Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente
Part 5
Aber seine Mutter Frau Aya kam mit einem großen Gefolge in das Lager ihres Bruders, Königs Carl, um für ihre Söhne zu bitten. Sie ließ sich vor ihm auf die Kniee nieder und weinte heftig und bat um das Leben ihrer Kinder, und daß er sich möchte rühren lassen. König Carl hatte seine Schwester in so langer Zeit nicht gesehn, dazu so rührte ihn ihr Knien und ihre bitterlichen Thränen, so daß er ihr versprach, einen guten Frieden zu machen und alles zu vergessen, wenn die Söhne ihm das Roß Bayart in die Hände liefern wollten, damit zu schalten wie er Lust hätte, weil es ihm gar zu großen Schaden gethan habe. Frau Aya war von Herzen froh und ging sogleich in die Vestung zu ihren Kindern, ihnen die Botschaft anzusagen. Adelhart setzte sich dagegen, daß man das Roß ausliefern sollte; aber Reinold sagte: wir wollen es thun, lieben Brüder, wir mögen vielleicht für das Roß auch Gnade erlangen.
Und so war denn nach einem langen Kriege der Friede geschlossen.
Neunzehntes Bild. Das Roß Bayart wird ertränkt.
Die Brüder fielen im Beiseyn ihrer Mutter dem Könige zu Fuße, er hob sie gnädig auf und alle waren sehr erfreut, besonders ihre Mutter Aya. Hierauf nahm Reinold das Roß Bayart und gab es in die Hände Carls. Der König ließ ihm sogleich zwei Mühlsteine an den Hals binden, und es, wie er gelobt hatte, von der großen Brücke in's Wasser stürzen. Bayart sank unter, kam aber bald wieder in die Höhe und sah nach seinem Herrn Reinold; dann arbeitete er sich mit Schwimmen an's Ufer, schlug die Mühlsteine von sich und ging zu Reinold und liebkosete ihm. Der König sagte: Reinold, gebt mir das Roß zurück; Reinold nahm es, und gab es dem Könige, der ließ ihm zwei Mühlsteine an den Hals henken und an jedem Fuße einen und so wurde es von neuem in das Wasser geworfen. Es sank wieder unter, kam aber bald wieder oben, sah Reinold an, stieg an's Ufer und schlug alle Steine von sich, so daß sich alle über die Stärke Bayarts verwundern mußten. Bayart stand wieder bei Reinold und liebkoste ihm, wie zuvor, wodurch Reinold sehr gerührt war. Adelhart sagte: Bruder, verflucht mußt Du sein, wenn Du das Roß wieder aus Deiner Hand giebst! O Bayart, wird Dir nun so gelohnt, daß du deinen Herrn und uns alle so oft errettet hast? Aber Reinold sagte: Brüder, sollt' ich um des Rosses willen die Gunst des Königs verscherzen? nahm Bayart wieder und übergab ihn dem Könige mit den Worten: Wenn das Roß noch einmal wieder kömmt, kann ich es Ew. Majestät nicht wieder fangen, denn es geht meinem Herzen gar zu nahe. Da wurden dem Bayart wieder zwei Mühlsteine an den Hals gebunden und an jedem Fuß zwei, und er wurde zum drittenmal von der Brücke hinuntergestürzt. Reinold aber mußte fortgehn, damit ihn das Roß nicht wieder sähe und dadurch neue Kraft bekäme. Bayart blieb diesmal länger unter Wasser, dann kam er aber doch wieder mit dem Kopfe hervor und streckte ihn weit von sich, weil er seinen Herrn Reinold suchte; da er ihn aber nirgends gewahr werden konnte, verließen ihn nach und nach die Kräfte, er sank unter und kam nicht wieder ans Tageslicht.
