Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente
Part 2
Reinold war vom König Carl zum Speisemeister ernannt, Adelhart zum Mundschenken, und sie versahen ihre Dienste sehr wohl, als der Zug zum Pallaste zurückgekommen war; auch Ritsart und Writsart warteten überaus geschickt bei der Tafel auf, so, daß jedermann die adeligen Sitten bewunderte. Nach der Mahlzeit versammelte König Carlmann alle Edlen im Garten, und theilte die Lehen aus, aber den Heymons Kindern gab er nichts, worüber Heymon ergrimmt zu König Carl lief, und ihm diesen Vorfall kund that. Carl schalt in Gedanken die Unart seines Sohnes, und gab allen drei Brüdern sehr ansehnliche Grafschaften zur Lehen, worüber Carlmann, als er es erfuhr, äußerst erboßt ward. Er sagte: ich will jetzt probiren an einem Steinwurfe, ob die Edeln meines Landes auch stark und gewaltig sind; ich vermesse mich, der stärkste im Werfen im ganzen Königreich zu sein. -- Alle Ritter und Edle schwiegen still, und Carlmann wiederholte die stolzen Worte noch einmal. Der alte Heymon konnte diese Vermessenheit nicht anhören, und sagte: Ew. Majestät sollten Gott im Stillen für seine große Gnade danken, wenn dem also ist, aber ich kenne einen jungen Helden von zwanzig Jahren, der diesen Stein wohl weiter werfen könnte, wenn er nur wollte, als Ihr es je im Stande seid. -- Holt nur Euren Sohn Reinold! rief Carlmann ergrimmt, damit Ihr selbst gewahr werdet, wie Ihr mit Euren prahlerischen Reden zu Schanden werden sollt. Da ging Heymon abseits seinen Sohn Reinold aufzusuchen, und weinte bitterlich, denn die Rede Carlmanns hatte ihn gar zu sehr innerlich verdrossen. Reinold sah seinen Vater auf sich zu kommen, und verwunderte sich über die Thränen, die diesem von den Wangen herunterliefen. Heymon erzählte ihm den Vorfall, und bat seinen Sohn, den Stein doch ja weiter zu werfen, weil er sonst als ein Lügner bestehen müsse, welches ihm in seinem ganzen Leben noch nicht begegnet sei. Reinold wandte ein, daß Carlmann sein König sei, und daß er ihn nicht erzürnen wolle; worauf Heymon sagte: nun gut, mein Sohn, wenn Du Deinen alten Vater umsonst hast weinen lassen, so muß ich sterben, denn ich kann als Lügner nicht weiter leben. Darauf rief Reinold aus: Nein, sterben sollt Ihr nicht, ich will den Stein weiter werfen, und wenn gleich mein Gegner der Teufel wäre. So folgte er seinem Vater zur Gesellschaft.
Carlmann warf den Stein weit weg, die übrigen Ritter warfen auch, aber keiner erreichte Carlmanns Ziel. Reinold nahm ihn und warf ihn viel weiter, als der König gethan hatte. Darauf nahm Carlmann seine ganze Gewalt zusammen, und warf den Stein noch weiter als Reinold, Reinold aber ergriff ihn wieder, und warf ihn mit großer Leichtigkeit so weit über das Ziel hinaus, daß Carlmann den Muth verlor.
