Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente

Part 16

Chapter 163,765 wordsPublic domain

Da sind Sie ganz in die Irre gekommen, Die jetzige Welt ist immer das Geld, Jemehr Geld man hat, jemehr auch Welt, Welt ist nichts als eine falsche Aussprache, Das andre aber bezeichnet die Sache. Wollen Sie sich nun nicht korrigiren, So kann ich den Helden ihres Stücks nicht entrepreniren.

Geht ab.

Muse.

Warum machst Du Dir solche Beschwer, Stehst mit den Thoren in Verkehr?

Autor.

Ich that es nur, um auch im Weiten, Im Volke deinen Dienst zu verbreiten.

Muse.

O laß sie nur in ihrem Eigenthume, Denn sie sind fern von meinem Heiligthume.

Autor.

Man kann sich freilich übereilen, Man wünscht doch für die Menge zu schreiben.

Muse.

Die Menge! gäb' es eine Menge! Doch ziehn sich tausend in die Enge, Es scheint am Ende kaum noch Einer, Beim rechten Licht besehn, gar keiner.

Ein Recensent tritt herein.

Recensent.

Ich bringe Ihnen das Buch hier wieder, Es war mir doch zu sehr zuwider.

Autor.

Ich danke für Ihre Aufrichtigkeit.

Recensent.

Ja, lieber Mann, es thut mir leid, Ich spräche gern, wie sich's geziemt, Ein wenig, wie man's nennt, verblümt, Aber Ihre Schriften sind gar zu schlecht, Als daß man's Ihnen nicht sollte sagen, Vielleicht kann's doch dazu beitragen, Daß Sie sich kehren auf Wege, die recht, Und nicht auf Pfaden so kreuz und quer: Sie machen sich selber das Leben schwer.

Autor.

Wollen Sie's mir nicht ein wenig erläutern?

Recensent.

Daran würde jede Bemühung scheitern, Alles was Sie suchen ist excentrisch, Alles was Sie wollen ist unverständlich, Alles was Sie schreiben ist ohne Verstand, Und drum kann man nur vor der Hand Sie warnen, daß Sie werden ein anderer Mann. Leben Sie wohl, ich habe meine Pflicht gethan. ~Ab.~

Muse.

Was bedeutet diese Kreatur?

Autor.

Er ist ein Wächter aller Poetischen Natur, Er zieht sich alle Kunst sehr zu Gemüthe, Und meistert verständig an jeder Blüthe, Er studirt beständig Poesie, Und glaubt doch, daß sie da sei, nie, Hält all Bemühn zu dichten für verloren, Poeten und Künstler sind ihm Thoren, Doch wäscht er immer an diesen Mohren, Er nimmt sich ihre Krankheit zu Herzen Und möchte sie bleichen und entschwärzen, Im gemeinen Leben man ihn nennt Wenn von ihm die Rede, der Recensent.

Muse.

Dergleichen Erfindung ist gewiß modern.

Autor.

Sie nennen sich deine Priester gern Und meinen, sind von der Bildung der Kern, Ehemals gab es Prophetenschüler, Jetzo hat man Recensirmühlen, Was sie unter sich haben muß brechen oder biegen, Vom Großen und Starken, das sie mühlen, Sagen sie stets: ich kann es nicht klein kriegen! Denn klein muß alles sein, was sie fassen und fühlen, Kommt ihnen ein Tüchtiger unter die Hände, Der sich nicht will verkleinern lassen, So schimpfen sie auf ihn aus der Maßen, Beschließen ihr Urtheil so am Ende: Ein Monstrum ist dieser, der Natur mißglückt, Keiner kriegt ihn klein, er ist verrückt.

Muse.

Die Maschinerie ist nicht übel erdacht; Aber werden diese Werkzeuge nicht verlacht?

Autor.

Das Lachen sich bei uns Menschen fast verliert, Wir fürchten, wir würden dadurch gethiert, Und wenn man sich mit Gelächter beschwert, So ist es meistens der Mühe nicht werth. Sie wollen lachen mit Natur, Und über eine Wahrscheinlichkeit, Das Lächerliche soll aber nicht sein lächerlich pur, Sondern drinn stecken eine Erbaulichkeit, Weil nun Recensenten ganz und gar lächerlich sind, Lacht über sie kein Menschenkind.

