Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente
Part 17
Haben Sie das Verstehn nie bis zur Religion getrieben? Ich dächte denn doch das sei das wahre Blumen-Lieben. Die Natur ist immer natürlich, So bin ich auch gleichsam figürlich, Ach Gott! die Rose ist ein schönes Kind, Mich entzückt zugleich die edle Lucind'.
Autor.
Sie scheinen sie nicht verstanden zu haben.
Bewunderer.
Ich habe so meine Art, mich dran zu laben, Denn jedweder Mensch hat seine Gaben, Ich verachte Gottlob! die Sittlichkeit.
Autor.
Doch hätten Sie dazu noch künftig Zeit, Man fängt doch erst gelinde an.
Bewunderer.
Der erste, der's denkt, mag's also treiben, Doch ich, der ich die Sachen lesen kann, Muß nicht beim Anfang stehen bleiben, Ich mache mir alles zur Religion, Und sitze drin wie auf einem gepolsterten Thron.
Autor.
Doch wenn nun alle auf die Erfindung geriethen?
Bewunderer.
Das wäre freilich ein übler Umstand, So hätte man gar nichts Eignes mehr.
Autor.
Das müßte Ihnen dann ein andrer vergüten, Vielleicht verbreitet sich dann im Land Schon wieder eine neue Lehre, Sie können sich immer zur neusten bekennen, Die Religion alsdann den andern gönnen.
Bewunderer.
Ich habe mir das so schön angewöhnt Und finde, daß es ganz lieblich tönt, Auch sind noch alle dagegen in Empörung Und wie in allgemeiner Verschwörung, So daß sie in selbstesten innersten Gemüthen Im herzesten Herzen dagegen wüthen, Da giebt es also noch keine Bekehrung.
Autor.
Das sagen Sie nicht, es findet wohl Beifall, So hört man die Dinge dann überall. Sie drücken sich aber kuriose aus.
Bewunderer.
Es muß immer aus dem innersten Gemüth heraus, Und oft will es nicht weichen und wanken, Oft fehlen wohl selber die Gedanken, Da muß man die Sprache recht bei der Wurzel kriegen, Aus dem Innersten sprechen, es mag brechen oder biegen. So ist es mir schon oft gelungen Zu gerathen auf treffliche Vorstellungen.
Autor.
Es ist gewiß, die Welt thut jetzt große Schritte, Sie hat die rechten Sieben-Meilen-Stiefeln angezogen, Meint man, man ist in der Bildung Mitte, So ist man gewöhnlich sehr betrogen, Sie rennt voraus und immer voraus, Man wird verdrüßlich und geht nach Haus.
Bewunderer.
Somit wäre alsdann die Bildung aus, Doch hoff' ich, Sie schreiben für uns noch fleißig. Ich muß gestehn, ich ahme Sie nach, Habe auch hier bei mir mitgebracht Etliche artliche Lieder, an die hundert und dreißig.
Autor.
Ich bitte, daß Sie mich entschuldigen mögen, Sie anzuhören geht über mein Vermögen.
Bewunderer.
Nur eins und das andre, Sie werden sich wundern, Denn meine Poesie ist ein wahres Kunterbuntern, Sie haben mich außerdem begeistert, Drum wär' ich gern von Ihnen gemeistert.
Er liest.
Stille, stille, Wie die Welle, In den Seen Blumen stehen, An dem Rande, Sanfte Bande, Und es flimmern In den Schimmern, Süße Töne, Ach wie Schöne! Komm und kröne Mein Verlangen, Denn dein Bangen Ist so ferne Wie die Sterne, Liebesblicke, All mein Glücke, Binden Flammen, Sich zusammen, Daß sie schwammen, Ach die schöne Zeit, Weit! weit!
Autor.
Ich muß Sie bitten, hier inne zu halten, Mir schwindelt vor den vielen Gestalten, Die sich so ungenirt entfalten.
Bewunderer.
Nicht wahr, es geht recht kraus durch einander? Man sieht gleichsam nur lauter Lichter wandern.
