Schriften 17: Novellen 1

Part 10

Chapter 103,651 wordsPublic domain

»Sonderbar!« sagte der Baron: »somit wäre auch die Andacht und die Frömmigkeit, das Erkennen des Himmlischen diesem Wandel unterworfen?«

»Ich glaube,« sagte der Graf, »wer nicht irdisch seyn mag, kann auch nicht überirdisch seyn; Nacht und Tag, Schlaf und Wachen, Erhebung und Gleichgültigkeit müssen sich ablösen. Wir beklagen mit Recht, daß es so ist und seyn muß, aber es kann nicht anders; wer aber die Erleuchtungen der Andacht, die Entzückungen einer himmlischen Liebe zu einem stehenden Artikel in seinem Herzen machen wollte, der dürfte sich wohl auf dem allergefährlichsten Standpunkte befinden, auf den der Mensch sich nur wagen kann.«

»Sie sind einmal als Freigeist bekannt,« antwortete die Mutter, »und es wird Ihnen bei uns nicht gelingen, unsere klare Ueberzeugung zu trüben.«

Kunigunde sagte mit einem schmelzenden Tone: »Sie meinen also, es sei gefährlich, den Herrn zu lieben?«

Brandenstein mußte lächeln: »Gefährlich, wie alle Liebe, schöne Frau,« erwiederte er leicht, »besonders, wenn man den Gegenstand, den man zu lieben unternimmt, nicht kennt, oder sich eine ganz unrichtige Vorstellung von ihm macht; noch schlimmer, wenn wir ein Phantom aus ihm bilden, das alle unsre Vorurtheile bestärken, uns in unsern Schwächen Recht geben, unsere Fehler und Irrthümer autorisiren soll. Da dürften wir unser thörichtes Herz leicht an ein Gespenst verschenken, wie einige alte Mährchen etwas Aehnliches erzählen, und uns entsetzen, wenn uns die wahre Gestalt des Göttlichen einmal in einer erleuchteten Minute erschiene.«

Dorothea hörte aufmerksam zu, und der Baron sagte nicht ohne Verdruß: »Die Liebe kann nicht irren. Wo sonst einen Wegweiser auf unserm Pfade suchen?«

»Wenn sie die wahre ist, nicht,« erwiederte der Graf: »aber über diese täuschen wir uns selber nur gar zu leicht; denn wenn unsere Leidenschaften nicht Sophisten wären, so wären sie eben auch keine Leidenschaften.«

»So ist denn der Zweifel,« sagte der Baron zürnend, »das Einzige, was wir gewinnen können.«

»Er sei unser Diener,« antwortete der Graf, »der die Wege untersucht, unser Thor, der mit nüchternem Spaß uns vor dem Allzuviel oder vor Uebereilung warne. Kinder und Narren reden aber, wie das Volkssprichwort sagt, die Wahrheit: zuweilen wenigstens, wenn nicht oft und immer.«

»Eine Mutter,« sagte die Baronesse, »weiß, was Liebe ist; der Mann behält vielleicht immer eine dunkle, zweifelnde Vorstellung von dieser Kraft. Auch ist die That immer mehr als das Wort, und so habe ich meine Kinder erzogen und mit ihnen gelebt, ganz in Liebe, keinen blinden Gehorsam, nie etwas Unvernünftiges von ihnen fordernd, immer habe ich mich ihnen geopfert; aber sie haben schon lallend meine Liebe erkannt und erwiedert, auch sie haben nur ihren Herzen folgen dürfen, und Strenge, Furcht und dergleichen ist ihnen völlig unbekannt geblieben.«

Die Töchter sahen die Mutter zärtlich an, die Mutter hatte Thränen im Auge, nur Dorothea blickte scheu vor sich nieder, und der Baron sagte begeistert: »Man kennt und verehrt diese musterhafte Erziehung, und wer an Liebe zweifelt, komme und sehe diesen Familienkreis.«

