Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente
Part 8
Indessen war Geoffroy mit dem Zahn auch zu einem starken und mächtigen Ritter herangewachsen und spürte auch die Lust in sich, große Thaten zu thun, um seinen Namen berühmt und unsterblich zu machen. Die Gelegenheit, einigen Ruhm zu erwerben, zeigte sich bald, denn an den Gränzen des Landes ließ sich ein gewaltiger Riese spüren, der ein ziemliches Unwesen trieb mit Morden und Rauben, auch Leute Beschädigen und Plündern, so daß selbst die Schlösser nicht sicher waren, die die edle Melusina in dortiger Gegend gebaut hatte und sich jedermann vor ihm furchte. Diesen Riesen beschloß Geoffroy anzugreifen, und auch mit Gottes Hülfe umzubringen, über welchen Entschluß sich aber sein Herr Vater Reymund heftig entsetzte und ihn von seinem gefährlichen Vorhaben abzumahnen suchte, stellte ihm das Beispiel seiner Brüder vor Augen, welche auch Ruhm gesucht und durch ihre Thaten sogar Könige geworden, aber doch nie darauf gefallen waren, sich mit Riesen einzulassen. Aber der Geoffroy bestand auf seinem festen Sinn und sagte: wird dem Riesen nicht Einhalt gethan, so verübt er immer mehr Schaden an den Ländereien, und das soll nicht sein. Reiste mithin ab, ohne sich sonderlich an die Bitten seines Vaters Reymund und die Thränen seiner Mutter Melusina zu kehren.
Der Freymund mit der Wolfshaut auf der Nasen war nun auch zu seinen erwachsenen Jahren gekommen, und schien sich fast gänzlich den Wissenschaften zu ergeben, denn er las sehr viel, trieb auch keine Waffenübung, wie seine übrigen Brüder von ihrer frühen Jugend gethan hatten. Es währte nicht lange, so zeigte sich seine Begierde zum geistlichen Stande, denn er lag seinen Eltern dringend an, ihm zu erlauben in dem Kloster Malliers, welches die Melusina aus Andacht gestiftet hatte, ein Mönch zu werden. Als sein Vater Reymund diese Bitte verstanden hatte, wurde er einigermaßen unwillig und sagte: Freymund, alle Deine Brüder haben nach Ehren und Würden gestrebt, und sind tapfre und berühmte Ritter geworden, und ich sollte nun noch unter meinen Kindern einen Pfaffen haben? Solches will mir gar nicht gefallen; Du sollst auch nach Tapferkeit und nach Ritterschaft streben.
Nach Ritterschaft will ich nicht streben, antwortete Freymund, auch will ich Zeit meines Lebens keinen Harnisch an meinem Leibe tragen, oder ein Pferd besteigen, sondern hier im Kloster Malliers Gott als Mönch dienen. Sind alle meine Brüder edle und tapfre Herren und verrichten große Thaten, so ist es auch nicht unrühmlich, wenn sie einen andern Bruder haben, der für alle betet, da ihnen oft die Zeit dazu in ihren verwirrten Händeln gebrechen mag. Ich bitte Euch daher um Gottes Willen, Ihr wollet mir in meinem Verfahren nicht hinderlich, sondern beförderlich sein, denn mein Sinn ist so darauf gerichtet, daß ich auf andre Weise keine Ruhe für meine Seele finde.
Da Reymund diese große Begierde seines Sohnes sah, Gott zu dienen, ging er seinetwegen mit seiner Gemalin Melusina zu Rath, was sie wohl über ihn beschließen möchten. Diese sagte, daß sie es gänzlich in Reymunds Wohlgefallen stelle, doch sei es ihr gar nicht zuwider, unter ihren Kindern auch einen geistlichen Herrn zu haben.
