Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente

Part 6

Chapter 63,722 wordsPublic domain

Reymund empfahl sich ihr, versprach alles auszurichten, wie sie es ihm befohlen und eilte alsdann nach dem Schlosse zurück. Als er des Morgens dort ankam, fragte ihn jedermann nach dem Grafen seinem Herrn; er aber sagte, er habe ihn im Walde verloren, wisse nichts von ihm, könne also auch keine Nachricht ertheilen. Endlich kamen des Grafen Diener alle von der Jagd wieder zurück, keiner von allen wußte vom Grafen. Da entstand im Hause ein großes Wehklagen, besonders von den Kindern und der Gräfin ihrer Mutter. Die Diener wurden ausgeschickt, das Holz wurde durchsucht und endlich fand man auch den Leichnam neben dem todten Schwein. Sie brachten ihn in das Schloß und das Wehklagen und das Jammern vermehrten sich noch um ein Großes: wurde dem todten Grafen hierauf ein köstliches und ehrliches Begräbniß angestellt, die Glocken geläutet, alt und jung versammelt und in Thränen, der Mann allgemein bedauert, und Männer und Frauen, Geistliche und Weltliche in schönen Trauerkleidern zugegen, alle hoch und tiefbetrübt, vorzüglich Reymund, wie es ihm das Fräulein im Walde gerathen hatte.

Als der Graf begraben war, kamen alle Vasallen und Lehnsleute zu seinem Sohne, um die Lehn von ihm zu empfangen, unter diesen auch Reymund, der so, wie ihn Melusina unterwiesen hatte, nur um so viel Landes beim Waldbrunnen bat, als er mit einer Hirschhaut umschließen könne. Dem Bertram schien dies für seine langen und getreuen Dienste eine geringe Belohnung, hielt ihn überhaupt für im Kopfe verwirrt, und sagte ihm also mit verbißnem Lachen dieses Erdreich zu. Ließ hierüber auch ein Dokument mit seinem Siegel und Petschaft ausfertigen, so daß nachher kein Streiten darüber möglich war. Denselben Morgen noch kaufte Reymund die Hirschhaut, die er in einen langen und ganz dünnen Riemen schneiden ließ und als dies gethan war, ging er wieder zum Grafen Bertram, ihn zu bitten, ihm nunmehr die versprochne Gabe durch einige seiner Räthe überantworten zu lassen.

Sogleich wurden einige von den Räthen mit ausgeschickt, und Bertram lachte innerlich, daß jener sein Besitzthum einer Hirschhaut so eifrig betrieb. So kamen die Räthe mit Reymunden zum Waldbrunnen, und verwunderten sich über die maßen als sie sahn, daß er die Hirschhaut zu einem ganz dünnen Riemen geschnitten hatte. Zwei unbekannte Männer nahmen hierauf den Riemen, steckten einen Pfahl in die Erde, und umzogen nun mit den Faden viel Holz, Wiesen und Felsen, den Waldbrunnen und eine große Weite des Thals, in welchem ein angenehmer Bach floß. Die Räthe waren gar sehr erstaunt, mußten aber den Vertrag halten, welchen Graf Bertram mit seinem Wappen untersiegelt hatte. Die Räthe kamen hierauf zum Grafen zurück und erzählten ihm, was vorgefallen, die Hirschhaut sei ganz in einen dünnen Riemen zerschnitten, zwei unbekannte Männer hätten damit viel des Gebiets beim Waldbrunnen umschlossen, es habe geschienen, als wenn der Riemen sich immer mehr auseinandergezogen, je weiter sie gegangen, auch sei ihnen das ganze Revier viel größer vorgekommen, als es ihnen wohl ehemals geschienen. Worauf der Graf antwortete: Es ist eine fremde Sache und mag wohl ein Gespenst sein, denn ich habe oft sagen hören, daß fremde Wunder bei dem Waldbrunnen geschehn sein, gebe Gott nur, daß es zu seinem Besten ausschlage, denn er ist doch unser Vetter und naher Verwandter, ist immer besser, als wenn er im Haupte verwirrt wäre, wie ich anfangs gedachte, so ist er aber klüger, als man von ihm denken mochte, dürfen es ihm auch nicht mit Gewalt wieder nehmen, weil er unsre Unterschrift und Siegel hat. Reymund ging hierauf selber noch zum Grafen, um ihm für die empfangene Gabe Dank zu sagen, der ihn auch sehr freundschaftlich empfing.