»Fern sei es von mir,« sagte Brandenstein, zu Dorotheen gewendet, »mit rohem Gefühl diese zarte Liebe nicht anerkennen zu wollen; nur meine ich, wenn ich mich meiner glücklichen Kindheit erinnere, daß die Liebe zu den Aeltern, und eine gewisse religiöse und edle Furcht vor ihnen ein und dasselbe seyn müßte; denn durch die letztere scheint mir meine Kindesliebe erst ihre wahre Kraft und Innigkeit erlangt zu haben, auch soll ja diese heilige Scheu vor etwas Unbegreiflichem in den Aeltern jenen blinden, unbedingten Gehorsam erzeugen, in welchem sich das Kind eben so glücklich fühlt; denn ohne diesen Gehorsam findet, scheint es mir, weder Erziehung noch Liebe statt.«

Die Mutter sah die älteste Tochter, welche derselben Meinung zu seyn schien, bedenklich an, und sagte dann mit etwas gespitztem Tone: »Ich habe es vorgezogen, meine Kinder früh zu überzeugen, und wo das nicht möglich war, stimmte ich sie so, daß sie aus Liebe zu mir das thaten, was sie nicht einsehen konnten.«

»Ich verehre Ihre Erziehung,« sagte der Graf, »denn wer möchte in dieser schönen Umgebung dagegen streiten? Doch dürften diese Auswege vielleicht etwas zu kostspielige Surrogate für den einfachen und wohlfeilen Gehorsam seyn.«

Der Baron wandte sich verstimmt an den Rath Alfred, und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Der junge Offizier erzählte mit Selbstgenügsamkeit, daß er neulich die Gesellschaft, zu der ihn eine Dame eingeladen hatte, ohne alle Entschuldigung vermieden habe, da es ihm sündlich scheine, eine Unpäßlichkeit oder ein Geschäft vorzuschützen. Man lobte diesen Wahrheitstrieb und meinte, diese Art und Weise müßte in der Gesellschaft die allgemeine werden, wenn sie sich vor der leeren Affectation, Heuchelei und fortwährenden kleinen Lüge retten wolle. Auch die Mutter stimmte zögernd in diese Behauptungen ein, ob sie gleich befürchtete, daß dergleichen nur schwer möglich zu machen sei, ohne zugleich die feinen Bande der Geselligkeit völlig zu lösen; doch sei eben darum die Tugend des Einzelnen, der den Muth habe, sich über diese Rücksichten hinweg zu setzen, um so mehr zu preisen. »Nichts,« fuhr sie fort, »habe ich bei meinen Kindern so sehr zu erwecken und zu beleben gesucht, als den heiligen Wahrheitstrieb; ich habe sie bewacht, daß sie sich nie auch nur die kleinste Unwahrheit, ja selbst im Scherze nicht, erlauben durften. Immer auch habe ich mich bestrebt, alle Fragen wahr zu beantworten, aus dem Unterricht alles zu entfernen, was nicht klar und deutlich gemacht werden konnte; am meisten aber vermied ich jene unsinnigen Mährchen und lügenhaften Geschichten, die Furcht und Aberglauben nähren, und das Gemüth der Kinder wohl am allermeisten der Wahrheit entfremden.«

