Part 12
Er sah Dorotheen durchdringend an, und entfernte sich zögernd. Sie war so bewegt und erschüttert, daß ein unruhiger Schlummer sie nur wenig erquicken konnte.
* * * * *
Im Hause des Baron Wilden waren einige Freunde zu einem kleinen Balle versammelt. Auch Alfred und der Offizier waren zugegen, und die junge Schwester, ein liebenswürdiges Kind, schien äußerst vergnügt; auch zeigte sich das Fräulein Ehrhard sehr munter, und Michel, der Zuschauer war, begriff kaum, wie sie sich so schnell im schottischen Tanze bewegen konnte. Jetzt war der Tanz geendigt, und der korpulente Wirth taumelte erschöpft auf ein Sopha nieder. »Wird man nicht ordentlich wieder jung,« rief er aus: »so sauer es einem auch ankommt. Daß dich, mein werthes Fräulein Erhard, was Sie springen können! Niemals hätte ich mir bei Ihrer Gottesfurcht so viele Elasticität vermuthet. So gefällt's mir, wenn man das überirdische Wesen mit dem weltlichen vereinigen kann, denn wahrhaftig, das Herz stirbt in der Demuth und dem weichen Wesen ab, wenn es nicht wieder einmal in Lust und Freude recht aufzappeln kann. Wie ein ganz neues Geschöpf, Fräulein Erhard, kommen Sie mir in meinem Hause hier vor, ich hätte Sie gar nicht wieder erkannt, wenn ich es nicht sonst wüßte, daß Sie es wären.«
Das muntere Fräulein setzte sich zu ihm, und beide betrachteten die tanzenden Paare. Der Rath Alfred bemühte sich sehr um Sophien, die Schwester des Barons, welches dieser nicht ohne Wohlgefallen bemerkte. Die Schenktische waren reichlich mit Erfrischungen versehen, und Diener in reichen Livreen servirten auf silbernem Geschirr. »Nicht wahr,« schmunzelte Herr von Wilden, der die wohlgefälligen Blicke des Fräuleins wahrnahm: »hier geht es nicht so zu wie drüben, wo sie meistentheils alle beisammen sitzen, wie Adam und Eva vor dem Sündenfalle? Hochherzige Redensarten, apokalyptische Seufzer und eine Wundertinktur von ambrosianischer Wehmuth. Tugend und Andacht zum Zeuche, frommes Gemüth zum Unterfutter, und dann noch mit Reue und Buße aufgeschlagen. Nein, man muß ein bischen sündigen, um sich dann wieder bekehren zu können; nicht wahr, mein hochgeschätztes Fräulein? Die Beine thun Ihnen doch nicht weh? Sie zwinkeln so mit dem Munde.«
»Nein,« sagte diese, »ich wollte mir nur das Lachen über Ihre sonderbaren Ausdrücke verhalten, denn Sie sind in der That ein arger Sünder; indessen, hoffe ich, werden Sie noch Buße thun.«
»Kommt Zeit, kommt Rath,« sagte der Baron: »sehn Sie, ich habe mich klug eingerichtet, ich habe in meiner Jugend eine Menge Sünden im voraus begangen, damit ich in meinem Alter hübsch was zu bereuen hätte, um mir nicht, wie mancher Pietist, die Verbrechen aus den Fingern zu saugen, und um nichts und wider nichts Gewissensscrupel zu machen. O, davon kann ich Ihnen noch einmal in manchem Nachmittagsstündchen erzählen, daß Sie Ihr blaues Wunder daran haben sollen.«
»Aber auch dergleichen Reden sind wieder Sünde,« antwortete das Fräulein.
