Schiller in Rudolstadt

Part 3

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Am 17. Juli 1788 trug der achtzigjährige Fürst Ludwig Günther in seinen Kalender ein: »Diese Nacht ist ein sehr starkes Gewitter gewesen. Den Morgen ¾ auf 4 hat es in den Kirchturm eingeschlagen und ziemliche Verwüstung an den Fenstern und auch an den Mauern angerichtet. Ich ritt dahin, um den Schaden anzusehen.«

Zwei Tage darauf meldete das Tagebuch des jungen Erbprinzen Ludwig Friedrich: »Ich war bei Lengefelds. Ich zeichnete mit der Frau Hofrätin. Der Herr von Ketelhodt las uns in der neuen Geschichte des Herrn Schiller vor. Gegen Abend trat der Verfasser dieser Geschichte zur Tür herein und lud die Gesellschaft zu einem Spaziergang ein. Wir gingen über den Damm zur Stadtkirche und sahen die Verwüstungen, die durch das Gewitter entstanden. Auch wallfahrte Herr Schiller als guter Geschichtschreiber zu dem Grabe der heldenmütigen Katharina.«

Dieses Grab liegt hinter dem Taufstein unter dem Altarraum und ist mit einer Erzplatte bedeckt. Die lateinische Inschrift besagt, daß Graf Wolrad von Waldeck und seine Gemahlin Anastasia ihrer Mutter und Schwiegermutter, der Gräfin Katharina von Henneberg, verwitweten Gräfin von Schwarzburg, eine selige Auferstehung wünschen. Katharina war auf ihrem Witwensitz, der Heidecksburg, am 7. November 1567 gestorben. Als entschiedene Bekennerin der evangelischen Lehre, als leutselige und fürsorgliche Beschützerin der Armen und Bedrängten, lebte sie in der Erinnerung fort, und mehrere Geschichtswerke erzählten, wie sie unerschrocken und kühn dem gefürchtetsten Heerführer der Reformationszeit entgegengetreten war.

Das schlug in die Richtung der Studien ein, mit denen Schiller gerade beschäftigt war. Er ging den Quellenberichten nach und faßte sie zu dem Aufsatz zusammen, der aus seinen Werken oft abgedruckt und weit verbreitet worden ist: Herzog von Alba bei einem Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt, im Jahr 1547.

Für ihre Ortschaften hatte die Gräfin gesorgt durch einen Sauvegardebrief: die spanischen Truppen verpflegte sie, damit ihre Untertanen nicht durch Plünderung zu leiden hatten. Schilder mit dem Wappen der Gräfin waren in jedem ihrer Dörfer angebracht. Herzog Alba und seine Begleiter saßen bei einem Gastmahl auf dem Schlosse, als die Nachricht eintraf, daß in Hasel und Cumbach geplündert wurde. Rasch entschlossen ließ Katharina Saal- und Schloßpforten durch ihre Bewaffneten besetzen und forderte, daß dem Kriegsbrauch Einhalt getan wurde, widrigenfalls: »Fürstenblut für Ochsenblut!« Mit sauersüßer Miene gaben die Herren Befehl, das geraubte Vieh den Eigentümern wieder auszuliefern.

Die mündliche Überlieferung berichtet, daß Schiller wiederholt auch den Turm der Stadtkirche besucht hat, wo vier wertvolle Glocken bis heute erhalten sind. Eine von ihnen soll seine Aufmerksamkeit dabei besonders gefesselt haben. Diese Andreasglocke trägt stark erhaben das Bild des Schutzpatrons der Kirche, um ihren Hals zieht sich zartes gotisches Spitzenwerk und faßt zwei Spruchbänder ein. Das untere Band enthält die Nachricht von der Entstehung der Glocke: »Anno domini 1499. Osanna heis ich, Curdt Kerstan gos mich. Er Cristofferus von Wiczleuben. Pharner.« Sie war in dem angegebenen Jahre auf dem Platz hinter der Kirche von dem bedeutenden Erfurter Meister gegossen worden, und der Pfarrer von Witzleben gehörte der Rudolstädter Reformationsgeschichte an.

