Part 4
Wie lange und wie oft, seit mehr als einem Jahre, gnädige Frau, habe ich mit mir selbst gestritten, ob ich es wagen soll Ihnen zu gestehen, was ich jetzt nicht mehr zurückhalten kann. Ich muß Sie bitten, verehrungswürdigste Freundin, sich jetzt alles gegenwärtig zu machen, was je in Ihrem gütigen Herzen für mich sprach. Ich selbst muß mir jedes Ihrer Worte zurückrufen, worin ich Wohlwollen für mich zu erkennen glaubte, um in diesem Augenblicke Mut und Hoffnung zu fassen. Es gab Augenblicke, unvergeßlich sind sie meinem Herzen, wo Sie mich vergessen ließen, daß ich ein Fremdling in Ihrem Hause sei, ja, wo Sie unter Ihren Kindern auch mich mit zu zählen schienen. Was Sie damals ohne Bedeutung sagten, was nur eine vorübergehende Bewegung Ihres Herzens Ihnen eingab, wie tief ergriff es mein Herz, wo lange schon kein anderer Wunsch mehr lebte, als Ihr Sohn genannt zu werden. Sie haben es in Ihrer Gewalt, jene Äußerungen in volle selige Wahrheit für mich zu verwandeln.
Ich gebe das ganze Glück meines Lebens in Ihre Hände. Ich liebe Lottchen, ach, wie oft war dieses Geständnis auf meinen Lippen, es kann Ihnen nicht entgangen sein. Seit dem ersten Tage, wo ich in Ihr Haus trat, hat mich Lottchens liebe Gestalt nicht mehr verlassen. Ihr schönes edles Herz habe ich durchschaut. In so vielen froh durchlebten Stunden hat sich ihre zarte sanfte Seele in allen Gestalten mir gezeigt. Im stillen innigen Umgang, wovon Sie selbst so oft Zeugin waren, knüpfte sich das unzerreißbarste Band meines Lebens. Mit jedem Tage wuchs die Gewißheit in mir, daß ich durch Lottchen allein glücklich werden kann. Hätte ich diesen Eindruck vielleicht bekämpfen sollen, da ich noch nicht vorhersehen konnte, ob Lottchen auch die meine werden kann? Ich hab es versucht, ich habe mir einen Zwang vorgeschrieben, der mir viele Leiden gekostet hat. Aber es ist nicht möglich, seine höchste Glückseligkeit zu fliehen, gegen die laute Stimme des Herzens zu streiten. Alles, was meine Hoffnungen niederschlagen könnte, habe ich in diesem langen Jahre, wo diese Leidenschaft in mir kämpfte, geprüft und gewogen, aber mein Herz hat es widerlegt. Kann Lottchen glücklich werden durch meine innige ewige Liebe, und kann ich Sie, Verehrungswürdigste, lebendig davon überzeugen, so ist nichts mehr, was gegen das höchste Glück meines Lebens in Anschlag kommen kann. Ich habe nichts zu fürchten, als die zärtliche Bekümmernis der Mutter um das Glück ihrer Tochter, und glücklich wird sie durch mich sein, wenn Liebe sie glücklich machen kann. Und daß dieses ist, habe ich in Lottchens Herzen gelesen.
Wollen Sie, teuerste Mutter, o lassen Sie mich bei diesem Namen Sie nennen, der die Gefühle meines Herzens und meine Hoffnungen gegen Sie ausspricht, wollen Sie das Teuerste, was Sie haben, meiner Liebe anvertrauen? Meine Wünsche durch Ihre Billigung in Wirklichkeit verwandeln, wenn es auch die Wünsche Ihrer Tochter sind, wenn wir uns beide in dieser Bitte vereinigen? Ich werde Ihnen mehr zu danken haben, als ich einem Menschen danken kann. Sie werden glücklich sein in der Glückseligkeit Ihrer Kinder. Unsere Dankbarkeit wird geschäftig sein, Ihr Leben zu verschönern und Ihnen das Geschenk der Liebe durch Liebe zu erstatten.
