Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente
Part 13
Drauf, o mein Freund, was ist der schwache Mensch? -- Von Liebe trunken, in des Frühlings Blüthe, Als Blumen auf die üpp'ge Flur gegossen, Als so wie jetzt die Nachtigall zerfloß In Liebesklagen und den Hain mit Feuer Und schmelzendem Gesang durchrieselte, -- Hier, eben hier, als eben so die Donau Erklang, den Busen voll von Liebesfeuer, -- Schon hatten wir die Sehnsucht uns gestanden, Schon hatt' ich ihren süßen Kuß gekostet, -- Da führte mich mein Glück, mein Unstern, Schicksal, An dieses Ufer, und ein Lied zu dichten Schaut' ich die Fluth mit brünstgen Augen an, -- Ich bog hier um die Felsenecke, -- Augen! Was saht ihr? Glanz und Licht die Blumen all, Ein Frauenbild, wie aus dem Himmel selbst, So groß, so klar und leuchtend, saß in Schöne, In übermenschlicher, an diesem Stein, Vom reichen leuchtenden Gewand umflossen, -- Sie redete mich an, -- ich nahm die Hand Die zarte, sah den üpp'gen weißen Busen, Mein Auge wurzelte auf ihren Lippen, -- Im Walde waren wir, in eine Hütte Eintretend schwand mir rings die weite Welt In ihren Armen, und zum erstenmal Lernt' ich des Weibes hohe Schönheit kennen, Und trank zum erstenmal den Rausch des Wahnsinns Wild aus dem Wollustbecher, alles Holde Und Schauerliche, Mährchen, Sehnsucht, Wonne, Zog Feind und Freund bunthin durch mein Gemüth -- Ich kam zum Schloß zurück, noch klang der Wald, Das Wasser rauschte noch, die Stimme tönte Empfindlich rührend noch im Ohr, ich mied mit Angst Die Blicke Hedwigs, -- drauf sucht' ich bald alles Was mir geschehen zu vergessen, wagte Zu sprechen, sie zu küssen, anzublicken, Und aus der Unschuld blauen Kinderaugen Goß sanfter Schein Verzeihung auf mich hin, Mein Geist ward in dem Blicke neu geläutert, -- Ich mied den Ort, wo ich die Fremde fand, -- Gespenster schienen mir an dieser Stätte Zu hausen, da vergaß ich ihn, und endlich Nach langer Zeit verirrt' ich mich hieher, Ein Grauen hielt mich fest, ich kehrte wieder, Nur fragen wollt' ich sie, ihr zürnen, fluchen, -- Und nichts, nichts ließ sich sehn, -- dann rief der Krieg mich. -- -- Und nun nach langen mühevoll durchlebten Vier Jahren tret' ich aus dem Wald hieher, -- Und wie ein heimlich Feuer plötzlich aufschlägt, Und rings das ganze Dach die Flamme frißt; Wie die Lauwine plötzlich nieder schmettert; Wie ungesehn die Wasser aus der Tiefe Oft springen und die Wiesen all' ertränken, Eh noch der Schnitter nur den Quell bemerkt, Wie sie die Dämme nieder reißen, Städte, Dörfer, Pallast und Kirchen in den Wogensturz Krachend begraben, -- so, auf einmal ganz Den Sinn umfangend nahm es meine Seele, Nur sie glaubt' ich zu hören und zu sehn, -- Als wäre jenes Schloß dort ein Gefängniß, Hedwig wildfremd und kalt und überlästig, Als müßt' ich suchen jenes einz'ge Glück, Mich werfen in den Strudel fremder Wunder- Begebenheiten, als sei sie die Göttin Des Schicksals, Leben, Blume, Schönheit, Reichthum, Und ew'ges, inn'ges Glück, als -- o mein Freund, Was Du in Liedern sangst, was Dichter suchten, Was Heiden von dem Wunderland der Götter Gefabelt, und von Venus und Cupido, Als sei es hier bei jener Unbekannten, Als lebe Hedwig nicht, als sei die Liebe Zu ihr nur Phantasie und Heuchelei, -- O komm! hör nicht die gift'gen Wogen rauschen, O komm, daß wir hier auf der Erde bleiben, Hinauf zum Felsenschloß, den Wolken näher, Den Wald hinein, daß alle grünen Blätter Im Sturm und im Gewitter brausen mögen, Daß wir den Wellenklang nicht mehr vernehmen!
Er zieht ihn mit sich fort.
Herzbold ~kömmt betrunken~.
Holla! kein Mensch hört, und das Waldhorn hab' ich auch verloren. -- Kann sein, daß sie auch schon alle oben auf mich warten. -- Das war ja des Teufels Reiterei! -- Aber auch nur einem hasenfüßigen Verliebten, und einem Poeten, der an sich schon verrückt ist, ohne alle Ursache, kann es einfallen, wenn sie auf die Hochzeit reiten, sich mit Bären einzulassen, und so im Walde auf und ab, bald zu Fuß, bald zu Pferde. Ich, der ich mich noch zuvor mit einigen Flaschen guten Ungarschen Wein gestärkt hatte, verliere unversehens die Bügel, darauf verliert das Pferd unversehens mich und schmeißt mich mit dem Kopf gegen eine ziemlich harte Eiche, daß ich im ersten Augenblick, mein Seel, nicht wußte, ob ich fluchen oder in Ohnmacht fallen sollte. Wie ich wieder ein weniges zu mir komme, war ich in der einsamsten Einsamkeit, ohne Weg und Steg. Nun, Gottlob, bin ich doch wieder an das Tageslicht gekommen, und sehe dort oben unsre Herberge. Wenn ich nur erst droben wäre, denn ich bin so grausam durstig, daß mir die Zunge am Gaumen klebt; ich wäre im Stande Wasser zu trinken; ein gutes frisches Quellenwasser ist unter gewissen Umständen nicht ganz zu verachten. -- Nun wird da droben bald Hochzeit in aller Frömmigkeit und Einträchtigkeit gehalten werden, und mein junger Herr wird sich im Himmel dünken, denn er hat ein so stilles und kühles Blut, daß ich wohl darauf schwören möchte, er ist noch ein Junggesell.
Lautes Gelächter vom Strom.
Wer lacht denn? Was hört' ich denn? Irgend ein unverschämter, naseweiser Gelbschnabel! -- Ich sage, ja, er ist noch ein Junggesell, denn ich habe ihn schon als einen kleinen Jungen gekannt, und er war nie hinter die Mädchen drein, er war immer eine weichgeschaffne stille Seele, die sich schämte, wenn ihn die jungen Weiber nur anredeten, oder gar küssen wollten; nun wird er aber die alten Frauen nicht mehr so gern haben, wie damals.
Noch lauteres Gelächter.
Aber nein, das klingt ja wie eine ganze Spinnstube voll schäkernder Mädchen, die sich erzählen, was der und der zu jener gesagt hat, wenn sie sich Nachts besuchen. -- Was Satan! bin ich blind? -- Nein, ich sehe zu viel! Der ganze Strom voll Mädchen, nackt und wiegend und tanzend. -- Sind wir etwa unwissend in Mahomeds Paradies gekommen? -- ~Alle lachen und tauchen unter.~ Weg! -- o Herzbold! Herzbold! nun seh' ich, daß du alt wirst! Mach dich nur auf eine rothe Nase und zitternde Kniee gefaßt, denn noch niemals haben drei oder vier Kannen dein Gehirn so betäuben können; armer Mensch, dein Lauf ist vollendet! Oder hat es etwa der Fall gegen die Eiche gemacht, daß dir solche Hirngespinste aufsteigen? Die Doktores sagen, daß heftige Erschütterungen, oder selbst Gemüthsbewegungen, den Menschen zum Narren machen können. Auch giebt es wohl Fälle, daß durch dergleichen Anstoß sich neue seelische Kräfte aufthun, und der Geist einen Blick in das verborgene Reich der Wahrheit versucht. So hab ich mir von einem erzählen lassen, der, als er eine hohe Treppe herunter geworfen wurde, unten auf einmal griechisch sprechen konnte, als er wieder aufgestanden war, oben konnt' er kaum deutsch; ein andrer, dem man einen tüchtigen Hieb über den Schedel maß, war durch den Kloben mit einemmale Musicus geworden; und so könnt' ich jener Eiche auch vielleicht als meinen aufmunternden Schulmeister zu verdanken haben, Blicke in das Reich der Natur zu thun, und da Weiber und Mädchen zu sehn, wo andre kaum Fische und Krebse finden. Ein Weiser oder ein Narr muß ich auf jeden Fall sein, der Mittelstand verträgt sich mit solchen Gesichten nicht. Scherzweise habe ich vorher vom Wasser gesprochen, und hier springt eine allerliebste Quelle aus dem Felsen, ich will jetzt im Ernst davon schöpfen, um die Phantasien zu vertreiben. -- ~Er schöpft in seinem Huthe, und so wie er trinkt, tritt das Kind aus dem Berge und stellt sich an ihn.~ Ha! das thut gut! Nun sind mir die Augen heller als erst, -- aber was Kuckuk! Ei! ei! so hat Frau Fortuna noch nicht mit mir Armen Versteckens gespielt, als heute; -- immer besser! bist Du ein kreatürliches Wesen, -- eine wirkliche Figur, -- ein gebornes Geschöpf, so sprich, Du kleine Krabbe!
Das Kind weint.
Herzbold.
Warum weinst Du denn, Du schmuckes Thierchen? -- Sprich, kleines allerliebstes Mädchen. Wein' nicht, mir wird so bang um's Herz. Hast Du Hunger?
Kind ~weinend~.
Ich habe keine Eltern, beide todt, ich komm' aus dem Gebirge schon weit her.
Herzbold.
Armes Wurm! Was die kleine Kröte schon hat erleben müssen. Was willst Du denn?
Kind.
Einen Vater, eine Mutter möcht' ich haben?
Herzbold.
Wie alt bist Du denn?
Kind.
Drei Jahr und zwölf Wochen. Bring mich zu Fräulein Hedwig; will sie bitten, daß sie meine Mutter wird.
Herzbold.
Ja, mein Engel, schon gut, aber die denkt jetzt auf eigne Kinder.
Kind.
Die sollen meine Brüder und Schwestern sein.
Herzbold.
Das geht nicht so schnell, Du hast keine Erfahrung, Du kennst die Welt nicht. Was so verliebtes Volk Kinder in die Welt setzt, und läßt sie dann auf gut Glück im wüsten Gebirge herum laufen, andern zur Last zu fallen.
Kind.
Bist Du nie verliebt gewesen?
Herzbold.
Nein, Gott hat mich in Gnaden davor bewahrt; ich habe immer mehr zu thun gehabt.
Kind.
Ja, Du Spitzbube, Du hast es eben gemacht, wie so mancher andre Taugenichts; gelt? Armen Mädchen etwas vorgeschwatzt und gelogen, und sie dann mit ihrem Jammer sitzen lassen, und nachher noch obendrein hübsch männlich gethan mit dem starken Herzen? So sind wir armen Mädchen immer die Betrogenen. Und Du, Herzbold, hast ganz die Miene dazu.
Herzbold.
Ha! wie? Was? bin ich verhext? da nur stehn kann ich und das Maul aufsperren, nichts sagen, nichts denken. Das wird ein Zeitalter werden, in dem die dreijährigen Kinder schon so räsonniren: das heiß' ich Fortschritte in Kultur und Bildung. Dagegen sind wir nur Backfische gewesen. Und der Kobold weiß meinen Namen. Bald fürcht' ich mich, so klein dies Ding ist. Um Gottes Willen, bist Du ein Kind, oder ein Rind, oder der Satan selber, der mich narren will?
Das Kind lacht.
Herzbold.
Und ich träume es doch nicht; nein, es hat seine Richtigkeit.
Kind ~weinend~.
O führe mich auf das Schloß, mich hungert sehr. Erbarme Dich einer armen Waise.
Herzbold.
Komm, Wahrsager, Zigeuner, ich mag Dir nichts abschlagen. Mögen die droben sehn, wie sie mit Dir fertig werden. Was geht's mich an? darf ich mir die Hand ausbitten?
Kind.
Hier, mein Lieber. Ach, Du bist doch nicht so böse.
Herzbold.
Fahre nur fort in Deiner geistreichen Unterhaltung, und wenn Du manchmal zu hoch sprechen solltest, so laß Dich herab, die dunkeln Stellen einigermaßen zu erläutern. ~Sie gehn ab.~
Hans und Peter kommen zurück.
Hans.
Nichts gefangen. Da, nimm die Netze auf den Buckel, es ist schon Mittag.
Peter.
Es ist heiß.
Hans.
Fort, Du Langsam. An Dir liegt alle Schuld. Sogar die unvernünftigen Fische, so stumm sie sind, haben gemerkt, daß Du ein verliebter Narr bist, und sind Dir mit Verachtung aus dem Wege gegangen. Der Bengel ist noch mein Unglück, er ruinirt mich. Auf den Abend wieder her, die Nacht muß einbringen was der Tag eingebüßt hat.
Peter.
So hat man denn gar keine freie Stunde.
Hans.
Wer hat Schuld als Du? Halt's Maul! Fort, nach Hause, die Mutter wartet mit dem Essen!
Gehn ab.
Dritte Scene
(Zimmer.)
Ulrich, Hedwig.
Ulrich.
Mein schönes Fräulein, mein theure Freundin, Sogleich eilt Albrecht her in Eure Arme, Drum zürnet nicht, vergönnt ihm noch Erholung.
Hedwig.
O Gott! wie hab' ich diesen Augenblick gewünscht, -- Seht nur, ich kam fast ungeschmückt, mir war Jedweder Augenblick, der unsre Trennung Vermehrte, wie ein Tod, -- und nun, -- er liebt mich nicht, Er hat mich wohl vergessen. --
Ulrich.
Keine Thränen Geliebtes Kind, macht nicht die schönen Augen Mit Weinen roth, -- er wird sogleich sich finden, Ihm war nicht wohl, nun sitzt im Hof er drunten Im Schatten jener Linde, schaut sich um, Erinnert sich der alten guten Zeit Und sammelt sein Gemüth.
Hedwig.
So laßt uns ihm Entgegen eilen, daß ich dort ihn frage, Daß ich ihm nur in seine Augen schaue, Dann ist ja alles gut.
Ulrich.
Hier kommt er selbst.
Er geht ab. Albrecht tritt ein und sinkt stumm in die Arme der Hedwig. Pause.
Hedwig.
Du weinst?
Albrecht.
O laß mich, laß mich, Süße, Dir Zu Füßen hin in Thränen, Seufzern rinnen, Es bricht mein Herz, -- o zu gewaltsam, -- Gott! --
Hedwig.
Wie ist Dir?
Albrecht.
Gut und wohl; -- da sind wir wieder, Stehn wieder auf der alten Stelle! sieh doch Die alten Sessel da, -- die Bank im Fenster, Von wo wir oft das Thal hinab geschaut, -- Ha! noch der Einschnitt auf dem runden Tische, Die eingeschlungnen Namen Hedwig, Albrecht, -- Gewiß, mein Herz, ich weiß nicht was ich sage, -- Mir geht das Zimmer rund, -- auch Du weinst, Hedwig?
Hedwig.
Ach, alles ist noch so, und Du, mein Albrecht, -- Ach lieber Gott, was soll der Mensch doch wünschen -- Ja, dieser Augenblick, er stand seit Jahren Verklärt vor meiner Seele wie ein Himmel, Da fliegst Du wie ein Engel her vom Himmel, Nahmst mich in Deinen Arm, in mir der Himmel -- Und nun, -- wie dunkle Schwermuth, Angst und Furcht, Welch Todesbangen zuckt durch meine Seele -- Ah, sieh, da hast Du noch den lieben Ring An deinem Finger, hier die kleine goldne Kette, Die ich an jenem Abend Dir geschenkt, Als Du einmal so traurig warst, so fremd, -- Ha! weißt Du noch? -- Ach, liebster, liebster Albrecht! Kennst Du mich denn, liebst Du mich denn, wie sonst?
Albrecht.
So senk' Dich denn mit aller Zärtlichkeit In dieses kranke Herz, so blühe denn In allen tiefen Schmerzen in mir auf, Du Liebste, Einz'ge, -- lange war ich weg, Nun bin ich da, nun wollen wir nicht weinen. Hat denn Dein Mund das Küssen nicht verlernt? Wie diese Thrän' aufgeht im hellen Auge Mit Lächeln ringend, glänzend schwillt, und hängt Wie ein Demant, nun fällt, nun fällt sie nieder, Entrinnt dem Käfig dieser schönen Wimper, Und so im Kuß verlösch ich Deinen Seufzer Der ihr will folgen, wie ein Vögelein Das andre sucht in freier Luft.
Hedwig.
Mein Albrecht!
Albrecht.
Wer kennt der Sehnenden Thränenden Freudvollen Schmerz? Ein bangender Scherz Spielt Freiheit ringend, In Seufzern klingend Durch's bebende Herz. Ich kann mich nicht fassen, Mich dünket verlassen, Verstoßen zu sein; Nur Lieb' hat empfunden, Wie innig verbunden Die Wonnen und Wunden Im sel'gen Verein.
Hedwig.
Das war Dein erstes Lied, das Du mir sangst.
Ulrich tritt ein mit dem Kaplan Johannes.
Ulrich.
Der Herr Kaplan sucht Euch im ganzen Hause.
Johannes.
Da seid ihr wieder, lieber gnäd'ger Herr! Der alte Graf wird auch sogleich erscheinen, Euch Willkomm sagen; Euch ist ja bekannt, Wie ernst und finster, und wie menschenscheu Er immer der Gesellschaft sich entzieht, Und diese Schwermuth hat noch zugenommen, Und ganz vorzüglich jetzt seit wen'gen Tagen. -- Doch wie ist Euch? Mich dünkt, Ihr seid verändert, Ihr glüht, Euch ist doch wohl?
Albrecht.
Ich bin gesund. Du alter theurer Pfleger meiner Jugend, Doch diese Hitze, -- ja der Tag ist heiß, -- Wo ist denn Wolf? Lebt noch der alte Knecht?
Johannes.
Wolf! Wolf! Euch ruft der gnäd'ge Junker Albrecht.
Wolf kommt.
Albrecht.
Mir ist so heiß, bring' schnell etwas zur Labung.
Wolf geht.
Johannes.
Da kommt der Graf.
Graf Erhard tritt ein.
Erhard.
Laßt Euch umarmen, seid mir hoch begrüßt.
Albrecht.
Mein theurer Vater, nehmt mich gern zum Sohn.
Wolf kommt zurück.
Wolf.
Hier Wasser aus dem kühlen Felsenbronn.
Albrecht
setzt an, wirft den Becher weg.
Nein, Wasser kühlt nicht diesen heißen Durst, Gieb Wein mir, goldnen, glutherfüllten Wein, Mich schaut aus dem krystallnen kalten Naß Ein wildes Auge an mit Feuerblick.
Wolf.
Wie Ihr befehlt.
Johannes.
Ein Fieber plagt Euch, Ritter.
Erhard.
Die wilde Jugend, wie wir alle waren.
Trompeten.
Wolf.
Da hält der Zug des Herzogs vor der Burg.
Erhard.
Kommt ihm entgegen, unserm gnäd'gen Herrn.
Alle gehn ab.
Ulrich,
der zurück geblieben ist.
Sie ist es. Wie das bange Herz mir klopft. Sie steigt vom Pferde, nickt mit liebem Gruß Den Freunden zu; die hohen Federn schwanken Vom Huth ihr nieder über goldne Locken, Den edlen Leib deckt herrliches Gewand, Weit nach folgt dienend ihres Kleides Saum In Lieb' um ihren schönen Fuß zu wallen. Was zögr' ich noch? Ich geh' ihr rasch entgegen, Und wenn ein sanfter Blick mich dann bemerkt Und freundlich unterscheidet, bin ich selig.
Geht ab.
Hedwig und Albrecht kommen zurück.
Hedwig.
Ja, nun kenn' ich Dich wieder, nun erst bist Du Der alte, ja, das sind die treuen Augen, Das stille Lächeln um den kind'schen Mund: So lieb' ich Dich, so solltest Du mir bleiben, Nicht klug, nicht fremd, -- nicht -- ach, ich schwatze so, Nun hab' ich zu Dir so wie sonst Vertraun, -- Nicht wie Du warst solltest Du jemals sein.
Albrecht.
Nur wie ein Fieber hat es mich befallen, Und so verlassen. Liebes, holdes Mägdlein, Dein bin ich doch in jeglichem Gedanken, Ja jeder Puls in mir klingt Dir nur Liebe. Wie war ich so verlassen ohne Dich, Wie ist mir wohl, wenn ich Dein Auge sehe.
Hedwig.
Der Vater ist seitdem recht schlimm geworden.
Albrecht.
Es ist die alte Krankheit, die ihn drückt, Er meint es immer gut mit Dir und mir. Doch müssen wir nicht zur Gesellschaft wieder?
Hedwig.
Ich schäme mich vor dieser hohen Frau, Der Herzogin, sie ist so schön, so groß, Sie sieht so mächtig drein und so verständig, Ich werde roth, wenn ich mit ihr muß sprechen. Ja, Albrecht, schon vorher fiel es mir ein, So eine solltest Du zur Frau Dir nehmen, Ich armes Kind bin Dir nicht schön genug.
Albrecht.
Du liebes Herz, mit Dir nur bin ich glücklich, Denn Deines Wesens holde Lieblichkeit Ist mehr als jener Herrlichkeit und Pracht.
Herzbold kommt mit dem Kinde.
Herzbold.
Nur herein, nur herein hier, Du kleines Unkraut, hier ist die Herrschaft. Gott grüß Euch, gnädiger Herr, und meine schöne, junge, schmucke Gräfin; hier bring' ich Euch das Neuste vom Jahr, das ich draußen im Walde, wie eine Erdbeere, aufgelesen habe.
Hedwig.
Was will das Kind?
Herzbold.
Bei Euch bleiben, vor der Hand Euer eigen werden. Es ist eine arme verlassene Waise aus dem Gebirge.
Hedwig.
Komm zu mir, kleines Mädchen.
Kind.
Willst Du mich hegen, Mütterlich pflegen, Wird meinetwegen Des Himmels Segen Dir allerwegen An's Herz sich legen.
Hedwig.
Ein hübscher Spruch. -- Sieh, mein Albrecht, wie schön, wie klug, -- ich nehme sie an, als mir vom Himmel gegeben.
Kind.
Ach Du liebes Fräulein! Du bist so schön, und dabei auch so gut.
Albrecht.
Wie heißest Du?
Kind.
Sie nannten mich Adelfriede.
Hedwig.
Herzbold, führe die Kleine in meine Kammer. -- Komm, mein Albrecht, in den Saal zu dem Herzog, der Vater schmählt sonst. ~Beide ab.~
Herzbold.
Siehst Du, kleine böse Sieben, nun hast Du Dein Glück gemacht, wenn Du hübsch artig und folgsam bist.
Kind.
Sorge Du nur für Dich selbst. ~Sie gehn ab.~
Graf Erhard ~tritt ein.~
Zu eng ist mir mein Haus; die stummen Wände Stehn mir wie Schwätzer da. -- Du dunkles Nest, So muß aus dir ein Sammelplatz von Thoren Auf deine alten Tage werden, Lachen Und Neckerei, Gesang in dir sich tummeln? Und diese Fremden! Möcht' ich doch, -- he Wolf!
Wolf kommt.
Erhard.
Sind sind im Saale?
Wolf.
Ja.
Erhard.
Nun, ich muß hin. Nur diese sieben Tage, dann begrüß' ich Die alte liebe Einsamkeit von neuem.
Ab.
Wolf.
Der alte Griesgram ist doch nie zufrieden. -- Bin ich's denn aber? Nein, die Knechtschaft hier, Das sauertöpfsche Leben, all der Zeter, Muß bald in helle Lust ausschlagen, ja, Ich halt's nicht aus; dann will ich jubeln, schrein, Die alte Haut vor Lust und Wonne schütteln.
Geht ab.
Prolog zur Magelone. 1803.
Die Nacht.
Absteigen muß ich jetzt von meinem Thron, Des heil'gen Lichtes Ankunft ahnd' ich schon, Die goldne Heerde merkt die Abschiedsstunde Und kehret heim vom dunkeln Thalesgrunde; Die Schatten zittern, die mein Leben fühlen, Die Morgenröthe will mit Wolken spielen, All' meine Kinder wollen mich verlassen, Hülflos, erschreckt, weiß ich mich nicht zu fassen; Verfolgt, durchbohrt vom scharfen Strahl, dem glühenden, Sink' ich betäubt und stürze mit den fliehenden.
Die Träume.
Mutter! Die Kinder, die schwebenden, In Aengsten erbebenden Nimm sie mit dir! -- Weh! wohin fliehen? -- Was uns deckte, wiegte, bewehrte, entziehen Die glühenden, blühenden Lichter uns hier. So enteilt, so flieht zu den dunkelsten Gestaden, Die unterird'schen Brunnen zu trinken, zu baden Im Geriesel tiefer Quellen -- -- wohin entrückt sind wir? --
Die Wolken.
Uns kommt in süßen Grüßen ein stilles Leben, Wir wachen und fließen in Küssen zusammen, Da schießen liebende Flammen Und zieh'n uns fort, dem heil'gen Strahl uns hinzugeben.
Der Jüngling ~erwacht~.
Ich war gefangen! Wer hat mich befreiet Und aufgelöst des Hauptes düstre Binde? Mein Geist, mein Muth war mit sich selbst entzweiet, Angst, Trübsal, Furcht nahmen zu ihrem Kinde Das bange Herz, zu fremder Noth geweihet; Es floh das wüste Heer im Morgenwinde, Ein Hauch hat Traum und dunkle Nacht verzehret, Und mein Gemüth im Morgenlicht verkläret.
Die Sonne.
Ich will zu meinem hohen Thron aufsteigen: Morgenroth, Diener, leg' die güldnen Decken, Zum Fußtritt durch die lichtazurnen Strecken, Ruf durch den weiten Raum ein heil'ges Schweigen:
Schön will ich mich den Unterthanen zeigen, Wald, Berg, Thal, Fluß mit meinem Glanz bedecken, Das Luftgefieder schnell zum Gruß erwecken, Der Pracht soll Niedres sich und Hohes neigen.
Die Vögel singen, Wasser rauschen, hallen Gebirg' und Wald, mein Auge dringt zum Dunkeln; Geblendet, trunken, kommt mir Dank von allen:
Ein kühler Thau soll ihre Inbrunst lindern; Wie Wald, Strom, Thal und Berg von Pracht erfunkeln, Blüht doch mein Bild nur in den Blumenkindern!
Die Wasser.
Wie grün neigt sich das Gras in unsre Wellen, Wie lieblich schaut die Blum' in unsre Fluth, Vom Himmel will sich Duft zu uns gesellen, Glanz dringt und Luft in unser kühles Blut, Wir fühlen in uns Lieb' und Leben quellen; O wie uns wohl der blaue Himmel thut! Wir gehn wie Gedanken, wie süßes Gefühl, die enteilenden; Uns drängen die Schwestern vorüber den Ufern, den weilenden.
Denn ach! Du Ufergrün, du Blumenroth, du Scheinen Vom lieben Licht, das grüßend uns umfängt, Ihr möchtet euch so gern mit uns vereinen, Wie ihr euch tief in unser Auge drängt, Ihr spiegelt euch in Thränen, die wir weinen, Hört Schluchzen, das sich in die Rede mengt; Nur Bildniß, Erinnrung, in lieben Gedanken, sehnsüchtigen, Begleitet uns still, die vertriebenen Wandrer, die flüchtigen.
Die Blumen.
Wer je mit Wollust schaute In seinem goldnen Strahl Den hohen Himmelssaal, Und seinem Licht vertraute; Wer in der tiefen Nacht Die goldnen Lichter fühlte, Mit Augen sehnend zielte Nach ihrer Liebes-Macht; Gern Mond und Sonne dann, Die Stern' all im Gemüth Verklärt als Liebe sieht: Der schau' uns Blumen an. Wir sind nicht hoch, nicht ferne, Tief, wie ein liebend Herz, Sich regt ein heitrer Schmerz Beim Anblick unsrer Sterne.
Der Wald.
Als der Frühling gekommen, Die Erde die Wärme empfunden, Die Luft durch Strahlen geläutert, Ist des Himmels Dunkel erheitert, Das Eis von den Wassern entschwunden, Sind grüne Pflanzen entglommen: Da haben meine Kinder Sich wiederum besonnen, Und ihren Schmuck nicht minder Wie Blumen rings gewonnen; Es sprangen tausend Bronnen Mit grünen Strahlen empor, Da wuchsen die dunkeln Schatten, Die kühle liebliche Nacht Aus dürren Zweigen hervor, Da schwebten über den Matten Die Dämm'rung, die Düfte, die Klänge, Die grünenden Betten der Liebesgesänge; Sie hat der Frühling in rauschender Pracht, Ein tönend Gezelt, Mit lieber Hand wieder aufgestellt.
Der Jüngling.