Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente
Part 7
Indessen der König auf dem Kranken- und Sterbelager klagte, griff Uriens nebst seinem Bruder die Heiden mit solcher Tapferkeit an, daß sie bald erschraken und nicht wußten, wie ihnen geschah, so daß sie sich genöthigt sahen, zurück zu weichen, weil ihnen eine solche Tapferkeit bis dahin noch nicht vorgekommen war. Uriens aber that noch mehr, er drang bis zu dem Heidenkönig hindurch, schwang sein Schwert, und hieb ihm ohne weiteres den Kopf herunter, so daß der übrige Leib ebenfalls gezwungen wurde, aus dem Sattel zu fallen. Wie die Heiden dergleichen Beginnen wahrnahmen, verloren sie vollends gar den Muth und suchten ihr Heil in einer unordentlichen und übereilten Flucht; damit war ihnen aber wenig geholfen, denn nun schlugen die Christen dermaßen unter sie, daß die meisten auf dem Platze blieben und nur die wenigsten mit dem Leben davon kamen. Nachdem so der Streit geendigt war, ruhte Uriens mit seinem Bruder Gyot im Lager der Feinde von dem vielen Fechten aus, denn die Helden waren von dem Erschlagen der Heiden müde geworden.
Als der König diese Thaten und die Niederlage seiner Feinde vernahm, freute er sich, ob er gleich dem Tode so nahe war, schickte also seine Abgeordneten nach den beiden Brüdern, die um Entschuldigung bitten mußten, daß er nicht selber komme, um ihnen seine persönliche Aufwartung zu machen, er liege aber an einer Wunde von einem vergifteten Pfeile dermaßen darnieder, daß es ihm unmöglich falle; sie möchten daher von der Güte sein, ihn in seinem königlichen Pallaste zu besuchen, bevor er gar gestorben wäre. Die beiden Brüder antworteten: daß sie ihre Schuldigkeit nicht unterlassen würden, vor der hohen Gegenwart seiner königlichen Majestät zu erscheinen, worauf sich die Abgeordneten zurück begaben, und Uriens sich mit seinem Bruder Gyot alsbald in die Stadt Famagusta verfügte. Als sie in die Stadt anlangten, verwunderte sich das Cyperische Volk sehr über das seltsame Aussehn des Uriens und daß er, ohnerachtet seines Angesichtes, solche Wunder der Tapferkeit zu verrichten im Stande sei: er merkte, daß sie über ihn erstaunten und begab sich in den Pallast des Königs, wo er diesen übel zugerichtet und von dem vergifteten Pfeile am ganzen Leibe geschwollen im Bette liegend antraf. Er grüßte den König und beklagte ihn wegen seines Unfalls, worauf ihm der König dankte und sagte, daß ihm die ganze Christenheit Preis, Lob und Verbindlichkeit schuldig sei, indem er auf solche Weise unter die Heiden gewüthet, daß sie es auf lange empfinden würden. Zugleich fragte der König, von wannen sie beiden gebürtig wären? Uriens sagte, wie er Uriens heiße und in Lusinien geboren sei. Worauf der König wieder antwortete: da ich nun meines tapfern Herrn Namen und Geschlecht so umständlich weiß, so will ich nicht länger eine Bitte zurück halten, die ich vorzutragen habe: ich bin nämlich des Willens, Euch, mein edler Ritter, ein großes Glück, viel Ehre und Reichthum zuzufügen; ich habe nur eine einzige Tochter, Hermina genannt, an welche mein Reich, so wie mein ganzes Vermögen fällt, wenn ich, will's Gott bald, an meiner vom vergifteten Pfeil empfangenen Wunde gestorben sein werde, dabei wünschte ich, mein Reich in den Händen eines tapfern Ritters zu wissen, weil es dem Heidenthum so nahe liegt, daß es durch dieses täglich beschädigt werden kann; ich weiß keinen bessern Ritter als Ihr seid, darum bin ich gesonnen, Euch mein Reich so wie meine Tochter zu übergeben.
