Schriften 17: Novellen 1

Part 13

Chapter 133,616 wordsPublic domain

Am andern Morgen kam der Arzt in Eile und großer Bewegung zum Rathe. Was ist Ihnen? fragte dieser: es muß etwas Außerordentliches begegnet seyn. Theuerster Walther, rief der Arzt aus, unser Beisammensein, mein Aufenthalt wird plötzlich auf die unangenehmste Weise gestört und unmöglich gemacht. Sie haben ja zuweilen einen jungen Menschen in meiner Gesellschaft gesehen, der uns oft genug lästig fiel. Dieses Original, schon einfältig, stumpf und zugleich leidenschaftlich von Natur, durch eine verwahrlosete Erziehung aber völlig zum Thoren gemacht, ist mir von seinem Vater, einem reichen Grafen in Schwaben, in der Hoffnung anvertraut worden, daß eine Reise unter meiner Aufsicht ihn vielleicht bessern und von seinem verwirrten Zustande befreien könnte. Ich nahm damals diesen mißlichen Auftrag sehr ungern über mich, und würde mich gar nicht darauf eingelassen haben, hätte ich die unzähligen Verdrießlichkeiten vorher sehn können, die mit demselben verknüpft sind. Das hätte ich aber niemals vermuthet, daß dieses drückende Verhältniß mich von Ihnen trennen und meine Freiheit völlig aufheben würde.

Aber wie ist dies möglich geworden? fragte der Rath.

Sie sollen es gleich hören, war die Antwort. Nachdem dieser junge Mensch schon tausend Händel angezettelt, die ich wieder habe schlichten müssen, oft durch Geld, zuweilen mit guten Worten, immer aber auf Unkosten meiner Zeit und guten Laune, hat er es seit gestern Abend für gut gefunden, sich unsichtbar zu machen. Ich habe schon zu allen Bekannten geschickt, auf der Post Erkundigung eingezogen, in allen Wirthshäusern nachgefragt: aber man will nirgend von ihm wissen. Es würde mir keine große Sorge machen, wenn er nicht Mittel gefunden hätte, Schrank und Schatulle zu öffnen, und hundert Goldstücke, so wie bedeutende Wechsel mitzunehmen; dies überzeugt mich, daß er gesonnen ist, seine Bekanntschaft mit mir nicht zu erneuern, so lange diese Summen vorhalten. Ich darf den Thörichten nicht seinem Schicksal überlassen, sondern muß ihn wieder zu finden suchen; dies ändert mein Reiseprojekt. Ungern nur würde ich ihn in öffentlichen Blättern auffordern und kenntlich machen.

Und Sie glauben nicht, fragte der Freund, daß er mit diesem Gelde in seine Heimath zurückgekehrt sei?

Auf keinen Fall, erwiederte der Arzt; es liegt ihm zu viel daran, frei und ungehindert in der Welt umher zu schwärmen. Seine Leidenschaft ist, allenthalben Händel anzufangen und in gemeinen Trinkstuben Zank zu erregen; er freut sich dann, einige Stunden auf der Wache zu sitzen, um nachher als Graf Birken ausgelöst zu werden. Am schlimmsten aber ist es, daß er mit Kammermädchen und Aufwärterinnen Liebeshändel anspinnt und ihnen die Ehe verspricht; und ich muß am meisten fürchten, ihn auf diese Weise verheirathet wieder zu finden.

Und was denken Sie nun zu thun?

Ich muß ihn aufsuchen, und wenn ich ihn in einigen Wochen nicht wieder antreffen sollte, die ganze Sache seinem Vater melden.