An dem bestimmten Morgen ging Reymund ganz in der Frühe wieder zum Waldbrunnen, wo er auch schon seine geliebte Melusina, seiner wartend, antraf, die ihm mit den Worten entgegen kam: sei mir gegrüßt, Reymund, Du bist ein weiser und vernünftiger Mann, denn Du hast alles so ausgerichtet, wie ich es Dir gerathen habe. Hierauf gingen sie in eine Kapelle, wo sie viel schönes Volk, Frauen, Ritter, Knechte, Priester und kostbar gekleidete Leute sahen. Reymund verwunderte sich und fragte, wo alles das Volk hergekommen sei? Melusina antwortete: wundere Dich nicht darüber, denn es ist alles das Deinige und sie sollen Dir auch ihre Ehrerbietung bezeigen. Hierauf wendete sie sich zu den Leuten und befahl ihnen, den Reymund als ihren Herrn anzuerkennen, und ihm Treue, Gehorsam und Liebe zu geloben, welches sie auch alle sogleich mit großer Freude und aller Unterwürfigkeit thaten.

Reymund wollte noch immer nicht seinen Augen trauen, dachte: wo krieg' ich all dergleichen Volk her? wobei er innerlich zu Gott betete, weil er meinte, es dürfte das ganze Wesen nur ein schlimmes Gespenst sein. Melusina weckte ihn bald aus diesen Gedanken, indem sie zu ihm sagte: Reymund, nicht eher sollst Du ganz meinen Stand und mein Wesen erkennen und erfahren, bis ich Dein ehliches Gemal bin. Worauf Reymund sagte: ich bin bereit, Euren Willen zu allen Zeiten zu erfüllen. Nun wohlan, sprach Melusina, so wollen wir unsre Hochzeit auf künftigen Mondtag ansetzen, doch muß es dabei eine ganz andere Gestalt haben und ehrlich zugehn, so daß wir alle Gebräuche erfüllen, die dabei üblich sind; lade daher Gäste und Zeugen ein, und sorge nicht, daß es an Speis und Trank, oder irgend einer Ergötzlichkeit fehlen dürfte, denn ich will alles besorgen.

Reymund ritt hierauf wieder nach dem Schlosse seines Vetters, des Grafen Bertram, zurück, er fand ihn bei seiner Frau Mutter, trat vor beide hin, machte einen zierlichen Reverenz und sagte: Gnädiger Herr Vetter, auch gnädige Frau, es ist billig, da ich Euer Verwandter und Diener bin, Euch meine Geheimnisse nicht länger verborgen zu halten, muß Euch also sagen, daß ich mir eine Frau nehmen will, und die Hochzeit am nächsten Mondtage beim Waldbrunnen zu feiern gesonnen bin, bitte Euch also beiderseits demüthig, mir die Ehre zu gönnen und dabei Eure persönliche hohe Gegenwart zu schenken.

Der Graf antwortete hierauf: Mein lieber Herr Vetter, Euch zu Ehren und zu Liebe will ich herzlich gern dahin kommen, auch mit anständigem Gefolge, hoffe auch, daß meine Frau Mutter mit mir gehen wird; doch muß ich fragen: wer ist Dero Frau Gemalin, oder von wannen ist sie, denn es wäre nicht gut, wenn sich mein Herr Vetter durch eine zu schnelle Heirath unglücklich machte. Aus welcher Gegend und von welchem Geschlechte ist sie? denn ich möchte auch gern wissen, ob sie denn wohl adlich sei, da ich Euch zu Ehren mit Gefolge und meiner Frau Mutter auf Eure Hochzeit kommen will.