Uriens bedankte sich höflich, sagte: er wäre es zwar durchaus nicht würdig, wolle sich aber nicht weigern, die königlichen Befehle zu vollführen. Ueber diese Antwort war der König sehr froh und zufrieden, er ließ alsbald seine Tochter zu sich kommen und auch die Räthe seines Reichs vor sich versammeln, zu welchen er sprach: Ihr wißt, wie ich bisher mein Reich mit bewaffneter Hand gegen die Heiden beschirmt habe, doch dieses kann von nun an nicht mehr geschehn, indem ich durch einen vergifteten Pfeil auf den Tod verwundet bin, ich verlange also von Euch, daß Ihr meine Tochter Hermina als Eure Oberherrschaft in meiner Gegenwart, bevor ich sterbe, anerkennt, denn sie ist meine einzige und rechtmäßige Erbin. Die Räthe und Landesherren thaten, was er begehrte, worauf der sterbende König also fortfuhr: ein Weib aber kann unmöglich durch ihre eigene Kraft ein Königreich beschützen, welches eine so gefährliche Lage hat, indem es fast zu nahe an das wilde Heidenthum gränzt, ich verlange daher, daß meine einzige Tochter Hermina sich mit einem Ehegemal verbinde und da wüßte ich keinen tapfrern, und bessern, wenn ihm gleich die Schönheit des Angesichts abgeht, als den unvergleichlichen Ritter Uriens aus Lusinien, der die Heiden so trefflich bezwungen, ja ihrem Könige das Haupt heruntergeschlagen hat, ob ich gleich diese Freude nicht lange genießen werde, da ich auch durch einen vergifteten Pfeil auf den Tod verwundet: Ich verlange also meine Tochter Hermina, daß Du diesem Ritter als Deinem Gemale die Hand reichest, und daß alle meine Räthe und Landesherren ihm als ihrem zukünftigen Könige huldigen sollen.
Die Landesherren thaten solches sehr gern, auch gab Hermina dem Uriens freiwillig ihre schöne Hand, worüber dieser im Herzen ungemein erfreut war. Das Volk in Cypern, als es diese Neuigkeit erfuhr, war sehr froh und vergnügt, denn Uriens gefiel ihnen allen, sie folgten ihm daher alle in die Hauptkirche, wo er mit seiner Braut Hermina vermält wurde. Zugleich ließ sich der verwundete König das heilige Sakrament geben, worauf er selig verschied, so daß die Hochzeit ohne Tanz und Saitenspiel gefeiert werden mußte; doch wurde der verstorbene König herrlich und mit aller Pracht in seinem Begräbnisse beigesetzt. Dann wurde Uriens zum Könige gekrönt.
Um diese nämliche Zeit fügte es sich auch, daß der König von Armenien sterben mußte, welcher ein naher Verwandter des Königs von Cypern war. Er hinterließ eine einzige sehr schöne Prinzessin, welche den Namen Florie führte; die hinterlassenen Räthe beschlossen, diese mit dem tapfern Gyot, dem Bruder des Uriens, zu vermälen, worein die Prinzessin selber auch gern einwilligte. Als es so weit gekommen war, schickte man eine Abgesandtschaft zum Könige Uriens von Cypern, die ihn ersuchen mußte, dem Reiche Armenien seinen Bruder Gyot als einen Herrscher zu überschicken, welches dieser auch sehr gern that, weil er dem Glücke seines Bruders nicht im Wege sein wollte. Worauf Gyot nach Armenien ging, sich mit der Prinzessin Florie verheirathete und zum König gekrönt wurde.
Beide Brüder unterließen es nach diesen glücklichen Vorfällen nicht, Boten mit Briefen zu ihren Eltern nach Lusinien zu schicken, wodurch diese alles erfuhren, was ihren lieben Söhnen begegnet war und sich von Herzen freuten, so daß auch Melusina, um sich gegen Gott dankbar und gefällig zu bezeigen, eine neue Kirche stiftete, nachdem sie schon viele andre gebaut hatte. Um die Zeit verheiratheten sie auch ihren Sohn Gedes, den mit der hohen Röthe im Angesichte, mit einer vornehmen Gräfin aus dem dortigen Lande.