Der Baron führte diese Sätze noch mehr aus, und alle Uebrigen stimmten ein, außer dem Grafen, welcher äußerte, daß es eine der schwierigsten Antworten seyn möchte, zu sagen, was denn Wahrheit, die eigentliche Wahrheit sei. »Die Menschen,« meinte er, »suchen sie in allen Richtungen schon seit Jahrtausenden, und auch hier muß, wie fast immer, der gute Wille, wahr seyn zu wollen, nur zu oft die Sache selbst vertreten. Will ich gegen Kinder oder Schwache immerdar auf alle Fragen die Wahrheit sagen, so komme ich in die Gefahr, gar nicht mehr wahrhaft seyn zu können; denn das Letzte beruht ja doch auf einem Geheimniß, das ich eben so wenig läugnen darf, als ich es erklären kann. Und zu diesem Unsichtbaren hin drängen uns Phantasie und Gefühl schon sehr früh, und der Lehrer, der die junge Ungeduld hiervon entfernen will, muß nur wieder zu einer andern Lüge seine Zuflucht nehmen, die vielleicht in falscher Aufklärung eben so schlimm, als die des Abergläubigen ist. So scheint es mir auch nicht gut gethan, die Phantasie der Kinder nicht bilden zu wollen, auch in der sonderbaren Kraft, die das Grauen sucht, und blinde, wilde Schrecknisse ersinnt. Dieser Trieb ist in uns, er regt sich früh; und soll er unterdrückt werden, strebt man ihn zu vernichten, was nicht möglich ist, so wächst er in der finstern Tiefe fort und gewinnt an Macht, was er an Gestaltung verliert. Ich habe weibliche Wesen gekannt, die man aus übertriebener Aufklärung selbst vor dem unschuldigsten Mährchen bewahrte, und die in reifen Jahren es nicht über sich vermochten, am Abend auch nur durch das benachbarte Zimmer zu gehen, so bezwang sie ein namenloses, ganz kindisches Grauen, so daß sie vor jedem Laut, vor jedem Schatten ohnmächtig erzitterten. Wird dagegen in der Kinder-Phantasie auch das Seltsam-Aengstigende in Gestalt gebracht, wird es in Mährchen und Erzählungen gesänftiget, so vermischt sich diese Schattenwelt sogar mit Laune und Scherz, und sie selbst, die verworrenste unsers Geistes, kann ein Wunderspiegel der Wahrheit werden. Durch diese Krystallseherei können wir weitentfernte und doch befreundete Geister wahrnehmen, die uns in sichtlicher Nähe nur höchst selten vorüber schweben.«

»Daß Sie ein solcher Freund des Aberglaubens sind,« erwiederte die Baronesse, »muß ich erst jetzt von Ihnen erfahren.«

Dorothea schien kein Wort dieser sonderbaren Unterredung zu verlieren; sie sah Kunigunden an, auf welche jene Schilderung einer unvernünftigen Angst, die sie oft sogar am Tage befiel, buchstäblich paßte; auch waren die andern Schwestern zuweilen kindisch genug, und scheuten am Abend jeden Gang. Kunigunde war empfindlich, sie glaubte, der fremde Gast kenne diese ihre Schwäche, und habe sie nur schildern wollen. Die Mutter konnte ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen.

»Der Gesellschaft,« fuhr Brandenstein fort, »kann ich mich nicht immer mit der nackten Wahrheit nahen, denn sie fordert und erwartet sie nicht von mir. Ich darf die Tugenden der Einsamkeit nicht in sie werfen, wenn ich nicht den Zauber, durch welchen sie für den gebildeten Menschen so reizend wird, zerstören will. Man findet allenthalben schlechte Gesellschaft, die ich wahrlich nicht preisen will; aber daß man das feine Leben, die zarteren Bande der gebildetern Welt, das anmuthige Verhältniß der Geschlechter, die Formen, welche Witz und Lebensart erfanden, so oft schmähend mit den Gesetzen und Bedingnissen eines sinnreichen Kartenspiels verglichen hat, ist mir zwar nicht unpassend, aber sonderbar vorgekommen, und unbegreiflich, daß man nicht die Mannigfaltigkeit des Lebens und dessen nothwendige Figuren hat anerkennen wollen. Man muß nur eine Zeitlang mit bäuerischen Menschen gelebt haben, die ihre rohe Zutäppigkeit für biedere Tugend so oft verkaufen wollen, die alles verletzen, die kein Geheimniß, kein zartes Verhältniß anerkennen, sondern alles Geistigere Affectation und Heuchelei taufen; man muß Wochen lang diesem rohen Betasten und Anpacken, und der drückenden Langeweile ausgesetzt gewesen seyn, um den Adel eines feinen, geistreichen Umgangs wieder schätzen zu lernen. Hier gilt denn freilich nicht immer das blanke Ja und Nein; und mit der sogenannten Wahrheit die gegebenen Formen, durch welche diese Erscheinung sich nur darstellen läßt, umstoßen wollen, ist eben so unbillig, als wenn ich die Gesetze eines künstlichen Schachspiels Lüge nenne, mit meinen Bauern gleich in das letzte Feld des Gegners rücke und mein Spiel für gewonnen erkläre.«