Darauf wandte sich Reymund wieder zu seinem Sohn und sagte: mein Freymund, ich und Deine Mutter haben es nun überlegt, daß wir Dir in Deinem gottseligen Vorhaben nicht wollen hinderlich, sondern vielmehr beförderlich sein, aber überlege Du, daß der Orden in Malliers sehr strenge ist; ich kann Dich ja leicht zu einem Domherrn machen, so hast Du es besser, oder ich habe es auch wohl um unsern allerheiligsten Vater, den Pabst, verdient, daß er Dir ein Bisthum ertheilt, wenn ich darum bei ihm nachsuche, so hast Du doch mehr Ehre und kein so hartes und strenges Leben.
Aber Freymund sagte: nein, ich will sonst nichts weiter, als zu Malliers im strengen Orden ein Mönch werden.
Wie bist Du nur von diesem Gedanken so eingenommen? fragte Reymund.
Freymund sagte: liebster Herr Vater, die Welt mit ihren Händeln ist sehr verworren, so fürchte ich, wenn ich mich da hinein begebe, gar meine Seele darüber zu verlieren, denn hinter Ehre und Ruhm, Wohlleben und Pracht lauert der Satan, wie er den Schwachen überrasche, und ihn von sich selber abtrünnig mache. Bin ich im Kloster zu Malliers, so bin ich keiner dergleichen Gefahren ausgesetzt, meine zeitlichen und weltlichen Sorgen sind mir entnommen, ich kann unaufhörlich an Gott denken, und mir seine Wunderwerke recht lebendig vorstellen, dabei weiß ich, in diesen Stunden schläfst du, in diesen issest du, in diesen wird Handarbeit gethan, oder im Garten gegraben und Blumen und Gemüse auferzogen, so viele Stunden dienst du Gott, und daß das jeden Tag wiederkommt und keine Aendrung leidet, daß keine Störung und Irrsaal in diesem schönen einfachen Lebenslaufe vorfällt, seht, das hat mir so überaus wohlgefallen, daß ich gar zu gern im Kloster Malliers, im strengen Orden, Mönch werden möchte.
Reymund sah ein, daß sein Sohn weise war und Recht hatte, darum gab er seiner Bitte nach, und freudig begab sich Freymund zu den Patribus, und wurde alsbald Mönch in dem Kloster Malliers, welches seine Mutter gestiftet hatte, in dem strengen Orden.
Jetzt erhielten auch Reymund und Melusina Nachrichten von ihren Söhnen Antonius und Reinhardt, wie der eine König von Böhmen, der andre Herzog zu Lützelburg geworden sei, durch ihre Ritterschaft und ihre kühnen Thaten: darüber dankten sie Gott sehr und freuten sich über ihr eignes und ihrer Kinder großes Glück, denn drei von den Söhnen waren zu Königen gekrönt, der vierte ein Herzog geworden, und der fünfte ganz nahe bei ihnen im Kloster zu Malliers ein Mönch, um für alle übrigen Gott zu bitten.
Es fügte sich, daß Reymund an einem Sonnabend wieder die Melusina vermißte, denn sie pflegte an diesem ganzen Tage nicht zu erscheinen, doch gedachte er seines Eides, sich nie um sie zu bekümmern und sie ungestört gewähren zu lassen. Der Vater des Reymund, der alte Graf von Forst, war damals schon gestorben, und sein ältester Sohn, der jetzt Graf von Forst genannt wurde, legte einen Besuch bei seinem Bruder Reymund ab. Reymund ließ dieses Besuches wegen viele und vornehme Gäste zu sich einladen, die alle dem Reymund ihren ergebensten Respekt bezeigten; doch als sich Melusina den ganzen Tag nicht zeigte, sagte der Graf von Forst zu seinem Bruder: Bruder, laß doch Deine Gemalin erscheinen, damit sich Deine vielen und vornehmen Gäste nicht darüber verwundern, daß sie so lange außen bleibt. Reymund antwortete: lieber Bruder, heute kann solches nicht geschehn, aber morgen sollst Du sie zu sehn bekommen.
