eberhard so in der Hand, daß er künftig für Euch sorgen muß, und noch besser, als er bisher gethan hat. Wir wollen als Eure Freunde für Euch handeln, wenn Ihr aufrichtig seid, und Euch als Feinde verfolgen, wenn Ihr läugnet.
Lieber Himmel, stotterte der Alte, wenn ich doch nur gleich recht viel wüßte, um Ihnen durch meine Bereitwilligkeit meinen Diensteifer und meine Liebe zu beweisen.
Wir verlangen nur Weniges von Euch, sprach Anselm.
Ach! das ist ja recht Schade, seufzte Pankraz; wollte der Himmel, ich hätte Ihnen recht Vieles zu erzählen!
Daß Ihr sonst den jungen Raimund bedientet, fuhr der Arzt fort, daß Ihr einen Spion bei ihm abgabt, daß Ihr es nicht ehrlich mit ihm meintet, sondern Alles dem alten Herrn Baron zutrugt, wissen wir schon längst. Es ist uns auch bekannt, daß sich der alte Herr Baron über die Schwächlichkeit seines Neffen freute, weil er ihn zu beerben hoffte; daß ihm deßhalb die Verbindung mit Fräulein Blanka sehr zuwider war, die er auch nur unter den einfältigsten Vorwänden zu hindern suchte; daß er darum ihre tödtliche Krankheit so gern sah, und Euch alten Spitzbuben mit der Nachricht ihres Todes zu dem zerstörten jungen Manne schickte, als ob Ihr Euch einen rührenden und dummen Spaß mit ihm machtet. Als dieser Todesschlag die Sinne des Unglücklichen verwirrte, jagte der alte Unmensch Euch zum Scheine aus dem Dienst, wie es schon vorher unter Euch abgekartet war, und hat Euch seitdem eine gute Versorgung gegeben, und für die Zukunft eine noch bessere versprochen. Nicht wahr, so hat sich Alles begeben? Jetzt sagt nur noch, wo habt Ihr den armen Jüngling hingeschafft? Gesteht es lieber uns, als dort vor Gericht, wo keine Gnade mehr für Euch zu hoffen ist; auch thut Ihr so Eurem alten Beschützer den besten Dienst, der nur auf diesem Wege einem schimpflichen Prozesse entgeht.
Ach! meine Herren, heulte Pankraz, meinen Sie es denn auch ehrlich mit mir? Wenn ich mich doch nur Ihrem edlen Herzen so recht gutmüthig vertrauen könnte! Wenn Sie es doch einzurichten wüßten, daß ich nichts mehr mit dem Herrn Theophil zu thun hätte, sondern das, was ich von dem Baron fordern kann, in ungestörter Ruhe genösse.
Das soll geschehen, sagte der Arzt. Nur schnell! wo ist Raimund?
Sehn Sie, fuhr der Diener fort, wie soll ein armer bedrängter Domestik ehrlich bleiben, wenn es die vornehmen Herrschaften bei allem ihrem Ueberflusse nicht einmal sind? Der alte Herr glaubte immer, er würde das Vermögen besser brauchen können, als sein junger Neffe, der niemals so ganz seinen Verstand hatte; darum dachte er auch, das feine Wesen sollte mit Tode abgehn, weil die Leute immer sagen, solche Kinder und junge Leute wären zu gut für diese Welt. Wie er nun doch schon confus war, so meinte der Baron, der Tod des Fräulein Blanka, die auch besser für den Himmel paßte, würde den jungen Herrn auch dahin verhelfen; darum sollte ich ihn erschrecken, daß er nur recht schnell und ohne lange Leiden hinüber führe; und das alles wußte mir der Herr Baron ganz christlich vorzuschwatzen. Aber der junge Mensch hatte doch noch mehr Courage und Kraft, als wir ihm zugetraut hatten; er wurde freilich ein bissel lamentabel, und sein Verstand verfiel noch mehr, aber er blieb frisch weg am Leben. Da gab ihm der alte Herr einen andern Namen, schrieb Certificate, eine ganze lange Geschichte, die ich mir auch merken mußte; und das arme kranke Lamm ließ sich auch Alles gefallen; ob er so hieß, oder so, war ihm ganz gleich. Er wurde mir heimlich übergeben und ich brachte ihn ganz in der Stille auf das Haus da drüben über den Fluß, wo sie ihn gut verpflegen, und er sich, seit Fräulein Blanka für ihn todt ist, um nichts mehr kümmert. Ich bezahle vierteljährig seine Pension, die ich von einem Banquier erhebe, und so ist Alles in Ordnung.
