Schriften 17: Novellen 1

Part 11

Chapter 113,830 wordsPublic domain

Es trat eine Pause ein, Alle schienen verstimmt, Dorothea war tief bewegt. Indem der Bediente jetzt den Braten brachte, rief die Baronesse: »Ach! wie konnte ich nur die arme kranke Wittwe vergessen? Johann, tragt dies Gericht sogleich zu der Unglücklichen, mit meinen herzlichen Wünschen. Sie leidet, wie ich heut gehört habe, unglaublich, dabei ist sie arm, und ihre Kinder können ihr nur wenige Hülfe geben.« »Ja, die Armuth, die Krankheit!« seufzte der Baron. »O Himmel, was würde aus der finstern Erde werden, wenn nicht immer noch weiche, edle Gemüther das ungeheure Elend zu mildern trachteten.«

»Die bedauernswürdige Frau,« fügte Kunigunde hinzu: »soll auch mit ihrem verstorbenen Manne gar nicht glücklich gewesen seyn, er war hart und rauh, und behandelte sie oft übermüthig.« Sie warf dabei ihrem Gatten, der am andern Ende des Tisches saß, einen sonderbaren Blick zu, der gar Vieles bedeuten konnte. Der junge Mann, vom Tischgespräch aufgeregt, war so unerhört dreist, zu erwiedern, daß es auch oft der Weiber eigne Schuld sei, wenn sie in der Ehe nicht glücklich wären. Der Graf, um nähere Erörterung zu verhindern, bemerkte, daß es vielleicht, da man die Krankheit der Frau nicht genau kenne, schädliche Wirkung thun möchte, wenn sie von der Fleischspeise unvorsichtig genösse. Der Baron aber, der einen neuen kriegerischen Angriff vermuthete, sprach gerührt über die große Wohlthätigkeit der Baronesse, wie sie den Armen eine Mutter sei, und begriff nicht, wie es noch so harte Menschen geben könne, die von dem Elende ihrer Nebengeschöpfe so ungerührt blieben.

Jetzt kam Johann mit dem Braten zurück und meldete, daß die Wittwe sich gehorsamst bedanke; es sei ihr aber vom Arzte im Fieber Fleischspeise bis jetzt noch untersagt, auch empfange sie seit drei Wochen alles vom Schlosse, was sie gebrauche, worüber sie ihre Rührung nicht genug ausdrücken könne. »Ein Arzt?« sagte die Baronesse, »sie bekömmt schon? und wie?« -- »Ach, gnädige Frau,« sagte der alte Diener verlegen und mit Bewegung: »Fräulein Dorothea sendet ihr schon seit lange Alles, sie hat auch den Doktor kommen lassen, und besucht die Kranke selbst alle Morgen und Abende.« -- »So?« sagte die Baronesse mit einem gedehnten, zitternden Tone, und ein durchdringender Blick fiel auf die Tochter, die in der Beschämung nichts erwiedern konnte; »und warum, mein Kind, geschieht denn diese Ausübung der Wohlthätigkeit, diese Tugend, die mir an Dir neu ist, so heimlich? Warum gönnst Du Deiner Mutter denn nicht auch einen Antheil an dem Verdienste, da sich Dein Herz nun endlich auf dergleichen christliche Liebesdienste hinlenkt? Mein Rath würde die Wohlthat erst zu einer ächten machen können. Aber so sieht es aus, als wenn eher Eigensinn, als Mitleid, Deine Handlungen lenke.«

»Liebe Mutter,« flehte Dorothea, »schonen Sie mich.«

»Es ist zu beklagen,« fuhr diese fort, »wenn selbst das, was an sich Tugend ist, durch die Art, wie man es ausübt, sich zum tadelnswürdigen Fehler umgestaltet. Vorzüglich sehe ich Stolz und Anmaßung in dieser Art zu handeln, daß Du es übernimmst, ohne mich klug und weise seyn zu wollen, da Du doch nicht wissen kannst, ob Du nicht dadurch mehr Schaden als Nutzen stiftest.«

»Es ist zu viel!« rief Dorothea laut weinend aus, stand schnell auf und verließ mit verhülltem Angesicht das Zimmer.