Als die Mahlzeit geendigt war, gingen die beiden Brüder beiseit, und der Graf sagte zu Reymund: lieber Bruder, ich muß Dir ein Ding eröffnen, welches mir schon seit lange auf dem Herzen liegt. Man sagt allgemein im ganzen Lande, daß Du mit Deiner Gemalin übel angekommen seist, sie sagen, Du seist bezaubert, daß sie sich alle Sonnabend abseitiget, und Du an solchem Tage gar nicht einmal nach ihr fragen darfst; wunderlich ist es immer, daß Du nicht weißt, was ihr Thun und Lassen sei, als ein redlicher Bruder seh ich mich gezwungen, Dir zu sagen, daß Du davon große Schande haben kannst, denn die meisten Leute meinen, sie treibe an diesen Tagen Hurerei, welches doch gegen deine Ehre liefe, andre sagen wieder, sie möchte überhaupt wohl ein Gespenst und alles mit ihr nur ein ungeheures Wesen sein, darum ist es mein demüthiger Rath, Du erkundigst Dich etwas mehr um ihr wahres Befinden und suchst es zu erforschen, damit Du nicht Gefahr läufst, für einen Narren gehalten zu werden.
Als Reymund diese Rede verstanden hatte, wurde er vor Zorn ganz bleich und dermaßen wüthig, daß er sich und seinen Schwur gänzlich vergaß; die Worte seines Bruders schienen ihm recht und gut, in der größten Grimmigkeit lief er fort und griff ein Schwert, womit er sich in die Kammer begab, in die er noch nie gekommen war, weil er sie der Melusina zu ihrem heimlichen Aufenthalte absonderlich hatte erbauen lassen. Hier kam er an eine fest verschlossene eiserne Thür und er besann sich nun, was er thun sollte; es fielen ihm wieder die Worte seines Bruders ein, daß seine Gemalin in Unehren lebe. Darüber beschloß er, alles selber zu sehn, und dann, nachdem er es befinden würde, seine Schmach zu rächen. Er nahm also das Schwert, und bohrte mit der Spitze desselben ein kleines Loch in der eisernen Thür, wo er hindurch sehn mochte.
Als Reymund nun stand, und durch die Oeffnung schaute, verwunderte er sich über die maßen, denn er sah Melusina im Bade, wie sie von oben bis auf den Nabel ein schönes Weib sei, dann aber in den Schweif einer bunten gesprengten Schlange endigte, der azurblau war und mit Silberfarben darunter gesprengt, so daß diese Farben wundersam in einander schimmerten. Das Zimmer war eine tiefe Grotte, die Wände waren mit allerhand seltsamen Muscheln ausgeziert und ein Springbrunnen, in welchem sich Melusina befand, war in der Mitten. Von oben ergossen sich auch Wasserstrahlen und tröpfelten wie Perlen durch einander, bei welchem wunderbaren Getöse Melusina sang, indem sie eine Zitter in der Hand hielt:
Rauscht und weint ihr Wasserquellen In der stillen Einsamkeit, Die Erlösung ist noch weit, Meine Thränen mehren eure Wellen.
Ach! wann wirst du, Trauer, enden, Von mir nehmen meine Schmach? Immer ist die Strafe wach, Keiner kann das bös Verhängniß wenden.
Bei diesen Worten vergoß sie einen Strom von Thränen und Reymund war auf das innigste bewegt und erschüttert. Nun fiel ihm auch bei, wie er seinen Eid gebrochen und eine Untreue gegen seine tugendvolle Gemalin begangen habe, dabei konnte er ihre seltsame Verwandlung nicht begreifen und furchte sich auch, daß nun sein Elend anfangen würde, da er seinen Schwur nicht gehalten, wie sie ihm vor der Hochzeit prophezeit hatte, denn er glaubte, daß sie nach ihrer verborgenen Wissenschaft recht gut um seine Untreue wissen würde. Endlich aber verstopfte er die gemachte Oeffnung wieder mit Wachs, und ging im höchsten Zorne zu seinem Bruder zurück. Da dieser ihn also wüthend kommen sah, glaubte er, Reymund habe die Melusina auf einer Unehre betroffen, und sagte zu ihm; siehe, mein Bruder, es hat sich also bestätigt, daß Deine Gemalin Dir und ihrer Ehre ist abtrünnig geworden.