Was ist das für ein Haus? fragte Walther.
Das berühmte Narrenhaus da drüben, antwortete Pankraz.
Entsetzlich! rief der Rath; Du wirst uns nun Deine Papiere ausliefern, Dein Geständniß noch ein Mal wiederholen, und es unterschreiben, und so lange, bis Alles entschieden ist, im leichten Arrest bleiben. Doch noch eins: wer ist denn dieser Theophil?
Der, sagte Pankraz, ist ein natürlicher Sohn unsers alten frommen Barons. Er schämt sich seiner, weil er ein Narr ist, und hat ihn bisher bald da, bald dort untergebracht.
Man hörte den Theophil draußen lärmen. Er trat als Bedienter gekleidet in das Zimmer. Ich will meinen Pankraz haben, rief er aus.
Ach, jammerte der Diener, ich bin zum armen Sünder geworden, und gegenwärtig im Arrest.
O das ist herrlich! jubelte Theophil; schöner konnte ich meinen Geburtstag gar nicht feiern, als dadurch, daß sie den alten Kater zum armen Sünder gemacht haben! Das muß ich gleich draußen dem Herrn Kilian und Görge erzählen. Das wird ein Jubel im ganzen Lande seyn. Pankraz im Arrest! der weise Salomon, der schnurrende altfränkische Solon mit seiner Cato-Physiognomie und dem herrlichen Haarbeutel im Nacken ein armer Sünder! -- Er stürmte fort und hörte nicht auf die Einreden der beiden Freunde, oder die kläglichen Bitten seines alten Dieners.
* * * * *
Kaum war der Stubenarrest und die sehr dürftige Kost dem armen Wolfsberg noch nöthig, um ganz sein Inneres zu erkennen, und alle seine Thorheiten und die Verderbniß seines Lebens einzusehn. In demüthiger Unterwerfung ergab er sich seinem Schicksal, und war kaum erfreut, als man ihm ankündigte, daß seine wohlverdiente Strafe ihm früher erlassen sei. Jetzt durfte er wieder den Saal betreten, und der Director, den er bis dahin so wenig wie Friedrich, seinen Verführer, gesehn hatte, ließ ihn sogar dahin einladen.
Wolfsberg fand alle Thoren dort versammelt, und den Director mit dem Hut auf dem Kopfe sitzend. Dieser hielt ein Papier in den Händen, und seine Miene schien sehr verändert; doch konnte man nicht sagen, daß er heiterer, als gewöhnlich, aussah. Meine Freunde, fing er im Rednerton, aber mit einer weichen Stimme an, wir haben lange mit einander gelebt, viel mit einander ertragen; aber heut ist der Tag, an welchem wir von einander scheiden sollen. Man hat endlich meinen vielfältigen Gesuchen, mich in Ruhestand zu versetzen, nachgegeben, und der Mann, der nun als Vorsteher meine Anstalt übernehmen wird, soll noch heut Mittag eintreffen. Möge sein Verstand erleuchteter, als der meinige, und sein Sinn nicht unfreundlicher seyn!
Die Thür ging auf, und Görge trat mit großer Dreistigkeit herein. Was giebt's, Bursche? fuhr der Director auf ihn los.
Ich kann's nicht mehr zu Hause aushalten, sagte Görge ganz unbefangen. Sehn Sie, Herr Director, seit ich neulich 'mal hier war, bin ich wie ein verwandelter Mensch; mein Verstand ist aufgeklärter, und ich kann nun meinen lieben Aeltern nicht mehr so in Allem folgen, wie ehedem. Wenn ich das nicht recht mache, und jenes versehe, 'mal so spreche oder morgen anders denke, wie es zu Hause bei mir Mode ist; so wird die Mama immer sehr böse, und droht mir, mich in das Narrenhaus hier einsperren zu lassen. Gestern nun habe ich unserm Herrn Kilian wohl zwanzig Fledermäuse in die Stube geworfen: da hat er mich verklagt, und sie hat mir wieder gedroht, mich hieher zu schicken; da bin ich nun heute früh lieber gleich von selbst herüber gelaufen, und bitte, daß Sie mich eine Weile hier behalten; so könnte ich auch bei dem rothnasigen Herrn dort noch etwas lernen und mich ausbilden.