Alle Brüder weinten und Reinold war im innersten Herzen betrübt; er verschwor es, Zeit seines Lebens wieder Sporen an den Füßen zu tragen, oder ein ander Pferd zu besteigen, zugleich wollte er das ganze Ritterleben aufgeben. Die Brüder blieben bei Hofe, er aber ging nach Montalban, wo er seiner Hausfrauen Clarisse den Tod Bayarts erzählte; sie fiel in Ohnmacht, als sie diese Nachricht hörte, wurde aber dadurch wieder etwas getröstet, daß die Brüder nun völlig mit König Carl ausgesöhnt wären. Hierauf schlug Reinold seinen ältesten Sohn Emmrich zum Ritter und gab ihm die Veste Montalban, auch den übrigen Söhnen schenkte er Land und Leute, dann küßte er sie alle nach der Reihe und verließ sie in der dunkeln Nacht.
Zwanzigstes Bild. Reinold ein Eremit.
Reinold empfand die Eitelkeit alles menschlichen Treibens, begab sich deshalb in einen abgelegenen wilden Wald, weil ihm die ganze Welt nunmehr zuwider war. Da traf er einen Einsiedler, von dem lernte er das eremitische Leben und brachte so seine Zeit mit frommen Gebeten und stillen Betrachtungen zu. Allenthalben ließ man Reinold suchen, man fand ihn aber nirgends, bis er nach einigen Jahren wieder freiwillig hervorkam, weil er gern seinen Vater Heymon sehn wollte und seine Mutter, Brüder und Kinder, in Summa, die Seinigen, die ihm theuer waren. Dann ging er wieder in seinen Wald zurück und führte sein stilles Leben weiter und that Buße für die mannichfaltigen Sünden, die er jemals im Laufe seines Lebens begangen hatte. Dann lebte er noch lange in der Einsamkeit und kam aus seinem Walde in die Welt, um seine Freunde zu sehn, und nach vielen Jahren starb er als ein frommer Waldbruder, als Roland schon bei Ronceval gefallen war und Carl gestorben und sein Vater todt, und viele der Helden sich zerstreut und verloren hatten.
Und hier endigt sich die Historie von Reinold und den übrigen Heymons Kindern.
Sehr wunderbare Historie von der Melusina. In drei Abtheilungen. 1800.
Erste Abtheilung.
Wie oftmals durch Gunst der Frauen Männer zu hohem Glück und Ehre gelangt sind, davon findet man in der Geschichte viele Beispiele, unter andern auch in folgender sehr wunderbaren Historie, die vielen nur ein Mährchen dünken möchte, weil einige Umstände zusammen treffen, die fast an das Unwahrscheinliche gränzen.
Zu alten Zeiten lebte in Frankreich ein Graf _von Forst_, er hatte viele Kinder, war arm und lebte in einem anmuthigen Walde. Dieser Graf hatte viele Noth seine Kinder adelich und nach ihrem Stande zu erziehn, weil es ihm am Vermögen fehlte. Sonderlich that ihm dieses um seinen jüngsten Sohn Reymund leid, der schon früh ein hochstrebendes Gemüth in sich spüren ließ, denn er sprach am liebsten von Rittern, die sich durch wunderbare Begebenheiten und große Thaten zu den höchsten Ehren empor geschwungen hatten, auch ließ er sich vom Vater gern alte Geschichten erzählen, von solchen Leuten, die aus Armuth Fürsten und Könige geworden und wünschte sich ein gleiches Schicksal. Darüber wurde der Vater oft betrübt und führte ihm zu Gemüth, daß es nicht mehr die Zeit sei, an derlei Wunderwerke zu glauben und er möchte sich nur früh in seinen beschränkten Stand finden lernen. Reymund aber sagte: lieber Herr Vater, es ist noch nicht aller Tage Abend, so können wir auch nicht wissen, was aus mir noch werden möchte. Worauf der Vater antwortete: Nun, Gott möge Dich segnen, mein Kind, denn ich sehe wohl, Dein Sinn steht nach hohen Dingen.