Reymund antwortete: Herr Vetter, es kann nicht geschehn, es jetzt zu sagen, denn ich weiß es dermalen selber noch nicht, ich weiß auch nicht von wannen sie ist, oder was sonst ihr Wesen sein mag, begnügt Euch damit, sie Mondtags in ihrem Stande zu sehn.

Der Graf antwortete: Herr Vetter, das ist ziemlich wunderlich, daß Ihr ein Weib nehmt, welches Ihr selbst nicht kennt, ich fürchte, daß Ihr angeführt werdet, wie es schon so manchem ergangen ist, und komme fast auf meine erste Vermuthung zurück, daß Ihr im Haupte verwirrt sein mögt. Ihr nehmt mir diesen meinen guten Rath nicht zum übeln, denn es geschieht nur deswegen, weil ich zu Eurer Hochzeit kommen soll und da fiele die Schande nachher auch mit auf mich.

Reymund antwortete: Herr Vetter, Eure Warnung nehme nicht sonderlich übel, weil Ihr meine Gemalin nicht kennt, die so schön und klug ist, daß sie ohne Zweifel von hoher Abkunft sein muß, bin übrigens im Haupte recht gescheidt, trotz dem Besten im ganzen Lande und zu jeder Probe erböthig, will übrigens die Frau selber heirathen und keinen andern dazu überreden, steht sie mir an, so ist es gut, ist sie mir schön und edel genug, so hat Niemand weiter etwas darnach zu fragen, gräme mich auch nicht übermäßig, wenn Ihr nicht zu meiner Hochzeit kommen wollt, denn ich werde schon andre und nicht minder gute Gäste zu finden wissen.

Es war nicht so gemeint, mein lieber Herr Vetter, antwortete hierauf der Graf behende, denn er furchte sich; ich und meine Frau Mutter und die meinigen wollen zur Hochzeit kommen, und rechnen es uns zu sonderbarer Ehre dazu geladen zu sein. Wofür sich denn Reymund mit vielen und höflichen Worten bedankte.

Am Mondtag Morgen ritt der Graf Bertram mit seiner Mutter und seinem Hofgesinde aus, nach dem Waldbrunnen zu; man unterredete sich unterwegs davon, wie man wohl keine Herberge finden dürfte, weder für Pferde noch Menschen, noch auch Speise und Trank in gehörigem Maaß, oder andre Ergötzlichkeit, indessen tröstete sich der Graf und meinte, ein schlimmer Tag würde bald vorübergehn. So zogen sie durch den Wald und als sie auf den offnen Platz zu den Felsen kamen, zeigten sich zwischen den Bäumen viele schönen Zelter auf dem grünen Boden aufgebaut, allenthalben sah man einen großen Rauch aufsteigen vom Kochen und vom Braten, eine Menge Volks in schönen Kleidern war zugegen, die Zelter prangten mit Fähnlein und buntgemalten Wappen, liebliche Musik erscholl, die Köche waren bei den Backöfen und in den Küchen geschäftig, adliche Herrn und Damen sah man auf dem reizenden Plan hin und wieder spazieren. Alle dachten, es möchte wohl ein Gespenst sein, was sie sahen, als ihnen sechszig treffliche Ritter entgegen kamen und sie im Namen des Bräutigams und der Braut begrüßten, worauf sie sie zu Reymunden selber brachten, der ihnen vor allen übrigen Gästen die zugegen waren, die größte Ehre erwies.