Es währte nicht lange, so nahm auch _Reinhardt_, der nur ein Auge hatte, von seinen Eltern Abschied, um sein Glück in der Welt zu versuchen. Ihn begleitete _Antoni_, der zum Zeichen eine Löwenklaue auf der Wange trug; sie nahmen ebenfalls viel Volks mit sich. Diese tapfern Ritter gelangten auf ihrem Zuge nach Lützelburg, welches damals eben der König von Elsaß mit einer ansehnlichen Armee belagert hielt und schon im Begriff stand, die Stadt gar zu gewinnen. Dieser König hielt die Stadt aus bloßem Muthwillen belagert, denn er wollte durchaus die Herzogin von Lützelburg, die in der Stadt regierte, zu seiner Gemalin haben, sie aber war nicht dieser Meinung und deshalb suchte er ihre Stadt zu erobern, um sie selber dadurch zu gewinnen. So war also diese Prinzessin eine arme verlassene Waise und in größter Bedrängniß, welches die beiden Brüder von Lusinien nicht sobald gehört hatten, als sie, von Mitleid ergriffen, den Entschluß faßten, dieser unglückseligen Prinzessin mit ihrer ganzen Macht beizustehn. Sie wickelten also die Fahnen auf, stellten ihre Völker in eine gute Schlachtordnung, und griffen nun mit der Loosung Lusinien die Elsasser so beherzt an, daß viele von diesen in die Pfanne gehauen wurden. Antonius kam im Treffen mit dem Könige von Elsaß in ein einzeln Gefecht, worauf dieser entwaffnet wurde, und sich der König dem Antonius gefangen geben mußte. Reinhardt that hierauf noch dem übrigen Volke großen Schaden, so daß die Brüder eine herrliche und glänzende Schlacht gewonnen hatten.
Die Brüder ließen hierauf den gefangenen König durch sechs von ihren Rittern der Prinzessin von Lützelburg überantworten, welche sich über ein solches Präsent höchlich erfreute und dem Himmel, so wie den beiden tapfern Helden den besten Dank abstattete; sie erkundigte sich auch nach den Namen, Herkommen und Geschlechte der beiden Brüder und war sehr zufrieden, als sie solches alles erfahren hatte, denn sie faßte nun den Entschluß, in ihren Staatsgeschäften nichts ohne Mitwissen und Beistimmung der beiden Herren zu thun oder zu unternehmen. Sie ließ hierauf diese beiden tapfern Ritter nebst den vornehmsten aus ihrem Gefolge zu sich in die Stadt bitten, welche sich auch sogleich fertig machten, ihr in Lützelburg aufzuwarten. In der Stadt empfing sie das Volk in schöner Fröhlichkeit mit auserlesener Musik und trefflichem Klang von Instrumenten, Jubelgeschrei und dergleichen, weil sie durch die Brüder von dem Elsassischen Könige erlöst waren, der ihnen viel zu schaffen gemacht hatte. Zwei vornehme Landesherren aus Lützelburg erschienen hierauf und führten die beiden Herren auf das Schloß, wo die Fürstin ihnen mit den schönsten Damen, Fräulein, Pagen und Gefolge höflich entgegen kam und ihnen in den wohlgesetztesten Redensarten ihren Dank abstattete, außerdem aber eine prächtige und überaus köstliche Mahlzeit zurichten ließ, so daß nicht genug zu sagen ist, wie vergnügt die beiden Brüder waren.
Am Tische wurde der gefangene König von Elsaß oben an gesetzt, dann folgten die beiden Herren Antonius und Reinhardt, dann die vornehmsten Landesherren und die übrigen Gäste nach ihren Würden, den Brüdern aus Lusinien gegen über saß die schöne Fürstin, und so war man beim Essen und Trinken ausnehmend vergnügt, ausgenommen der gefangene König, der den großen Verlust seiner Leute und seiner Reichthümer nicht verschmerzen konnte.
Nach dem Essen wurde gebetet und darauf fing der gefangene König zu den Brüdern an: tapfre Ritter, bitte, mir nunmehr zu sagen, um welche Ranzion ich der Gefangenschaft entledigt sein soll, die ich gern entrichten will, um meine Freiheit nur wieder zu gewinnen. Antonius antwortete: Ew. Königliche Majestät ist nicht unser Gefangener, dieselben sind der Fürstin Durchlauchtigkeit von Lützelburg als ein Präsent übermacht, so daß wir nicht mehr über Euch schalten können, sondern Ihr gänzlich in die Willkühr dieser hohen Fürstin gestellt seid. Darüber erschrak der König über die maßen, denn er wußte, daß er durch sein Betragen die höchste Ungnade der Fürstin verdient hatte, fürchtete also gar, als ein gottloser Mann und unverschämter Liebhaber sein Leben zu verlieren. Da die Fürstin seine Verlegenheit sah, wandte sie sich wieder zu den beiden Brüdern, und sagte, daß die Ranzion des Königs gänzlich in ihrem Belieben stehe; sie hätten ihn gefangen, möchten daher auch seinen Preis bestimmen, gebe ihnen also hiemit ihr Präsent wieder zurücke. Worauf die Grafen antworteten: sie wollten ihn aller Ranzion entledigen, er solle fußfällig die Fürstin um Verzeihung bitten, versprechen, ihr nie in Zukunft mehr zur Last zu fallen, und allen ihrem Lande zugefügten Schaden zu ersetzen. Wie das der König hörte, wurde er froh und that sogleich freiwillig alles, was von ihm verlangt wurde.