Muse.

Möcht einen Aristophanes unter sie schicken.

Autor.

Nein, Beste, sie rissen ihn warlich zu Stücken, Denn er verletzt die feine Sitte.

Muse.

Was nennt ihr so, das sag', ich bitte.

Autor.

Ach was! es ist ein dummes Wesen, Du solltest es in den Büchern lesen, Es ist eben das, was ihnen fehlt, Und weil nun jeden das Gewissen quält, Daß sie sich fühlen durch und durch gemein, So wissen sie nicht wo aus noch ein, Und finden in jedem Scherz, in aller Lust, Nur Spiegel ihrer verächtlichen Brust, Sie erschrecken vor jedem spaßhaften Spaß, Und schreien: pfui! indecent und kraß! Sie fühlen den Scherz nicht, nur ihre Gemeinheit, Drum finden sie nicht Verbindung und Einheit. Seitdem der Witz in den Brunnen gefallen Sind Steine drüber gebaut von allen, Nun warnt man jeden, nicht nahe zu gehn, Viel wenger in den Brunnen zu sehn, Es heißt: du könntest dich überpürzen, Und ebenfalls wie der Witz 'nein stürzen, So wärst du unten auf immer verloren, Und wohntest zeitlebens bei dem Thoren, Flieht was ihr könnt vor dem Witze weit! Das nennen sie ihre Sittlichkeit.

Muse.

Du scheinst mir doch zu übertreiben, Wird doch irgend wer was Lust'ges schreiben.

Autor.

Es giebt allerdings leichtfertige Vögel, Denn Ausnahme leidet jede Regel, Die haben gehört, daß geizige Leut Verwerflich sind zu aller Zeit, Das schildern sie denn, so wie den Neid, Habsucht und ander dergleichen Gebrechen, Wodurch sie diese Laster schwächen. Dann giebt es welche, die gehn schon weiter Und machen sich gleichsam ein Bischen breiter, Versuchen die Poesie höher zu führen, Regenten aus der Ferne zu schikaniren, Tadeln verblümt die und die Anstalten, Halten sich aber immer aus dem Schuß, Verschaffen dem Publikum großen Genuß Und man muß sie für ungeheuer witzig halten.

Muse.

Ihr seid auf die Art im ganzen Land Mit aller Lustigkeit abgebrannt.

Autor.

Gottlob! wir sitzen recht auf dem Sand.

Muse.

Leb wohl und behalte guten Muth, So geht es Dir beständig gut.

Muse ab.

Autor.

O hätte sie doch länger verweilt, So lange sie mich angeschaut War ich recht durch und durch erbaut, Da sie nun wieder hinweggeeilt, So kommt die kleinliche Furcht zurücke, Ich bange, wenn ich um mich blicke, Die Häuser umher, die wankenden Gestalten Mich drücken und keinen Trost enthalten, Sie bedeuten nichts und wandeln todt einher, Ich fühle die ganze Welt so leer. --

Ein alter Mann tritt herein.

Alter Mann.

Der junge Autor wohnt wohl hier? Ich klopfte zweimal an die Thür, Doch keiner rief, wie gebräuchlich: herein! Drum trat ich ohne weitres ein.

Autor.

Verzeihn Sie mir, ich war zerstreut, Es geht mir manches im Kopf rum heut.

Alter Mann.

A ha! wohl neue Plane gewiß?

Autor.

Ich weiß nicht recht, es war das und dies.

Alter Mann.

Ich muß Ihnen sagen, gegen dies und das Hab' ich eigentlich einen großen Haß, Man muß beständig das Rechte wollen Und auch die rechten Mittel ergreifen, Denn wenn die schönen Wissenschaften reifen sollen Muß man nicht hie und dorthin schweifen, Man muß auf ebnen Straßen bleiben, Fein gründlich, doch verständlich schreiben, Den Plan von allen Seiten überlegen, So giebt nachher der Himmel seinen Segen, Daß es die Leute lesen, verstehn und lieben, Und so muß man sich weiter üben, Und höher steigen und höher und immer höher noch, So kömmt man am Ende erstaunlich hoch.