Autor.
Ein ungemein zarter Genius drinne haust, Es paßt zusammen, wie auf's Auge die Faust, Da springen einem auch die Funken und Lichter Um so dichtrischer, als man darauf schlägt dichter, Daß einem Hören und Sehen vergeht Und man sich doch vor purem Sehn nicht kann lassen: -- Daß nichts in seinem Zusammenhange steht, Das ist die Kunst es zusammen zu fassen.
Bewunderer.
Ganz recht, das ist's eben, was ich von Ihnen lerne, Doch eh ich mich noch ergebenst entferne, Will ich noch zur zweiten Lektüre schreiten Und Sie dadurch zur dritten vorbereiten.
Er liest.
Wanke, wanke, Mein Gedanke, Tönt die Flöte, Morgenröthe? Nein verschwunden Sind die Stunden! Wiederkehren Soll mir gewähren, Was ich verloren Eh' ich geboren.
Autor.
Ich bitte Sie, ich sinke um, Mir wird im Kopfe gar zu dumm.
Bewunderer.
Sie treiben wohl ihr Zuhören bis zur Religion?
Autor.
Ach nein, ich fühle mich krank und matt, Mir ist, als müßt' ich sterben schon, Des Lebens bin ich völlig satt.
Bewunderer.
Ei! ei! das wäre ein großer Verlust! So haben Sie's wohl auf der Brust?
Autor.
Nein, nein, ich sterbe an meinen Liedern, Sie fangen mir an, so zu zuwidern, Sie sind mir eine so ekle Speis' Daß ich mich nicht zu lassen weiß.
Bewunderer.
Treiben Sie Ihren Ekel bis zur Religion? Erlauben Sie mir jetzt einen andern Ton, Jetzt will ich Ihnen lesen, was im Spaßen In ihrer Manier ich habe gethan.
Autor.
Ach nein, ich bin ein verlorner Mann, Ich weiß durchaus mich nicht zu fassen, Ich muß Sie bitten, mich zu verlassen.
Bewunderer.
Nun nun, ich komme wohl morgen wieder Und lese Ihnen noch einige Lieder. Früh, früh, Ei sieh, Durch den Wald, Laut erschallt Vöglein-Stimmen, Die verschwimmen Wie ein Flimmen Durch Gesträuche Und die Eiche Sieht darein, Als müßt' es so sein. Doch jetzt muß ich gehn, denn wenn ich bleibe Ich das Abschiednehmen bis zur Religion treibe.
Verbeugt sich und geht ab.
Autor.
Ist das der Lohn von allem Bemühen, Von allen Fackeln, die wir glauben zu zünden, Daß wir dergleichen Blüthen erziehen? Wie muß da alle Hoffnung schwinden! Wenn man das Rechte will ergründen, Und möchte dringen bis zum innern Kern, Hingäbe der Gottheit sein Leben gern, Die verlornen Geister mit schönem Bestreben, Die erstorbne Welt sucht zu beleben, So streut man nur Worte in den Wind, Die nachher zum Mißbrauch gut genug sind. O edler Freund, was strebtest du Lucinden, Die Gluth dem Volke zu verkünden? Sie laufen hinzu, und keiner dich kennt, Und es hilft kein Rufen: »Rühre nicht, Bock, denn es brennt!« Alle Mühe, alles ernste Ringen, Glauben sie besser zu entbehren, Sie meinen, es müsse im Schlaf gelingen, Und stellen sich, als ob sie Titanen wären, Und wissen, daß selbst Backen und Brauen Sich nicht läßt mit dem Genie pur zwingen.
Ein Weltmann tritt herein.
Weltmann.
Ich komme zu Ihnen mit Freundes-Vertrauen, Man hat mir gesagt, daß Sie mancherlei dichten, Wodurch Sie wollen die Welt bekehren, Da muß man sich nach den Umständen richten, Selbst lernen, will man andre belehren, Sie führen aber scheint's, ein eremitisch Leben, Und sind wohl gar dem Spekuliren ergeben.
