Schriften 17: Novellen 1

Part 15

Chapter 153,860 wordsPublic domain

Der verschmähte Redner hatte sich indessen die Zinnschnalle aus dem Zimmer des Lesenden geholt, und stolzirte mit diesem Schmucke schon im Saale auf und ab. Der Blasse wollte ihm die Auszeichnung nicht gönnen, weil sie seinen eignen Ruf zu beeinträchtigen schien. Er ging daher auf den Usurpator zu, und suchte ihm das glänzende Zeichen zu entreißen; dieser aber wehrte sich und wurde vom Recensenten vertheidigt. Die Schachspieler nahmen dieselbe Partei, indessen der Denker mit dem Maaßstabe den sanften Melchior zu beschützen strebte. Der Edelmann und Wolfsberg standen in der Mitte, und da sich bald aus dem Gezänk ein Stoßen und Schlagen entwickelte, so zog der Pygmäen-Bekämpfer seine kleine Peitsche hervor, und schlug ohne Unterschied unter beide Parteien hinein, indem er behauptete, daß er allenthalben auf Rücken und Schultern jene bösen Geister wahrnehme, welche nur aus Bosheit diesen Zank und Streit unter Menschen erregt, die bisher immer als befreundete Wesen mit einander hätten leben können. Der Director fuhr ebenfalls tobend dazwischen, und durch seine drohenden und ernstlichen Worte ward der Friede endlich wieder hergestellt, obgleich Wolfsberg und der Edelmann, beide als unschuldige Zuhörer, manchen Streich davon getragen hatten, weil es die boshaften Pygmäen-Geister nicht unter ihrer Würde gehalten hatten, diese neutralen Leiber während des Krieges besetzt zu halten. Der Edelmann verließ die Anstalt sehr verdrießlich, und sein Sohn Görge begriff nicht, wie eine so lehrreiche Unterhaltung ohne alle Veranlassung eine so kriegerische Wendung hatte nehmen können.

* * * * *

Friedrich hatte, seiner sanftmüthigen Gemüthsart nach, den letzten Krieg nur ungern entstehn sehn. Er zog sich früh zurück und beklagte aus der Ferne seinen jungen Freund, zu dem er sich tröstend gesellte, als der Friede wieder hergestellt war. Sie gingen in den beschränkten Blumengarten. Da Sie nun, Theuerster, im Grunde ein freier Mann sind, so fing der Kleine an, so will ich Ihnen heute in der Nacht etwas mittheilen, was für uns beide von dem größten Nutzen seyn kann. Wolfsberg war überzeugt, daß es nichts Geringeres, als die Mittel, sich frei zu machen, betreffen könne. Er ging zur Gesellschaft zurück und erwartete mit bangem Gefühl die Dunkelheit.

Gegen Mitternacht ward sein Zimmer eröffnet, der Kleine trat mit einer Laterne herein, und winkte seinem Freunde mit stummer Geberde. Wolfsberg folgte schnell, und schweigend stiegen sie die große Treppe hinunter. Das Hausthor war verschlossen, und als Wolfsberg die Klinke ergriff, schüttelte der Kleine sehr unwillig mit dem Kopfe und zeigte heftig nach einem Winkel hin. Der junge Mann folgte seinem Führer; sie stiegen eine andre Treppe hinab, und befanden sich jetzt in einem weitläuftigen Gewölbe. Nun fand der ängstliche Freund endlich seine Sprache wieder. Hier sind wir sicher, nicht behorcht zu werden, sagte er flüsternd: dies sind die Kellergewölbe des großen Hauses. -- Ich dachte, Sie wollten mir den Weg zur Freiheit zeigen, sagte der Baron. -- »Nicht daran zu denken, bester einziger Freund; das Thor ist doppelt verschlossen, dann müßten wir noch über den Hof und die äußere große Thür aufmachen, die der fatale Portier bewacht, mein größter Feind in der Welt, der niemals Vernunft annimmt, und sich von allen Menschen für den Klügsten hält.« -- »»Was machen wir aber hier?«« -- »Wenn es uns gelingt, liegt hier mehr, als Ihre Freiheit.« -- »»Wie meinen Sie das?«« -- »Nur still, unten sollen Sie Alles erfahren!«