Da der junge König sehr erboßt war, so versuchte es der falsche Ganelon, ihn zu trösten. Er schlug ihm vor, dem Adelhart auf den Kopf zuzusagen, daß er sich ermessen habe, ihn im Schachspiel zu überwinden, er sollte also mit ihm spielen und dabei ausmachen, daß derjenige, der fünf Spiele hinter einander gewönne, dem andern das Haupt abschlagen dürfe. Dem Könige gefiel dieser falsche Rath, und er ließ Adelhart kommen; dieser weigerte sich lange, um einen so hohen Preis zu spielen, aber Carlmann zwang ihn dazu, und Ganelon bezeugte, daß er sich vermessen habe, den König im Schachspiel zu besiegen. Carlmann gewann drei Spiele hintereinander, und Adelhart war seines Lebens wegen sehr besorgt. Aber er nahm allen seinen Verstand zusammen und gewann das folgende Spiel und eben so noch vier andre, womit er eigentlich das Haupt des jungen Königs gewonnen hatte. Er neigte sich gegen Carlmann, und sagte: Ich begehre nicht den Vertrag zu erfüllen, aber hüte sich Ew. Majestät vor Demjenigen, der Euch diesen Rath gegeben hat, denn er meint es wahrlich nicht gut mit Euch. Carlmann aber ergriff das silberne Spielbrett, und schlug damit Adelhart ins Angesicht, daß er blutete. Adelhart ging traurig fort in den Stall, lehnte seinen Kopf an Bayart und weinte; dort traf ihn Reinold und fragte ihn, was ihm fehle; er wollte es anfangs verschweigen, weil er den Grimm seines Bruders fürchtete, da ihn aber Reinold selber zu ermorden drohte, wenn er ihm die Wahrheit nicht gestünde, so erzählte er ihm aus Furcht den ganzen Verlauf des gefährlichen Spiels. Da ward Reinold sehr zornig, und sagte: Wie? darf man einem Bruder von mir so begegnen? Kann ich es leiden, daß ich so das brüderliche theure Blut zu Boden fließen sehe? Du hast sein Haupt gewonnen, und ich will es Dir bringen.
Er ließ hierauf Bayart nebst den andern Pferden heimlich aus der Stadt schaffen, dann ging er in Carlmanns Zimmer, bei dem sich Carl und viele Edle befanden; mit grimmigem Gesicht packte er den jungen König bei den Haaren und schlug ihm sein Haupt mit dem Schwerte ab; worauf er es seinem Bruder Adelhart gab und sagte: Hier hast Du Deinen Gewinnst!
Dann verließen die Brüder mit ihrem Vater die Stadt Paris.
Sechstes Bild. Die Brüder in der Verbannung.
König Carl war von Schmerz und Erstaunen ganz bewußtlos, er versammelte schnell seine Ritter, und eilte den Flüchtigen nach. Vor dem Thore begann ein hitziges Gefecht. Heymon hielt sich mit seinen Söhnen sehr tapfer, doch wurden allen die Pferde unter dem Leibe umgebracht. Da sprangen die drei Brüder hinter Reinold auf sein Pferd Bayart, das sie alle viere so schnell davon trug, daß keiner sie ereilen konnte. Aber Heymon blieb zurück, und stritt noch lange zu Fuß, und gebrauchte sich ungemein tapfer. Aber endlich konnte er der Macht nicht länger widerstehn, und gab sich ritterlich gefangen in die Hände des Bischofs Turpin, weil er dem Könige Carl nicht allerdings traute und eine schwere Rache von ihm besorgte.
Als Carl daher den Gefangenen wollte hängen lassen, widersetzte sich Turpin und die übrige Ritterschaft, so daß Heymon nur schwören mußte, seine Söhne in die Gefangenschaft zu überliefern, so bald als es ihm möglich wäre.
Reinold kam mit seinen Brüdern auf seinem Schlosse an, sie nahmen zärtlichen Abschied von ihrer Mutter, und beluden sich mit vielen Kostbarkeiten und so entflohen sie nach Spanien; ihr Vater war ein Freund des Königs, und hatte ihm lange gedient, sie hofften daher dort eine gute Aufnahme zu finden.
Der König sah sie in der Ferne kommen, und erkannte sie sogleich an ihrem Familienwappen; er wunderte sich darüber, daß ihrer viere auf einem Pferde ritten, und beschloß, sie sogleich in seine Dienste zu nehmen, weil er sich erinnerte, wie treu und tapfer ihm ihr Vater Heymon ehemals gedient hatte. Er nahm sie daher sehr gnädig auf, versprach ihnen Sold und Unterhalt; sie freueten sich, und gaben ihm dafür ihren Schatz in Verwahrung, den sie mit sich gebracht hatten.