Reymund aber sagte: Du hast mir Unwahrheit vorgebracht und bist mir ein schädlicher Bruder, Du bist zu einer unglücklichen Stunde in mein Haus gekommen, denn deinetwegen bin ich nun in Elend gerathen, daß ich meinen allertheuersten Eid gebrochen habe, darum geh, verweile Dich nicht länger hier, sonst möchte es Dein Leben kosten, und komme mir auch niemalen wieder in mein Haus, oder vor mein Angesicht!
Ueber diese unvermuthete Anrede erschrak der Graf, so daß er sich eilig zu Pferde satzte, und schnell wieder nach Hause ritt; auch die übrigen Gäste wußten nicht, was sie aus Reymund machen sollten, denn er geberdete sich, als wenn er ohne Sinnen wäre, weshalb sie sich auch wieder fort begaben.
Reymund aber war im allergrößten Jammer, er glaubte, daß er seiner Untreue halber nun seine geliebte Melusina nimmermehr wieder sehn würde, und daß er sie auf Zeitlebens verloren habe, er schrie und klagte: ach, du unglückselige Stunde, in welcher ich armer Mann geboren bin, daß ich nun mein allerliebstes Gut entbehren soll! In seiner großen Betrübniß zog er seine Kleider aus und legte sich zu Bett, denn er fühlte sich matt und krank, er beschloß, als ein Einsiedler sein künftiges Leben zuzubringen, wenn er Melusina verlieren sollte. So trieb er die ganze Nacht sein Klagen, indem er sich von einer Seite nach der andern wendete, indem eröffnete Melusina mit einem Schlüssel die Kammer und trat zu ihm, zog sich nackt aus und legte sich neben ihm in das Bett, sie fühlte, daß er kalt und krank war, umfing ihn zärtlich mit ihren Armen und fragte ihn: was fehlt Dir, mein liebster Gemal? Er klagte ihr, daß ihn ein Fieber überfallen habe, war aber doch froh, daß Melusina wieder da sei und sich gegen ihn freundlich bezeigte, worauf er auch wieder von ihren Küssen und liebreichen Umarmungen besser wurde.
Indessen war Geoffroy mit dem Zahn nach dem Lande geritten, wo man ihm gesagt hatte, daß sich der große Riese aufhielte und seinen Unfug triebe. Er ritt hin und her und fragte die Leute nach der Wohnung des Riesen, weil er gekommen sei, ihn umzubringen. Die Leute sagten: das wolle Gott, Herr Ritter, daß ihr dieses in's Werk setzt, denn er ist ein ungeschlachter Mann und fügt uns so viel Leides zu, daß es nicht zu sagen ist; worauf sie ihm auch das Schloß des Bösewichts zeigten. Geoffroy kam hierauf an einen steilen Berg, auf welchem ein festes Schloß lag, in welchem der Riese seinen Aufenthalt hatte. Hier stieg Geoffroy von seinem Rosse ab, legte den Harnisch an, hängte den stählernen Streitkolben an seinen Sattelbogen, gürtete das Schwert um sich, nahm die Lanze in seine Hand, hielt seinen schönen mit Gold ausgezierten Schild vor sich, setzte den Helm auf und stieg wieder zu Pferde, worauf er gegen das Schloß ritt und den Riesen mit kühner und lauter Stimme ausfoderte, indem er sprach: wo bist Du nun, Bösewicht, der mir mein Land verdirbt, und den Meinigen so großen Schaden zufügt? komm nur schnell heraus, damit ich Dir den Garaus mache. Der Riese war oben im Schloß und fuhr mit seinem Kopfe heraus, welcher so groß wie ein Ochsenhaupt war, um zu schauen, wer da sei, der ihn so kühnlich ausfodre. Er erstaunte, als er nur einen einzigen Mann gewahr wurde, und däuchte ihm, es sei kaum der Mühe werth, ein Gefecht mit ihm anzufangen; doch zog er seinen Harnisch an, trat vor das Schloß heraus, und brachte einen stählernen Schild mit sich, und drei eiserne Stangen, und drei Hämmer in seinem Busen.
