Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente

Part 4

Chapter 43,859 wordsPublic domain

Er ritt also durch das Gedränge und traf auf die Schaar, die seinen Bruder Writsart wegführte; der eine von ihnen sah sich um und sagte: seht, da kömmt Reinold und geberdet sich nicht wie ein Mensch, sondern wie ein wahrer Teufel, lasset uns alle davon fliehen! Reinold kam herangesprengt und hieb die ersten nieder, die übrigen flohen, und so war Writsart wieder frei; worauf Reinold sagte: Bruder, ich habe Euch diesmal wieder frei gemacht, aber ich sage es Euch, es geschieht nicht wieder; warum lasset Ihr Euch so gar leichtlich fangen? Writsart sagte: Bruder Reinold, es war nicht meine Schuld, mein Pferd war todt, dazu so hatten sie mir im Handgemenge mein Schwert zerschlagen. Nun, es soll Euch für diesmal vergeben sein, sagte Reinold; und so ritten sie wieder in den Kampf hinein.

Die Schlacht dauerte fort, aber es kam zu den Feinden eine Verstärkung. Ritsart war schwer verwundet, und so mußte endlich Reinold mit seinen Brüdern die Flucht ergreifen.

Vierzehntes Bild. Die Belagerung auf dem Berge.

Reinold nahm den verwundeten Ritsart hinter sich aufs Pferd und er und die andern Brüder flohen auf einen nah gelegenen Berg. Derselbe Berg war sehr hoch und steil und ganz aus Marmorstein, und so beschaffen, daß nur immer ein Mann heraufgehn konnte. Von oben warf Reinold nun mit gewaltigen Steinen herunter, so daß Roß und Mann starb und Niemand sich dem Berge zu nähern getraute. Graf Calon, der das Heer anführte, sprach mit Ogier, der gerne seinen bedrängten Verwandten beigestanden hätte, wenn ers gewagt hätte, ohne für einen Verräther angesehn zu werden. Er ging dem Berge näher, um mit Reinold Unterhandlungen zu pflegen und ihn zu fragen, ob er sich ergeben wolle, oder noch länger zu fechten gedächte; er rief daher hinauf, daß Reinold mit Steinwürfen inne halten solle, er habe etwas mit ihm zu reden. Als er oben kam, sah er, daß die andern drei Brüder auf ihren Knieen lagen, und Gott um Hülfe anflehten, und daß Reinold nur noch allein wacker sei. Er rieth ihnen hierauf, den Berg nicht zu verlassen und ging wieder fort, indem er sie in den Schutz Gottes befahl.

Reinold hatte auf Montalban einen Jüngling zurückgelassen, der die Wissenschaft verstand, in den Sternen des Firmaments bei der Nacht zu lesen; dieser stand oben auf der Burg und sah aus dem Laufe der Gestirne, daß Reinold sich mit seinen Brüdern in der größten Gefahr befinde, und daß er auf einem Berge belagert sei, imgleichen, daß König Ivo ihn um eine große Summe Goldes an Carl verrathen habe. Er lief sogleich zu Malegys, um es ihm anzusagen; dieser stand lustig in der Küchen und ordnete ein Abendessen an, weil er glaubte, daß die Brüder noch in dieser Nacht wiederkehren würden. Da Malegys das Unglück hörte, wollte er sich selber erstechen, so sehr war er in Verzweiflung; aber der Jüngling sagte: Malegys, was sollte Euch das helfen, wenn Ihr Euch umbrächtet? Suchet lieber Eure Vettern zu erretten, und nehmt derohalben Kriegesknechte mit Euch und setzt Euch auch auf das gewaltige Roß Bayart. Malegys fand den Rath gut, er foderte die Knechte auf und ging in den Stall, um auf Bayart zu steigen. Aber Bayart schlug und biß um sich, wollte Niemand aufsteigen lassen, denn allein Reinold; Malegys aber erwischte einen Prügel, in der Meinung, das Roß mit Gewalt zu bezwingen, aber Bayart setzte sich auf die Hinterbeine und hätte den Malegys fast zerrissen, wenn er nicht schnell zurückgesprungen wäre. Da wurde Malegys betrübt und sagte: O du schändliches Roß! willst du nun in der Noth deinen Herrn Reinold verlassen, der sich in Lebensgefahr befindet? Kaum hörte Bayart diese Worte, so ließ er sich demüthig auf seine Kniee nieder, so stieg Malegys auf und der Zug folgte ihm.