So lange sie am Hofe etwas Neues waren, wurden sie gut gehalten, aber bald wurde man ihrer und ihres treuen Dienstes überdrüssig, dazu warf man ihnen auch immer vor, daß sie ihren Vetter Carlmann erschlagen hätten, und deshalb Landes flüchtig wären.
Reinold war im Herzen ergrimmt, daß man ihrer mit jedem Tage weniger achtete; nach drei Jahren gab man ihnen gar keinen Sold, noch Kleider, noch Unterhalt. Reinold schickte einen Knappen Wendelin an den König, und ließ sich wenigstens seinen Schatz ausbitten, um weiter ziehen zu können; aber der König ließ den Abgesandten mit Schlägen zum Pallast hinauswerfen, und Reinold bekam diese üble Botschaft. Er ließ daher sein Roß Bayart satteln, und vor die Stadt führen, nahm seinen Bruder Adelhart mit sich, und ging so in den Pallast des Königs.
Der König saß gerade bei der Tafel, Reinold verbeugte sich demüthig, und begehrte in höflichen Ausdrücken seinen Schatz, um sein Glück in einer andern Gegend versuchen zu können, aber der König schwieg tückischerweise still, und gab keine Antwort. Reinold wiederholte sein Gesuch in denselben Ausdrücken, aber der König schlug die Augen nieder, und that, als vernähme er kein Wort. Hierauf zog Reinold sein Schwert und sagte: Ich sehe wohl, daß bei Ew. Majestät keine Güte hilft, ich muß daher mit Ew. Majestät auf eine andere Weise sprechen, ich will Euch das Haupt abschlagen, wie ich meinem Vetter Carlmann gethan habe, und solches als einen Schatz mit mir nehmen. Da der König das Schwert sah, fing er an um Gnade zu bitten, aber es war zu spät, Reinold schlug ihm das Haupt ab, und gab es seinem Bruder Adelhart, es an den Sattel zu hängen, und es als einen Schatz mitzunehmen.
Es entstand ein großer Aufruhr in der Stadt und Reinold hatte genug zu thun, um sich und seine Brüder zu schützen. Von ihrem Rosse Bayart schlugen sie manchen Mann zu todt, und verwundeten manchen, aber sie alle wurden ebenfalls verwundet. Doch hielten sie sich so tapfer, daß sie endlich davon kamen, und nun überlegten sie, was sie zu thun hätten. Der Entschluß fiel endlich dahin aus, daß sie nach Tarragon zum Könige Ivo gehen wollten; der ein abgesagter Feind des Königs in Spanien war; ihm wollten sie das abgeschlagene Haupt präsentiren, und er würde sie denn wahrscheinlich gütig und freundschaftlich aufnehmen.
Da sie nun in Sicherheit, und schon auf seinem Gebiete waren, da stiegen sie vom Pferde, und verbanden einer dem andern die Wunden. Dann legten sie sich nieder und schliefen, weil alle nach so hartem Drangsal der Ruhe sehr benöthigt waren.
Siebentes Bild. Reinold vermält sich.
Als die Brüder ausgeschlafen hatten, gingen sie an den Hof des Königs Ivo, und Reinold trug auf seinem Speere das Haupt des Königs mit der Krone. Der König Ivo verwunderte sich über die Maaßen, als er diese Herren alle auf einem Pferde ankommen sah, er rief seine Räthe an's Fenster, und alle erstaunten gleich sehr über diesen Anblick.
Reinold und seine Brüder warfen sich vor dem Könige nieder, und gaben sich zu erkennen, dann verehrten sie ihm das Haupt seines Feindes, welches er mit großer Freude annahm. Es wurde ihnen ein köstliches Mahl zubereitet, hernach gab man ihnen schöne Kleider und wies ihnen ihre Wohnungen an. Bald hernach fiel Ivo mit seinem Heere in Spanien ein, und Reinold und seine Brüder begleiteten ihn auf diesem Zuge. Das Heer war siegreich, besonders durch die Hülfe der Heymons Kinder, und so zogen sie endlich wieder nach Hause.