»Sie sind ein ziemlicher Sophist,« sagte der Baron. »Es fehlte noch, daß die Verläumdung, Klatscherei, Neid und Verfolgung der großen Gesellschaften einen Lobredner fanden; es bleibt dann nur noch übrig, die stille Tugend, die schöne Bürgerlichkeit, die kindliche Unschuld und edle Einfalt der nichtvornehmen Welt zu schmähen.«

»Sie können mich unmöglich so mißverstanden haben,« sagte der Graf: »ich meine nur, man soll Bedingnisse, die jedes Spiel und Kunstwerk nothwendig macht (und die gute und feine Gesellschaft sollte wohl von beidem etwas haben), nicht mit Unwahrheiten verwechseln; denn auch im Tanz ist keine Wahrheit, wenn anders der gerade eilige Geschäftsschritt so zu nennen ist, und es dürften sich von dieser Ansicht her selbst gegen den Spaziergang nicht unerhebliche tugendhafte Zweifel aufwerfen lassen.«

»Immer ärger!« rief der Baron: »zum Glück, mein scharfsinniger Graf, sprechen Sie alles dies in einer Gesellschaft, auf die es nicht schädlich einwirken kann.«

»Sie haben mich einmal hinein gezogen,« erwiederte Brandenstein, »und so mögen Sie denn auch mein ganzes Glaubensbekenntniß hören. Ich denke, es hat noch keinen Menschen gegeben (und keiner wird kommen), der nicht irgend einmal in seinem Leben mit Bewußtsein gelogen hätte. Sei es nun Nothlüge oder Schwäche, Furcht, Eigennutz oder Eitelkeit, und wie sie alle heißen mögen, diese Flecken unsrer Natur; vielleicht auch, um nur einmal diesem Geiste zu folgen, der uns doch gar zu reizend verlockt. Und dürfen wir doch nur auf die erhabenen Apostel sehen, um zu lernen, daß sie ihrem Vorbilde, der ewigen göttlichen Wahrheit, nicht immer getreu zu seyn stark genug waren. Vieles dieser Art möchte ich die unschuldigen Lügen nennen, denen der bessere Mensch, eben weil sie so resolut sind, bald aus dem Wege gehn kann. Aber wie steht es denn mit jener gleissenden Eigenliebe, mit jenem prunkenden Egoismus, mit der ausgebildeten Heuchelei, die aus dem ganzen langen Leben mancher Menschen nur eine einzige Lüge bilden? Ich habe wenigstens einige gekannt, die so im Lügengeiste untergesunken waren, daß es für sie gar keine Wahrheit mehr gab. Und diese Menschen galten für tugendhaft, sie hielten sich selbst für Auserlesene, es war ihnen möglich, selbst auf dem Sterbebette die Rolle der Heuchelei fortzuspielen.«

»Dergleichen ist nicht möglich!« rief der Baron, und Alle stimmten ihm bei; nur Alfred äußerte, es könne doch wohl dergleichen Verkehrtheit geben, worauf ihn Dorothea verwundert mit großen Augen ansah. »Sie sprechen überhaupt,« fuhr der Baron fort, »von einer vorigen Welt; seit Ihrer Abwesenheit hat sich bei uns Alles so geändert, daß Sie, wenn Sie unser Vaterland erst wieder kennen lernen, kaum mehr eine Spur vom vorigen finden werden. Die alte Irreligiosität, jene leere Freigeisterei, die sich Aufklärung nannte, ist, dem Himmel sei Dank! ziemlich verschwunden; immer schöner entwickeln sich die Keime einer ächten Religiosität, man schämt sich nicht mehr, Christ zu seyn, an den Herrn zu glauben und sich im brünstigen Gebet zu ihm zu erheben. Die Kirchen sind wieder gefüllt, die höhern Stände verschmähen nicht mehr die Gemeinschaft ihres Nebenchristen, andächtige Bücher haben die frivolen von den Tischen unserer Weiber und Mädchen verdrängt, geläuterte Seelen unterhalten sich, statt mit Theatergeschwätz, über die Bibel, ermuntern sich zur Buße und Andacht, theilen sich die Erfahrungen mit, die sie an ihrem Herzen machen, stärken sich gegenseitig, und immer deutlicher spricht aus diesen erhobenen Gemüthern der Geist des Herrn. Alles dies, mein zweifelnder Freund, werden Sie wenigstens gelten und stehn lassen müssen, denn hier ist Wahrheit und Liebe, hier ist kein Irren möglich.«