Autor.
Ich will nichts, und mag mir nichts vornehmen, Es dient doch nur, es zu verfehlen, Man muß nur sich und andre quälen, Was hilft es, wilde Steine zähmen, Die Zeit des Orpheus ist verflossen, Man hält dergleichen jetzt für Possen.
Weltmann.
Und auch mit Recht, mein werther Freund, Sie kennen die Welt nicht, wie es scheint, Sie wollen mit Geisseln drunter schlagen, Mit Posaunen wie zum jüngsten Tage blasen, Doch muß man alles still gewähren lassen, Und kommt die Zeit, wird man den Sieg von dannen tragen.
Autor.
Ich möchte mich lieber gleich in die Nichtigkeit ergeben, Denn ganz verdrüßlich fällt mir doch mein Leben.
Weltmann.
Ei warum das! das thut nicht noth, Zeitig genug kommt immer noch der Tod, Auch muß man schaffen und wirken und thätig sein, Denn dergleichen wird immer räthlich sein, Nur nicht sich in sich zurücke ziehn, Das ist die schädlichste Medizin.
Autor.
Ich verzweifle an allem, keiner versteht mich, Unbefangen in der Poesie keiner ergeht sich, Mir wird am Ende vor allen Worten bange, Jeder Schritt wird mir sauer auf meinem Gange.
Weltmann.
Das macht, weil Sie die Welt nicht studiren. Sich nicht auf gehörige Vielseitigkeit appliziren, Denn wenn Sie sich selber so eng borniren, Das muß sie nothwendig irre führen.
Autor.
Die Irre! das ist das rechte Wort! Wo ist denn nicht zu irren ein Ort?
Weltmann.
Nun, zum Beispiel, wenn man sich das Ganze vorhält, Und, wie schon gesagt, beobachtet die Welt, Sich sucht von allen Seiten In allen Kenntnissen und Gedanken zu verbreiten, In Politik, Statistik, neuer Geschichte, Das sind die großen gewaltgen Gewichte, Die die Uhr der Welt in Bewegung setzen, Die Schleifsteine, die die Ingenia wetzen.
Autor.
Wenn ich die alte Welt mit der neuen messe, So hat die neue für mich kein Interesse.
Weltmann.
Das ist es, wo Sie wieder irren, Das macht, weil sie das Interesse verwirren, Sie wollen kein reines Interesse haben, Sich immer an einem poetischen laben, Doch dauert das unmöglich auf die Länge, Man kömmt dabei gewaltig in die Enge.
Autor.
Ach leider! bin ich schon in dem Gedränge, Und sehe kein Mittel heraus zu kommen, Denn mir ist aller Muth genommen.
Weltmann.
Ei, mein Werther, das muß sich alles fügen, Ihr richtiger Verstand wird gewiß am Ende siegen, Man muß sich nur in die Zeiten schicken, So kann es nicht anders, es muß uns glücken, Einmal stolziren, und dreimal sich bücken, Das glauben Sie mir, so wie nun die Welt ist, Ist jetzt zumal das rechte Verhältniß. Von allem, was da ist, ein wenig erhaschen, Und damit anfüllen seine Taschen, Und mit jedem, den man vorüber wandelt, Ein bischen mit der vielen Kenntniß gehandelt, Zur rechten Zeit Allmosen spendirt, Und sich bescheiden dazu verneigt, Als sollt' es keiner sehn, doch daß man es zeigt, Dann wieder mit allen Vieren handthiert, Gestoßen in Hoboen und Posaunen, Daß rings umher die Leute erstaunen. Doch niemals ohne Absicht gelobt, Noch weniger drein mit Knütteln geschlagen, Denn wer die gute Sache zu stürmen strebt, Der kommt zu kurz in unsern Tagen. Darum bezähmen Sie ihren Unwillen, Oder schaffen Sie ihn lieber gänzlich fort, Und glauben Sie mir nur auf mein Wort, Schon dadurch wird sich manches erfüllen. Nur frisch gelobt, so lobt man wieder, Vereingen sich zum Band die Glieder. Und hat man gar den Ruf von bescheiden, So loben sie einen mit tausend Freuden, Denkt jeder: hält dich der Mann doch für klüger, Am Ende bleibst du immer sein Besieger. Hat man nun lange genug geschont, So sieht man, wie man oben thront, Von allen Seiten Feuerwerke brennen, Und jung und alt dann unsern Namen nennen; So ist die Welt, doch sind Sie grob, Empört das Grobzeug sich darob, Und wenn Sie vollends dabei satirisch, Wird all das Mengelmus aufrührisch, Und schreien: wir wollen ihn sämmtlich nicht lesen, So ist seine Macht auf Erden gewesen. Ich bitte, Sie glauben, daß ich nicht scherze, Und nehmen sich meinen Rath zu Herzen, Nur hübsch der Vielseitigkeit sich beflissen, Müssen scheinen so ziemlich um alles zu wissen, Dazu die liebe Humanität, Die jetzt in allen Kalendern steht, So kann es Ihnen bei meiner Seelen In unsrer Welt gar niemals fehlen.
