Schiff vor Anker: Erzählungen

Part 7

Chapter 73,874 wordsPublic domain

»Dat deit nix. Min lütj Tügloden smitt woll so veel af, dat wie Brot hebbt.«

Er war aufgestanden.

»Schall ick 't em seggen?«

Sie bot ihm die Hand zum Abschied.

»Jo, segg du 't man. Ick kann 't ne.«

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»Hinnik!«

»Wat schall ick?«

»No See kannst du ne kommen. Dat geiht ne. Din Mudder will 't ok ne hebben. Du kummst Ostern no mi un lierst de Timmeree. Dor hest ok jo fix Lust to, ne?«

Der arme Junge stand regungslos da und konnte nicht Ja und nicht Nein sagen. Ihm war, als habe man ihm das Herz in der Brust umgedreht und ihm die Fenster, in die die liebe Sonne schien, mit großen grauen Säcken verhängt.

»Hest du 't hürt, Junge?« fragte der Baas, als er noch immer keine Antwort bekam.

»Jo,« sagte Hinnik da heiser und guckte traurig vor sich hin.

Erst als der Baas fortgegangen war, rührte er sich wieder und sah finster und feindlich nach der Elbe. Die war zwischen ihn und die See getreten. Sie war nun nicht mehr der blaue, blinkende Weg zu der bewegten, unendlichen See: -- ein häßlicher, breiter Graben, der ihm alles versperrte. Es war auch ganz gleich, ob er mit dem Aalkorb noch wieder nach dem Priel hinabwatete oder ob er ihn im Gras liegen ließ.

Mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepreßten Lippen kletterte er müde den Binnendeich hinunter, wo er die Elbe nicht sehen konnte, und warf sich ins Gras. Ihm war zum Weinen zumute.

Aus dem Fenster aber folgten ihm zwei todestraurige Augen, und eine bekümmerte Mutter legte die Hände für ihr Kind zusammen.

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Seit dem Tage war Hinnik anders. Mit keinem Wort war das Geschehene erwähnt worden -- seine Mutter vermied es ängstlich, davon anzufangen -- aber es stand etwas zwischen ihnen, das nicht vergehen und nicht verwehen wollte. Hinnik war scheu und zurückhaltend und wich ihren Blicken aus. Strich sie ihm mit der Hand über die Stirn, so trat ein gequälter Ausdruck in sein Gesicht. Sie hatten ihm die große, schöne Lampe weggeholt und dafür ein armseliges Talglicht auf den Tisch gestellt und glaubten, er merke keinen Unterschied: -- das konnte er nicht verwinden.

Es war noch nicht viel besser geworden, als er schon auf der Werft stand und mit Hobel und der Axt umzugehen lernte. Wohl begriff er alles leicht und war anstellig und willig, aber in seinem Gesicht war deutlich zu lesen, daß die Arbeit ihn nicht freute, und daß er nicht mit dem Herzen dabei war.

Jan Siebert war aber dennoch guten Mutes und meinte zu Gesine, daß gut Ding seine Weile haben wolle.

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Wer weiß -- -- --

Vielleicht wäre Hinnik doch ein Zimmermann geworden.

Wenn nicht die Elbe so nahe gewesen wäre!

Wenn nicht so viele Ewer und Kutter vorbeigesegelt wären!

Wenn nicht die alten Fahrensleute immer von draußen erzählt hätten!

Und wenn Rudolf Holst an dem Tage in Hamburg einen Koch gekriegt hätte, wäre es vielleicht auch noch anders gekommen. Er kriegte aber keinen und schimpfte im Vorbeigehen, daß er nun liegen bleiben müsse und doch so gern mit der Nachttide hinuntergesegelt wäre.

Da konnte Hinnik nicht anders: er lief ihm nach und ließ sich als Junge annehmen.

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Abends erzählte ein aufgekommener Lüttfischer, daß er ihn auf dem Kutter gesehen habe.

»Mi hett dat ahnt,« sagte Jan Siebert zu Gesine, die trostloß dasaß.

