Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente

Part 3

Chapter 33,957 wordsPublic domain

Reinold wartete im Walde auf seinen Boten, er war vom Pferde gestiegen und ging unter den Bäumen auf und ab, sein Pferd hatte er an einen Stamm gebunden. Indem er so wartete und über das Schicksal seiner Brüder nachdachte, überfiel ihn eine Schläfrigkeit. Er legte sich nieder, und ehe er es noch bemerkte, war er unter dem Rauschen der alten Bäume fest eingeschlafen. Indem bekam Bayart ein Gelüste nach dem frischen Grase, weil er hungrig war, er schüttelte sich also so lange, bis er vom Baume los war, dann ging er nach seiner Lust auf der Weide, weil er seinen Herrn schlafen sah. Dreißig Bauerknechte waren von ohngefähr im Walde, wo sie Holz fällten, diese wurden das Roß Bayart gewahr und erkannten es sogleich, daß es Reinolds Pferd sei. Sie machten den Plan, das Roß zu fangen, und umgaben es mit Bäumen und Zweigen von allen Seiten, so daß es nicht davon kommen konnte. Dann banden sie es und führten es nach Paris. Carl war erfreut, daß er das Roß erobert hatte, er schenkte es sogleich dem Grafen Roland, der sich im Herzen heimlich darüber betrübte, daß man es seinem Vetter Reinold entwendet hatte.

Reinold erwachte und sah, daß sein treues Roß fort war, er suchte es lange im Walde und war überaus bekümmert. Als er es aber nicht wiederfand, ward sein Jammer groß, er zog den Harnisch aus und warf ihn in's Gebüsch, eben so sein Schwert und seinen Schild. Wohl bin ich nun wie ein Thor bestraft, rief er aus, ich Unglückseliger! der ich dem Könige Carl so große Worte sagen lasse, und nun nichts davon in's Werk richten kann. Was für Macht soll ich nun daran strecken, um sie zu befreien? Bayart ist mir gestohlen, und ich möchte hier im wilden Walde lieber gleich umkommen, denn meine Brüder sind verloren, und ich kann gar nichts thun um sie zu erretten.

Solche Klagen trieb Reinold und warf sich dann auf den Boden und machte die wunderlichen Geberden eines Menschen, der in Verzweiflung ist.

Zehntes Bild. Die Kunst des Malegys.

Indem trat ein alter Pilgrimm aus dem Gebüsche und ging auf Reinold zu. Er hatte weiße Haare und einen langen Bart, seine Augenbraunen hingen ihm über das Gesicht, so daß er durch die Haare sehen mußte, und man von ihm glauben konnte, daß er wohl an zwei hundert Jahr alt sei. Er ging an einem Pilgrimmsstabe und hinkte langsam daran einher. Reinold verwunderte sich über die alte Gestalt, die auf ihn zukam.

Der Alte sagte: ei, junger Herr, worüber trauert Ihr denn so sehr? Ich bin weit und breit die Länder durchzogen, aber nirgends, das mag ich sagen, habe ich eine Person angetroffen, die so traurig gewesen wäre, als Ihr es zu sein scheint. -- Ich habe auch die größte Ursache zur Traurigkeit, antwortete Reinold, denn meine Brüder sind verloren, und ich kann ihnen nunmehro auch nicht helfen, weil man mir mein Roß Bayart gestohlen hat. Ich hatte mir große Thaten vorgesetzt, und wollte sie befreien, aber Gott hat es anders gelenkt, darum will ich auch nicht länger widerstreben, sondern mich für überwunden erkennen und mein ganzes Leben aufgeben, denn ich fühle eine große Lust in mir zu sterben. -- Das muß nie sein, antwortete der alte Pilgrimm, richtet Euch wieder auf, die Hülfe ist oft am nächsten, wenn man sie am wenigsten vermuthet, und verehret mir ein Almosen, damit ich für Euch und Eure Brüder beten könne.