Geht ab.
Autor.
So will man mir denn alles rauben? Soll ich an eine Welt noch glauben? Wohl gar noch an die Psychologie Und an ein nachahmendes Genie? Mir fällt mein ganzes Bewußtsein um, Steht auf den Kopf und macht mich dumm, Da treten die Leute nur flugs herein, Und schreien mir zu: so sollst du sein! Ich weiß mich nicht zu rühren und zu regen, Ja wohl ist mir die Welt zu überlegen, Ich kann an vielem nehmen kein Theil, Tausend Dinge machen mir Langeweil, Ich bin so unbeholfen und ungelenkisch, Einseitig sehr, noch mehr altfränkisch. -- -- Was kommt herauf die Treppe schollern, Mit schwerem Tritt herauf sich kollern? Warlich, der tritt nicht sänftlich nieder, Es klingen alle Fenster wieder, Es scheint, er trägt Stiefeln mit Eisen beschlagen, Wenn der in meine Thür eintritt, So sprengt von ihm ein einzger Tritt Die Wände wie die Pfosten ein; Was wird der Wirth zu meinen Visiten sagen? Da klopft das Ungethüm. -- Herein!
Der Altfrank tritt herein.
Der Altfrank.
Einen guten Tag, mein junges Kerlein.
Autor.
Du lieber Gott, wer mag der Herr sein? Mit diesem langen weißen Bart, Mit dieser Mütz, seltsamer Art, So wunderlich mit Schellen behängt, Daß jede Bewegung wiederklingt, Mit diesem langen tüchtgen Knüttel, Den Dolch in seinem breiten Gürtel?
Der Altfrank.
Kennst mich wohl nicht, du kleiner Wicht?
Autor.
Zeitlebens sah ich kein solches Gesicht.
Der Altfrank.
Das weiß ich Dir gar wenig Dank, So höre denn, ich bin, Gottlob, der Altfrank, Der alte Franke, den sie nicht lassen ruhn, Sondern wenn sie einmal was Gutes thun, Sehn ihren Nächsten in tiefen Nöthen, Zu Gott dem Herrn inbrünstig beten, Wenn Kinder ihre Eltern lieben, Die Söhne gehorchen, die Töchter in Tugend sich üben, So schreit das Volk, mit bösem Maule zänkisch: Ei seht doch Leute, wie sind sie da altfränkisch! Doch wer nach Huren fleißig geht, Den Freund verläumdend auf dem Markte steht, Gott's Wort nicht acht't, die Kirchen verhöhnt, Am liebsten begeht, was am schwersten verpönt, Geizt, wuchert, das Geld zusammenscharrt, Der ist ein Kerl neumodischer Art, Und endlich verzweifelnd stirbt im Tode, Der ist ein artiger Mann nach der Mode.
Autor.
Wie bist du nur darauf gefallen Mir deinen Besuch zu gönnen vor allen?