Ein Diener trat eilig herein, gab dem Rathe einen Brief und entfernte sich wieder. Walther las und wurde nachdenkend. Verweilen Sie noch zwei Tage hier, sagte er endlich, und ich reise vielleicht mit Ihnen. Ich suche ebenfalls einen Verlornen, der mir und seinen Freunden schon seit Jahr und Tag aus dem Gesichte gekommen ist, einen jungen Mann, der Ihrem Entflohenen freilich auch nicht auf das Entfernteste gleicht. Ich glaube jetzt auf seiner Spur zu seyn, und wenn Sie unterdessen den Entsprungenen nicht wieder kommen sehen, oder keine bestimmte Nachricht über seinen Aufenthalt empfangen, so könnten wir die Reise, die wir uns vorgesetzt hatten, immer noch in Gesellschaft unternehmen.

Der Arzt war derselben Meinung, und man versprach sich, am andern Tage eine nähere Abrede zu treffen.

* * * * *

Der verschlossene Wagen fuhr mit dem jungen Baron die ganze Nacht hindurch fort. Allenthalben waren schon Pferde in Bereitschaft, und da der Mond sehr hell schien, konnte man so schnell, wie bei Tage reisen. In den dicht verhängten Wagen fielen nur wenige Strahlen hinein; doch bemerkte der Entführte, daß ein Mann an seiner Seite, und ein anderer ihm gegenüber saß. Als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, wollte er seinen Gesellschaftern Rede abgewinnen; aber sie beantworteten keine seiner Fragen oder Bemerkungen. Wohin führt man mich? rief er endlich in der größten Ungeduld. Ruhe! antwortete der starke Mann, Alles wird sich aufklären. -- »Man verkennt mich, man verwechselt mich mit jemand anderm!« -- »»Nichts weniger.«« -- »Was hat man mit mir vor?« -- »»Morgen am Ort Ihrer Bestimmung werden Sie Alles erfahren.««

Als der Gefangene Miene machte, den Wagen zu öffnen, ergriffen ihn die Unbekannten gewaltig, und der eine rief drohend: keine Umstände! Finden Sie sich nicht gutwillig, so haben wir das Recht, Sie zu binden und zu knebeln; das geschieht auch bei dem ersten Versuche zu entfliehen, oder wenn Sie jemand Fremdes anreden wollten. Auch kann es Ihnen nichts nutzen; denn wir haben die gemessenste Ordre, die wir vorzeigen können, und auf welche uns in jeder Stadt Beistand geleistet werden muß.

So fügte sich denn der Entführte und sann stillschweigend nach, für welche Begebenheit seines frühern Lebens ihn etwa dieses Unheil treffen möchte. So in seinen Busen und dessen Geheimnisse eingehend, fand er mehr auf der Rechnung stehen, als er in seinen heitern und zerstreuten Stunden vermuthet hatte. Je länger er in der stillen Nacht fuhr, je größer wuchs in seiner Erinnerung sein Sündenregister an, und er zitterte vor der Entwicklung seines Schicksals; denn Vestung, lebenslängliche Einkerkerung, ja selbst das Aergste standen vor seiner erregten Phantasie. Er wandte sich von diesen Bildern des Schreckens ab, und suchte sich wieder zu überreden, Alles, was man ihm vorwerfen könne, sei doch nur Jugendthorheit und Leichtsinn. Mit Wehmuth mußte er an die hochmüthigen Reden gedenken, die er vor Kurzem noch gegen den Arzt geführt, und alle seine Zweifel kamen wenigstens darin überein, daß jene Handlungen, mit denen er als eben so viel Tugenden und Kraftäußerungen geprahlt hatte, doch wohl Sünden, oder gelindestens Verirrungen zu nennen wären. So blätterte er in dem dunkeln Buche seines Gewissens hin und her, und nahm sich vor, wenn ihn ein günstigeres Schicksal aus dieser Bedrängniß erlösen sollte, seinen Lebenslauf mit viel mehr Anstand und etwas mehr Weisheit zu führen.