Oben auf dem Berge lagen nun die vier Heymonskinder und waren von einer großen Macht belagert, Ritsart lag schwer verwundet und konnte sich nicht aufrichten. Adelhart und Writsart waren auf ihren Knieen und flehten zum barmherzigen Gott um Rettung und Hülfe, nur der starke Reinold war noch wacker und munter und hielt den Feind von dem steilen Berge zurück, indem er beständig große Felsensteine hinunterwarf. So verging ein Tag und eine lange Nacht und keine Hülfe war sichtbar. Auch der mächtige Reinold wurde schon ermüdet und alle Brüder waren in ihren Herzen tief betrübt, so daß sie endlich beschlossen, sich zu ergeben und zu sterben. Indem gewahrt Reinold in der fernen Morgensonne einen Reiter und verkündigte seinen Brüdern: ach, theure Brüder, rief er aus, ich erkenne mein Roß Bayart und meinen Vetter Malegys. -- Da erhoben sich Writsart und Adelhart von den Knieen und sahen hin und erkannten ebenfalls das Roß und seinen Reiter. Da wurden sie voll Muths, und jauchzten und dankten Gott dem Herrn. Ritsart, der alles gehört hatte, sagte: meine lieben Brüder, ich bin sehr schwer verwundet, daß ich mich nicht durch eigene Kraft auf meine Beine stellen kann, ich bitte Euch, Ihr wollet mir aufhelfen, damit ich doch auch zu meinem Troste das Roß Bayart gewahr werde. Da hoben sie ihn auf und hielten ihn brüderlich in ihren Armen, und er sah ebenfalls das Roß Bayart, worauf er sagte: Ach! mich dünkt, ich bin nun schon ganz gesund und von allen meinen Wunden genesen, seitdem ich dieses gute Roß gesehn. -- Bayart aber machte sehr große Sprünge, um zu seinem Herrn zu kommen, es warf mit einem gewaltigen Stoß den Malegys ab, senkte dann vor Reinold seine Kniee und ließ ihn aufsteigen.

Es entstand ein neues blutiges Gefecht, Reinold brachte den Grafen Calon um, und die Kriegsknechte, die Malegys gebracht hatte, hielten sich sehr tapfer, so daß der Feind endlich die Flucht ergreifen mußte. Die Brüder waren ungemein erfreut und dankten Gott aus tiefem Herzen; aber Reinold schwur: den verrätherischen König Ivo mit dem Schwerte hinzurichten. Dieser aber hatte schon Nachricht erhalten, und war in ein Kloster geflohen, dort war er ein Mönch geworden, um seine Sünden abzubüßen.

Als Reinold zurückkam auf Montalban, wollte er erst seine Hausfrau Clarissa nicht ansehn, weil ihr Vater ihn ohne Ursach verrathen habe. Aber sie versöhnten sich bald und aßen und tranken, und Reinold gedachte der verlaufnen Thaten nicht mehr.

Fünfzehntes Bild. Reinolds Kampf mit Roland.