Der Altfrank.
Weil du mir immer warst gewogen, Warst mir, ohne mich zu kennen, ergeben, Magst gern das alte deutsche Leben, Das hat mich nun zu dir gezogen. Du bist nicht für das Moderne und Neue, Du liebst in der Natur das Weite und Freie, In aller Poesie das Volle und Tücht'ge, In allem Scherz das Wilde und Flücht'ge. Du hassest, was nicht redlich gemeint, Du verehrst, was gesund und brav dir scheint, Da hört' ich dich nun aus der Ferne fluchen, Das bewog mich denn dich zu besuchen.
Autor.
Du erzeigst mir warlich sehr viel Ehre, Wenn ich nur aufgelegter wäre, So steht es um meine Laune mißlich, Ich bin verstimmt und fast verdrüßlich.
Der Altfrank.
Ach was, verstimmt! das ist dummes Gezeug, Willst du nicht besser reden, so schweig! Treibt über all's in der Welt ein Räsonniren Und kann seine eigne Laune nicht regieren? Wer heißt dich doch von Laune sein? Das soll auch so was Neumodsches sein. Steht dir der Magen schief, auf frisch Setz dich an einen vollen Tisch, Ziehn dir die Leut ein schiefes Maul, So sei zum Fratzenziehn auch nicht faul, Will hündisch Volk dich wild anschrein So denk: da schlag' das Donnerwetter drein!
Autor.
So was zu denken ist aber unschicklich.
Der Altfrank.
So was dachten und sagten wir augenblicklich Wann uns was Dumms in die Quere kam Und sich zu viel heraußer nahm.
Autor.
Dafür sind wir auch besser erzogen.
Der Altfrank.
Halt's Maul, denn das ist doch erlogen.
Autor.
Ihr seid ein rauher, barscher Mann, Ich bitte ergebenst, fahrt mich nicht so an. Ihr habt gar keinen geselligen Ton Und seid der Grobheit zu sehr gewohnt, Man kann doch friedlich und freundlich sein, Und braucht nicht wie ein Bär zu schrein.
Der Altfrank.
So ist nun meine Art zu sprechen, Ich thu die Zähne weit auseinander brechen, Geh du mit deiner schwernoths Redensart, Holunken nur die murmeln in den Bart.
Autor.
Treten Sie nur nicht meiner Ehre zu nah, Sonst muß ich Sie bitten, sich zu entfernen, Ich möchte nicht gerne mit Ihnen lärmen, Weil ich Sie heut zum erstenmal sah, Drum gehn Sie lieber fort im Stillen, Hab' außerdem schon meine Grillen.
Der Altfrank.
Die werden aus deiner Narrheit quillen. So halt' doch, Kerl, die Nase in die Höh! Wann sah man einen Deutschen je Also die Schuh besehn und granzen, Auf so erbärmliche Weis' gramanzen? Hast ehrlichs Blut und bist kein Schuft, Schau dreist hinein in die freie Luft, Thu' mit Beinen strampfen, mit Händen handthieren, Und steh nicht als gingst gewöhnlich auf Vieren, Als wär dein Aufrechtwandeln Ausnahme nur Und gegen deine hündische Natur. Die Sonn' schaut auf dich, so schau sie auch an, Die Sterne betracht, so hast du wohl gethan, Erwäge in deinem herzhaften Gemüthe, Wie du und alles nur mancherlei Blüthe, Und alles in einem großen Stamme steht Zurück in Gottes Kräfte geht. Doch bist du allzusehr verdrossen Und steckst voll dummer irdscher Possen, So steck die Nas' in ein gutes Buch, So wirst du wieder gesund und klug, Da schau von unserm deutschen Mann Das Gedicht vom Faust mal wieder an, Da liegt für dich noch manch Verständniß, Wovon viel Hundert nicht haben Kenntniß: Und willst mal recht in die Tiefe schauen In allen Sinnen dich erbauen, Den Wein des Lebens schlürfen ein, So recht im Frühling heimisch sein, Wo aus allen Blüthen Nachtigallen Und tausendfach Gesänge schallen, Unendlichfach die Geister quallen, So hab dir ja ein Buch erschlossen, Wo schon manch Himmelsstunde hast genossen, So gab ich dir noch außer Göthe, Auroram, jene Morgenröthe, Von dem Propheten, den sie schelten, Dem aufgeschlossen alle Welten, Des heilger unentweihter Mund Der Gottheit Tiefe hat verkundt, Den großen deutschen Jakob Böhme, Daß er von dir die Schwermuth nähme, Jedwedes Wort in ihm dir lacht, Und all umzogen mit Glanz und Pracht, Er hat durchaus sich gesponnen ein In eitel Glori und Heiligenschein. -- Nun sprich, was fehlt in der Welt dir noch, Daß du mürmelst und brümmelst verdrossen doch?