Ich erlaube mir keine weitre Erklärung, bis Sie über die Wünsche meines Herzens entschieden haben werden. Steht nur in Ihrer Seele meinem Glücke nichts entgegen, so werden keine Hindernisse von außen ihm im Wege stehen. Mit welcher Unruhe und Sehnsucht erwarte ich von Ihnen den Ausspruch über mein ganzes Glück! Aber Liebe allein wird Sie leiten, und darauf gründe ich frohe Hoffnungen. Ewig der Ihrige mit der innigsten Ehrfurcht und Liebe.«
Nur ein gutes treues Mutterherz konnte eine Antwort geben, wie die, deren Inhalt ihn nun von Zweifeln erlöste:
»Rudolstadt, den 21. Dezember 1789.
Ja, ich will Ihnen das Beste und Liebste, was ich noch zu geben habe, meine gute Lottchen, geben. Die Liebe meiner Tochter zu Ihnen und Ihre edle Denkungsart bürgt mir für das Glück meines Kindes, und dieses allein suche ich. Verzeihen Sie aber der Sorgsamkeit und der Pflicht einer Mutter: Können Sie Lottchen neben Ihrer zärtlichen Liebe, nicht ein glänzendes Glück, sondern nur ein gutes Auskommen verschaffen? Beruhigen Sie mich über diesen Punkt, und ich nenne Sie mit Freuden Sohn. Wäre ich reich, könnte ich Ihnen mit meiner Tochter ein ansehnliches Vermögen geben, wie gern würde ich Ihnen da zeigen, daß Verdienst und ein Herz, so wie ich das Ihrige kenne, die schätzbarsten Güter der Erde für mich sind. Da mein Vermögen aber nicht groß und unser jetziges Leben diese Frage verlangt, weil ohne hinlänglichen Unterhalt kein Familienglück bestehen kann, so müssen Sie mir meine Ängstlichkeit vergeben. Die ich mich mit wahrer Ergebenheit und Freundschaft nenne
Ihre treue Freundin von Lengefeld.«
Zwei gute und treuherzige Briefe von Rudolstädtern in der Ferne trafen ein, der eine noch an Fräulein von Lengefeld in der Neuen Gasse, der andere bereits an Frau Hofrätin Schiller in Jena.
»Genf, den 27. Januar 1790.
Daß ich an der Entscheidung Ihres Schicksals, liebes Lottchen, den lebhaftesten Anteil nehme, dafür bürgt Ihnen meine Freundschaft für Sie. Mögen Sie mit dem Manne, den Sie sich gewählt haben, in allen künftigen Lagen Ihres Lebens immer so glücklich sein, als es Ihr gutes edles Herz verdient. Einer meiner sehnlichsten Wünsche wird dadurch erfüllt werden. Schiller, der mir bereits für seinen Geist die größte Achtung eingeflößt hat, soll mir auch in dem neuen Verhältnisse, in welches ich mit ihm durch Sie gesetzt werde, herzlich willkommen sein, und ich bitte Sie, ihn von meiner aufrichtigsten Freundschaft zu versichern.
Es ist freilich eben so gar artig nicht, daß Sie so mit einem Male Ihrem alten Lehrer aus der Schule laufen und mich, Ihren alten Freund, verlassen. Allein ich würde zuviel Eigennutz verraten, wenn ich mich zu sehr darüber beschweren wollte, und Knebeln muß es doch eigentlich recht wohl tun, seine Schülerin nun als hochgelehrte Professorin auf der Hohen Schule zu wissen. Ich will nun von Ihnen recht viel lernen, vorzüglich rechne ich sehr darauf, durch Ihre Vermittelung bisweilen etwas von Schillers historischen Vorlesungen zu erhalten. Seine erste im Merkur eingerückte Vorlesung habe ich kürzlich gelesen. Sie ist ganz meisterhaft und hat mir außerordentlich gefallen. Schiller behandelt die Geschichte genau so, wie ich immer gewünscht habe, sie behandelt zu sehen. Jede einzelne Geschichte wird durch seine Darstellung ein schöner Teil von einem großen harmonischen Ganzen, von der Geschichte der Menschheit.
Daß Sie uns in Rudolstadt nicht ganz vergessen, und daß Sie sich so einrichten werden, daß Sie alle Ferien bei uns mit Ihrem Freunde zubringen, darauf zähle ich sicher.