»Nein,« rief Herr von Wilden, »durch das Mikroskop müssen Sie meine Tugend nicht betrachten, sonst werden wir nicht mit einander fertig; denn bei mir geht Alles etwas ins Große, verfeinert sind meine Verdienste so wenig, wie meine Laster. Aber sehn Sie, wie unter allen meinen Gästen der Herr von Böhmer so einsam am Ofen steht, und mitten in der Musik seine Kalender macht! Herr Lieutenant, kommen Sie doch, und tanzen Sie einmal mit einer von diesen Damen.«
»Ich tanze niemals,« sagte der junge Offizier, indem er näher trat: »auch würde ich nicht hergekommen seyn, wenn mich nicht Fräulein Erhard eingeladen hätte, von der es mir wohl nicht einfallen konnte, daß sie es auf einen tobenden Ball abgesehen hatte.«
»Sollte dem Reinen nicht alles rein seyn?« fragte das Fräulein mit vieler Salbung.
Alfred, der hinzu getreten war, antwortete: »Gewiß ist dies die richtige Ansicht, und es wäre lustig genug, wenn Herr von Wilden durch das Fräulein, und dieses durch unsern fröhlichen Baron bekehrt würde. Aber Du, Ferdinand (indem er sich an den Offizier wandte), trägst auch nicht eine einzige festliche Miene auf Deinem finstern Angesicht.«
»Ich gehe von hier,« antwortete dieser, »zur Baronesse hinüber, wirst Du mich begleiten?«
»Nein, mein Freund,« antwortete dieser, »und ich gedenke auch, diesem Kreise nie mehr zur Last zu fallen; denn diese prunkende Gleißnerei ist mir neulich deutlich genug geworden. Wie danke ich es dem wackern Manne, der mir diese Binde vom Auge schüttelte.«
»Du meinst den Graf Brandenstein?« sagte jener: »Du nimmst also die Partei des Bösen gegen den Frommen, der Sünde gegen die Tugend?«
»Lassen wir jetzt diese Reden,« antwortete Alfred, »ich fühle mich, seit ich diesen Mann kennen gelernt habe, mündiger.«
»Wissen Sie denn,« fiel der Baron ein: »etwas von der Geschichte? Der Wilde, der Amerikaner, soll ja nun angekommen seyn, ein gefleckter, kupfriger Mensch, mit Haaren wie Schuppen oder Stacheln. Auch sagen die Leute, dies unbändige Thier würde die störrige Dorothea heirathen.«
»Man weiß nichts Gewisses,« sagte Alfred: »der Amerikaner wird übrigens wohl ein Mensch wie alle seyn, und folglich ist sie mit ihm wohl glücklicher, als mit dem Baron Wallen.«
»Den Du nicht zu schätzen verstehst,« rief der Offizier, indem er sich nach einer kleinen Verbeugung entfernte.
»Sie meinen,« fuhr der Baron fort: »ein wohlerzogenes Mädchen könnte mit einem solchen See-Ungeheuer glücklich leben? Aber freilich müssen im Leben wohl vielerlei Arten von Glück verbraucht werden, damit Jeder etwas bekommt, was für ihn paßt; und wie ich höre, ist ja die hübsche Dorothea so gottlos, daß vielleicht der gottloseste Menschenfresser für sie nicht zu schlimm ist.«
»Sie sind unrecht berichtet,« antwortete Alfred, und wollte eine Erzählung anfangen, als die freundliche Sophie herbei hüpfte, um ihn zu erinnern, daß er mit ihr zur Quadrille versprochen sei. Der Baron trank indessen, und versprach dem Fräulein Erhard die nächste Polonaise, auf jeden Fall aber den fröhlichen Kehraus mit ihr zu tanzen.
* * * * *
Als man in jener Nacht Dorotheen vermißte, und der Baron die Geschichte seiner unglücklichen Werbung mitgetheilt, gerieth das ganze Haus in die größte Verwirrung. Man sendete Boten mit Lichtern aus, aber alle kamen in der stürmischen Nacht ohne Nachricht wieder. Die Mutter war sehr unruhig, und schien sich Vorwürfe zu machen, daß sie ein heftiges Gemüth, das sie an ihrer ältern Tochter kannte, zu weit getrieben habe. Sie schlief nicht, sondern irrte im Hause umher, und die beiden jüngern Töchter suchten sie zu trösten. Am Morgen erschien ein Bote von der Frau von Halden, der der Baronesse ein Billet übergab, und bald darauf fuhr eine Kutsche vor, aus welcher Dorothea stieg, welche die Mutter mit gezwungener Fassung aufnahm. Man sprach nur wenig, aber kein Wort des Vorwurfes ließ sich vernehmen, eben so wenig konnte die Tochter eine Entschuldigung vorbringen.