Nicht weit vom Walde hatte der Graf _Emmerich_ seine großen, weitläuftigen und reichen Güter; dieser war der Mutter Bruder des armen Grafen von Forst und also sein naher Vetter und Verwandter. Dieser Herr war neben seinem Reichthum in vielen Wissenschaften wohlerfahren, sonderlich in der Kunst der Astronomie, denn er wußte alle Abtheilungen des Jahrs, Mondwechsel, auch Sonnen- und Mondfinsternisse, konnte alles daraus wahrsagen und die schwersten Rechnungen machen: auch war ihm durch astrologische Weisheit das Firmament mit seinen Sternen nur wie ein lieber Freund, den er um Rath fragen durfte, wußte auch genau anzugeben, wo die Planeten standen und wann sie auf und wann sie untergehn, in Summa er war von allen Leuten im Lande wegen seiner Kenntnisse und großen Reichthums sehr hochgeachtet. Dieser Mann hatte nur zwei Kinder, einen Sohn, welcher Bertram hieß, und eine Tochter. Er rechnete mit seiner Kunst aus, und wußte es auch schon vorher, daß seinem armen Vetter, dem Grafen von Forst, die Erziehung seiner vielen Kinder zur Last falle, nahm sich also in seinem großmüthigen Herzen vor, eins davon zu sich zu nehmen. Machte also ein großes Gastmahl und lud dazu auch seinen Herrn Vetter ein, der auch mit drei von seinen Söhnen kam, unter welchen sich Reymund, der jüngste, befand. Graf Emmerich sah, daß sich alle höflich betrugen und alle in guter Kleidung zu ihm kamen und war damit sehr zufrieden. Während der Mahlzeit warf er eine besondre Liebe auf Reymund, der sehr geschickt und artig sein Hütlein beim Beten vor das Gesicht zu halten wußte, wie wohl die andern sich auch andächtig bezeigten, nachher zierlich und sauber aß, seinem Herrn Vetter in allen Dingen aufwartete und sich überhaupt als ein feiner Gesell betrug.
Nachdem alle abgespeist hatten, gingen der Graf Emmerich und Graf Forst beiseit und Emmerich sagte zu seinem Vetter: ich danke Euch vielmals, mein Herr Vetter, daß Ihr zu meinem Gastgebot habt erscheinen wollen, auch alle so höflich und in neuen Kleidern gekommen seid, welches suchen werde, bei einer andern Gelegenheit zu vergelten. Ihr habt außerdem viele und wackre Kinder, und viele wohlerzogene Kinder besitzen, ist von je an für einen Segen des Himmels gerechnet worden; doch giebt es einen Fall, wo man sich lieber deren einige mit Freuden abthun möchte, wenn man nämlich sehr viele hat und sich selber dabei in Armuth befindet, denn alsdenn müssen die Kindlein der ihnen zukommenden Erziehung entbehren, wodurch sie nicht nur kein Vermögen, welches nicht sonderlich zu achten, bekommen, sondern selbst ihren zukünftigen guten und tugendhaften Lebenswandel verlieren. Will dieses übrigens nicht von Euch, Herr Vetter, gesagt haben, denn mir ist nicht unbekannt, daß einem so verständigen Manne fast alles möglich zu machen ist, wie Ihr es denn auch mit der That beweiset; wollte Euch dennoch höflichst und inständigst um Euer jüngstes Söhnlein Reymund gebeten haben, mir solchen zur Erziehung zu überlassen, denn er hat mir doch gar zu artlich gedünkt, sowohl mit Beten, als saubern Mundwischen, auch allem übrigen gottgefälligen Betragen, will ihn wie meinen eignen Sohn halten, ihm auch Vermögen hinterlassen.