Er hatte alles dieses mit großer Salbung gesprochen. Der Graf schwieg einen Augenblick, ehe er sagte: »Unser Tischgespräch hat eine so ernsthafte Wendung und einen so feierlichen Inhalt gefunden, daß es wohl passender wäre, abzubrechen, entweder auf eine stillere Stunde diese Eröffnungen zu versparen, oder ganz zu schweigen, weil man sich über diese wichtigen Gegenstände am leichtesten mißversteht.«

»Weil Sie sich jetzt völlig geschlagen fühlen,« sagte der Baron, »so wollen Sie sich wenigstens einen sichern Rückzug vorbehalten. Ich dächte, es wäre jetzt Ihre Pflicht, offen zu gestehen, daß Sie über diesen Punkt nichts zu sagen wissen, wenn Sie nicht unverholen bekennen wollen, daß Ihnen jene fast vergessene Freigeisterei lieber als unsere heilige Religion sei.«

»O sprechen Sie!« rief Dorothea, sich selbst vergessend.

»Sie sehen, wie dringend Sie aufgefordert werden,« sagte die Mutter, indem sie einen langen und drohenden Blick zu Dorotheen hinüber warf; auch Alfred bat, daß der Graf sich erklären möchte, in wiefern er in diesem Punkt mit dem Zeitalter einverstanden sei.

»Da ich es nicht ganz umgehen kann,« sagte dieser: »so will ich kurz andeuten, was ich habe beobachten können; denn da ich schon seit einem Jahre wieder in Deutschland bin, so ist mir nicht alles so fremd, wie Sie glauben, ob ich gleich erst seit kurzer Zeit meine Geburtsgegend hier wieder besucht habe. Könnte ich Ihnen allen nur das Vorurtheil benehmen, daß Sie mich, wie ich merke, für einen gottlosen Unchristen halten. Nein, ein solcher bin ich wahrlich nicht, aber ich muß mir nur das unbestreitbare Recht vorbehalten, auf meine Weise ein Christ seyn zu dürfen. Daß es jetzt, wie zu allen Zeiten, wahrhaft fromme und erleuchtete Gemüther giebt, und daß man diese verehren solle, wer möchte daran zweifeln? Das Bedürfniß des Glaubens hat sich wieder gemeldet, der Geist hat fast an alle Herzen geklopft, und Anmahnungen mancher Art und aus allen Gegenden haben sich vernehmen lassen. Ein klarer frischer Strom hat sich wieder durch die lechzende Ebene von den ewigen Gebirgen her ergossen, und der Kraft seiner Wogen folgen die Dinge und Wesen, welche er ergreift; unwiderstehlich fühlt sich Alles fortgezogen, und Groß und Klein, Stark und Schwach muß nothgedrungen mit hinunter fließen. Wie ächte Begeisterung dies veranlaßt hat, so ist es denn doch auch hier, wie in allen geschichtlichen Ereignissen, ergangen, die Menge, die Eitelkeit, die menschliche Schwäche trübt auch diese Erscheinung, und als es einmal Mode war, frei zu denken und den starken Geist zu spielen, wenn Viele auch schwach und abergläubig waren, so ist es jetzt Sitte geworden, religiös zu scheinen, wenn es Manchem auch frivol und unerleuchtet genug zu Muthe seyn mag.«

»^Desinit in atrum piscem,^« sagte der Baron ereifert, »der Anfang Ihrer Rede ließ etwas Besseres vermuthen.«