Autor.
Das alles will nicht recht erklecken, Es fehlt mir noch an hundert Ecken, Ich bin ungeschickt und ungewandt, Interessire mich nicht für Welt und Land, Bin immer auf meine Vorsätze erpicht Und habe kein recht Welt-Interesse nicht, Drum kann ich auch in meinem Leben Nie so recht Red' und Antwort geben, Von vielen guten Wissenschaften Will nichts in meinem Gemüthe haften, Und kurz, ich bin mit meiner Seele Auf so gar wenig eingeschränkt, Worauf sie ewig sinnt und denkt: Das ist es, worüber ich mich quäle.
Der Altfrank.
Ei was! das ist eine schlechte Art In alles seine Nase zu stoßen, Bei sich zu führen eine Taschen-Allgegenwart, Und doch vom Kleinen wie von dem Großen, Das Rechte nicht zu wissen und zu erkennen, Und pur die Dinge mit Namen zu nennen. Auch will es sich nicht schicken und fügen, Das Universum in den Kopf zu kriegen, Bleibt doch jeder nur sein eigen. So schau die Bäume mit ihren Zweigen, Schau Blumen an und alle Pflanzen, Sie sind die Theile des großen Ganzen, Doch jedes prangt in seiner Schöne, Ins Fremde kein's hinüber schweift Das Widerwärtge nie ergreift, Für sich bestehn die mannichfaltgen Töne, Wollte sich Natur in Eins einrühren, Müßte dann das Chaos zurücke führen. Die Schöpfung hat sich dadurch nur geboren, Weil jede Kraft sich aus dem Ganzen verloren, Und einzeln das Ganze figurirt: Der Mensch ward aus allen Theilen formirt, Innewohnend in ihm sind alle Geister, Drum ist er der Natur auch Meister, Doch hat er in sich einen Klang, Der tief sein Wesen ganz durchdrang, Wenn er den Ton nun wieder hört, Wird gleich sein Innres ganz empört, Alle Geister steigen auf in die Erinnrung, Der Ewigkeit Strahlen fallen in die Dämmrung. Er strebt in seine alte Wurzel zurück, Und erhascht seines Lebens Silberblick: So hat jedwedes in aller Natur Seine eigne bestimmte Signatur. Dich treibt es liebend zu umfassen, Was die meisten um dich verachten und hassen, So laß denn deinem Geiste Raum Und bilde fertig deinen Raum, Laß dir den Muth niemals entgehn, Willst du nur sehn, so wirst du sehn, Dann glänzet dir im süßen Geisterlichte, Die du gewünscht, die himmlischen Gesichte.
Autor.
Und dann fühl' ich mich wieder so verloren, Daß ich mir diese Liebe auserkohren; Hält nicht fast jeder mich für einen Thoren? Sie wollen nichts von dergleichen Dingen wissen, Und weit entfernt, daß sie sind hingerissen, Noch mehr, daß sie sich sollten darnach sehnen, So sitzen sie nur und gähnen. Wie soll das einen nun wohl stärken, Wenn sie einen Autor gar nicht bemerken? Das ist doch wohl noch zu verzeihn Daß man will gern verstanden sein.