Als der Graf von Forst diese Rede seines Herrn Vettern verstanden hatte, überkam er eine große Freude und antwortete: mein Herr, Euer edles Herz, wie Eure weltbekannte große Wissenschaft leuchten gleich sehr aus dem, was Ihr gesagt, herfür, und so geschieht es denn auch zu meiner grösten Zufriedenheit, daß ich Euch mein jüngstes Söhnlein, den Reymund, ob er mir gleich das allerliebste Kind, übergebe und ausliefere, denn bei mir hat er, wie Ihr wißt, kein großes Glück zu hoffen, darum will ich ihm mit meiner väterlichen Liebe nicht im Wege stehn. Nehmt ihn hin, und möge er Euch nur am letzten Tage noch eben so gut gefallen, als am ersten, möge er in der Gottesfurcht aufwachsen, damit Euch Eure Wohlthätigkeit und Liebe zu ihm nicht dermaleinst gereut.
So gaben sie sich die Hände und waren mit einander einverstanden. Der Reymund wurde von dem Handel unterrichtet und weinte viel, welches dem Grafen Emmerich wieder sehr gefiel, weil er daraus seine Liebe zum Vater erkannte und sich auch dergleichen versprechen durfte. Endlich schieden sie und der Graf von Forst reiste nach seinem Walde zurück.
Der Reymund war von nun an immer in Gesellschaft seines Herrn Vetters, der Grafen Emmerich, bei dem er alle adlichen Sitten, auch reiten und stechen lernte. Der Graf war ihm wegen seiner Tugenden so zugethan, daß er ihn fast seinem Sohne vorzog, worüber dieser aber auch nicht neidisch war, weil Reymund ihm höflich und freundlich begegnete, und überhaupt der Liebling des ganzen Hauses wurde. Wo er konnte, diente er jedermann, dabei war er niemals trotzig und hochmüthig, mit keinem zänkisch, sondern immer nachgebend. So wuchs er auf und der junge Graf Bertram war mit ihm von einem Alter.
Graf Emmerich war ein großer Freund von der Jagd und Reymund mußte ihn fast immer auf allen seinen Zügen begleiten. So waren sie auch eines Tages mit großer Gesellschaft in den Wald hinaus gezogen, mit Jägern und Hunden und allem Zubehör. So kam ein wildes Schwein daher, das sie alsbald niederlegen wollten, dieses aber haute viele von den Hunden zu Schanden, eilte wieder fort und zog die ganze Jagdgesellschaft nach sich in den Wald, so daß der Graf und Reymund allein zurück blieben. Es war schon Mondschein und Nacht in demselben Walde und nicht lange währte es, so waren sie verirrt, worauf Reymund zu seinem Herrn Vetter sagte: wir sind in der Nacht von unsern Leuten gekommen, haben auch die Hunde verloren, uns selber verirrt, darum wäre es wohl gut, einen Ort zu finden, wo wir unterkommen möchten. Worauf der Graf zur Antwort gab: Du rathest wohl, können wir es doch versuchen, denn der Himmel ist gestirnt und der Mond scheint helle genug. Darauf ritten sie im Holze hin und her, um einen geraden Weg zu finden, fanden ihn aber nicht und wurden verdrüßlich; endlich geriethen sie auf eine schöne Straße und Reymund sagte: dieses dürfte wohl die Straße nach unserm Schlosse sein; jetzt wollen wir nur einige von unsern Leuten aussuchen, die die Wege besser kennen: worauf der Graf mit den Worten erwiederte: es kann sein, ich will Deinem Rathe folgen.
Indem sie noch so ritten, betrachtete der Graf mit Aufmerksamkeit das Gestirn am Himmel, seufzte bei sich und sprach: O Gott, wie sind doch deine Wunder so groß und mannichfaltig, wie hast Du die Natur in solcher Gestalt zugerichtet und wie magst Du es zulassen, daß ein Mann durch seine Missethat zu so großem zeitlichen Glück und hohen Ehren gelangen möge? Komm hieher, mein Sohn, fuhr er gegen Reymund fort, und betrachte einmal die Gestalt des Himmels, sieh jenen röthlichen Stern, der herauf kommt und sich dem weißen nähert, sie machen zusammen ein wunderliches Licht und seltne Stellung und bedeuten, daß in dieser Stunde ein undankbarer Diener seinen Herrn und Wohlthäter erschlägt, und dadurch zu allem zeitlichen Glücke gelangt.