Sokrates machte sich sogleich herbei, und faßte die Hand des lehrbegierigen Jünglings. Der Director lächelte und sagte mit sonderbarer Miene: wenn Strafe selber zum Lohn wird, so ist der Mensch gewiß am glücklichsten. -- Ich bin in meiner Abschiedsrede von Euch, meine Freunde, unterbrochen worden, fuhr er hierauf in verändertem Tone fort. Ich habe dies Haus nun sechszehn Jahre bewacht; viele Gäste empfangen, viele gebessert entlassen. Ihr seid die letzten; und da ich Eure Besserung durch Pflege und Aufsicht nicht lange genug habe abwarten können, so will ich sie hiermit durch ein Machtwort veranstalten, und erkläre Euch nun hiermit für frei, hergestellt und gesund. Wie? Diese Gewalt wenigstens sollte mir nicht einmal geblieben seyn? Thut der Staat, der Fürst, die Universität denn etwas anders, wenn sie Doctorhüte, Titel und Würden austheilen? Da sehn wir ja täglich, wie Menschen plötzlich Verdienste und Tugenden haben und glänzen lassen, die kurz vorher nur wenig taugten, oder kaum über Vier hinaus zählen konnten. Alle Thore, meine theuern, so lange gehegten und gepflegten Freunde, sind offen; die Thürhüter haben den Befehl, Niemanden am Ausgehen zu verhindern. Diese letzte Wohlthat ist es, wozu ich noch heute meine Macht gebrauchen will. Ich kann meinem Amte nicht länger vorstehn; denn, wie mancher der Märtyrer oder Wunderthäter jener frühern Jahrhunderte die Sünden ihrer Mitbrüder, so habe ich mit Liebe und Mitleid alle Eure Gebrechen in meine Seele aufgenommen: und Viele sind dadurch geheilt, die Bösartigkeit Andrer ist dadurch gemildert worden. Aber Ihr könnt wohl selbst ermessen, dankbare Freunde, daß das keine Kleinigkeit für einen sterblichen Mann ist, in seinem engen Busen so hundert Narrheiten zu tragen und zu hegen, an deren _einer_ schon jeder von Euch genug zu schleppen hat. Freilich war ich auch dadurch nur Monarch und Herrscher, in welchem sich alle Kräfte und Vorzüge centralisiren. Nicht wahr, ihr guten, lieben Unterthanen und Einfaltspinsel? Geht nun zurück in die Welt, und gewöhnt Euch doch endlich als gesetzte Männer die kindische Aufrichtigkeit ab, mit der Ihr Euch vor jedem Narren Eure Narrheit habt merken lassen. Schaut um Euch! Von Allen, die hier vorbei fahren und gehen, die auf dem Flusse schiffen, die in der Stadt dort wandeln und auf ihren Zimmern sitzen, gehören, wenn man die Strenge brauchen wollte, wenigstens zwei Drittheil hieher. Warum wollt Ihr nun so weichherzig seyn, jedem Eure Brust zu öffnen, und in die curiose Structur Eures Innern hinein schauen zu lassen? Ist es denn so etwas Schweres, die gewöhnlichen Redensarten der Vernünftigen zu gebrauchen, ihre Geschäfte zu treiben, trivialen Spaß zu machen, und ihnen ihre ganze Ehrwürdigkeit abzusehn und nachzuspielen? Kinder, glaubt mir doch, es gehört weit mehr Genie dazu, ein Narr zu seyn! Daher mag es auch Mangel an Muth seyn, wodurch sich die Meisten abhalten lassen, zu uns überzugehn. Denn ein trivialer Narr ist wirklich etwas recht Triviales. Wann nun der neue Herr Director ankommt, seht, Kinder, so wird er hier das leere Nest finden. Das glaube ich, wenn der sich so recht in die Fülle, wie in eine vollständige Haushaltung hinein setzen könnte, das wäre ein Jubel für ihn; Alles eingemacht, vollgesackt, geschlachtet und gepökelt für Herbst und Winter; die ganze Ernte, die ich so mühselig seit manchem Jahre habe sammeln müssen! Nein, er mag auch säen und pflanzen, die