Sie stiegen noch tiefer hinab. Im fernsten Winkel setzte sich nun Friedrich nieder, stellte die Laterne neben sich, und Wolfsberg sah zu seinem Erstaunen Hacke und Spaten auf dem Boden liegen. Die Erde war dort schon aufgewühlt, und als der Baron seinen Führer fragend und erstaunt betrachtete, lächelte dieser mit dem Ausdrucke der größten Verschmitztheit, zog den Andern neben sich nieder, und nachdem er ihn feurig umarmt hatte, sagte er endlich: liebster Baron, Ihnen vor allen Menschen gönne ich das Glück, dessen Sie hier theilhaftig werden können; hieher folgt uns kein Neid und keine Beobachtung, diese Gegend der Gewölbe wird niemals besucht; hier können wir mit geringer Anstrengung und in kurzer Zeit einen Schatz entdecken, der uns über alle Sorgen der Zukunft hebt, ja uns zu den angesehensten Männern der ganzen Provinz macht. Ich habe niemand da oben etwas von dieser Entdeckung sagen mögen; denn alle jene Menschen sind mehr oder minder gemeine Naturen, wozu noch kommt, daß sie alle einen Stich von Narrheit haben, der sie mir höchst widerwärtig macht. Dem Director mag ich von meinem Funde gar nichts mittheilen; er würde in seiner hochfahrenden Superklugheit thun, als wenn er mir nicht glaubte, und hernach stillschweigend für sich arbeiten lassen: denn er ist ein sehr mißgünstiger Mann und beim Lichte besehn ohne Verstand; er stellt sich viel klüger an, als er wirklich ist, und da er das Regiment im Hause hat, so darf ihm Keiner viel widersprechen. Nun, lieber, hochgeehrter Freund, hier nehmen Sie den Spaten und arbeiten Sie!

Aber, sagte Wolfsberg, wie kommen Sie nur zu dem Glauben, oder der Einbildung -- --

Still! still! rief der Kleine im größten Eifer, nur ums Himmels willen keine Zweifel in dieser feierlichen Stunde ausgesprochen, sonst ist Alles verloren. Kennen Sie die Wünschelruthe und ihre Wirkungen?

Nein, sagte Wolfsberg verwirrt und schüchtern.

Haben Sie wohl Wirkungen des Magnetismus gesehen, und glauben Sie an die Wunder dieser Wissenschaft?

Ich habe mich nur wenig um dergleichen Gegenstände bekümmert, antwortete jener, und kann also auch nicht einmal sagen, ob ich an die Seltsamkeiten, die man davon erzählt, glaube oder nicht.

O Sie unverständiger Mann, rief der Kleine im größten Eifer aus, so muß ich ja also dem Blinden von der Farbe predigen! Indessen, was thuts? Glaube und Ueberzeugung werden Ihnen schon, wie zahme Hündchen, in die Hände laufen. Sehn Sie, ich bin schon eine Anzahl von Jahren Unteraufseher in diesem Hause. Ich sage nicht etwa deßwegen Unteraufseher, weil wir jetzt hier im untern Theile des Hauses eine gewisse Aufsicht führen; sondern Sie verstehn mich schon: ich meine, ich bin so fast nach dem Director der wichtigste Mann hier, wie Sie auch wohl werden bemerkt haben; nur der verdammte Thürhüter will keinen Respect vor mir haben. Nach einer Nervenkrankheit, wie es die trivialen Aerzte nennen, fand ich mich schon vor vielen Jahren als einen verwandelten Menschen wieder. Freund, da war mir ganz so zu Muthe, als wenn einer meinem inwendigen Geiste Hosen und Weste aus-, ja noch die Haut dazu abgezogen hätte, so daß er nun niemals mehr zerstreut, oder dumm, oder langweilig war. Sie werden mich nicht ganz verstehn, thut aber auch nichts zur Sache. Es ist nämlich so: ich konnte von dem Augenblicke an überirdische Dinge begreifen und fassen, nicht mit meiner alltäglichen Vernunft; sondern in meinem inwendigsten Geiste hatte sich noch ein eignes kleines und feines Verständchen angesetzt, das dergleichen begriff, und da der Geist nun nicht mehr bekleidet war, und auch keine dumme Haut mehr über sich hatte, so konnte Ich, der Lebendige, der hier draußen steht und mit Ihnen spricht, so frischweg in jene meine unsichtbare Creatur hinein sehn und Alles capiren. Capiren Sie mich?