Wie ist dieses möglich, antwortete Reymund, daß Ihr es aus den Gestirnen erkennen mögt?
Die Natur, sagte Emmerich, ist wunderseltsam mannichfaltig und auch wieder sehr einfach, der Himmel ist ein Spiegel der Erde, die Erde des Himmels, ja ein jedes Ding spiegelt sich im andern wieder, erschafft jenes und wird erschaffen, dieselben Kräfte in vielen Gestalten, dieselben Bildungen aus verschiedenen Kräften, wie tausend Ströme die durcheinander fließen, sich verwirren und in schöner Ordnung regieren, wie tausend Geister, die sich spielend einer im andern bewegen und so die Welt im Wechsel darstellen und festhalten; mir und meinesgleichen ist die Kunst gegeben, den Abgrund an der Höhe des Firmamentes zu erkennen, ich finde die Gestirne in mir und im Abgrunde wieder, unser Herz zieht die Liebe der Geister an sich und so mögen wir im großen Spiegel Vergangenes und Künftiges wahrnehmen.
Dieses ist zu verwundern, sagte Reymund; worauf sie weiter ritten und ein Feuer fanden, das die Hirten im Holze angezündet hatten. Sie stiegen von den Pferden ab, suchten Holz zusammen und legten es auf das Feuer, weil es in der Nacht sehr kalt war, um sich an der Flamme zu wärmen. Als sie noch damit beschäftigt waren, sich zu wärmen, hörten sie durch das Holz etwas kommen, mithin ergriff Reymund sein Schwert, und der Graf seinen Spieß, und sie konnten nicht damit geschwinde genug sein, denn es kam ein großes Schwein, klopfete mit seinen Zähnen an den Bäumen und schnaubete sehr. Da schrie Reymund seinem Vetter zu und sprach: O Herr Vetter, schont Euer Leben und steigt lieber in aller Eile einen Baum hinauf. Der Graf aber that dieses nicht, sondern sagte: Solches ist mir noch nie vorkommen noch widerfahren, soll mir auch, wenn es Gott will, niemals fürgehalten noch bewiesen werden, daß ich vor einem Schweine so schändlich fliehe, oder mich auf die Bäume begebe. Dem Reymund that es Leid, daß sein guter Rath nicht befolgt wurde; der Graf hielt hierauf den Spieß vor, das Schwein lief daran, schlug aber den Stich ab, indem es sich nur wenig verwundete, und den Grafen zur Erden niederwarf. Darauf nahm Reymund seines Herrn Vetters Spieß, wollte damit das Schwein niederlegen, fehlte aber und stieß damit in seines Herrn Vetters Leib, zog ihn aber gleich wieder heraus und brachte das Schwein um, kehrte sich wieder zu seinem Herrn Vetter, fand ihn in Todesnöthen liegen und sah, wie er alsbald verschied.
Wie nun Reymund das jämmerliche Unglück, so er angerichtet, recht bedachte, fing er eine laute und bittere Klage an, raufte seine Haare aus, rang die Hände und weinte von Herzen, indem er ausrief:
Ach Glück! wie hast Du mich so arg belogen, Reich machst Du arm, und Arme oft zu Reichen, Dem magst Du Trost, dem andern Jammer reichen, Dem bist Du Feind, und jenem dort gewogen.
Bös Glück! welch Leid hast Du mir zugewogen? Ist noch ein Jammer meinem zu vergleichen? Muß so der edle Vetter mein erbleichen? Wollt' ihn erretten, wurde schlimm betrogen.
