Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785
Part 6
Eine besondere Kunst lag jedoch in der Art, wie er die verschiedenen Materien aneinander zu knüpfen, sie so zu reihen wußte, daß eine aus der andern sich zu entwickeln schien, und trug wohl am meisten dazu bei, daß man den Zeiger der Uhr der Eile beschuldigte und die Möglichkeit des schnellen Verlaufes der Zeit nicht begreifen konnte.
Diese so äußerst reizende und anziehende Persönlichkeit, die nirgends etwas Scharfes oder Abstoßendes blicken ließ -- Gespräche, welche den Zuhörer zu dem Dichter emporhoben, die jede Empfindung veredelten, jeden Gedanken verschönerten -- Gesinnungen, die nichts als die reinste Güte ohne alle Schwäche verrieten -- mußten von einem jungen Künstler, der mit einer lebhaften Empfänglichkeit begabt war, die ganze Seele gewinnen und der Bewunderung, die er schon früher für den Dichter hatte, noch die wärmste Anhänglichkeit für den Menschen beigesellen.
Auch Schiller schien mit seinem neuen Bekannten nicht unzufrieden; denn freiwillig lud er ihn ein, so oft zu ihm zu kommen, als er nur immer wolle. Diese Einladung wurde von S. so emsig benützt, daß während eines Jahres selten ein Tag verging, an dem er Schillern nicht gesehen oder auf kurze Zeit gesprochen hätte. Ein Vertrauen setzte sich zwischen beiden fest, das keinen Rückhalt kannte, und von dem die natürliche Folge war, daß die Verhältnisse Schillers sowie seine wahrhaft unglückliche Lage der unerschöpfliche Gegenstand ihrer Gespräche wurden. Auch schien beiden der Plan, dem Herzog auf neutralem Boden zu schreiben, um so weniger des Tadels würdig, als Schiller durchaus nichts begangen, was ihm den Vorwurf eines schlechten Dieners seines Fürsten hätte zuziehen können, und er die zwei unerlaubten Ausflüge durch den ausgestandenen Arrest schon genug gebüßt zu haben glaubte. Außer S. machte Schiller auch seine älteste Schwester mit seinem Vorsatze bekannt, und anstatt, wie er befürchtete, von ihr Abmahnungen zu hören, glaubte sie, daß, weil ihm das gegebene Versprechen nicht erfüllt worden, jeder Schritt entschuldigt werden könne, den er, um sich von gänzlichem Verderben zu retten, unternehmen werde.
Ein Gefährte, mit dem die heimliche Reise zu unternehmen wäre und der die nötigen Anstalten dazu erleichtern könne, war schon in seinem Freunde S. vorhanden, der im Frühjahr 1783 eine Reise nach Hamburg antreten wollte, um daselbst bei dem berühmten Bach die Musik zu studieren, wozu ihm dort wohnende Anverwandte die beste Unterstützung versprochen hatten, und der es nun bei seiner Mutter dahin zu bringen wußte, diese Reise jetzt schon machen zu dürfen.
Dem Vater Schillers mußte die ganze Sache ein tiefes Geheimnis bleiben, damit er im schlimmsten Fall als Offizier sein Ehrenwort geben könne, von dem Vorhaben des Sohnes nichts gewußt zu haben. Was aber am meisten zur Beruhigung der Teilnehmenden beitrug, war der schöne Grundsatz des Herzogs, die Kinder nie wegen der Fehler der Eltern oder die Eltern wegen Vergehen der Kinder etwas entgelten zu lassen. Man hatte schon zu viele Beweise von dieser wahrhaft fürstlichen Großmut, als daß man in dem gegenwärtigen Falle nicht auch darauf hätte rechnen können. Nachdem alles zur Sache Gehörige zwischen beiden Freunden mit der Selbsttäuschung, die dem Jünglingsalter so ganz natürlich ist, überlegt war, als für mögliche, künftige Hindernisse, ihre Einbildungskraft sogleich Mittel wußte, um sie zu überwinden oder zu beseitigen, blieb der Entschluß Schillers unwiderruflich fest, indem er nur durch die Ausführung desselben hoffen konnte, seine Umstände in allen Teilen zu verbessern und eine Selbständigkeit zu erlangen, die er bis jetzt nur dem Namen nach kannte. Nun aber mußte er sich mit Anspannung aller Kräfte der Dichtung seines Fiesco widmen, indem die Reise nicht eher ausgeführt werden konnte, als bis dieser vollendet war, und er bisher -- da er in seinem Innern zu keiner Ruhe gelangen konnte -- außer dem Plan kaum die Hälfte von dem Stücke niedergeschrieben hatte. Die Gewißheit, was er tun wolle und, damit er dem Labyrinth entkomme, tun müsse, belebte seinen Mut wieder; seine gewöhnliche Heiterkeit kehrte zurück, und er gewann es über sich, alle Sorgen, alle Gedanken, die nicht seiner neuen Arbeit gewidmet waren, zu unterdrücken, indem er bloß für die Zukunft lebte, die Gegenwart aber nur insofern beachtete, als er ihr nicht ausweichen durfte.
Welch ein Vergnügen war es während dieser Beschäftigung für ihn, seinem jungen Freund einen Monolog oder einige Szenen, die er in der vorigen Nacht ausgearbeitet, vorlesen und sich über Abänderungen oder die weitere Ausführung besprechen zu können! Wie erheiterten sich seine von Schlaflosigkeit erhitzten Augen, wenn er erzählte, um wie viel er schon weiter gerückt sei, und wie er hoffen dürfe, sein Trauerspiel weit früher als er anfangs dachte, beendigt zu haben. Je geräuschvoller die Außenwelt war, um so mehr zog er sich in sein Inneres zurück, indem er an allem dem, was damals der Seltenheit wegen jedermann beschäftigte, nicht den geringsten Anteil nahm. Denn schon zu Anfang des Monats August wurden nicht nur in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg, auf der Solitüde etc., sondern auch in der ganzen Umgegend die größten Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang des Großfürsten von Rußland (nachmaligen Kaisers Paul) und seiner Gemahlin gemacht. Die Einwohner Württembergs waren stolz darauf, in der künftigen Kaiserin aller Reußen eine Nichte ihres Herzogs bewillkommnen zu können, die sie um so mehr liebten, als ihre Erscheinung Erinnerungen an ihre erhabenen Eltern hervorrief, die jedem württembergischen Herzen um so tiefer eingegraben blieben, als sie solche aus Scheu vor ihrem Regenten nicht zu zeigen wagen durften, und auch bei der verehrten Tochter die Gerüchte es zweifelhaft ließen, ob ihre Güte des Herzens, die Eigenschaften ihres Geistes oder ihre einnehmende Schönheit den Vorzug verdiene.
In der ersten Hälfte des Septembers trafen die hohen Reisenden zu Stuttgart ein, denen schon einige Tage früher die meisten benachbarten Fürsten und eine außerordentliche Menge Fremder vorausgeeilt waren, um den Festlichkeiten, welche für die allerhöchsten Gäste bereitet wurden, beiwohnen und die Prachtliebe des Herzogs wie nicht minder den Geschmack, mit dem er alles anzuordnen wußte, bewundern zu können. Die mit den schönsten, seltensten Pferden angefüllten Marställe sowie die dazu gehörigen Equipagen, boten Gelegenheit zu Auffahrten, die man damals wohl schwerlich irgendwo anders mit so großem Aufwand und so vielem Glanze sehen konnte. Aber wirklich ungeheuer groß waren die Anstalten, vermöge welcher man aus den vielen Jagdrevieren des Landes eine Anzahl von beinahe sechstausend Hirschen in einen nahe bei der Solitüde liegenden Wald zusammengetrieben hatte, die von einer Menge Bauern am Durchbrechen verhindert wurden, und zu welchem Zweck auch in der Nacht der ganze Umkreis des Waldes durch eine enge Kette von Wachtfeuern erleuchtet war. Nicht leicht konnte dem Großfürsten in einem andern Staat eine solche Anzahl von Wild beisammen gezeigt werden, und um das Vergnügen der Jagd zu erhöhen, waren die edlen Tiere bestimmt, eine steile Anhöhe hinaufgejagt und gezwungen zu werden, sich in einen See zu stürzen, in welchem sie, aus einem eigens dazu erbauten Lusthause, nach Bequemlichkeit erlegt werden konnten.
In dem Gewirr und der Unruhe, welche solche Vorkehrungen bei den Städtern immer hervorbringen, blieb unser Dichter ganz auf sich eingeschränkt und hatte zu Anfang des Septembers sein Trauerspiel so weit gebracht, daß er es beinahe für vollendet halten durfte, indem er die Auslassungen, die Abänderungen, welche etwa die Aufführung erheischen sollte, auf eine ruhigere Zeit aufsparte und um so eher in wenigen Tagen damit zu Ende zu kommen hoffte, als er schon während der Arbeit an das Nötige hierüber gedacht.
Unter den angekommenen Fremden befand sich auch Baron Dalberg, der einige Tage früher, als die Festlichkeiten ihren Anfang nahmen, eintraf, sowie die Gattin des Regisseurs Meier vom Mannheimer Theater, die aus Stuttgart gebürtig war. Schiller machte dem Baron Dalberg seinen Besuch, ohne von seinem Vorhaben das geringste zu erwähnen. Ebenso verschlossen blieb er gegen Madame Meier, die er öfter sah. Die Ursachen dieses Schweigens waren keine anderen, als weil der Vorsatz, etwas zu wagen, viel zu stark und die Hoffnung auf einen glücklichen Erfolg -- wenn er seine Bitten in diesem Tumult von Festivitäten und Vergnügen an seinen Fürsten gelangen lasse -- viel zu groß bei ihm geworden war, als daß er sich der widerlichen Empfindung hätte aussetzen mögen, durch Zweifel belästigt oder durch Beweise eines ungewissen Erfolges widerlegt zu werden.
Was den Freiherrn von Dalberg insbesondere betraf, so vermutete Schiller, daß seiner dringenden Vorstellungen ungeachtet nur darum keine Verwendung für ihn geschehen, weil er noch in herzoglichen Diensten stehe. Käme aber das Schlimmste, daß er diese Dienste verlassen müßte, so wäre es ganz unmöglich, daß Baron Dalberg nach den vielen Versicherungen der aufrichtigsten Teilnahme und der größten Bereitwilligkeit, seine Wünsche zu gewähren, ihn ohne Hilfe und Unterstützung lassen würde. Im Gegenteil hegte er die gewisse Hoffnung, daß er dann als Theaterdichter in Mannheim angestellt und somit ein Ziel erreichen würde, welches er als das glücklichste und für ihn passendste anerkannte.
Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden, auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen.
Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen, besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht, erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die Zukunft in derselben Dämmerung wie bisher, und es war nichts übrig, als sich auf das Glück zu verlassen.
Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich, sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre, mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte.
Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer einer sehr schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.
Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber -- ohne seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären. Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte, der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde Denkweise eingesogen zu haben schien -- er hatte ihr von jeher nichts als Freude gewährt; sie sah ihn mit all den Eigenschaften begabt, die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte! Und nun! -- -- -- -- -- -- -- -- -- Wie schmerzhaft das Lebewohl von beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.
Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September abends um neun Uhr festgesetzt.[1]
Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen, seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden von Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich -- jetzt in einem so entscheidenden Augenblick! -- ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem -- gewiß weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund -- der Schönheit der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern, daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.
Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte, wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst. Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend; denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen, die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert wurden.
Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings, eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen, weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt werden.
Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden, nun auch an S. -- von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren.
Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers -- möchte ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen -- als Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden könne.
Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen, welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah.
So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der Schildwache -- Halt! -- Wer da! -- Unteroffizier heraus! -- einen unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend, angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer ausrief: »Meine Mutter!«
Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke, folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne.
Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der Auftrag für etwas Kaffee erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.
Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht.
Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen. »Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!«
Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde, verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren, allwo die Ankunft nach neun Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose Nacht um so erwünschter war.
Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig, um sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können, war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des Dichters -- das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den gebildeten Teil desselben berechnet war -- gleichfalls aufzunehmen? Es ließ sich für gewiß erwarten -- die Entscheidung des Herzogs möge nun gewährend oder verneinend ausfallen -- daß noch in diesem Jahre Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war.