Man fuhr die ganze Nacht und auch den folgenden Tag. Der Gefangene hatte sich fast schon an seinen Zustand gewöhnt, und die Furcht, daß seine Lage noch viel schlimmer werden könnte, machte, daß er die gegenwärtige mit Geduld ertrug. Hätte er sich ganz frei und ohne Schuld gewußt, so würde er in seinem Bewußtsein Waffen gefunden haben, sich dieser Gewalt zu widersetzen; aber der Zagende bettelte jetzt von jeder Stunde seines Daseins noch eine dürftige Erquickung, im Aufschub und in der Verzögerung fand er eine Art von Glück, und vergaß sogar in manchen Augenblicken, daß sich sein Schicksal doch endlich, und wohl bald, entwickeln würde.

Am Abende, als es schon wieder finster ward, kam man an. Durch ein Thor, das sogleich wieder verschlossen wurde, fuhr der Wagen. Man brachte Licht. Ein Schreiben ward von einem der Begleiter hinaus gereicht. »Immer neue Gäste, immer mehr Geschäfte!« murrte eine dumpfe, verdrießliche Stimme draußen. Man fuhr in den Hof. Indem man ausstieg, ging einer der Männer jenem nach, der erst geschmollt hatte, und sagte: Ja, werther Herr Direktor, endlich haben wir ihn Gott Lob! erwischt; fünf Tage hatten wir ihm vergeblich aufgepaßt. -- War er ruhig? fragte jener. -- »Ja, er hat sich so leidlich vernünftig aufgeführt. Ein paar Mal wollte er närrisch thun. Je nun, wir sind ja alle Menschen!«

Das Letzte hörte der Entführte nur noch aus der Ferne. Er befand sich schon auf einer großen Treppe, zu welcher ihm zwei Menschen hinauf leuchteten. Ist Numero 18. aufgeschlossen? fragte der eine. Ja! scholl es von oben herab, und zugleich ward der Fremde in ein kleines, behagliches Zimmer hinein geschoben, in welchem Stühle, Tische, ein Bett und Sopha sich befanden. Lichter wurden hingestellt, und ein freundlicher Mann trug eine Abendmahlzeit auf. »Herr Friedrich, sagte der eine Diener, Sie haben doch nichts vergessen?« -- Gewiß nicht, antwortete der kleine Mann; Alles ist schon mit dem Direktor abgemacht.

Man ließ den Fremden allein. Da er hungrig war, aß er mit großem Behagen; nur vermißte er ungern den Wein, doch ließ ihn der Durst das Wasser schmackhafter finden, als er es unter andern Umständen für möglich gehalten hätte. Er öffnete das Fenster. Eisenstäbe verwahrten es; doch blickte er im Mondlicht über eine reiche und mannigfaltige Landschaft hin. Die Thür fand er verschlossen.

Als man den Tisch wieder abgeräumt hatte, legte er sich nieder, und schlief auf die Anstrengung des Körpers und Geistes ruhig und lange. Nach dem Frühstück wurde die Thür mit einigen Ceremonien geöffnet, und ein starker, untersetzter Mann mit finsterer Miene und braunem Gesicht trat herein, dessen grollende Stimme er sogleich für diejenige erkannte, die er schon gestern Abend gehört hatte.

Der finstere Mann warf einen durchdringenden, festen Blick auf ihn, und der Baron, der sich am Morgen eine lange, wohlgesetzte Rede ausgesonnen hatte, um seine Unschuld und das Mißverständniß, das über ihm schweben müsse, aus einander zu setzen, wurde so verwirrt und beängstigt, daß er jedes Wort vergaß und nur wünschte, diesen Besuch erst wieder los zu seyn.

Haben Sie gut geschlafen? fragte der verdrießliche Mann.