Alle sahen auf, der Graf aber schien am meisten überrascht, er sagte mit bewegter Stimme: »Geschieht aber dem Fräulein auch nicht zu viel? Sie hat es wahrscheinlich gut gemeint; und mir scheint es auch nicht strafbar, daß sie ihre Wohlthaten heimlich erzeigt, daß sie vielleicht etwas zu verschwiegen ist, um sich nicht dem Schein des Prunkens auszusetzen.«

»Gewiß, gnädigste Frau,« sagte der greise Diener, »das Fräulein ist ein Engel, alle Leute im Dorfe sehn sie auch so an; was sie nur von ihrem Taschengelde sich absparen kann, was sie an Kleidern irgend entbehrlich findet, wendet sie auf die Armuth, aber das Schönste dabei ist die freundliche, stille Art, und wie sie die Leute beruhigt, und die Kranken tröstet, und die Kinder zum Gehorsam gegen die Aeltern ermahnt, die oft unwirsch sind: -- ja, wir sollen schweigen, denn das hat sie uns strenge befohlen, wir haben es auch Jahre lang gethan, aber einmal verschnappt man sich denn doch. Verzeihung, gnädige Frau.«

Diese Reden fielen vor, indem man aufstand; die Baronesse zitterte; der Baron suchte mit feierlichem Gesicht und Anstand, indem er der Mutter die Hand küßte, die Sache gut zu machen; der Graf empfahl sich mit wenigen Worten, und Alfred begleitete ihn; die übrige Gesellschaft ging in den Gartensaal.

»Es thut nicht gut,« sagte die Mutter, »wenn böse Menschen über unsere Schwelle treten.«

»Ihnen folgt kein Segen des Himmels,« fügte der Baron hinzu.

»Welch ein Mittag!« rief die Baronesse, »ich werde ihn lange nicht vergessen! Solche Menschen fehlen uns noch in unsrer Nähe, um mein armes abtrünniges Kind ganz unglücklich zu machen. Aber auch Sie, Herr Sohn, nahmen an dem gottlosen Menschen mehr Antheil, als ich oder die fromme Kunigunde wünschen können.«

»Mich dünkt aber,« sagte Kunigundens Gatte, »daß er manches ganz Vernünftige sprach; ich glaube auch, daß die Frömmigkeit zu weit gehe, und daß manche Frauen sich zu viel einbilden können.«

Da sah ihn der Baron mit einem langen strafenden Blicke an, den der Arme nicht aushalten konnte, und als jetzt Kunigunde laut zu weinen anfing, die Mutter ebenfalls weinend diese in die Arme nahm, um sie zu trösten, konnte er gerührt die bereuenden Thränen nicht länger zurück halten; er stürzte sich auch an den Busen seiner Gattin, schluchzend und um Verzeihung bittend. »Sein Sie alle beruhigt,« tröstete feierlich der Baron, indem er den Blick zum Himmel erhob: »der Herr wird Alles gut machen, denn heut Abend, wie Sie mir gesagt haben, verlobt sich mir jenes verhärtete, uns dennoch theure Herz, durch meine schwache Hülfe wird der Geist sie dann erleuchten, und wir alle werden Ein Herz und Eine Liebe seyn.«

* * * * *

Weinend hatte sich Dorothea in ihr Zimmer geschlossen. So zerstört, unzufrieden mit sich und der Welt, so ganz verloren und elend hatte sie sich noch nie gefühlt. Sie war tief beschämt, daß die einfache Art, sich der Armen anzunehmen, die ihr die natürlichste dünkte, plötzlich durch die Einfalt des Dieners war bekannt worden; aber es schien ihr auch zu hart, wie die eigne Mutter sie deshalb vor allen Gästen behandelt hatte, am schmerzhaftesten aber war es ihr, daß es in Gegenwart des Mannes geschah, den sie verehren mußte, der ihr Vertrauen gewonnen hatte, und dessen Achtung sie sich ebenfalls wünschte.