Der Baron, welcher Alles ängstlich und verwirrt beobachtet hatte, sagte endlich, als er sich mit der Baronesse allein sah: »Dies Blatt hat ja Wunder gethan! Von allem, was Sie sich gegen das ungerathene Kind vornahmen, ist nicht das Mindeste geschehen, Sie sind im Gegentheil gütiger als jemals gegen sie. Darf ich nicht wissen, von wem es kommt, und was es enthält?«
Die Baronesse erröthete. »Es kommt von dem Brandenstein,« sagte sie mit ungewisser Stimme: »doch enthält der Schluß die gröbste Verläumdung.«
Der Baron las: »Im Fall Sie, wie ich gewiß hoffe, Ihre edle, trauernde Tochter freundlich aufnehmen, sie unter keinem Vorwande quälen, an die Ehe mit dem Baron Wallen nicht mehr denken, so verspreche ich Ihnen das Capital, welches der Baron an Sie zu fordern hat, und außerdem ein bedeutendes Darlehn, beide ohne Zinsen, auf unbestimmte Zeit. Zwingen Sie mich nicht, gegen Sie aufzutreten, es möchte sonst manches bekannt werden, was sich nicht zu dem Tugendbilde eignet, das die Welt in Ihnen bewundert. Gewiß darf ich mich unterschreiben
Ihren Freund _G. Brandenstein_.«
»Dieser Zettel besagt,« schmunzelte der Baron: »daß unser heroischer Graf über ansehnliche Summen zu disponiren hat, und daß sein amerikanischer Freund oder Schützling, dessen Hofmeister und Verwalter er spielt, so ziemlich blödsinnig seyn mag, ganz so, wie ich mir vom Anfange die Sache gedacht habe. Der edle Mann wird nach Umständen seine Hand tief in den Beutel des fremden Wunderthieres tauchen, und so verschwindet denn bei näherer Prüfung bei jedem aufgedunsenen Cato die falsche Vergoldung, und setzt sich in Kupfer um.«
Die Sache bekam aber doch einen andern Schein, als am folgenden Tage ein Brief des Grafen anlangte, in welchem er für seinen reichen Amerikaner um die Hand Dorotheens anhielt. Er hätte sich überzeugt, so schrieb er, daß sein Freund, da er ihn genau kenne, nur mit diesem Wesen glücklich seyn könne.
Dorothea, die ganz in ihren Gedanken und Empfindungen verloren war, erschrak über diesen Antrag; sie lehnte ihn heftig ab, ihr Herz verzweifelte, daß der Graf, der ihre ganze Seele gesehn hatte, diesen Vorschlag thun konnte. Also kein Gefühl, seufzte sie im Stillen, nicht das kleinste für mich, die ich ihn nur denke und träume.
Auf die abschlägige Antwort der Mutter erfolgte ein noch freundlicherer Brief des Grafen, er bat für seinen Unbekannten, der binnen Kurzem erscheinen würde, nur um die Erlaubniß, sich zeigen zu dürfen, daß Fräulein Dorothea ihn so viel würdigen möge, ihn und seine Gesinnungen kennen zu lernen.