Die Pferde wurden ihrerseits an die Krippen gezogen, wo man ihnen schönen Haber vorlegte, Frauen und Jungfrauen kamen der Gräfin entgegen, um sie zu empfangen, worüber sich diese nicht genug verwundern konnte, da sie sich an diesem seltsamen Orte dergleichen Aufnahme nicht versehn hatte. Reymund führte hierauf die Gäste in seine Wohnung, wo auch eine Kapelle war, reich mit mancherlei Kleinodien ausgeziert. Nun wurde zur Brautmesse geläutet, und das schöne Fräulein Melusina trat in allem ihrem Schmucke herfür, so daß aller Augen von ihrem Glanze wie von ihren Reizen geblendet wurden; ein feines Gewand schloß sich an den edlen Wuchs der Glieder, und wie die Sommerlüfte spielend um sie wehten, flossen in zarten Wellen die Falten des Gewandes, als wenn die Göttin aus dem Meere gestiegen wäre und so eben die letzten Wogen von ihr niedergleiten wollten: ein Blumenkranz verschönte das Haupt, und den Busen trug sie frei, auf dessen Glanz die reichen Kleinodien mit unterschiedlichen Farben schimmerten. Nun erhoben sich auch die fröhlichen Saitenspiele, auch Musik mit Flöten und Posaunen, alle Sinne der Gäste waren geblendet und in Entzücken und der Graf Bertram sagte in seinem Herzen: dieses ist warlich eine Hochzeit, die sich sehen lassen darf.

Hierauf wurd Reymund in der Kapelle von einem vornehmen Bischoffe mit seiner geliebten Braut vermält. Dann verfügte man sich an die Tafel, wo die köstlichsten Speisen und die schönsten Weine für alle im Ueberflusse da waren. Allen gefiel das und es war keiner, der nicht mit Appetit das Essen zu sich genommen, denn es war überdies vortrefflich zubereitet. Nach der Tafel wurde man erst fröhlich, da fing auf dem Plan ein Stechen und Thurnieren an, bei welchem sich Reymund mit seiner Geschicklichkeit vorzüglich auszeichnete. Hier wurden viele köstliche Kleinodien gewonnen, welche die edle Melusina zu Preisen ausgesetzt hatte; die Damen empfanden über die Uebungen der jungen Ritter ein großes Vergnügen.

Am Abend war wieder ein herrliches Mahl zubereitet, man setzte sich wieder zu Tische, aß und trank und machte mit schönen Worten Spas, der selten ist. Darnach wurden die Tänze angefangen, die bis tief in die Nacht währten.

Als nun die Zeit gekommen war, daß die Braut zu Bett gebracht werden sollte, so wurde sie von schönen Frauen in das Schlafgemach geführt. Hier stand ein prächtiges Bett, das mit Lilien besteckt war, schöne Teppiche und Vorhänge von der seltensten Stickerei zierten das Gemach, nicht minder treffliche Mahlereien. Hier sah man in den lebhaftesten Farben die nackte, badende Leda und den schneeweißen Schwan, der sich liebkosend an sie schmiegte, indeß sie verwundert und entzündet mit durstenden Lippen in der Luft nach erwiedernden Küssen suchte: hier entsprang die Göttin der Liebe aus der Flut und schwimmende Najaden brachten ihr Korallen und Lobgesänge entgegen. Dort war Mars im Netze mit der Venus in einer Stellung festgehalten, die die Blicke der lüsternen Götterschaar entzückte. Hier badete Galatea und die Wellen schmiegten sich zärtlich zu ihren Füßen und ein schelmischer Widerschein fing das Bildniß der lieblichen Gestalt auf. So waren noch andre treffliche Gemälde und Darstellungen und das Zimmer war außerdem reich und kostbar verziert. Die edlen Frauen entkleideten die Braut, wobei sie sich selber über ihre Schönheit verwunderten und dem Bräutigam Glück wünschten, worauf sie sie in das Bett legten. Nun wurde auch Reymund hereingeführt, der sich alsbald zu seiner Melusina begab, worauf der Bischoff hereintrat, um sie beide einzusegnen. Er erstaunte über die Trefflichkeit des schönen Gemachs und sagte: Ihr habt da gar herrliche Schildereien, edler Herr, es ist ein wahres Wunder für die Augen. Als er dieses gesagt hatte, segnete er sie ein und betete viele schöne Gebete über ihnen.