So halb und halb, sagte Wolfsberg, Sie drücken sich etwas figürlich aus!

Außerdem aber, fuhr Friedrich fort, wurde ich gewahr, daß ich in fremde Leute hinein sehn konnte. Schaut's! jetzt laufen Ihnen die Gedanken wie Ameisen durch Ihren Kopf, und einige schleppen sich dummerweise mit kleinen Steinen, Holz, albernen Zweifeln. Da rennt eben eine großmäulige Ideenassociation in der inwendigen Gegend des Ohres, und schreit, daß Alles, was ich Ihnen vortrage, aberwitziges Zeug sei; und nun fliegt eine kluge Gedankentaube mit dem Oelzweig hintennach und meint, man könne es denn doch noch nicht wissen. Husch! rennen die übrigen Gedanken in den Winkel und sitzen gluckend wie die brütenden Hühner da. Ja, ja, Herr Baron, ich weiß wohl, wer Sie sind.

So? fragte Wolfsberg in der größten Spannung.

Ja wohl, sagte der Kleine ganz ruhig, kein Graf, wie unser mürrischer Director meint, -- he he he! Sie sind auch kein Baron, Sie Vocativus, Sie!

Ich dächte doch, sagte Wolfsberg verwirrt.

Mir können Sie nichts weißmachen, fuhr der Wahrsagende fort, denn ich weiß ja Alles: ja, ja, alle Ihre Streiche und Kniffe könnte ich Ihnen an den Fingern hersagen; aber still! wir sind ja alle Menschen, und Sie bleiben bei allem dem immer ein großer Mann. Ein sehr großer Mann, und ein berühmter Mann sind Sie, einer von denen, die die Nachwelt noch nennen wird! Haben Sie erst, was Sie brauchen, so werden Sie auch weiser werden, und das kann ich Ihnen schaffen, und vertraue dabei Ihrer Großmuth, daß Sie nicht allzu ungleich mit mir theilen werden.

Also zur Sache, rief Wolfsberg entschlossen, worauf kommt es an?

Wie ich in Menschen und Seelen hinein sehn kann, fuhr der Kleine fort, so kann ich es auch zu Zeiten in leblose Gegenstände. Lange schon habe ich gesehn, daß gerade hier, etwa vier Klaftern tief, ein ungeheurer Schatz liegt, fast ganz in Golde, nur wenige Edelsteine darunter. Es sind zwei große eiserne Kasten, auf dem einen ist eine Inschrift, aber so verrostet, daß ich die Buchstaben nicht recht zusammenbringen kann. Aber im zweiten Kasten befindet sich ein geschriebenes Blatt, welches Alles erklärt.

Wie sind aber diese Schätze hieher gekommen? fragte Wolfsberg; und weßwegen hier verscharrt?

Schwer zu sagen ist es, sagte Friedrich, denn Sie begreifen doch so viel, daß ich in die Vergangenheit, in ein Nichts, das weder Körper noch Geist hat, nicht so hinein sehn kann, wie in einen Menschen, oder in ein Kellergewölbe. Doch, Spaß apart, wollen Sie mir helfen oder nicht? Glauben Sie mir, oder nicht? Wenn Sie nicht dran wollen, suche ich einen andern Gehülfen, oder verschweige die Sache noch Jahre lang, wie ich denn bisher ein Geheimniß daraus gemacht habe.

Und was soll ich also thun, wenn ich Ihnen glaube?