Auf diesen Antrag hatte Dorothea nichts erwiedert. Im stummen Schmerz beachtete sie die Zeit nicht, und ihre Angehörigen mußten ihr anzeigen, es sei nun Tag und Stunde da, in welcher der sonderbare Freiwerber auftreten würde. Frau von Halden war als Freundin zugegen. Ein Postzug englischer Pferde sprang vor, ein kostbarer Wagen und Domestiken erschienen. Dorothea war im Gartensaal einer Ohnmacht nahe. Brandenstein trat hochzeitlich geschmückt in der Schönheit des Mannes herein. »Und ihr Freund?« fragte die Mutter. »Nur die theure, geliebte Dorothea ist es,« antwortete er, auf diese zueilend: »von welcher mein Scherz Verzeihung erflehen muß, ich bin der Amerikaner selbst, jene Herrschaft ist nun endlich mein, und meinem Glücke fehlt nur noch ein Wort von diesem holdseligen Munde.«
Dorothea blühte auf, sah ihn mit einer Thräne im glänzenden Auge an und reichte ihm ihre Hand. »Wir fahren sogleich, meine Theuern,« indem er Alle begrüßte: »auf das nächste Gut, welches bisher der Frau von Halden zugehörte: ich habe die Erlaubniß zur Trauung, das Haus ist geschmückt, der Geistliche wartet.«
Nur der Brautkranz ward dem Mädchen in das Haar geheftet, dann stiegen Alle in den Wagen. Der Graf umarmte seine Braut, und drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen. »Durfte ich diese Seligkeit hoffen?« sagte er mit Thränen: »mußte mir die Liebe dieser reinen Seele begegnen? Dasselbe Kind wird die Freude meines Lebens, welches ich vor Jahren, neben Deinem theuren Vater sitzend, auf den Knieen wiegte? Sieh, hier bist Du in jener Sturmnacht verzweifelnd gewandelt. In demselben Zimmer erwartet uns der Geistliche, in welchem Du damals der Freundin das Bekenntniß ablegtest, das mich wie Blitze durchdrang.«
Dorothea war so glücklich, so vom Schmerz zur Wonne erwacht, daß sie nur wenig sprechen konnte. -- Die ganze Provinz ertönte von dem Reichthum des Grafen, von dem wunderbaren Glück des Fräuleins, und alle Nachbarn waren Zeugen dieser glücklichen Ehe.
Als Alfred sich mit Sophien verlobte, meldete auch der Baron Wilden seine Verbindung mit dem Fräulein Erhard. Den Freunden, die sich darüber wunderten, antwortete er: »Seht, besten Leute, Einsamkeit und Langeweile machen viele Dinge möglich; dazu hat meine Braut viele gute Eigenschaften, und ist viel lustiger geworden, als sie ehemals war. Auch bemüht sie sich außerordentlich um meine Bekehrung, und das ist nichts Leichtes, da in meinem fetten Körper meine Seele so viel tiefer liegt, als bei andern Menschen. Ich bin nun auch bald auf meine Weise fromm, sorgt nur dafür, daß die Sache hübsch in der Mode bleibt, damit ich nicht wieder einmal, wie ein Krebs, rückwärts gehn muß.«
Nach einiger Zeit fanden der Baron Wallen und die Baronesse es auch besser, sich durch die Ehe zu verbinden, da er keine der Töchter erhalten konnte, und ihm der Umgang dieser Familie doch unentbehrlich geworden war.
Alfred lebte nachher viel im Hause des Grafen, dessen Geschäftsträger er war, und noch oft erinnerte sich Brandenstein mit Entzücken, daß das Schicksal es ihm gegönnt habe, in seiner Gattin die edle Perle zu finden, die von ihrer ganzen Umgebung und von den nächsten Blutsverwandten so gänzlich verkannt wurde.
Die Reisenden. Novelle.
Es war an einem schönen Sommernachmittage, als drei junge Männer in lebhaften Gesprächen im schattigen Lindengange auf- und niederwandelten. Keiner kannte den Andern genau; noch weniger waren sie Freunde: und daher betraf ihre Unterhaltung auch nur unbedeutende Gegenstände. Doch wurde laut und sogar heftig gesprochen, weil der jüngste der Redenden es seinem Charakter und ausgezeichnetem Verstande angemessen hielt, seine Gedanken und Meinungen nicht ruhig, sondern in einem gewissen zänkischen und anmaßenden Tone vorzutragen, durch welchen er vielleicht seine Gegner eher zum Schweigen zu bringen, wenn auch nicht zu überzeugen glaubte. Sie sind, wie Sie mir gesagt haben, Arzt (so rief er eben jetzt aus), und als ein solcher haben Sie sich seit Jahren gewöhnt, das ganze Menschengeschlecht aus dem Gesichtspunkte der Kränklichkeit anzusehen. Wir Gesunden aber werden uns gewiß nicht so leicht, Ihrem Metier zu Gefallen, unsre feste Ueberzeugung nehmen lassen.