Als der Riese hervor kam, sah Geoffroy, daß er wohl bei funfzehn Schuh lang war, worüber er sehr erstaunte, aber dennoch den Muth nicht verlor, sondern jenen mit erschrecklicher Stimme anschrie. Der Riese aber sprach: Wer, und von wannen bist Du? Worauf Geoffroy ausrief: ich bin Geoffroy mit dem Zahn, wehre Dich, denn Du sollst allhier Dein Leben lassen. Der Riese sagte: kleines Kerlein, mich jammert Deiner, geh nach Hause, Du scheinst mir ein guter junger Mensch, aus dem mit der Zeit wohl noch etwas werden kann. Gehst Du aber nicht, so schlage ich Dich mit einem einzigen Streich zu Tode, Geoffroy aber achtete nicht darauf, sondern schrie immer fort: wehre Dich, Hollunke, wenn Dir Dein Leben lieb ist! Zugleich ritt er zurück, um Feld zu gewinnen, legte seine Lanze ein, und rannte mit solcher Gewalt auf den Riesen, daß dieser von diesem einzigen Stoße zur Erden niederfiel. Die Erde bebte unter dem gewaltigen Fall des Riesen, aber er stand schnell wieder auf, und war sehr erbost, daß ihn ein einziger Stoß eines Ritters dermaßen hatte umwerfen können, er nahm daher seine stählerne Stange und schlug gegen Geoffroy, der schon das zweite Rennen gegen ihn vornahm, womit er dessen Pferd traf, und ihm beide Vorderbeine abhieb. Das Pferd fiel zu Boden, und Geoffroy sprang plötzlich aus dem Sattel, zuckte sein Schwert, lief den Riesen an, und gab ihm einen so harten Schlag, daß dieser seinen Schild aus der Hand fallen ließ. Hierauf nahm der Riese die stählerne Stange und schlug so auf den Geoffroy ein, daß dieser vom Schall des Schlages ganz betäubt wurde, er erholte sich aber schnell, nahm den Streitkolben vom Sattelbogen und schlug damit dem Riesen die Stange aus der Hand. Da ergriff der Riese einen von seinen Hämmern, und schmiß ihn so mächtig nach Geoffroy, daß dieser den Streitkolben auch mußte fallen lassen. Der Riese bückte sich nach dem Kolben, aber Geoffroy nahm sein Schwert wieder zur Hand und hieb damit dem Riesen einen Arm von Leibe herunter: darüber erschrak der Riese und faßte seine Stange mit der andern Hand und schlug nach Geoffroy, der aber sprang diesem Schlage behende aus dem Wege, der Riese fiel wieder auf die Knie und Geoffroy gab ihm nun einen solchen Hieb auf das Bein, daß er völlig zu Boden stürzte, entsetzlich schrie und seine heidnischen Götter um Hülfe anrief. Nun blieb dem tapfern Ritter nichts weiter übrig, als ihm den Kopf nur völlig herunterzuhauen, welches er auch in aller Schnelligkeit that, und so über den ungeheuren Mann den Sieg davon getragen hatte.
Geoffroy nahm hierauf das Horn des Riesen und blies so lange darein, bis sich viele Leute aus den umliegenden Gegenden versammelten, die sich alle entsetzten, daß er den großen Heiden mit seiner Kraft hatte umbringen können. Bald breitete sich im ganzen Lande und auch in den andern Reichen die Nachricht aus, wie Geoffroy den Riesen bezwungen habe; er aber schickte einen Boten zu seinen Eltern, der auch diesen die erfreuliche Nachricht bringen mußte.