»Besser, als ich denken konnte, da ich so plötzlich« --

»»Lassen wir das! Haben Sie mit Appetit gefrühstückt?««

»O ja -- nur wünschte ich das Mißverständniß, den Irrthum schnell aufzuklären; da man mich gewiß für einen andern hält.«

»»Wir kennen Sie, junger Herr, besser, als Sie vielleicht glauben.««

»Besser? sagte der junge Mann, und wurde roth und von Neuem verwirrt. Man hat mich um meinen Namen hier noch nicht gefragt!«

»»Ist auch gar nicht nöthig. Wir wollen keine Rollen mit einander spielen.««

»Rollen? Wie meinen Sie das?«

»»Wie man so was meint. Sie sollen sich nicht verstellen, Sie sollen nicht hoffen, daß Sie mich hintergehen können.««

»Wenn ich Ihnen aber so ganz bekannt bin -- so sagen Sie mir wenigstens, -- wo befinde ich mich? Ich bin vielleicht zwanzig Meilen gereist, ohne zu wissen wohin.«

»»Lassen wir das noch jetzt, dergleichen muß Ihnen fürs Erste noch ganz gleichgültig seyn.««

»Die Forderung ist mehr als sonderbar.«

»»Bester junger Mann, sagte der Alte, um alle diese äußerlichen Zufälligkeiten müssen Sie sich jetzt gar nicht ängstigen. Es wird eine Zeit kommen, in der Ihnen Alles klar aufgeht.««

»Und welch Schicksal erwartet mich?«

»»Das wird ganz von Ihrem Betragen abhängen! Sind Sie sanft und ruhig, so wird Ihnen kein Mensch etwas in den Weg legen; können Sie es über sich gewinnen, vernünftig zu seyn, wenn es Ihnen auch im Anfange etwas schwer ankommen sollte, so wird man Ihnen alle Achtung bezeigen, die Sie erwarten können, und es liegt in Ihrer Hand, wie früh oder spät Sie Ihre Freiheit wieder erhalten werden.««

»In meiner Hand? fragte der Gefangene, indem er seine Hände betrachtete.«

»»Dummheit und kein Ende! fuhr der Alte ungeduldig heraus, ich dachte es wohl, daß der Diskurs nicht lange auf der geraden Straße bleiben würde. Figürlich gesprochen, junger Herr! Wie Sie sich benehmen, so wird man sich wieder gegen Sie benehmen; vielleicht sind Sie in Jahr und Tag wieder auf freien Füßen: das heißt, Jüngling, (damit Sie nicht wieder querfeldein fragen) wenn Ihre Beine wieder frei sind, wird hoffentlich das übrige Zubehör, sogar der Kopf wieder mitlaufen dürfen.««

»Und was befiehlt man, fragte der Baron, das ich vorstellen soll? Wie soll mein Name heißen? Denn es scheint, daß hier ein strenges Regiment obwaltet, dem man sich fügen muß.«

»»Nur keine Quängeleien! rief der alte Mann; machen Sie nicht, daß ich härter seyn muß, als ich von Natur bin; denn das ist mein Elend, daß der Teufel mir so ein breiweiches Herz eingesetzt hat, daß ich eigentlich ein altes Weib hätte werden müssen. Nun, lieber Herr Graf, wir werden uns schon noch verstehen lernen.««

»Graf? rief der Baron; also doch wenigstens eine Standeserhöhung.« -- Er war nach diesem Worte plötzlich viel heitrer geworden; die Beklemmung, die ihn drückte, schien ziemlich verschwunden.

»»Ja, Graf, nicht anders, fuhr der Alte fort; ja, mein junger Herr, man weiß hier mehr von Ihnen, als Sie begreifen können.««

»Nur noch eine Frage, dann will ich schweigen, sagte der Baron. -- Bin ich etwa hier, wegen des Verhältnisses, das vor zwei Jahren die Baronesse« --

»»Still! rief zornig der Alte; das ist es ja eben; an Liebe müssen Sie hier gar nicht denken, so wie Sie auf diese Passion gerathen, müssen gleich Anstalten getroffen werden; weder Baronesse, noch Gräfin, noch Fräulein, selbst das Wort Frauenzimmer muß nicht von Ihren Lippen gehört werden! Nun geben Sie mir die Hand, daß ich Sie noch einmal bewillkomme. Ich hoffe also, Sie werden uns keine Schande machen.««

Er hielt die Hand des Barons lange in der seinigen eingeschlossen, drückte sie, schob seine Finger hinauf, fast als wenn er den Puls fühlen wollte, sah dem jungen Mann noch einmal scharf in die Augen, und entfernte sich dann schnell nach dieser sonderbaren Begrüßung.