Autor.

Das kann ich mir wirklich so ziemlich denken, Es geht fast so, wenn sie einen henken, Doch hat's ein solcher noch keinem gedankt, Wenn er zu solcher Höh' gelangt.

Alter Mann.

Ich meine, mein Freund, in der Literatur, Muß man durchmachen gar manche Kur, Erleiden manche böse Stund, Eh man sich glauben darf gesund. Man muß die Jugend überstehn, Eh man kann aus den Augen sehn, Dann muß man wieder rückwärts gehn, Dann wieder vorwärts ein'ge Schritte, So bleibt man trefflich in der Mitte: Das meiste ist doch die Bejahrung, Das allermeiste die Erfahrung. Haben Sie sich schon viel zu erfahren bemüht?

Autor.

Man sieht zuweilen das, was man sieht.

Alter Mann.

Ei Teufel einmal! wozu ist denn die Welt, Wozu geschehn denn die trefflichen Thaten, Da wenden Sie sich an Männer, die rathen Von Herzen gern, wo's Ihnen fehlt.

Autor.

Ich habe die Welt schon lange gesucht, Doch scheint sie vor mir auf der Flucht.

Alter Mann.

Wo dachten Sie sie denn zu attrappiren?

Autor.

Ich wollte sie in meinem Innern spüren.

Alter Mann.

Da mußte sie Ihnen wohl echappiren. Ich muß die Ehre haben, Ihnen zu sagen, Im Innern spür' ich nur den Magen, Und außerdem die schreckliche Phantasie, Und, wenn Sie wollen, ein Bischen Genie.

Autor.

Ich bitte, ich will Sie gar nicht geniren.

Alter Mann.

Doch all das Ding muß uns nicht irre führen, Das muß man wissen zu bezähmen Und ihm sein wildes Feuer zu nehmen, Man muß es gleichsam pulverisiren; Geschieht diese Vorsicht nicht bei Zeiten, So weiß ich manche, die 's zu spät bereuten, Man mußte sie nachher trepaniren, Sie dachten, wie sich's nicht wollte gebühren.

Autor.

Sie hielten sich immer wohl in den Schranken?

Alter Mann.

Ha Gnade Gott jedem rebellschen Gedanken, Der nicht so denken wollte wie ich, Zum Unsinn macht ich ihn unbesehn, Das ist wohl tausendmal geschehn, So hielt ich mich stets fein säuberlich.

Autor.

Doch mit der Phantasie ward es Ihnen sauer?

Alter Mann.

Im Anfang etwas, doch auf die Dauer Kam ich auch bald mit ihr in Gang, Auch sie begab sich unter den Zwang.

Autor.

Das ist sonst gegen ihre Natur.

Alter Mann.

Glauben Sie denn an die Kreatur?

Autor.

Sie haben mich erst in dem Glauben bestärkt, Weil Sie sagten, Sie haben sie in sich gemerkt.

Alter Mann.

Sie lassen sich, mein Seel, leicht berücken, Das ist nur eine Art sich auszudrücken. Ich habe eine lebhafte Phantasie, Und sehn Sie, darum bild' ich mir ein, Es müßte eine Phantasie in mir sein, Hat aber dergleichen gegeben nie. Was man so nennt, ist nur ein Spaß, Hat eigentlich nie was damit gemeint, Und damit es klingt nach irgend was, Und es ein wirkliches Wesen scheint, Hat man das Unding, wie bekannt, Zum Zeitvertreibe Phantasie genannt.

Autor.

Was ist's denn, was den Dichter macht?

Alter Mann.