Reinold bedachte sich, weil er kein Geld bei sich hatte, da fielen ihm seine goldenen Sporen ein, die ihm jetzt gar nichts mehr nütze sein konnten, da er Bayart verloren hatte. Er band sie also los und gab sie dem Pilgrimm, der sie sogleich in einen Sack steckte. Wenn Ihr mir noch etwas zu geben habt, sagte der alte Pilgrimm, so gebt es mir, und ich will in meinem Gebete Eurer dafür gedenken. -- Wenn ich mich nicht schämte, fuhr Reinold auf, so wollte ich Dich das Bettlerhandwerk lehren, daß Du daran gedenken solltest. Er meinte nemlich, ihm mit dem Schwerte eins zu versetzen, wenn der Pilgrimm nicht zu alt und hinfällig gewesen wäre.

Warum werdet Ihr böse? fuhr der Alte fort, der guten Gaben kann man niemalen zu viele sammeln, und im Alter kommen sie einem gut zu statten; darum, wenn Ihr noch etwas zu geben habt, so gönnt es mir lieber, als einem andern.

Reinold zog hierauf sein kostbares Unterkleid aus, und sagte: siehe, ich gebe Dir das, davon magst Du eine lange Zeit leben. Der Pilgrimm nahm das Kleid und steckte es in den Sack und sagte: Ich danke Euch, Herr Ritter, wenn Ihr noch etwas zu geben habt, so gebt es mir, ich will Eurer Brüder dafür in meinem Gebete gedenken. Da ward Reinold zornig, und zog sein Schwert und hieb nach dem Pilgrimm; der aber sprang zurück und verwandelte sich in einen schönen Jüngling von zwanzig Jahren, aber gleich darauf war er wieder der Alte. Reinold erstaunte, und holte noch einmal mit dem Schwerte aus, der Pilgrimm sprang aber wieder zurück und stand als ein schöner Jüngling da. Darauf wurde Reinold verwirrt und sagte: Jetzt ist mein Unglück auf das Höchste gestiegen, meine Brüder sind todt, dazu ist mein Roß Bayart gestohlen, mich selber wird man aufhängen, und der Teufel kömmt nun gar noch und fängt an mich zu vexiren: das kann und soll nicht so sein! Er stürzte mit Wuth auf den Jüngling zu, um ihn niederzuhauen, der aber fürchtete sich und rief: Seht Euch vor, was Ihr thut, denn ich bin Euer Vetter Malegys!

Kaum hatte Reinold diese Worte vernommen, so fiel er auf seine Kniee nieder und bat um Verzeihung und Beistand. Malegys nahm ihn nun in die Arme, tröstete ihn mit kräftigen Worten und versprach ihm, ihm sein Roß Bayart wieder zu verschaffen. Reinold wurde wieder froh und so machten sich beide Ritter auf den Weg nach Paris.

Malegys verwandelte den Reinold in einen ganz alten und schwachen Pilger, und so machte er sich auch selber wieder zu einem alten Mann. So kamen sie in die Stadt und setzten sich auf die große Brücke nieder, und die Vorbeigehenden gaben ihnen Allmosen, denn sie sahen gar zu erbärmlich aus, besonders Reinold, der für einen Todtkranken in einer Ecke der Brücke lag. Es war grade an demselben Tage, an welchem Roland sein geschenktes Pferd probiren wollte und es lief viel Volks zusammen, und viele Ritter und Damen, um den Kurzweil mit anzusehn. Reinold hatte sich seine Sporen wieder anlegen müssen, ohne daß man sie sehn konnte, um desto besser gerüstet zu sein.