König Carl hatte in Erfahrung gebracht, daß sich Reinold mit seinen Brüdern beim Könige Ivo aufhielte, er schickte also heimlich eine Gesandtschaft dahin, um die Auslieferung dieser Ritter zu begehren. Ivo wollte sich nicht gern gegen König Carl auflehnen, weil er dessen Macht fürchtete, aber auch nicht gern für undankbar angesehen werden, weil er durch die Hülfe der Heymons Kinder so siegreich gewesen war; er berief daher seinen Rath zusammen, damit dieser entscheiden sollte, wie er sich in einer so bedrängten Lage zu betragen habe. Die meisten der Rathsherren waren den Heymons Kindern ihres tapfern Betragens wegen sehr gewogen, nur einige waren ihnen entgegen, und da einer von diesen vorschlug, daß man sie ausliefern möchte, schlug ihn ein anderer von den Räthen zu Boden, weil es ein unedler Antrag sei.
Reinold erschien nun selber in der Rathsversammlung, er ließ sich vor dem Könige auf ein Knie nieder, und begehrte von ihm die hohe einsame Steinklippe im Meere, um sich dort eine Wohnung zu bauen, und sicher zu seyn. König Ivo bedachte sich eine Weile, und sein Rath unterstützte Reinold's Gesuch, aber einer war dagegen, und bestand darauf, daß man die Brüder zum Besten des Landes ausliefern solle, aber ein anderer redlicher Rath schlug ihn ebenfalls zu Boden. König Ivo sagte endlich: Lieben Herren, lasset mir das, ich will dem tapfern Reinold die Steinklippe geben, wenn er mir verspricht mein ehrlicher Vasall zu sein, und mich in Kriegen und Ueberfällen zu beschirmen, dazu will ich ihm gleichfalls meine Tochter Clarissa zum ehelichen Gemal geben, wenn er mir solches verspricht. Reinold versprach es, und die Hochzeit ward in Kurzem auf das prächtigste gefeiert.
Achtes Bild. Die feste Steinklippe Montalban.
Bald nach der Hochzeit versammelte Reinold eine Menge von Maurern und Zimmerleuten, und gründete so eine Festung, die bald aufgebaut war und die er Montalban nannte. König Ivo kam und besah die Festung, er verwunderte sich über den Bau und über die Unüberwindlichkeit der Steinklippe, denn sie lag im Meer, und der steile Fels war schwer zu erklettern. Da oben hauste nun Reinold mit seinem Gemal und seinen Brüdern, und er hatte viele Unterthanen und auch ein ansehnliches Stück Land vom Könige bekommen. König Carl wollte eine Reise nach St. Jago machen, da fuhr er an dieser Klippe vorüber, und verwunderte sich über ihre Festigkeit. Da er hörte, daß das Schloß Montalban heiße und Reinold angehöre, ward er ergrimmt, und ließ es durch Roland auffordern, und daß sich Reinold mit seinen Brüdern auf Gnade und Ungnade ergeben sollte. Reinold aber verließ sich auf die Festigkeit seines Schlosses, und ließ zurücksagen, daß er sich nichts um König Carl kümmere, und daß er ihn belagern möchte, wenn er wollte. Das verdroß Carln inniglich; er war daher kaum von seiner Wallfahrt zurückgekommen, als er eine Menge Volks versammelte, und damit Reinold in seinem Castell belagerte; aber es war zu fest, und er mußte unverrichteter Sache wieder abziehn.
Neuntes Bild. Reinolds Brüder kommen in Gefangenschaft.
Als eines Tages Reinold mit seinen Brüdern zu Tische saß, ward er plötzlich traurig und ließ den Kopf sinken, so daß sich alle über ihn wunderten. Adelhart fragte ihn, was ihm fehle, und Reinold antwortete: Lieben Brüder, ich muß mich gar sehr über Euch wundern, daß keiner von Euch an unsre vielgeliebte Mutter denkt. Ich habe sie nun in sieben Jahren nicht gesehn, und weiß nicht, wie es ihr geht, wie sie aussieht, ob sie in der Zeit nicht schon zum öftern krank gewesen ist. Sie denkt vielleicht oft an uns, und ich muß Euch sagen, ich habe keine Ruhe, bis ich gen Pirlapont gereiset bin, und sie wieder mit Augen gesehn habe.