Weil die Rede von seinem Siege schnell weit herum gekommen war, so gelangten Boten aus dem entfernten Lande Norhemen an Geoffroy, die ihn im Namen der dortigen Landesherren demüthig ersuchten, zu ihnen zu kommen, und ebenfalls einen ungeheuren Riesen umzubringen, von dem sie so sehr geplagt würden, daß sie sich nicht zu lassen wüßten; wenn er ihn mit Gottes Hülfe bezwänge, so wollten sie ihn auch gern für ihren Oberherrn erkennen, und ihm das ganze Land übergeben. Geoffroy antwortete: er wolle kommen und den Riesen umbringen, nicht aber um Land und Leute zu gewinnen, sondern er thue dieses nur aus Barmherzigkeit, und weil er es für seine Pflicht halte, alle Riesen umzubringen, so weit er sie nur erreichen möchte. So rüstete er sich, um zu Schiffe nach dem Lande Norhemen zu fahren, voll von hohem Muth und feuriger Begier, Wittwen und Waisen zu beschützen, allen Unterdrückten beizustehn, und alle Unglaubigen vom Angesichte der Erde zu vertilgen, so daß alle über seinen hohen Eifer und treffliche Vorsätze in Verwunderung geriethen.
Dritte Abtheilung.
Als Geoffroy abreisen wollte, kam ein Bote zu ihm mit einem Brief von seinen Eltern, worin sie ihm meldeten, daß sie gesund wären, auch Nachrichten von ihren Söhnen hätten, die sehr erfreulich, dabei sei ihr Sohn Freymund im Kloster Malliers, nahe bei ihnen, ein Mönch geworden, um Gott für alle zu bitten. Wie Geoffroy las, daß sein Bruder Freymund ein Mönch geworden sei, ward er so zornig und wüthend, daß er nicht anders, wie ein wilder Eber schäumte, und alle die zugegen waren, vor Furcht schwiegen und nicht wußten, was sie sagen sollten. Er rief aus: die schelmischen und nichtswürdigen Mönche haben meinen Bruder bezaubert und betrogen, daß er nicht, wie wir alle gethan haben, die Ritterschaft ergreifen will; muß ich mich mit Riesen herumschlagen, und soll er indessen ein Mönch werden? Nun warlich, es soll ihnen und dem Abte übel gerathen, denn ich will sie alle zusammen verderben und verbrennen!
Ueber diese Rede entsetzten sich alle; den Boten aus dem Lande Norhemen aber befahl er seiner an dieser Stelle zu warten, denn er werde bald wieder kommen. So ritt er im Grimme fort und kam bald auf seinem Wege nach dem Kloster Malliers. Wie der Abt und die Mönche ihn kommen sahn, gingen sie ihm höflich entgegen, um ihn zu begrüßen und ihm Willkommen zu sagen, aber Geoffroy fuhr sie gleich zornwüthig an und schnaubte ihnen entgegen: Ihr bösen Mönche, warum habt Ihr meinen Bruder also verführt, daß er ein Mönch geworden und die Ritterschaft verläugnet hat? Daran habt Ihr übel gethan und ich will Euch bestrafen, denn Ihr sollt alle Euer Leben hergeben.
Ueber diese Rede erschraken der Abt und die Mönche; der Abt erwiederte: wir haben mit nichten Euren Bruder verführt, er ist aus freiem Willen und aus Andacht in unser Kloster gekommen, hier steht er gegenwärtig und Ihr könnt ihn selbst darum fragen.
Freymund sagte hierauf: lieber Bruder, ich schwöre Dir, daß mich Niemand überredet hat, sondern daß ich hierin bloß meinem eigenen Triebe gefolgt bin, so ist es meine eigne Schuld, daß ich bin ein Mönch geworden, denn ich tauge nicht zum Ritter, ich habe in mir ein Verlangen zum gottseligen Leben gespürt, so habe ich denn nichts bessers gewußt, als mich hieher zu begeben, wo ich für alle und auch für Dich beten will.
Geoffroy aber blieb in seinem Zorn und kein Zureden und Bitten vermochte etwas über ihn; er stieg von seinem Pferde ab, besetzte das Kloster mit seinen Leuten, ließ einen großen Haufen Heu, Stroh und Holz auf einen Platz bringen, zündete dieses gegen den Wind an, und verbrannte so seinen leiblichen Bruder nebst hundert Mönchen, die alle in die Kirche geflohen waren.