Es kam nun König Carl über die Brücke mit dem Grafen Roland, und Bayart ward hintennach geführt. Der König sah die Pilgrimme, gab dem Malegys ein Allmosen und ließ sich mit ihm in eine Unterredung ein. Malegys erzählte viel von den Ländern, durch die er gereiset war, eben so auch von der seltsamen Krankheit seines Gefährten; indem so kam Bayart näher, weil er seinen Herrn witterte, und schnupperte den Reinold freundlich an. Da Malegys das sah, schlug er das Roß mit seinem Stabe zurück, gleichsam als wenn sich sein Gefährte davor fürchtete. Darauf sagte er zum Könige, daß ihm ein weiser Einsiedler gesagt hätte, sein Geselle würde sogleich gesund werden, wenn er nur einmal so glücklich sein könnte, auf dem Rosse Bayart zu reiten. Der König antwortete: welch ein glücklicher Zufall, denn das ist eben das Roß Bayart, welches wir mit uns führen, und seht, das unverständige Thier schnuppert immer nach Eurem Gesellen hin, das muß fürwahr ein wunderbarer Mann sein.

Darauf befahl er, daß Graf Roland den kranken Pilgrimm nehmen und auf das Pferd setzen möchte; es geschah, aber der Pilgrimm fiel sogleich wieder ab. Roland setzte ihn zum zweitenmal hinauf, und der Pilgrimm fiel von der andern Seite wieder ab, endlich als Reinold zum drittenmale in den Sattel gesetzt ward, blieb er aufrecht sitzen und das Roß spürte nun seinen Herrn wieder und bäumte sich, und wollte von dannen laufen. Da gab ihm Reinold noch die Sporen und ließ ihm den Zügel schießen, und das Roß sprang gar behende davon und kam den Rittern bald aus den Augen. Malegys erhob über seinen Gefährten ein großes Klagegeschrei, der gewiß den Hals brechen würde, und Turpin der Bischof, Roland, Olivier und Ogier ritten dem entflohenen Pferde nach.

Im Walde hielt Reinold still, weil er diese Herren nachkommen sah, und gab sich ihnen zu erkennen, denn er wußte, daß sie es alle gut mit ihm meinten. Sie versprachen ihm auch, bei dem Könige für seine Brüder zu bitten, und ritten so zur Stadt zurück. Zum Könige sagten sie, sie hätten das Roß nicht ereilen können, worüber Malegys ein noch lauteres Klagegeschrei erhob; der König bedauerte ihn und gab ihm eine Verehrung. Dann entfernte sich der listige Zauberer, als wenn er zum Besten seines verlornen Gefährten eine heilige Wallfahrt vornehmen wollte.

Eilftes Bild. Malegys errettet die Brüder aus dem Gefängnisse.

König Carl ließ nunmehr seinen Rath versammeln, um über die drei gefangenen Brüder ein Urtheil zu sprechen. Er ließ sie in den Saal bringen und ihnen wie Missethätern die Hände auf den Rücken binden. Darwider setzte sich Bischof Turpin und behauptete, daß sich das nicht gezieme, weil diese Herren von fürstlichem Geblüte seien. Carl aber that einen Schwur, daß er sie wollte henken lassen, weil sie seinen Sohn Carlmann umgebracht hätten. Turpin versetzte dagegen, daß er es nimmermehr zugeben würde, und daß gewiß der größte Theil der Ritterschaft seiner Meinung wäre, weil die meisten mit den Gefangenen verwandt wären. Darüber wurde König Carl zornig und schlug nach Bischof Turpin, der Bischof aber ergriff den König beim Halse und hätte ihn beinahe erwürgt, wenn nicht Roland und andre Genossen hinzugesprungen wären und die Einigkeit wieder hergestellt hätten. Es wurde endlich beschlossen, daß die Gefangenen noch auf einige Zeit verwahrt gehalten werden sollten, worauf man sich denn nachher noch einmal bedenken wollte.

So entgingen die Brüder noch dem Tode, denn dieser Tag war für sie ein gefährlicher Tag gewesen, und sie hatten ihr Leben schon für verloren geachtet.