Die Brüder erschraken, und suchten ihm diesen Vorsatz auszureden, weil eine solche Reise thöricht und gefährlich wäre: denn Aya und Heymon hatten schwören müssen, die Kinder gefänglich auszuliefern, wenn sie sie je in die Hände bekämen.
Was ist das Leben, rief Reinold, wenn wir unsre liebsten Wünsche nicht erfüllen sollen? Und ich sage Euch, daß ich doch sterbe, wenn ich meine Mutter nicht zu sehn bekomme, ich mag nun hinziehn, oder nicht.
Da wurden die Brüder traurig, weil sie sahen, daß er seinen Sinn fest darauf gesetzt hatte, und daß kein Ausreden etwas fruchten würde. Sie gingen daher fort, und im nächsten Walde begegneten ihnen vier Pilgrimme, in der Pilgerkleidung und mit Palmzweigen in den Händen. Mit diesen verwechselten die Ritter die Kleider und kamen so an die Thore von Pirlapont. Aber die Thore waren verschlossen, und als sie deshalb anklopften, fragte der Thorhüter von den Zinnen der Burg, wer da sei? Wir sind vier Pilgrimme, antwortete Reinold, wir sind viele merkwürdige Städte durchwandert, und kommen nun hieher, und haben großen Hunger und Durst; bitten deshalb, Ihr wollet uns einlassen.
Hier ist viel Jammer im Hause, antwortete der Thorhüter, weil wir gestern die Zeitung bekommen haben, daß die vier Söhne Heymons in gefänglicher Haft von König Carl gekommen sind.
Ich bitte Euch um dieser vier Herren willen, antwortete Reinold, daß Ihr uns einlassen wollet.
Der Thorhüter sprach: Wenn Ihr nicht einen so langen Bart trüget, möchte ich Euch fast selber für den stolzen Reinold ansehn; und somit stieg er hinunter und öffnete ihnen das Thor.
Sie gingen zu ihrer Mutter als Pilgrimme, und baten um eine Mahlzeit, weil sie eine weite Reise gemacht hätten. Sie saßen nun zu Tische, und Reinold betrachtete seine Mutter sehr genau, endlich bat er sie, ihm auch einen Trunk Wein zu geben, weil er lange keinen guten Wein getrunken habe. Die Mutter holte ihm selber eine Kanne mit Wein aus dem Keller, und schenkte ihm ein. Reinolds Herz ward fröhlich, da er seine Mutter selber ihm einschenken sah, und trank über die Maaßen, so daß er ordentlicher weise betrunken ward. Er taumelte umher und begehrte einen Becher nach dem andern, so daß sich Frau Aya über den lustigen Pilgrim verwundern mußte. Er ließ sich immer noch mehr Wein einschenken, so daß sich wohl ihrer vier davon hätten satt trinken mögen, dann taumelte er umher, und sagte zu seiner Mutter: Nun gebt mir noch einen Becher und ich will meinem Vetter Carl nichts achten. Adelhart erschrak, als er diese Worte hörte, er wollte seinen Bruder anstoßen, um ihn zu warnen, aber Reinold, der trunken war, fiel gleich der Länge nach in den Saal hin. Die Mutter warf sich auf ihn nieder, und umhalsete ihn, und wollte vor Freuden gar nicht wieder von ihm lassen, so daß sie Adelhart endlich vom Boden aufheben mußte; dann umarmte sie auch die übrigen Söhne.