Das obere Schriftband bringt den Beruf der Glocke in Worte: »~Dulce melos clango, sanctorum gaudia pango, defunctos plango, vivos voco, fulgura frango.~« Süßen Laut klinge ich, Freuden der Gläubigen singe ich, Tote beklage ich, Lebende rufe ich, Blitze wehre ich ab. In mehreren Lesarten findet sich dieser Sinnspruch auf 133 Glocken. Verkürzt um die beiden ersten Glieder, hat ihn Schiller über sein »Glockengießerlied« gesetzt: ~Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango.~

Aus dem Dämmerlicht der Glockenstube schweifte das Auge gern hinaus in die frische leuchtende Landschaft. Unten am Fuß des Kirchhügels lag Charlottes Jugendheim, der Heißenhof, ihm gegenüber die Ludwigsburg, und in deren Nähe, am Ausgang der Stadt die Glockengießerei von Mayer. Hier hatte seit 1715 schon der Schweizer Geschütz- und Glockengießer Johann Feer sein Gewerbe betrieben, und dann seit dessen Tode 1759 der Nürnberger Rotgießer Johann Mayer. Volkstedt und Rudolstadt nehmen in der Geschichte des Thüringer Glockengusses eine hervorragende Stelle ein seit dem Mittelalter. In der Familie Mayer, die ihr Kunstgewerbe bis 1872 ausübte, hat sich von Geschlecht zu Geschlecht in ganz bestimmter Fassung die Kunde vererbt, wie Schiller wiederholt die Gießhütte besucht hat, wie der Ahnherr zunächst gar nicht besonders erbaut war über die Störung der Arbeit, daß der bleiche Gelehrte aber rücksichtsvoll in dem hochlehnigen Stuhl an der Wand Platz genommen hat, um die Arbeit nicht zu stören. Auch Karoline von Wolzogen erinnert sich dessen, als sie das Lied von der Glocke erwähnt: »Lange hatte Schiller dieses Gedicht in sich getragen und mit uns oft davon gesprochen als einer Dichtung, von der er besondere Wirkung erwartete. Schon bei seinem Aufenthalt in Rudolstadt ging er oft nach einer Glockengießerei vor der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine Anschauung zu gewinnen.«

Weil er seine Kenntnisse von der Technik des Glockengusses noch einmal nachprüfen wollte, schlug Schiller später die ökonomisch-technologische Enzyklopädie von Krünitz auf. Dort fand er eine Glocke in Schaffhausen erwähnt, die den Glockenspruch in der knappen Fassung trägt, wie sie ihm dann geeignet erschien. Diese Glocke selbst hat er nie gesehen. Auch sonst erheben eine Stuttgarter und die beiden Apoldaer Firmen Anspruch darauf, den Dichter als lerneifrigen Liebhaber in ihre Kunst eingeführt zu haben. Sollte ein triftiger Grund für diese Annahmen vorhanden sein, so findet sich leicht eine Erklärung dafür. Glockenguß ist technisch, wissenschaftlich und künstlerisch ein so anziehendes Gewerbe, daß jeder, der sich einmal aufmerksam darum gekümmert hat, gern die Gelegenheit wahrnimmt, seine Beobachtungen fortzusetzen und zu ergänzen.

An der heutigen Maschinengießerei, Jenaische Straße 1, fordert eine kleine Schrifttafel, verfaßt von Augustin Regensburger, auf, Johann Mayers und seines Meistergesellen zu gedenken:

Steh, Wandrer, still, denn hier erstand, Daß keine zweite möglich werde, Gebaut von Schillers Meisterhand, Die größte Glockenform der Erde.