Roland wurde sehr zornig auf König Ivo, daß er nun sein Wort doch nicht gehalten habe, die Brüder auszuliefern; es war ihm lieb, daß sie auf die Art errettet waren, aber er wollte durchaus eine Rache an Ivo nehmen. Er zog daher mit den Genossen vor das Kloster, in welches Ivo geflohen war und hielt es belagert, in der Meinung, Ivo aufzuhängen, sobald er ihn in seiner Gewalt haben würde. Ivo vernahm die traurige Botschaft und schrieb einen überaus kläglichen Brief an Reinold, seinen Schwiegersohn, daß er ihm helfen möchte, weil er sonst eines schmählichen Todes sterben müsse. Reinold wollte sich nichts um den Verräther kümmern. Clarisse, seine Hausfrau, saß mit ihrem jüngsten Söhnlein, das sie Adelhart genennt hatte, grade neben ihm, als dieser klägliche Brief ankam, und sie weinte über das Unglück ihres Vaters so heftig und so von Herzen, daß Reinold dadurch über die Maaßen gerührt wurde und sogleich seinen Harnisch anzog, und auf Bayart stieg, um den Verräther zu retten.

Als er vor das Kloster kam, war es schon erobert, und Roland machte eben Anstalt, den König Ivo aufzuhängen. Reinold ritt schnell hinzu, nahm im zornigen Muthe seinen Schwiegervater hinter sich auf's Pferd und floh mit ihm davon. Roland verfolgte ihn, weil er seinen Raub nicht fahren lassen wollte, hatte aber kein so gutes Pferd als Bayart war, deshalb entkam ihm Reinold. Darüber wurde er sehr ergrimmt und schalt Reinold einen Verräther, und die beiden Ritter setzten sich einen Tag fest, um ihre Sache auszukämpfen.

Reinold brachte daher seinen Schwiegervater nach Montalban, und wollte dann bald wieder zurück, weil er mit Roland einen Streit halten müsse. Clarisse weinte sehr, als sie diese Nachricht hörte, denn Roland war ein Mann, der, wenn er gepanzert war, weder von Schwert und Spieß verwundet werden mochte. Aber Reinold ließ sich nicht irre machen und reiste ab.

Er bezeugte sich erst demüthig gegen Roland, weil er ein Vetter war, da aber Roland trotzig war, sagte er: Ihr müßt nicht etwa glauben, daß ich mich vor Euch fürchte, nein wahrlich nicht, und wenn gleich Eurer fünfe wären, und zog gleich seinen Harnisch an und stieg auf Bayart. Sie stießen heftig auf einander und mit solcher Gewalt, daß Roland sammt seinem Pferde zu Boden stürzte, welches ihm sonst noch in keinem Kampfe mit keinem Ritter begegnet war. Er erstaunte selber darüber, und raffte sich wieder auf, aber die übrigen Genossen litten es nicht, daß der Kampf fortgesetzt wurde.

So ritt Reinold mit frohem Herzen nach Montalban zurück, und Roland that eine Wallfarth zum heiligen Jakob von Compostella.

Sechzehntes Bild. Reinold errettet seinen Bruder Ritsart.

Als Roland von seiner Wallfahrt zurückkam, traf er in einem Walde den Ritsart, der dort jagte. Roland ritt auf ihn zu und sagte, daß er sich gefangen geben müsse. Ritsart wollte sich ihm anfangs widersetzen, aber da ihm Roland versprach, ihn gegen König Carl zu schützen, so ergab er sich in sein Geleit und zog mit ihm nach Paris.

Malegys, der im Walde verborgen war, brachte diese Kundschaft sogleich den Brüdern auf Montalban, sie machten sich bereit, Ritsart zu erlösen; Malegys aber ging nach Paris, um zu sehen, wie es mit Ritsart werden würde.