Es war aber einer im Saal zugegen, der dem Könige Carl sehr günstig war, er ging daher zu Frau Aya und sagte: Gedenket Eures Eides, und liefert nun Eure Kinder Eurem Bruder aus, der auf Euch ergrimmt ist; wo es aber nicht geschieht, will ich selbst nach Hofe reiten, und anzeigen, daß sie sich hier befinden. -- Als Aya diese Worte hörte, fing sie bitterlich an zu weinen, und klagte: O du arger und gottloser Verräther, hast Du so lange mein Brodt gegessen, und darfst nun dergleichen Reden gegen mich führen? Und wenn mein Bruder auch noch viel ergrimmter wäre, so will ich ihm dennoch meine Kinder nicht ausliefern.
Der Verräther lief hierauf zum Grafen Heymon, und gebrauchte gegen ihn dieselben Worte, aber Heymon erwischte von ungefähr einen tüchtigen Prügel, und schlug damit den Verräther zu Boden, und sagte: Nun darf ich doch versichert seyn, daß Du es nicht bei Hofe anzeigen wirst. Dann ging Graf Heymon zu seinen Edlen und versammelte sie und viel Volks, daß sie ihm seine Kinder sollten fangen helfen, damit er sie seinem Eide gemäß ausliefern könne.
Die Brüder sahen die Macht auf sich zukommen, und waren in großen Aengsten, sie wußten sich nicht zu rathen, aber endlich trugen sie den trunknen und schlafenden Reinold in ein Gemach, wo sie ihn verschlossen, dann nahmen sie ihre Waffen zur Hand, und widersetzten sich dem Volke des Grafen, das eindrang, um sie gefangen zu nehmen. Der Streit dauerte länger als einen Tag, denn die Brüder gebrauchten sich sehr tapfer, und schlugen viel Volks darnieder.
Reinold erwachte nun wieder und war nüchtern, er sah die Bedrängniß seiner Brüder, und eilte sogleich hinzu, um ihnen beizustehn. Er sprang sogleich in das Volk hinein, wo es am dicksten stand, und vor seinem guten Schwerte stürzte alles nieder und entfloh; worauf Heymon sagte: Ich sehe wohl, daß meine Kinder diesmal werden ungefangen bleiben, denn Reinold hält sich besser, als alle zusammen. Reinold kam in Wuth und drang auf seinen Vater ein, um ihn niederzuhauen; als Adelhart das gewahr ward, eilte er auf ihn zu und hielt ihn zurück. Laß mich nur, rief Reinold aus, ich will ihn lehren seine Kinder fangen. -- Aber Adelhart sagte: Bedenke, Bruder, daß man dann bis in die spätesten Zeiten von uns, als von Bösewichtern sprechen wird, daß kein edles Gemüth mit uns wird Gemeinschaft pflegen wollen; nein, es ist schändlich, lieber Bruder, und gegen die Religion, warum willst Du den Vater tödten? Es ist ja sonst noch Volks genug da, das Du umbringen kannst.
Reinold sah die Worte seines Bruders ein, und ließ von seinem Vorhaben ab, aber er wüthete desto ärger gegen die Uebrigen, so daß alles umkam oder flohe, und sich ihm sein Vater gefangen geben mußte. Reinold nahm nunmehr seinen Vater und band ihn rücklings auf sein Pferd, dann gab er den Zügel einem Knaben in die Hand, der es so an den Hof des Königs Carl führen mußte. Der Thorhüter am königlichen Pallaste verwunderte sich sehr, als er den Grafen so ankommen sah; er fragte erstaunt: Wer ist so kühn, Herr Graf, daß er es wagen darf, Euch als ein Präsent an den Hof zu schicken? Ach, das haben mir meine Kinder gethan, antwortete Heymon, darum, daß ich sie habe fangen wollen.
König Carl ward ungemein betrübt, als er diese Nachricht empfing, er brachte schnell eine Macht zusammen, um die Brüder zu belagern und sie in seine Gewalt zu bekommen.