Nach einiger Zeit erschien der kleine freundliche Mann, den man den Herrn Friedrich nannte. Nun, sagte dieser, es ist ja gut abgelaufen; unser melancholischer Gebieter ist ja mit Ihnen zufrieden, er meint, es würde schon werden.

Aber, wo bin ich nur? fragte der Baron.

Der Kleine legte mit einer sehr listigen Miene den Finger auf den Mund, kräuselte die Lippen, zog die schmalen Schultern bis zu den Ohren, und sagte dann ganz leise: so lange Sie noch bloß auf Ihr Zimmer eingeschränkt sind, darf ich nichts Bestimmtes mit Ihnen sprechen; aber wenn Sie erst einmal herunter gekommen sind, dann wird Ihnen nichts mehr Geheimniß bleiben.

Wer sind Sie, fragte der Baron eifrig, und wer ist der Mann, der mich heute besuchte?

Nichts! nichts! rief der Kleine; sehn Sie, Verehrter, wir sind Alle ohne Ausnahme nur das, was unser gestrenger Herr uns befiehlt zu seyn. Hat er doch nun die Macht einmal; woher er sie hat, das weiß der Himmel wohl am besten, der sie ihm verlieh. Sehn Sie, er ist sehr hypochondrisch, und fast niemals vergnügt, und darum verlangt er, Alles im Hause solle auch ehrbar und fromm zugehn. Eine unbillige Forderung. Ich gelte aber doch viel bei ihm, und er meint, ich hätte Gaben. Nun haben Sie gleich beim Eintritt durch Ihr feines vornehmes Wesen mein ganzes Herz gewonnen, -- Sie sehn einem großen Feldherrn so ähnlich, den ich einmal gekannt habe; aber ich bin doch zu schwach, Ihnen zu helfen.

Wie so, zu schwach?

Betrachten Sie nur selbst meine Schultern, wie schmal, flüsterte der kleine Mann. Ja, wenn ich mehr heben und arbeiten könnte; wenn ich mich nicht immer so schonen müßte; wenn ich mir mehr bieten dürfte, so wäre mein Schicksal wohl ein ganz anderes, als hier im Hause herum zu kriechen.

Er entfernte sich, um dem Fremden das Mittagsessen zu holen, verschloß aber sorgfältig indessen die Thür.

* * * * *

Der Rath Walther hatte den Arzt wieder aufgesucht, um über den Plan ihrer gemeinschaftlichen Reise zu sprechen. Der Doctor hatte von seinem entlaufenen Zögling noch keine Nachrichten; er war jetzt neugierig, was sein Freund, dem er sich immer enger anschloß, ihm würde zu eröffnen haben.