Malegys kam als ein kranker Pilgrimm mit geschwollenem Bein und einem dicken Bauche, dazu in einen rauhen Mantel gehüllt, ganz alt und unansehnlich zu König Carl und begehrte um Gottes Barmherzigkeit willen eine Mahlzeit von ihm. Carl aber schlug ihn derbe mit einem Stecken und sagte: ich traue keinem Pilgrimm mehr, seit mich Malegys betrogen hat. Da geberdete sich Malegys gar kläglich und fing als ein kranker Mann an zu weinen und zu schluchzen, so daß es König Carl wieder gereute, daß er einen heiligen Pilgrimm geschlagen hatte, der noch überdies krank war. Er ließ ihn also an einen Tisch niedersetzen und Speise und Trank reichen, dazu bediente er ihn selbst, aus demüthiger Reue. Malegys dachte in seinem schalkhaften Sinne: ich sollte dir wohl gerne deinen Schlag wieder vergelten; als ihm daher der König einen so schmackhaften Bissen in den Mund stecken wollte, ergriff er gar behende mit den Zähnen dessen Finger und biß ihn tüchtig. Der König setzte sich vor Schmerzen abseits und sagte: Du schelmischer Pilgrimm, warum thust du mir also? Du hättest mir beinahe den Daumen abgebissen, wenn ich dich hätte gewähren lassen. -- Malegys sagte: Verzeihen mir Ew. Majestät, ich war so gar sehr hungrig, daß ich nicht recht Acht darauf gab, ob es die Speise oder Euer Daumen war, daher geschah es ohne meinen Vorsatz.

Indem kam Roland mit dem gefangenen Ritsart in den Saal; König Carl war sehr ergrimmt, als er ihn sah, und schwur, ihn sogleich aufhängen zu lassen. Roland aber wollte es nicht zugeben, weil er ihm sicheres Geleit zugesagt hätte; eben so waren auch die übrigen Genossen dagegen. Der König fragte alle nach der Reihe herum, ob keiner es über sich nehmen wolle, den Ritsart aufzuhängen, aber alle schlugen es ab. Da that sich einer her, genannt Rype von Rypemont, der sagte, daß er es sich unterstehen wolle, wenn die Genossen ihm alle angeloben wollten, deshalb keine Rache an ihm zu nehmen. Alle sagten es ihm zu, außer Ogier, der unwillig im Saale auf und abging. Der König wurde ergrimmt, daß dieser es nicht auch versprechen wollte, gleich den andern; Ritsart sah indeß den Malegys in einer Ecke sitzen, er näherte sich dem Ogier und sagte: Ogier, gebt nur Euer Wort, denn ich sehe dort Malegys sitzen, und so komme ich gewiß nicht an den Galgen. Ogier gab also auch sein Versprechen, und Carl setzte nun den Tag fest, an welchem Ritsart zu Falkalon sollte aufgehängt werden.

Malegys begab sich indessen in großer Eile nach Montalban zurück, und sagte den Brüdern den Tag an, und daß sie sich rüsten sollten. Sie ritten also aus, und lagerten sich nahe bei in einem Walde, von wo sie den Galgen genau sehen konnten. Sie stiegen ab und setzten sich in das Gras, wo Malegys ihnen die Geschichte erzählte, wie er dem König Carl in Finger gebissen habe, und indem sie noch sprachen, überfiel sie eine Schläfrigkeit, so daß sie alle einschliefen.

Der Zug mit Ritsart kam indessen zum Galgen, und Rype spottete seiner und sagte, daß er nun weiter auf keine Hülfe zu hoffen habe. Ritsart aber schaute sich sehr betrübt nach seinen Brüdern und Malegys und Bayart um, daß sie ihm helfen sollten, und da er keinen von ihnen allen gewahr ward, brach er in Thränen aus und ergab sich in sein Schicksal, denn sie schliefen alle im Walde, außer Bayart, der noch munter war. So mußte nun Ritsart wie ein Verbrecher auf die Leiter steigen, und als er fast oben war, sah ihn Bayart aus dem Walde heraus. Das Pferd fing ein großes Geschrei an und wüthete und tobte so lange, bis Reinold aufwachte. Der sagte: Ei, du böser Schalk, das bin ich an dir ungewohnt, und wollte es schlagen, aber da sah er seinen Bruder oben beim Galgen und schnell stieg er auf Bayart und weckte die übrigen, und alle rannten mit voller Gewalt aus dem Walde heraus. Reinold schlug unter das Volk, so daß sie flohen oder umkamen, und Ritsart war wieder frei, und Rype ward genommen und an den Galgen gehangen, weil er sich unterstanden hatte, den Ritsart aufzuhängen.