Wenn ich Ihnen soll meine Meinung sagen, (Ja, bitte, geben Sie jetzo Acht,) So wär' es wohl Zeit in unsern Tagen, In denen man alle Sektirer veracht, Daß man's mit Dichtern eben also macht; Sie sind doch alle nur schlechte Gesellen, Und besser bei Fabriken anzustellen: Ach Gott, da ist die Arbeit ohne Ende, Fehlen leider noch immer thätige Hände. Ich bin zwar selbst ein Dichter gewesen Und wurde zu meiner Zeit gelesen, Schreib' auch noch mit unter was zum Spaß, Doch trag ich gegen alle Dichter Haß, Es giebt in der Welt so viel zu thun, Da gilt kein Schwatzen, kein Müßiggehn, Wer da will zuschaun oder ruhn, Der muß von der Welt gar wenig verstehn, Das Vaterland fordert auch unsre Pflichten, Da ist nicht Zeit, dummes Zeug zu dichten.

Autor.

Sie sind aber warlich gar zu strenge Und treiben die Dichter sehr in die Enge. Sie sprechen von Welt, wo ist sie zu finden? Ich möchte sie gar zu gern ergründen.

Alter Mann.

Man muß Welt haben, Welt anzutreffen, Sonst ist das ganze Ding ein Aeffen, Wie man muß einen Witz besitzen, Um zu verstehn der andern Witzen. Das ist überhaupt in der ganzen Welt Gar absonderlich übel bestellt, Daß alles, was gut ist und tüchtig, Daß alles, was sauber geht und richtig, Man nur in mir vereinigt findt, Die andern Menschen sind alle blind.

Autor.

Das ist doch aber zum Erstaunen.

Alter Mann.

Es haben mir viele nicht glauben wollen, Sogar meine besten Freunde raunen Sich einer dem andern in die Ohren, Daß mir davon die Ohren grollen, Ich gehörte eigentlich selbst zu den Thoren: Doch ist davon keine Silbe wahr, Wie sie wohl selber denken können, Man will mir meinen Ruhm nicht gönnen, Doch krümmt mir alles das kein Haar. Noch einmal von der Welt zu sprechen, So thut's der Welt itzt selbst an Welt gebrechen, Es ist gar eine grobe Zeit, Wo man mißhandelt die schönsten Leut, Ja Mißhandel ist der ganze Handel, Unwandel aller Handel und Wandel, Die guten Köpfe sterben ab, Und Schelme tanzen auf ihrem Grab, Kurzum, wenn ich, mein Lieber, nicht wäre, So entstände eine gewaltige Leere.

Autor.

Mir ist noch nie ein Mann vorgekommen, Der so wenig ein Blatt vor den Mund genommen.

Alter Mann.

Es geschieht auch in der That nur selten, Daß einer so in sich vereint alle Welten. Ich hab's verkündigt und immer verkündigt, Doch haben sich alle so schwer versündigt, Daß keiner mir glaubt, noch nach mir hört, So sehr mein Mund sie auch belehrt, Will keiner an meine Bildung glauben, Meinen, mir hingen zu hoch die Trauben; So schwimm ich denn in Wassersnoth Und droht mir stets der nahe Tod; Will ich nur etwas oben bleiben, Muß ich in jeder Messe schreiben, Doch hilft mir nichts, daß ich vermessen, Denn leider werd' ich mit jeder Messen Im Reich nur mehr und mehr vergessen.

Autor.

Wenn Sie nun sterben, wie wird's da stehn?

Alter Mann.

Sonder Zweifel muß die Welt dann untergehn, Gesprochen ganz aufrichtig und ehrlich Kann ich die Sache darthun klärlich, Dann widersetzt sich keiner der bösen Sache, Und so kommt denn des Himmels Rache, Verschlingt die Erde mit Mann und Maus, Und dann ist alles zusammen aus.

Autor.

Freilich ist jetzt keiner ihrer Meinung, Drum kommt sie so besonders heraus, Es fehlt den Leuten jetzt an Vereinung.

Alter Mann.