Der Altfrank.
Was nimmst du das nur so genau, Ob sie heiß oder kalt sind, oder lau? Kannst sie doch nicht bei Haaren ins Verständniß reißen, Nicht bei den Ohren hinüberzerrn? Daß sich um dich nicht kümmern die meisten, Das glaub' ich dir von Herzen gern, Allein das muß dich nicht bekümmern. Schreib's dir und deinem Sinne recht, Thu dich des Besten stets befleißen, Und sei den Musen ein würdger Knecht, So mags dann funkeln oder flimmern. Mögen sie dich tadeln oder loben, Das Gute bleibt am Ende oben.
Autor.
So will ich mich denn niedersetzen Und ohne weiters mich ergötzen, Meine alte Arbeit wieder suchen, Und nicht mehr auf die Zeiten fluchen.
Der Altfrank.
Das wird dir immer nützlich sein, Auch will ich mich darüber freun, Wann du zu Stande bringst was Tüchtigs, Was Gutes, Großes und was Wichtigs; Erwärme dein Herz in alter Liebe, Erwecke in dir die alten Triebe, Wenn dir die neue Zeit nicht gefällt So gedenk der braven alten Welt, Mit Andacht geh zu den alten Ruinen, Die auf den hohen Bergen verwittern, Sie schaun dich an mit wehmüthigen Mienen Und erzählen dir von Thaten und Rittern, Besuche zumal die Wald-Kapellen, Wo sich heilge Geschichten vor dich stellen, Die alte katholische Religion, Als sie noch schmückte ihren Thron, Und schöner die Welt durchströmte, Ein selger Tod die Märtrer krönte: Als deutsche Freiheit noch stolzirte, Vor ganz Europa hell pranchirte, Das alles magst du kühnlich preisen Verkündigen in vollen Weisen, Was sonst erregte deinen Muth, Beseligte in Adern dein Blut, Lebt nicht noch alles in einzeln Spuren, Wandelst nicht noch auf denselbigen Fluren? Willst du ein Deutscher sein geacht't, Verkünd' der Deutschen Stolz und Macht, Laß all das eitle Gewäsch und Gramanzen Den Welschen oder flüchtigen Franzen. Sei stolz, wie's einem Deutschen ziemt, Der seines Vaterlands sich rühmt, Der erkannt der alten Zeiten Adel, Die großen Männer ohne Fehl und Tadel, Thu dann, was du schon lang gewollt, Was du auf mein Geheiß schon längst gesollt, Versuch es in lebendgen Bildern Die verwilderte Zeit zu schildern, Die die letzte deutsche war, Den heilgen Krieg der dreißig Jahr Das theure Mutterland verheerte Und seine letzte Kraft verzehrte, Dies stell in mancherlei Schauspiel dar: Daß du der Mitwelt mögest geben, Erinnerung und Denkmal von deinem Leben.
Autor.
Deine Worte erwecken die alte Lust, Den sonstgen Trieb in meiner Brust; Den Vorsatz will ich treu bewahren, Ich lasse Furcht und Zweifel fahren, Magst du nur ferner mein gedenken, Und mir, du treuer Mann, deine Liebe schenken.
Der Altfrank.
Du hattest immer zu mir begehrt, Drum hab' ich deinen Wunsch gewährt, Du hast mich endlich mit Augen gesehn Und darfst nun über mich Rede stehn; Doch hör' ich dich wieder aus der Fern Wie ein Kindlein winseln, schrein und plärrn, Ueber Recensenten und Kritiker klagen, Dich mit Wehmuth und Demuth und Dummmuth plagen, So sag ich mich gänzlich von dir ab; Dann magst du andre Freunde treffen, Die mögen dich ängstigen oder äffen, Und stoßen dich in die Grube hinab. Dann such in der Aufklärung Schutz und Schirm, Und treib' es wie das modernste Gewürm: Sieh über das Bessere höhnisch hinweg Und liege bei Memmen und Narren im Dreck.
Geht stampfend ab.
Autor.