In der Nacht machte sich Malegys auf und ging nach dem Gefängnisse. Vor seiner Kunst sprangen sogleich alle Thüren auf, auch fielen den Gefangenen die Ketten von den Händen. Er gab sich ihnen zu erkennen und führte sie bis an die Brücke vor Paris, dann sagte er: ich muß nun noch zum König Carl gehn, denn ich habe vergessen ihn um Erlaubniß zu fragen. Ritsart antwortete: Ach, Vetter, diese Erlaubniß wird er Euch nimmermehr geben, denn er hat seine Freude daran, daß er uns will henken lassen.

Aber Malegys ging vor das Bett des Königs Carl, der noch im tiefsten Schlafe lag, und fragte ihn, ob er ihm erlauben wolle die Brüder aus dem Gefängnisse zu führen. Carl antwortete: Führe sie, wohin Du Lust hast, denn mich kümmert es nicht; es wußte nämlich der König nicht, was er redete oder sagte. Somit nahm Malegys zugleich auch das Schwert und die Krone Carls, so daß dieser es sah, dann verließ er ihn und eilte mit den erretteten Brüdern nach Montalban.

König Carl war sehr ergrimmt, als er am Morgen seine Krone, sein Schwert und seine Gefangenen vermißte.

Zwölftes Bild. Ein Wettrennen mit Pferden.

König Carl bekam Lust, das beste Pferd in seinem ganzen Lande kennen zu lernen, um es für Roland zu kaufen, damit dieser sich dann desto zuverlässiger dem Reinold widersetzen könne, denn durch Roß Bayart war Reinold selbst dem mächtigen Roland überlegen. Der König setzte also die neue Krone, die er sich hatte machen lassen, zum Preise aus, für denjenigen, der mit seinem Pferde zuerst das Ziel erreichen würde, er wollte demjenigen Ritter dann die Krone für den vierfachen Preis abkaufen, dazu auch das Roß; auf diesem Wege hoffte er das beste Roß zu erhalten.

Malegys und Reinold hörten von diesem Turnier, und sie machten sich alsbald mit den Brüdern auf den Weg nach Paris. Unterwegs aber verwandelte Malegys den Reinold in einen Jüngling von vierzehn bis funfzehn Jahren, so daß ihn Niemand erkennen mochte; eben so vertrieb er dem Rosse Bayart die schwarze Farbe und machte ihn zu einem großen und starken Schimmel: über welche Kunststücke Reinolds Brüder sehr lachen mußten, denn sie erkannten selber ihren Bruder und das Roß Bayart nicht wieder. So zogen sie fort und kamen in Paris an, die Brüder aber blieben außerhalb der Stadt.

Als sie in der Herberge abgestiegen waren, ging Malegys in den Stall und band Bayart den einen Schenkel fest, so daß er nicht recht gehen konnte, dazu verwandelte er ihn auch so, daß er ein ganz dürres und mageres Ansehn hatte. Der Wirth war höchlich darüber verwundert, und sagte schmählend zu Malegys: O du böser Geselle, der du dieses gute Roß also verdorben hast, ganz gewiß bist du Malegys und dein Geselle dort der verbannte Reinold, ich will gleich zum Könige gehn und es anzeigen. Als Reinold diese Worte hörte, zog er sogleich sein Schwert und hieb dem verrätherischen Wirthe das Haupt ab.

Es war nun der Tag, an dem das Turnier gehalten werden sollte. Malegys ritt auf der andern Seite zur Stadt hinaus, und Reinold kam mit seinem dürren und hinkenden Klepper auf den Turnierplan. Alle Ritter spotteten des Jünglings und seines Pferdes, nur ein schalkhafter Knecht war unter ihnen, welcher sagte: wenn ich anders den Reinold je gesehen habe, so ist es dieser Jüngling, und dieses sein Roß muß Roß Bayart sein. Bayart, der diese Worte verstand und für seinen Herrn besorgt war, schlug von hinten aus, so daß der Knecht todt niederfiel. Die Ritter sagten: das Roß hat Recht gethan, warum hat er es also belogen?