»Den leet de See keen Ruh.«

Sie weinte nur noch mehr.

»He *will* verdrinken als sin Vadder.«

Er schüttelte verweisend den Kopf.

»So nich, min Diern. Nu he mol so wiet is un de See *sehn* hett, holt wi em ne mihr an Land. Lot em Fischer warn. Von tein bliff doch jümmer bloß een, un he hürt to de negen annern, de wedderkommt.«

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Der böse Ostwind hatte den Kutter schon zweimal nach der Weser gejagt, -- nun brachte eine gängige Brise aus Westen ihn mit vollem Zeug die Elbe herauf.

Gesine bekam gleich Order von Jan Siebert, daß er aufgekommen sei, -- und wartete am andern Tage auf ihren Jungen. Er mußte doch kommen?

Hinnik kam.

Erst zu Jan Siebert.

»Ick hebb di ok 'n poor Fisch mitbröcht,« sagte er und ließ eine Stiege Schollen aus dem Taschentuch springen.

»Weest, wat du verdeent hest,« grollte der Baas und sah ihn schief an. Heimlich freute er sich aber über den wetterbraunen jungen Kerl.

Der sagte keck: »Nee,« sprang aber zur Vorsicht rasch auf den Deich, denn er war nicht sicher, ob nicht doch ein Stück Holz geflogen kam.

»Büs ok seekrank wesen?« scholl es ihm freundlicher nach.

Er lachte.

»Keen Gedanke!«

Seine Mutter saß am Tisch und stützte den Kopf in die Hände.

Er warf zwei Goldstücke hin.

»Mien Verdeenst, Mudder,« sagte er stolz. Dann knüpfte er das Tuch auf und breitete seine Schätze aus: springlebendige Schollen, rote Muscheln, Seeäpfel und Seesterne und eine Handvoll Bernstein.

»Ick kann di seggen, up Bremerhoben is't fein, Mudder. -- Den Kaiser hebbt wi ok dropen, Mudder. He güng mit sien witte Jacht no Wilhelmshoben. -- Un up Nordernee sünd wi ok an Land wesen. Wi legen dor twee Dog för Wind.«

Er erzählte munter darauf los, ohne sich stören zu lassen. Schließlich guckte er sie aber doch an -- und da sah er, daß ihr die Tränen in den Augen standen.

»Wees man still, Mudder. Dat is nu mol so komen. Ick bün Fischer, lot mi man Fischer blieben.«

Sie war aufgestanden.

»In Gotts Nomen, Hinnik!«

Auf Helgoland.

Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Königshalle.

Aber es erging ihnen wunderlich.

Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er Schön-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, vergaß er der See und sang von ihren Augen.

Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er Schön-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, vergaß er der Sonne und sang von ihrem Haar.

Der dritte wollte von den weißen Möwen singen und sagen: aber als er Schön-Helgas weiße Hände sah, die so viel weißer waren, vergaß er der Möwen und sang von ihren Händen.

Als die Töne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen Wald um Mittag.

Da legte die Königin die Hände auf den jungen Scheitel und fragte leise und versonnen:

»Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?«

»Ja, Ahne.«

»Blond und blau ... so war auch ich ... als ich die Sonne noch *sehen* konnte.«

»Du siehst sie wieder und strahlender als je.«

»Das ist mein Glaube.«

Da reichte die blinde, gute Frau den Sängern die Hände und dankte ihnen.

Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen.

* * * * *

Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte sich der riesige, hohe Felsen mit dem grünen Scheitel und dem weißen Fuß.

Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an.

Eine kleine Kühlung aus Osten kräuselte das Wasser und ließ den Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen.

Die greise Königin saß gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun pflegte.

Schön-Helga stand neben ihr und ließ sich das Haar vom Winde kämmen.

Auf der Bank saß Herr Dietrich von Juist und schlief. Frühmorgens war er mit seinen Schaluppen herübergekreuzt, um Schön-Helga zu freien. Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn über Stag gehen lassen. Nun war er eingeschlafen.

»Ahne, schläfst du?«

Sie schüttelte leis den Kopf.

»Ich träume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das Gesicht wärmen. Ein Gruß von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinüberschlummern in das Sonnenland.«

»Du bist so gut und heilig, daß ich zu dir beten könnte.«

»Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein Auge?«

»Die helle Sonne auf dem grünen Gras und den Wind, der durch die Halme geht.«

»Das sieht es und die blaue See, die weißen Möwen, die helle Sonne. -- Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.«

»Das ist sie, Ahne.«

»Blinken und schimmern unsere geschnäbelten Schiffe groß und frei auf dem Wasser?«

»Die sind nicht da. Klaas fischt damit.«

»Mit meinen leuchtenden Königsschiffen? Klaas ist ein jämmerlicher Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich mit dem Schwert zu gürten, fiert er die Leine ab und wartet, bis ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeißt. Wartet geduldig -- und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem Kielwasser gesteuert, als wir südwärts segelten. Er fischt ... morgen geht er hin und bettelt.«

»Ahne, der fremde Priester kommt.«

»*Wieder*, willst du sagen.«

Mit feierlichen Schritten kam er daher.

»Königin, der Herr sendet mich wieder zu dir.«

Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne.

»Ein *Herr*? Hast du nicht von Jesus erzählt, einem milden, freundlichen Menschen, der still und verträumt im Morgenlande ging und segnete?«

»Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Sünde auf sich, auch deine, er öffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben und dich taufen lassen.«

Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen.

»Er wäre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern gehört hätte. Aber *so* ist er nicht für Helgoland. Hier lebt Odin, hier walten die Nornen. Hast du schon all die Länder bekehrt, die im Osten und Süden und Westen aus der See steigen, daß du das heilige Land betrittst?«

»Überall wenden sie sich von den Götzen ab, überall richten sie das Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken geläutet. Wenn du nicht blind wärst, Königin ...«

»Ich bin nicht blind, ich sehe, *seit* mein Auge sich trübte. Sieh: wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht das Haar aus der Stirn und stürmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind süß und lind, sie hören sich gut an, sie schläfern ein. Wer weiß, ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange aber, Winfried? Dann stehen eherne Sänger auf und wecken sie mit Riesenharfen, daß sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt ... Höre, wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewiß schlagen sie eine Schlacht.«

»Wer achtet dessen?«

»Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Büchern. Tu deine Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und über dir. Sogar ein Sperling weiß von ihm zu erzählen. Und die Sonne: ist er's nicht selbst, so licht, daß du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem Kinde tust, das tust du ihm.«

Er gab keine Antwort.

»Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie gehört. Seligkeit, Friede, Vergebung der Sünden: einem jungen, sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brächtest, Sonne und Kampf und Freude! Aber auch dann sagt' ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns ... Damit du nun nicht wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum. Ich laß es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag's tun, ich will es keinem wehren, aber den Felsen muß er verlassen. Der bleibt Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer über das dunkle, schweigende Meer ... Geh, du stehst mir in der Sonne.«

Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die Augen. Und als er sah, daß da einer nicht recht wollte, wie er sollte, rasselte *er* mit dem Schwert und knurrte.

Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu gehen.

Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wußte, daß die Königin so viel von Lachen und Freuen sprach.

Schön-Helga bekam er aber doch nicht.

»Eine Freude mußt du mir machen können, eine große Freude.«

Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe saß und sich hinunterfahren ließ. Das Gehen wurde ihm zu sauer.

* * * * *

Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand und von Gott erzählte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits. Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Göttern verdammt wenig, mochten sie heißen, wie sie wollten. Wie's kam, war's recht: war das Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein Schiff auf den Bänken.

Nur Klaas hörte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war für das Neue -- und da war etwas Neues. Er mußte der erste sein. Aber da rief Kai Rickmers: »Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der läßt es immer totstill werden. Da hört das Segeln auf: wir können rudern und schwitzen!«

Oben auf dem Felsen stand Schön-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie.

Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, daß jeder den Felsen verlassen müsse, der Christ werde.

»Habt ihr's gehört, Leute?« sagte Klaas laut.

»Was die Königin sagt, das gilt. Wer Christ wird, muß von Helgoland!« rief Kai.

»Muß von Helgoland!« hieß es ringsum.

Da mit einem Male sagte der Priester:

»Muß *den Felsen* verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand. Der ist für das Christentum. >Der Felsen< hat sie gesagt!«

Und er blickte frei um sich.

»Gesagt, aber nicht *gemeint*!« sagte Kai; aber die andern waren doch still. Daran hatte keiner gedacht.

»Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es ist Gottes Finger, der dich leitet,« mahnte der Fremde.

Klaas hatte große Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster drein.

Solchen Kunststücken fühlte er sich nicht gewachsen.

* * * * *

»Onne Jansen ist krank?« fragte die Königin eines Tages, als sie wieder in der Sonne saß. »Ich höre seinen Schritt nicht mehr.«

Kai Rickmers räusperte sich verlegen.

»Er hat sich taufen lassen.«

»Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?«

Kai hustete noch mehr.

»Er wohnt auf dem Sand.«

»Auf dem Sand?«

»Dem Unterland. Den Felsen mußt' er ja verlassen.«

»Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?«

»Der Priester hat es anders ausgelegt.«

»Ausgelegt.« Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: »Es hilft uns nicht, Kai. Er gewinnt. Nun weiß ich es. Wer *das* kann, kann alles.«

* * * * *

Es kam so.

Von Tag zu Tag mußte sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe, die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach verloren.

Es wurde oben stiller und stiller.

Die Königin saß immer noch im Sonnenschein, aber sie hörte kaum noch hin und fragte selten.

Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stieß einer hart mit dem Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es.

»Da hab ich gesucht und gegrübelt, Königin, dir eine Freude zu machen, bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Köln und hab gefragt und getan -- und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben unten am Strand kam es mir zupaß. Stand er da breitbeinig, der Mann im Weiberrock. Erzählt in einem fort, ich weiß nicht was. Aber als ich hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wäre auf falschem Wege gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wüßte. Er gibt nicht nach, -- umkehren, umkehren; da mußt' ich ihn still machen. Der sagt kein Wort mehr.«

Und er lachte.

Sie verzog keine Miene.

»Nein -- es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.«

»Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,« sagte er. »Sonst hätt' er meinetwegen leben bleiben können.«

Aber sie schüttelte den Kopf.

Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein.

Dietrich von Juist riß sein Schwert heraus.

»Versuch es mit mir,« rief Klaas. »Einen Unbewaffneten schlachten, ist keine Kunst.«

Schön-Helga schrie laut auf, aber die Königin riß sie hastig an sich.

»Still -- hier ist lange nicht gekämpft worden,« sagte sie mit verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und Schwirren.

Der Juister mußte dran glauben. Ächzend brach er zusammen und verröchelte auf dem Estrich.

Klaas ließ die Arme sinken und starrte düster zu Boden.

Eine tiefe Stille ging durch die Halle.

Endlich sagte die Königin:

»Du kannst also doch ein Schwert führen, Klaas! Ich hätt' es nicht gedacht.«

Da ging er mit hastigen Schritten hinaus.

* * * * *

Den dritten Tag war *er* es, der unter den Helgoländern stand und predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, daß sie sich um ihn drängten und taten, was er wollte. Sie ließen sich taufen.

Und Klaas vergaß des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er fand den Frieden.

Auch die letzten kamen vom Felsen.

Die Königin mußte alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief sie nach Schön-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite und hörte ihm zu.

Da wurde es ganz still um die greise Frau.

Nur Kai Rickmers blieb bei ihr.

* * * * *

Am Abend kam ein Wetter auf, große, graue Wolken schoben sich ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Königin auf der Höhe und horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel blähten sich auf. Und Schön-Helga war es, die im Königsboot am Mast stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah, wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und küßte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde ...

* * * * *

Als aber die Sonne schien, saß die Königin wieder still in den Strahlen. Die Sperlinge hüpften um sie her, und sie nickte ihnen freundlich zu. Und sie hört, wie am Strand die Möwen lärmen, und wie der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen über die Muscheln und Steine glucksen.

Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach den Helgoländern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach Schön-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch.

Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie weiß ihn nicht zu deuten.

Im hellen Sonnenschein schläft sie ein.

* * * * *

Trübe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgoländer, als erste Klaas und Schön-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt und gelacht.

Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche Grauen über sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise Königin säße im Sonnenschein und erzähle leise ihr Märchen von Freude und Licht und Sonne.

Die sieben Tannenbäume.

Weit ab von den Landstraßen und noch weiter von Dörfern und Höfen steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schäfer mit Hund und Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewöhnlich nur Krähen und Hasen auf ihm ihr Wesen.

Einst war's anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem Gipfel sieben Tannenbäume, so daß man meinen mochte, er hätte sich eine dunkelgrüne Mütze über die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste ein Zwerg, den sie das rote Männchen hießen, weil er immer in einem feuerroten Röcklein zutage kam. Ihm gehörten die sieben Tannenbäume, er hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte an manchem warmen Sommernachmittag aus der kühlen Tiefe des Berges Wasser getragen -- und freute sich nun, daß er sie so weit gebracht hatte, daß sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst mußten sie auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den Sand fest, daß seiner Höhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte, sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, daß es nicht durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, daß es ihm nicht zu heiß wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm, Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel. Wegweiser war der größte und höchste und wies dem roten Männchen den Weg, wenn es über Geest war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt, unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken tröpfelte. Sonnendach war breitgeästet und mußte das Männlein deshalb vor der brennenden Sonne beschützen. Windbeutel war besonders kräftig und stämmig; er stand an der äußersten Ecke und drängte den kalten, scharfen Ostwind beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: bei dem leisesten Windzug strich er mit den Nadeln über das dürre Gras und das Kraut, so daß eine herrliche Musik für Zwergenohren vernehmlich wurde, auch lud er Mücken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar eine Meise oder einen Finken: an Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte das Männlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis, ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum Stiefelknecht gemacht hatte, oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an ihm abgezogen hatte und davon die Krümmung herrührte. Spielvogel war noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit Wind und Sonne.

Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr, die Grillen starben, die Sonne saß hinter grauem Gewölk, kalt und feucht wurde es auf dem Berg und in den Tälern. Da verkroch sich das rote Männchen tief in seine Höhle, verstopfte den Eingang mit Moos und Steinen und wartete, daß die Sonne und der schöne Sommer wiederkommen sollten. Die sieben Tannenbäume ließ es in Wind und Wetter allein und quälte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, daß es morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln faßte, als zöge es ein Kind an den Füßen.

»Bäumchen mein: Sonnenschein?«

fragte es dann, und antwortete das Bäumchen wahrheitsgetreu:

»Zwerglein, nein!«

so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da riß es wieder an den Wurzeln, um zu wissen, was für Wetter sei -- und bekam mit einemmal keine Antwort mehr. Es zog stärker, ja es ließ sich an den Wurzeln baumeln, es fragte mit gräßlich lauter Stimme:

»Bäumchen mein: Sonnenschein?«

aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bißchen besorgt, stieß es die Tür auf -- o weh, wie erschrak es! -- alle sieben Tannenbäume waren verschwunden. Nur Stammstümpfe standen da -- der Berg war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Männchen umher, als wüßte es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hände zusammen, rief, fragte, weinte und grämte sich um seine Tannenbäume. Die Hasen kamen angehüpft und erzählten ihm von den großen Menschen, die gekommen wären, am hellen Mittag, und die Bäume abgesägt hätten; auf einen großen Wagen hätten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen weggefahren. Die Krähen kamen geflogen und wollten trösten. Aber das rote Männchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bäume wiederhaben. Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. »Du findest sie nicht,« sagten die Krähen, »die Welt ist zu groß.« Das Männlein jammerte wieder. Da nahmen die Krähen all ihren Verstand zusammen und dachten nach, wie sie ihm helfen könnten, und wirklich -- sie fanden es.