Das ist der Punkt, mein werther Herr, Darum ist was Gutes zu leisten so schwer, Darum ist Kritik zurückgegangen, Darum verstummen, die ehemals sangen. Ja vormals waren andre Zeiten, Da wollte die Sache mehr bedeuten, Da ward sie geführt von andern Leuten, Da galten noch die großen Männer, Da gab es mich und andre Kenner, Seitdem hat alles sich verkehrt, Ist die Kunst keinen Schuß Pulver mehr werth. O könnte nur Lessing wiederkehren, Der zeigte den Leuten, wie dumm sie wären, Und sie mich recht müßten verehren.

Lessing durch das Dach in einer Wolke.

Autor.

O weh! das Haus bricht in einander, So muß ich's lassen repariren.

Alter Mann.

O Lessing, großer Held, was kann Dich rühren, Von jenseit zu uns herüber zu wandern?

Autor.

Bewirth' ich einen so großen Herrn, So trag' ich auch die Kosten gern.

Lessing.

Ich komme durch die Wolken nieder, Weil Ihr mir gar zu sehr zuwider, Verschont doch meinen guten Namen, Nie war ich eine Krücke für die Lahmen, Nie nicht ein Esel für die Zahmen.

Alter Mann.

Bewahre! als wenn wir das nur glaubten, Conträr, wir wollen deine Ehre behaupten.

Lessing.

Zum behaupten gehört noch stets ein Haupt, Ihr aber, die ihr weder zweifelt noch glaubt, Nicht selber denkt und andre nicht versteht, Daß ihr so schändlich mit meinem Namen umgeht, Das erregt mir noch oben meinen Zorn, Ist mir in der besten Seligkeit ein Dorn. Die ihr nicht kriegen könnt, haltet Friede, In der Dummheit Namen, seid ihr's noch nicht müde, Das alte Spiegelfechten fortzuführen, Bei jedem Quark meinen Namen zu zitiren? Ihr behauptet kein noch so dummes Ding, Keine Albernheit, sei sie noch so gering, So wird die Schwerfälligkeit selber flink Und schreit: grade so meint es Lessing! Ihr Unmeiner, nein, ihr seid nicht die Meinen, Nun ich todt bin, denkt ihr, ihr könnt es mir bieten, Ich kann nicht mehr bejahn, nicht verneinen: Nun soll ich als eure Fahne erscheinen, Euer Feldgeschrei im pöbelhaften Wüthen, Und opfert mich auf, ihr barbarischen Scythen! Wodurch verdiente denn mein großer Sinn, Daß ich der Dummheit Heilger bin? War dies von meinem ganzen Leben, Von meinem kühnen mißverstandnen Streben, Von meinem hohen Eifer der Beschluß, Daß ich euch, Korporalen, zum Profose dienen muß? Ihr, die ihr nie das kleinste gefühlt, Wohin ich mit meinen Pfeilen gezielt, Die ihr nicht ahnden konntet, nicht fassen, Wie ich eures gleichen mußte hassen, Wie ich immer, wo nach ihr mit allen Sinnen trachtet, Herzinnig und tiefsinnig habe verachtet: Nun sagt, was habt ihr denn mit eurem Geschrei? So redet dreist heraus und frei!

Alter Mann.

Ach lieber Himmel, ich bin verlegen, Was kann dich nur so zum Zorn bewegen? Auf Erden hab' ich dich nie so schlimm gesehn; Kömmst scheltend aus der Seligkeit? das ist nicht schön!

Lessing.

Im Himmel lernt man erst das rechte Zürnen, Weil es ist der Liebe erste That, Hier unten, bezwungen von allen Gestirnen, Wird oft der himmlische Zorn bald matt, Das Irdische hält uns in seinen Schranken, Ertödtet zu oft die Göttergedanken.

Alter Mann.

Ach wie denn, Freund? ich dachte nur Frieden Sei uns dort oben auf immer beschieden.

Lessing.

Ja Frieden, den ihr nimmermehr kennt: In wem kein unsterbliches Feuer brennt, Wer hier nicht schon steigt zur Liebe hinan, Wird dort in Krieg, in ewgen Bann gethan.

Alter Mann.

So wäre auch nicht die Vergebung aller Sünden Da oben im Himmelreich zu finden?

Lessing.