Charlottes Jugendheim

Von dem Haus, wo Charlotte ihre Kindheit verlebte, besitzen wir eine gemütvolle Schilderung aus ihrer eigenen Feder:

»Die Lage unserer Wohnung war höchst romantisch; an einer kleinen Anhöhe, die mit Obstbäumen bepflanzt war, lag unser Haus. Die vordere Seite hatte einen großen Hof, der mit einem kleinen Garten begrenzt war. Vor uns lag ein fürstliches Lustschloß und rechts eine alte Kirche, deren schöner Turm mir manche Phantasien erweckte, und das Geläute der Glocken, das ich zu allen Stunden hörte, stimmte mich oft ernst und melancholisch. Ich stand stundenlang an meinem Kammerfenster, sah in die dunkeln Fenster des Turms hinein, hörte den Glocken zu und sah die Wolken am Himmel sich bewegen. Mein Horizont war frei. In der Ferne sahen wir schöne Berge und ein altes Schloß auf dem Berge liegen, das oft das Ziel meiner Wünsche war. Ich stellte es mir auch gar zu hübsch vor, über die Heide, so hieß die Reihe der Berge vor meinen Augen, zu wandern und da neue Dörfer, eine neue Welt zu sehen. Auch eine Hängebirke, die in einem der Gärten stand, die ich aus meinen Fenstern, meiner kleinen Welt, übersehen konnte, hat mir viel Anlaß zu Betrachtungen gegeben.

Ich hatte Unterricht in den Morgenstunden; ich lernte nicht gern, und es war mir peinlich, wenn ich die Stunde schlagen hörte, und mein Lehrer begann eine neue Materie des Unterrichts. Französisch lernte ich auch nicht gern; Zeichnen und Schreiben wurden mir auch schwer. Aber am aller unangenehmsten war mir die Tanzstunde. Mittags freute ich mich immer an Tisch zu gehen; da saß mein Vater und erwartete uns, er konnte nicht allein gehen, und seine Jäger, deren er viele hatte, mußten ihn stets führen.

Er war immer heiter und freundlich bei Tisch, erzählte uns lustige Geschichten, erkundigte sich nach unserm Fleiß, ließ sich auch oft von seinen Jägern erzählen, wie es in der Welt ging, die ihn interessierte. Er hatte die Wälder, die er meistens anlegte, mit Liebe gepflegt. Alles war ihm wichtig; jeder neu erworbene Baum vergrößerte sein Interesse. Ich hörte gar zu gern zu, wenn solche Gespräche kamen, und dachte mir immer, wie es da und dort aussehen müßte. Ich sah die Plätze im Geist und lebte mit den Bäumen der Wälder, mit den Höhen und Tälern, mit den Nebeln, wie Ossian in seiner Welt, am liebsten. Nach dem Essen kam der Lehrer, und wir hatten Unterricht in der Geographie, lasen Zeitungen oder schrieben Briefe. Alsdann kam noch der französische Sprachmeister, und unsere Stunden hatten ein Ende. Der übrige Teil des Tages gehörte uns.

Wir gingen auf unserm Berg herum, und ich bildete mir ein, jeder neue Busch, den ich fände, sei auch andern fremd. War es böses Wetter, so setzte ich mich still in einen Winkel und hörte Karolinen und Amalien zu, die eine Art dialogisierter Romane spielten. Eine war immer eine Heldin des Stücks, und statt zu erzählen, wie es geschehen sei, dramatisierten sie die Geschichte. Dieses hatte unendlichen Reiz für mich. Ich saß dabei und hörte alles an und war begierig, wie es enden würde. Wie alle Romane und Theaterstücke, so endete sich dieses auch immer mit einer Heirat.

Hatte mein Vater Geschäfte mit seinen Jägern des Abends, so kam meine Mutter und die Kusine, eine fertige Leserin, las uns vor. Ich arbeitete nicht gern in früherer Zeit, so gerne ich jetzt tätig bin. Ich hatte noch eine Art Unterhaltung, die mich besonders anzog. Ich hatte Figuren aus den Kalendern, die ich mir künstlich ausschnitt. Mit diesen spielte ich die Romane nach, die ich hörte. Es gab aber noch wenige zu der Zeit, zumal deutsche.