Vielleicht, fing dieser an, sehe ich schon in einigen Tagen einen Jüngling wieder, dem ich seit vielen Jahren schon, seit ich ihn als Knaben kennen lernte und aufwachsen sah, meine Freundschaft, ja mein ganzes Herz schenken mußte. Alle unsere Bücher sind voll von Schilderungen der sogenannten Liebe; genau sind alle ihre Kennzeichen beschrieben, die Steigerungen, so wie die Verirrungen dieser Leidenschaft nachgewiesen, und von der _Freundschaft_, die eben so wundersam, zuweilen noch seltsamer erscheinen kann, wird kaum gesprochen, oder man setzt sie voraus, und meint, sie zu schildern, sei ohne Interesse. Wenn Alle zu _lieben_ glauben, ist es vielleicht nur Wenigen gegeben, im wahren Sinne _Freund_ zu seyn. Ich habe mich früh und ohne Leidenschaft verheirathet, und bin glücklich in meiner Familie. Aber von frühster Jugend habe ich das Talent in mir ausgebildet, Freund seyn zu können, mich dem geliebten Gegenstande hinzugeben, seine Eigenheiten, Schwächen und Vortrefflichkeiten zu erkennen, mich zu überzeugen, wie bei den verdienstvollen Menschen die einen nicht ohne die andern seyn können, und alle Liebe ohne gegenseitiges Ertragen nicht möglich ist. Doch, um nicht zu weitläuftig zu werden, sage ich nur, daß es mir gelang, viele und sehr verschiedene Freunde zu erwerben; doch hatte ich noch nie das seltsame Gefühl kennen lernen, das mich zu einem Knaben hinzog, der in unsrer Familie aufwuchs und ein entfernter Verwandter von mir war. Er hatte nichts mit andern Kindern seines Alters gemein; er nahm an ihren Spielen nicht Theil; er sonderte sich ab, und lebte, seine Lehrstunden abgerechnet, ganz einer träumenden Einsamkeit hingegeben. Da der junge Mensch schon früh seine Aeltern verloren hatte, so war sein Vormund, ein liebevoller Oheim, sehr um ihn besorgt. Fragte man Raimund, so hieß der Knabe, was ihm fehle, so antwortete er immer, ihm sei in der Einsamkeit unendlich wohl; ihn störe das Geräusch der Welt, er sinne sich und seinen Empfindungen nach. Hauptsächlich schien ihn eine Wehmuth über das Elend der Welt, über ihre Armuth und Krankheit zu durchdringen, vorzüglich über die Feindschaft und den Haß, den er so oft wahrnehmen mußte. Der Vormund wünschte, ihn zum Geschäftsmann heranzubilden, oder ihm doch die Fähigkeit zu verschaffen, das große Vermögen, das er für ihn bewahrte, künftig selbst verwalten zu können. Die Bemühungen aber, den Weichgestimmten mit den Verhältnissen der Welt bekannt zu machen, schienen immer vergeblich; denn so leichte Fassungsgabe sein feiner Geist sonst verrieth; wie er in Poesie, Musik und Natur Alles begriff, und sich das Schwierigste aneignen konnte; so schien ihm doch der Sinn für gesetzliche Verhältnisse, für alles das, was Besitz und Eigenthum sichert, für juristische Verwickelungen, Berechnungen und dergleichen, gänzlich verschlossen. Begriff er doch gar nicht einmal, wie es möglich sei, daß seine Capitalien Zinsen trügen. Er hielt dies, als er selbst schon erwachsen war, für ein Ergebniß, welches nur auf Betrug gegründet seyn könne. Als Jüngling war er die lieblichste Erscheinung. Wir verhärten uns gewöhnlich, und wohl mit Recht, gegen die Sentimentalität; weil dasjenige, was die Menge so nennt und schwache Gemüther interessirt, nur eine Mischung von Heuchelei und falscher Süßigkeit ist, eine egoistische Zartheit, die gerade da verletzt und roh tyrannisirt, wo sie Liebe und Weichheit zeigen sollte. Aber in Raimund offenbarte sich etwas Himmlisches verkörpert, und die naivste Wahrheit, die edelste Treue und Einfalt bildeten sein Wesen. Ich konnte oft in Gedanken beklagen, daß er späterhin doch zum Manne reifen und diese Wunderblume sich in Frucht verwandeln müsse. Er blieb immer menschenscheu; am meisten aber ängsteten ihn die schwatzenden und lachenden Mädchengesellschaften. Die meisten Menschen verspotteten ihn; ich allein verstand sein liebendes Gemüth; doch zitterte ich auch für ihn, wenn ich voraus dachte, wie ihm wohl einmal ein gleich gestimmtes weibliches Wesen begegnen könne. Dies geschah, und die Folgen waren erschreckender, als ich vermuthen konnte. Die schöngebildete Tochter eines reichen Hauses, schwärmerisch und scheu, lernte ihn kennen. Als wären die beiden Wesen nur für einander geschaffen, so schnell verstanden und vereinigten sie sich. Was ihr Glück störte, war der Oheim, obgleich er seinen Neffen so innig liebte. Er schien der Ueberzeugung, daß diese Leidenschaft nur zu Beider Unglück ausschlagen könne; er verweigerte durchaus seine Einwilligung zu ihrer Verbindung, bis Raimund großjährig geworden sei. Dieser härmte sich und sann und träumte nur Unglück. Blanka weinte; ihr Gram zog ihr ein Nervenfieber zu. Nun schien auch Raimund verloren. Er irrte in den Nächten im Felde umher, er verschmähte fast alle Nahrung, er wollte nur seinem Schmerze leben und sterben. Als sie die gefährliche Krise überstanden hatte, erlaubte sich ein Bedienter den grausamen Scherz, um ihn desto freudiger zu überraschen, ihm zu sagen, Blanka sei gestorben. Der Widerruf kam zu spät; sein ganzes Leben schien aus allen Fugen gerissen. Es währte nicht lange, so war er verschwunden; jede Nachfrage, jede Nachforschung umsonst. Sein Oheim, der Freiherr Eberhard ist außer sich; nun erst zeigt er, wie sehr er seinen Neffen geliebt; er macht sich die bittersten Vorwürfe, daß er jene Verbindung gehindert; er zögert noch immer, als der nächste Erbe, das Vermögen des Unglücklichen als das seinige zu betrachten; er hofft noch immer auf seine Rückkehr, und beweint ihn doch schon als einen Verlornen. Blanka war seitdem in einem fürchterlichen Zustande, ich habe sie nicht wieder gesehn; ihre Aeltern verließen die Stadt, und ein ungewisses Gerücht wollte sagen, sie habe den Verstand verloren. Denken Sie nun die Freude, die mir der Brief machen mußte, der mir eine wahrscheinliche Spur meines jungen Freundes entdeckt. Wie werde ich den Oheim überraschen, wenn ich ihm etwas Gewisses melden kann!