O Fragen und kein Ende, rief Friedrich in der größten Ungeduld, ich habe Ihnen ja schon neulich meine Schultern gezeigt, wie schwach, meine Arme, wie dünn sie sind. Ich habe es schon oft versucht; aber ich kann nicht graben, ich bekomme auch gleich den Husten, wenn ich stark arbeite. Hier, ungläubiger Thomas, ist das Grabscheit! Machen Sie sich dran und grübeln Sie nicht weiter; in acht Tagen sind wir die reichsten Männer im Lande, und dann können wir den Director und alle Narren da oben auslachen.

Wolfsberg bequemte sich und arbeitete mit der größten Anstrengung einige Stunden. Als er es kaum mehr vermochte, rief Friedrich: für heute genug! Schlafen Sie nun gesund, denn man muß uns nicht vermissen. In der nächsten Nacht werde ich Sie wieder zur Arbeit abrufen.

Müde und ermattet, wie am ganzen Leibe zerschlagen ging der junge Mann, der an dergleichen Anstrengungen nicht gewöhnt war, auf sein Zimmer, und legte sich nieder.

* * * * *

Der Rath Walther hatte sich indessen mit dem Arzte auf die Reise begeben. Ihr Weg führte sie durch anmuthige Gegenden, und Walther wurde nicht müde, seinen Begleiter von der Trefflichkeit des jungen Raimund zu unterhalten. Der Arzt war sehr darauf gespannt, einer so wunderbaren Erscheinung im Leben zu begegnen; nur fürchtete er, ihre feine Harmonie jetzt durch Schmerz und Wahnsinn zerrissen zu finden. Manchmal stieß mir wohl ein Zweifel auf, ob die Schilderungen des Rathes, der in allen andern Dingen, außer dieser Verherrlichung seines jungen Freundes, ein ruhiger und kalter Mann war, nicht übertrieben poetisch seyn möchten. Sie näherten sich jetzt dem Dorfe, in welchem der junge Mensch leben sollte. In den engen Wegen des Gebirges fiel der Wagen um, und der Arzt ward am Fuße beschädigt; zwar nicht bedeutend, aber doch so, daß er einen Ruhepunkt zu erreichen wünschen mußte. Dies verdroß ihn um so mehr, da er in einer Waldschenke einen Mann gesprochen hatte, der ihm eine so seltsame Schilderung von einem jungen Wildfang gemacht hatte, welcher sich seit einiger Zeit in den dortigen Gegenden aufhalten sollte, daß er kaum daran zweifeln durfte, es sei der junge, ihm entsprungene Graf Birken. Der Rath erbot sich, den kurzen Umweg zu machen, indessen ihn der Arzt bei jenem Landprediger erwarten sollte, bei welchem man den jungen Raimund anzutreffen hoffte.

Der Arzt ließ sich bei dem Pfarrer melden, den er in einer Laube seines Gartens antraf. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen leitete der Fremde die Unterredung auf den jungen Mann, welcher der Obhut des Geistlichen anvertraut sei; der Pfarrer schien aber kein großes Interesse an diesem Gespräche zu nehmen und sagte endlich: ja, seit einem Jahre etwa hält sich ein etwas confuser Mann bei mir auf, dessen ^ingenium^ und ^mens^ nicht zum Besten bestellt sind, und um den ich mich auch wenig kümmere, außer daß er uns bei Tische oft seine ^joci^ vormacht. Ich erhalte von dessen alten Domestiken eine anständige Pension, und so lasse ich ihn gewähren; denn es ist nicht meines Thuns, mich viel mit Narren einzulassen, oder sie gar curiren zu wollen. Der alte ^servus^ führt eigentlich ganz die Aufsicht über den Verwirrten, und mit wem sich dieser am meisten einläßt, ist unser gnädiger Junker, der freilich auch mit aller Macht zur ^dementia^ inclinirt. Diese beiden Thoren, wenn sie einmal bei Sonntagslaune sind, machen mir zuweilen mein kleines Haus zu enge.

Wissen Sie aber nichts Näheres von den Schicksalen des jungen Mannes? fragte der Arzt.

Urtheilen Sie selbst, verehrter Herr, erwiederte der Geistliche, ob eine solche Creatur, der es am Besten gebricht, wohl absonderliche Schicksale haben könne. Diese Personen sind ja recht eigentlich ^fruges consumere nati^. Wir nennen ihn nur kurzweg immer den Werther.