Es war finster geworden, ohne daß sie es bemerkte, als der Diener klopfte, und sie zur Mutter und der Gesellschaft herab zu kommen bat. »Mutter!« sagte sie vor sich hin: »Mutter! welch schönes Wort! Warum habe ich keine kennen gelernt?«

Sie ging hinab, im Saale saß die Familie versammelt, auch der junge Offizier war gegenwärtig. Indem Dorothea herein trat, fiel ihr erst wieder ein, weswegen sie gerufen werde. Ein Fieberfrost überfiel sie. Alle begrüßten sie als die Braut des Barons, die Mutter sagte freundlich, sie wolle ihr jetzt das Betragen des heutigen Tages verzeihn, die Schwestern wünschten der Betrübten Glück, und der Baron bedeckte ihre zitternde Hand mit zärtlichen Küssen. »Sein Sie ruhig, sein Sie glücklich,« sagte er mit sanftem Tone, »von heut an werden Sie, Geliebte, ganz zu uns gehören, und dieser Mensch wird das Haus nicht mehr betreten; wohl hatten Sie Recht, und der Himmel sprach aus Ihnen, daß ein solcher Elender nicht wandeln darf, wo wir unsre Schritte setzen.«

»Elender?« rief Dorothea, und riß ihre Hand so gewaltsam weg, daß der Baron zurück taumelte. »Sie sind ein frecher Mensch, daß Sie einen solchen Mann so zu lästern wagen!«

»Himmel!« schrie die Mutter, »sie hat den Verstand verloren! Ein böser Geist spricht aus ihr.«

Dorothea besann sich wieder, sie sah das Erstaunen der Umgebenden und suchte sich zu sammeln. »Ich bin so erschüttert,« fing sie an, »ich fühle mich so bewegt, vielleicht daß eine Krankheit -- nur einen Augenblick will ich mich im Freien abkühlen.«

»In diesem Wetter?« sagte die Mutter, »in diesem Sturm und Regen, so ohne Tuch, in Deiner dünnen Bekleidung?«

»Es muß seyn! es muß!« rief sie aus, und hatte schon, ohne auf die Uebrigen zu hören, die Saalthüre geöffnet, und stand im finstern kalten Garten. Da der Regen ihr entgegen schlug, so wandte sie sich in den bedeckten, dicht verflochtenen Gang, und ging hastig auf und nieder. »Ihm, dem Widerwärtigen,« sagte sie zu sich selbst, »auf immer verbunden? So tief, so tief herabgewürdigt? Und für wen? Für Jene, die es mir niemals danken werden, die dann wieder thun, als sei mir dadurch die größte Wohlthat erwiesen worden? Meine Seele retten? Verloren geht sie hier, vernichtet wird sie!«

Ein dunkler Schatten kam auf sie zu, und an der lispelnden, sanften Stimme erkannte sie sogleich den Baron. »Meine Gute,« fing er an, »Ihre liebe Mutter und wir alle erwarten Sie drinnen mit banger Besorgniß; mein Herz fließt in Zärtlichkeit über, da ich Sie schon als meine Gattin, und die Mutter meiner frommen Kinder betrachte.«

»Himmel!« rief sie aus, »das bedachte ich nicht einmal, daß mein Elend sich auch so weit erstrecken kann, Heuchler und böse Egoisten aus meinem Blute entsprießen zu sehen. Aber wenn mir auch dies Unglück nicht würde, so kann ich doch nie die Ihrige werden.«

»Wie?« rief der Baron, »und das feierliche Versprechen, welches Sie heut Morgen in die Hände Ihrer Mutter legten?«

»Und wenn ich es einem Engel vom Himmel gethan hätte,« sagte Dorothea, »so kann ich es nicht halten! Ja, wenn schon die Trauung geschehen wäre, so müßte man uns doch wieder trennen!«

»Seltsam, mein Fräulein! Bedenken Sie auch die Folgen?«

»Welche können es seyn? Alles ist zu tragen gegen das unabsehbare Elend, das meiner wartet.«

»Wissen Sie auch, daß es Ihre Mutter fordern kann? Wissen Sie, daß diese mir verpflichtet ist, was ich bis jetzt mit der Geduld der Liebe trug und verschwieg, in der Hoffnung, Ihrer Familie anzugehören? Fragen Sie sich, ob Sie unter diesen Umständen die Verpflichtungen Ihrer Mutter nicht lösen müssen, wenn Sie für eine gute Tochter gelten wollen?«

»Nein!« rief das Mädchen in der allergrößten Anstrengung, »lieber mit ihr darben, für sie arbeiten, ja, für sie sterben!«

»Es giebt aber doch noch Mittel,« sagte der Baron halb lachend, »solchen Starrsinn zu beugen; die Rechte der Aeltern sind groß, und offenbar sind Sie jetzt Ihrer Sinne nicht ganz mächtig; etwas Bitte, etwas Gewalt wird schon den kindischen Willen brechen.«

Er hatte heftig ihren Arm gefaßt, und war bestrebt, sie nach dem Hause zu ziehen; aber das starke Mädchen riß sich behende los, und floh durch den Gang, der Baron ihr nach, sie aber, die leichter war und die Verschlingungen des Gartens besser kannte, war ihm bald weit voraus; jetzt war sie an der offenen Grenze des Parks, sie überschritt auch diese, und rannte nun über das Blachfeld wie ein gejagtes Reh, indem abwechselnd Regen sie durchnäßte, und Sturm ihre zarten Glieder erstarren machte.

* * * * *

Die Frau von Halden saß behaglich in ihrem Stübchen, indem die Bäume draußen der Sturm schüttelte, und der Regen rasselnd gegen die Fenster schlug. Sie war recht von Herzen zufrieden; denn für einen unerwartet hohen Preis hatte sie ihr Gut verkauft, Alles war abgeschlossen, und Graf Brandenstein hatte mit dem Rathe Alfred noch diesen Abend Alles in Richtigkeit gebracht. Beide schliefen schon in den obern Zimmern des Hauses, denn es war nahe an Mitternacht, und sie wollte sich auch eben in ihr Schlafzimmer begeben, als ein heftiges, lautes Pochen an das Hausthor, und eine klägliche, bittende Stimme sie erschreckten. Sie klingelte, der Diener ward gesandt, um zu öffnen, und mit triefenden Kleidern, zitternd und todtenblaß stürzte Dorothea herein, warf sich ihr sogleich stürmisch an die Brust und rief mit heiserer Stimme: »Rette mich! rette mich!«

»Um Gotteswillen!« sagte die Freundin im höchsten Schreck, »Du bist es, geliebtes Kind? und so, in diesem Zustande? Ich traue meinen Augen noch nicht.«

So sehr sie erschrocken war, so schaffte sie doch sogleich mit der größten Freundlichkeit Wäsche und Kleider herbei, half der Erkälteten beim Umziehen, tröstete sie lachend und freundlich, und nöthigte sie dann, Glühwein zu genießen, den sie eiligst besorgt hatte, um den bösen Folgen der Erkältung vorzubeugen. Dabei umarmte sie sie so herzlich, trocknete ihr die Thränen vom Auge, küßte die Wangen, die sich schon wieder rötheten, daß Dorothea sich fast so glücklich wie in den Armen einer Mutter fühlte. Nach vielen tröstenden und scherzenden Worten sagte die Frau von Halden endlich: »Nun erzähle mir kurz, wie Du zu diesem tollen Entschluß gekommen bist, und dann geh zu Bett und verschlafe Alles.«

»Du mußt mich schützen,« sagte Dorothea: »Du mußt mir ein Obdach nicht versagen, sonst muß ich verzweifelnd in die weite Welt rennen, oder die Raserei stürzt mich in die Wogen eines Mühlteichs.«

»Beruhige Dich, mein Kind,« tröstete jene, »Du mußt ja doch wieder nach Hause. Aber erzähle: was ist Dir denn so plötzlich gekommen?«

»Nur lache nicht,« rief Dorothea, »bleibe ernsthaft, meine gute liebe Freundin, denn ich bin in Verzweiflung. Heut Morgen ließ ich mich bereden, aus Schwäche, aus Rührung, man hatte so unerwartet meinen Geburtstag gefeiert, daß ich versprach, mich heute Abend mit dem Baron von Wallen zu verloben. Das sollte nun geschehen, und darum bin ich weggerannt, weil ich ihn verabscheue, weil ich in meinem väterlichen Hause mit meinen Geschwistern, mit meiner Mutter nicht mehr leben kann.«