Mein Herr von Wolfsberg, erwiederte der Arzt, von meinem Metier, wie Sie es zu nennen belieben, kann hier gar nicht die Rede seyn.
Ja wohl, sagte der dritte Sprechende, welcher der Ruhigste schien. Wie kommen wir denn überhaupt dazu, zu streiten? Wir reden ja nur über allgemeine Gegenstände, die unmöglich einen von uns persönlich aufreizen können.
Warum nicht, mein ruhiger Herr Justizrath? rief der Baron noch lebhafter aus; denn gewiß können wir über die Leidenschaften nur dann etwas Bedeutendes aussprechen, wenn wir sie im eignen Herzen erfahren haben, und es scheint wohl, daß Sie alle Ihre klügelnden Beobachtungen nur aus mittelmäßigen Büchern schöpften.
Wenn Sie die Sache schon vorher abgemacht haben, antwortete der ruhige Mann, so thäten wir wohl besser, das ganze Gespräch zu schließen.
Es wandelt sich in der anmuthigen Kühle gut, sagte der Arzt; ereifern wir uns nicht, gönnen aber dem Herrn _Baron_ diese Motion, die ihm nach dem Mittagsmahle wohl zuträglich seyn mag, da lebhaftere Geister und Temperamente auch im Verlauf des Tages mehr Lebenskraft verbrauchen, als wir übrigen.
So ist es, erwiederte der Baron mit vieler Selbstgenügsamkeit. Und ist es denn wohl anders mit der Liebe, über welche sich unser Streit anhob? Will ich es denn den sanften, stillen Gemüthern zum Vorwurf machen, wenn sie meinen und behaupten, ein einziger Gegenstand könne ihre Seele für die ganze Lebenszeit ausfüllen? Giebt es doch auch Menschen, die nur wenige Gedanken brauchen, noch weniger Bücher; die einen Monat lang sich an einer Flasche Wein vergnügen; die bei einem Schmause anderthalb Austern verzehren, und wenn sie in jedem Frühling einen Spaziergang mit der ganzen auferbauten Familie gemacht haben, die Natur dann wieder, wie eine Bude, bis zum künftigen Jahre verschließen. Lassen wir diese genügsamen Lämmerseelen in ihrer stillen Friedfertigkeit; nur stelle man sie uns nicht als Muster hin, wenn sie sich in grünen Tagen in eine verblaßte Amarillis vergaffen, und nachher mit erkaltetem Herzen in alberner Treue ihr Leben verwinseln, stolz sind auf diese felsenfeste Tugend, und auf feurige Gemüther, auf Herzen, die der Fülle und des jugendlichen Wechsels bedürfen, mit moralischer Verachtung hinab blicken wollen.
Nach einigen Erwiederungen ließ man dies Gespräch fallen, weil es deutlich wurde, daß der Edelmann nur sich selbst und seinen Leidenschaften das Wort reden wollte. Wohin gedenken Sie von hier zu reisen? fragte endlich der Arzt.
Ich weiß es selbst noch so eigentlich nicht, antwortete der Baron: und wenn ich es auch wüßte, so würde ich es Ihnen nicht sagen.
Warum das?