Leben Sie wohl, liebes Lottchen, und lassen Sie bald wieder etwas von sich hören.
von Beulwitz.«
»Genf, den 15. März 1790.
Bestes Schwesterchen,
wie sehr Ihr Wohl und Glück Ihrem Brüderchen am Herzen liegt, wie sehr er sich jetzt freut, Sie in derjenigen Lage zu sehen, die Sie sich selbst wünschten und wählten, können Sie sich leicht vorstellen. Nichts konnte mir mehr Vergnügen machen, als Sie mit einem so braven Mann, als Herr Schiller ist, verbunden zu sehen. Erlauben Sie mir, mich bei dieser Gelegenheit zu fernerer Freundschaft zu empfehlen. Recht oft hoffe ich Sie mit Ihrem lieben Mann in Rudolstadt zu sehen, und so manche angenehme Stunde soll uns im freundschaftlichen Zirkel verfließen. Dann singen wir Herrn Schillers Lied an die Freude! Jetzt muß unser Lieblingsdichter diese Stelle doppelt fühlen: ›Wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein!‹ –
Darf ich bitten, mich Herrn Schiller zu fernerer Freundschaft zu empfehlen. Bald werde ich Ihnen mündlich sagen können, wie sehr ich Sie verehre, und bin
Ihr aufrichtiger Freund und Diener Ludwig Friedrich.«
* * * * *
»An einem Montag, den 22. Februar 1790, wurden wir in Wenigenjena vom Diakonus Schmidt getraut.
Schiller kam einige Tage vorher nach Erfurt, wo ich und Karoline war, uns abzuholen. Wir kamen Sonntag abends nach Jena. Den Montag früh fuhren wir drei zusammen nach Kahla, wo wir meine Mutter abholten. Es war ein Frühlingstag wie heute, wo ich dieses mit Schmerzen niederschreibe. Von Kahla fuhren wir gegen 2 Uhr ab und kamen um 5 Uhr ganz in der Stille in Wenigenjena an, stiegen an der Kirche aus, niemand war bei der Trauung zugegen, als meine Mutter und Karoline. Den Abend brachten wir still und ruhig miteinander in Gesprächen zu beim Tee. So verging der Tag, der so viele Freuden in seinem Gefolge hatte und so viele Schmerzen. Jeglichen Menschen erwartet sein Tag, auch meiner wird kommen!«
Aus Charlottes Tagebuch.
Das Frühjahr 1791
Das Jahr 1791 begann mit Not und Sorge. Am 3. Januar bei einem Hoffest in Erfurt war Schiller zusammengebrochen. Der Arzt schaffte wohl Linderung, aber nicht Heilung. Am 9. Januar erfolgte die Reise nach Weimar, am 11. die Rückkehr nach Jena. Im Briefwechsel des Freundeskreises ist die Sorge und die Hoffnung zu erkennen, mit der alle die Ereignisse im Befinden Schillers begleiteten. Erst am 22. Februar führt der Genesende selbst wieder die Feder und berichtet dem Dresdener Freund seinen Zustand und seine Pläne für den Sommer. Schon am Krankenlager hatte sich ein Wetteifer gezeigt: nicht nur Verwandte und altbewährte Freunde hatten einander übertroffen in ihren Bemühungen, auch neue Anhänger bewarben sich, wenigstens einmal eine Nachtwache leisten zu dürfen. Schillers philosophische Studien hatten ihm Schüler in reiferen Mannesjahren zugeführt, die nur vorübergehend Jena aufsuchten, um seinen persönlichen Verkehr zu genießen. Im Anfang des April folgten ihm einige dieser neuen Freunde auch in seine Erholungszeit nach Rudolstadt.
Geselliges Leben entwickelt sich hier, drei- bis viermal die Woche wird ein Spazierritt unternommen. Am 24. April folgt Schiller einer Einladung zur Hoftafel, die Umgebung ist heiter, aber er selbst beurteilt seinen Zustand mit klarem Blick: ›Ich mag niemand sagen, daß ich meine Beschwerden behalten muß. – Es soll mir nicht an Mut fehlen, wenn auch das Schlimmste über mich kommen wird.‹
Zu dem neuen Kreise gehörte der fünfundzwanzigjährige Mediziner Benjamin Erhard aus Nürnberg, Kantischer Philosoph, Mathematiker, Zeichner und Musiker, ein bestimmt auftretender, humorvoller Mensch, dessen Wesen Schiller mit fühlbarem Anteil schildert. Er berichtet in seinen Denkwürdigkeiten: »Durch Schillers Bekanntschaft wurde ich veranlaßt, ihn in Rudolstadt bei seinem Schwager zu besuchen. Ich verlebte hier einige der glücklichsten Tage meines Lebens, unter lauter gebildeten Menschen, die mich an äußerer Bildung alle übertrafen, und die doch Güte genug hatten, mir meine innere als Ersatz für die äußere anzunehmen. Die Prinzen und Prinzessinnen kamen beständig in dieses Haus, und meine geringe Fertigkeit im Zeichnen und Kenntnis des Generalbasses erwarb mir ihre Gunst. Der Ton, der hier herrschte, war die unschuldigste Geselligkeit, die ich bisher gesehen hatte. Ich war eines Abends auf dem Schlosse und phantasierte auf Verlangen auf dem Fortepiano; meine Laune gab mir deutsche Tänze ein, und diese wirkten auf die Gesellschaft so, daß sie zu tanzen anfing, und ich meine Tänze fortspielen mußte. Reinhold, der auch auf Besuch hier war, sagte mir ins Ohr: ›Nun erfahre ich, was ich in meinem Leben nicht erwartet habe, daß ein Hof nach der Musik eines Philosophen tanzt.‹ Das hörte aber doch ein Nahestehender, der Scherz wurde in der Gesellschaft verbreitet und gefiel jedermann. Mit dem Buchhändler Göschen ging ich zu Fuß nach Jena zurück und fand auch in ihm einen Freund.«
Aus dem Bekanntenkreis, zu dem auch der Freiherr von Hardenberg, der Dichter Novalis, gehörte, nennt Schiller noch einen Klagenfurter Fabrikanten Baron von Herbert und zwei Livländer, Baron von Adlerskron, Offizier und Philosoph, und Karl Gotthard Graß, der sich als Theolog, Philosoph, Dichter und Maler betätigte. Aus dessen Feder besitzen wir die Schilderungen von Schillers Krankheit, die ihn am 7. Mai überfiel. Aus seiner Heimat schreibt er 1795 an Schiller: »Es sind vier Jahre, vier Jahre! verflossen, seit ich in Rudolstadt von Ihnen ging; nur wenn ich auf die Lebhaftigkeit meiner Rückerinnerungen an jene Augenblicke sehe, scheinen es mir so viele Tage zu sein. Ich sehe noch jeden einzelnen Moment unverrückt und deutlich vor mir. Wie wir am Bett saßen und Ihnen vorlasen, und was wir lasen; wie wir die Mondlandschaft vor Ihnen aufstellten; dann wieder, wie Ihre Gattin an Ihrem Bett kniete und die Tränen verbarg, und Ihre Hände sie umschlangen; wie Sie mit mir Malaga und auf Wiedersehen tranken; dies alles, und was Sie mir sagten, und was ich empfand, dies alles ist mir so gegenwärtig, wie von gestern her. Ich kenne jeden Zug Ihres Gesichts, ich höre Ihre Stimme, und die leiseste Berührung dieser Erinnerungen durchdringt meine ganze Seele!«
Aus Neapel beantwortet er die Nachricht von Schillers Tod, unter der er zusammenbrechen wollte; dabei fließt ihm in die Feder: »Erinnern Sie sich noch eines Augenblicks, der mir unvergeßlich ist, als Schiller in Rudolstadt so krank war: Ich befand mich in seinem Zimmer und hatte, indem ich am Fenster stand und las, mir das Bild des Leidenden und das Edle und Große, welches seine Form und seine Züge umschwebte, tief eingeprägt. Er hatte, soviel ich weiß, etwas Opium genommen, die heftigen Krämpfe zu stillen, und lag da, leicht entschlummert, wie ein Marmorbild. Sie befanden sich im Nebenzimmer, wo ich Ihnen die Schillersche Übersetzung des vierten Buchs der Äneide vorgelesen hatte, und von Zeit zu Zeit kamen Sie an die Türe, sich nach Schiller umzusehen. Sie sahen ihn also da liegen und nahten leise auf bloßen Strümpfen, und ebenso leise knieten Sie mit gefalteten Händen vor sein Bette hin. Ihr loses dunkles Haar floß über die Schulter. Still weinte Ihr Auge. Sie hatten es wohl kaum bemerkt, daß noch jemand im Zimmer war. Der ohnmächtige Kranke schlug indessen etwas die Augen auf. Er erblickte Sie; mit Leidenschaft umschlangen plötzlich seine Arme Ihr Haupt, und so blieb er auf Ihrem Nacken ruhen, indem ihn die Kraft von neuem verließ. Verzeihen Sie, daß ichs wagte, Ihnen eine Szene zu schildern, die so heilig und himmlisch war, daß nur Unsterbliche sie belauschen sollten. Begreifen Sie nun, daß ich Schiller und Sie nie vergessen konnte?«
Treuer Pflege, der Hilfe der Rudolstädter Ärzte Conradi und Beythan, sowie des Jenaer Hofrats Stark gelang es, den Leidenden zu retten. Am 9. Juli reiste er mit Frau und Schwägerin nach Karlsbad, von wo Lotte meldet, daß die Kur guten Erfolg hat. Karoline wurde nach Rudolstadt zurückberufen, denn am 21. Juli fand die Vermählung des Erbprinzen Ludwig Friedrich mit der Prinzessin Karoline Luise in Homburg statt, und am 5. August sollte der feierliche Einzug des jungen Paares in Rudolstadt erfolgen.
* * * * *
»Am 10. April 1805. Jeder Mensch sollte die Geschichte seiner Empfindungen für sich selbst aufsetzen, nicht sich ängstlich beobachten und immer mit seinem Gewissen sich abfinden, sondern sich mit freiem Sinne prüfen, wie die äußern Gegenstände auf uns wirken. –
Je länger man in der Welt lebt, je näher man die Menschen beleuchtet, je mehr flüchtet man sich in sein eigenes Herz zurück. Welche Zwecke, welche Neigungen leiten die, die wir beobachten! Falsches Streben nach unerreichbaren Dingen ist beinah die ganze Existenz mancher Naturen. Wo ist der Friede zu finden, wenn er nicht in uns ist?
Je gebildeter die Natur, je näher den Abwegen! Kein Mittelweg führt zu dem Genuß einer ruhigen Existenz. Haben wir das Schicksal beschworen, so entsteht in uns selbst der Kummer. Immer das Unerreichbare zu erringen strebt die Natur. Immer in jeder Lage, in jedem Moment des Lebens ist nur Hoffnung nach etwas Besserem, für etwas Besseres der einzige Stab, auf den wir unsere wankende Existenz stützen. Soll dieses ewige Streben nach dem Besseren zwecklos sein? Soll es nicht dem Geist die Deutung geben, daß es einen Ort gibt, wo endlich alles Hoffen erfüllt wird?«
So schrieb die ehemalige Rudolstädterin in ihrem Heim an der Esplanade zu Weimar, als der Gatte hoffnungslos darniederlag.
Vier Wochen darauf trat das Ereignis ein, das die ~Chère mère~ in einer Urkunde bezeugt: »Den 9. Mai, abends zwischen 5 und 6 Uhr ist mein Schwiegersohn, Hofrat von Schiller, Mitglied der Witwensozietät, mit Tod abgegangen.«
Eine schwache, achtunddreißigjährige Witwe, brach Charlotte am Sterbebette in der Dachstube zusammen, dann nahm sie die Last auf sich, die eine gütige Vorsehung sonst nur den Armen eines Menschenpaares zumutet: Unmündige zu tragen und zu führen, bis sie ihren Lebensweg aus eigener Kraft weitergehen können.
Schillers Familie in Rudolstadt
Nach Schillers Verheiratung löste sich bald der Hausstand in der Neuen Gasse auf. Frau von Lengefeld hatte schon 1789 ihr Amt als Erzieherin der Schwestern Ludwig Friedrichs angetreten und bezog eine Wohnung auf der Heidecksburg. Karoline von Beulwitz trennte sich von ihrem Gemahl, verließ Rudolstadt und ging 1794 eine neue Ehe mit Wilhelm von Wolzogen ein.
Über den Verkehr Schillers und der Seinen enthalten die Hoffurierbücher trockene, aber genaue Auskunft, da jede Mahlzeit und jedes Nachtquartier eingetragen ist.
»Herr Schiller und Frau Hofrätin sind vom 2. bis 12. September 1799 mittags an Erbprinzen Tafel und abends bei fürstlicher Tafel gewesen.«
Bis 1803 wohnt »Frau Hofrätin Schiller« wiederholt bei ihrer Mutter, dann tritt eine Pause ein bis 1810. Als zwölfjähriger Knabe besingt Ernst von Schiller romantisch schwärmerisch die Kapelle im Mörlagraben und dichtet eine Ballade: Der Ritter und die Saalnixe. Bald erscheint »Herr von Schiller«, der siebzehnjährige Sohn Karl, als Gast an der fürstlichen Tafel. Am 23. Februar 1811 nimmt Ernst an einem Maskenfest auf dem Schlosse teil als Marquis Posa und fällt auf, wegen seiner großen Ähnlichkeit mit dem Vater, die kleine Karoline gesellt sich zu den fürstlichen Kindern. Karl verkehrt als »Herr Leutnant von Schiller« bis 1815 an der Familientafel, Ernst »der Herr Kammerassessor« bis 1818, dann führt der Beruf sie beide in die Ferne. Von 1819–1823 feiert »Frau Hofrat von Schiller mit zwei Fräulein« regelmäßig den Geburtstag der Mutter am Hofe, Emilie hat Beziehungen zu Familien in der Stadt, Karoline findet sich am 28. November 1822 als »bleibender Gast« auf dem Schlosse ein.
Am 11. Dezember 1823 verschied die ~Chère mère~, und die Fürstin Karoline Luise wurde den drei vereinsamten Frauen aufrichtige Freundin und treue Beraterin.
Drei Jahre später, am 9. Juli 1826, starb Charlotte in Bonn. Sie hatte den Augenarzt von Walther daselbst aufgesucht, um ihr Starleiden heilen zu lassen. Die Operation gelang, aber Schwindelanfälle und Atemnot traten ein. Ernst von Schiller zeigt der Fürstin Karoline Luise den Tod der Mutter an: »Ich fand sie phantasierend, doch mit helleren Momenten, in deren einem sie meine Anwesenheit erkannte und einige, doch schwache Teilnahme zeigte. Die Bilder ihrer Phantasie waren mild, es war der Regen, der die Blumen erquicken würde. Ich holte Walther, der mir gleich sagte, daß sie rettungslos verloren sei, es sei ein Nervenschlag, der durchaus unerwartet gekommen wäre. Um halb 5 Uhr hörte sie auf zu sprechen. Ohne irgendein Zeichen ihres Bewußtseins zu geben, hauchte die Vortreffliche morgens gegen 6 Uhr ihr edles Leben aus. Emilie und ich waren zugegen. Euer Durchlaucht kennen den Schmerz und werden den unsrigen begreifen.«
Emilie war ein hochstrebendes Wesen und fühlte schwer den Kampf zwischen ihren Idealen und der Wirklichkeit. An ihren Bruder Ernst schloß sie sich eng an. Seelsorgerin in allen Gewissensangelegenheiten blieb ihr die Fürstin in Rudolstadt, bis Adalbert von Gleichen sie 1828 als Gattin heimführte.
Über Karolines Verkehr und ihren Aufenthalt in Rudolstadt ist die zuverlässigste Kunde erhalten geblieben. Schon als Kind hatte sie gern mit jüngeren Kindern verkehrt. Noch bei Lebzeiten der Mutter war sie in das Katharinenstift zu Stuttgart eingetreten, um Erziehung und Unterricht gründlich kennenzulernen. Krankheit und Tod der Mutter bestimmten sie, sich eine eigene Stellung im Leben zu suchen. Bei allen Entscheidungen war auch ihr die »Fürstin Mutter« in Rudolstadt eine treue und nimmermüde, vielerfahrene Freundin. In die Familie des württembergischen Herzogs Eugen zu Karlsruhe in Schlesien trat sie ein, um diesem eine achtjährige Tochter zu erziehen. Als die Tätigkeit dort zu Ende war, legten die alten Beziehungen der Eltern zu Hof und Stadt sowie die neuen Verbindungen der Schwester Emilie zu der Familie von Gleichen den Gedanken nahe, nach Rudolstadt zurückzukehren. Vor Not blieb sie bewahrt, da sich der geistige Nachlaß des Vaters in Barbesitz der Erben verwandelte. Nun trat eine arbeitshungrige dreißigjährige Dame in das Leben der kleinen Residenz ein. Studium und Lektüre befriedigten sie nicht. Die philosophischen und dichterischen Werke des Vaters beherrschte sie vollkommen, und anderen davon mitzuteilen durch Vortrag oder Einübung von Rollen bereitete ihr Genuß und Freude. Eine Entscheidung im Gemütsleben hatte sie standhaft überwunden und »durch herrliche, edle Menschen Trost und Erquickung in der Freundschaft empfangen.« Nunmehr folgt sie dem Zuge des Herzens, »um das Ideal ihres Lebens ins Werk zu setzen«.
Am 26. Mai 1832 veröffentlicht sie ihr »Anerbieten. Wenn es einigen Eltern erwünscht sein könnte, ihre Töchter unter weiblicher Aufsicht unterrichten zu lassen, so erbiete ich mich gern, sie vom siebenten Jahre an täglich 5–6 Stunden bei mir aufzunehmen.«
Am 25. Juni beginnt der Unterricht, außer ihr selbst ist ein Kandidat und eine Handarbeitslehrerin an der Klasse beschäftigt. Vom Jahre 1834 an erteilt der Theologe und Mathematiker Augustin Regensburger den wissenschaftlichen Unterricht, und mit ihm tritt ein Geistesverwandter in die Gefolgschaft der Stifterin ein.
Unter den Schülerinnen des Jahres 1835 wird Franziska Junot genannt, ihr Vater war der Bergrat Junot in Katzhütte. Vornehme, heitere Ruhe wird ihm nachgesagt. Aus erster Ehe Witwer geworden, mag er sich nach einer mütterlichen Versorgerin für seine sechs Kinder umgesehen und dabei das feinsinnige Erziehertalent Karolines erkannt haben. Am 26. Juli 1836 fand die Trauung statt in der Kirche von Volkstedt, auf der 48 Jahre vorher das Auge des Vaters täglich geruht hatte. Am 1. April 1839 gab Karoline einem Söhnchen das Leben. Es erhielt die Namen Felix Karl, trug das goldleuchtende, wallende Schillerhaar und wies vielversprechende Anlagen auf; aber eine jäheintretende Krankheit setzte seinem Dasein ein frühes Ende. Er starb am 27. April 1844 in Rudolstadt. Sein Grab liegt auf dem alten Friedhof links, gegenüber der Friedhofshalle.
Als Junot in das Kammerkollegium nach Rudolstadt berufen wurde, bezog die Familie im Hause Augustenstraße 10 eine Wohnung. Ihre Nachbarn erinnerten sich noch lange gern des stattlichen, würdevollen Paares, das seine abendlichen Erholungsgänge auf und ab in der Straße unternahm. Durch Freude und Sorge des täglichen Lebens klingt aus den Briefen Karolines ein tiefbegründetes ideales Streben, das in religiösem Trost über die Wirklichkeit erhob.
Bald sollte ihr neue Prüfung auferlegt werden, die Kirchennachrichten melden am 4. Januar 1846 »Gestorben: der Fürstliche Bergrat, Herr Franz Karl Emanuel Junot, 60 Jahre, 8 Monate und 12 Tage alt.« Karolines Privatanzeige schließt: »Wir werden die vielfachen Beweise der Liebe und Achtung gegen den Geschiedenen stets in dankbarem Herzen bewahren.«
Auf einer Reise zum Besuch der Schwester auf Greifenstein bei Bonnland in Unterfranken erkrankte Karoline, und der Tod erfüllte ihr Sehnen am 19. Dezember 1850 in Würzburg.