»Ich weiß wohl,« erwiederte die Freundin, »daß Du den Baron nie lieben kannst, daß Dir in der Familie oftmals Unrecht geschah; aber dieser Ausdruck des Entsetzens in Dir, da Du Alles so gewohnt schienst, bleibt mir doch unbegreiflich.«

»Immer noch fasse ich es selbst nicht,« antwortete Dorothea: »ich weiß nicht, wie ich es Dir erzählen soll. Daß ich nicht glücklich war, mußt Du wohl gesehn haben, wenn ich Dir auch niemals ein Wort darüber sagte. Ach, das schreibt sich ja schon seit dem Tode meines geliebten Vaters her. Du weißt, ich war kaum dreizehn Jahre, als er starb. O Himmel, welch ein Mann! ich konnte damals seinen Werth nicht ermessen; aber je älter ich wurde, je mehr blühte er in meiner Erinnerung zum verklärten Gegenstande meiner Liebe auf. Dieser milde, freundliche Sinn, diese Heiterkeit, Menschenliebe, stille Frömmigkeit, diese Freude an Natur und Kunst, dieser rege, herrliche Geist -- ach! und er war auch nicht glücklich! Ich sah, ich bemerkte es wohl, als ich etwas zu Verstande kam, er war in der Ehe nicht glücklich, er und meine Mutter waren sich zu ungleich, sie stritten oft mit einander. Dann war er zu Zeiten recht tiefbetrübt, aus seinen schönen braunen Augen konnte ein unendlicher Kummer sprechen, wenn er sie so still vor sich nieder senkte. Dann war ich seine Freude, ich fühle es, wie ich ihn trösten konnte. Und nun war er plötzlich dahin gegangen! Er muß es jenseits erfahren und gefühlt haben, wie meine Herzensliebe ihm gefolgt ist. O meine Freundin, es giebt Momente des Schmerzes, wo nur die kalte, taube Dumpfheit, in die endlich unser Wesen versinkt, uns von Wahnsinn und Raserei errettet. So war ich nun in Schmerz und Sehnsucht erwachsen, die Keiner theilte, Keiner verstand. Und wie veränderte sich das Leben unsers Hauses! Statt der heitern Mittheilungen, statt der frohen Gesellschaften ein ernstes, feierliches Prunken. Meine jüngern Geschwister wurden in einem ganz entgegengesetzten Sinne erzogen, als es mein Vater gewünscht hatte. Betstunden, Andachtbücher, religiöse Gespräche füllten die Zeiten des Tages; und mein Herz wurde immer leerer, ich konnte die Andacht nicht mitfühlen, ja, nicht einmal an ihr Dasein glauben. Alle meine Bücher, noch Geschenke meines Vaters, durfte ich nicht mehr zeigen, Alles war weltlich, anstößig; ich erschrak über die Deutungen, die man den Stellen gab, die mir die liebsten waren, die ich auswendig wußte. Göthe's himmlische Natur selbst, seine edle Hoheit war Verführung, Sinnenlust, und eine raffinirte Prüderie, die mir höchst anstößig schien, mußte Tugend heißen. Meine Geschwister, so wie sie zur Besinnung kamen, betrachteten mich als eine Ausgeartete, die für's Gute nicht empfänglich sei; sie hörten das ja in allen Stunden, sie mußten es wohl glauben. Zwischen ihnen und der Mutter entspann sich ein Verhältniß, welches mich gleich sehr von beiden entfernte, und um welches ich sie doch nicht beneiden konnte. Eine übertriebene Liebe, eine zarte Weichheit, ein Schonen und Liebkosen, das mir oft durch's Herz schnitt; ja die Mutter ging so weit, diese jüngern Töchter zu vergöttern, sie anzubeten und es ihnen zu sagen, daß sie es thue. Die Schwestern behandelten die Mutter, wie man etwa mit einer abgeschiedenen Heiligen umgehen würde, wenn sie zu uns zurück kehrte; doch könnte ich es auch wohl nur einen Tag so treiben, und müßte dann heiterer mit ihr bekannt werden, oder sie wieder ganz vermeiden. Ich erinnerte mich noch wohl, wie oft mein Vater gesagt hatte, in früher Jugend müßten die Kinder blind gehorchen lernen, damit sie, erwachsen, der Freiheit fähig wären. Diese Freiheit des Geistes und des Gemüthes, die den Menschen erst zum bestehenden Wesen, die die Liebe, ein freies Hingeben, erst möglich macht, fand aber unter diesen so eng Verbundenen doch nicht statt, ja sie wurde, wenn sie sich einmal zeigen wollte, als die ärgste Sünde behandelt. Die kleinste Schwäche, das geringste Vorurtheil der Mutter durfte nicht berührt werden, auch in Kleinigkeiten, über ein gleichgültiges Buch, über einen Menschen, ja über die Farbe eines Bandes, durfte keins eine andere Meinung hegen, als sie. War nur von einem Spaziergange die Rede, nur zum nächsten Gut, ja, durch den Garten, so verbot sie diesen, wenn sie nicht daran Theil nehmen konnte oder wollte, nicht geradezu, sondern sie sagte: »Geht, wenn Ihr ohne mich seyn könnt; ich kann zwar ohne Euch nicht leben, aber könnt Ihr es, so will ich Euch nicht stören; bin ich doch daran gewöhnt, Euch alle Opfer zu bringen.« Natürlich geschah nichts, und die Schwestern gaben dann ihrem Verdruß den Anstrich der Andacht, und ich, die ich zum Bündniß nicht gehörte, mußte ihre Launen entgelten. Mein Muth entwich. Ich ertrug es, auch von der jüngsten Schwester gehofmeistert zu werden. O meine Freundin! wenn ich dies alles so, was mir verkehrt und unrecht schien, bemerkte, so ging ich dann wohl in den einsamsten Theil des Gartens, und ließ meinen heißen Thränen ihren Lauf, weil ich mir schlecht und gottlos erschien, daß ich mir alles dies gestand, und meinen Wahrheitssinn, der von meinem Vater erweckt und gebildet worden war, doch nicht unterdrücken konnte. Oft war ich so unaussprechlich elend, daß ich Gott um meinen Tod bat. Es kamen dann auch Zeiten, da ich doch sehn mußte, wie alle Menschen, die in unser Haus kamen, meine Schwestern verehrten, ihnen huldigten und mich vermieden, in denen ich mir selbst schlecht und verächtlich schien. Wenn ich aber rang, so wie die Andern zu seyn, so brachen mir alle Kräfte zusammen, und die Arme fielen mir gelähmt am Leibe nieder. -- Aber, hörtest Du nicht Geräusch im Nebenzimmer?«