Der Wettlauf nahm nun seinen Anfang, und die übrigen Ritter waren mit ihren Pferden schon weit voraus; da löste Reinold dem Bayart heimlich den gebundenen Schenkel, und von Stund an bekam das Pferd sein frisches und gesundes Aussehn wieder, und der König und sein ganzes Gefolge verwunderten sich über die Maaßen. Das Roß trieb nun ein Springens und Laufens, wie es fast noch nie gethan hatte, so daß es bald allen übrigen Pferden zuvorkam, worüber sich Reinold ungemein erfreute, denn er hatte eine große Begierde zu der Krone. Als er endlich an das Ziel gekommen war, nahm er die Krone von dem Orte weg, wo sie aufgestellt war, sprang mit dem Rosse in die Seine und schwamm behende an das jenseitige Ufer. König Carl war erstaunt und erschrocken, er rief dem Ritter nach, aber Reinold hatte drüben schon seinen Vetter Malegys gefunden und rief zurück: seht, ich bin Reinold, und dieses hier ist mein Roß Bayart, kein beßres giebt's in der ganzen Welt mit Laufen und Springen, es ist daher nur vergebene Mühe von Ew. Majestät, ein besseres aufsuchen zu wollen.

König Carl erschrak heftig und bat ihn zurückzukommen, er wolle ihm und seinen Brüdern vergeben und ihnen Aemter ertheilen, darneben ihm die Krone für den vierfachen Werth mit Gold abkaufen. Aber Reinold sagte: Ich traue Eure Majestät nicht so viel, überdies, was wollt Ihr mit einer Krone? Ihr seid ja ein Roßtäuscher geworden und dürft also keine Krone tragen. Mit diesen Worten ritt er mit der Krone fort, und keiner wagte es, in die Seine zu springen, weil sie die Kunst des Zauberers Malegys fürchteten.

Die Brüder waren sehr erfreut, als sie den Reinold mit der kostbaren Krone ankommen sahn; aber König Carl war sehr betrübt, daß er nun auch seine zweite Krone verloren hatte, die er sich erst neu hatte machen lassen.

Dreizehntes Bild. König Ivo ein Verräther.

Es nahte sich jetzt das Pfingstfest, an dem König Carl immer seine Edle und Fürsten zu versammeln pflegte; er mußte sich daher zu dieser Feierlichkeit eine neue Krone verfertigen lassen, damit er in seinem Schmucke und dem schicklichen Glanze erscheinen könne. Dann lud er alle zum Feste ein, vorzüglich aber den König Ivo von Tarragon. Als sie erschienen waren, wurde jeglichem sein Sitz angewiesen, und eine überaus schöne Musik erklang; König Ivo aber aß mit König Carl an einem besondern Tische, so daß ihm also dadurch eine große Ehre widerfuhr.

Nachdem man die Tafel aufgehoben hatte, nahm Carl den König Ivo bei der Hand, und beide gingen im Garten spazieren. Carl sagte: Mein König, es wird Euch bewußt sein, wie Euer Eidam meinen Sohn Carlmann erschlagen hat, es ist mir unmöglich, den Mörder in meine Gewalt zu bekommen; so Ihr ihn mir aber ausliefern wollt mit seinen Brüdern, will ich Euch eine große Summe Goldes dafür verehren.

König Ivo freute sich, als er diesen Vorschlag hörte, denn er liebte das Gold über die Maaßen, dazu so schmeichelte ihm das Vertrauen und die Freundschaft König Carls, auch hatte er nun schon die treuen und redlichen Dienste der Heymons Kinder vergessen, so daß er dieserwegen den Handel einging, und die vier Brüder ohne Wehr und Waffen nach Falkalon zu liefern versprach. Hierauf umarmten sich beide Könige von Herzen, und Ivo zog sogleich nach Montalban, Carl aber schickte viel Volks nach Falkalon, um die Brüder gefangen zu nehmen, und sie sich todt oder lebendig überliefern zu lassen, damit die verdrüßlichen Händel ein Ende gewinnen möchten.