Nach sieben Uhr gingen wir zu unserem Vater, wo wir ein kleines Mahl einnahmen, und nach dem Essen blieben wir noch bei ihm bis um neun Uhr, wo meine Mutter uns begleitete. Die Mädchen im Hause wurden versammelt, die Kusine las einen Abendsegen, es wurde ein geistliches Lied gesungen, die gute Mutter segnete ihre Kinder ein, und so gingen wir gläubig zur Ruhe und erwarteten den andern Morgen, um wieder so zu leben.

Noch ehe wir aufstanden, war der geschäftige Vater schon in den Wäldern, besah die Anlagen, ordnete die Holzschläge an, bestimmte die Jagdreviere, und meistens war die Mutter mit ihm. Hatte er keine solchen Geschäfte, so fuhr er mit ihr nach seinen Feldern. Er hatte aus Liebe zur Ökonomie Felder gepachtet. Da besah er, wie jede Pflanzung stand, ließ Anstalten zur Ernte machen, kurz er wies jedes Geschäft des Tages an.

Es war uns eine eigene Freude, die Ernte einfahren zu sehen, und an diese wiederkehrende Freude knüpften wir unsere Erinnerung. Bald halfen wir die Gemüse aufzubewahren, bald das Obst für den Winter zu legen, bald halfen wir einmachen und Obst trocknen. Alles wurde uns wichtig, und es wurde mit einer Wichtigkeit behandelt, wovon man nur in einer einfachen Lebensweise einen Begriff hat. Das ganze Haus hatte nur einen Gesichtspunkt bei einem ökonomischen Fest, alles war beschäftigt.

Ich zog indes freilich lieber auf dem Berg herum, den sich meine kindische Phantasie vergrößerte, suchte Blumen und Zweige und kam oft recht von Dornen zerrissen zurück und ganz atemlos. Bald wollte ich eine Blume pflücken, die unzugänglich war, bald fiel ich aus Unvorsichtigkeit den Berg hinunter, ohne Wunden ging keine meiner Streifereien ab. Kam zuweilen ein Besuch, der unsere Art zu leben unterbrach, so vernahmen wir nichts Neues, denn jeder lebte auf diese Art.

Ein Fest für uns war ein Besuch bei einem alten Geistlichen, dem Beichtvater unseres Hauses, der mit seiner Frau ein patriarchalisches Leben führte. Die runden Fensterscheiben im Zimmer, der große Schrank von Nußbaum mit großen geschliffenen Gläsern besetzt, mit Kirschen von Glas und einer ruhenden Kuh von Porzellan, die eine Butterbüchse war, war mir so lieb und erfreulich als der Kohlkopf in Vossens Luise. Ein schöner bunter Teppich lag auf dem Kaffeetisch. An der Seite des Zimmers war ein Fensterchen, das in die Küche sehen ließ, wo der Kaffee uns entgegendampfte, oder die schönen Kuchen gebacken wurden. Die Hoffnung, die Erwartung, was uns bevorstände, war für mich wichtig. Wenn der Tisch mit den Gaben des Herbstes prangte, saß ich recht gemütlich und hörte den Gesprächen, die mit Einfalt im Gemüt gehalten wurden, zu und verlor mich in dieser Welt.

Wenn um sechs Uhr die große Glocke schallte, wir mochten in welchem Gespräch wir auch wollten begriffen sein, so faltete der alte gute Mann seine Hände und betete laut, wir beteten mit. Die alte Frau Pfarrerin ging zu ihm, rief ihm laut ins Ohr, denn er war taub: ›Glückseligen guten Abend, Papa!‹ und das vorige Gespräch begann wieder. Um sieben verließen wir diesen langen Besuch, aber nicht ohne Rührung über die Güte und Einfalt, im edeln Sinn des Wortes, unserer Freunde. Sie kamen auch öfters zu uns, und immer war es die nämliche Unterhaltung. Der alte Pfarrer las wenig, doch die Zeitungen, die zuweilen auch unser Gespräch machten, einige theologische Bücher und gelehrte Zeitungen, die ich immer mit einer Art Neugierde und Ehrfurcht ansah, lagen auf seinem Tische.

Besuche unseres Alters hatten wir in dieser Zeit selten. Sonntags gingen wir in die Kirche und der Vater an Hof. Die Mutter ging Donnerstags gewöhnlich hin. Das war auch ein Fest für mich, sie geputzt zu sehen, und ich beschäftigte mich oft in der Vorstellung damit. Sonntags hatten wir meistens oder gaben Besuche. Ein fehlgeschlagener Anschlag auf einen Besuch war immer störend, und die Kusine, die gern ausging, sann oft stundenlang darüber nach, wo man sich nur könne melden lassen.

Ein großer schöner mit Bäumen bepflanzter Gang an der Saale war auch an den Besuchtagen unser Spaziergang. Dort versammelte sich die schöne Welt, und dort begegneten wir auch unsern Gespielinnen.

Auch der fürstliche Garten unserer Wohnung gegenüber war Sonntags unser Ziel. Alles mir Unbekannte und Fremde dünkte mir wunderbar, dieser Zug ist mir aus meiner früheren Jugend auffallend. Der Garten mit holzgeschnitzten Figuren, mit einer Laube, worin ein großes Bild war, im Geschmack des Gartens, den der Apotheker in Hermann und Dorothea beschreibt: dies waren meine Kunstwerke. Ein plumper Neptun mit einem Dreizack in einem Bassin war mir auch verwunderungswürdig, und er kam mir oft in meinen Träumen wieder vor. Auch ein Labyrinth, in dem ich mich oft zu verlieren fürchtete, war mir bedeutend.

So lebte und trieb ich mein Wesen in engen Umgebungen bis in mein neuntes Jahr, wo unser guter Vater uns entrissen wurde.«

Karoline befand sich bereits in einem Alter, wo der Gedanke an den Tod schwere Seelenbewegung hervorruft, wie sie selbst bekennt:

»In meinem dreizehnten Jahre verlor ich den Vater. Seine Krankheit wurde mir wohl als bedenklich, doch nicht als einen nahen Tod drohend vorgestellt.

Noch hatte ich nichts Geliebtes durch den Tod verloren, so daß mir diese grauenvolle Erscheinung in ihrer Macht und Tiefe fremd war. Der Vater starb in der Nacht an einem Stickflusse. Die Diener kamen zu uns herauf in den oberen Stock, mit dem Befehl der Mutter, wir sollten uns ruhig in unserm Zimmer halten. Ihre Klagetöne drangen zu uns herauf, meine Unruhe trieb mich die Treppe hinab, um ihr und dem Vater näher zu sein. Es war am Morgen gegen drei Uhr, eine Lampe brannte schwach auf der Hausflur. Die Zimmer meiner Mutter öffneten sich, man ging aus und ein, ich lehnte auf dem Treppengeländer, um in das Innere derselben blicken zu können. Da hörte ich die Stimme des Vaters. ›Weißt du nicht, daß ein allmächtiger Gott lebt?‹ hörte ich ihn sagen. Die Stimme war mir sonderbar nahe, als töne sie von der Hausflur her. Doch zweifelte ich in dem Moment durchaus nicht, daß der Vater noch lebe und die Mutter zu trösten suche.

Als am nächsten Morgen das traurige Ereignis uns ausführlich mitgeteilt wurde, und meine Mutter äußerte, schon gegen ein Uhr in der Nacht sei der Vater sprachlos gewesen, sagte ich: ›Ich habe ihn ja um drei noch reden hören!‹ worüber alles verwundert war. Vor dem Abgeschiedenen hatte ich übrigens durchaus keine Scheu oder Furcht, ja ich weilte oft lange in seinem Kabinett, wo ich ihn zuletzt gesehn, und bat Gott, er möge mich ihn noch einmal sehen, ihn mir erscheinen lassen.«

Der Heyßenhof war im 16. Jahrhundert Sitz einer Familie Heyße, stand in alter Beziehung zum Rittergut Großkochberg, als dessen Inhaber ein Herr von Stein 1720 damit belehnt wurde. Von 1770 bis 1780 war er fürstliches Eigentum, dann ging er in den Besitz einer Müllersfamilie Mallenbeck über. Wann der Jägermeister von Lengefeld sich hier einmietete, und ob seine Töchter im Heyßenhof geboren wurden, kann nicht festgestellt werden. In ihrem Erinnerungsleben spielt aber diese Örtlichkeit eine bedeutsame Rolle, verlebten sie doch hier die Kindheitsjahre, die mit ihren frisch empfundenen Eindrücken am tiefsten und längsten bis in das Alter vorhalten.