Ritsart war so froh und guten Muths, daß er sich noch die Rüstung des Rype anzog und auf sein Pferd stieg, um sich vom König Carl den versprochenen Lohn auszahlen zu lassen. Reinold mußte lachen, da er seinen Bruder noch so gutes Muthes sah, er folgte ihm von ferne mit Malegys und den übrigen Brüdern.

Carl sah mit Ogier grade aus dem Fenster, als sie in der Ferne einen Ritter über den Plan reiten sahen, den sie für Rype hielten. Carl war sehr erfreut, weil er glaubte, Ritsart sei nun gewiß und wahrhaftig gehangen, aber Ogier ward zornig und ging fort, um ihm entgegen zu reiten und mit ihm handgemein zu werden. Carl versammelte seine Ritterschaft, weil er fürchtete, daß Ogier den Rype umbringen würde, ritten ihm also allesammt nach. Aber Ritsart gab sich dem Ogier zu erkennen, als sie zusammen kamen, und der war nun zufrieden. Indem kam König Carl mit seinem Gefolge näher, und lobte den vermeintlichen Rype, daß er sein Versprechen so wacker ausgeführt habe. Darüber wurde Ritsart zornig und sagte: ich bin nicht Rype, der hängt am Galgen, sondern Ritsart! und rennte mit seinem Speer auf Carl zu und gab ihm einen guten Stoß auf die Brust. Darüber wurde ein Gefecht und Reinold kam mit seinem Gefolge heran und alle wurden mit einander handgemein. Reinold sprang von Bayart und ergriff König Carl und warf ihn hinter sich auf's Pferd, in der Meinung, ihn mit sich nach Montalban zu nehmen. Als die übrigen sahen, daß König Carl gefangen war, setzten sie dem flüchtigen Bayart nach und das Gefecht ward noch hitziger; Reinold aber sah zurück und sah, daß seine Brüder mitten unter den Feinden kämpften, er warf daher den König Carl wieder von sich, so daß er weit in's Feld hinein flog, und meinte, das Herz im Leibe wäre ihm gesprungen; und so ritt Reinold wieder unter die Feinde und focht tüchtig, bis er seine Brüder salvirt hatte. Dann ritten sie alle nach Montalban.

Siebzehntes Bild. Kunststück des Malegys.

Olivier war einst auf der Jagd und stand mit seinem Pferde auf einem hohen Berge. Da sah er unten nach dem Fluß hinunter und gewahrte einen Mann, der am Berge herum kroch, und Kräuter zu suchen schien; er gedachte gleich daran, daß es wohl Malegys sein könnte, ritt also hinunter und sagte ihm, daß er sich gefangen geben sollte. Malegys setzte sich zur Wehre, aber Olivier schlug ihm das Schwert aus der Hand, und so mußte jener sich gefangen geben und dem Olivier nach Paris folgen, zornig zwar, aber doch nachgebend.

König Carl freute sich sehr, daß Malegys in seiner Gewalt sei, er wollte ihn sogleich aufhängen lassen, aber Malegys sagte: lasset mich noch bis Morgen leben, das ist nicht lange, und mir ist es lieber. Das glaub' ich, antwortete Carl, Du denkst vielleicht mir zu entwischen, aber diesmal soll es Dir nicht gelingen, deshalb kann ich Dich wohl bis morgen leben lassen, dann aber sollst Du dafür gestraft werden, daß Du mir neulich beinahe den Daumen abgebissen hättest. -- Wenn ich morgen hänge, antwortete Malegys, so werd' ich nun wohl Ew. Majestät nicht mehr beissen. Das denk' ich auch, antwortete der König.