Der Arzt war nachdenkend. Eberhard, -- sagte er sinnend, -- ein Mann bei Jahren, zwei ungleiche Augenbraunen, und eben so ein braunes und ein blaues Auge? Auch schwebt mir dunkel vor, als habe ich aus seinem Munde selbst die Geschichte, die Sie mir jetzt mittheilen, gehört; nur erzählte er die Umstände anders.

Ihre Beschreibung paßt auf ihn, sagte der Rath; er ist von der Natur so sonderbar gezeichnet, daß man ihn nicht leicht verkennen kann.

Wie seltsam, fuhr der Arzt fort; wenn es dieser seyn sollte! -- Er spielte in meiner Vaterstadt eine wunderliche Rolle, und bewarb sich noch ganz kürzlich um eine Schauspielerin, die nicht den besten Ruf hatte.

Dann ist es dieser doch nicht, sagte der Rath; er lebt einsam, eingezogen, ja neigt eher zu einer übertriebenen Frömmigkeit hin.

Man kam dahin überein, am folgenden Tage abzureisen; denn im Dorfe eines einsamen Gebirges sollte der Jüngling, von dem der Rath Nachricht erhalten hatte, im Hause eines Predigers leben.

* * * * *

Es war einige Zeit verflossen, in der sich der junge Wolfsberg an seinen Aufenthalt und seine Lage gewöhnt hatte, und da er sich immer ruhig betragen, so trat eines Tages sein Freund, der kleine Friedrich, in sein Gemach, that einen kurzen Sprung, zuckte die Schultern, verzog sein blasses Gesicht zum Grinsen und sagte: jetzt werden Sie einer von den unsern; der Alte schickt mich, Sie möchten in den Gesellschaftssaal hinunter kommen.

Sind viele Leute dort? fragte der Baron.

Je nun, eine hübsche Gesellschaft; bald mehr, bald weniger; mancher reiset dann auch wieder ab, und so habe ich vorige Woche einen meiner besten Freunde auf der Welt verloren.