Reinold war mit seinen Brüdern auf die Jagd gezogen, und er ritt nun mit ihnen nach seinem Schlosse Montalban zurück. Aber plötzlich überfiel ihn eine große Traurigkeit, so daß er den Kopf sinken ließ, und gebückt und bekümmert auf seinem Pferde saß. Die Brüder wurden besorgt und fragten ihn, was ihm fehle, daß er sich also in Gedanken verliere. Reinold antwortete: ach, meine lieben Brüder, ich kann es Euch nicht sagen, wie es geschieht, daß ich allen meinen Muth so plötzlich verliere, so daß ich sagen möchte, mir ist wie einem schwachen Greisen zu Sinne, der das Ende seines Lebens wünscht. Der Wald hier, in dem ich so oft gejagt habe, kömmt mir so finster und traurig vor, ich freue mich auf nichts und fürchte innerlich ein Uebel, das uns bevorsteht. -- Die Brüder sagten: Du bist müde, Reinold, denn wir haben den ganzen Tag gejagt.

Indem kamen sie aus dem Walde und Reinold gewahrte viel Volks auf den Zinnen seiner Burg. Heiliger Gott! rief er aus, wie viel Volks seh ich da oben? Was mögen sie wollen, und wo mag mein Gemal und mein Vetter Malegys sein? Ein Bote kam ihnen entgegen und sagte ihnen, daß König Ivo auf dem Schlosse wäre, worüber sich Reinold sehr erfreute, denn er gedachte nicht, daß ihm sein Schwiegervater einen solchen Possen spielen könne.

Reinold wollte den König Ivo küssen, aber dieser sagte: Laß das, mein Sohn, ich kann das Küssen jetzt nicht vertragen, denn ich habe einen Fluß am Haupte. Reinold erkundigte sich nun nach der Ursach seines Besuchs, und Ivo sagte ihm, daß er bei König Carl gewesen wäre, und zwischen ihm und den vier Brüdern einen Frieden geschlossen hätte. Reinold freute sich sehr, als er diese Neuigkeit erfuhr, denn er wünschte nun endlich in Sicherheit leben zu können; die andern Brüder aber setzten ein Mißtrauen in die Rede des Königs. Reinold wollte mit tausend Mann aufbrechen, um doch einigen Schutz zu haben, wenn Carl gegen sein Wort handeln sollte, aber Ivo sagte ihm, daß der Vertrag so gemacht wäre, daß sie ohne alle Waffen und baarfüßig nach Falkalon auf Eseln reiten sollten, dann sollten sie vor König Carl auf die Kniee fallen und so würde er ihnen dann vergeben. Darüber wurde Reinold auch nachdenklich und er antwortete: daß er darüber erst mit seiner Hausfrauen Clarisse und mit seinen Brüdern rathschlagen wolle; worüber Ivo erschrak, denn er fürchtete, daß ihm seine List nicht gelingen werde.

Clarisse fiel ihrem Gemal Reinold um den Hals und weinte und beschwur ihn, daß er nicht wegreisen möchte, weil ihr ihr Herz irgend ein Unglück weissage. Reinold fragte: Was sollte mir begegnen? Euer Vater hat einen guten Frieden geschlossen, und wir werden hinführo in aller Sicherheit leben können. Ach, antwortete Clarisse, ich sehe wohl, Ihr kennt meinen Herrn Vater noch nicht, denn ich muß Euch sagen, er ist sehr geldgeizig und hat Euch ganz gewiß an den König Carl verrathen. Hierauf wurde Reinold zornig und sagte: Ihr seid eine sehr schlechte Tochter, daß Ihr also von Eurem leiblichen Vater reden dürft, nein, nun will ich ihm um so mehr vertrauen und kühnlich nach Falkalon zu König Carl ziehn; denn warum soll mich Ivo, mein zweiter Vater, verrathen? Hab' ich ihm doch von jeher nichts als lauter Gutes erwiesen und treue und redliche Dienste geleistet, das wird er nicht also geschwinde vergessen können, daß er mich verrathen sollte, will mich also stracks auf den Weg machen.