Einige von den ältern Gästen begaben sich nunmehr auch zur Ruhe, die jungen aber blieben beim Tanzen munter, andre lustwandelten einsam mit ihrer Geliebten in dem grünen Labyrinth der Büsche, andre Damen und Ritter versammelten sich in der Nähe des Brautgemachs, um den Neuvermälten einige süße Lieder zu singen. Eine Stimme begann bei einem leisen Klang der Instrumente:

Wann die Rosenzeit gekommen, Spielt um sie die warme Luft, Ihnen ist die Furcht benommen, Sie ergießen süßen Duft.

Winde buhlen mit den Rosen, Willig bricht die Knospe los, Eilt entgegen süßem Kosen, Oeffnet lachend ihren Schoos.

Hierauf sang eine andre Stimme:

Zarte Arme zum Umarmen, Lippen für den süßen Kuß, Busen daran zu erwarmen, Leib zum herrlichen Genuß.

Rosen, Lilien, sind verstreuet Auf den wundersüßen Leib, Und der Liebe Gunst erfreuet Bräutigam und junges Weib.

Das Chor der Frauen sang lieblich, indessen die Instrumente ihre Töne erhoben:

Du bist nun ohne Hülfe eingefangen, Und mußt dich, Braut, dem stärkern Mann ergeben, Drum sei zufrieden, unterlaß dein Bangen, Geküßt gieb Küsse wieder ohne Beben, Die Zeit des Mädchenstandes ist vergangen, Du lernst ein liebend und geliebtes Leben, Drum magst du dich wohl seiner Weisung fügen, Anfangs besiegt wirst du am Ende siegen.

Das Chor der Männer stimmte an:

Nein, keiner wird den Sieg von beiden haben, Und beide werden schönen Sieg gewinnen, Sie theilen ohne Neid die süßen Gaben, Und jeder reißt des andern Geist von hinnen, Sie kriegen nun, am Frieden sich zu laben, Indessen sie auf neue Tücke sinnen, Doch keiner hat des Friedens Ruh verschworen, Aus Zwietracht wird die Eintracht hold geboren.

Nun vereinigten sich die verschiedenen Stimmen in einen einzigen Chor und sangen frohlockend:

Es streift die Liebe durch den Duft der Linden, Der Glanz der Sterne küßt die Blum' im Stillen, Sehnsucht und Lieb' des Himmels Räum' erfüllen, Innbrünst'ger Wunsch seufzt in den nächtgen Winden.

In einen Kuß müßt ihr all' Sinne binden, In einen durstgen Blick Begier und Willen, Nun gilts nicht Seel' und Leib mehr zu verhüllen, Und wundersüße Gaben sollt ihr finden.

Ein süß Erstaunen fesselt Herz und Sinnen. Die Liebe brennt in Augen, Lippen, Händen, Die Küsse küssen sich, nicht mehr verschieden.

Ungleiche Waffen? Wer wird da gewinnen? Der Sieg will sich nach keiner Seite wenden, Sie sind im Kämpfen einger als im Frieden. --

Dergleichen Lieder wurden noch mehr gesungen. Melusina lag indessen beim Reymund und sagte zu ihm mit lieblicher Stimme: ich bin nun ganz die deinige, mein herzliebster Gemal und Freund, und muß mich in allen Dingen deinem Willen fügen, nur mußt du deinen Schwur, den du mir gethan, niemals brechen, sonst kommst du von Glück in Unglück, von Ehre in Elend. Reymund bestätigte ihr seine Treue noch einmal, worauf sie in dieser Nacht von ihm mit einem Sohne schwanger wurde, den sie nachher _Uriens_ nannten.

Diese Hochzeit währte mit allen ihren Festlichkeiten zwei Wochen hindurch, nach welcher Zeit Melusina aus einem helfenbeinernen Schranke eine Menge kostbarer Kleinodien nahm und jedem der anwesenden Gäste ein herrliches Stück verehrte, vorzüglich aber dem Grafen und seiner Frau Mutter, auch die Dienerschaft wurde mit Geschenken bedacht, worauf sich denn alle Gäste wieder unter vielen Danksagungen entfernten. Auch der Graf Bertram und die Seinigen nahmen freundlichen Abschied, welche Reymund mit vielen von seinen Leuten zu Pferde begleitete. Der Graf hätte den Reymund gern nach dem Stande der Melusina gefragt, aber er furchte sich vor ihm, von wegen seiner neulichen Antwort; Reymund dankte ihnen nochmals für die erwiesene Ehre, beurlaubte sich mit aller Höflichkeit und ritt zurück.