Es wurde zur Tafel geblasen und die Genossen saßen paarweise an kleinen Tischen; der König aber speiste allein; worauf Malegys sagte: für alle diese Herren ist gedeckt, außer für mich nicht, ich denke, ich setze mich zu Ew. Majestät, so machen wir auch ein Paar. -- Du böser Schalk, antwortete Carl, darfst Du noch so lose Reden führen, ich dächte, Dir sollte die Lustigkeit wohl vergehn, da Du morgen sterben mußt. Aber die Reden des Malegys gefielen dem Roland, und er ließ den Malegys neben sich niedersetzen und sie aßen und tranken mit einander. Malegys wurde immer lustiger und sang einige Lieder, worüber sich alle verwundern mußten, da er so bald sterben sollte. Aber Malegys trank immer fleißiger, und sang:

Sollt' ich denn fröhlich nicht sein? Schmeckt mir doch Essen und Wein, Morgen ist lange nicht heut, Sterben hat doch seine Zeit, Jedermann thut es ja leid, Stirbt doch auch mancher noch heut.

Der König sagte: Du denkst Dich wohl vielleicht vom Galgen los zu singen, aber darin sollst Du Dich verrechnen, und sogleich ließ er ihn in einen festen Kerker führen und in Ketten legen und viel Eisen an die Füße binden, damit er durchaus nicht entlaufen könne. Gebt Ihr mich frei? sagte Malegys; gewiß nicht, antwortete der König. Nun, so gebt nur gut auf mich Acht, redete darauf der Schalk, denn um Mitternacht denke ich Euch zu entlaufen. Damit wird es nun wohl keine Noth haben, sagte der König und ließ die festen eisernen Thüren doppelt zuschließen, und die Genossen mußten mit bloßen Schwertern die Nacht hindurch vor dem Gefängnisse Wache halten; meinte der König, er solle ihm nun gewiß nicht entrinnen.

Aber um Mitternacht schüttelte Malegys die Schlösser von sich und die Eisen fielen ihm von den Füßen; darauf machte er durch seine Kunst die Schlösser und die eisernen Thüren auf und machte, daß die Genossen in einen festen Schlaf fielen und einer über dem andern lag. Worauf er ihre Schwerter und vieles kostbares Geräthe mit sich nahm und so schwer beladen nach Montalban eilte. Reinold war sehr erfreut, daß er die zwölf kostbarsten Schwerter in seiner Gewalt habe.

Am Morgen wollte König Carl den Malegys zum Tode führen lassen, stand deshalb ziemlich früh auf. Da fand er die Genossen schlafend, wie einer über dem andern lag, auch waren ihnen die Schwerter gestohlen und alle Thüren offen, und kein Malegys im Kerker, aber die Ketten und das Eisen war drin geblieben, worauf König Carl sehr erboßt wurde und einen Eid that, er wolle Montalban belagern und mit eigner Hand die Schwerter erobern.

Achtzehntes Bild. Montalban belagert; Frau Aya schließt einen Frieden.

König Carl brachte nun eine große Macht zusammen und zog mit allen seinen Genossen vor Montalban und hielt es belagert. Roland mußte hineingehn und die Festung auffodern, daß sie sich auf Gnade und Ungnade ergeben solle; aber Reinold wollte das nicht thun, sich aber ergeben, wenn König Carl ihm Verzeihung und Sicherheit verspräche. Das aber wollte König Carl wieder nicht eingehn, und so dauerte der Krieg wieder einige Jahre hintereinander, und ward auf eine blutige Art fortgeführt, so daß auf beiden Seiten viele Leute todt blieben.