junge Zucht auffüttern, die alten Gänse nudeln und stopfen. Zehre er von seiner eignen Arbeit! -- Lebt nun wohl und reicht mir Eure Hand, ehrwürdiger Sokrates! Geht und nehmt den jungen Alcibiades, den lieben Görge, mit Euch; bildet ihn, daß er Galimathias sprechen lerne, aber mit Maaßen, damit er nicht verkannt werde, wenn er das, was auf einen Monat ausreichen sollte, in einem Tage an den Mann bringt. Fahrt wohl, Ihr beiden Redner; übt Euch dort vor dem Volke, und rührt und erbaut die Welt durch Liebe und erhabene Gesinnung! Indianer, großgesinnte Menschen mit edeln Inspirations-Gaben versehn, errichtet dort eine Akademie, um die trockne Welt geheimnißvoller zu machen und sie mit tiefer Mystik zu nähren! Begleitet diese Edeln, Ihr Lesender; und wenn Ihr unserm Jahrhundert Alles rücklings lesen und stellen könnt, so werdet Ihr Euch vielen Dank verdienen: ja der bloße Versuch wird Euch schon glänzend belohnt werden. Ihr Baukünstler, bezieht wieder Euer Haus, das Ihr als aufgeblühte Schönheit verließet, und das nun zu einem alten Mütterchen zusammen geschrumpft ist! Pygmäenfeind, geht und vertreibt die bösen Geister! Ihr, Graf Birken, macht Euch davon, und laßt nun Weiber und Mädchen in Ruhe! Herr von Linden, oder Methusalem, wie sie Euch hier nennen, verschwindet in Eil: denn Ihr macht hier nur theure Zeit, da Ihr sie so entsetzlich consumirt. Wie? wenn ich Euch nun die Zehrungskosten nebst Zinsen für die hundert tausend Jahre abfordern wollte, die Ihr hier, Eurem eignen Geständnisse nach, zugebracht habt? Meilen weit hier herum kann das Kind im Mutterleibe keine Zeit zum Wachsen finden, da Ihr Alles in Euch schlingt. -- Friedrich, lebt wohl, und grabt keine Schätze mehr, sonst grabt Ihr Euch selber die Grube, in die Ihr hinein fallt!
Jeder mußte ihm, indem er vorüber ging, die Hand reichen. Alle verließen das Haus; nur Friedrich erklärte, daß er niemals weichen wolle. Sieh, rief der Director, am Fenster stehend, wie sie sich verbreiten und dahin ziehen, die lieben Pilgersleute! Sie werden es doch vielleicht nicht wieder so gut finden, als hier. Mancher wird sich zurück sehnen!
Ein Wagen fuhr in den Hof, und der Mann, welcher herausstieg, war sehr verwundert, alle Thore offen zu finden. Noch mehr erstaunte er aber, als er sich dem zeitherigen Director näherte, und erkannte, daß dieser plötzlich ein Kranker seiner eignen Anstalt geworden sei. Er gab sich ihm als Doctor Anselm zu erkennen, welchem die Regierung diesen Posten anvertraut habe: doch jener antwortete bloß: ja, bester Mann, Sie finden mich ganz allein hier, als Stock und Stamm, der wohl wieder Früchte tragen mag, doch aber jetzt abgelaubt ist. Für etwas, wenn auch nicht für viel, kann mein Friedrich gelten.
Anselm ließ sogleich einige Diener zu Pferde ausreiten, um, wo möglich, noch einige der Flüchtlinge einzuholen.
* * * * *
Görge ging mit seinem neu erworbenen Sokrates seiner Heimath zu. Sie müssen sich nur nicht Sokrates nennen, machte er ihm begreiflich; denn das klingt so heidnisch: so können Sie gewiß in unserm Hause bleiben, und mir Unterricht geben. Der Papa suchte schon seit lange einen Lehrer: er hilft Ihnen gewiß durch, und thut, als wenn er Sie dort oben nicht gesehn hätte; meine Schwester darf nichts ausplaudern, sonst verrathe ich ihre schwärmerische Liebe zu dem Windbeutel Theophil; bloß die Mama müssen wir betrügen, und Sie müssen sich nur hübsch klug und weise stellen.