Zweite Abtheilung.

Reymund kam zurück zur Melusina, küßte sie freundlich und sagte: Allerliebste Gemalin, womit sollen wir uns nunmehr die Zeit vertreiben? Melusina antwortete: ich hoffe, Gott wird uns mit allem dem versehn, was wir nur bedürfen.

Nach einigen Tagen fing Melusina einen großen und prächtigen Bau an, über welchen sich die ganze Nachbarschaft verwunderte, denn noch niemals hatte man ein so mächtiges Kastell und in so geringer Zeit aus seinem Fundamente heraufsteigen sehen. Sie bezahlte die Arbeiter reichlich und auch gleich baar, wodurch sie alle die Lust zum Baue behielten. In weniger als einem Jahre stand ein großes und festes Schloß mit seinen Zinnen, Wällen, Zugbrück und sehr tiefen Gräben da, welches nach seiner Festigkeit fast für unüberwindlich gehalten wurde, und welches sie _Lusinia_ nannte, wodurch sie gleichsam auf ihren eignen Namen anspielend deutete.

Nach neun Monaten gebar Melusina einen Sohn, der _Uriens_ genannt wurde, und der sonst wohlgestaltet war, nur befand sich sein Angesicht seltsam eingerichtet, denn dieses war kurz und breit, mit einem rothen und einem grünen Auge, einem sehr weiten Mund, und hatte darneben noch große herabhangende Ohren: sonsten war seine übrige Gestalt adelich und fein und er wuchs nachher zu einem schönen und tapfern Ritter auf.

Im folgenden Jahre gebar Melusina wieder einen Sohn, der _Gedes_ getauft wurde; dieser hatte eine solche Röthe in seinem Antlitze, daß sie ordentlich einen Widerschein gab, sonst war er übrigens von edler Bildung. Hierauf wurde von der Melusina ein anderes Schloß, Favent, gebaut, hernach legte sie der Mutter Gottes zu Ehren ein Kloster aus Andacht an, welches sie Malliers nannte; zuletzt aber baute sie eine ganze Stadt, Portenach.

Darauf gebar sie wieder einen Sohn, der war zwar schön, doch stand ihm das eine Auge höher als das andre, und wurde _Gyot_ genannt. Worauf sie wieder ein Schloß bauen ließ, mit einer sehr schönen und kunstreichen Brücke über den Strom allda. Dann brachte sie wieder einen Sohn zur Welt, der _Antoni_ geheißen wurde und der eine Löwenklaue auf dem Backen mit auf die Welt brachte, auch war er sehr wild und ganz rauch von Haaren, und als er größer wurde, mußte sich jedermann vor ihm fürchten, welcher ihn sah.

Dann gebar sie wieder einen Sohn, den _Reinhardt_, der nur ein Auge mitten auf der Stirne hatte, damit aber so viel sah, wie andre mit zweien und nachher sehr brav und tapfer wurde. Nicht lange gebar sie wieder einen andern Sohn, den _Geoffroy_; dieser kam mit einem großen Zahn zur Welt, der ihm fast wie ein Eberzahn aus dem Munde heraus stand, dieser wurde nachher ein sehr tapfrer Ritter, hatte aber einen mehr wunderlichen Sinn, als alle seine Brüder zusammen genommen. Reymund sagte bei dieser Gelegenheit zu seiner liebsten Gemalin: werthe Frau, was bringst du mir doch für seltsame Kinder zur Welt? soll denn kein einziger ohne einen Makel erfunden werden? Sonderlich betrübt mich dieser Geoffroy mit dem Zahn, denn er erinnert mich an mein ehemaliges Unglück mit meinem Herrn Vetter und an das Schwein; ich fürchte immer, daß uns durch diesen Sohn irgend ein Leid zustoßen wird. Melusina antwortete: wir wollen ihn in der Furcht des Herrn erziehn und er wird ein wackrer Ritter werden.