In einer Schlacht stach Reinold den König vom Pferde und hätte ihn gefangen genommen, wenn ihn die Genossen nicht errettet hätten; aber an demselben Tage wurde Malegys entwaffnet, und für einen Gefangenen in das Lager des Feindes geführt. Der König wollte ihn am folgenden Morgen hinrichten lassen.

In der Nacht aber brauchte Malegys seine Kunst und ging vor das Bett des Königs und sagte zu ihm: Ew. Majestät, Reinold hat gebeten, daß wir beide zu ihm kommen sollen. Der König war bezaubert und antwortete: Schon gut, ich wünsche nur, wir wären erst unterwegs. Darauf nahm Malegys den schlafenden König auf seine Schultern und trug ihn so gen Montalban. Dort legten ihn die Brüder in ein köstliches Bette und warteten dann, bis er aufwachen würde.

Der König war sehr verwundert und erschrak heftig, als er alle seine Feinde um sein Bette stehen sah. Reinold redete ihn an, er möchte ihm verzeihen und er wollte ihn sogleich freilassen und ihm mit seinen Brüdern dienen. Aber König Carl wollte nicht nachgeben, so viel gute Worte ihm auch Reinold gab, worüber Ritsart ergrimmte und sein Schwert zog, und den König umbringen wollte; aber Reinold hielt ihn zurück und sagte: Das sei ferne von Dir, Bruder, daß Du unsern König umbringen solltest. Alle Brüder baten drauf und auch Malegys; aber Carl bestand auf seinem stolzen Sinn, daß sie sich ihm alle auf Gnade und Ungnade ergeben sollten. So viel wollte aber Reinold dem Könige auch nicht trauen, er ließ ihn daher frei in sein Lager zurück, aber der Krieg ward immer noch mit großer Wuth fortgesetzt, obgleich alle Genossen, insonderheit der Bischof Turpin, für Reinold baten.

Das Schloß Montalban war so fest, daß es der Feind durchaus nicht einnehmen konnte, aber der Proviant war den Belagerten gänzlich zu Ende gegangen, so daß sie in die größte Noth geriethen. Alle übrigen Pferde waren schon verzehrt, Reinold war in der größten Verzweiflung und rief: Nun muß Bayart sterben. Er ging mit einem Messer in den Stall, um das Roß todt zu stechen; aber sein Bruder Adelhart folgte ihm und hielt ihn zurück und bat für das treue Roß. Bayart selbst fiel demüthig auf seine Kniee, als wenn er um sein Leben bitten wollte. Darüber wurde Reinold sehr gerührt, so daß er weinte und ließ dem Bayart Gnade widerfahren.

Turpin hörte von dem großen Mangel, der in der Vestung herrschte und wurde sehr darüber betrübt, daß seine Verwandten solche Noth leiden sollten. Er vermochte daher den Roland dahin, daß er beim nächsten Angriff sich die Ehre ausbat den Vortrab anzuführen, und als das geschah, schaffte er den Brüdern wieder eine große Menge Proviants in die Vestung. So bekam auch Bayart wieder viel Futter und wurde wieder so stark als er nur je gewesen war.

Aber Reinold sah ein, daß er sich am Ende nicht gut auf Montalban würde halten können, weil der Proviant immer schnell verzehrt war; er beschloß daher, sich mit seinen Brüdern nach seiner Burg Ardane zu begeben, weil er sich dort besser schirmen könne. Er ließ also Bayart zu einer heimlichen Pforte hinausbringen; dort stiegen alle Brüder auf und ritten schnell nach Ardane. Malegys begab sich auf sein festes Castell.

Als König Carl diese Nachricht gehört hatte, zog er mit seiner Macht vor Ardane und hielt es belagert, denn es war sein ernstlicher Wille, die Brüder in seine Gewalt zu bekommen. Der Streit wurde heftig fortgesetzt und es blieb viel Volk und viele Ritter. Am Ende kam Reinold auch hier in sehr bedrängte Umstände und er sah ein, daß er sich mit der Zeit würde ergeben müssen.