Ja aller, außer wie die Schrift verheißt, Der Sünde gegen den heilgen Geist, Die ihr ohne Ruh und Rast begeht, In der euer ganzes Wirken steht, Ja Gott verfolgt ihr und seine Gerechte, Und seid des Satans leibeigene Knechte.

Alter Mann.

Wir glauben eben an beide nicht Und halten das für das wahre Licht, Das andre ist Finsterniß, die uns sonst deckte, Und meinten, du wärst von unsrer Sekte.

Lessing.

Wohl eurem falschmünzenden Stempel Dient jedes Götterbild nur zum Gepräge, Der Irrlehre nur zum neuen Exempel, Jedweder Weg wird euch zum Irrwege; Ja wohl brachte euch zu Tage nur, Ein Tagelöhner der Natur, Nicht Menschen, Christen oder Heiden, Müßt ihr verzweifeln an allen Freuden, Stumm bleibt's in euch, wird nimmer wach, Ihr ahmt zu schlecht die Menschheit nach.

Alter Mann.

Ich bitte dich, verfolg uns doch nicht, Es hat dich keiner so sehr gepriesen, Den Leuten so umständlich die Schönheit bewiesen, Die Trefflichkeit deiner dramatschen Gedicht.

Lessing.

Das ist es, was ihr von mir wißt, Alles andre ist euch verborgen blieben. Ich hatte immer ein heimlich Gelüst Die Schöne der Poesie zu lieben, Doch wollte sie mir ihren Genuß nicht gönnen, Drum durft' ich die Holde niemals erkennen. Ich war eines Predigers Stimm' in der Wüst, Doch kehrte sich keiner an mein Ermahnen, Ging jeder fort auf seinen Bahnen, Ich wollte, wie vieles, die Poesie verkünden, Ich wußte, sie mußte sich bald entzünden, Drum tauft' ich mit Wasser und mit Verstand Einige Wesen, Schauspiele genannt. Nach mir ist ein anderer größrer erschienen, Bestimmt als Priester den Musen zu dienen, Der hat getauft mit Feuer und Geist, Wie all sein Wirken und Dichten beweist, Er wandelt unter euch in Göttlichkeit, Doch wer erkennt sein strahlend Ehrenkleid? Verstockten Herzens bleibt ihr stets in blöden Sinnen, Könnt weder Heil noch Trost, Verstand noch Vernunft gewinnen, So bleibt denn dumm, fahrt fort in eurem Zeitvertreibe, Doch bleibt honetten Leuten, absonderlich aber mir vom Leibe!

Die Wolke erhebt sich wieder und verschwindet mit ihm.

Autor.

Der Tausend! das ist ein gewaltiger Und überaus gestrenger Herr!

Alter Mann.

Es ist nicht sein Ernst, er liebt das Uebertriebne, Das beweist so manches von ihm Geschriebne. Er war ein ganz vorzüglicher Mann, Doch wandelte ihn schon oft im Leben die Grobheit an, Daß er seine besten Freunde nicht wollte erkennen Und ihnen nicht auch die gehörige Größe gönnen; Da hatten wir manches auszubaden, Doch kamen wir immer wieder zu Gnaden. -- Es ärgert mich nur, daß er mich hier blamirt, Und leicht den jungen Mann irre führt. Hören Sie, mein Freund, glauben Sie ihm kein Wort, Ich meine er war auch nicht mal hier, Denn er ging plötzlich wieder fort, Und die Decke ist ganz eben und schier, Da müßte sich doch eine Oeffnung zeigen, Drum mein' ich, es war nur Lug und Trug, Wollen gütigst den ganzen Vorfall verschweigen, Ich habe schon sonst der Geister genug Gesehn in meinem verblendeten Sinn, Wohlverstanden, wenn ich nicht bei mir selber bin, Denn sonst in meinen gesunden Tagen Dürfte weder Geist noch Geistesgleichen es wagen, Mir nahe zu kommen in mein Revier, Ich wies' ihm augenblicks die Thür. ~Geht ab.~

Autor.

Es scheint heut ein kurioser Tag, An dem ich noch manches erleben mag, Es ist als wär' die Zeit in Gährung Und trachtete nach einer seltsamen Gebärung.

Der Bediente kommt herein.

Bediente.

Mein Herr, es ist ein Fremder draus, Der sagt, er spräche sie gar zu gern.

Autor.

So sag' ihm nur, ich sei nicht zu Haus, Es giebt sonst wieder neuen Lärm. ~Bed. ab.~ Ja wohl mag der ein Fremder sein, Von mir und allem, was ich denke. Da laufen sie in die Häuser herein Und geben sich einen vornehmen Schein, Thun noch als brächten sie einem Geschenke, Daß man die Zeit mit ihnen verliert, Daß sich auf sechserlei Art ennuyirt.

Bedienter kommt wieder.

Bedienter.

Der Herr sagt, er ginge nimmermehr, Er sei ein zu großer Bewunderer, Um eine Entschuldigung anzunehmen, Sie müßten sich dazu bequemen Ihn in Guten oder Bösen zu sich zu bitten, Er ist auf einge Meilen umgeritten.

Autor.

Was ist es denn für eine Art von Mensch?

Bedienter.

Er scheint ein wenig wetterwendsch, Hat feines Tuch zu seinem Kleide, Er thut gewiß keinem Menschen was zu Leide.

Autor.

So sag' ihm nur, er wär gebeten, Gütigst zu mir herein zu treten.

Bediente ab, der Bewunderer tritt herein.

Bewunderer.

Ach mein werther Herr, ich bin darin so eigen, Daß ich ein wenig neugierig bin, Von Jugend auf stand darauf mein Sinn, Schon als Knabe lief ich zu manchem Spektakel hin, Wo sich nur irgend was mochte zeigen. Bitte ergebenst, sie wollen mir nicht verschweigen, Ob ich Sie in ihren Arbeiten störe, Denn sonst hab' ich sogleich die Ehre, Mich wieder gehorsamst zu empfehlen, Drum sein Sie so gut es nicht zu verhehlen.

Autor.

Man muß sich um die Zeit nicht quälen, So lange man lebt, kann sie uns nicht fehlen, Und dann kommt vollends die Ewigkeit, So hat man dann noch mehre Zeit.

Bewunderer.

Ich freue mich also, daß ich Sie kennen lerne, Ich hätte sie längst gekannt gar gerne, Sie glauben nicht, wie ich mich an Ihren Schriften ergötzt, Wie sie mich in meine Jugend zurückversetzt.

Autor.

Sie haben sie also übersetzt; Doch sind Sie auch jetzo noch nicht alt.

Bewunderer.

Ach nein, ich meine aber nur der Sternbald, Ich schriebe dergleichen gar zu gerne, Auch solche freie gereimte Lieder, Sie tönen in meiner Seele wieder, Vielleicht gelingt's, daß ich auch Ferne Einmal zusammenreime mit Sterne.

Autor.

Sie scheinen die Sache schon inne zu haben, So kann es Ihnen nicht werden schwer.

Bewunderer.

Doch bleiben meine Gedichte so leer, Mir ist's, als fehlen mir die Gaben.

Autor.

Es findet sich alles, wenn man sich übt Und nur das Gute recht innig liebt.

Bewunderer.

Auch fühl ich wohl, daß ich durch meine Talente Mit der Zeit was Großes leisten könnte, Nur macht mir das die meisten Sorgen, Daß es nicht geschieht heut' oder morgen.

Autor.

Ja freilich ist es besser gethan, Man wird alsbald ein großer Mann, Die Geduld ist nicht allen gegeben, So lange in der Mitte zu schweben.

Bewunderer.

Man muß nur jeden Vorsatz zur Religion machen, So kann man über die ganze Welt lachen, Und das Lachen muß wieder Religion werden, Dazu die Natur, die wir haben auf Erden, Und dies mit göttlicher Liebe verbunden, Einge Blumen noch hineingewunden, Und alles in Poesie verschmolzen, Macht einen schon ziemlich zu einem Stolzen.

Autor.

Mein werther Herr, ich versteh' Sie nicht.

Bewunderer.