»Nein, mein gutes Kind,« sagte Frau von Halden: »Alles schläft, es kann höchstens eine Katze seyn.«

»Kunigunde heirathete,« fuhr Dorothea fort: »die Männer, die sich um mich bewarben, ängstigten mich nur durch ihr läppisches Wesen, andere stießen mich durch ihre Rohheit zurück. Ich konnte nicht fassen, daß mich einer lieben könne, ohne daß ich ihn auch innigst liebte, und darum erschienen mir ihre affectirten, übertriebenen Redensarten so nüchtern, und es war mir unmöglich, an ihre Leidenschaft zu glauben. Alles aber war noch erträglich, bis der Baron Wallen in unser Haus kam; er bemächtigte sich bald des Gemüthes meiner Mutter, die Sclaverei wurde nun ganz unleidlich. Nun wurde erst recht im Großen mit der Liebe geprunkt, die meine Geschwister zu einander und zur Mutter trugen; in der ganzen Provinz sprach man davon; wenn Fremde kamen, war es wie ein Schauspiel, in dem sich alle Tugenden entwickelten. O vergieb mir, Du und die einsame Nacht werden meine Reden nicht weiter tragen; auch hast Du ja selbst die Art oft gesehen, und der Himmel mag meine Empfindungen ändern, oder sie verzeihn. Recht ängstlich aber war es, daß in diesem gleißenden Baron ein wahrer Faun unter der priesterlichen Decke wandelt. Clara gefiel ihm, auch Clementine; aber die Kinder, so sehr sie ihn auch verehren mußten, erschraken doch vor dem Gedanken, ihn als Ehemann anbeten zu müssen. Sie wurden aber bald befreit; denn die Bestimmung, für die sie sich zu gut fühlten, wurde mir unvermerkt und künstlich zugeschoben. Nun hörte ich immerdar, wie edel, ja wie nothwendig es sei, sich zu opfern, wie armselig die eigentliche Leidenschaft der Liebe erscheine, wie eine vernünftige Ehe jedes andere Glück der Erde übertreffe. Glaube mir, ich hätte mich fallen lassen, mein Leben war völlig abgeblüht, ich wäre das Opfer und ganz elend geworden, wenn -- --«