»Wie Viele,« fuhr Brandenstein ruhig fort: »sind mir aufgestoßen, die mir fast beim Begrüßen entgegen warfen, daß sie außerordentliche Christen seien. Andere sprechen beim dritten Worte und bei den gleichgültigsten Gegenständen vom Heiland; bei jeder Veranlassung, sei sie noch so geringe, beten sie, und erzählen uns dies; ja ich habe Romane gelesen, in denen der Verfasser in der Vorrede sagte, er schreibe niemals, ohne vorher zu beten, und alles Gute, was im Buche stehe, sei unmittelbare Eingebung; das kürzeste Mittel, jede Kritik zurück zu schlagen, und die Romanze dicht an die geoffenbarte Schrift zu schieben. In Gesellschaften ergreift man jede Veranlassung, von Reue, Buße, Andacht und Erlösung zu sprechen, und entweiht, nach meinem Gefühl, das Heilige, vergißt, daß es eine Aehnlichkeit mit der Liebe hat, deren Gefühle und Geständnisse der wahre Liebende auch nicht jedem fremden Ohre Preis geben wird.«

»Was schadet es aber,« sagte der Baron, »wenn die frommen Gemüther vielleicht auch zu oft von dem Gegenstande ihrer Liebe sprechen?«

»Es kann nicht die Liebe seyn,« erwiederte Brandenstein: »es ist Eitelkeit, Hochmuth, der besser seyn will, als andere Menschen. Gerade wie zu der Zeit der Empfindsamkeit oder der Aufklärung, ist es ein krankes Bedürfniß, das allenthalben Nahrung sucht, das sich schmeichelt und zu immer tieferer Krankheit verzieht, das unduldsam und verachtend auf Nebenmenschen, die oft besser und frömmer sind, hinblickt, weil diese nicht gerade in den angegebenen Ton auch einstimmen wollen.«

»Sie schildern die Ausartung,« stammelte die Baronesse in einer Art von Angst.

»Nichts anderes, verehrte Frau,« antwortete der Graf: »nur daß mir diese häufig in die Augen gefallen ist. Auch habe ich Erbauungsbücher gesehn, die sehr in der Mode zu seyn scheinen, Altes und Neues, die wahrlich nur dazu dienen können, mittelmäßige Menschen, die schon von der Eitelkeit ergriffen sind, ganz zu verwirren, in denen der Schöpfer, die reine Liebe, gleich einem launigen wunderlichen Alten dasteht, der sich aus Langeweile gelüsten läßt, die krausesten Schicksale zu flechten, und Diesen und Jenen, wenn auch Viele dabei untergehn, auf feine und seltsame Art aus seinem Elende wieder heraus zu führen. Andere verwandeln Religion in Magie und Zauberei; oder verhärten die Herzen der Weiber, daß sie sich unendlich über ihre Männer erhaben fühlen, diese, wenn sie nicht ganz auf ihre Weise frömmeln, in einem Zustande der Zerknirschung erhalten, und in dem Gefühl, wie tief sie sich herablassen, die geheiligten Gattinnen so ordinärer Sünder zu seyn. Ich kannte ein armes, mittelmäßiges Mädchen, die sich glücklich schätzte, an einen jungen wohlhabenden Mann verheirathet zu werden, die aber nach einem halben Jahre auch zur Heiligen wurde, und sich nun vorlügt, ihre christliche Tugend bestehe darin, den Mann zu dulden; übermenschlich erscheint sie sich, wenn sie ihn nicht ganz verachtet, aber doch sagt sie sich dies täglich und ihren religiösen Gespielinnen, die sie auch in dieser Frömmigkeit bestärken. Ist nun dies nicht Sünde?«