Ich stieß ihn undankbar in sein Verderben, Das Auge mußte, so die Hand auch fehlen, Der eigne Speer von seinem Blut geröthet:
O könnt' ich doch an seiner Seite sterben, Denn so wird der Verdacht mich ewig quälen, Ich habe gar mit Vorsatz ihn getödtet.
So klagte er in der Nacht und alle seine Sinne kamen in Verwirrung, er wußte nicht mehr, ob er die Mordthat mit Fleiß begangen hatte, und klagte sich selber auf das härteste an. Dann setzte er sich in Leid und Betrübniß wieder auf sein Pferd, wußte nicht wohin und ließ es ohne Lenkung und Führung freiwillig dahin gehn, wohin es nur wollte.
Es befand sich ein Brunnen im Walde, auf einem schönen freien Platz, der aus einem Felsen entsprang und den man gewöhnlich nur den Waldbrunnen nannte; hieher ging das Pferd mit Reymund, und beim Brunnen standen drei schöne Jungfrauen, die aber Reymund in seiner tiefen Betrübniß nicht bemerkte. Die jüngste und schönste von den dreien ging ihm entgegen, und sagte: nie ist mir ein solcher Ritter vorgekommen, der vor Damen vorbei reitet, ohne sie anzureden. Reymund aber trieb sein Klagen und Jammern weiter, so daß er gar nicht hörte, was sie sagte, worauf sie das Pferd beim Zügel fing und sprach: Ihr müßt wohl nicht aus adelichem Blute sein, denn sonst würdet Ihr uns nicht so stillschweigend vorüber reiten.
Nun erwachte Reymund erst aus seiner Betäubung und erschrak, als er ein so schönes Fräulein vor sich sah: er wußte nicht, war er lebend oder todt, oder war sie ein Gespenst, oder ein Fräulein. Er stieg aber alsbald mit der größten Behendigkeit vom Pferde herunter und sagte: ich bitte, Ihr wollet mir verzeihen, denn ich bin wohl ein Ritter und aus adelichem Blut, aber meine Unglücksfälle haben mich dermaßen erschüttert, daß ich vor tiefster Betrübniß Artigkeit gegen Damen aus den Augen zu setzen mich genöthigt sehe.
Sie antwortete: lieber Reymund, Euer Klagen und Euer Unglück thun mir sehr leid. Worüber er sich verwunderte, daß sie seinen Namen wußte und sagte: Wie könnt Ihr doch meinen Namen wissen, da ich Euch nicht kenne? Wie ist es denn möglich, daß Ihr Euch mit dieser großen Schönheit, edlem Leibe und trefflichen Angesichte hier allein im Walde befindet? Und wie kömmt es, daß mir mein Gemüth sagt, es würde mir durch Euch einiger Trost zukommen, ja daß ich schon, indem ich mit Euch rede, den süßen Klang der Stimme von diesen holdseligen Lippen vernehme, in zauberischer Gegenwart Eurer Lieblichkeit, meine Leiden gelindert fühle?
Das Fräulein sagte hierauf: theurer Reymund, habt Ihr gleich Euren Herrn Vetter und das Schwein umgebracht, und seid dadurch in große Noth gerathen, so ist dieses doch gegen Euren Willen geschehn und ich sage Euch hiermit, daß Euch Glück, Reichthum und Macht wird zu Theil werden, wie noch keinem jemals in Eurer Familie geschah, denn was Euer Herr Vetter geweissagt hat, das muß an Euch selber in Erfüllung gehn und es wird auch mit göttlicher Hülfe vollbracht werden.
Wie Reymund hörte, daß sie von göttlicher Hülfe sprach, wurde er noch beherzter, weil er nun glaubte, daß das Fräulein kein Gespenst, auch keine Heidin, sondern eine Christin sei, und sagte daher: aber mein schönstes Fräulein, wie wißt Ihr doch meinen Namen, oder welch ein Unglück mir begegnet ist, da ich Euch vorher niemals mit Augen gesehn habe, denn Ihr wart nicht zugegen, als das Unglück geschah, noch habe ich Euch vorher jemals bemerken können.