Dorothea zögerte. »Nun, mein Kind?« fragte die Freundin gespannt.

»Wenn nicht heut,« fuhr jene im melodischen Tone fort, »heut an diesem Tage, an dem ich geboren ward, und an welchem ich auch wieder zu leben anfing, ein Mann erschienen wäre, der unserer Familie ein Abscheu war, und auf den ich, nach den Beschreibungen, heftig zürnte, ein Mann, der mein ganzes Herz umgewendet, ja neu geschaffen hat, und dessen bloßer Anblick, wenn er auch nicht gesprochen hätte, es mir unmöglich macht, den Baron, ja irgend einen Mann zu heirathen.«

»Wunderbar!« rief die Frau von Halden.

»Nenn' es so,« sagte das Mädchen: »es ist auch so, ach, und doch wieder so natürlich, so nothwendig. In ihm, in seinem milden Blick, der Vertrauen einflößt (glaube mir, ich hatte wirklich ganz vergessen, daß es noch Augen giebt), in seiner verständigen Rede, in jeder seiner Geberden erschien mir die Wahrheit wieder, die mir schon zur Fabel geworden war, meine Jugendzeit, der Segen meines Vaters. Nie habe ich begreifen können, was die Menschen Liebe nennen, in den Dichtern habe ich es wohl geahndet; ich glaubte aber immer, dies himmlische Gefühl sei für mich armes, verstoßenes Wesen nicht geschaffen; aber jetzt weiß ich, daß es das seyn müsse, was ich für diesen trefflichen Mann empfinde, denn ich konnte mir nicht einbilden, daß auf Erden wirklich eine solche Erscheinung wandle.«

»Armes Kind!« sagte die Freundin: »er ist ein ruinirter Mann, ohne Vermögen, und wer weiß auch, ob er so für Dich empfände, denn er ist nicht mehr jung. Jetzt geh nur zu Bett, morgen früh wollen wir mit Verstand darüber nachdenken, wie der Baron zu besänftigen sei, und daß der Baron Dir Ruhe läßt.«

»Nie gehe ich zurück!« rief Dorothea mit erneuter Heftigkeit: »ich will lieber in einem fernen Lande als Magd dienen.«

Jetzt hörte man deutlicher im Nebenzimmer Geräusch, die Frauen stutzten, die Thüre öffnete sich, ein Lichtstrahl drang heraus und Graf Brandenstein trat ihnen entgegen.

»O mein Gott!« rief Dorothea: »der Graf selbst!«

»Ich war nicht schlafen gegangen,« antwortete dieser: »sondern arbeitete noch, als dieser unerwartete Besuch --«

»O Sie Heimtückischer!« rief die Frau von Halden: »und so haben Sie auch gewiß alles gehört, was meine Freundin erzählt hat?«

»Ich kann es nicht leugnen,« sagte der Graf: »die Wand und Thüre sind so dünn, daß mir kein Wort verloren ging. (Dorothea zitterte heftig.) Sie würden mich also, mein schönes, edles und mir unbeschreiblich theures Fräulein, nicht verschmähen, wenn ich ein Vermögen zu Ihren Füßen legen könnte?«

»O wie beschämen Sie mich!« sagte das Fräulein --: »soll ich noch mehr sagen?«

»Nehmen Sie dieses Blatt,« fuhr der Graf fort: »diese wenigen Zeilen werden Ihnen in Ihrem Hause vollkommene Sicherheit gewähren.«