Reinold sah, wie sich die Schaaren versammelten, und ward in seinem Gemüthe sehr betrübt. Er stand auf der Zinne der Burg und sah wie das feindliche Heer seine Gezelte aufschlug, um ihn und seine Brüder zu belagern. Er ging zu seiner Mutter und fragte sie, ob sie keinen Rath wüßte, denn nun wäre an kein Entrinnen mehr zu denken, er müßte sich dem König gefangen geben. Frau Aya weinte, da sie ihren tapfern Sohn so reden hörte, er war der jüngste und ihr der liebste, und sie gedachte, daß er noch am ersten seine Brüder retten könne, wenn sie ihm zur Flucht behülflich wäre. Sie ließ ihn daher sein Pilgerkleid wieder anziehn, dann schaffte sie ihn heimlich zu einer verborgenen Thür hinaus, und so entkam Reinold.
Die übrigen Brüder aber waren in der größten Betrübniß, denn sie fürchteten sich sehr vor König Carl, besonders da sie jetzt ihren Bruder Reinold nicht mehr bei sich hatten. Die Mutter schlug ihnen vor, barfüßig und in wollenen Hemden in das Lager des Königs zu gehn, und fußfällig um Verzeihung zu bitten; sie folgten ihrem Rathe, und stellten sich vor dem König Carl, ihren Feind. Carl war sehr ergrimmt, und fragte gleich nach Reinold; sie sagten daß er entwischt sei, worüber der König noch mehr aufgebracht wurde, und schwur, sie alle hängen zu lassen, wenn der Reinold erst zur Gesellschaft hinzugekommen wäre.
Reinold war indessen auf Montalban angelangt, und voller schwermüthigen Gedanken. Er warf sich vor, daß er an der Reise seiner Brüder Schuld sei, und sie jetzt feigherzigerweise verlassen habe. Er bestieg sein Roß Bayart und beschloß sie zu erretten. So ritt er mit diesem Gedanken bis vor die Stadt Paris, wo er im Wald stille hielt, und bemerkte, daß ihm ein Jüngling nachgekommen sei, der in seinen Diensten war. Bist Du nachgekommen, mich zu verrathen? rief Reinold. Wie sollt ich, antwortete der Jüngling, zu einer so schändlichen Absicht einen so weiten Weg zurückgelegt haben? Nein, ich bin Euer Diener und Ihr könnt meiner vielleicht gebrauchen.
Gut, sagte Reinold, so sollst Du ein Abgesandter von mir an König Carl sein, doch sieh Dich ja gut vor, daß Du Dir einen guten Bürgen setzen lässest, denn Du sollst ihm harte Worte überbringen. Sage ihm von meinetwegen, daß ich es weiß, daß meine Brüder in seiner Haft sind, aber er solle sich wohl vorsehen, ihnen einiges Leid zuzufügen. Wir sind alle erbötig Sr. Majestät treu und ehrlich zu dienen, auch in wollenen Hemden und barfüßig demüthigst um Verzeihung zu bitten, aber er soll sie freilassen, und uns in seine Dienste nehmen. Will er sie aber nicht los und ledig geben, so sag ihm nur, wollt' ich meine ganze Macht daran strecken, und nicht eher ruhen und rasten, bis ich ihm so, wie dem Könige Carlmann gethan hätte.
Der Jüngling wollte gehn, aber Reinold rief ihn zurück. Nein, sagte er, Gott bewahre meinen Arm, daß ich Seine Majestät, meinen König und Vetter umbringen sollte; das sei fern von mir, denn es wäre ein grausames und unmenschliches Beginnen. Aber sage mir meine Botschaft gut und verständig, daß er meine Brüder soll freigeben und daß wir ihm treu dienen wollen, aber er muß uns vergeben; will er aber meine Brüder hängen lassen, so will ich meine ganze Macht daran strecken und es soll ihm dann nimmermehr gut gehn.
Der Bote verfügte sich nun in die Stadt, und ging an den Hof zu König Carl, wo er seinen Auftrag ausrichtete. Er ließ sich aber vorher den König Carl selber zum Bürgen setzen, daß er frei zurückkönne, und es war gut, daß er es gethan hatte, denn König Carl wurde ungemein ergrimmt über Reinold und seinen Abgesandten, so daß er ihn gewiß würde habe hängen lassen, wenn er ihm nicht so sichere Bürgschaft zugesagt hätte.