Als die That vollbracht war, sah Geoffroy ein, daß er Unrecht gethan hatte; er bereute sie heftig, weil er glaubte, sich an Gott versündigt zu haben, schalt und fluchte auf sich selber, und verwünschte sich in den Abgrund der Erden hinein, daß er niemals mehr das Tageslicht erblicken möchte, doch war es nun zu spät mit seiner Reue und seinem Wehklagen. Setzte sich deshalb wieder zu Pferde, und ritt nach der Stelle in größter Eile zurück, wo er den Boten aus dem Lande Norhemen gelassen hatte, fuhr mit ihm in einem Schiffe ab, der Wind war günstig und so ging die Fahrt nach dem Lande Norhemen glücklich von Statten.
Reymund und Melusina saßen bei Tische und nahmen eine fröhliche Mahlzeit in schöner Häuslichkeit und Freundlichkeit zu sich, als ein Bote mit verwirrten Mienen und thränenden Augen zu ihnen hereintrat, und ihnen sagte, er habe eine erschreckliche Neuigkeit zu sagen, wolle sie aber nicht gerne vorbringen. Reymund sagte: er solle sie sagen, denn er habe sich nun schon in Gottes Namen auf etwas Betrübtes gefaßt gemacht; so sprach auch Melusina, denn sie wußten noch nicht, was vorgefallen war. Drauf sagte der Bote: so muß ich Euch nur Meldung thun, daß eins von Euren Kindern nicht mehr am Leben. So segne ihn der Herr, antwortete Reymund, doch welcher von meinen Kindern ist es? Der Bote sagte: es ist Freymund. Reymund war sehr betrübt, doch sprach er weiter: Gott hat ihn zu sich genommen; doch ist er selig gestorben, sind ihm alle christlichen Rechte widerfahren? Der Bote antwortete: Nein, er konnte kein christliches Recht bekommen, denn er ist mit allen andern Mönchen im Kloster zu Malliers verbrannt worden.
Darüber entsetzte sich Reymund und rief aus: Bote, nimm Dich in Acht, daß Du keine Lügen vorbringst, denn dergleichen sollte Dir übel gelohnt werden; wer hat sich unterstehn dürfen, ihn und das Kloster zu verbrennen?
Der Bote sagte demüthig: gnädiger Herr, es sei ferne von mir, daß ich mit Lügen umgehn sollte, dergleichen habe ich in meinem ganzen Leben nicht gethan, und werde nun nicht mit Euch den Anfang machen. Nein, Geoffroy mit dem Zahn hat in seiner Bosheit das Kloster sammt allen Mönchen verbrannt, dazu seinen leiblichen Bruder, weil er erzürnt gewesen, daß er ein Mönch geworden und geglaubt, der Abt und die Mönche hätten ihn mit List dazu überredet. Hierauf erzählte er den ganzen Vorgang, was Geoffroy gesprochen und was ihm der Abt erwiedert, und wie der Geoffroy sich nicht daran gekehrt, sondern in seinem Zorn das ganze Kloster sammt allen Mönchen verbrannt habe.
Da entsetzte sich Reymund recht in seinem innersten Herzen, wurde auch voll Grimms und im ganzen Gemüthe bewegt, deshalb stieg er plötzlich zu Pferde, um selbst nach der Brandstelle des Klosters Malliers hinzureiten. Unterwegs hörte er von allen Leuten ein großes Klagen über den Geoffroy, daß er das schöne Kloster also verderbt habe, sammt allen Mönchen. Er kam selber an den Ort, wo das herrliche Gebäude gestanden hatte, und sah nun die betrübten rauchenden Trümmern vor sich. Er wurde hierauf sehr zornig und schwur, daß, wenn er den Geoffroy habhaft werden könne, er ihn auch eines gewaltsamen Todes wolle sterben lassen. So ritt er wieder im allerheftigsten Zorne nach seinem Hause zurück.
Er stieg vom Pferde ab, ging in seine Kammer, schloß sich ein, setzte sich in höchster Betrübniß nieder, seufzte, weinte und klagte: