Schriften 13: Märchen; Dramatische Gedichte; Fragmente

Part 10

Chapter 103,859 wordsPublic domain

Ein andrer Landesherr fuhr hierauf fort: Herr Ritter, in jenem Berge sind überhaupt viele Gespenster, und fremde Dinge, die man wohl recht seltsam nennen könnte. Wir sind ehedem von einem Könige _Helmas_ regiert worden, derselbe hatte eine schöne und weise Gemalin _Persina_ genannt, welcher er einen Eid schwören mußte, sie in ihrem Wochenbette nicht zu besuchen, er brach aber diesen Eid und sah nach der Frau im Kindbette, worauf er auf sonderbare Weise von ihr und von den Kindern plötzlich getrennt wurde. Die drei Prinzessinnen haben darauf ihren Vater in diesem Felsen verschlossen, und wohin nachher die Mutter mit den Töchtern gekommen, hat Niemand erfahren können, seitdem aber der König im Felsen verschlossen, hat sich hier immer ein Riese aufgehalten und den Berg gehütet. Dieser ist der fünfte und alle haben uns unsägliche Drangsal angethan, das Land verwüstet und alle Menschen so sie nur erwischt, jämmerlich erschlagen, dabei hat es keiner gewagt, sich ihnen zu widersetzen. Jetzt aber hoffen wir, daß Euer tapfrer Arm uns von der Furcht erlösen wird. Geoffroy schwur ihnen nochmals, nicht vom Lande zu weichen, bis er den Riesen gar umgebracht, und hiemit ritten sie alle nach Hause.

Die Sonne war kaum aufgegangen, als Geoffroy sich wieder auf den Weg nach dem Gebirge machte. Er kam an den Felsen, wohinein der Riese geflohen war, suchte lange die Schluft, und fand sie endlich, worauf er von seinem Pferde stieg, und mit seinem Spieß in die Oeffnung hinunter langte. Er sagte: daß er nun hinab steigen wollte, um den Riesen umzubringen, weil er überdies ein Heide und Ungläubiger sei. Die Landesherren wünschten ihm Glück und den Beistand des Himmels: Geoffroy machte hierauf ein Kreuz für sich und ließ sich an seinem Speer in den finstern Felsen hinunter. Unten ging er lange herum, fand aber den Riesen nicht, endlich ersah er einen Schein, nahm seinen Spieß und fühlte damit so lange, bis er auf eine Thür traf, in diese ging er hinein und trat in einen kostbaren Saal, wo er viele Reichthümer fand, die Wände waren mit Gold und allen Arten von Edelgesteinen ausgeschmückt, in der Mitte aber stand ein erhabenes Grabmal, welches auf sechs güldenen Pfeilern ruhte, und mit den köstlichsten Edelsteinen, die in demselben Berge reichlich wuchsen, häufig besetzt war. Auf dem herrlichen Grabmal lag die Gestalt eines Königs aus Chalcedonen gearbeitet, der auch von Edelsteinen glänzte, neben ihm war das Bildniß seiner Gemalin, welche eine Tafel in ihren Händen hielt, worauf geschrieben stand:

Dies ist der König Helmas, hier begraben, Der mich zu seiner Gattin einst erwählte, Doch mußt' ich einen Eid zuvor noch haben, Den er treulos des Wortes brach, dann fehlte, Statt Lieb' und Treu, um mein Gemüth zu laben, Er mich und meine Kinder lange quälte; Er schwur, so ihm es sollte wohlergehen, In meinem Wochenbett mich nie zu sehen.

Als er mir diesen hohen Eid geschworen, Ich mich durch Himmels Huld gesegnet fühlte, Drei schöne Töchter hatt' ich mir geboren, Doch der Gemal den theuren Eid nicht hielte, Drauf ging ich ihm, die Kinder auch verloren, Die ich zu meinem Trost bei mir behielte, Ich habe sie an meiner Brust gesogen Und sie nachher zur Weisheit auferzogen.

Als sie gekommen zu Verstand und Jahren, Sprach ich zu ihnen von der Treue Bruch, Die ich vordem von dem Gemal erfahren, Die jüngste, Melusina, fein und klug, Sprach gleich von Rache, und die Schwestern waren Behende zu bestrafen den Betrug, Worauf sie ihren Vater unverdrossen Hieher in diesen wüsten Felsen schlossen.

Er hat sein Leben endlich hier gelassen, Worauf ich ihn hier in sein Grab bestellt, Auch hab' ich dieses Bildniß fert'gen lassen, Das diese Tafel in den Händen hält, Damit ein jeder weiß, der kömmt, wasmaßen Er vordem war ein mächtger Fürst der Welt, Ich weiß, daß keiner hieher kommen möchte Es sei er stammt von unserem Geschlechte.

Den Riesen hab' ich auch zur Wacht gegeben, Damit kein Fremder dieses Grab betritt, Ein jeder büßt sogleich mit seinem Leben Wer frechen Muthes das Gebirg beschritt. Nur einem unsers Stamm's ist es gegeben, Zu kommen unversehrt, er führet mit Im Innern eine Macht und Eigenschaft, Der nichts vermag des Riesen große Kraft.

Mit Straf' hab' ich die Töchter heimgesucht, Weil sie sich an dem Vater so vergangen, Die jüngste, Melusin, ward so verflucht, Daß sie den Schweif von einer großen Schlangen Sonnabends führt; wer sie zum Weibe sucht, Muß schwören, sie des Tags nie zu verlangen, Zu lassen sie in ihren stillen Zimmern Und sich nicht um ihr Wesen zu bekümmern.

Wenn ihr Gemal den Schwur ihr treu gehalten So sollte sie in Glücke wie in Freuden Recht lange froh auf dieser Erden walten, Im Tode endlich spät nur von ihm scheiden; Die zweite konnt' ich nicht so umgestalten, Doch mußte sie auch die Verwünschung leiden, Meliora heißt sie, sie ist schön gebaut, Wie jeder sieht, der einst ihr Wesen schaut.

Ich habe sie in das Armensche Land, Um dort auf immer ein Gespenst zu sein, Ein hoch und steil Gebirg hinauf gebannt, Dort sperrt' ich sie in festen Schlössern ein, Ein Sperber ist ihr dorten zuerkannt, Den muß ein jeder, den das Glück führt ein, Bewachen fort drei Tag und auch drei Nächte, Ohn' daß ein Schlaf ihn überraschen möchte.

Kömmt einer nun zu sehn die seltnen Sachen, Der vornehm ist, geborner Rittersmann, Muß er drei Tag' und Nächt' beim Sperber wachen; Doch kömmt der Schlaf ihm nur ein Stündchen an, So wird er nie im Leben wieder lachen, Er ist alsdann wohl ein verlorner Mann, Er bleibt alldort zum jüngsten Tag gefangen, Verschlossen unter Pein und Angst und Bangen.

Doch wer drei Tag' und auch drei Nächte wacht, Kann von der Fürstin eine Gab' begehren, Und wenn er sich als weiser Mann bedacht, Wird sie ihm selbst das Größte gern gewähren, Nur nehme sich der Rittersmann in Acht, Nicht ihres schönen Leibes zu begehren, Es sind ja dorten Gold und Edelstein, Rubin und Perlen, alles ist wohl sein.

Auf einem Berge wohnt das ältste Kind, Plantina ist mit Namen sie genannt, Und auf dem Fels gar große Schätze sind, Es liegt der Berg im Arragonschen Land, Bis einer unsern Stamms den Schatz gewinnt, Dann ist der Zauber von ihr abgewandt; Ein solcher Mann erobert auch zugleich Jerusalem, das ganze heil'ge Reich.

Die Buße mußt' ich auf die Kinder legen, Weil sie zu großer Ding' sich unterfingen, Und ihrer ungezähmten Thorheit wegen, Daß sie so schwer am Vater sich vergingen, Ihn durften sie in diesem Berge hegen Bis er gestorben, also bösen Dingen Folgt alsbald auf dem Fuß die Strafe nach, Und Gott's Gerechtigkeit bleibt immer wach.

Mein Name ist Persina, der Gemal Hat sich an mir wohl groß und schwer vergangen, Doch blieb die Lieb' im Herzen doch zumal, Zu ihm gerichtet Sehnsucht und Verlangen, Drum gab ich auch die Kinder in die Quaal, Weil sie ihn schmerzlich hielten eingefangen: An Eltern darf kein Kind die Hände legen, Es folgt der Fluch, wer also sich verwegen.

Als Geoffroy diese außerordentlichen Dinge auf der Tafel gelesen hatte, konnte er sich nicht genug darüber verwundern, denn er sah ganz deutlich, daß die Melusina, von welcher in der Schrift gesprochen wurde, seine leibliche Mutter, mithin der König Helmas sein Großvater, und Persina seine Großmutter gewesen sei. Doch ging er wieder aus der Kammer heraus und suchte den Riesen allenthalben; er kam an einen großen Thurm, wo er hineinging, und unten ein Gefängniß gewahr wurde, wo mancher redliche Mann gefangen lag, und sich alle Gefangenen über Geoffroy's Ankunft sehr verwunderten. Einer darunter sagte: mein sehr werther Herr, geht ja fort von hier und verbergt Euch in einer Höhle, damit Euch der Riese nicht sieht und gewahr wird, denn wenn Euch der ungeheure Riese findet, so müßt Ihr Euer Leben verlieren und erschlagen werden.

Geoffroy fing aber hierüber an zu lachen und sagte: ich suche eben diesen Riesen, denn ich möchte mich gar gerne mit ihm schlagen. Da sagte ein andrer Gefangener: nun, Ihr werdet ihn bald sehn, denn er wird gewiß gleich kommen, und dann wird es Euch gereuen, Ihr müßt umkommen, denn er ist gar zu erschrecklich.

Indem sie noch sprachen, kam der Riese, eilte geschwind in eine Kammer und schlug die Thür sehr eilig hinter sich zu. Geoffroy sah ihn, sprang nach und trat so stark wider die Thür, daß sie in Stücke zersprang. Der Riese hatte einen Hammer bei sich, mit welchem er so heftig auf Geoffroy's Helm schlug, daß, wenn der Helm nicht so gar gut gewesen wäre, er damit den Geoffroy erschlagen hätte. Geoffroy aber besann sich schnell, und gab ihm mit dem Schwerte einen so gewaltigen Hieb, daß der Riese sogleich zur Erde fiel. Darauf that der Riese einen so erschrecklichen Schrei, daß der ganze Thurm erbebte und er sogleich todt war. Hierauf steckte Geoffroy sein Schwert ein, ging wieder zu den Gefangenen und fragte sie: ob sie aus dem Lande Norhemen gebürtig wären. Sie sagten: Ja. Er fragte ferner: warum sie dorten gefangen säßen. Sie sagten: um Schatzung und Tribut, die wir dem Riesen schuldig sind. Geoffroy sagte: so danket Gott, daß er es mir vergönnt hat, diesen Riesen ganz und gar umzubringen. Ueber diese Nachricht wurden die Gefangenen sehr froh und lobten Gott, wobei sie Geoffroy baten, ihnen doch aus dem Gefängnisse zu helfen. Geoffroy wollt' es von Herzen gern thun, aber keiner wußte, wo die Schlüssel lagen; endlich fand sie der tapfre Ritter, nachdem er allenthalben gesucht, schloß alsbald die Thüren auf, und ließ die Gefangenen heraus, deren mehr als zweihundert waren. Geoffroy erlaubte ihnen von den Edelgesteinen und dem Silber und Golde zu nehmen, welches im Berge sei, denn er begehre nichts davon für sich selber, wofür sie ihm noch mehr dankten.

Sie beschlossen darauf, den Riesen aus der unterirrdischen Schluft hervor an das Tageslicht zu ziehn, und ihn allen Leuten im Lande zu zeigen, welches sie auch sogleich in's Werk richteten: die Gefangenen nahmen einen großen Karren, schroteten den ungeheuren Riesen darauf, banden ihn so, daß er aufrecht saß, gleich als wenn er lebte, und fuhren ihn so durch das ganze Land. Als das Volk im Lande den ungeheuren Riesen sah, konnten sie sich nicht genug verwundern, sie dankten alle laut Gott von Herzen, daß er sie durch Geoffroy von einem solchen ungeschlachten Bösewicht erlöst hatte. Bei diesem bedankten sich auch die Landesherren höflich für den ihnen und dem Reiche erwiesenen Dienst, auch das Volk erzeigte ihm die größte Ehre und alle baten ihn inständigst, bei ihnen als ihr König und Herr zu bleiben, welches er aber nicht annahm, sondern bald darauf von dannen zog, denn er trug ein Verlangen, seinen Vater und seine Mutter wieder zu sehn.

Er setzte sich also zu Schiffe und fuhr nach seinem Vaterlande. Als sein Vater Reymund seine Zurückkunft erfahren hatte, ritt er ihm entgegen; denn es war schon bekannt geworden, welche große Thaten er in dem Lande Norhemen ausgeübt hatte, deswegen legte Reymund seinen Kummer um seine geliebte Melusina ein wenig bei Seite. Als er mit seinem Sohn allein war, erzählte er ihm sein ganzes gehabtes Unglück unter Vergießung vieler Thränen. Als Geoffroy das hörte, erschrak er heftig und merkte, daß alles dies von seiner Missethat hergekommen sei, indem er seinen Bruder Freymund im Kloster Malliers verbrannt habe; doch sammelte er sich wieder und erzählte, welche Tafel, Schrift und Nachrichten er in dem bezauberten Berge gefunden habe, woraus Reymund merkte, von welchem hohen Geschlechte seine Gemalin Melusina abgestammt sei. Geoffroy erfuhr nun zugleich von seinem Vater, daß sein Bruder, der Graf von Forst, ihn zuerst dahin vermocht habe, die Melusina an einem Sonnabend zu belauschen und so sein theures Gelübde zu brechen, worauf Geoffroy einen hohen Eid schwur, daß der Graf von Forst dafür sterben solle. Ritt auch eilig hinweg, und Reymund blieb in größter Betrübniß zurück, daß sein Sohn Geoffroy wieder eine neue Missethat begehn wollte.

Geoffroy kam bald vor dem Schlosse des Grafen von Forst an, er stieg sogleich von seinem Pferde und ging in das Schloß hinein, ohne daß ihn einer gewahr wurde, worauf er in den Saal kam, wo sein Vetter war. So wie ihn Geoffroy sah, schrie er ihn ungestüm an und zog sein Schwert: Bösewicht, Du mußt hier Dein Leben lassen, weil ich durch Dich meine Mutter verloren habe. Der Graf war sich wohl bewußt, was er gethan hatte, erschrak also und wollte ihm entfliehen, sprang auch zum Fenster hinaus, fiel aber auf die harten Felsen und war todt. So hatte Geoffroy das Unrecht gerochen, welches jener an seiner Mutter verübt hatte. Zugleich kam dadurch die Grafschaft an seinen jüngern Bruder Reymund.

Sein Vater hörte den Tod seines Bruders, und grämte sich sehr, daß sein Sohn von neuem eine solche Missethat begangen hatte; er nahm sich vor, nicht mehr zu regieren, sondern nach Rom zu wallfahrten, seiner Sünden wegen Buße zu thun, sich alsdann von der Welt abzusondern, in ein Kloster zu gehn und dort sein bekümmertes Leben zu beschließen. Geoffroy kam zurück, und sah die große Traurigkeit seines Vaters, fiel auf seine Kniee, bekannte seine Missethaten und bat um seines Vaters Vergebung. Reymund verzieh ihm und ertheilte ihm seinen Segen, worauf er zu ihm sagte: doch, mein Sohn, mußt Du vor allen Dingen das Kloster Malliers wieder auferbauen, und mehr Mönche darein setzen und stiften, als vorher gewesen sind, sonst kann Dir Deine Schuld nicht verziehn werden. Welches Geoffroy versprach und sich Reymund darauf zu seiner Reise nach Rom rüstete; doch berief er noch vorher alle Vasallen und ließ sie seinem Sohne Geoffroy huldigen. Darauf schied Reymund auch von seinen übrigen Kindern, setzte sich zu Schiffe und fuhr nach Rom.

Geoffroy baute indessen das Kloster Malliers wieder auf und machte es schöner, als es zuvor gewesen war, stiftete auch mehr Mönche zum Gottesdienst, worüber sich alles Volk im Lande sehr verwunderte, daß er das Kloster erst verbrannt hatte und nun wieder so herrlich neu errichtete.

Reymund kam in Rom an und beichtete vor dem allerheiligsten Vater Pabst, welcher ihm eine gelinde Buße auferlegte. Dann nahm er Abschied, nachdem er dem Pabste vorher gesagt, er wolle nach unsrer lieben Frauen zu Montserrate in Arragonien gehn, und dort ein Einsiedler werden, weil daselbst ein schöner Gottesdienst sei. Er kam in Montserrate an, ließ sich Kleider eines Einsiedlers machen und diente allhier Gott in strenger Andacht und vielen Bußübungen.

Geoffroy reiste nun auch nach Rom, um seine Buße vor dem allerheiligsten Vater abzulegen, auch zugleich von ihm zu erfahren, wo sein Vater Reymund geblieben sei, welcher nicht wieder kam. Der Pabst berichtete ihm: daß sein Vater zu Montserrate, im Gebirge, ein Einsiedler geworden; dabei legte er ihm eine harte Buße auf, weil er so schwere Missethaten begangen hatte, verordnete auch: daß er im Kloster Malliers hundert und zwanzig Mönche einsetzen und stiften müsse, wenn er für seine Sünden Vergebung von Gott erlangen wolle. Geoffroy versprach alles zu thun, ließ sich die Absolution ertheilen und reiste hierauf ab, um seinen alten betrübten Vater in der Einsiedelei im fernen, seltsamen Gebirge zu Montserrate aufzusuchen.

Geoffroy reiste zu seinem Vater, um ihn zu bewegen, in die Welt zurück zu kehren, aber der alte Reymund wollte in seiner Einsiedelei bleiben, und so schied Geoffroy ungern von ihm, nachdem er einige Tage bei ihm gewesen, und seinen Gottesdienst mit angesehn hatte. Es währte nicht lange, so fühlte sich Reymund zum Tode matt, darum kam Geoffroy noch einmal zu ihm, wartete sein Ende ab und ließ ihn dann herrlich und mit großem Gepränge zur Erden bestatten. Nachher machte Geoffroy das Kloster Malliers zu dem schönsten im Lande und setzte auch die Anzahl Mönche hinein, die ihm der Pabst vorgeschrieben hatte.

Im Königreiche Armenien hatte Gyot indessen lange regiert, war alt geworden und hatte nach seinem Tode das Reich seinem jungen und tapfern Sohne hinterlassen, welcher auch Gyot genannt wurde.

Ein steil und hohes Schloß Lag in demselben Land, Und drinnen Schätze groß Wie jedermann bekannt.

Im Schloß war ein Gesichte, Gar schön und wundersam, Das manchem armen Wichte Zu Leid und Unheil kam.

Wer gern die Schätze wollte, Die auf dem Schloß da lagen Von Gold und Stein, der sollte Ein seltsam Ding drum wagen.

Ein Sperber saß wohl dorten, Den er bewachen soll, An einsam hohen Orten Drei Tag und Nächte wohl.

Und keiner durfte schlafen Bei Tag' und in der Nacht, Sonst folgten harte Strafen, Daß er so schlecht gewacht.

Wem dieses mocht gelingen, Der konnte wohl begehren, Von allen seltnen Dingen, Man mußte sie gewähren.

Beim Sperber war in Ehren Ein trefflich schönes Weib, Konnt einer all's begehren, Nicht ihren schönen Leib.

Gyot, der junge König Rüst sich im kecken Muth, Er dünkte sich nicht wenig Zum Abentheuer gut.

Er sprach zu sich im Herzen: Gelingt der Zeitvertreib, So fodr' ich ohne Scherzen Doch nur das edle Weib.

Zog aus mit vielen Leuten Und mit Gefolge groß, Da sahen sie von weiten Das wundersame Schloß.

Auf grüner Wiese milde Ließ er die Diener sein, Und ging mit Schwert und Schilde Keck in's Burgthor hinein.

Da kam ein alter Mann, Gar klein und krumm und bleich, War schneeweiß angethan, Sein Bart war licht zugleich.

Der sprach: was sucht ihr hier? Still blieb der König stehen, Und sprach: ich komme schier Um die Gesicht' zu sehen.

Der Alte ernsthaft sprach: Kommt ihr zu diesen Dingen, So folgt mir kecklich nach Will euch zu ihnen bringen.

Der Alte ging voraus, Der junge hinterdrein, Sie treten in das Haus Und in den Saal hinein.

Es glänzt der Saal von Pracht, Von Gold und Edelstein, Wo ihm entgegen lacht Der grün' und rothe Schein.

Es war im schönen Zimmer Von tausend Farben Glanz Wie nur ein einzger Schimmer, Es war ein Kleinod ganz.

Der König sprach: zu Hause, Hab' ich viel Säle licht, Doch gegen diese Klause Ist alles nur ein Wicht.

Auf einer güldnen Stangen Sah er den Sperber dann: Tragt ihr nun noch Verlangen, So sprach der alte Mann,

Das Abentheu'r zu wagen, Der Sperber sitzet hie, In Nächten und drei Tagen, Dürfet ihr schlafen nie.

Könnt ihr nicht Schlaf vertreiben, Und euch erhalten wach, So müßt ihr allhier bleiben Bis an den jüngsten Tag.

Doch könnt ihr es vollbringen So steht euch dafür frei, Zu nehmen von den Dingen, Was es auch immer sei.

Doch eins ist untersaget, Das ist der Fürstin Leib: Nun geht mein Herr und waget Den edlen Zeitvertreib.

Der König sprach: ich habe Zum Wachen mich gestellt, Ich bitte um die Gabe, Die meistens mir gefällt.

Er dacht' in seinem Sinne Nur an das schöne Weib, Und wenn ich die gewinne, Bitt' ich um ihren Leib.

Der Alte ging zurücke, Es blieb der Junge da, Und wagte nun sein Glücke, Er blieb dem Sperber nah.

Er schaut bei Tag wie Nachte, Nur diesen Sperber an, Und unermüdet wachte Der übermüth'ge Mann.

Nie ward es Nacht und dunkel Beim Sperber im Kastell, So glänzte der Karfunkel Roth durch die Zimmer hell.

Darzu erklangen schöne Gesänge durch den Saal, Es sangen in die Töne Auch Vögel drein zumal.

Und Speise war zugegen Und auch der süße Wein; Nur durft' er sich nicht legen, Mußt' immer wachend sein.

Noch waren viele Zimmer, In die ging er hinein, In allen glänzt der Schimmer Von Gold und Edelstein.

Gold waren alle Wände Und bunte Blumen drauf, Es rankten aller Ende Sich Zweig' und Kränz' hinauf.

Und Rubin und Smaragden, Demant und auch Sapphir Sah man erschimmernd prachten, Als Blumen herrlich hier.

Auch war in Farben schöne Dort in dem Glanz und Schein, Die sangen zarte Töne, Wohl tausend Vögelein.

Auch Ritter abgebildet Im wahren Conterfei, Gehelmt und auch beschildet Und wer ein jeder sei.

Darneben war geschrieben, War keiner blieben wach, Drum waren sie geblieben Bis an den jüngsten Tag.

Drei andre Bilder standen, Von Rittern, und dabei Die Schrift von welchen Landen Und Namens jeder sei.

Die hatten Tag und Nacht Und ohne zu ermüden Den Sperber wohl bewacht, Drum waren sie geschieden.

Und hatten Gaben viele Mit sich hinweggenommen, Gar mannlich bis zum Ziele, Glücklich zurück gekommen.

Wie er dies all betrachtet, Ging er zum Sperber wieder, Den er drauf wohl beachtet, Und stark sind seine Glieder.

Drei Tage sind vergangen, Der vierte Morgen kam, Worauf die Angst und Bangen, Sein Amt ein Ende nahm.

Mit lächelnden Geberden Mit Schmuck in schöner Seide Tritt nunmehr zu dem werthen Im allerschönsten Kleide

Die Fürstin in den Saal, Das überschöne Weib, Er sieht der Augen Stral Und ihren schlanken Leib.

Sie sprach: ein schön Gelingen Hat euch das Glück bescheert, Erwählt nun von den Dingen Was euer Herz begehrt.

Der sah nur ihre Schöne Und stand in sich entzückt, Er sprach: das Ende kröne Was mir so wohl geglückt.

Drum mag ich keine Steine, Was frommte mir das Gold, Ich wünsche nur das eine, Das seid ihr Fürstin hold.

Drum will ich nichts begehren, O wunderschönes Weib, Doch sollt ihr mir gewähren Den schlanken süßen Leib.

Mit zornigen Geberden, Sprach drauf die Prinzessin: Mein Leib kann euch nicht werden, Wählt anderen Gewinn.

Der König sprach: an Schätzen, An Edelstein und Gold, Mag jeder sich ergötzen, Ich hab' es nie gewollt.

Drum will ich keine Gabe, Als nur den zarten Leib, Ihr seid die schönste Habe, O edles holdes Weib.

Sie sprach: ihr seid vermessen Und redet wie ein Thor, Habt alle Punkt vergessen, Die man euch sagt' zuvor.

Verändert euren Sinn, Kein Mann darf meine werden, Ihr habt des nicht Gewinn, So lang ihr lebt auf Erden.

Es schadet eurem Glücke, Es schadet eurer Macht, Drum kehrt, mein Freund, zurücke, Seid witzig und bedacht.

Was ist die Weisheit nütze? Verderben mag mein Leib, Sprach jener drauf in Hitze, Ich will euch, goldnes Weib.

Sie sprach: ihr habt gesprochen, Und gleicht dem Reymund sehr, Der auch den Schwur gebrochen, Zu Kränkung seiner Ehr.

Ihr habt die Gab' verloren Wie er das Weib verlor, Er hatte falsch geschworen, Ihr seid ein junger Thor.

Und was ich nunmehr sage, Das trifft gewißlich ein, Von heut soll Gram und Plage Nur euer Erbtheil sein,

Dein Vater, Gyot hieß er, War meiner Schwester Sohn, Und als er starb, da ließ er Dir seinen mächtgen Thron.

Der Schwestern waren drei, Und Melusina eine, Sie machte Reymund frei, Und wurde drauf die seine.

Wir hatten uns verbündet, Am Vater uns zu rächen Und haben schwer gesündet, Ich mag davon nicht sprechen.

Die Mutter hieß Persina, Sie straft das Unterfangen, Samstag's wird Melusina Zu einer wüsten Schlangen.

Sie den Tag nie zu sehn Hat Reymund ihr geschworen, Er bricht den Eid, die Wehn Sind da, sie geht verloren.

So sind wir alle drei Gespenster für das Wüthen, Ich muß im Schlosse frei Den schönen Sperber hüten.

Die dritte ist Plantina, Sie ward wie wir verflucht, Wie ich und Melusina Von Strafe heimgesucht.

Weil sie wie wir gewüthet, Ist Arragon ihr Land, Wo sie die Schätze hütet Auf einen Berg gebannt.

Von unserm Stamme ihr Habt euch nun schwer vergangen, So daß euch für und für Folgt Angst und Pein und Bangen.

Der König sah die Schöne, In seinem jungen Muth Hört er nicht ihre Töne, Er fühlt nur seine Gluth.

Er schaut die zarten Glieder, Den edlen schönen Bau, Und ihn entzündet wieder Das holde Bild der Frau.

Er springt und will sie fassen Um ihren schlanken Leib, Doch schnell muß er sie lassen, Es schwand das süße Weib.