Weil das eben, fuhr jener fort, auch zu meinen Eigenthümlichkeiten gehört, weßhalb mich so viele bürgerliche Menschen mit dem Namen Genie verlästern wollen. Wenn ich so recht eigentlich zur Lust reise, so halte ich mir die ganze Welt mit ihren erfreulichen Zufällen offen; ohne Paß, ohne Briefe, ohne Bedienten oder Kutscher, ohne alle die Zugaben, die unser Leben nur belästigen, tauche ich, wie die Schwalbe in die blaue Luft, in die Schönheit der Natur hinein, und hinter mir muß jede Spur, so wie die der Welle im Strome, verschwinden. An einige Häuser ist schon im voraus geschrieben, wo ich Gelder finde, wenn ich sie brauche, doch führe ich so viel mit mir, als ich nöthig zu haben glaube. Dient es mir, so wechsle ich auch mit meinem Namen; und so wissen Sie von mir nur so viel, als ich für gut befunden habe, Ihnen mitzutheilen, und können nicht darauf wetten, daß der Name, den ich Ihnen genannt habe, mein wirklicher sei.
Sie können, sagte der Justizrath, auf diese Weise aber neben manchen angenehmen Zufällen auch auf sehr widerwärtige stoßen.
Jede Verwicklung wird sich doch nur lustig lösen, und wer die Menschen will kennen lernen, sollte durchaus nur in meiner Manier reisen.
Der Arzt konnte sich nicht entbrechen, die Frage zu thun: Was nennen Sie Menschenkenntniß? Da Sie die meisten Menschen schon vor der Untersuchung für _Narren_ halten, so lohnt es sich schwerlich der Mühe, sie noch zu beobachten.
Zugegeben, rief jener, Sie thäten mir nicht so ganz Unrecht; ist denn nicht noch immer an den verschiedenen Modificationen eines und desselben Stoffes zu lernen? Ist es denn nicht auch erhebend und beruhigend, sich selbst an diesem und jenem zu messen? Das scheint mir eben die ächte Humanität, keinen zu verschmähen, und aufzumerken, welche Thorheit wir schon abgelegt haben, welche wohl noch unentwickelt in uns ruht, zu welcher wir keine Anlage spüren, warum _wir_ uns für besser als andere halten dürfen, um so in uns hochfahrenden Stolz und kleinmüthige Bescheidenheit in das gehörige Gleichgewicht zu setzen.
Dann thäten Sie aber vielleicht besser, erwiederte der Arzt mit übertriebener Höflichkeit, sich gleich an die wahre Quelle zu begeben, und sich die mühseligen Umwege zu ersparen.
Und wo flösse diese?
Wie die Engländer, fuhr der Arzt fort, sich in Deutschland gern in Pension geben, um unsere Sprache zu lernen, so sollte ein Kosmopolit, der sich so für das, was man Narrheit nennt, begeistern kann, geradezu vor die rechte Schmiede gehn, und sich ein Jahr lang in einem gut versehenen Narrenhause als Kostgänger verpflegen lassen.
Sie sind ein Arzt! rief der Baron in der größten Erbitterung: man sagt mir, Ihre Reise sei auf diese Anstalten gerichtet, vielleicht um die zu finden, die Ihnen am meisten behagt, und sich dort niederzulassen. -- Er warf noch einen grimmigen Blick, dann eilte er schnell den Lindengang hinunter.
Sie haben unsern edeln Unbekannten überrascht, sagte der Justizrath: wir werden seine theuere Gesellschaft darüber verlieren.
Er ist unerträglich, rief der Arzt aus. Sie haben es selber gehört, welche Geschichten er von sich an der Wirthstafel erzählt, wie alle Weiber ihm entgegen kommen, mit welcher Leichtigkeit er Liebschaften anknüpft und wieder löst. Gestern vertraute er mir, daß er seine Heimath plötzlich verlassen habe, weil ein unglückliches Mädchen gegründete Ansprüche an ihn mache. Die Arme wird nun vielleicht mit einem Kinde ihres Jammers nach ihm aussehn, indessen er sich mit seiner feigen Gewissenlosigkeit wie mit einer Tugend brüstet, und nach neuen Schlachtopfern seines verderbten Herzens sucht.
Der Justizrath meinte, er sei vielleicht nicht ganz so schlimm, sondern möge wohl zu jener armseligsten Gattung von Prahlern gehören, die sich mit einer Verworfenheit brüsten, zu der ihnen doch der Muth ermangle.