Darnach gebar sie wieder einen Sohn, den _Freymund_, der von schöner Leibesgestalt war, aber auf der Nase einen haarigen Fleck, fast wie ein Stück Wolfshaut, hatte. Nicht lange, so bekam sie noch einen Sohn, _Horribel_, derselbe hatte drei Augen und war von bösen Sitten und argem Gemüth. Dann kam der _Dietrich_ zur Welt, der ein großer Ritter wurde, und zuletzt ein Sohn, den sie _Reymund_ nannten.

So hatte Melusina nun zehn Söhne, als:

1) _Uriens_, mit schlechtem Antlitz, einem rothen Auge und langen Ohren. 2) _Gedes_, mit der Röthe im Angesicht. 3) _Gyot_, ein Auge höher als das andre. 4) _Antoni_, eine Löwenklaue auf der Wange. 5) _Reinhardt_, nur ein Auge auf der Stirn. 6) _Geoffroy_, mit dem Zahn. 7) _Freymund_ mit der Wolfshaut auf der Nasen. 8) _Horribel_, der drei Augen hat. 9) _Dietrich_, ohne Fehl. 10) _Reymund_, ohne Fehl.

Als der älteste Sohn _Uriens_, der mit dem schlechten Antlitz und langen Ohren, zu seinen erwachsenen Jahren gekommen war, begehrte er ein berühmter Ritter und Kriegsmann zu werden und sein Glück in der weiten Welt zu versuchen. Da ihm nun sein Sinn darnach stand, so rüstete er ein Schiff aus, welches er eine Galeere nannte, nahm viel Volks mit, von seinen Eltern Abschied, und ihn begleitete sein jüngerer Bruder Gyot, dem ein Auge höher, als das andere stand. So begaben sie sich auf das hohe Meer, und versahen sich auch mit Gold und Silber, von dem Segen Reymunds, wie der Melusina begleitet.

Sie richteten ihre Seefahrt nach Famagusta, der Hauptstadt des Königreichs Cypern, wo sie Anker warfen und an das Land stiegen. Hier vernahmen sie, daß ein heidnischer König diese Stadt mit einer großen Menge Volks belagert hielt und den christlichen König von Cypern hart bedrängte, worauf sie sich vornahmen, diesem beizustehn. Schlugen also ihr Lager im Angesicht der Feinde in der Nähe der Stadt auf, und erwarteten eine günstige Gelegenheit, ihre Tapferkeit zu zeigen; die Heiden aber waren ungewiß, ob sie dieses fremde Volk für Heiden oder für Christen halten sollten. Der Heide zog daher aus Vorsichtigkeit sein Volk zusammen, ob er etwa überfallen werden möchte, worauf der König von Cypern, der dieses aus der Stadt wahrnahm, meinte, jener wolle sich zur Flucht bereit machen, daher er die Thore aufmachen, Fahnen vortragen und die Trompeten fröhlich blasen ließ, indem er mit aller Macht in das heidnische Lager einbrach. Die Heiden aber wehrten sich tapferlich, und brachten viele der Christen um, der König von Cypern selbst wurde von einem vergifteten Pfeile getroffen, so daß er augenblicklich spürte, die Wunde würde tödtlich sein. So mußten sie sich alle mit großem Verlust in die Stadt zurück begeben.

Der König hatte eine schöne Tochter, Hermina genannt, welche heftig erschrak, als sie ihren Herrn Vater auf diese Weise zurück kommen sah, von dem vergifteten Pfeile verwundet, besonders, da sie hörte, daß er von dieser Wunde nicht wieder aufkommen könne; sie klagte und weinte, aber ihrem von dem vergifteten Pfeil getroffenen Vater war damit nicht geholfen, sondern seine Leiden wurden dadurch nur vergrößert.