Werther? fragte der Arzt sehr lebhaft.

Ja, mein Herr, fuhr jener fort, dieses ist ein Spitzname, der aus einem gewissen Buche entlehnt seyn soll, welches unsre junge Baronesse einmal gelesen hat. Derselbe trieb sich auch immer, wie man mir sagte, in Wald und Flur herum, statt in vernünftiger Societät ein Wort mitzusprechen, eine Pfeife zu rauchen und etwa zu hören, was es in der politischen Welt Neues giebt.

Sie scheinen kein Freund der Natur zu seyn, warf der Reisende ein, und bewohnen doch selbst eine der reizendsten Gegenden unsers Vaterlandes.

Natur! rief der Pfarrer aus; das Wort ist etwa seit 40 Jahren in die Mode gekommen, und so weit ich habe das Verständniß davon erreichen können, meint man darunter einen etwanigen Bach oder Fluß, sammt Berg und Steingeschichten, oder die Waldsachen und dergleichen. Hat mich nie sonderlich interessirt, weil ich mich immer bestrebt habe, ein denkendes Wesen vorzustellen. Und unser Werther, wie ihn die jungen Leute heißen, oder Theophilus, wie sein eigentlicher Taufname lautet, weiß auch weder, ob Frühling oder Herbst ist, ob die Bäume blühen oder dürr sind, ob die Bergwand aus Granit oder Marmor besteht, sondern er läuft nur, wie ein Uhrwerk, so hin und her.

Der Alte war mit allerhand Papieren und Briefschaften beschäftigt, die er in einem Tischkasten zu ordnen suchte, und der Arzt sagte indessen zu sich: Der Aermste! Also auch diese Empfindung ist in ihm untergegangen, die sonst dem Unglücklichen so oft einen heiligen Trost gewährt! Denn der Natur gegenüber verklärt sich jeder Schmerz, der uns unter Menschen, in den Mauern der Städte oft zu vernichten droht, und verwandelt sich in ein himmlisches Wesen, in eine Erscheinung von oben herab. Wie eine Himmelsharfe tönt die Natur Freude und Leid mit, und setzt unsre stummen Seufzer, die Worte der Klage in überirdische Musik um.

In diesen Phantasieen, die wohl so schnell in ihm antönten, weil er so lange mit dem fast schwärmerischen Rathe gereiset war, wurde er wieder vom Pfarrer unterbrochen. Verzeihen Sie mir, sagte dieser, daß ich Sie so schlecht unterhalte, jeder macht so seine Studia. Dieselben haben sich wohl niemals mit der Astrologia eingelassen?

Nein, antwortete der Arzt.

Sehr Schade, fuhr jener fort, daß diese Wissenschaft seit neueren Zeiten so ist vernachlässiget worden. Ich habe sie immer bewährt gefunden. Und so sehe ich hier wieder das Horoskop an, welches ich meiner Tochter bei ihrer Geburt stellte. Ich prognosticirte damals, daß sie sich in einen hohen Stand erheben würde, und sie ist nun auch wirklich glückliche Braut eines vornehmen Mannes. Das hat mir auch den Geist so eingenommen, daß ich fast nicht capabel bin, eine recht fortgesetzte Conversation zu führen. Doch da kommt ja unser Theophilus mit seinem alten Gesellschafter. Der junge Mann ist eine Zeit lang in einer andern Familie sehr gemißhandelt worden; man darf ihn nicht auf diesen Gegenstand bringen: denn er wird zuweilen bitterböse, wenn er sich jener Tage erinnert.

Der Arzt stand auf und sah zu seinem Erstaunen einen langen, nicht mehr jungen Mann eintreten, der sich gebückt trug, und aus dessen regelmäßiger Physiognomie die höchste Beschränktheit und Einfalt hervor leuchtete, aber auch zugleich eine so heitre Jovialität, daß er von Neuem an dem Rathe und dessen übertriebener Schilderung irre ward. Der Einfältige gab dem Pfarrer die Hand, sah den Fremden mit scheuem Blick von der Seite an, ging dann auf ihn zu und fragte hastig: sind Sie ein Edelmann?