Der Schönfeldsche Hof gegenüber war ebenfalls seit Jahrhunderten ein Kochberger Vorwerk gewesen. Die fürstliche Hofverwaltung hatte ihn 1706 erworben, und Prinz Ludwig Günther von 1734 an die Ludwigsburg gebaut und mit einem Garten in französischer Mode ausgestattet, wie ihn Charlotte sah.

Der Damm am Saaleufer, 1735 angelegt, senkte sich reich mit schattigen Bäumen bepflanzt als Wiese und Weide zum Flusse hinab, und links von ihm dehnte sich der Anger aus als ländlicher Tummelplatz mit Schießstand, Gaststätten und einem Sommertheater.

Der Herbst 1789

Schillers Geschichtswerk über den Abfall der Niederlande war im Rudolstädter Sommer abgeschlossen worden und zur Michaelismesse 1788 in den Buchhandel gekommen. Daraufhin konnte sich Goethe für Charlottes Freund und Frau von Steins Schützling verwenden, als die Professur für Geschichte in Jena ganz unerwartet erledigt war. Der Dichter sollte nun Mann der Wissenschaft sein und ein Lehramt mit drückenden Verpflichtungen übernehmen. Das kam ihn hart an, aber die Aussicht auf eine feste Staatsstellung verlieh ihm ein Recht, auf Charlottes Hand zu hoffen. In Lauchstedt bei Halle erhielt er ihr Jawort. Vor der besorgten Mutter mußte das vorläufig noch ein Geheimnis bleiben.

Das junge Glück beseelt ihn mit neuem Mut, und zwischen dem Ernst der Tagesarbeit ließt der Scherz in seine Worte: »Die Mohammedaner kehren, wenn sie beten, ihr Gesicht nach Mekka, ich werde mir einen Katheder hier anschaffen, wo ich das meinige gegen Rudolstadt wenden kann, denn dort ist meine Religion und mein Prophet.«

Als der Semesterschluß winkt, nehmen die Pläne für den Ferienaufenthalt bestimmte Form an: »Ich mache mir meine Ferien so gut zunutze, als ich kann. Es sind die ersten, die ich erlebe, und es kommt mir wunderlich vor, daß mir eine Zeit vorgeschrieben ist, wo ich frei über mich disponieren kann. Kommenden Winter lese ich die Woche fünf Stunden Universalgeschichte, von der fränkischen Monarchie an bis auf Friedrich II., und eine Stunde Geschichte der Römer.«

Zwischen den Gedanken an die Arbeit belebt ihn die Freude auf die Nähe der Braut:

»Jena, Dienstag, den 1. September.

Wie wird es mit unsern Abenden gehen, wenn ich in Volkstedt wohne? Ich will es so einrichten, daß ich gegen drei gewöhnlich in Rudolstadt bin, und zuweilen bleiben, bis die ~Chère Mère~ wieder geht. Zuweilen komme ich auch den Vormittag. Bei schlechtem Wetter kann ich zur Not im Wirtshaus oder sonst ein Absteigequartier finden. Den Tag, wann ich komme, weiß ich noch nicht bestimmt. Ich vermute, daß ich morgen über 14 Tage mein letztes Kollegium lese.«

Etwas bange stimmt ihn der Gedanke, daß sie die Sorgen der Mutter nicht steigern durch eine vorzeitige Kunde von ihrem Verlöbnis: »Die ~Chère Mère~ müßt Ihr bei ihrer Zurückkunft und, wenn ich da bin, eher fleißiger als nachlässiger besuchen, sonst gewöhnt Ihr sie, mich und eine unangenehme Erfahrung in ihrem Gemüt zusammen zu denken.«