Als dies geschehn und in Richtigkeit gebracht war, überlegte der König von Elsaß bei sich selber, wie fromm die beiden Brüder aus Lusinien wären, und wie edelmüthig sie sich gegen ihn bezeigt hätten, erinnerte sich auch, wie nach dem Boethius Undankbarkeit eins der größten Laster sei, nahm sich daher in seinem Gemüthe vor, nicht für undankbar zu gelten und sagte daher öffentlich im Beisein aller Landesherren: Wollte Gott, daß diese beiden Brüder die Stützen und Anführer des Fürstenthums wären, so würde weder ich noch ein andrer Feind jemals sich unterstehn, dieses Land feindlich zu überziehn; wenn ich rathen sollte, so möchte die durchlauchtige Prinzessin einem von diesen tapfern Brüdern ihre Hand und ihre Liebe reichen. Als die Landesherren dies hörten, freuten sie sich und waren derselben Meinung, redeten auch der Fürstin von Herzen zu, solches auszurichten, sie aber antwortete, daß sie dergleichen Vorschläge erst überlegen müsse.
In der Nacht erwägte die Fürstin alles bei sich, was sich zugetragen hatte, und da sie genau auf ihre Gedanken achtete, merkte sie, daß sie eine sonderliche Neigung zum Grafen Antonius in sich habe, dieses offenbarte sie auch am folgenden Tage und Antonius gab ihr seine Liebe zu erkennen, die er gleich im ersten Augenblicke zu ihr gefaßt hatte; so wurden sie dann einig und nach weniger Zeit mit einander getraut. Die Hochzeit währte unter vielen Ergötzlichkeiten eine ganze Woche hindurch und that sich beim Stechen der König von Elsaß ganz besonders hervor.
Als die Hochzeit vorüber und man eben unter vielen Danksagungen von einander scheiden wollte, erschien am Hofe ein schnellreitender Bote, der sogleich nach dem Könige von Elsaß fragte. Als dieser sich gemeldet, empfing er von dem Boten Briefe, über deren Inhalt er sehr erschrak und schmerzlich seufzte, worauf sich Antonius erkundigte, was in den Briefen enthalten sei. Der König sagte: ach Gott! mein Herr Antonius, mein Bruder, der König von Böhmen, schreibt mir hier, daß ihn der Türkische Kaiser mit einer gewaltigen Macht in seiner Hauptstadt Prag belagert halte, und daß er sich keiner Hülfe oder Entsatzes zu versehn habe, drum wende er sich in seiner Bedrängniß an mich und beschwöre mich bei meiner brüderlichen Liebe, zu seinem Beistande herzu zu eilen, denn sonst sei es gewiß um ihn, wie um sein Reich geschehn. Und nunmehr, fuhr der König von Elsaß fort, ist es meine eigne Schuld, daß fast alle mein Volk durch Euch, tapfre Fürsten, in die Pfanne gehauen ist, so weiß ich nun in der Eile meinem Bruder nicht sonderlich zu helfen.
Graf Antonius antwortete hierauf: Ew. Königliche Majestät kann sich versichert halten, daß die Türken aus dem Lande Eures Herrn Bruders herausgeschlagen werden sollen, denn mein Bruder Reinhardt soll mit Euch ziehn, mit der ganzen Macht, die wir aus Lusinien mit uns genommen; dazu will ich ihm noch Hülfsvölker aus meinem neuerworbenen Reiche geben, so daß es Euch beiden mit Gottes Hülfe gelingen soll, den König von Böhmen von seinen Feinden zu befreien. Sollte dieses aber noch nicht hinreichend sein, so laßt es mich nur durch einen schnellen Boten wissen, und alsbald will ich Euch selbst mit einer neuen Macht zu Hülfe ziehn.