Ich brauche mich nicht so zu stellen, antwortete Sokrates; das ist meine wahre Natur.
In einiger Entfernung hinter diesen schlich Wolfsberg; er ging nur langsam, und sehnte sich nach einer Erquickung. In dem großen Dorfe, wo der Junker ihm mit seinem Mentor aus den Augen verschwand, ließ er sich in dem Gasthofe ein Zimmer geben, und bestellte sich Essen und Wein. Er legte sich indessen auf das Bett, um etwas zu schlafen; aber kein Schlummer befiel sein Auge, denn tausend gute Vorsätze, Lebensplane und Erinnerungen besuchten ihn jetzt, da er sich nun endlich der Freiheit zurück gegeben sah, die er sich seit so mancher Woche vergeblich gewünscht hatte. Die heitre frische Herbstluft zog durch das offne Fenster, und stärkte seine Sinne. Wie ist mir wohl! sagte er zu sich selbst: warum habe ich denn so manches Jahr diese Empfindungen verschmäht, die mich jetzt besuchen, und die doch das theuerste Leben meines Lebens sind?
Ein sonderbares Gezänk, das draußen vorfiel, erregte erst seine Aufmerksamkeit und zog ihn dann ans Fenster. Ein alter Mann stritt mit einem jungen, und sagte jetzt eben: nein, Sie müssen mit uns gehen, und daß ich Ihnen Ihre Baarschaft oder Ihre Wechsel jemals wieder geben sollte, darauf machen Sie nur sich keine Rechnung; denn wenn ich nicht als ein kluger Mann Ihre Capitalien in Verwahrung genommen hätte, so hätte es wohl so kommen können, wie uns der fremde Herr wahrsagte, daß mein altes Auge Sie nie wieder sah, und meine arme Tochter sich der Verzweiflung ergeben mußte.
Wolfsberg sah sich hier wieder einen Spiegel vorgehalten, der ihm die Scene noch weit interessanter machte. Aber, Herr Kilian, es ist doch mein Geld, sagte der junge Mensch.
Was, Kilian? schrie der Alte; Herr _Schwiegervater_ müssen Sie zu mir sagen, so wie ich Sie auch lieber hochgeborner Herr Schwiegersohn, als Graf von Birken tituliren werde.
Wie? sagte Wolfsberg zu sich selbst, dies also ist der junge verkehrte Mensch, für den ich so lange habe leiden müssen? -- Seine Aufmerksamkeit hatte den höchsten Grad erreicht, und weil er dem Gespräche so eifrig zuhörte, bemerkte er nicht, daß zwei fremde Menschen durch den Baumgarten herbei kamen. Kommen Sie, ohne Umstände, rief der Pfarrer jetzt von Neuem, oder ich lasse Sie aus meiner Machtvollkommenheit als Mädchenverführer und Jungfrauenräuber arretiren.
Einen solchen suchen wir eben, sagte der eine Fremde, einen jungen Grafen Birken, der ein Verbrecher und Narr zugleich seyn soll. Alle Thörichten haben sich heut aus dem Narrenhause befreit, und das ganze Land ist nun im Aufruhr, sie wieder einzufangen.
Wolfsberg erschrak; er wollte schnell den Kopf zurück ziehn, aber man hatte ihn schon bemerkt. Er sammelte sich und rief von oben herab: Sie suchen den Grafen Birken? Der dort ist es, der mit dem alten Manne spricht.
Der Graf erschrak, der Geistliche sammelte sich aber bald. Schwiegersohn oder Arrestant? fragte er den jungen Mann schnell und leise. »Ach! Schwiegersohn!« wimmerte dieser kläglich, und der Geistliche sagte mit fester Stimme: meine Herren, ich bin der Pastor dieses Orts; dieser mein Herr Schwiegersohn wohnt schon seit vierzehn Tagen in meinem Hause; aber dem Menschen da oben sieht ja der Vagabunde und der Narr obenein aus den Augen heraus. Ich gebe Ihnen mein Wort, er ist der entsprungene Graf Birken!
Er nahm seinen Schwiegersohn unter den Arm und führte ihn mit starker Hand davon. Die Fremden bemächtigten sich des unglücklichen Wolfsberg, erlaubten ihm kaum, sein bestelltes Mittagsessen zu genießen, und schleppten ihn wieder in seine alte Haft zurück.
* * * * *