Clarisse wurde sehr betrübt, da sie ihren Herrn so entschlossen sah; sie rief heimlich Ritsart zu sich und sagte: Ritsart, ich halte dafür, daß Euch allen Vieren großes Unglück begegnen wird, nimm deshalb diese vier Schwerter, aber laß meinen Herrn Reinold nichts davon merken, darunter ist eins, Florenberg, das an Vortrefflichkeit seines Gleichen sucht.

Ritsart nahm die Schwerter und verbarg sie unter seiner Kleidung, und nun zogen die Brüder aus auf vier Eseln und barfuß und in wollenen Hemden. Es war am frühen Morgen, und Reinold fing an mit lauter Stimme ein Lied zu singen, um sein trauriges Herz etwas zu erheitern, welches ihm aber sein Bruder, der betrübte Adelhart, heftig verwieß.

So zogen sie fort und kamen gen Falkalon. Schon in der Ferne sahen sie viel Volks stehen, das bewaffnet war und auf sie wartete. Da wurde Reinold betrübt und sagte: Ach, meine Brüder, ich sehe nun wohl ein, daß uns mein Schwiegervater Ivo verrathen hat, denn dort sind viele gewaffnete Leute, die auf uns warten, dazu haben wir keine Rüstung und Waffen, auch kein Pferd als unsre Esel. Indem kamen die Feinde näher, und der Anführer der Schaar rennte mit seinem Speere voraus, um Reinold nieder zu stechen, indem er rief: Ergieb Dich nun, stolzer Reinold, denn Dein Schwiegervater hat Dich um eine große Summe Goldes dem Könige verkauft. Reinold ließ sich schnell von seinem Esel zur Seiten ab, aber der Speer traf ihn doch, so daß er für todt auf der Erden lag. Darüber wurden die Brüder sehr bekümmert, aber Reinold richtete sich bald wieder auf: da ging Ritsart zu ihm und gab ihm das Schwert Florenberg in die Hand und sagte: sieh, mein Bruder, das hat mir Deine Hausfrau Clarisse zu unserm Schutze gegeben; gab auch den andern Brüdern jedem ein Schwert und behielt auch für sich eins. Als Reinold das Schwert sahe sagte er: O Bruder, nun ich meinen Florenberg in der Hand habe, bin ich voll guten Muths, und ich will nicht mehr Reinold heißen, wenn ich alle diese fürchte.

Das Volk war indessen mit seinen Anführern angerückt, und es entstand ein blutiges Treffen; alle vier Brüder gebrauchten sich so tapfer, wie es nur je die größten Helden haben thun können, vorzüglich aber Reinold, der mehr Thaten that, als sonst ein Mensch zu thun im Stande ist. So dauerte das Gemetzel bis in die Nacht; da zogen die Brüder die Harnische der Erschlagenen an und stiegen auf die Pferde.

Am Morgen erneuerte sich der Kampf, und Writsart wurde im Gedränge gefangen genommen, denn das Pferd war ihm unter dem Leibe zu Tode gekommen. Eine Schaar führte den Gefangenen weg um ihn König Carln zu überliefern; Adelhart wurde es zuerst inne, daß ein Bruder fehle und sagte es dem Reinold; dieser wurde wüthend und drang darauf, daß man Writsart wieder frei machen müsse; aber Adelhart sagte: Lieber Bruder, es ist uns für dieses mal unmöglich, wenn wir ihnen nachsetzen, wird uns die Menge umzingeln und überwältigen; immer noch besser, daß der eine verloren geht, als wir alle. Aber Reinold wurde zornig und sagte: Sollen wir es dulden, daß ein Bruder von uns gehenkt werde? daß man nachher sage: sehet, das sind die Brüder, die so lange gegen König Carl gestritten haben, und es doch am Ende haben leiden müssen, daß man einen von ihnen gehenkt hat? Nein, lieber will ich mein Leben daran setzen, denn fürwahr, das wäre uns eine sehr schlechte Ehre.