Hierauf dankte der König mit sehr freundlichen Worten, und sagte: Sollte es uns gelingen, wie ich denn nicht zweifle, den Türken zu besiegen, so hat mein Bruder, der König von Böhmen, eine einzige Tochter, die er ohne meinen Rath und meine Einwilligung nicht verheirathet; diese verspreche ich hiemit, sie dem Grafen Reinhardt, Eurem Bruder, zu einer ehlichen Gemalin zu geben, wodurch er dereinst nach meines Bruders Tode König von Böhmen wird, da mein Bruder kein andres Kind hat.
Beide Grafen dankten hierauf dem Könige für seinen guten Willen, und Antonius war sehr vergnügt darüber, daß sein Bruder Reinhardt eine Aussicht auf ein Königreich hatte, welches er ihm von Herzen gerne gönnte. Er beschloß daher, um die Sache noch gewisser zu machen, sogleich mit seinem Bruder und dem Könige nach Böhmen dem Türken entgegen zu ziehen. Es wurde hierauf von ihnen eine große Macht zusammen gebracht und sie zogen damit durch Deutschland bis vor die Stadt Prag, welche der Türke eng belagert hielt.
Es war gerade an dem, daß der König von Böhmen einen kühnen und tapfern Ausfall gegen die Ungläubigen that, um sie von der Stadt abzutreiben, da wurde von beiden Seiten sehr tapfer gefochten, viele Heiden, aber auch viele Christen erschlagen und endlich mußten die Christen der türkischen Uebermacht weichen. Ja, was noch schlimmer war, der König von Böhmen, der sich sehr tapfer hielt und ungern den Rückzug anstellte, wurde mit einem Pfeile dergestalt durch den Leib geschossen, daß er sogleich todt zur Erden niederfiel. Wie die Böhmen ihren König gefallen sahn, wurden sie völlig sieglos und die Türken triumphirten, die Böhmen zogen sich in die Stadt zurück und die Ungläubigen blieben Meister vom Felde, worauf sie der Stadt Prag noch härter mit Belagern zusetzten.
Die heidnischen Türken nahmen hierauf in ihrem Uebermuthe den Leichnam des Königs von Böhmen, legten ihn vor den Augen der böhmischen Landesherren, die auf der Mauer standen, auf einen Scheiterhaufen und brannten ihn zu Pulver, welches jene nicht ohne Thränen ansehn, aber dennoch nicht verhindern konnten. Am meisten aber war die königliche Prinzessin Eglantina betrübt, als sie diese kläglichen Neuigkeiten vernommen hatte; sie rang die Hände, seufzte und sprach: ach! was soll ich arme, Vater- und Mutterlose Waisin doch wohl anfangen? Meine Mutter ist gestorben, so haben mir die Türken meinen Herrn Vater gar zu Pulver verbrannt, verderben mir Land und Leute, nehmen mein Königreich weg, und ich muß am Ende noch, ich Unglückseligste, den christlichen Glauben verläugnen und zum Heidenthume übergehn, um nur beim Leben zu bleiben, vielleicht muß ich gar einen Sohn oder Anverwandten des türkischen Kaisers heirathen, um nur bei Ehren zu bleiben.
Dergleichen Klagen verführte die Prinzessin Eglantina sehr viele und häufige, und es kam beinah so weit, daß sie sich in die Verzweiflung ergab, als ein Bote kam, der ihr zu ihrer größten Freude die Nachricht überbrachte: daß sich der König von Elsaß mit zwei Brüdern aus Lusinien in Frankreich und einem großen Heere der Stadt nahe, um sie zu entsetzen. Da dankte sie Gott von Herzen und hörte wieder auf den Trost, den ihr ihre Freunde zusprachen, brachte auch ihre Kleider und Haare wieder in Ordnung, die sie zuvor zerrissen hatte.
Die Türken waren eben dabei, im Sturm die Stadt gar zu ersteigen, als sie die Nachricht durch einen andern Boten erhielten, ein großes christliches Heer sei im Anzuge; darauf verwunderten sie sich, ließen vom Stürmen ab, beriefen die Trompeter zur Schlacht zu blasen, stellten sich in Ordnung, und wehrten sich gegen den tapfern Angriff der christlichen Heerschaaren. Das Treffen war sehr blutig, doch behielt endlich die gerechte Sache die Oberhand, sonderlich durch das großmüthige Betragen der beiden Brüder Antonius und Reinhardt, die unglaublich viel heidnisches Volk mit eignen Händen todtschlugen. Der türkische Kaiser wurde wüthend, da er seine Armee verlieren sah, und brachte wieder viele der Christen um, doch ersah ihn endlich Graf Reinhardt, stürzte sich auf ihn und hieb ihm nach einem kurzen Kampfe und einiger Verwundung seinen Kopf völlig herunter. Als das die Türken wahrnahmen, wurden sie ganz sieglos und begaben sich auf die Flucht; so behielten die christlichen Fahnen das Feld, und der König von Elsaß ließ hierauf auch einen großen Scheiterhaufen errichten, den türkischen Kaiser sammt allen getödteten Ungläubigen darauf legen und sie zur Wiedervergeltung ebenfalls zu Pulver verbrennen.