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Der junge Baron war indessen zornig ins Feld gelaufen. Er mußte sich seine Verdienste in den glänzendsten Farben dicht vor das Auge rücken, um seinen Verdruß zu überwinden. Indessen stellte sich bald seine gute Laune wieder ein, besonders durch Aussicht auf ein nahes und freundliches Abenteuer, das seiner Eitelkeit schon im voraus schmeichelte. Auf dem Walle, welchen große Linden schmückten, hatte er hinter einem Gitterfenster ein schönes blondes Köpfchen, einen blendenden Hals und Nacken bemerkt; schöne Augen hatten ihm nachgesehn, ein freundlicher Mund hatte ihn angelächelt, und ein dreister Gruß war ihm endlich bei seinem dritten Vorüberwandeln entgegen gekommen. Er hatte die Schöne auch in der Ferne nicht ganz aus dem Gesichte verloren: er wollte nur die zunehmende Dämmerung und die größere Einsamkeit der Gegend abwarten, um sich ihr zu nähern, Bekanntschaft zu machen, und sie, wenn die Umstände sich günstig erwiesen, zu besuchen. Er betrachtete sich selber wohlgefällig und ging mit Behaglichkeit die Scenen seines bunten Lebens durch, indem er sich vornahm, daß diese phantastische Reise ihm noch angenehmere Abenteuer zuführen solle.
Wieder schaute das Lockenköpfchen durch das Gitter, lächelte, winkte und zeigte sich sehr erfreut, als es den geputzten, schlanken Spaziergänger von Neuem vorbei gaukeln sah. Der Abend nahte schon, die Sonne ging unter. Er benutzte die Einsamkeit, um zu grüßen, stehn zu bleiben, und mit fragender Geberde auf die Thür zu deuten. Sie nickte und entfernte sich schnell. Er öffnete die Thür und stieg die Treppe hinauf. Sie empfing ihn oben; »nur leise, leise!« flüsterte sie, indem sie ihn in ihr Zimmer führte. So viel er in der Dunkelheit unterscheiden konnte, fand er das Gemach zierlich ausgeschmückt; er bemerkte, daß seine Führerin in Atlas gekleidet war. »Liebchen!« sagte sie mit leiser Stimme, »gedulde dich hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei dir; ich will mich nur putzen und Licht bringen. Aber rühre dich nicht, daß meine Feinde dich nicht gewahr werden!«
Mit diesen Worten ging sie in ein Nebenzimmer. Dem Abenteurer fing an, unheimlich zu Muthe zu werden. Da schlich man leise die Treppe herauf. Er besorgte einen Ueberfall und wußte nicht, welchen Entschluß er fassen sollte; doch trat Niemand ein, aber er wurde zu seinem Erstaunen gewahr, daß man von außen die Thür verschloß. Als er jetzt von unten eine männliche Stimme zu einem andern sagen hörte: er ist drinnen; er kann uns nicht entwischen! so sträubten sich ihm die Haare vor Entsetzen. Sein Schauder wurde aber noch vermehrt, als jetzt die Schöne mit einer brennenden Wachskerze wieder in das Zimmer trat. Hals und Busen waren fast ganz entblößt und schimmerten wie Marmor; ihr Auge strahlte in seltsamem Glanze, ein Diadem von Goldpapier stand auf dem Haupte, große Glasperlen hingen auf den weißen Schultern, Stroh und Blumen rankten sich um den Leib. So schritt sie mit Lachen und wilder Geberde auf den Geängsteten zu, der seine Gedanken noch nicht ordnen konnte, als die andere Thür wieder aufgeschlossen wurde, die räthselhafte Schöne mit einem lauten Schrei das Licht fallen ließ, und zwei starke Männer den Verwirrten in der Dunkelheit faßten, ihn die Treppe mehr hinunter trugen als führten, und ihn unten schnell in einen offen stehenden Wagen warfen. Ehe er noch fragen, sprechen, sich besinnen konnte, war die Thür des Wagens zugeschlagen, und im schnellsten Trabe fuhr dieser mit ihm durch die finstre Nacht über das Feld davon.
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