Sie sagte: tröstet Euch nur und seid allerdings unbekümmert, denn ich bin eben diejenige, durch welche das in Erfüllung gehn muß, was Euer Herr Vetter kurz vor seinem Tode geweissagt hat: zweifelt auch nicht daran, daß ich eine gute Christin sei, wie ich denn in der That merke, daß Ihr daran zweifelt, denn ich glaube alles, was einem guten Christen zu glauben zukommt, als daß Christus für unser Heil gestorben und an das bittre Kreuz genagelt ist, daß er nach dreien Tagen auferstanden, ^item^, daß er der eingeborne Sohn Gottes ist, und so weiter, gen Himmel gefahren, nebst allen Dingen, die zu unsrer heiligen Religion gehören. Darum vertraut mir nur, und Ihr sollt so weise, reich und mächtig werden, wie es noch keiner je in Eurem Geschlechte gewesen ist.
Als Reymund dies gehört hatte, bekam er seinen Muth und auch seine Farbe wieder, denn alle Zweifel waren nun bei ihm verschwunden; er antwortete daher: holdseligstes und schönstes Fräulein, nunmehr bin ich bereit, alles das zu thun, was Ihr mir gebieten werdet, denn ich sehe wohl, daß es eine Schickung Gottes ist, und nichts anders: darum sagt mir nur, was ich thun soll, und wenn es nicht mein Vermögen oder meine Kräfte übersteigt, soll es gewiß in Erfüllung gesetzt werden.
Worauf das Fräulein antwortete: Reymund, Ihr sollt mir schwören, daß Ihr mich zum ehelichen Gemal nehmen wollt, aber an keinem Sonnabend weder nach mir fragen dürft, noch Euch sonst um mich bekümmern, sondern diesen Tag muß ich ganz ausdrücklich für mich behalten, worauf ich Euch aber wieder schwöre, nichts zu thun, noch mich an selbigem Tage irgend an einen Ort zu verfügen, der Eurer Ehre nachtheilig sein könnte.
Reymund schwur sogleich und sie fuhr fort: wenn Ihr diesen Euren Schwur jemals brecht, so wird es Euch selbst zum Nachtheil gereichen, denn Ihr werdet dadurch an Gut und Ehre, an Land und Leuten merklich abnehmen; auch werdet Ihr mich selbst verlieren. Reymund schwur noch einmal und versprach, ihr in allem zu gehorchen, worauf sie ihm sagte, daß er nach dem Schlosse zurück reiten möge, und sagen, daß er seinen Herrn Vetter im Walde verloren habe und nicht wisse, wohin der gekommen sei, man werde diesen hierauf suchen, finden und mit vielen Wehklagen begraben. Dann würden alle Vasallen erscheinen, den jungen Grafen Bertram für ihren Lehnsherrn erkennen, und die Lehn von ihm begehren, zu diesen solle er sich auch begeben und zum Lohn für seine Dienste nur so viel Landes bitten, als man mit einer Hirschhaut umschließen könne, welches ihm jener gewiß nicht versagen würde; er solle aber nicht vergessen, sich hierüber eine schriftliche Versicherung mit allen Siegeln ausfertigen zu lassen. Reymund würde hierauf einem Manne mit einer Hirschhaut begegnen, dem er sie abkaufen müsse, ohne zu handeln, diese müsse er in die dünnsten Riemen schneiden lassen, sie in einem Büschel zusammenlegen, und sich am Tage der Vergabung damit nach dem Waldbrunnen begeben, hier solle er mit dem Riemen dann so viel Land umfassen, als ihm nur möglich wäre. Nach allem diesen zeigte sie ihm noch den rechten Weg nach dem Schlosse und bestimmte ihm einen Tag, an welchem er sie wieder am Brunnen im Walde sprechen könne.