Der König von Elsaß zog hierauf in die Stadt Prag, wo ihm die Prinzessin traurig und weinend entgegen kam; der König aber tröstete sie und sagte: gieb Dich nur zufrieden, liebste Muhme, das Geschehene ist nicht mehr zu ändern, Dein Vater ist zwar mit Tode abgegangen und Dein Land ist Dir von den Feinden einigermaaßen verderbt worden, indessen haben wir doch auch durch Gottes Gnade unsre Rache erhalten, denn ich habe den türkischen Kaiser und die Seinigen wieder zu Pulver brennen lassen. Die Prinzessin antwortete: somit habe ich doch immer meinen Herrn Vater verloren, und um ihn muß ich klagen und trauern. Das geziemt sich, sagte der König, indessen ist es auch vernünftig, Trost anzunehmen, war er doch mein Bruder und ich muß mich darin finden, so magst Du es denn auch thun, wir wollen ihm ein ehrliches und schönes Begräbniß zurichten, mehr kann er nicht verlangen.
Bei dem Begräbniß beschaute das Volk von Böhmen die beiden Brüder aus Lusinien, und es dünkte ihnen wunderbar, daß der Graf Antonius eine Löwenklaue auf der Wange und der Reinhardt nur ein Auge habe, doch gefielen sie den Leuten sehr wegen ihres edlen Anstandes und weil sie wußten, daß diese Brüder sie meistentheils von den Türken erlöst hatten. Nach dem Begräbnisse versammelte der König von Elsaß alle Landesherren des böhmischen Reichs und stellte ihnen vor, wie sie nunmehr ihren guten König verloren, so daß sie sogar sein Leichenbegängniß ohne Leiche hätten feiern müssen, das Königreich sei nun an die Prinzessin Eglantina, seine Tochter, gefallen, aber ein Weib sei zu schwach, das Land auf die gehörige Weise zu beschützen, sie möchten sich daher nach einem frommen Könige umthun, dem sie alle gern gehorchten, und dem die Prinzessin ihre Hand und Liebe schenken möchte.
Die Landesherren antworteten, daß sie alles in sein eignes hohes Belieben stellen wollten, er möchte nach seiner trefflichen Vernunft alles einrichten und das Reich entweder selber als König in Besitz nehmen, oder ihnen einen andern tugendhaften Mann vorschlagen, dem sie dann alle gern dienen wollten. Herauf wandte sich der König gegen die beiden Brüder aus Lusinien und sagte: nun ist die Zeit gekommen, daß ich mein Wort halten kann, Euch, tapfrer Reinhardt, zum Könige von Böhmen zu machen; hier, Ihr Landesherren ist der Fürst, den ich Euch ausgesucht habe und der Euch gewiß immer gut beschützen wird, denn er hat sich schon dermalen gut erwiesen, indem er dem türkischen Kaiser den Kopf herunter gehauen und sein Volk zerstreut und erschlagen hat.
Die Landesherren waren mit der Wahl des Königs vollkommen zufrieden, worauf sich die beiden Brüder, insonderheit Reinhardt bedankten. Die Prinzessin war vergnügt, einen so tapfern Helden zum Gemal zu bekommen, der ihren Herrn Vater so schön gerochen, indem er den heidnischen Kaiser und die Seinigen zu Pulver verbrannt. Man feierte die Hochzeit prächtig, aber ohne Tanz und Saitenspiel, weil man noch den gestorbenen König betrauerte, doch wurde ein großes Thurnier gehalten, wo sich beim Stechen Reinhardt sonderlich hervorthat, so daß die Böhmen wahrnahmen, welch einen tapfern und in Waffenübungen geschickten König sie erhalten hatten. Antonius zog hierauf in sein Herzogthum, zu seiner Gemalin zurück, und der König von Elsaß begab sich ebenfalls in sein Königreich, nachdem alle herzlich von einander Abschied genommen hatten.