»Ja wohl!« seufzte plötzlich Kunigundens Gatte auf, und die Mutter, welche den Halt ihrer Familie fast sichtlich zusammenbrechen sah, bereuete es, dies Gespräch begonnen zu haben, und zürnte ihrem würdigen Hausfreunde, dem Baron, daß es durch ihn so angefeuert wurde. Brandenstein aber, der nun einmal im Zuge war, konnte ebenfalls in seinem geistlichen Eifer nicht ruhen, bis er seine ganze Catilinarische Rede an den Mann gebracht hatte. »Wie erhebend kann es seyn,« fuhr er lauter fort: »wenn wir fromme Männer, um sich ganz dem Heiligen zu ergeben, der Welt und allen ihren Schätzen den Rücken kehren sehen, um in stiller Abgeschiedenheit nur Einem großen Gefühle zu leben. Ich will einzelne Brüderschaften nicht tadeln, wenn sie sich in einem ähnlichen Sinne verschließen, und von Kunst und Geschichte, Philosophie und Welt nichts wissen wollen. Aber wenn diese einseitigen Frommen, die in der Welt stehen bleiben, die Erziehung der Uebrigen genossen haben und sich selbst für gebildet ausgeben, uns immer und immer wieder zurufen, nur Eins sei, was Noth thue, Malerei, Musik und Dichtkunst seien nicht nur überflüssig, sondern sogar sündhaft, und nur Gebet, Erleuchtung, Buße sei alles, was den Menschen in Anspruch nehmen solle, -- so möchte ich doch wohl Diese fragen: von welchem engen Gefühle ihre sogenannte Religion sei, daß sie Liebe, Wahrheit, Vernunft und die lieblichen Erscheinungen der Phantasie gar nicht zulassen könne und dürfe? Also wäre den Reinen heut nicht mehr alles rein? Der Mensch ist schon als todt zu betrachten, dem in der Natur und Geschichte nicht Gott mehr erscheint; der ist verloren, der in der Kraft der Vernunft seine hohe Gegenwart nicht mehr sieht. Auch der ist fromm, dem aus dem Gemälde eine Entzückung anstrahlt, und der sich, so lange er Shakspeares Sommernacht liest, selig und im Himmel fühlt. Denn auch Scherz, Lust und Witz sind göttlicher Abkunft, und wir werden um so reiner und geläuterter, je mehr wir den göttlichen Strahl in diesen zarten Spielen erkennen lernen.«

»Ja wohl,« sagte der Baron, welcher das auffallende Mißvergnügen der Baronesse bemerkt hatte, »können wir heut dies interessante Gespräch nicht zu Ende führen.«

»Unmöglich,« antwortete der Graf, welcher selber über seinen Eifer zu erstaunen schien, »denn sonst möchte ich wohl noch darüber belehrt seyn, warum diese frommen Gemüther sich nicht mit mehr Demuth der Kirche anschließen? Warum sie verlangen, daß alle Menschen auf ihre Weise die Dinge sehen sollen? Warum nicht Zweifel auch sie anwandeln und es ihnen begreiflich machen, daß sie doch auch wohl irren könnten? Ob es nicht christlicher sei, mehr nach dem Evangelium bei verschlossenen Thüren zu beten, als pharisäisch ihr vieles Beten weltkundig zu machen? Ich könnte denn wohl noch bemerken, daß dieser geistliche Schwindel sich auffallend genug mit einem politischen verbindet, und daß diese kranke Stimmung, die sich über ganz Deutschland verbreitet, es einem überaus verwirrten und schwachen Buche möglich gemacht hat, den Beifallsruf einer Menge zu erwerben, die nun erst beurkundet, wie wenig sie je unsern großen Dichter faßte, als sie ihm zujauchzte. Es kann als ein Frevel gegen diesen großen Mann erscheinen, wenn man es nicht lieber lächerlich finden will, daß man ihm so schulmeisternd mit Glaubensfragen nahe rückt, daß man Immoralität und Mangel an Idee seinen Werken vorwirft, weil er sich nie zu den armen Bedürfnissen dieses Wortführers herabgelassen hat. Daß alles dies möglich gewesen ist, hat mir gezeigt, wie wenig wahre Bildung bei uns noch Wurzel gefaßt hat, und wie leicht es daher Schwindlern wird, mit halbwahren Begriffen die schreiende Menge zu verwirren.«

»Sie meinen _Göthe_,« sagte der Baron, »und die sogenannten unächten Wanderjahre. Nun, da sind wir ja schon so ziemlich weit von unserm ersten Diskurse abgekommen.«