Verzeihung, rief der Pfarrer dazwischen; ich habe noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, mich nach Ihrem werthen Namen zu erkundigen.

Doctor Anselm, sagte der Arzt.

Ich dachte, Sie wären mein Vetter, rief der Einfältige, weil Sie eine solche ästhetische superfeine Nase haben. Zugleich sprang er in die Höhe, und schlug wie ein muthwilliges Füllen mit den Beinen hinten aus.

Der Arzt, der sich auf eine ganz andere Stimmung vorbereitet hatte, mußte laut lachen, indem der Pfarrer mißbilligend das Haupt schüttelte, und sehr ernste Runzeln in sein Gesicht zog.

Sehn Sie nur, sagte Theophil, indem er den Arzt etwas bei Seite führte, das Perlmutter-Gesicht von meinem alten Prediger; so debattirt er immer mit sich, als ob er an einem Obscuranten-Almanach arbeitete.

Sie drücken sich seltsam aus, sagte der Arzt, aber vergnüglich.

Er weiß nie, was er spricht, unser junger Freund, rief der Prediger; weder kennt er die Bedeutung der Worte, die er braucht, noch will er überhaupt etwas damit ausdrücken. Es ist wie Wiederhall von Felsen, oder Waldesbrausen. Mein ehrwürdiges Alter ist einmal immer das Stichblatt seines falschen Witzbestrebens.

Der Herr Prediger, sagte der Simple, hat eine rechte Hosiannah-Stimme und sitzt so mächtig auf seiner Bank da, als wenn er Habakuk und alle zwölf kleine Propheten zu künftige Pfingsten confirmiren wollte. -- Pankraz! rief er dem alten Diener zu, du mußt mir wieder Taschengeld geben!

Haben Sie denn schon Alles ausgegeben? fragte dieser.

Dummer Teufel! rief Theophilus; freilich! Denken Sie nur selbst, mein fremder Herr Vetter, draußen vor dem Dorfe begegnen mir die Mädchen, die drüben in der Stadt allerhand auf dem Jahrmarkt eingekauft hatten, Tücher, Schürzen, Mieder, Hauben, Spielzeug für die kleinen Geschwister. Sie hatten noch eine volle halbe Meile, und ließen mich nun die Sachen herüber tragen. Wie ich sie ihnen wieder abgab, mußte ich ihnen doch wohl ein Trinkgeld geben, daß sie mir Alles so hübsch anvertraut hatten? Aber Pankraz ist faul; der trug nichts, und drum hat er auch sein Geld in der Tasche behalten.

Das ist ein schöner Zug von Ihnen, sagte der Arzt; sind Sie aber immer so vergnügt?

Wie's kommt, antwortete jener lachend; nur wenn die Leute dumm sind, kann ich mich sehr ärgern, wenn sie nicht capiren. Sehn Sie, es ist sehr traurig, wenn man allein klug seyn soll. In Gesellschaft habe ich noch einmal so gern Verstand.

Sie denken trefflich, sagte Anselm.

Was sagen Sie aber vollends dazu, schwatzte jener weiter, daß wenn ich einmal so recht superklug bin, die Leute mir beweisen wollen, ich wäre dumm? Nicht wahr, die Welt liegt im Argen; wie unser Herr Pastor Kilian letzt einmal in der Kirche sagte.

Ich werde sorgen, daß Sie niemals mehr hinein gelassen werden, rief der alte Mann.

Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ, sagte Theophil mit der größten Ernsthaftigkeit und ging traurig zum Prediger hin.

Lassen Sie sich dienen, Herr Doctor, fuhr der Alte fort, daß es nicht angeht, weil er sich laut mit seinem Bedienten während des Gottesdienstes zankt. Was thut er aber neulich? Indem ich in der Predigt aufsehe, hat er unsern Hund in meinen Sitz gebracht, läßt den Pudel aufrecht stehn, der nun über das Chor gucken und ein Gesangbuch zwischen den Pfoten halten muß. Heißt das nicht die Gemeine stören?

Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ! sagte der Angeklagte mit weinerlicher Stimme. Der Arzt, der eine ernsthafte Wendung des Gespräches fürchtete, fragte den Klagenden, was das neulich gewesen sei, wo er so allein klug, und die Andern dumm gewesen wären. Ja so! sagte Theophil plötzlich laut lachend; das war eine lustige Geschichte! Die Mamsell Kilian hatte mir ganz neue Schnupftücher gekauft. Nun sollte ich den andern Tag mit dem Junker auf den Fischfang gehn, da nahm ich mir vor, den Pankraz zu erinnern, daß er mich erinnern sollte, damit ich es nicht vergessen möchte. Um aber auch gewiß daran zu denken, daß ich ihn zu rechter Zeit erinnern möchte, damit er mich ja erinnern könnte, machte ich einen Knoten in mein Schnupftuch. Sie wissen ja, das ist ein altes Herkommen, wenn man etwas nicht vergessen will.

Ja wohl.

Nun gut; ich wache den Morgen auf, da finde ich den Knoten. Da besinne ich mich auch gleich, daß ich den Pankraz erinnern muß. Pankraz, du sollst mich an was erinnern! Ganz recht, gnädiger Herr, Sie wollen mit dem Junker auf den Fischfang gehn. Ich geh' auf den Fischfang und denke nichts Böses. Den andern Tag aber ist der Knoten noch im Tuche. Das ängstete mich, denn es gab nun nichts mehr zu erinnern, und wenn ich den Knoten anfaßte, wollte ich mich immer auf etwas besinnen. Den Knoten hatte ich aber so fest gezogen, daß ich ihn gar nicht wieder aufkriegen konnte. So nehm' ich im Verdruß eine Scheere, und schneide bloß den Knoten, verstehn Sie, bloß den Knoten ab, und werfe ihn aus dem Fenster. Wie nun das Tuch wieder gewaschen ist, sagt die Mamsell sammt allen Menschen im Hause, ich hätte es entzwei geschnitten; es fehlte auch wirklich ein großes Stück davon. Nun sagen Sie selbst, ob ich etwas dabei versehn habe, und wer Recht hat!

Der Knoten, sagte der Arzt, war aber doch natürlich vorher ein Stück des Tuches, folglich mußte dieses nachher fehlen.

Sie begreifen nicht! sagte Theophil im großen Zorn, und faßte die Hand des Arztes heftig und stark; ich schnitt ja nicht das Tuch ab, sondern nur den Knoten, den ich erst hinein gemacht hatte, der vorher nicht drin war.

Wir wollen nicht streiten, sagte Anselm, Sie können wohl Recht haben; ich habe bisher dieses Experiment noch nicht gemacht, und Vieles begreift man gewiß erst durch die Erfahrung.

Hat man Ihnen wohl schon einmal Gesellschaft geleistet? fragte der junge Mann mit listiger Miene.

O ja, sagte der Arzt, mehr als einmal; und Sie leisten mir jetzt eben auch Gesellschaft.

Sie würden sich dafür bedanken, fuhr jener fort, wenn ichs in der Manier thun wollte, wie mein Gesellschafter Walz da drüben in der kleinen Stadt mir die Zeit vertrieb. Da sagten sie, ich müßte einen Gesellschafter haben. Da kam Herr Walz, der dazu bestellt war. Das gab ein Gesellschaftsleisten, daß mir des Abends alle Rippen weh thaten.

Wie so?

Er schlug immer um sich, und wir konnten uns gar nicht vertragen; aber ich durfte ihn niemals wieder prügeln. Ja, wie gern möcht' ich ihm auch einmal so recht Gesellschaft geleistet haben! Wenn ich verdrießlich war, schlug er; war ich nicht aufgeräumt, ließ er mir zur Ader; ein paar Mal ließ er mir auch Zähne ausziehn, -- die beiden hier: weil er sagte, ich wäre zu böse, die Zähne wären schon nichts nütz und thäten mir nur jetzt oder in Zukunft einmal weh. Den andern habe ich einmal beim Essen verloren.

Aber diesen Augenzahn hier? fragte der Arzt.