Er muß zweierlei Briefe schreiben, solche die geheim bleiben, und »ostensible«, die von Hand zu Hand gehen dürfen, und erwirbt sich Anerkennung dafür:

»Du bist recht artig, daß Du sogleich den Brief geschrieben hast, und so schön, so fein angelegt, daß es aussieht, als überträfst Du uns noch in List. Nun im Ernst, mein Lieber, glaube nicht, daß es meine Mutter so sehr beunruhigen kann, wenn Du uns nahe bist. Sie soll nicht mißmutig sein, wenn wir uns freuen. Aber ich kann mir doch auch nicht denken, daß es sie zu sehr betrüben könnte. Sie hat Dich doch auch lieb, findet, daß man Deinen Umgang schätzen muß, dazu hat sie doch zu viel Verstand, um es nicht zu finden, und fühlt doch auch, daß wir so einsam sind, und uns Deine Gesellschaft wohltun wird. Sie soll morgen den Brief sehen.

Daß wir Dich nachmittags von drei Uhr bis gegen sechs oder sieben immer sehen wollen, haben wir auch schon ausgedacht, und wir gehen immer abends um acht Uhr nach dem Essen bei Hof. Da können wir immer zwei Stunden bleiben. Alle Tage kommt meine Mutter nicht zu uns, also werden wir uns oft ungestört sehn können. Lieber, wie freut sich mein Herz dieser Aussicht!«

Am 18. September trifft der sehnlichst Erwartete ein, und fünf Wochen, reich an Arbeit, hell durch Freude, getrübt von mancherlei Sorgen, vereinigen den Rudolstädter Kreis in der Neuen Gasse.

Karoline, die Schwester und Freundin, weiß in allem Bescheid:

»Endlich kamen die Ferien. Schiller bewohnte wieder sein Haus in Volkstedt und brachte Morgen- und Nachmittagsstunden bei uns zu, da die Abende größtenteils der Mutter gehörten. Das Geheimnis der glücklichen Liebe zwischen ihr und uns, welches zu ihrer Ruhe nötig war, empfanden wir als eine ungewohnte Störung doppelt schmerzlich in dieser goldenen Zeit, denn immer hatte Offenheit unter uns gewaltet. Doch tröstete uns der Mutter sich stets gleich bleibende Achtung und Freundschaft für Schiller. Dieser arbeitete an seinen Vorlesungen, an der Thalia und dem Geisterseher und schweifte in den schönen Herbsttagen in der Gegend umher, in der Erinnerung und Hoffnung ihn anlächelte. Auch manche poetischen Pläne und Stimmungen entsprangen diesen Wanderungen, auf denen wir ihn oft begleiteten. Die Liebe und die sichere Aussicht auf ein glückliches häusliches Leben, welches immer der Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen war, bildeten einen lichten Grund in seinem Gemüte. Aber die Ungewißheit der Epoche, wo Lottchen mit ihm leben könnte, erzeugte oft Sorge und Unruhe.

Es graute ihm vor der Einsamkeit in Jena. Der günstige Moment, seine Bitte dem Herzog von Weimar vorzutragen, lag noch fern, und an ihrer Erfüllung konnte man doch noch zweifeln. Da alles an der Festigkeit der Existenz, die die Mutter beruhigen konnte, hing, so erging sich unsere Phantasie in tausend Plänen, die dazu führen konnten. Städte, Länder und Verhältnisse mit wohlgesinnten Menschen, die nur der Gestaltung bedurften, lagen immer bereit.«

Unter den Plänen, die erwogen wurden, beschäftigte auch der ernsthaft die Gemüter, nur auf die schriftstellerische Tätigkeit den Hausstand, und zwar in Rudolstadt, zu gründen. All diesen Überlegungen kommt Frau von Stein zuvor, indem sie den Herzog bestimmt, für Schiller ein kleines Jahresgehalt zu versprechen. Nun gilt es ihm als erste Pflicht, der Mutter seiner Braut sein Herz und seine Lage zu eröffnen:

»Jena, den 18. Dezember 1789.